Keine Lust

Am Montagabend gewann der VfB Stuttgart gegen einen unmittelbaren Konkurrenten mit 3:1, und das war ziemlich schön. Neutrale Beobachter zogen den Hut, Fans, soziale Netzwerke und Medien überschlugen sich vor Begeisterung, rund um das Stadion blickte man in verzückte Gesichter, deren Strahlen man bisweilen auch tags darauf beim Bäcker oder im Büro noch erahnen konnte.

Und wie sie alle darüber redeten! Menschen, mit denen ich so gut wie nie über Fußball spreche, die vermutlich von meinem Interesse ebenso wenig wussten wie ich von ihrem, konnten nicht an sich halten, die Begeisterung platzte buchstäblich aus ihnen heraus, ob sie nun nur ferngesehen oder die gemeinschaftliche Freude im Stadion erlebt hatten.

Meensch, der VfB! Endlich! So hatten wir uns das von Anfang vorgestellt! Der Maxim, meine Fresse! Und Brekalo, dieses Büble, aber mit allen Wassern gewaschen. Fällt a bissle leicht, Jugo halt, woisch, und dann noch Asano, schnell wie d’Sau, kommt ja von Arsenal. Der Gintschek und sein Kollege, der Terodde, was für ein Sturm, da wäre in der Bundesliga so mancher froh, und die können ja auch richtig gut miteinander, und sie schwärmen und schwelgen, und fast erschrecken sie darob ein bisschen.

Aber, sagen sie dann, und jeden Tag ist es seither ein bisschen deutlicher zu vernehmen, noch ist ja nichts  … und auch am Montag hätte ja, wenn Union oder der Schiedsrichter  … hoffentlich heben Sie jetzt nicht … und wir kennen ja alle unsern VfB, Sie wissed scho, die haben schon so oft …

Ach, lasst mich doch in Ruhe! Ja, die Saison ist noch nicht zu Ende. Ja, da kann noch ne Menge schiefgehen. Aber ganz ehrlich: Ich werde es nicht verhindern können. Ob ich heute am Rad drehe, mir schon mal das Outfit für die Aufstiegsfeier zurechtlege und dem Chef sage, dass ich am 22. Mai keine Lust habe, vielleicht auch schon am 15. oder gar am 8., oder ob ich mich zur Ordnung rufe und mir für jeden überschwänglichen Satz den Mund mit Seife auswasche, ehe ich mich als Flagellant versuche, nun, es macht keinen Unterschied.

Kein Spieler, kein Trainer, niemand aus dem Funktionsteam wird wegen meiner Euphorie auch nur einen Hauch unkonzentrierter an die nächsten Aufgaben herangehen. Auch dann nicht, wenn es da draußen 50.000 andere wie mich gibt. Und wenn mein Stadionnachbar vom Uefa-Cup-Finale 2019 im Neckarstadion träumt, nun, dann sei es eben so. Maxim ist es egal. Brekalo auch, und Insúa erst recht.

Montag war toll, es folgen noch vier weitere Spiele in der zweiten Liga, auf die das Trainerteam die Spieler in aller gebotenen Ernsthaftigkeit vorbereiten und die diese Mannschaft dann mit hinreichendem Erfolg bestreiten wird, oder eben nicht, aber das hat dann nichts mit mir zu tun. Ich freue mich riesig auf diese Spiele, hoffe, wie es Fußballfans eben tun, auf ähnliche Auftritte wie am Montag, und am Ende steht der Aufstieg. Falls nicht, erfahre ich es noch früh genug. Aber Chef, am 22. Mai hab ich keine Lust.

 

 

 

danger

Als wir erstmals gemeinsam auf einem Fußballplatz standen, war ich elf Jahre alt, elfeinhalb, um genau zu sein. Er war ein wenig älter, gerade noch 13, vielleicht schon 14 – sein Geburtsdatum lag kurz nach dem Stichtag, im August vermutlich, vielleicht auch erst im September. Seine kräftige Statur fiel ins Auge, zudem war er recht groß, trug das Haar etwas länger, und der leichte Flaum, der bereits seine Oberlippe bedeckte, galt uns als Ausweis seiner Männlichkeit. Virilität kannten wir noch nicht. Dass seine Kumpels, und bald auch wir, ihn “danger” nannten, passte ins Bild, in sein eigenes vielleicht noch besser als in unseres. Dass dieser Heldenname nicht nur auf die von ihm ausgehende Gefahr hinwies, sondern auch mit seinem Familiennamen zu tun hatte, soll an dieser Stelle nicht weiter von Belang sein.

In der bevorstehenden Saison würden wir gemeinsam in der C-Jugend des Nachbardorfes – seines Heimatortes – spielen. Gewiss, der Altersunterschied war ein bisschen größer als vorgesehen, doch so war es eben bei uns auf dem Land: Es gab nicht genügend Kinder, um alle Jugendmannschaften abzudecken, schon gar nicht in jedem Ort; und so wurden meine drei Freunde und ich, wiewohl eigentlich noch D-jugendlich, in die dortige C-Jugend gesteckt. Dort zogen wir uns ganz achtbar aus der Affäre, und wäre ich jetzt bei meinen Eltern, so könnte ich die einzelnen Ergebnisse, Aufstellungen, Torschützen und natürlich die wöchentlich in der Lokalzeitung veröffentlichten Tabellen einer Kiste auf dem Dachboden entnehmen.

Dass danger bei den Aufzeichnungen zu den Torschützen ganz vorne rangierte, versteht sich von selbst. Wie gesagt, er war groß und kräftig, den meisten seiner Mit- und Gegenspieler körperlich deutlich überlegen. Zwar ging er nicht als Athlet im engeren Sinne durch; doch verstand er es in bemerkenswerter Art und Weise, sein Gesäß stets so zwischen Ball und Gegner zu bringen, dass er mit seinem linken Fuß relativ ungehindert zum Abschluss kam. Einem linken Fuß, in dem ein Huf sondergleichen steckte, wie ich vermutlich nicht explizit zu betonen brauche.

Die Spielzeit schlossen wir im vorderen Mittelfeld ab und belohnten uns kurz darauf mit der ersten Abschlussfahrt unseres, zumindest meines Fußballerlebens. Wir packten eine Handvoll Zelte auf unsere Räder in das Auto eines unserer Väter, radelten mit dem Trainer ein bisschen durch die Lande und verbrachten schließlich ein langes Wochenende in der Sommerfrische. Wie es sich für eine Fußballmannschaft gehört, hatten wir uns natürlich auch einen Gegner angelacht, mit dem wir uns vor Ort messen wollten.

Im Gegensatz zu uns lief die örtliche C-Jugend bereits mit der Mannschaft für die neue Saison auf, das heißt ohne ihre dangers und sonstigen alten Herren, was einerseits unsere Aussichten verbesserte, andererseits auch ein bisschen unangenehm war.

Und unangenehm wurde es in der Tat. Wir gewannen 9:0, die Tore erzielten danger, danger, danger, danger, danger, danger, danger, danger und schließlich danger. Ich selbst hatte zwei Torchancen, die erste bei 0:0, die zweite nach dem siebten oder achten Tor, und beide Male vergab ich kläglich. Ja, ich weiß das noch. Es war mir unglaublich peinlich. Ok, auch die zwei Chancen, vor allem aber die Gesamtsituation.

Dem Trainer ging es wohl ähnlich, was seinen Teil dazu beigetragen haben dürfte, dass er seine Verantwortung für die ihm anvertrauten Kinder an diesem Abend etwas ernster nahm und dort, wo er zuvor das eine oder andere Mal nicht ganz so genau hingesehen hatte, nunmehr Alkohol wie Nikotin streng auf den Index setzte. Danger und mich focht das nicht an – ich interessierte mich nicht dafür, er fand Mittel und Wege. Virilität, Coolnessfaktor, Sie wissen schon.

In den Folgejahren trennten sich unsere fußballerischen Wege wieder. Die Spielgemeinschaft wurde um einen weiteren Nachbarort erweitert, und so konnte jeder in der seinem Alter entsprechenden Jugendmannschaft spielen. Natürlich traf ich ihn dennoch regelmäßig, häufig auf irgendeinem Fußballplatz, kickend wie zusehend, gelegentlich im Schulbus, sommers öfter im Strandbad.

Irgendwann im nächsten oder übernächsten Sommer erzählte er beim Baden, dass er gerade mit einem Kumpel daheim im Garten zelte, ob ich nicht auch kommen wolle – war damals en vogue, hatte ich auch mit einigen meiner Freunde bereits gemacht. Meine Eltern fanden die Idee nicht ganz so prickelnd, zweieinhalb Jahre Altersunterschied sind in dieser Kohorte dann ja doch von Relevanz, ließen mich aber letztlich von dannen ziehen.

Bei der Ankunft wusste ich, was ich zu tun hatte: Zelt bewundern und beziehen, die dicke Luft im Zelt beklagen, kurz den Eltern guten Tag sagen. Äh. “Wieso willst Du denn meiner Mutter guten Tag sagen?” Vermutlich sagte ich etwas von Anstand und so gelernt und was weiß ich. “Na gut, da geht’s rein, dann links, in der Küche wird sie sein.” Ich also rein, guten Tag gesagt, ziemlich viele Fragezeichen in ihren Augen gesehen, wieder raus. Kurz danach wurde danger ins Haus gerufen, draußen hörte man ein paar lautere Gesprächsfetzen, wer das denn jetzt schon wieder sei und was das solle, und irgendwann kam mein Gastgeber so mittelviril wieder heraus.

Nee, nee, ich solle nicht gehen, meinte er, wie ich denn überhaupt auf die Idee komme, und dann kickten wir noch ein bisschen auf dem Bolzplatz um die Ecke, gingen zeitig zu Bett, uneins über die fragwürdige These, dass es ja wohl nicht so eine gute Idee gewesen sei, unbedingt guten Tag sagen zu wollen, und am nächsten Morgen machte ich mich doch eher zeitig auf dem Weg, um im wohlbehüteten Zuhause noch ein Frühstück abzubekommen.

In den nächsten Jahren trafen wir uns zunehmend seltener, unsere Interessen drifteten weiter auseinander, auch altersbedingt, aber es gab ja noch den Fußball. Andere fanden ihn irgendwann nicht mehr so spannend und beendeten ihre Karrieren in jungen Jahren, doch danger und ich blieben dabei, und als er im zweiten A-Jugend-Jahr, also unmittelbar vor dem Weg in den Erwachsenenfußball, weiterhin als Mittelstürmer auf dem Platz stand, war die Personaldecke meist recht dünn – also griff man auf B-Jugendliche zurück.

Und so hatte ich das Vergnügen, noch einmal eine Saison lang aus großer Nähe zuzusehen, wie er sein Gesäß zwischen Ball und Gegner und den Ball dann nicht selten ins Tor brachte. Die körperliche Überlegenheit war nicht mehr so ausgeprägt, die Fitness noch ein bisschen weniger, aber die Sache mit dem Torabschluss, die kann man ja nur bedingt lernen. Ich spielte auf der Zehn und kannte seine Vorlieben ganz gut, und so hatten wir eine letzte ziemlich schöne und torreiche Saison zusammen, die wir weit über unseren Möglichkeiten abschlossen.

Im Jahr darauf waren wir erstmals Gegner, als die aktiven Mannschaften unserer Dörfer in einem der seltenen Pflichtspiel-Derbys aufeinandertrafen – ich als jugendlicher Fan der einen, er auf der Bank der anderen. Die einen waren der erklärte Meisterschaftsfavorit, die anderen motiviert. Kurz vor Schluss wurde er beim Stand von 2:4 eingewechselt, jemand verkürzte, ich warnte, man müsse auf den danger aufpassen, aber er war ja grade erst aus der Jugend gekommen, was wollte er da mit seinem Gesäß anfangen gegen unsere gestandenen Verteidiger?

In der 89. gab es einen Freistoß aus halbrechter Position, ca. 20 Meter vor dem Tor, und natürlich kam, was kommen musste – der linke Huf, Sie wissen schon. Genau ins Kreuzeck. Ein Stürmer, der seine Freude ballackesk herausschrie, der dem scheinbar überlegenen Nachbarn einen Punkt entrissen und es seinem Trainer mal so richtig gezeigt hatte.

Leider dürfte das sein größter Moment als aktiver Spieler geblieben sein; später spielte er meist in der zweiten Mannschaft, unterste Liga, wechselte irgendwann noch den Verein, ebenfalls unterste Liga, dann verlor ich die Spur.

Ich selbst war in der Zwischenzeit weggezogen und nur noch seltener in der Gegend, und als ich ihn ein paar Jahre später bei einem Nacht-Fußballturnier auf der Tribüne sitzen sah, unterhielten wir uns kurz, ohne einander viel zu sagen zu haben. Ich frug ihn, wieso er nicht mitspiele, wiewohl offensichtlich war, dass sich sein körperlicher Gesamtzustand keineswegs verbessert hatte, er erzählte etwas von Verletzungen und keiner rechten Lust und wichtigeren Dingen. Er musste dann los, wir verabschiedeten uns, bis bald mal.

Das liegt 20 Jahre zurück, danach haben wir uns nie mehr getroffen. Ein- oder zweimal hörte ich von alten Bekannten noch etwas über ihn, er hatte sich die Hörner in mancherlei Hinsicht ein bisschen abgestoßen, später gründete er eine kleine Familie, Fußball spiele er wohl nicht mehr.

Neulich habe ich erfahren, dass er vor einigen Jahren einer heimtückischen Krankheit erlegen ist, und seither denke ich viel an damals, an danger, an seinen linken Huf und den Flaum auf der Oberlippe, an sein Lederarmband, an die anderen und wie es ihnen wohl so geht. Und ich hoffe, dass er vor seinem so verdammt frühen Tod einige schöne und zufriedene Jahre hatte.

Lieber Kevin Großkreutz,

es ist mir ein bisschen unangenehm, ein gleichsam franzjosefwagnereskes Format zu wählen, gerade angesichts des Umstands, dass sein Organ der Niedertracht auch in Ihrem Fall seinem Ruf gerecht zu werden scheint. Und es ist mir ein ganz kleines bisschen unangenehm, dass ich Ihrem Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden, je nach Lesart möglicherweise nicht nachkomme. Da es sich jedoch um einen dieser albernen offenen Briefe handelt, die der vorgebliche Adressat ohnehin nie zu lesen bekommen wird, kann ich mit Letzterem umgehen. Und Ersteres, nun ja – wo kämen wir denn hin, wenn wir denen ein ganzes Format überließen? Also, von vorn:

Lieber Kevin Großkreutz,

ich will der Wahrheit die Ehre geben und festhalten, dass ich Ihnen gegenüber nicht objektiv bin. Es ist bald sechs Jahre her, dass ich mich an dieser Stelle zum “Kevinismus” bekannt habe – nicht zu jenem Kevinismus, wohlgemerkt, der es für lustig hält, junge Leute ob ihres Vornamens schenkelklopfend zu kategorisieren und zu stigmatisieren, sondern zu einem positiven Kevinismus, einer Begeisterung sowohl für Ihre Art, Fußball zu spielen, als auch für die Überzeugung, mit der sie ihren Verein und mit der sie Fanperspektiven vertraten – und dieser Kevinismus steckt noch immer in mir.

Mir ist bewusst, dass in diesen sechs Jahren bei Ihnen eine Menge passiert ist, sportlich wie auch abseits des Spielfeldes, und nicht alles hat mir Freude bereitet. Sportlich verloren sie einerseits beim BVB zusehends an Boden und Status, trafen zudem eine Wechselentscheidung, die sich als unglücklich erwies; andererseits wurden Sie Weltmeister, und lassen Sie sich bloß nicht einreden, Sie seien ein Weltmeister zweiter Klasse! Neben dem Platz lief immer mal wieder etwas schief, nicht zuletzt im unmittelbaren zeitlichen Umfeld der Weltmeisterschaft, und obschon ich stets dafür plädierte, nicht alles auf die Goldwaage zu legen, junge Männer auch mal übers Ziel hinausschießen zu lassen, frug ich mich auch als Kevinist das eine oder andere Mal, ob sie nicht einen Moment länger hätten nachdenken und zu einem anderen Schluss kommen können.

Vor einem guten Jahr kamen Sie dann zum VfB, von vielen Unkenrufen und ebenso viel Vorfreude begleitet, und Sie können sich vorstellen, welches Gefühl bei mir nicht nur überwog, sondern die alleinige Stimmungslage darstellte.

In mancherlei Hinsicht erfüllten Sie meine hohen Erwartungen. Sie gingen voran, zeigten sich mutig, suchten die Nähe zu den Fans, waren gerade in einer Phase, die für den gesamten Verein eine Zerreißprobe darstellte, die im Übrigen noch lange nicht überwunden ist, ein immens wichtiges Bindeglied zwischen Mannschaft und Fans – wenn schon das Tischtuch zwischen Fans und Vereinsführung fast komplett zerschnitten schien.

Ihr rasches und deutliches Bekenntnis, mit dem VfB in die zweite Liga zu gehen, war beispielhaft, wenn auch leider nicht im erhofften Ausmaß Beispiel gebend, und hat Ihnen – genau wie Ihre Entscheidung, zu früh und noch zu verletzt auf den Platz zurückzukehren, um den Klassenerhalt zu sichern – viel Anerkennung eingebracht. Eine Anerkennung, von der ich glaube, dass Sie Ihnen wichtig ist, wichtiger als vielen anderen Fußballspielern, und wenn ich ehrlich bin, halte ich Anerkennung für einen zu schwachen Begriff. Es geht vielmehr darum, und mehr Pathos habe ich heute nicht zu bieten, in den Herzen der Fans zu sein.

Gewiss, Sie haben auch in der zweiten Liga eine Menge Geld verdient, und es wäre naiv zu glauben, dass der VfB so besonders wäre, dass Sie andernorts, wo auch immer ihr Weg Sie sonst hingeführt hätte, nicht auch eine ähnliche Bindung zu den jeweiligen Fans aufgebaut hätten. Sie interagieren mit den Fans, häufig bekommen Sie viel zurück. Manchmal kann man den Eindruck gewinnen, dass die Anerkennung, um zu diesem neutralen Begriff zurückzukehren, von Seiten der Fans in Ihrer Prioritätenliste möglicherweise einen Tick zu hoch angesiedelt ist. Das macht sie sympathisch, mir zumindest, aber ich zweifle, ob es Ihrem fußballerischen Fortkommen immer zugutekam.

Ich sagte zuvor, Sie hätten meine hohen Erwartungen in mancherlei Hinsicht erfüllt. In sportlicher Hinsicht war dem leider nur bedingt so. Ich sah sie ohnehin ungern als Rechtsverteidiger, einfach weil ich Sie noch aus Ihrer ersten Meistersaison vor Augen hatte, speziell damals, in Leverkusen, Sie wissen schon. Doch leider waren Sie nicht mehr auf diesem Niveau, und, nicht zu vergessen, Ihre Mitspieler auch nicht. Ich erinnere mich an eines Ihrer ersten Spiele im VfB-Trikot, als Sie von einem Ihrer Mitspieler in eine ganz akzeptable Schussposition gebracht wurden, dann aber nicht abschlossen, sondern noch einmal Ihren Mitspieler einzusetzen versuchten, und vor meinem geistigen Auge spritzte Lukasz Piszczek in diesen Ball, den er dann von der Grundlinie nach innen spielen würde, fein vollendet von Shinji Kagawa. Ihr Stuttgarter Mitspieler war indes stehen geblieben. Tja.

Gerne hätte ich Sie weiter vorne gesehen. Mit der nötigen Spritzigkeit, mit Tempo und Dynamik, mit der Torgefahr, die sie einst ausstrahlten und in Stuttgart nur selten zeigten. Ihr Körper schien mir nicht in dem Zustand, dessen es dafür bedurft hätte, und wie groß Ihr Anteil an dieser Situation war, vermag ich nicht zu beurteilen.

Es wäre mir eine Freude gewesen, Sie noch einmal in bestechender Form für den VfB spielen zu sehen, zunächst in der zweiten und bald auch wieder in der ersten Bundesliga, dazwischen als Feierbiest, doch es wird weder mir noch vor allem Ihnen vergönnt sein, dieses Szenario zu erleben.

Und ja, ich bin enttäuscht, dass Sie es anscheinend, Verzeihung, verkackt haben. Ich bin sauer, weil Sie eine Dummheit begangen haben, die das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen brachte, anstatt einen Moment länger darüber nachzudenken. Vielfach habe ich gehört und gelesen, der VfB Stuttgart habe keine andere Wahl gehabt, als sich von Ihnen zu trennen. Vielleicht ist das so. Ich weiß nicht, was Sie genau getan haben, habe nicht die Informationen, die diesen Leuten vermutlich vorliegen, doch offenbar gibt es mindestens einen Aspekt an der Geschichte, der die Vereinsführung bewog, den Stab über Sie zu brechen. Ich hatte mir das nicht vorstellen können und hoffe nur (für sie) bzw. befürchte (für Sie), dass es dafür valide Gründe gibt.

So sehr ich mir übrigens von meinem Verein Transparenz wünsche, so dankbar bin ich ihm aktuell, dass er uns an dieser Stelle mit Allgemeinplätzen abspeist und Sie zu schützen sucht.

Lieber Kevin Großkreutz, ich war tief beeindruckt von Ihrer Entscheidung, sich vor der versammelten Presse zu der Trennung zu äußern und nicht durch die Hintertür zu gehen. Wegducken ist Ihre Sache nicht, dafür zolle ich Ihnen hohen Respekt. Aber mein Respekt ist ebenso irrelevant wie mein Mitgefühl, wie die Tränen, die ich, wie so viele andere, bei Ihrem Abschied nicht zurückhalten konnte.

Vielmehr wünsche ich Ihnen, dass Sie bei denjenigen, die Sie um Entschuldigung gebeten haben, bei denjenigen, die auch lange nach dem VfB und lange nach dem Fußball noch um Sie herum sein sollen, Gehör finden und gemeinsam wieder in eine bessere Spur finden. Alles Gute dafür!

Betrübt,
Ihr

@heinzkamke

Pommes rot-dings

Vor mehr als fünf Jahren stand hier zu lesen, also virtuell hier, tatsächlich noch an etwas anderer Stelle, wie er so war, der erste Stadionbesuch mit meinem Erstgeborenen: “Hoffenheim, ey – typisch mein Alter!” Kurzfassung: gelungen. Der Stadionbesuch.

Zwischenzeitlich war er immer mal wieder dabei und dürfte mittlerweile auch das Alter jenes jungen Mannes überschritten haben, der sich dereinst in der alten Cannstatter Kurve ein paar Meter hinter uns regelmäßig mit einem lautstarken, wenn auch noch etwas piepsigen “Die Hände!” zu Wort meldete, angefeuert von den umstehenden Erwachsenen, und dabei im Lauf der Zeit zusehends heranwachsender gekleidet war. Kürzlich habe ich mich gefragt, ob ich wohl wissen möchte, was in der Zwischenzeit aus ihm geworden sein mag, ob er noch zur Schule geht, vielleicht eine Ausbildung begonnen hat, ob er weiterhin regelmäßig im Neckarstadion anzutreffen ist, vielleicht auch in zahlreichen anderen Stadien der Republik, und wo er möglicherweise in der Kurvenhierarchie angekommen ist.

Oder jene hübschen jungen Frauen, Mädchen eher, Zwillinge vermutlich, denen etwa zur selben Zeit das Interesse umstehender männlicher Teenager galt, neben dem Fußball, selbstredend, und die dieses Interesse dann zumindest in einem Fall auch eine Zeitlang erwiderten, was mir, der ich altersmäßig ihr Vater sein könnte, gerade bei diesem einen Typen in einer Art und Weise missfiel, die ich in wenigen Jahren, wenn meine eigenen Töchter ein bisschen älter sind, in potenzierter Form erfahren und erleiden werde. Mehr oder weniger still.

Besagte junge Damen sah ich vor einigen Monaten auf dem Weg zum Stadion in der Stadtbahn, nach wie vor mit Fanutensilien, nach wie vor mit männlichen Interessenten, und lächelte in mich hinein, wissend, dass das Wiedererkennen, oder auch nur das Erinnern, vielleicht gar das damalige Wahrnehmen, nicht auf Gegenseitigkeit beruhte.

Neulich, gegen Sandhausen, war ich wieder mit einer jungen Dame im Stadion – meiner älteren Tochter. Ob Sandhausen nun eine bessere Wahl ist als damals Hoffenheim, sollen die beiden jungen Leute dereinst unter sich ausmachen. Drei Punkte gab’s in beiden Fällen, und auch das Stadion war jeweils gut gefüllt, die Stimmung, das Erlebnis entsprechend. Eine glückliche Fügung führte gegen Sandhausen dazu, dass die Plätze unmittelbar vor uns leer blieben, sodass die junge Dame nicht gezwungen war, die ganze Zeit auf der wackligen Sitzfläche zu stehen, gestützt von ihrem zunehmend wackligen Vater, wie die tapferen Mitlesenden, die oben dem Link zum Hoffenheim-Spiel folgten, erahnen könnten; vielmehr stand sie lange Zeit auf dem Boden, saß gar phasenweise, den Oberkörper windend, um das Spielfeld zu sehen – was per se schon mal ziemlich gut war. Der Wille, das Spielfeld zu sehen, meine ich.

Die Fragen nach den Werbebanden, nach der Anzeigetafel oder gar nach der verbleibenden Spieldauer waren vergleichsweise selten, bis hin zu inexistent, Einwürfe der Kategorie “Oh, fast ein Tor für Sandhausen oder wie die heißen!” deutlich häufiger, häufiger auch als beim damals noch etwas jüngeren Bruder, wenn auch nicht immer vollends gerechtfertigt. Klar, die Trommler waren spannend, und überhaupt die kleine Sandhäuser Schar am anderen Ende des Stadions, deren Gesänge man naturgemäß nicht so gut verstand wie die der Leute um einen herum, auch wenn der Papa da gelegentlich Verständnishilfe geben musste durfte – weshalb es dann doch wieder sinnvoll war, auf die Sitzfläche zu steigen, um eine relativ kontinuierliche Kommunikation zu ermöglichen.

Apropos Kommunikation: Relativ früh hatte ich ihr zu verstehen gegeben, dass ein Toilettenbesuch aus logistischen Gründen möglichst vor oder nach der Pause erfolgen sollte. Das kluge Kind hielt sich daran, wir gingen nach einer guten halben Stunde, und was soll ich sagen?! Da war voll! Kein appetitliches Thema, ich weiß, aber wieso bildet sich während des laufenden Spiels eine Toilettenschlange? Interessieren die sich alle nicht für Fußball? Ich kann ja schon sehr schwer damit umgehen, dass Menschen während des laufenden Spiels Getränke und Speisen holen, aber da erkenne ich zumindest, dass es in der Pause möglicherweise ein hoffnungsloses Unterfangen ist, rechtzeitig zum Anpfiff wieder am Platz zu sein, aber so ein Toilettengang, mal ehrlich, ach, ich sollte das jetzt vielleicht nicht weiter ausführen.

Wo wir also schon mal draußen waren und unmittelbar neben der Verpflegungsstation standen, war es kein großes Ding, dem kindlichen Drang nach Pommes nachzugeben – auch vor dem Hintergrund, dass das Kind vor dem Spiel nichts gewollt, dann aber selbstverständlich Papas rote Wurst aufgegessen hatte. Tja. Nun also Pommes. Und natürlich lässt es sich ein Verein wie der VfB nicht nehmen, deren rot-weißes Element offensiv herauszuheben, was auch im Sinne von Tochter und Papa ist, die sich also mit den noch ungefärbten Pommes auf den Weg zur Dekoabteilung machen, um rotes Ketchup und, äh, wo ist denn die Mayonnaise, also, wie jetzt, goldgelben Senf draufzugeben? Göttinger Gruppe, anyone?

Aber was hat sie sich gefreut, als das 2:1 fiel. Gewiss, sie hatte keine andere Wahl, Ekstase allerorten, Simon Terodde Fußballgott, Sie wissen schon, Carlos Mané gleich noch dazu, und hinterher vertraute sie mir an, sie habe heute den schönsten Tag des Jahres erlebt. Und nun kommen Sie mir nicht mit dem Datum, mein Herz ging auf und ist es noch, und beim nächsten Mal möchte sie aber auch ihren Bruder dabei haben und hach.

Sandhausen war also durch, der Aufstieg aus meiner Sicht ja ohnehin längst in trockenen Tüchern, und so ließ ich meinen Vater telefonisch wissen, dass der VfB, so man in Heidenheim gewönne, nicht nur definitiv aufsteige, sondern auch Meister werde. Was dann ja auch souverän gelang, also das Gewinnen, und dass die angebliche Souveränität auch mit dem russischen Streamanbieter zusammenhängen mag, der mich die letzten paar Minuten vom Spiel ausgeschlossen hat, will ich gar nicht abstreiten in Betracht ziehen.

Und so kommt es also, wie wir alle seit Jahrzehnten gesagt haben, und sogar noch besser: Nicht nur 84-92-07-17, nein, dank der neuen Situation können wir auch noch die 77 und damit eine weitere Dekade vereinnahmen, Sie wissen schon, damals, als man im letzten Spiel nur deshalb kein Tor mehr schoss, um die glatte 100 zu sichern.

Was ich geraucht habe? Sie müssen mich verwechseln. Geraucht hat der DFB, der im Jahre 2017 glaubt, Carlo Ancelotti wegen eines ausgestreckten Mittelfingers zur Räson bringen zu müssen. Entsetzlich! Überhaupt herrscht dieser Tage in der Fußballwelt reichlich Entsetzen. Beim DFB, wie gesagt, über Herrn Ancelottis Fingerfertigkeit, bei Menschen mit einem besonderen Gespür für Benachteiligungen über den Bayern-Bonus und bei Twitter über Timo Werner. Gut, dass sich die junge Stadiongängerin nicht für sowas interessiert.

Kenn ich nicht

Heute ist Deadline Day. Was für ein fürchterlicher Begriff. Im Deutschen sowieso, aber auch bereits in der Originalsprache. Deadline. Gar so wichtig sind Fristen in der Regel ja eher nicht.

Für den VfB Stuttgart war eben dieser Tag kein ganz unwichtiger, und möglicherweise auch kein ganz schlechter: Einigen gegensätzlichen Aussagen zum Trotz waren die Verantwortlichen keineswegs bereit, die Rückrunde der laufenden und auf absehbare Zeit hoffentlich einzigen Zweitligasaison ohne die eine oder andere Ergänzung des Spielerkaders in Angriff zu nehmen, und so gewann man drei junge Männer hinzu, deren Namen ich noch immer nachschlagen müsste. Aber Sie kennen sich ja aus.

Von besagten drei Namen konnte ich einen – der junge Mann sei eines der größeren Talente im europäischen Fußball – ganz grob zuordnen, will sagen: ich hatte ihn schon gehört; der zweite war mir in den letzten zwei oder drei Tagen gelegentlich im Zusammenhang mit dem VfB, und nur mit dem VfB, untergekommen, und dem dritten begegnete ich definitiv zum ersten Mal.

Nun spricht die Tatsache, dass ich die drei Herren nicht kannte, zweifellos nicht gegen sie, und, dies mag schon ein bisschen eher überraschen, sie spricht auch nicht zwingend für sie. Dies gilt analog für den Umstand, dass alle drei Verpflichtungen – in einem Fall handelt es sich um ein Leihgeschäft – in zwei Fällen völlig, im dritten nahezu geräuschlos vonstatten gingen. Nur weil Jan Schindelmeiser den Deckel bis zuletzt draufgehalten hat, handelt es sich nicht per se um Sensationstransfers. Oder, andersherum, bei den drei Herren um Lappen. Hier könnte ein Satz von Adi Preißler stehen.

Nun sitze ich also hier und rede total abgeklärt daher, und bloß nicht überbewerten und kein Shindy-Gefeier (oder Gefire, wenn ich das recht verstanden habe), und dabei platze ich doch eigentlich schon wieder vor Euphorie, bloß weil der Sportdirektor wiederum, und wiederum ist in diesem Kontext kein ganz unwichtiges Wort, ohne großes Gewese drei Kaninchen aus dem Hut gezaubert hat, und dann denkt man schon au kurz an jene Trainer, bei denen sich der Wunsch, mit ihren Aufstellungen oder auch Nominierungen zu überraschen, mitunter ein wenig verselbständige, um das böse Wort vom Selbstzweck zu vermeiden, und natürlich verwirft man diesen Gedanken sofort wieder und kehrt zurück zur Euphorie, hey, drei Transfers am letzten Tag, keiner hat sie so kommen sehen, und jung sind sie, und talentiert, und mit ersten Meriten und natürlich bestens ausgebildet, und wieso eigentlich erst am letzten Tag, aber gut, muss wohl so, und schon sind wir gedanklich bei Fredi Bobic, aber jetzt wollen wir dann doch nicht überziehen, ne?

Und Abbitte möchte ich leisten. Wie konnte ich in Erwägung ziehen, die sportliche Leitung sei bereit, ohne ernsthaften Backup für Emiliano Insúa – womöglich gar Konkurrenz? – auskommen zu wollen? Zumindest scheint Kollege Scrooge – was bin ich doch albern – auch mit diesem Hintergedanken verpflichtet worden zu sein.

Betrachtet man zudem die Profile der anderen beiden jungen Männer, so wurden wohl die drängendsten Positionen in Angriff genommen, einen Hauch von Kür eingeschlossen. Ob dann auch die Auswahl der Spieler passt, wird uns zu gegebener Zeit Adi Preißler sagen können.

 

Eventfan

Am vergangenen Wochenende hat die eine Bundesliga den Spielbetrieb wieder aufgenommen. Eine Bundesliga, die mich derzeit nicht so sehr in ihren Bann zieht wie in früheren Zeiten – im Grunde schon seit bekannt wurde, dass sich der VfB Stuttgart ausbedungen hat, dieses Jahr in der anderen Bundesliga zu spielen, die erst eine Woche später in das Geschehen einsteigt und die für uns Interessierte den Vorteil hat, dass deutlich mehr Spiele in voller Länge im frei empfangbaren Fernsehen übertragen werden.

Am vergangenen Wochenende lag der mediale Fokus indes auf der anderen, also der einen Bundesliga, was sich auch in einem in voller Länge im frei empfangbaren Fernsehen übertragenen Spiel niederschlug: Der SC Freiburg erwartete den favorisierten FC Bayern München, stellte diesen phasenweise vor große Schwierigkeiten, um dann doch erwartungsgemäß zu verlieren, während ich versuchte, einen Schritt aus mir herauszutreten und das Fortschreiten meiner Eventfanwerdung zu beobachten.

Ein schönes Spiel der Freiburger, phasenweise, ein Kitzeln des Topfavoriten, wenn auch nicht immer mit der vielleicht nötigen Überzeugung, um das Kitzeln zum Schlagen werden zu lassen, und ein, ich weiß nicht recht, wie ich es sagen soll, nun, vielleicht so: ein einfallsloses Spiel der Münchner, das allerdings durch eine überaus bemerkenswerte und mit dem nötigen Glück versehene Aktion von Robert Lewandowski ein sehr spätes siegreiches Ende fand. Was mich ob meiner Sympathien für den Sportclub und insbesondere für Herrn Streich doch ziemlich schmerzte.

Hernach hörte und las man Diskussionen über Duselbayern auf der einen und einen vielmehr folgerichtig erzwungenen Sieg auf der anderen Seite. Persönlich tue ich mich insofern etwas schwer mit der letztgenannten Argumentation, als der unmittelbare Druck auf das Freiburger Tor, der in echten, klaren Torchancen zum Ausdruck kommt, im Grunde nicht gegeben war. Dominanz beinhaltet per se keine Torgefahr, insofern empfand ich das Spiel wenig zwingend und den Sieg, bei aller Brillanz des, vielleicht der Beteiligten, als durch etwas Glück bedingt. Ein Glück, von dem man mittlerweile vielerorts glaubt, so auch hier, dass der FC Bayern München seiner gegen den SC Freiburg nicht mehr bedürfe. Der Arbeitssieg ist nicht mehr so recht vorgesehen.

Worüber ich ein bisschen mit mir hadere. Weil ich eine eventbezogene Erwartungshaltung erahne: Wenn ich schon den Bayern bei einem Spiel zusehe, das sie am Ende ja doch gewinnen, dann sollen sie doch bitte auch ein Spektakel bieten. Verwirrende, schnelle Angriffe, technische Finesse, taktische Winkelzüge, und eben Torchancen. Will sagen: Das, was sie in den vergangenen Jahren so oft und so eindrucksvoll getan haben. Will sagen: Vielleicht trauere ich Herrn Guardiola nach.

Herrn Guardiola, der ziemlich viele Spiele zu einem Erlebnis machte, auch und gerade für den neutralen Zuschauer. Bei dem es Erquickliches, Spannendes, Aufregendes zu sehen gab, auch wenn der eine oder die andere nicht mehr als brotloses Tiqui-taca (sagt das noch jemand?), das es zweifellos auch gibt, darin gesehen hat. Wo war ich? Ach ja, Erquickliches, Aufregendes, Sie wissen schon, einfach etwas anderes als am vergangenen Freitag bis zur 90. Minute. Fußball, der ein Ereignis sein kann und überdurchschnittlich oft ist. Ich bin ein Eventfan.

Ja, mir ist klar, dass man daraus einen Widerspruch konstruieren kann zu meinem Mantra, der Fußball sei ein Ergebnissport, es gebe keine B-Noten und die bessere Mannschaft sei immer die, die mehr Tore erzielt. Was denn jetzt? Ergebnissport oder Spektakel? Nun, das ist einfach: Vom Herzensverein wünsche ich mir Ergebnisse, von manch anderem Verein auch, je nach Konstellation, und darüber hinaus erhoffe ich mir, nun, kein Spektakel, aber doch Sehenswertes.

Und da ist es halt schade, dass das Spiel des FC Bayern für mich, der ich gewiss nicht alle taktischen Kniffe im Detail durchschaue, vielleicht aber den einen oder anderen, und der ich diesem FC Bayern in den vergangenen Jahren öfter mal mit weit geöffnetem und sich kaum mehr schließendem Mund zugesehen habe, dass also dieses Spiel des FC Bayern München vergleichsweise weniger Überzeugendes, weniger Begeisterndes, weniger Verzückendes bereithält. Weniger Event. Nein, weniger Guardiola.

Dass seine ehemalige Mannschaft mit ihrem neuen Übungsleiter möglicherweise erfolgreicher sein wird als mit ihm, ist denkbar. Dann soll es so sein. Und dann werden die Anhänger des Vereins völlig zu Recht und mit meiner uneingeschränkten Zustimmung darauf verweisen, dass Fußball ein Ergebnissport und die bessere Mannschaft in jedem einzelnen Spiel diejenige sei, die mehr Tore erzielt, oder die im vorliegenden Fall über die Zeit mehr und bedeutendere Titel holt. Mit meinem Spaß beim Zuschauen hat das nur sehr bedingt zu tun.

Wenn indes am Wochenende die andere Bundesliga beginnt, die, für die sich der VfB entschieden hat, ist das eventartige bestenfallsGuardioSC Freib dritt- oder viertrangig. Ergebnissport. Mit den Punkten kommt auch die Verzückung – ob der Aussicht, ab dem Spätsommer wieder in der anderen, der einen Bundesliga zu spielen. Darüber durfte ich übrigens drüben bei Rund um den Brustring dieser Tage ein bisschen reden, wenn wir gerade dabei sind. Sehr kurz zusammengefasst: Zweite Liga gut und schön, aber mit einigen Details will ich mich wegen der paar Monate nicht befassen. Hüstel.

 

 

 

 

 

No rage, no running. But still …

Öhm? Englisch? Und überhaupt? Running? Rage? Nee, nee. Nur eine Reverenz.

Das ging dann ja doch ein bisschen rasch, irgendwie. Der Advent kam, mit ihm wieder mal ein Kalender und ganz nebenbei ein neues Blog. Der Name ist geblieben, die alten Texte sind es auch, die Blogroll ist verschollen, kommt aber bestimmt wieder. Die Adresse hat sich ein bisschen verändert, die Optik deutlich, ohne dass ich so genau sagen könnte, was weshalb wie aussieht und wie es sich wie ändern ließe.

Der Adventskalender hat mir auch in diesem Jahr großen Spaß bereitet. Dies gilt  erfreulicherweise auch für eine in ihrer Größe nicht so genau einzuschätzende Gruppe, die vermutlich eine gewisse Affinität für sportgeschichtliche Ausflüge oder für Reimereien oder für Rätsel oder für Teile davon oder auch für alles miteinander eint. Ich war versucht, von einem Nischenpublikum zu reden, was aber selbstredend völliger Unsinn ist: Sie sind alles andere als ein bloßes Publikum, sondern vielmehr ganz entscheidender Bestandteil der “Show”, also dessen, woran ich so große Freude hatte.

Und weil eben dieser Adventskalender dann doch nicht nur eine gewisse Aufmerksamkeit inhaltlicher Art erfahren, sondern zudem einige Leute hierher geführt hat, die sich zuvor selten bis gar nicht in mein Blog verirrt hatten, spielten der Umzug und das neue Äußere kaum eine Rolle. Geschickt eingefädelt, so wurde ich weder in Diskussionen über Schriftgrößen und -farben verwickelt, noch musste ich mir Antworten auf die Frage nach dem Warum aus den Fingern saugen.

Doch wie das halt so ist: Die Frage stellte sich trotzdem. Will sagen: Ich stellte sie. Wieso bin ich mit meinem darbenden Blog umgezogen, weshalb habe ich mich gar im Rahmen meiner Möglichkeiten mit gestalterischen Fragen befasst, warum den Aufwand betrieben? Für ein Blog, das – so ehrlich muss man mit Blick auf das abgelaufene Jahr sein, so gnadenlos ehrlich sind die fabulösen Herren vom Vertikalpass dankenswerterweise auch gewesen – kaum mehr als einen Adventskalenderblogger beherbergt?

Nun, ich weiß es nicht. Vielleicht war es das Bestreben, dann doch wenigstens dem Adventskalender ein neues Kleid zu kredenzen, vielleicht der Wunsch, in höherem Maße Herr über die eigenen Daten (hier: Texte) zu sein, ganz sicher steckt zum Teil das Ansinnen dahinter, die hinter meinem Rücken außerhalb meiner Kontrolle durch WordPress platzierte Werbung loszuwerden, und vielleicht, ganz vielleicht ist es einfach nur ein letztes Aufbäumen. Sie kennen das: Die Beziehung siecht so ein bisschen dahin: Heiraten? Kind? Neues Kleid? Ok, Letzteres.

Vielleicht, ganz vielleicht wird dieses Blog ja doch noch einmal regelmäßiger befüllt. Vielleicht werden ja auch diese (oder gar jene) Fünfzeiler irgendwie eingegliedert, das neue Gewand ist schließlich recht großzügig geschnitten. Modular, quasi. Und möglicherweise geht’s einfach öfter mal wieder um was anderes. Nicht nur um den VfB Fußball Fünfzeiler und Sonette, sondern einfach um Dinge, die mir grade so im Kopf rumschwirren, die ich, hüstel, angedacht habe, ohne weitergekommen zu sein, Sie wissen schon, damals. Der Herr @_catenaccio macht das übrigens auch grade, gefällt mir. Und ich habe auch noch im Ohr, wie er mir vor einiger Zeit sagte, besser: schrieb, dass mein Blog seinem Namen früher auch mehr Ehre gemacht habe, oder so ähnlich. Und das wesentlich freundlicher, als es in meinen Worten klingen mag.

Ganz aktuell schwirrt mir zum Beispiel die Frage im Kopf herum, ob ich schon heute wieder anfangen soll zu twittern, oder erst morgen, oder in ein paar Tagen. Grade im Advent war es doch ein bisschen viel, und so zog ich mich unmittelbar nach Weihnachten erst einmal zurück – aus meiner besten, schnellsten, wichtigsten Informations- und häufig auch Inspirationsquelle. Ok, gelegentlich schaute ich rein, still, mehr oder weniger, mit gelegentlichen Herzchen als Lesenszeichen.

Dass der Beginn der Abstinenz just mit dem Start der Abstimmung über den Austragungsort des diesjährigen #tkdingens (mir geht der andere Begriff so schwer über die Finger) zusammenfiel, war eher kein Zufall. Den sich über Monate in Zyklen aufschaukelnden Wahlkampf empfand ich im besten Fall als ermüdend, in jedem als unnötig. Aber ich mag ja auch den Vergabeprozess vergleichbarer Großereignisse nicht, man denke an (nicht nur Fußball-) Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele und ihre Anforderungskataloge.

Dass ich dann auch nicht abgestimmt habe, mag mich bei Trainer Baade und dem Team des @tkschlaendle ein wenig in Misskredit bringen, aber nun gut. Meinetwegen könnte man den nächsten Austragungsort während des sonntäglichen #tkdingens-Katerfrühstücks über einer Deutschlandkarte auspendeln, oder das Los ebenda zwischen all jenen Orten entscheiden lassen, die Interesse signalisiert haben. Und wenn das Ergebnis lautete, dass wir zweieinhalb Tage lang in einer schäbigen Eckkneipe in Itzehoe, in Königsmünster oder Berlin miteinander reden sollen, hätte ich halt dort meinen Spaß mit vielen wunderbaren Leuten aus meiner Timeline, oder auch noch nicht aus meiner Timeline. Nun aber: München. Schön.

Einige wenige Male hatte ich in den letzten Tagen schon die Hand am Tweet. Die Gründe und Anlässe waren sehr unterschiedlicher Art, und in einem Fall schickte ich dann zumindest eine Direktnachricht, weil ich mich nicht nur dringend irgendwie artikulieren musste, sondern auch noch Verständnis ernten wollte, was im Kreis der mit mir Urlaubenden wesentlich ausführlicherer Erläuterungen als jener vier Worte bedurft hätte, die den Kern meiner Nachricht an @sport_thies ausmachten: “Ashton Eaton? Ashton Eaton!”

Womit ich doch schon wieder beim Adventskalender wäre. Weil Herr Thies dort stellenweise versagt hat. Weil ich mich dort etwas intensiver mit dem Mehrkampf befasst hatte, einige werden sich erinnern: André Niklaus, Bryan Clay und Sabine Braun versteckten sich hinter je einem halben Türchen, Sabine Everts, Torsten Voss und Christian Schenk waren ebenfalls in der engeren Wahl gewesen. Und natürlich sah ich mir ein paar andere große Athletinnen und Athleten an, Daley Thompson natürlich, Jackie Joyner-Kersee, Dan O’Brien, Erki Nool, Ghada Shouaa, die Tschechen um die Jahrtausendwende, die begeisternde Carolina Klüft.

Und am Ende blieb immer die Selbstverständlichkeit, die von Ashton Eaton ausgeht, jene Selbstverständlichkeit, mit der er ein gutes halbes Jahrzehnt lang wahrlich alles gewann, die Leichtigkeit, die Abwesenheit prätentiösen Gehabes – auch wenn diese, um der Wahrheit die Ehre zu geben, im Mehrkampf gewiss kein Alleinstellungsmerkmal ist. Ich wollte, dass das immer so weitergeht. Verlässlichkeit, Sie wissen schon. Küchenpsychologie, Ihr Einsatz! Und überhaupt: 45.00 über die 400! In einem Zehnkampf! Der letzte deutsche Spezialist unter 45 war Ingo Schultz, danach müssen wir in die 80er zurück, zu Schönlebe, Skamrahl, Weber et al.

Verzeihung, ich ließ mich ein bisschen mitreißen. Der Urlaub wirkt nach. Schön war’s. Wenig Schnee, viel Familie, auch viel leichte Lektüre. Erstmals las ich ein Buch von Sebastian Fitzek, einen geschenkten Gaul, sozusagen. Es mag an dem speziellen Werk gelegen haben, sein jüngstes, wenn ich nicht irre, aber aus eigenem Antrieb werde ich in absehbarer Zeit eher keines erwerben. Ein paar andere Sachen waren nicht der Rede wert; eine Menge Freude hatte ich indes zu meiner nennenswerten Überraschung mit und an Marc Hofmanns „Alles kann warten“, das eigentlich ziemlich viele Komponenten enthält, die mich im Regelfall abschrecken (Männer, die nicht erwachsen werden wollen; die Beschreibung ihrer Vertrautheit, die eigentlich nur im echten Leben funktioniert; fortwährende Musikzitate; etc. …), und wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, ich möchte mich zügig dem jüngsten Werk von Adrian McKinty widmen, das seit einigen Tagen unberührt auf meinen Lesegerät bereitliegt.

vierundzwanzig/zwanzigsechzehn

Der freie Mann verlor dereinst sein Haar.
Ein andrer war ein Ochs in Dopingfragen.
Dann er, mehr stich- als hiebfest, sozusagen.
Olympiabronze. Ditte dann als Paar.

Europa, Scheibe, Silber, dieses Jahr.
Ein kalter Kriegsheld, grob in 50 Tagen.
Oft sah man ihn kopfüber Scheren schlagen.
Die Ruhe selbst – drum war er Letzter, klar.

Der Goldnen acht, in Silber hat sie vier.
Er ist mit nackten Fingern stets gestartet.
In seinem kurzen Leben fehlt die Kür.

Das ist jetzt doch ein bisschen ausgeartet.
Wer will sich schon mit elf … ach, ab dafür –
ein Spaß, solang‘ man heut aufs Christkind wartet.

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Heiligabend. Ich weiß nicht, wann ich dazu komme, die heutige Lösung kurz hier auszubreiten (morgen, vermutlich), und ich weiß erst recht nicht, wer von Euch regelmäßig oder auch nur sporadisch hier Mitlesenden oder Mitschreibenden seiner- oder ihrerseits in den nächsten Tagen nochmal hier reinschaut, drum sag ich es jetzt, mit maximalem Pathos in der Stimme, versteht sich:
Danke. War schön.

Und vor allem, diesmal ohne Pathos: Frohe, vielleicht besinnliche Weihnachten und einen fabelhaften Start in ein neues Jahr, das in vielerlei Hinsicht besser sein möge als das alte!

Besondere Grüße entbiete ich den enttäuschten Fans all derjenigen Kandidaten aus meiner Shortlist, die es letztlich doch nicht hinter eine Tür geschafft haben. Beispielhaft seien genannt: Peter und Tobias Angerer, Karin und Oliver-Sven Buder, Jacky und Pierre Durand (Ein schmerzhafter Verzicht. Zu viele Radfahrer im Kalender.), Sabine und Stefan Everts, Chris und Peter Fleming, Andrew und Chris Hoy, Anja und Anke Huber, Michael und Robert Hübner, Amelie und Birgit Kober, Annemarie (la Pröll) und Francesco Moser, Alexander und Heinrich Popow, Michael bzw. Uli und Reinhold Roth, Rainer und Ulla Salzgeber, Christian und Ard Schenk, Gerd und Rainer Schönfelder, Jimmy und Matthias Steiner (Walter noch dazu), Frank und Jan Ullrich, Carina und Miriam Vogt, und … und … und …

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Hintergründe zum Kalender.
Über Kommentare zu den Sportler_innen und ihren Sportarten würde ich mich freuen. Sie blieben aber zunächst verborgen. Spannung und so.
(Falls ich es technisch hinbekommen habe.)

dreiundzwanzig/zwanzigsechzehn

Ob jemand seine Namensbase hasst?
Vielleicht steht man karrierelang im Schatten –
dies Schicksal kann die stärkste Frau ermatten.
Zumal sie (welches?) Blut entnehmen lasst.

Ihr Gegenstück, Sie haben es erfasst
(es trifft auch deren prominenten Gatten),
ist jemand – und da gibt es kaum Debatten –
bei der fast jede(r) im Vergleich erblasst.

Die eine läuft um Gold, mit großen Schritten.
Die andere umläuft, spielt alle her.
Zudem ham sie sich zeitlich überschnitten.

Das macht es für die eine doppelt schwer;
bestimmt hat sie im Kämmerlein gelitten:
“Ach wenn’s bloß der Familienname wär!”

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Hintergründe zum Kalender.
Über Kommentare zu den Sportler_innen und ihren Sportarten würde ich mich freuen. Sie blieben aber zunächst verborgen. Spannung und so.
(Falls ich es technisch hinbekommen habe.)

zweiundzwanzig/zwanzigsechzehn

Hat seinen Sport – so’s bisschen halt – erneuert.
Mit: Haltung. Anmut. Toller. Eleganz.
Als bitte er das Publikum zum Tanz.
Es schmolz dahin, hat Liebe ihm beteuert.

Von andern wurd’ er widerlich befeuert:
Das Outing durch den Hort der Intriganz –
es perlte ab am dreifach goldnen Glanz.
Ich hoff, die ZEITUNG war recht angesäuert.

Der Namensvetter musste sich einst plagen:
Zu klein! Zu schmächtig! Und manch andern Quark
erzählten die, die heute wertvollst sagen.

Sein Körper ist noch immer nicht so stark,
doch trifft er weiterhin aus allen Lagen.
Im Hintergrund singt leis Petula Clark.

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Hintergründe zum Kalender.
Über Kommentare zu den Sportler_innen und ihren Sportarten würde ich mich freuen. Sie blieben aber zunächst verborgen. Spannung und so.
(Falls ich es technisch hinbekommen habe.)