Rechtsaußen. Eine Erinnerung.

Im Grunde musste ich froh sein, überhaupt einen Platz in der Mannschaft bekommen zu haben. Die Positionen in der Mitte, wo ich mich etwas stärker sah, relativ gesehen, waren an andere vergeben – zu Recht. De facto hätte ich mich nicht einmal beschweren können, wäre ich ganz außen vor gewesen, aber wir hatten ein paar Mangelpositionen. Also tat ich, wie mir geheißen, und tummelte ich mich am rechten Spielfeldrand.

In der Abwehr machte ich meine Sache dann auch ganz gut, agierte diszipliniert und verlässlich, erwartungsgemäß, würde ich unbescheiden hinzufügen. Nach vorne sah die Sache ein bisschen anders aus. In gewissen Situationen war es ganz in Ordnung. So zum Beispiel bei rasch vorgetragenen Angriffen. Gegen die unsortierte Abwehr konnte ich außen durchbrechen, zum Teil nach innen ziehen, und kam zum Abschluss, gelegentlich auch erfolgreich. Oder wenn die Strategen in der Mitte so viele Abwehrspieler auf sich zogen, dass sie mich wunderbar freispielen konnten und ich, genau, außen zum Abschluss kam, gelegentlich auch erfolgreich. Querpässe vor dem Tor waren eher nicht gefragt.

Schwieriger wurde es immer dann, wenn die Abwehr formiert war. Oder was heißt schwierig? Ich tat halt, was mir mein halbrechter Nebenmann, unser bester und erfahrenster Spieler, angeraten hatte: „Wir lassen den Ball ein bisschen kreisen. Du bekommst ihn von mir und spielst ihn mir dann wieder zurück. Mir. Keinen auslassen. Wir finden dann schon die Lücken.“ Daran hielt ich mich. In jedem verdammten Spiel. In seltenen Fällen tat sich die Lücke bei mir auf, wenn, wir erinnern uns, die Strategen in der Mitte so viele Abwehrspieler auf sich zogen, dass sie mich wunderbar freispielen konnten und ich außen zum Abschluss kam, gelegentlich auch erfolgreich.

Dem Übungsleiter gefiel das nicht. Irgendwann unterbrach er eine Einheit, kam auf mich zu und sagte sinngemäß: „Heinz, ich weiß ja, dass Dir da außen das Eins-gegen-eins ein bisschen schwerfällt. Aber Du solltest wenigstens hin und wieder mal so tun, als wolltest Du selbst was versuchen. Allein die Drohung erschwert dem Gegenspieler das Verteidigen.“

Und so drohte ich fürderhin mehr schlecht als recht. In ganz seltenen Fällen wagte ich mich tatsächlich an eine Finte, in noch selteneren Fällen ging ich vorbei, und im Idealfall sprang ich nicht nur vor dem Kreis ab, sondern traf auch noch.

Wie gesagt: äußerst selten. Es lag halt nicht in meiner Natur, und Veränderungen hätten großen Aufwands bedurft. Dass wir aber als Favoriten das Schulturnier nicht gewannen, lag nur sehr bedingt an mir.

 

Schlauchkleid mit Hut

Man sollte sich ja viel öfter verkleiden. Hab ich das grade wirklich gesagt? Man solle sich öfter verkleiden? Dann muss ich wohl unter dem Einfluss alter Fotografien gestanden haben, die mir jüngst beim Aufräumen in die Hände fielen. Bilder aus Zeiten, in denen man sich noch etwas mutiger kleiden konnte. In meinem Fall zum Beispiel in ein grasgrünes Schlauchkleid, nicht ganz auf Körper geschnitten, aber doch ziemlich. Sollte ich heute vermutlich nicht mehr tragen, sah aber echt chic aus.

Ähnlich verhält es sich mit dem Ken-Outfit, das ich damals bei der „Traumpaare“-Feier meines besten Freundes trug. Meine Freundin ging, naheliegend, als Barbie, der Gastgeber und sein Mitbewohner als elmex und aronal. Der kurzfristig erworbene pinkfarbene Walkman und die eigens dafür aufgenommene Kompaktkassette („I’m a Barbie Girl“ in Dauerrotation, so weit die Batterien trugen) wurden kürzlich im Zuge der genannten Entrümpelungsaktion entsorgt. Hat schließlich keiner mehr gebraucht in den letzten 17 (?) Jahren.

Accessoires sind ja ohnehin das A und O des Verkleidens, nicht wahr? Man frage nur mal meine Töchter. Möglicherweise fiel der Apfel gar nicht so weit vom Stamm. War vielleicht zufällig jemand bei der „Film“-Party, damals, Mitte der Neunziger, als ich mein prall gefülltes Köfferchen dabei hatte, ein kariertes, bis oben zugeknöpftes Hemd und eine Feder auf dem Schuh trug?

Falls ja: hoffentlich bot ich Ihnen eine selbst gebastelte Flasche Dr. Pepper und ein paar Pralinen an! Sie erinnern sich nicht? Auch nicht an die, wie soll ich sagen, gewöhnungsbedürftige Frisur, die ich mir ein paar Stunden zuvor hatte antun lassen, und die, aber das können Sie nicht wissen, tags darauf dem Rasierer zum Opfer fiel? Schade.

Ja, manchmal übertreibt man. Dabei ist weniger doch so oft mehr. Die Kostümierung meines Freundes bestand beim genannten Filmfest lediglich aus einem goldenen Finger, der manches Kontaktanbahnungsgespräch erleichterte, ich selbst beschränkte mich bei anderer Gelegenheit, einer „Bad-Taste-Party“, auf einen Kinnbart. Nein, ich mag Kinnbärte auch heute noch nicht, würde aber nicht mehr so weit gehen, und nein, bei beiden genannten Gelegenheiten implizierte die Beschränkung des Kostüms keine Ausschließlichkeit, wie sie möglicherweise grade in Ihrem Kopf umherspukt.

Aber klar, mit Aufwand macht das Ganze irgendwie mehr Spaß. So wie damals, als wir beim Thema „Werbung“ als Sargträger des Marlboro Man gingen. Maßstab: 1:1, Design, natürlich: Marlboro. Dürfte in eine gesellschafts,- konsum- und auch sonst irgendwie kritische Phase gefallen sein. Oder als Ausdruck zur Schau getragener Distinktion durchgehen.

So wie der Entschluss, auf das örtliche Fasnetsmotto „Die Welt zu Gast bei uns im Dorf“, oder so ähnlich, mit einer Kostümierung als Parkscheinautomat zu reagieren. Reich wurde ich nicht, aber der Gemeindekämmerer zeigte sich angetan.

Ein paar Jahre zuvor hatte auch die Lokalzeitung Notiz von uns genommen: „Flower Power“ hatte das Thema gelautet, womit wir wieder bei den eingangs erwähnten Schlauchkleidern angelangt wären:

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Falls übrigens der damalige Redakteur mitliest: wir machten auf Gänseblümchen, nicht „auf Margeritte (sic!)“.