Kleeblatt

Jahre später nahm ich mit meinen beiden besten Freunden, nennen wir sie Matze Krause und Hermann Hinze, an einer Sitzung des DLRG-Jugendvorstands teil und sah dem Leiter zu, wie er die Namen der Anwesenden notierte. Sicher – Matze, Hermann und ich waren noch keine offiziellen Mitglieder, sollten erst gewählt werden, und doch wunderte ich mich ein wenig, dass wir nicht auf der Liste standen. Auf meine Nachfrage hin deutete er auf eine kleine Kritzelei in der Ecke seines Blattes: „Doch, natürlich hab ich Euch aufgeschrieben – da oben, das Kleeblatt, das seid Ihr.“

Kleeblatt. Ich war etwas verwirrt. Sprachlos, um genau zu sein. Und doch hatte er nicht unrecht. Wir waren tatsächlich jahrelang unzertrennlich gewesen, damals, und auch jetzt hingen wir noch oft und gerne zusammen herum. Damals aber waren wir nicht herum gehangen. Wir hatten Fußball gespielt. Auf der Straße. Im Garten. Auf dem Schulhof. Auf dem Bolzplatz.

Die Pausenkicks auf dem Schulhof sahen die Lehrer nicht gern. Könnte daran gelegen haben, dass es ein bisweilen recht anarchisches Treiben war und mindestens einmal – beim letzten Mal, um genau zu sein – an Shrovetide Football erinnerte. Auch die Gartenkickerei fand ein jähes Ende, an einem Freitagnachmittag im Frühling. Mein Cousin war zu Besuch gekommen und hatte mir, nachdem er selbst neue bekommen hatte, seine alten Fußballschuhe mitgebracht. Sie passten. Und wollten ausprobiert werden. Da traf es sich ganz gut, dass wir uns ohnehin bei Matze angekündigt hatten. Seine Eltern waren nicht da, es regnete, wir pflügten den Rasen um. Nicht gut.

Die Straßenfußball blieb uns länger erhalten. Tennisbälle ließen sich immer auftreiben, seitdem neben dem Fußballplatz vier Sandplätze gebaut worden waren, zumal die Tennisspieler durch die Bank unsympathische Snobs waren, die vermutlich für Stefan Nossek Pate standen. Auch der Straßenverkehr hielt sich in Grenzen, sodass das zentrale Problem darin bestand, den Ball von jener Kreuzung fern zu halten, von der aus es mit ansehnlichem Gefälle in Richtung See ging. Etwas unglücklich war zudem, dass direkt an der besten Straßenfußballstelle ein alter Giftzwerg wohnte, den man immer herausklingeln musste, wenn der Ball über die für unsere ländlichen Verhältnisse geheimniskrämerisch hohe Hecke geflogen war. Und nicht immer war er in der Stimmung, uns den Ball holen zu lassen. Kein Spaß.

Blieb der Bolzplatz. Der eigentlich kein Bolzplatz war, sondern das Trainingsplätzchen unseres Turn- und Sportvereins, vielleicht 70 Meter lang und 40 breit, eher weniger – als Kind kann man das ja nicht so recht abschätzen. Der örtliche Jugendfußball begann mit der B-Jugend, so dass auch keine tragbaren Jugendtore herum standen, sondern lediglich ein normal großes, das aus Kostengründen nicht wie ein Fußballtor aussah. Vielmehr wirkte es, und der Schein trog nicht, wie ein Metallkonstrukt aus recht kräftigen Rundrohren, das von einem örtlichen Handwerksbetrieb in der Größe eines Fußballtores zusammengeschweißt worden war. Es war solide, recht schwer, stand mitunter ein wenig wacklig und war mit keinerlei Vorrichtung ausgestattet, um es im Boden zu verankern. Sicherheitsfragen sind ohnehin überbewertet.

Dort spielten Nachmittag für Nachmittag zwischen drei und ungefähr zwanzig Kinder. Sofern es nur drei waren, hießen sie Matze, Hermann und Heini, nicht immer zur Freude meiner Oma, bei der ich den Nachmittag verbrachte, weil meine Eltern arbeiteten. Sie mochte Matze nicht besonders. Nein, das stimmt nicht. Sie mochte nicht, dass er Sturm klingelte (sagt heute noch jemand Sturm klingeln?), wenn ich kaum mit meinen Hausaufgaben fertig war. Er klingelte überhaupt immer Sturm. Auch am Sonntag, wenn er mich früh zur Kirche abholte. So dass es von vornherein zum Scheitern verurteilt war, ihm eines sonntags nicht nur zu sagen, dass ich nicht mitginge, sondern darüber hinaus meinen Eltern weismachen zu wollen, ich hätte sein Klingeln nicht gehört. Versucht hab ich’s trotzdem, und war danach kurzzeitig etwas seltener auf dem Fußballplatz zu finden.

Zurück zu den Hausaufgaben. Matze nahm es damit nicht immer so genau, mal machte er sie, nicht sonderlich akkurat, schon im Bus, mal verschob er sie auf den Abend, und nicht selten auf den morgendlichen Schulweg, in der – meist berechtigten – Hoffnung auf tatkräftige Mithilfe meinerseits. Oma ließ ihn unbarmherzig warten, bis ich fertig war, und erst dann radelten wir zum Bolzplatz: Matze mit seinem blauen Staiger-Rad, mit Stange, ich mit meinem roten Bonanzarad, das cool war, aber nicht immer praktisch, und Hermann, den wir danach abholten und der zunächst noch ein grünes Kinderrad sein Eigen nannte, dann aber bald ein Rennrad mit zehn Gängen bekam.

Am Rande des Platzes lag eine rostige alte Walze, die wohl nicht mit heutigen Vorgaben für Kinderspielplätze zu vereinbaren gewesen wäre, daneben stand eine Holzhütte, in der ein Bauer landwirtschaftliches Material lagerte und unter deren Vordach wir unsere Klamotten ablegten. Während die anderen sich noch umzogen – im Gegensatz zu ihnen hatte ich die Fußballschuhe meist schon an -, legte ich mir den Ball zurecht und zielte auf den rechten Winkel. Von diesem Schlenzer hing es ab, ob ich den Nachmittag erfolgreich gestalten würde. Tatsächlich war das Erfolgs- oder Misserfolgserlebnis spätestens nach dem ersten Spiel vergessen, aber so ist das halt mit Ritualen.

Drei ist nicht immer eine gute Zahl. Auch (oder gerade?) bei Kleeblättern entstehen immer wieder Fronten, und zwei gegen einen ergibt in der Regel ein starkes Ungleichgewicht. Für unsere Bolzplatznachmittage war drei indes die ideale Anzahl, schließlich wurde grundsätzlich nur auf ein Tor gespielt. Natürlich gab es den einen oder anderen Bestechungsversuch, oder auch Bemühungen des Torwarts, aus Eigeninteresse Einfluss auf die Gesamtbilanz zu nehmen; grundsätzlich aber war eins gegen eins auf ein Tor perfekt. Doch auch mit 18 Leuten spielten wir auf ein Tor.

Wäre ich ein großer Fußballspieler geworden, könnte ich heute sagen, dass die Kombination aus dem häufigen Eins gegen Eins mit all seinen Zweikämpfen und seinen Dribblings, aus dem vielbeinigen, kleinräumigen Spiel auf ein Tor, bei dem sich ständig neue Situationen ergeben, bei dem man häufig in Sekundenbruchteilen vom Verteidiger zum Torschützen wird, und nicht zuletzt, vielleicht auch vor allem, aus dem ständigen Messen mit zumeist deutlich älteren Spielkameraden, die ideale Fußballschule gewesen sei. War es auch. Nur mein Talent hat nicht gereicht.

Für den Dorfkick war es zumeist ausreichend. Irgendwann zahlte sich das ständige Zusammenspiel mit Matze und Hermann aus (die Leser von „Elf Freunde müßt ihr sein“ hätten an Hermanns Stelle wohl eher Gerd Hoffmann vermutet), und wir ließen den Ball auch gegen die Größeren mitunter recht erfolgreich kreiseln. Was gelegentlich zur Selbstüberschätzung führte. Und dazu, dass vermeintlich weniger talentierte Spieler nicht nur ihre körperliche Überlegenheit ins Spiel brachten, sondern uns letztlich unbedingt zeigen wollten, wo der Hammer hängt. Mit Erfolg. Besonders faszinierend fand ich Leute, und ich habe mindestens zwei von ihnen ganz konkret vor Augen, die im Grunde gar nicht Fußball spielen konnten, die aber im Tor einen thomfordesken Ehrgeiz entwickelten und sich in einer Weise in des Spiel hinein steigerten, die mich damals zwar ein wenig hämisch (und möglichst leise) darüber lästern ließ, dass sie nur als Torwart konkurrenzfähig seien – was ich gewiss weniger verschwurbelt und tendenziell unfreundlicher ausdrückte -, die mich aber insgeheim schwer beeindruckte.

Ich selbst war im Tor eher unbegabt, was ich lange Zeit nur schwer akzeptieren konnte, schließlich fand ich mich als Ronnie Hellström ziemlich gelungen. Immerhin: ich hatte keine Skrupel, mich in den tiefsten Schlamm zu werfen, sodass ich zumindest in dieser Hinsicht zunächst noch einen kleinen Vorsprung hatte und auch bei meinen ers
ten Schritten im Vereinsfußball
gerne mal dem diesbezüglich zunächst zurückhaltenden Hüter vormachte, wie er sich in den Dreck schmeißen solle. Fand meine Mutter voll cool.

Ganz selten spielten auch Mädchen mit. Na ja, eigentlich nur eines. Sie war ein paar Jahre älter als ich, und sie konnte kicken. Als sie das erste Mal dabei war, spielten wir in einer Mannschaft. Ich kannte sie noch nicht, verriet ihr aber nach einer gelungenen Aktion meinerseits – man ist ja Mann – meinen Lieblingstrick, den die Bild-Zeitung einmal Felix Magath zugeschrieben und „Doppelpass mit sich selbst“ (so eine rechts-links-Kombination, die geneigte Leserin weiß, was ich meine) genannt hatte. Im nächsten Spiel – bei zehn wurden neue Mannschaften gemacht, ist klar – stand sie auf der Gegenseite und verriet unmittelbar nach Spielbeginn meinen Trick. Ich war halt jung und naiv. Noch nicht einmal verliebt.

Der unangenehmste Kicktag war der Mittwoch. Da mussten wir auch noch zum Kinderturnen, und zwar mitten am Nachmittag. Wenn es gut lief, reichte es davor und danach für ein bisschen Fußball, aber nicht selten durften wir nur davor oder nur danach. Unserer Präferenzstruktur folgend, ließen wir das Kinderturnen, in dem nie Fußball gespielt wurde, gelegentlich ausfallen. Was aus drei Gründen keine gute Idee war: erstens fand das Turnen in Sichtweite des Bolzplatzes statt, zweitens war die Leiterin eine gute Freundin meiner Mutter, und drittens musste beim Kinderturnen jeweils ein Obolus von einer Mark entrichtet werden. In dem meist unsinnigen Versuch, unser Schwänzen zu kaschieren, mussten wir also die Eltern nicht nur anlügen, sondern noch dazu Geld unterschlagen. Keine gute Idee.

Als wir nicht mehr zum Kinderturnen gingen, tat sich wiederum mittwochs ein neues Hindernis auf: Wochenzeitungen austragen. Geld verdienen. Man würde sich ja nicht immer und ewig einzig und allein für Fußball interessieren können. Zumindest ließen wir uns das einreden. Also brauchte man Geld. Für Schallplatten, bald auch CDs. Vielleicht auch, um abends wegzugehen. Oder erst einmal nachmittags. Um sich die Bravo zu kaufen. Für coole Klamotten. Ohrringe. Erste Computerspiele. Für den C16. Hermann hatte einen C64, die ersten bald auch einen Amiga. Der Fußball hatte seine absolute Vorrangstellung verloren. Die Schule gewann an Bedeutung, oder sie nahm zumindest mehr Zeit in Anspruch. Mädchen wurden auch abseits des Fußballplatzes zu einem relevanten Faktor. Der Snobismus des weißen Sports ging ein wenig verloren, vielleicht waren wir auch einfach aufgeschlossener, und plötzlich standen wir in den Ferien täglich um 9 auf dem Tennisplatz, wo drei keine richtig gute Zahl war. Boris Becker und Steffi Graf lösten einen Boom aus, und Stefan Nossek war irgendwie doch ganz cool. Tanja Schildknecht auch.

Fußball fand häufig nur noch zweimal wöchentlich im Training und bei den Spielen am Wochenende statt, später gerne samstags in der B- und sonntags in der A-Jugend. Der Trainingsplatz wurde auf Fußballfeldgröße erweitert, Jugendtore standen herum, irgendwann half ich, die F-Jugend zu trainieren. Die Hütte am Spielfeldrand stand noch eine Weile, genau wie die Walze. Ich wurde volljährig, spielte aktiv Fußball, mein Mathe-LK-Lehrer war Vorstand des größten Konkurrenten im Kampf um die Meisterschaft, der für mich triumphal endete, was wiederum für das Mathe-Abi nicht uneingeschränkt zutraf. Mein erstes Auto fand am Fußballplatz ein jähes Ende, als ich mit meinem R4 eine Kurve verpasste und um Haaresbreite die Walze verpasste, nicht aber den Graben. Die Walze wurde kurz darauf entfernt. 

Matze und Hermann nahmen den Fußball nicht mehr ganz so ernst. Sie kickten noch eine Weile in der zweiten bzw. dritten Mannschaft, wir spielten weiterhin zusammen Tennis, bis es uns aus beruflichen Gründen mal mehr, mal weniger in die Ferne trieb. Sehr unregelmäßig sehen wir uns, meist zufällig, im Heimaturlaub, die beiden spielen dort auch noch gelegentlich Tennis, und vor ein paar Jahren bestritten wir gemeinsam ein Nostalgie-Fußballspiel. Der Ball lief nicht mehr so rund wie zu Kleeblattzeiten. Die Entfremdung dürfte bereits an jenem Tag in der sechsten Klasse begonnen haben, an dem mir Matze ein Buch, das ich ihm ausgeliehen hatte, besudelt zurückgab:
Elf Freunde müßt ihr sein.

Ecki, mon Petit.

Wir waren mit einer jungen, halbwegs talentierten Mannschaft ziemlich schlecht in die Saison gestartet, der angestrebte Aufstieg drohte bereits früh in weite Ferne zu rücken. So trieb irgendjemand aus dem Umfeld des stets etwas zu ambitionierten Vereins irgendwo ein paar D-Mark auf und hielt sie Ecki unter die Nase.

Ecki war Mitte dreißig und ein Torjäger. Ein fauler Torjäger, wenn man ehrlich ist. Einer, der sich seines Rufs bewusst war und es sich daher noch immer leisten konnte, die Mühen der Saisonvorbereitung vereinslos sausen zu lassen und nach ein paar Spieltagen die Angebote leicht verzweifelter Vereine zu sichten. Der Legende zufolge hatte er einst bei Rot-Weiss Essen eine recht vielversprechende Zukunft vor Augen gehabt, die dann aber den Umständen zum Opfer fiel. Später pendelte er im südbadischen Amateurfußball zwischen Kreis- und Oberliga, mitunter in unmittelbarer Folge.

Natürlich traf er auch bei uns. Er bewegte sich nicht allzu viel, manche würden eher sagen allzu wenig, aber er wusste, wo das Tor stand. Am Training nahm er teil (sofern er eine Mitfahrgelegenheit hatte). Eines Dienstags hatte ich das Vergnügen, beim Auslockern zwischen Sprintübungen jeweils hinter ihm zu traben. Klassische Mittelstürmerwaden, würde ich sagen, wie Müller oder Kirsten. Imposant und Schnellkraft ausstrahlend, die Hose mit engem Beinabschluss nahezu sprengend. Leichte O-Beine. Copa Mundial.

Das sage ich nicht einfach so. Vielmehr konnte ich Eckis Bewegungsabläufe, die Waden, die Achillessehnen, die Füße an diesem einen Abend in zahlreichen Zeitlupenstudien begutachten. Wenn man davon absieht, dass ich alle paar Sekunden stehen bleiben musste, weil ich nicht so langsam gehen, geschweige denn Laufen konnte. Bis heute ist mir nicht klar, wie sich ein Mensch so langsam bewegen und doch den Eindruck einer Laufbewegung vermitteln kann.

Seit Sonntag ist Ecki in meinem Kopfkino auf Hot Rotation.

16:11 ist nicht mein Format

In den späten 80er Jahren begann die südbadische Fußballszene, sich zu konsolidieren. Sag ich einfach mal so. Ob diese These haltbar ist, ob sie gar über Südbaden hinaus gelten könnte – ich weiß es nicht, und wenn ich ganz ehrlich bin, ist es mir auch ziemlich egal.

Genug des Vorgeplänkels.

In den späten 80er Jahren begann die südbadische Fußballszene, sich zu konsolidieren. Nach und nach kamen zahlreiche kleine Amateurvereine zu dem Schluss, dass sie allein kaum mehr überlebensfähig waren und über Spielgemeinschaften, Ausgründungen oder gar Fusionen nachdenken mussten. Korrekter: darüber nachgedacht hatten sie in vielen Fällen schon lange; häufig waren jedoch die Barrieren, die es zu überwinden galt, um mit dem Nachbarort, der in der Regel gleichzeitig die Rolle des Erzfeinds inne hatte, gemeinsame Sache zu machen, verdammt hoch. So hoch, dass man das Thema klein hielt oder nur in Hinterzimmern diskutierte, damit die Gründerväter und Ehrenmitglieder der jeweiligen Vereine derlei Gedankenspiele erst gar nicht zu Ohren bekämen.

Ich weiß nicht, ob es primär an den Folgen der Gemeindereform lag, die ab den späten 60ern die Zahl der Kommunen im Land um mehr als zwei Drittel reduziert hatte und beispielsweise die Schüler aus Villabajo und Villarriba zum gemeinsamen Unterricht zwang, womit über kurz oder lang eine Annäherung einher ging, oder ob das Aufkommen von Trendsportarten wie Tennis oder, äh, Tennis die fußballerische Basis so sehr schwächte, dass man zu drastischen Maßnahmen greifen muste. Auf jeden Fall wurden in meinem Heimatverein, in dessen Jugend ich damals noch spielte, ab Mitte der 80er verstärkt verschiedene Fusionsszenarien (auch wenn man zunächst eine echte Fusion tunlichst vermeiden wollte) durchgespielt, ehe im Frühjahr 1990 tatsächlich ein neuer Verein gegründet wurde, in dem die aktiven Mannschaften des eigenen und des Nachbarvereins nach dem italienischen Sommer aufgehen sollten.

Unser Experiment ging gut, das erste Jahr des neuen Vereins, das zufällig auch mit meinem ersten aktiven Jahr zusammen fiel, brachte den erwünschten Aufstieg, dem seither noch einige weitere folgen sollten (der eine oder andere Abstieg war auch dabei, der Saldo ist aber eindeutig positiv), was der Fusionslust in der Region sicherlich nicht abträglich war. Waren die Tabellen der unteren Ligen bis zum Ende der 80er Jahre zumeist noch von Vereinsnamen wie SpVgg Irgendwingen, SV Soundsohausen oder VfR Beispieldorf geprägt gewesen, schickte sich nun der neue Fußballclub Irgendwingen-Soundsohausen-Beispieldorf, kurz: FC IrSOBei an, die Kreisliga zu rocken.

So spielt mittlerweile GoBi gegen WeBi, BKB gegen BoLu, oder auch, etwas ausführlicher, die Fußballspielgemeinschaft Zizenhausen-Hindelwangen-Hoppetenzell gegen den Fußballverein Walbertsweiler-Rengetsweiler. Die eine oder andere Spielgemeinschaft wurde längst wieder aufgelöst und in neue Zusammenstellungen überführt, in anderen Fällen ist das Provisorium einem neuen Verein gewichen, ein Teil der neuen Vereine hat sich sportlich deutlich verbessert, andere finden sich heute in der gleichen Liga wie vor der Fusion wieder, nur eben mit einer statt zuvor zwei Mannschaften.

„Mein“ Verein hat das Ganze hervorragend bewältigt. Sportlich steht man ganz gut da, anfängliche Bedenken und Eifersüchteleien sind seit vielen Jahren überwunden, finanziell ist der Verein gesund, sodass vor einigen Wochen -ich wollte es kaum glauben- bereits das 20jährige Vereinsjubiläum gefeiert wurde. Ein Teil des Programms war dabei das Kräftemessen zwischen der aktuellen Mannschaft und einer Truppe älterer Herren, die vor etwa 13 Jahren eine ganz gute Figur abgegeben hatte. Angesichts der zeitlichen Nähe zum Beckmann-Event am Millerntor fiel naturgemäß auch der Begriff Tag der Legenden.

Und das völlig zurecht. Beeindruckende Legenden wurden gestrickt. Allein die Erinnerung an das letzte Spiel jener Saison, in dem es für uns um nichts mehr gegangen war, in dem wir aber das Rennen um den zweiten Aufstiegsplatz mit einem verrückten Sieg gegen den späteren Dritten entschieden hatten, brachte zutage, dass jenes 8:5 tatsächlich mindestens 16:5 ausgegangen sein musste. Zumindest legten das die Schilderungen der angeblichen Torschützen nahe. Nicht wenige hatten in jener Saison das größte  Spiel ihrer Karriere absolviert, Platzverweise wurden zu Heldentaten, 25 Meter zu deren 40, you name it. Legendenbildung.

Wie auch immer: es stand ein Fußballspiel an. Gut trainierte Aktive gegen übergewichtige Ehemalige. Und doch: wenn ich ein Spiel bestreite, will ich es gewinnen. Zumindest nehme ich es mir vor. Will nicht vor dem Spiel von Schadensbegrenzung reden. Will nicht vom Trainer -einem der ehrgeizigsten Fußballer, die ich kenne- hören, dass es doch in erster Linie um die Kameradschaft und das Zusammensein gehe. Will nicht, wie wohl zunächst angedacht, 2 mal 30 oder gar nur 2 mal 25 Minuten spielen.

Letztlich einigten wir uns auf 2 mal 40. Nach 10 war ich platt. Junge Leute von kaum mehr als 20 Jahren können ganz schön laufen. Dumm nur, dass sie auch kicken konnten. Dennoch waren wir in der Lage, nachdem wir uns etwas an das Tempo der jungen Leute gewöhnt hatten, den frühen Rückstand auszugleichen und hätten ihn auch fast in die Pause genommen, wenn unser Torwart kurz vor Ende der ersten Halbzeit den zu ihm zurück gepassten Ball getroffen hätte.

Ja, die Torwartposition war unser neuralgischer Punkt. Der von einst stand nicht zur Verfügung und sein Vertreter hatte kurzfristig abgesagt, sodass ein älterer Herr einspringen musste, der bereits Ende der 90er altersbedingt nur noch als Notnagel zur Verfügung gestanden hatte. Der aber, bis auf die genannte Szene, hervorragend hielt. In der zweiten Halbzeit kam dann der Ersatz des Ersatz des Ersatzes zum Einsatz, der zu seiner aktiven Zeit ein brauchbarer Feldspieler gewesen war, zumindest in der Reserve. Die jungen Leute waren nicht dumm und erkannten rasch, dass es mitunter reichen würde, den Ball irgendwie in Richtung Tor zu bugsieren, sodass von den 5 Gegentoren, die wir in der zweiten Hälfte kassierten, vier im engeren Sinne als haltbar gelten dürfen. Und natürlich fielen sie immer dann, wenn wir uns gerade etwas herangearbeitet hatten.

10 Minuten vor Schluss war meine Laune entsprechend mies, die einzelner Mitspieler genauso, der Schiedsrichter schenkte uns einen lächerlichen Elfmeter, und als sich dann zu allem Überfluss der Trainer des Abschiedsspiels von Joseba Etxebarria entsann, um beim Stand von 5:7 (?) alle Ersatzspieler auf das Feld zu schicken und damit eine fünfköpfige Überzahl zu schaffen, hatte sich die Sache für mich erledigt. Ich setzte mich auf die Ersatzbank, der Trainer nannte mich unkameradschaftlich und nahm mich, für ihn völlig untypisch, erst einige Stunden später wieder in den Arm.

Ein Fußballspiel ist ein Fußballspiel ist ein Fußballspiel.
11 gegen 11, ein Ball, ein Unparteiischer, und alle wollen gewinnen.

Fußballwetten.

Es ist ein erhebendes Gefühl, wenn der Ball im Netz zappelt, den man selbst dorthin getreten hat. Und doch kommt es bei mir nur an zweiter Stelle – ungleich schöner ist der Moment, in dem man erkennt, dass der Torwart ihn nicht mehr erreichen wird. So war es auch an diesem Sonntag, irgendwann in den 90ern, irgendwo auf einem Amateursportplatz:

Während der Torwart sich immer weiter streckte und die Fingerspitzen doch noch irgendwie an den Ball zu bekommen hoffte, verfolgte ich dessen Flugbahn -ich hatte trotz des Gewimmels vor dem Tor nahezu freie Sicht- und wusste kurz vor dem Punkt, an dem der Hüter sie zu kreuzen hoffte, dass er ihn nicht mehr erreichen würde. Ein großartiger Schlusspunkt für eine gelungene Saison.

Wir hatten als Aufsteiger eine hervorragende Runde gespielt, in der zwischenzeitlich der direkte Durchmarsch möglich schien, und beendeten die Spielzeit letztlich auf einem guten sechsten Rang. Ich selbst hatte mich ungewöhnlich torgefährlich gezeigt – meine Platz war im Mittelfeld, irgendwo zwischen den Positionen, die man heute nur noch als „die Sechs“ und „die Zehn“ bezeichnet. Unser System ließ sich in manchen Spielen mit einer Raute beschreiben, manchmal erinnerte es eher an eine flache Vier – wobei die Variationen gelegentlich der taktischen Formation des Gegners geschuldet waren, zumeist aber das Resultat unseres Bauchgefühls. Irgendwann Mitte der Vorrunde, ich hatte bis dahin 6 Treffer erzielt, ließ ich mich von meinem Trainer zu einer Wette überreden: 15 Treffer bis Saisonende waren nun das Ziel.

Bis zur Winterpause hatte ich deren 9 erreicht, in der Tabelle standen wir knapp hinter dem Relegationsrang. Danach lief das Ganze jedoch deutlich schleppender, die Mannschaft gewann nicht mehr, die Aufstiegseuphorie war verflogen, ich traf das Tor nicht mehr. Wenige Spieltage vor Schluss kamen wir endlich wieder in Tritt, fanden unsere Spielfreude wieder und durften als Schmankerl zum Abschluss noch die Partie gegen den ungeliebten Nachbarn austragen. Auch ich hatte mich wieder gefangen und hielt bei 14 Treffern.

Das Spiel war, obwohl es für beide Mannschaften nur noch um die goldene Ananas ging, eines Lokalderbys würdig. Mit einem kapitalen Bock leitete ich den gegnerischen Führungstreffer ein, wir glichen aus, lagen wieder zurück, glichen erneut aus und steuerten wenige Minuten vor Spielende auf ein gerechtes Unentschieden zu. Ein Eckball wurde von der gegnerischen Abwehr geklärt, landete aber erneut beim Eckenschützen, der es ein weiteres Mal versuchte. Die Flanke schien zunächst den berühmten Tick zu weit von mir entfernt, doch mit der Schuhspitze schaffte ich es, den Ball als nicht sehr kräftigen Aufsetzer in Richtung des Tors zu bugsieren.

Während der Torwart sich immer weiter streckte und die Fingerspitzen doch noch irgendwie an den Ball zu bekommen hoffte, verfolgte ich dessen Flugbahn – ich hatte trotz des Gewimmels vor dem Tor nahezu freie Sicht – und wusste kurz vor dem Punkt, an dem der Hüter sie zu kreuzen hoffte, dass er ihn nicht mehr erreichen würde. Ein großartiger Schlusspunkt für eine gelungene Saison.

Der Ball war recht hoch aufgesprungen und würde sich in Hüfthöhe direkt neben dem Pfosten ins Netz schleppen. Tor Nummer 15. Trainer, ich hab’s Dir doch gesagt!

Unser Mittelstürmer befand sich in der Nähe der Flugbahn des Balles. Wie gesagt, er war Mittelstürmer. Er wollte Tore schießen. Hinterher würde er sagen, dass der Ball aus seinem Blickwinkel an den Pfosten oder gar knapp daneben gegangen wäre. Also sprang er ab, den rechten Fuß voraus, und erreichte den Ball, waagerecht in der Luft liegend, etwa 30 cm vor der Torlinie. In maximaler Rücklage.

Abstoß.

Soviel zu meinen Erfahrungen mit Fußballwetten.