Unendlicher Spaß

Neulich (tatsächlich ist „neulich“ während der stockenden Entstehungsgeschichte dieses Textes zu einem veritablen „vor einiger Zeit“ herangewachsen) habe ich den WM-Rückblick von The Football Ramble gehört. Er hieß ein bisschen anders, nicht nur der Sprache wegen, aber es war ein WM-Rückblick. Zum Ende hin ging es um die BBC, die sich wohl gedacht hatte, dass sie, wenn sie schon dieses fußballaffine Publikum vor den Fernsehern sitzen habe, doch gleich Werbung für die neue Premier-League-Saison machen könnte, Match of the Day, Sie wissen schon, Ähnliches galt für Sky. Die Antwort der Podcaster lautete, sinngemäß:

„Respect the mode we’re all still in […] Give us a break! […] We love the Premier League, we’re gonna be into it … but just … give us a moment!“

Dem möchte ich nichts entgegensetzen. Noch immer nicht, auch nicht nach einiger Zeit. Im Gegenteil: „Give us a moment!“ bringt meine Stimmungslage sehr gut auf den Punkt. Gewiss, der VfB Stuttgart hat noch viele Baustellen im Kader. Andernorts tut sich diesbezüglich sogar einiges. Auch manches, über das man den Kopf schütteln möchte, wie es der vierte Offizielle vehement tut.

Unabhängig davon möchte ich das alles im Moment überhaupt nicht hören. Möchte vielmehr schwelgen und schwärmen, dieser Weltmeisterschaft huldigen, sie als beste aller Zeiten verklären. Allein diese Gruppenphase! Die Niederlande gegen Spanien! Die „kleineren“ Südamerikaner! Die Concacaf-Teams (ja, ja, Honduras)! Sie alle haben mich, wie soll ich sagen, geblitzdingst, nein: geflasht.

Geflasht waren auch die jungen Männer beim Fehlpass, Sie wissen schon, jenem (bitte die Stimme kurz etwas anheben) fast (senken) täglichen WM-Podcast von und mit Yalcin Imre (@fehlpass), der während der WM häufig zu unchristlichen Zeiten aufgenommen wurde und doch so viele sinnvolle Gespräche zu Wege gebracht hat.

Diese jungen Männer blickten also begeistert auf die WM zurück und ließen mich kurz schmunzeln, als Herr @GNetzer Wert darauf legte, dem Schwelgen eine sehr deutliche, sehr angemessene Kritik an den nicht sportlichen Aspekten der Weltmeisterschaft in Brasilien voranzustellen, insbesondere mit Blick auf das Gebaren der FIFA, das an kolonialistische Zeiten gemahne. Wie gesagt: ich fand das gut. Besagtes Schmunzeln ließ sich dennoch nicht vermeiden, als nach gut fünf Minuten die „Alibi-fünf-Minuten-Einspieler“ im Fernsehen zur Sprache kamen.

Es ist ein Dilemma. Oder, wie ich drüben in der #doppelfuenf zu Turnierbeginn in fünf Zeilen darzulegen versuchte, ein

WM-Paradoxon

Das Geschehen vor Ort: schwer erträglich.
Die FIFA (per se?): rundum kläglich.
Das Gebaren: rigide.
Die Kritik: sehr valide.
Heut geht’s los, und ich freu mich unsäglich!

Wo waren wir? Ach ja, ich schmunzelte. Und distanziere mich auf das Entschiedenste von der Schlussfolgerung, ich stellte die einführenden letztlich siebeneinhalb Fehlpass-Minuten auf eine Stufe mit den Alibis der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung. Aber lustig war’s schon.

Nicht zwingend lustig, aber eine große Freude war indes tatsächlich die – fast – tägliche Fehlpass-[hier bitte ein auf das Hören bezogenes Pendant zu Lektüre einfügen], gerade mit den vielen verschiedenen Gesprächspartnern, und ich stelle gerne fest, dass gerade besagter @GNetzer viel zu selten zu hören ist in diesem meinem Internet. Die Stimme angenehm, der Stil ruhig, die Argumentation schlüssig, der Mann gescheit. Was nicht heißen soll, dass seine Gesprächspartner nicht auch gut gewesen seien.

Klar gab’s noch viele andere Podcasts, und vermutlich komme ich weiter unten auch noch darauf zu sprechen, weil das ganze Zeug, das sich so in meinem Kopf angesammelt hat, letztlich scho au irgendwie raus muss, oder zumindest ein Teil davon, um dann doch wieder Platz für die Bundesliga zu schaffen.

Zuerst aber: der Sport. Ein bisschen. Im Grunde ist ja alles gesagt. Die WM ist durchanalysiert, wir kennen den goldenen Handschuh, den goldenen Schuh, den goldenen Ball, die goldene Mannschaft, vermute ich, und auch das goldene Tor, will sagen: das schönste. Geschossen von James Rodriguez, diesem jungen, aufstrebenden 80-Millionen-Mann, der den Ball so wunderbar auf seiner Brust tanzen ließ und dann an und unter Musleras Latte schmetterte.

Weil wir Fußballfans aber gerne mal zur Distinktion neigen, gelegentlich auch zum Hipstertum, hab ich mich zwar auch für ein Tor jenes jungen Mannes entschieden, aber eben ein anderes; auch nicht jenes, das von der Jury zum drittschönsten Turniertreffer gewählt wurde, noch vor dem titelbringenden, technisch sehr bemerkenswerten von Herrn Götze, das die drei jungen Männer vom Fehlpass irgendwann einmal in einer umjubelten Inszenierung nachzustellen versuchen werden.

Mein höchstpersönliches Lieblingstor, das mir zumindest in der Livebetrachtung ganz außergewöhnlich vorkam, bei der nochmaligen Beschau indes, so ehrlich will ich sein, ein bisschen von seiner ursprünglichen Brillanz eingebüßt hat, weil es doch nur elf kolumbianische Ballkontakte waren, darunter ein eher zufälliger, die letztlich zum Torerfolg führten, war das 2:0 gegen Uruguay.

Sie erinnern sich? Der Angriff über rechts, die Verlagerung, die Räume, die geschaffen wurden, die Flanke auf das lange Fünfereck, die Kopfballablage, der banale Abschluss. Ich weiß nicht, ob es unter Hipstertum fällt, der relativen Geringschätzung schön herausgespielter Tore mit vergleichsweise gewöhnlichem Abschluss etwas überdrüssig zu sein und ihm möglicherweise übertriebene Lobhudeleien entgegensetzen zu wollen; unter Distinktionsbestreben dürfte es gleichwohl abzulegen sein.

Und ja, es gibt natürlich Ausnahmen, ganz herausragende Ausnahmen, Argentinien 2006 zum Beispiel, oder Brasilien 1970 (da war der Abschluss selbst auch nicht so schlecht), und natürlich auch Brasilien 1982, wobei man sich auch dort fragen kann, wieso ein Ranking aller brasilianischen Tore am Ende eine Art Antiklimax erfährt, zumindest aus Sicht einzelner distinguierter Möchtegern-Hipster, indem die vordersten Plätze schnöden Fernschüssen vorbehalten sind.

Ob ich ein Video von Rodriguez‘ 2:0 zu bieten habe? Na ja, nicht explizit. Die Zusammenschnitte im Videoportal meiner Wahl räumen dem 1:0 in der Regel so viel Platz bzw. Zeit ein, dass kein Speicherplatz mehr für eine ausführlichere Würdigung des 2:0 (sprich: den kompletten Angriff) übrig bleibt. Immerhin: die ARD-Mediathek hilft bis Ende Januar 2015, ab 03:55.

Genug überhöht. Das Tor, meine ich. Die WM überhöhe ich gerne auch weiterhin. Nenne sie einen unendlichen Spaß, ohne David Foster Wallace‘ Buch gelesen zu haben oder das Hamlet-Zitat einordnen zu können, und somit Gefahr laufend, den literarischen Kniff nicht zu erkennen, der dann möglicherweise gegen meinen Willen in meine Bewertung einfließt. Tja. Ich mein’s aber wörtlich, also fast.

Natürlich gab’s Spaßbremsen, und damit versuche ich nicht, einen Alibi-fünf-Minuten-Einspieler zu platzieren – Verzeihung, das klingt vermutlich viel zu flapsig für das wahrlich ernsthaft Thema jener Schere, die sich in Brasilien abseits des Sports so beschissen weit öffnete –, sondern bleibe beim Sport, beim einen oder anderen langweiligen Spiel, beim Schiedsrichter-Dilemma, das ich jüngst kürzlich vor einiger Zeit bereits ansprach, auch bei den brasilianischen Jagdszenen gegen Herrn James.

Und doch: was für eine Freude! Was für eine Gruppenphase! Und was sind die süd- und mittelamerikanischen Mannschaften gerannt, wie haben sie gespielt, sich taktisch geschickt verhalten, ihre Gegner mit zum Teil unerwarteten Aufgaben konfrontiert. Man denke an Chile, das Spanien aufgefressen hat, oder aus der Concacaf Costa Rica, das sich in der Dreiweltmeistergruppe lächelnd an die Spitze gesetzt hat. Wunderbar.

Ja, wissen Sie alles, ich weiß. Und was hatten wir, also Teile von uns, gejammert vor dem Turnier! Kolumbien ohne Falcao? Abgeschrieben. Deutsche Titelchancen ohne Reus? Dahin! Die Niederlande ohne Strootman? Puh. La France ohne Ribéry? Mon Dieu! Von den außen vor Gelassenen oder nicht Qualifizierten gar nicht zu reden. Indes: so richtig schmerzhaft würde es schon nicht werden:

Hicks!

Ein Jammer: die ganzen Absenzen,
abseits aller Flaggen und Grenzen!
Für Verletzte: bescheiden.
Das Turnier? Wird auch leiden –
wie bei Schluckauf und – hicks! – Flatulenzen.

Will sagen: schade für Falcao, um bei einem der genannten Beispiele zu bleiben, ziemlich schade für Kolumbien, aber dem Turnier ist’s letztlich egal.

Natürlich war der unendliche Spaß auch ganz stark mit der deutschen Mannschaft verknüpft, über die nun ja doch ziemlich viel geschrieben wurde, und nicht selten ziemlich Positives. Über Neuer. Über Schweinsteiger und Hummels und Boateng und so weiter. Darüber, dass jenes Halbfinale viele Leben lang in Erinnerung bleiben wird.

Und über Herrn Löw natürlich. Faszinierend, wie viele Menschen sich freuen, dass nun das ständige Gerede über seine Titellosigkeit, um es harmlos auszudrücken, ein Ende hat. Faszinierend zudem und vielmehr, wie viele Menschen demnach tatsächlich schon immer gewusst haben, wie gut er ist. Vielleicht waren also jene fünf Zeilen, die ich vor Turnierbeginn dem einen oder anderen Skeptiker widmete, fernab jeder Realität und irgendeiner realen Person, sondern nur eine böse Fantasie:

Fangedanken: So nicht!

Der Kader: nicht mehr als ein Torso.
Wie stellt sich der Trainer das vor, so?
Kaum Stürmer, so’n Dreck –
der Jogi muss weg!
Im Juli dann: Auto raus, Korso!

 

Schöne Geschichte natürlich auch für Mario Götze. Ich hatte mir im Vorfeld des Finales eigentlich einen spielentscheidenden Özil gewünscht, aber ich nahm auch Götze recht klaglos hin. Auch er soll ja zwischenzeitlich gar nicht mal so gut gelitten gewesen sein, hörte ich. Quatsch. Natürlich habe ich das mitbekommen, und es stimmt ja auch, dass er nicht immer überzeugte, nachdem der Auftakt gegen Portugal durchaus vielversprechend gewesen war.

Was ich aber sagen wollte: mein unendlicher Spaß hatte gewiss auch damit zu tun, dass ich mich meist auf das Wesentliche konzentrierte: die Spiele. Die TV-Vorberichterstattung zu den Partien ging fast komplett an mir vorüber, was unter anderem dazu führte, dass mich die von meinem Sohn kurz vor Anpfiff übermittelte Information, dass Kramer für Khedira auf dem Platz stehe, aus ziemlich heiterem Himmel traf, nachdem eine knappe Stunde zuvor noch eine unveränderte Aufstellung vermeldet worden war.

Auch nach den Spielen zog ich mich meist recht rasch zurück, aber wenn ich doch was sah, dann war dies in aller Regel besser als ich erwartet hatte. Natürlich hat das mit Erwartungen zu tun, vielleicht auch mit einer deutsch-polnischen Ostseeinsel, doch ganz im Ernst: ich hatte mir die Olis schlimmer und die Herren Scholl und Opdenhövel genau so vorgestellt. Schlecht wäre, auf Basis einer überschaubar großen Stichprobe, anders gewesen.

Selbst die Kommentatoren ließen mich weitgehend kalt. Vielleicht waren sie wirklich besser als in früheren Jahren, vielleicht filterte ich schlichtweg effektiver, ich weiß es nicht. Am liebsten hörte ich erwartungsgemäß dem unaufgeregten Oliver Schmidt zu, auch dem sehr unaufgeregten Thomas Wark, der gefühlt seit Jahrzehnten die Back-Office-Spiele auffängt. Eigentlich hatte ich auch auf den vermeintlich unaufgeregten Gerd Gottlob gehofft, doch sein hemmungsloses „Wirzen“ bei zumindest einer Partie der deutschen Mannschaft ließ mich diese Hoffnung rasch begraben und in Sorge vor einem weiteren solchen Auftritt umwandeln.

Tom Bartels habe ich nur aus dem Finale in schlechter Erinnerung, und bei Steffen Simon kann ich schlichtweg nicht objektiv sein. Wenn ich es dennoch versuche, komme ich rasch an den Punkt, wo ich mich frage, ob es Erbsenzählerei meinerseits oder ein Mangel an Professionalität seinerseits ist, wenn ich mich darüber aufregen muss, dass er den italienischen Nationaltrainer Prandelli, einen Mann, der nicht nur in der jüngeren deutschen Fußballhistorie tiefe Spuren hinterlassen hat, sondern der auch außerhalb des Feldes eine bemerkenswerte Persönlichkeit darstellt, konsequent Pandrelli nennt. Hab’s mir überlegt: ja, ich zähle Erbsen. Und es ist unprofessionell.

Während also mein TV-Konsum für eine WM überschaubar blieb, was natürlich auch familiären Freuden und Zwängen geschuldet war, verbrachte ich ungewöhnlich viel Zeit mit dem Hören von Podcasts. Dem Fehlpass, wie gesagt, oder als zweitem, nein, sorry, eigentlich erstem fixem Programmpunkt, World Cup Football Daily, hinzu kamen mit zunehmender Regelmäßigkeit „Fear and Loathing in Sao Paulo“ beim Sportradio 360, und gelegentlich 5 live’s Football Daily. Tägliche Sachen halt. Und die Erben, eh klar. mit anderem Fokus.

Wohingegen ich das Gemeinschaftsprojekt des Textilvergehens mit den Mikrodilettanten nur selten hörte, wiewohl ich es mochte: es passte nur so überhaupt nicht zu meinem WM-Rhythmus. Immerhin lernte ich dort fürs Leben: „Die FIFA ist kein empathischer Mensch.“

Was übrigens auch nicht zu meinem Rhythmus passte: Blogs. Peinlich, nicht wahr? Im Grunde las ich überhaupt nichts systematisch, auch nicht in Sportportalen, ja noch nicht einmal die Link11 bei Fokus Fussball, die sonst mein steter Ausgangspunkt ist. Bei der WM war das anders, war diese Rolle anders besetzt: von Twitter. Twitter war meine völlig willkürliche Informationszentrale. Was dort zu einem günstigen Zeitpunkt in Linkform vorbeitrieb, wurde gelesen, alles andere nicht. War gut.

Auch abseits des Medienkonsums habe ich nicht so wirklich viel mitbekommen. Die Spiele sah ich zumeist zuhause, im Schoß der Familie, gewissermaßen. In zwei, höchstens drei Fällen, verfolgte ich die Partien in kleineren Gruppen von vielleicht 10 Leuten, eher weniger. Danach traf man mich nicht in der Stadt an, die Schlandisierung, von der ich immer wieder las, ging weitgehend an mir vorüber. Ich wollte nur Fußball. Pur, nahezu. Ein unendlicher Spaß!

Fußballgespräche mit beruflichen Kontakten, die sich meines Wissens sonst nicht besonders für Fußball interessieren, lenkte ich in der Regel so rasch in professionelle Bahnen, dass der eine oder die andere gedacht haben mag, ich interessierte mich nicht für Fußball. Ich kann nicht einmal ausschließen, dass ich selbst jahrelang eine ebensolche falsche Vorstellung von deren Fußballaffinität hatte bzw. noch immer habe. In Einzelfällen, meine ich.

Der Kollege, der mich als sehr fußballaffinen Menschen einschätzt und mich am Tag des Brasilien-Spiels frug, ob ich mir trotz der Uhrzeit gegebenenfalls auch noch eine Verlängerung ansehen würde, ehe er tags darauf verkündete, es auch gesehen zu haben und dass es ja sehr spannend gewesen sei, dürfte nicht zu denjenigen zählen, in denen ich mich getäuscht hatte.

Das heißt nicht, dass ich nichts mit solchen Leuten zu tun haben will, dass ich mich gar als würdigeren, echteren Fan begreife. Vielmehr haben wir schlichtweg keine gemeinsame Ebene, auf der wir über Fußball reden können. Ok, Fragen und Antworten wären eine, und gelegentlich betrete ich sie auch, mit Leuten, die ernsthaft fragen und Antworten suchen. Aber ich bin nicht in der Lage, mit Menschen über Fußball zu reden, die so tun, als kennten sie sich aus, und die auf dieser Basis ein bisschen fachsimpeln wollen. So wie jener Kommilitone, damals, der sich als großer Fußball-Fan gerierte und mir von VfB-Legende Effi Buttmayer erzählen wollte. Ein weites Feld. Oder war es Etty Buffmayer? Ich weiß es nicht mehr.

Überheblich? Vielleicht. Zumal mir klar ist, dass ich bei weitem nicht so viel (mehr oder weniger) nützliches Fußballwissen angehäuft habe wie manch(e) andere(r). Zweifellos habe ich Schwächen in der Beschreibung und oft genug auch im Erkennen taktischer Winkelzüge, und, um zum nützlichen Wissen zurückzukehren, kenne mich beispielsweise im Weltfußball um die Jahrtausendwende längst nicht so gut aus, wie ich es gerne hätte. Aber ich erinnere mich doch an manches, informiere mich zumeist recht aktuell und ausführlich, und bilde mir auch ein, zum einen das Spiel ganz gut zu verstehen, und dass zum anderen die eigene praktische Erfahrung durchaus hilft, den einen oder anderen Ablauf auf dem Spielfeld einzuordnen.

Um es kurz zu machen: ich möchte nicht mit Leuten über Abseits diskutieren, die nicht verstehen, inwiefern die Abseitslinie bei Freds Tor gegen Kamerun falsch war.

Was ich übrigens auch nicht so gern möchte, wenn auch in ganz anderem Kontext und auf ganz anderer Ebene: tagelang über eine kontrovers aufgenommene Feierchoreographie der frischgebackenen Weltmeister diskutieren bzw. Diskussionen darüber lesen. Ich hatte meinen ersten Eindruck in einem Tweet zusammengefasst:

Diese Sichtweise hat im Grunde nach wie vor Bestand. Das, was mich stört, ist die Häme, ist das Auslachen des unterlegenen Gegners. Beides gäbe es auch, und gibt es immer wieder, in deutlicherer Form. Aber es ginge auch ohne. Was mich nicht stört, weil ich es nicht erkenne, ist jener Nationalismus oder gar Rassismus, den manche darin zu sehen glauben. Kann ich nicht nachvollziehen, aber das ist wohl eine Frage der Lesart.

Dass diese Diskussion dann allerdings tagelang tobte, dass man bei Twitter auch am vierten Tag noch mit einem morgendlichen #gauchogate begrüßt wurde, konnte ich zunächst noch viel weniger nachvollziehen. Bis ich die Diskussion bei den bereits genannten Textilvergehensmikrodilettanten hörte, von der ich den Eindruck gewann, dass sie einen Großteil dessen, was ich online über Tage gelesen hatte, in der vielzitierten nutshell abbildete. Gescheite Menschen mit vernünftigen, diskussionswürdigen, aber nicht unvereinbaren Positionen, und doch zog sich das Ganze ewig in die Länge, mit deutlich abnehmendem  Grenznutzen, hier: Erkenntnisgewinn.

Was mich an der Diskussion, und damit entferne ich mich wieder von besagtem Podcast, mitunter dann doch zum Schmunzeln brachte, war der eine oder andere Beleg, der bei Twitter oder sonst wo ins Feld geführt wurde; exemplarisch sei kurz auf zwei verwiesen:

Zum einen auf einen Twitternutzer, der ein argentinisches Medium verlinkte und auf ironische Weise deutlich machte, dass das dort zum Ausdruck gebrachte Gefühl, verhöhnt zu werden, nicht überraschen könne. Mich überraschte das durchaus ein bisschen, sodass ich nachlas:

„El cántico terminó con los jugadores erguidos y gritando „Así caminan los alemanes„, lo cual ha sido señalado como un gesto de burla, según algunos comentaristas alemanes que transmitían los festejos.“
(Fettdruck wie im Original, kursive Hervorhebung durch mich)

Nun ist mein Spanisch kein besonders gutes, mit südamerikanischen Varianten kenne ich mich erst recht nicht aus, aber ich lese das ungefähr so, dass die Einlage der deutschen Spieler eine höhnische Geste gewesen sei, „laut einigen deutschen Kommentatoren, die die Feierlichkeiten übertrugen„. Für mich klingt das gar nicht so sehr nach argentinischer Empörung über den Spott, aber ich mag mich irren.

Zum anderen irritierte mich, auch dies exemplarisch und auch dies bei Twitter, der Hinweis, dass Dante, jener brasilianische Nationalspieler des FC Bayern München, in seinem Buch „Ich, Dante“, davon berichtet habe, wie seine Mannschaft dereinst mit dem Spruch „So geh’n die Dortmunder, die Dortmunder geh’n so“ gefeiert hätte, was beweise, dass #gauchogate Schwachsinn sei. Quod esset demonstrandum, möchte ich anfügen.

Genug. Nun also auch hier: zu viel über besagtes Thema. Sind jetzt doch wieder ein paar Zeilen mehr geworden, so insgesamt. Und, der eine oder die andere wird es ungern hören: so ganz ist die WM hier noch nicht abgeschlossen. Eine kleine Retrospektive zur #doppelfuenf, die ein unendlicher Spaß war, wird noch folgen.

Von Laienstadiongängern und Sitzplatznazis

Hätte ich meinen Körper verlassen und das Ganze von außen betrachten können, so wäre mir das Ganze wohl wie ein Trugbild vorgekommen. Nicht nur, dass ich in der Cannstatter Kurve saß, nein, vielmehr zählte ich zu denjenigen, die die vor uns Stehenden recht penetrant dazu aufforderten, sich doch bitte hinzusetzen. In meinem Kopf formte sich, ohne dass ich meinen Körper dafür hätte verlassen müssen, das Wort „Sitzplatznazi“, das ich den Adressaten unseres Anliegens gedanklich in den Mund legte, um damit mich selbst zu bedenken.

Was insofern nicht in Ordnung war, als es zum einen inhaltlich eine – wiewohl nicht zwingend abwegige – Unterstellung bedeutete; schließlich hatte keiner der wenig sitzenswilligen Herren explizite Beschimpfungen ausgestoßen – zumindest nicht mir gegenüber, in einem anderen Fall mag es so gewesen sein. Zum anderen hatte ich mit dem Nazi-Kompositum eine zwar sehr aussagekräftige und in ihrer Deutlichkeit nur schwer zu umschreibende, mir aber gänzlich unsympathische Formulierung gewählt: Rechtschreib-, Grammatik-, Irgendwas-Nazi. Nicht meins.

Offensichtlich fühlte ich mich also sehr unwohl in meiner Haut, sonst hätte ich mich vermutlich nicht so titulieren lassen wollen. War ja auch doof. Sitzen einfordern. Im Fußballstadion. In der Cannstatter Kurve. Wo ich sonst stehe. Wo vermutlich auch nicht wenige der nun zum Sitzen aufgeforderten sonst stehen. Für die wir vielleicht keine Sitzplatznazis, aber doch Laienstadiongänger gewesen sein dürften, die keine Ahnung von den Gepflogenheiten in Stadien im Allgemeinen und im Neckarstadion, ihrem Wohnzimmer, im Besonderen hatten, vermutlich. Auch das eine Unterstellung.

Und auch das so eine Wortbildung. „Laienbahnfahrer“ lese ich immer mal wieder, bei Twitter hauptsächlich, gerne auch mal in Blogs. Und empfinde die dort transportierte Haltung als ziemlich überheblich. Was damit zu tun haben mag, dass ich gelegentlich mitbekomme, wie aufgeregt meine in der Bahn-Diaspora groß gewordenen und gebliebenen Eltern sind, wenn sie mal eine Bahnreise antreten und alle möglichen Befürchtungen hegen, was sie falsch machen könnten.

Laienbahnfahrer par excellence, quasi, und der Gedanke, dass sich Menschen bei Twitter über sie mokieren, weil sie den Wagenstandsanzeiger nicht richtig gelesen haben oder in ihrer Aufregung etwas zu laut telefonieren, um ihre nun doch bevorstehende Ankunft anzukündigen, ist mir, um es sehr vorsichtig auszudrücken, unangenehm.

Dass sich Laienstadiongänger- und Laienbahnfahrertum ganz gut vereinen lassen, wurde bereits im Zuge der Anreise zum Spiel deutlich, als die Bahnen übervoll, die Türbereiche brechend voll und die Gänge nur normal voll waren, was den einen oder anderen Eintrittswilligen zu Unmutsbekundungen gegenüber den in den Gängen lümmelnden bzw. den sich nicht aus dem Türbereich in die Gänge hinein bewegenden Herrschaften animierte: „Noch nie Bahn gefahren, wenn Fußball ist?“

Der selbstgefällige Tonfall ließ meine grundsätzliche Zustimmung zu seinem Begehr verblassen und verließ ihn auch nicht, als sich die Bahn am Ziel zusehends leerte und lediglich unsere Tür verschlossen blieb, weil nicht zuletzt der Profibahnfahrer die Lichtschranke blockierte. Oder wie auch immer das technisch gelöst ist. Ich schweife ab.

Zurück zu uns Laienstadiongängern. Die wir in der Cannstatter Kurve sitzen wollten. Weil wir Kinder dabei hatten, die auch was sehen wollten. Was einigen der vor uns Stehenden sehr egal war, und ich meine wirklich sehr egal, was wiederum einer der Gründe der Hauptgrund dafür gewesen sein könnte, dass ich ihnen so unschöne Begriffe wie Sitzplatznazi oder Laienstadiongänger in den Mund legte.

Und nein, wir hatten nicht explizit Karten in diesem Block bestellt, waren nicht vorgewarnt worden, hätten es nicht wissen müssen. Eine sitzplatzgenaue Auswahl war im Zuge des Bestellprozesses gar nicht möglich, es sei denn, ich war zu dumm, auch keine blockgenaue, de facto konnte man nicht einmal angeben, in welcher Kurve man stehen wollte, sondern lediglich eine Kategorie auswählen.

So saßen wir, eine zufällige Gemeinschaft, also da mit unseren Kindern, die ein Länderspiel sehen wollten, in aller Regel ihr erstes, und die beim Anpfiff faktisch nichts sahen, hinter einer Wand von Menschen, denen das sehr egal war, weil sie ja genug sahen, und vielleicht auch, weil man beim VfB da eben steht. Genau: beim VfB. Da war aber gar keine Porsche-Werbung an den Banden. Auch keine von Fanuc oder irgendeiner regionalen Bank auf der Anzeigetafel. Gastgeber war der DFB. Er hatte Sitzplätze ausgewiesen.

Hätte ich nicht gedacht, dass ich mal wegen sowas die Ordner holen würde. Hat aber ganz gut geklappt. Schöne Pointe übrigens, dass just nach deren Einsatz „Steht auf, wenn Ihr Deutsche seid“ ertönte. Mal schauen, ob ich am Samstag in die Kurve darf.

Ach ja, Fußball war auch. Die Perspektive war ungewohnt, ich stehe normalerweise einen Tick höher, das Interesse der Kinder an Nebensächlichkeiten tat sein Übriges, meine Verärgerung über Nebensächlichkeiten erst recht. So bleibt mir in besonderem Maße der Umfang von Bastian Schweinsteigers Oberschenkeln in Erinnerung, zudem die Jagdszenen der chilenischen Offensive, die mich in ihrer Intensität an die Dortmunder Anfangsphase in Wembley erinnerten, Philipp Lahms ungewöhnliche Zahl an Fehlpässen, die lange Zeit völlig an mir vorbeigehende Anwesenheit von Toni Kroos, und die Pfiffe gegen Mesut Özil.

Das weiß dann doch jeder von uns Laienstadiongängern, dass man, wenn man bezahlt hat, auch meckern darf. Und eben pfeifen. Nicht zuletzt dann, wenn es um einen derjenigen geht, die es in Brasilien ganz besonders richten sollen, um einen, der gerade an einem schlechten Tag jene entscheidenden Bälle spielen soll, jenen einen womöglich an der Genialität schnuppernden Ball, der vielleicht ein dreckiges Tor, einen dreckigen Sieg bringt, ein dreckiges, im Zweifel auch als unverdient bezeichnetes 1:0. Der kann das ab, bestimmt.

Laufkundschaft

Der Disput zwischen den Herren Ulreich und Leitner, Sie wissen schon, bei diesem Abstoß, als Ulreich den sich anbietenden Leitner nach vorne winken wollte und Leitner den wild rudernden Ulreich eher fassungslos ansah, was Ulreich zu wilderem Rudern und Leitner zu wachsender Fassungslosigkeit und einsetzender Sturheit animierte, ehe Letzterer nach einer gefühlten Minute zur Mittellinie trabte, also dieser kleine Disput, der hat ja die Berichterstattung nach dem verheerenden 1:4 des VfB gegen Augsburg schon ein bisschen geprägt, und er hat selbstredend als Symbol für dies und jenes herhalten dürfen.

Ein Sympol für die Uneinigkeit in der Mannschaft, aber auch für deren Lebendigkeit, für die notwendige Reibung und für mangelnde Konzentration auf das Wesentliche, für Leitners Nassforschheit und Ulreichs Führungsanspruch, auch wenn ich das so nicht gelesen habe, und gewiss für manches mehr, und vielleicht fällt es ja auch gar nicht auf, wenn auch ich noch mein deutendes Scherflein beitrage und den Widerspruch zwischen Leitners Freude am Ballbesitzspiel und Ulreichs Freude am Ball-weg-Spiel beklage.

Was natürlich eine überspitzte und keineswegs faire Interpretation ist, was wiederum niemanden überraschen dürfte, der mein Faible für den Zocker Leitner und mein weniger stark ausgeprägtes Faible für den Spieleröffner Ulreich kennt. Gleichzeitig stellt sich natürlich die Frage, wen Leitner, so er denn in der Rechtsverteidigerposition angespielt worden wäre, hätte anspielen sollen, eingedenk des Umstandes, dass jener eine Spieler, den man im Aufbau in der Zentrale auch mal anspielen kann, der den Ball auch will und nicht vor lauter Schreck zum Torwart zurückspielt, dass also Leitner in jenem Moment gar nicht anspielbar gewesen wäre. Was den Schluss nahelegt, dass Ulreich augenscheinlich die richtige Strategie gewählt hatte.

Um nicht falsch verstanden zu werden: ich finde es nicht per se verwerflich, den Ball zum Torwart zurück zu spielen. Selbst bei der Partie gegen Augsburg dachte ich zum Ende der selbstbewussten Anfangsphase hin, als man verschiedentlich zurück zu Ulreich spielte, zumindest aber den Ball in der Viererkette zirkulieren ließ – was für sich genommen zweifellos ein furchteinflößender Gedanke ist –, dass es möglicherweise ganz sinnvoll sei, ein wenig Ruhe einkehren zu lassen, ehe man die Schlagzahl wieder erhöht. Einige der Umstehenden sahen das anders, bruddelten und schimpften zunehmend lautstark.

Natürlich hatten sie recht. Oder anders: natürlich hätte ich wissen müssen, dass es nur schwer möglich ist, den VfB-Motor nach einer derzeit recht verlässlich ansehnlichen Anfangsphase und dem ebenso verlässlich eintretenden Abfall noch einmal auf Touren zu bekommen, und natürlich hätte mir vor allem bewusst sein müssen, dass der Ansatz, den Ball ein bisschen zirkulieren zu lassen, angesichts der auch ohne Bedrängnis verlässlich auftretenden individuellen Fehler kein guter sein konnte. Was den Schluss nahelegt, dass Ulreich augenscheinlich die richtige Strategie gewählt hatte.

Wie auch immer: das Spiel war vor der Pause durch, war dann nach dem Platzverweis, über den alles gesagt ist, erst recht durch, und unmittelbar nach dem 1:3 fiel es, und fiel der VfB, noch einmal so richtig durch, als man im Gegenzug die endgültige Entscheidung zuließ.

Es war kein Spaß, ehrlich nicht. Ich kann mich nicht erinnern, bei laufendem Spiel, und zwar nicht erst in der 88. Minute, schon einmal einen derartigen Exodus aus unserem Block erlebt zu haben, einem Block, der nicht unbedingt im Verdacht steht, einen hohen Anteil ergebnisabhängiger Laufkundschaft zu beherbergen, und wenn ich in den letzten Tagen irgendwo gelesen habe, dass die Fans nicht wütend oder verärgert sind, sondern besorgt und von einer Enttäuschung erfasst, die phasenweise resignierte Züge hat, so trifft das meine Wahrnehmung (nicht: mein eigenes Empfinden) ganz gut.

Wenn ich anderswo lese, dass Labbadia schon wusste, was er tat, und wieso er nicht konsequent auf die Jugend gesetzt habe, so trifft das meine Wahrnehmung so gar nicht, aber das nur am Rande. Um dennoch kurz beim Nachwuchs zu bleiben: „Timo Werner, vor ein paar Wochen noch der große Hoffnungsträger, springt nahezu jeder Ball vom Fuß„, schreibt Stefan Rommel drüben bei Spox in einer vielfältigen Bestandsaufnahme, und hält damit pointiert einen Eindruck fest, den ich auch ich bei den letzten Spielen verschiedentlich beklagte. Dass auch Antonio Rüdiger nicht ganz auf der Höhe seines Schaffens ist, wurde allerorten hinreichend beleuchtet, natürlich war gerade das 1:4 verdammt billig, und bei Rani Khedira bewundere ich zwar, wie sehr er vorangehen will, glaube aber, dass ihm etwas mehr Zurückhaltung besser zu Gesicht stünde, als am gegnerischen Strafraum die Abwehrspieler anzulaufen.

Will sagen: ich sähe es gerne, wenn er Leitner den etwas offensiveren Part überließe und sich noch stärker auf die defensive Stabilität konzentrieren würde, ähnlich wie ich in der Nationalmannschaft über die Aufgabenverteilung von Bruder Sami und Bastian Schweinsteiger nicht immer glücklich bin. Wobei mir klar ist, dass sich Schweinsteiger wie Leitner in der Rolle des tief stehenden Ballverteilers sehr gut gefallen. Mir ja auch. Aber gerade Leitner ist, trotz seiner bemerkenswerten Ballgewandt- und -sicherheit, immer auch für einen Schlenker zu viel und den nachfolgenden Ballverlust gut, den ich in der gegnerischen Hälfte zwar auch nicht mag, aber wenigstens hat er dann, in aller Regel, noch Khedira hinter sich.

Bisschen viel Leitner, ne? Stimmt. Mag daran liegen, dass ich ihn derzeit für enorm wichtig halte, ohne so recht zu wissen, ob ich ihn überschätze, ob ich nur seine Ballfertigkeit, sein gutes Auge, seine Ideen so gerne sehe und dabei seine Wirkung für die Mannschaft positiver bewerte, als sie tatsächlich ist. Ganz abgesehen von der Frage, ob man zu viel Hoffnung auf einen jungen Leihspieler projizieren sollte, von dem ich mir nicht vorstellen kann, dass er seine Zukunft in Stuttgart sieht – wobei: als ob man derzeit wählerisch sein dürfte! Ich sehe ihm gerne zu, und am Wochenende sah ich auch erstmals Mohammed Abdellaoue recht gern zu, solange ich ihn noch wahrnahm. Dass dem irgendwann nicht mehr so war, dürfte nicht an mir gelegen haben.

Vorbei. Man könnte nun viel über grundsätzliche Themen sagen und – zuerst, möglichst – nachdenken, tun wir sicherlich auch alle, aber im Moment will ich einfach nur drei Punkte aus Hoffenheim. Wenn es sein muss, auch mit Ball-weg-Fußball.

Überraschung auf der Mittagsspitze

(Damüls, 25.12. 2013.) Am ersten Weihnachtsfeiertag wartete Bundestrainer Kamke mit einer Überraschung auf, die das Attribut „faustdick“ wahrlich verdiente. Im Rahmen einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz stellte er auf der Damülser Mittagsspitze, deren symbolische Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, ohne dass Kamke näher darauf eingegangen wäre, ungewöhnlich früh seinen Kader für die Weltmeisterschaft in Brasilien vor.

„Der mediale Druck, der mit zunehmender Nähe zum FIFA-Benennungstermin aufgebaut wird, ist schwer zu ertragen und letztlich unmenschlich. Deshalb kam ich gemeinsam mit meinem Kompetenzteam zu dem Schluss, ein selbstbewusstes Zeichen zu setzen und den Kader bereits heute zu nominieren,“ erläuterte Kamke, der mit diesem bemerkenswerten Vorgehen seinerseits einen gewissen Druck auf die anderen 31* Nationaltrainer ausübt, gleichzeitig aber betonte, dass man im Verletzungsfall „natürlich noch was machen“ könne.

Der Bundestrainer informierte zudem über sein innovatives Auswahlsystem, das auf dem gleichermaßen intensiven wie formal strikten Austausch mit etwa 25 Ratgebern beruht, denen Kamke sein vollstes Vertrauen aussprach. Im Ergebnis änderte sich trotz des neuartigen Ausleseprozesses zumindest insofern nichts, als auch für 2014 das eine oder andere Aha-Erlebnis bei der Kaderzusammensetzung herauskam, sowohl bei den Mitfahrern als auch bei den Daheimbleibenden.

Der aus Sicht der Redaktion sehr ausgewogene Kader setzt einige deutliche Fragezeichen. Insbesondere auf der Torhüterposition betreibt man ein gefährliches Spiel, nachdem zunächst Manuel Neuer (wie übrigens weiter vorne auch Mario Gomez) lediglich en passant und keineswegs explizit genannt wurde, ehe Marc-André ter Stegen, der vermeintlich dritte, dann unter Umständen sogar zweite Mann, in letzter Sekunde Zeile herausgestrichen wurde. Hier dürfte Kamke noch nachbessern (müssen), will er sich nicht allein auf den unerfahrenen Weidenfeller verlassen.

Auch in der Abwehr fehlen einige Namen, fehlt insbesondere ein linker Verteidiger. Kamke ließ sich diesbezüglich zu keinen konkretisierenden Äußerungen bewegen, sodass unter Experten drei Theorien kursieren: entweder wolle der Bundestrainer die in Dortmund bereits erfolgreich praktizierte Dreierkette einführen und sich keinen vierten Mann schnitzen, oder er verlasse sich schlichtweg auf den Umstand, dass in einem Kader mit den Herren Lahm und Großkreutz jede Position von vornherein doppelt besetzt sei. Theorie Nummer drei klingt eher abwegig und lässt sich auch nur schwer in Worte fassen, ließe sich aber möglicherweise mit „Westermann“ umschreiben.

Im Mittelfeld tauchen nicht nur die Langzeitverletzten Sami Khedira und Ilkay Gündogan nicht auf, sondern unter anderem auch Draxler und die Benders sowie, für den einen oder die andere vielleicht ein bisschen überraschend, Kroos und Özil. Kamkes Beratungsgremium hatte ihn von einer etwas anderen Schwerpunktsetzung und insbesondere Altersstruktur überzeugt, die gerade bei einer Weltmeisterschaft den Unterschied ausmachen kann. Anstelle der jungen Leute, die die Fußballwelt verzaubern, aber immer noch nichts gewonnen haben, entschied sich der Bundestrainer neben einem kleinen Bayern-Block (nur eben ohne den als Turniernörgler verschrieenen Kroos) für die alten Fahrensmänner Fabian Boll, Torsten Mattuschka und Mehmet Scholl.

Ganz vorne setzt Kamke ein Zeichen. Entgegen dem Trend, die Spitze auszudünnen, nominierte er erstmals sieben Angreifer – ein Wert, den selbst Erich Ribbeck nicht erreichte. Naturgemäß fehlt angesichts dieser Zahl keiner der üblichen Verdächtigen. Klose ist auf der Liste, Gomez (mit Fragezeichen, vgl. Neuer), auch Kruse und natürlich Kießling, der sich aus Sicht des Beratungsgremiums allerdings etwas verkriechen werde. Eher überraschend sind indes die Nominierungen der Nachwuchsstürmer Volland und Werner, denen nicht nur Kamke selbst eine bemerkenswerte Rolle zutraut, während die Entscheidung für Jürgen Klinsmann unter den urbanen Mythos die Rubrik „Schwächung des Gegners“ fallen dürfte.

Der ungewöhnlichste Aspekt, neben dem frühen Zeitpunkt, war sicherlich die Entscheidung, nicht nur den Spielerkader zu benennen, sondern darüber hinaus auch gleich zwei Schiedsrichter an die FIFA zu melden – auch dies ein möglicherweise beispielloses Vorgehen, das „nicht mit dem fußballkulturellen Code in Einklang zu bringen“ sei, so Kamke, der diesen Begriff wohl irgendwo aufgeschnappt, ihn aber außerhalb des passenden Kontextes verwendet haben dürfte. Er meinte wohl eher das FIFA-Regelwerk, und in der Tat bleibt abzuwarten, ob tatsächlich die Herren Dr. Brych und Stark an den Zuckerhut reisen werden.

Abschließend dankte der Bundestrainer seinem Kompetenzeam für die kreativ-disziplinierte Mitwirkung, „die mit dem Begriff ‚Zuarbeit‘ gewiss nicht angemessen gewürdigt wäre. Vielmehr ist durch die Vielfalt der Beiträge ein Gesamtbild entstanden, das meine kühnsten Erwartungen übertroffen hat und das einzig und allein dem Fachwissen und der Originalität meiner Ratgeberinnen und Ratgeber zu verdanken ist. Ich bin ein bisschen gerührt.

Der Kader im Überblick:

Tor:
Weidenfeller, (Neuer),  ter Stegen

Abwehr:
Boateng, Großkreutz, Hummels, Lahm, Mertesacker, Westermann,

Mittelfeld:
Boll, Götze, Mattuschka, Müller, Reus, Scholl, Schweinsteiger,

Sturm:
Kießling, Klinsmann, Klose, Kruse, Volland, Werner, (Gomez)

Schiedsrichter:
Dr. Brych, Stark

* Wir bitten angesichts der sprichwörtlichen heißen Nadel, mit der der obige Text gestrickt wurde, um Nachsicht für den Fehler, der sich eingeschlichen hat, den wir aber der Authentizität halber unverändert belassen wollen. Tatsächlich handelt es sich nicht um 31 andere Bundestrainer, sondern um 31 Millionen.

dreizehn/zwanzigdreizehn


Wenn sie singt, sind es Arjen, nicht Lieder.
Wenn sie schreibt, knie ich demütig nieder.
Wenn sie poetisiert,
ist sie bildhaft versiert.
Als Fünfzeiler fühl ich mich bieder.


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(nach Christian Morgenstern)

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Weitere Adventsfünfzeiler gibt’s im Kalender.

On a completely different note:

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neun/zwanzigdreizehn

Vom Skifahrer zum Raumbeherrscher
Dazwischen Sommermärchen-Schlagzeuger
Dahoam vaspuid – eiskoid
vor lauter Zorn glei’s Tripl ghoid.
endlich umjubelt – der Siebener

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Die Bella hieß früher mal Patsch,
doch das klang fast nach Sanftmut – so’n Quatsch!
Sie wollt’ donnernder twittern,
gern mal grollen und g’wittern,
und die Axt … (ist adventlich too much).

 

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Weitere Adventsfünfzeiler gibt’s im Kalender.

Sämi

In den letzten Monaten habe ich des Öfteren ein bisschen in die Vergangenheit geblickt. Etwa dreieinhalb bis vier Jahre zurück, um genau zu sein. Auf jene Zeiten, als man noch zu einer überschaubar großen Gruppe gehörte, wenn man sich klar für Sami Khedira in der WM-Stammelf aussprach. Wer waren schon Ballack und Schweinsteiger (die der Verfasser dieser Zeilen im Übrigen fußballerisch sehr schätzte bzw. noch immer schätzt)?

In aller Regel waren Menschen, die wie ich dachten, VfB-Anhänger und hatte Khediras Werdegang in den Jahren zuvor recht intensiv beobachtet, begonnen spätestens bei seinem drohenden Karriereende als A-Jugendlicher, über den Meisterschaftskopfball und die Entwicklung zum Kopf und Herz des damaligen VfB bis hin zur U21-EM. Und darüber hinaus, als sich nur noch die Frage stellte, wann und wohin er gehen würde, um sich auf Augenhöhe messen zu können, und als er doch in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer nicht als ernsthafte Konkurrenz für die Platzhirsche beim DFB galt, noch dazu nach seiner Kreuzbandverletzung im März 2010.

Die Zeiten haben sich geändert. Binsenweisheit, nicht wahr? Wenn man in diesen Tagen die Kommentare liest, die Quervergleiche zu Ballack 2010, die Elogen auf Khediras integrierende, ausgleichende Wirkung bzw. die damit einher gehende Sorge um die Kabinenharmonie, die Betonung seiner fußballtypologischen Einzigartigkeit, dann könnte man entweder „told you so“ sagen oder aber eine bemerkenswerte Entwicklung konstatieren. Die natürlich, told you so, für den gemeinen Stuttgarter nicht ganz unerwartet kam.

Umso verwunderlicher, dass ich mich in den besagten letzten Wochen regelmäßig bei dem Gedanken ertappte, nicht so recht zu wissen, wieso Khedira im Grunde immer spielt. Oder anders, dass ich meinen Satz nicht zu Ende führen konnte:

„Er läuft vielleicht nicht so leichtfüßig wie Gündogan, hat nicht dessen Schuss Genialität, kann den letzten und vorletzten Pass nicht so gut spielen oder auch verwerten wie Schweinsteiger, ist nicht so ballsicher und schussstark wie Kroos, nicht so pressingresistent und behände wie Lahm, und möglicherweise ist er auch nicht so hart im Nehmen wie die Benders, aber …“

Und dann hing ich ein bisschen. Wusste nicht so recht, ob er wirklich so zwingend gesetzt sein müsse, wie man mitunter meinen konnte, dass er es sei. Wie er es vielleicht auch war. Wäre. War er da und fit, spielte er. Während zum Beispiel Gündogan noch einen Status hatte, der ungefähr dem oben beschriebenen von Khedira 2009/10 entsprach. Und gleichzeitig konnte – und kann – ich mir nicht vorstellen, dass eben dieser Gündogan in Brasilien auf der Bank sitzt. Weil er, was für ein ausgefuchstes Argument, zu gut ist.

Skeptiker mögen zu Recht erwidern, dass ich an anderer Stelle schon einmal sagte, ich könne und wolle mir nicht vorstellen, Mats Hummels bei der WM nicht in der Startelf zu sehen. Was im Moment nicht so abwegig erscheint. Also dass er nicht in der Startelf steht. Weil Mertesacker und Boateng stabiler wirken, ungeachtet der Hummels’schen Eleganz und vor allem seiner Spieleröffnung.

Aber das ist ein anderes Feld. Hier geht’s um Sami Khedira. Den alle Welt, zu meinem jahrelangen Erstaunen, Sämi nennt. So wie man damals Mehdi Ben Slimane, Tunesier wie Khediras Vater, mancherorts gerne mal Ben Slimeijn aussprach. Dachte ich. Bis mir zugetragen wurde, Khedira selbst lege Wert auf Sämi. Oder Sämmi, so genau weiß ich das nicht. Ist ja auch nicht so wichtig jetzt. Wichtiger wäre, ihn zur WM wieder hinzubekommen. Den Sämi.

Der vielleicht nicht so leichtfüßig ist wie Gündogan, dem wohl auch dessen Hauch Genialität abgeht. Der nicht so torgefährlich ist wie Schweinsteiger und dem dessen Fast-schon-Stürmer-Vergangenheit fehlt. Der die Bälle weniger elegant verteilt als Kroos und nicht so akkurate Pässe schlägt. Der einen größeren Wendekreis hat als Lahm und anders als die Benders nicht zum Innen- oder Rechtsverteidiger taugt.

Der diese wunderbare Mischung aus Selbstbewusstsein, Professionalität und gar einem Schuss Demut ausstrahlt, Und der so herrlich unauffällig und doch so effektiv spielen kann. Möglicherweise würde ich, wäre sie nicht so überstrapaziert, an dieser Stelle auch noch die Formulierung von dem Spieler, der seine Mitspieler besser macht oder sie glänzen lässt, verwenden. Vieles spricht dafür, dass er genau das tut. Auch wenn ich es nicht nachweisen kann.

Kurz: ich sähe ihn gerne bei der WM. Aus vielerlei Gründen. An erster Stelle seiner selbst wegen. Aber ich räume ein, dass er bei mir a priori nicht spielen würde, wenn Schweinsteiger und Gündogan fit wären. Die Tönung der VfB-Brille ist ein wenig verblasst.

#echtehelden

Mal angenommen, der Torwart der zum gegenwärtigen Zeitpunkt vermutlich besten und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch selbstbewusstesten Mannschaft der Welt kassiert bei einer 3:0-Führung ein Gegentor, dem man mit einer Kategorisierung als „Ehrentreffer“ nach Lage der Dinge nicht unrecht täte. Nehmen wir weiter an, dieser Torwart springt dann mit bemerkenswerter Dynamik nach dem durch das Tor kullernden Ball, um ihn auf keinen Fall dem halbherzig heraneilenden trabenden gegnerischen Angreifer zu überlassen, und fragen uns dann, wie wir das interpretieren sollen.

Ist dieser Torwart einfach nur extrem professionell, quasi ein Führungsspieler, der dem Gegner signalisiert, dass man nicht bereit ist, ihn gewähren zu lassen, ein Leader, der den Mitspielern signalisiert, sich mit dem nötigen Ernst zu wehren? Handelt es sich vielleicht um ein Männlichkeitsritual, eine Reviermarkierung, nach dem Motto: „Ich allein entscheide, wann der Ball mein Tor verlässt“?

Oder ist der Torwart vielleicht überhaupt erst derjenige, der dem Gegner unwillentlich deutlich macht, dass er noch nicht verloren hat oder gar ist, vermittelt er mit seinem im Grunde (und in jedem anderen Fall sich nach einem Gegentor auf den Ball hechtender Torleute) lächerlichen Ball- und Zeitgewinn jenen Anflug eines Zitterns, das der kurz zuvor noch am Debakel schnuppernde Gegner erst als Indiz für eine möglicherweise verbliebene Restchance versteht und das den wankelmütigen Mitspieler in seinem bis dato kaum wahrnehmbaren Zweifel bestärkt?

Nein, nein, ich vertrete nicht ernsthaft die Ansicht, Manuel Neuer sei tatsächlich derjenige, der dem VfB mit seiner zur Schau getragenen Balleroberung im DFB-Pokalfinale wieder Leben eingehaucht habe, und auch nicht, dass seine Mitspieler dieses Zeichen irgendwie gebraucht hätten. Ich finde die Aktion nur bemerkenswert. Ist das ein Reflex? Einfach eine Angewohnheit, sozusagen als Antithese zu dem jugendlichen Helden in Brian Glanvilles „Der Torwart ist eben etwas Besonderes“ (einem Buch, das möglicherweise zurecht niemand kennen dürfte, das ich aber, wie das bei jungen Lesern halt so ist, seit vielen Jahren im Herzen Hinterkopf trage), der sich nach allen Regeln der Kunst vor der Schmach zu drücken sucht, einen Ball aus dem Tornetz holen zu müssen?

Wie auch immer: die Stuttgarter kamen in der Tat zurück, vermutlich neuerunabhängig, und in den Schlussminuten waren sie, nachdem ihr mutiger, zielstrebiger und auch, man höre und staune, meines Erachtens taktisch sehr guter Auftritt der ersten 35 Minuten zu Beginn der zweiten Halbzeit innerhalb weniger Minuten durch zwei ungeschickt verteidigte (wenn auch gut vorgetragene) Aktionen der Bayern vermeintlich wertlos geworden war, recht nah dran, zu Helden zu werden.

Ok, meine Wortwahl wäre das wohl nicht, aber wie ich trotz urlaubsbedingter Medienabstinenz zwischenzeitlich erfuhr, hatte sich das Hashtag #heldenwerden allem Anschein nach zumindest bei Twitter durchgesetzt. Eine Art Motto also, das zwar nicht ganz so schwülstig daherkommt wie die Dortmunder #echteliebe, aber gebraucht hätt’s so was meines Erachtens dann auch nicht. Vielleicht könnte man sich ja zusammentun und im Gedenken an die Erste Allgemeine Verunsicherung #echtehelden intonieren. Da wie dort wie dort gilt: Geschmackssache.

Dass der VfB noch einmal aufkommen konnte, lag naturgemäß in erster Linie an der Münchner Überheblichkeit. Den Gedanken, man könne angesichts der deutlichen Führung seinen Torgaranten auswechseln und die, äh, zweite Reihe ausprobieren, hätte ich gerne noch ein wenig härter bestraft gesehen. Daneben möchte ich, bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Zeilen, Bruno Labbadia ein Lob zollen, und das auch noch doppelt: Okazaki brachte (für mich recht überraschend) tatsächlich nicht nur den viel zitierten frischen Wind, sondern auch Gefahr: seine Beteiligung am Anschlusstreffer kam nicht von ungefähr.

Und dass Gotoku Sakai tatsächlich flanken kann, wenn er mal auf links ran darf, wussten wir zwar alle seit der Vorsaison; umso schöner, dass es nun auch dem Trainer zugetragen wurde – und dass er dem Rechnung trug. Bezeichnend dann allerdings auch Sakais Ecke von rechts. Mit rechts. Ins Toraus. Kurz vor Schluss. Im Pokalfinale.

Abseits rein sportlicher Aspekte haben mir die Finalspiele der letzten beiden Samstage eines ungewohnt deutlich vor Augen geführt: Siegerehrungen sind eine großartige Sache!

Nun mag der eine oder die andere entgegnen, dass dem nur so sei, wenn man die siegreiche Mannschaft unterstütze, oder auch, dass dem nicht einmal dann so sei und dass ich ohnehin ziemliche Sülze von mir gebe. Dem kann ich insofern zustimmen, als ich selbst auch kein großes Vergnügen aus der Übertragung von Siegerehrungen ziehe. Eigentlich. Sie haben aber einen sehr angenehmen Nebeneffekt: jene halbe Stunde, die vom Abpfiff bis zum Ende der Siegerehrung gut und gerne vergeht, gibt allen Beteiligten genügend Zeit, ihr Mütchen ein wenig zu kühlen und dann mit der nötigen Souveränität die Nachberichterstattung anzugehen.

Erstes bemerkenswertes Beispiel war für mich in dieser Hinsicht Roman Weidenfeller (die geneigte Leserin weiß vielleicht, dass ich nicht zum engeren Zirkel der Weidenfeller-Sympathisanten zähle) nach dem Champions-League-Finale, und Jürgen Klopp stand ihm darin kaum nach. Völlig überraschend gelang es in der Woche darauf auch einem Protagonisten der hiesigen Abteilung Attacke, Fredi Bobic, dem siegreichen Gegner souverän zu gratulieren und gleichzeitig die starke Leistung der eigenen Mannschaft zu würdigen, dabei sogar ein paar kleine Spitzen zu setzen, ohne aber seinen Freund, den Dampfhammer, auszupacken. Chapeau.

Letztlich waren nach dem Pokalfinale, etwas überraschend, die Siegerinterviews kontroverser, zumindest teilweise. Selbst Philipp Lahm machte zwischen den obligatorischen Streicheleinheiten für seine Frisur dem Interviewpartner erstaunlich deutlich deutlich, dass er keine Lust hatte, sich mit dessen kritischer Analyse zu befassen – wofür ich eine Menge Verständnis habe. Interessant auch, wie scharf Arjen Robben nach wie vor reagiert, wenn er auf die Pfiffe zu Saisonbeginn angesprochen wird. Auch diese offenbar recht tief sitzende Verletztheit verstehe ich sehr gut, obschon ich mir nicht sicher bin, ob es nötig war, den Fans so deutlich ins Stammbuch zu schreiben, dass letztlich nur die Leute für ihn zählen, mit denen er tagtäglich zusammenarbeitet.

Völliges Unverständnis hat indes Karl-Heinz Rummenigges Versuch bei mir ausgelöst, seine hinlänglich dokumentierte 1,8-Promille-Aussage als fehlinterpretiert darzustellen. Kürzlich hatte ich, übrigens auch hier im Einklang mit dem ungewohnt milden (präsidialen?) Fredi Bobic, bereits geschrieben, dass mich jener Satz eher kalt gelassen hat. Rummenigge war im Überschwang, er wollte die Gäste ein bisschen animieren, seine rhetorische Brillanz tat das Übrige, da kommt dann halt auch mal so was raus. Mir recht egal.

Dass er dann aber nicht in der Lage ist, eine Woche später etwas zu sagen wie „Mei, da hab ich mich in meiner Begeisterung ein wenig vergaloppiert, es war halt ein Spruch, nehmen Sie das doch nicht so ernst„, oder meinetwegen auch nur „Ach, jetzt brauchen wir doch nicht die Sprüche von letzter Woche rauskramen„, oder, mein persönlicher Favorit, „Wieso? Wir haben doch Wort gehalten!„, sondern dass er stattdessen ernsthaft versucht, die Zuhörer der Fehlinterpretation zu bezichtigen, empfinde ich als ein wenig beschämend. Ich bitte zu Protokoll zu nehmen, dass ich mir in diesem Moment gewünscht hätte, Franz Beckenbauer an seiner statt am Mikrofon zu sehen.

Zurück zum Spiel? Ach, eher nicht. Es ist alles gesagt. Der VfB stellte sich geschickt an, begann gut, schwächelte dann ein wenig, drohte kurz unterzugehen, rappelte sich auf, brachte die Bayern in Verlegenheit, verlor aber, und ging erhobenen Hauptes vom Feld. Bzw. er tat es nicht, der Enttäuschung wegen, hätte es aber tun können.

Genug. Sähe man sich die gängigen Statistiken an, dürften recht deutliche Ballbesitz-, Ecken- und bestimmt auch Foulwerte zu verzeichnen sein; einzelne weniger weit verbreitete Zahlen finden sich nachfolgend:

Gesprächsminuten mit Manuel Gräfe
1. Bastian Schweinsteiger 31
2. Thorsten Schiffner 12
3. Guido Kleve 11
Mit grimmiger Miene verbrachte Spielminuten
1. Martin Harnik 90
2. Matthias Sammer 55
3. Mario Gomez 29
Direkte Zuspiele zum Gegner
1. Vedad Ibisevic 12 (95 %)
2. Bastian Schweinsteiger 11 (9,5 %)
3. Sven Ulreich 10 (49,5 %)
(Produktive) Kabinettstückchen mit Ball (Gefühlt.)
1. Thomas Müller 7
2. Alexandru Maxim 6
3. Andere 2
Elfmeterreife Vergehen
1. Serdar Tasci 1
2. Ibrahima Traoré 0
3. Jérôme Boateng 0

 

Da Roppn spielt an Seich!

Mir doch egal, wer da gewinnt, dachte ich. Ein schönes Spiel soll’s halt werden, dachte ich. Gerne vier zu drei oder so, dachte ich, ohne Elfmeterschießen, versteht sich.

Und gleichzeitig wusste ich, dass mir irgendwas einen Strich durch die Rechnung machen würde. Irgendein herkunftsloses Gefühl, das mir sagen würde, welcher Mannschaft ich die Tore gönne und welcher nicht. Bis vor ein paar Jahren hätte sich die Frage im Grunde nicht gestellt. Zu sehr konnte ich Dortmund so gar nicht leiden, zu groß war im Vergleich dazu meine Grundsympathie für die Bayern. Das hatte sich in den letzten Jahren geändert, dem Dortmunder Fußball sei Dank, dem Dortmunder Trainer sei Dank, und noch vor einem Jahr hätte ich den Sieg wohl ohne lang zu überlegen den Gelben gegönnt.

Nun indes, nach den jüngeren Münchner Entwicklungen, wusste ich schlichtweg nicht, was ich wollte. Wie bereits gesagt. Ein schönes Spiel sollt’s halt werden, gerne vier zu drei oder so, ohne Elfmeterschießen, versteht sich. Aber ich wusste ja, dass mir irgendwas einen Strich durch die Rechnung machen würde. Nur: dieser Strich war ein ganz anderer als der, den ich erwartet hatte.

Er war mir zu, wie soll ich sagen, destruktiv. Oder, positiver: mitfühlend. Jedes 4:3 oder 3:4 oder meinetwegen auch 4:4, dann halt doch noch mit Elfmeterschießen, setzt voraus, dass irgendwann einer in Führung geht. Dumm nur: ich wollte das nicht.

Jenes irgendwas, das mir sonst im Grunde bei jedem Spiel, und sei es irgendein Kreisklassenkick, den ich eher zufällig zu sehen bekomme, unmissverständlich signalisiert, wessen Tore gut und wessen Tore böse sind, verweigerte mir am Samstag die Kooperation. Egal wer eine Chance hatte, an deren Entstehung ich mich erfreute: das Irgendwas sagte: „Nein. Bitte kein Tor jetzt!“

Dass es zunächst in erster Linie Dortmunder Tore verhinderte, lag in der Natur der Sache dieses Spiels. Der Druck, den sie auf die Bayern ausübten, beeindruckte mich im selben Maße wie mich deren Unfähigkeit, sich davon zu befreien, entsetzte. Ich war begeistert von ihren Ballgewinnen, von der Rasanz und Stringenz, mit der sie dann in Richtung Neuer eilten – um sogleich den Torerfolg, den Rückstand für die Bayern zu fürchten.

Als rot dann irgendwann mitspielte, ergab sich dasselbe in grün. Gelb. Wie auch immer. Tolle Flanke von links, Mandzukic macht alles richtig, mal wieder, aber der Ball soll doch bitte nicht rein! Oder Robben gegen Weidenfeller, den ich nun wirklich nicht leiden mag, und dem ich wohl nie mehr so sehr wie am Samstag wünschen werde, Auge in Auge mit dem Stürmer siegreich zu bleiben, von mir aus auch einfach angeschossen zu werden.

Später dann dieser laut vernehmliche Zungenschnalzer ob Ribérys Zuspiel auf Robben und die gleich folgende Erleichterung, dass jener ihn nicht so ideal mitgenommen hat. Um dann doch noch die Kurve zu bekommen, und siehe da (Mist!): der Führungstreffer! Jetzt aber los, Ihr Gelben, gleicht aus, flott, flott!

Hat dann ja auch geklappt. Was die Bayern, die längst Herr im Hause waren, aber was heißt das schon in einem Champions-League-Finale, ein wenig wütend und vor allem noch entschlossener werden ließ. Als dann jedoch selbst Müller vor dem leeren Tor in ungeahnter Halbherzigkeit nicht recht zu wissen schien, ob er den Ball selbst über die Linie schieben oder doch lieber den Kollegen Robben anspielen soll, war ich fast geneigt, daran zu glauben, dass mein Irgendwas irgendwo erhört worden sei und man sich im Morgengrauen auf ein Unentschieden einigen werde.

Dies (also unmittelbar nach Müllers Chance und Subotics Rettungstat) war übrigens auch der Moment, in dem ich die Beherrschung verlor. Lange genug hatte ich, und nicht nur ich, schweigend über mich ergehen lassen, wie ein glühender Bayernfan, der zufällig am Nachbartisch saß und sich offensichtlich bereit erklärt hatte, für den kleinen, heterogenen und völlig zufällig zusammengewürfelten Haufen, der keine andere Wahl gehabt hatte, als sich vor dieser Leinwand zu versammeln, den Steffen Simon zu geben, den Steffen Simon gab. Oder irgendwas Ähnliches.

Von der ersten Minute an beschimpfte er seine Bayern, selten aggressiv, meist eher resigniert, was man noch recht belustigt hätte zur Kenntnis nehmen können, zumal das bairische Idiom die Kanten ein wenig abrundete. Bitter war indes sein zur Schau getragener Pessimismus, der sich meist so ausdrückte, dass das Eindringen der Dortmunder in das Münchner Verteidigungsdrittel – und sie waren häufig dort – in schöner Regelmäßigkeit von einem prophetisch überzeugenden „1:0. Jetzt ist es soweit!“ in vielfältigen Variationen begleitet wurde; auf das unvermeidliche „Da schau hi!“, das jede einzelne Unachtsamkeit der Bayern nach sich zog – und es gab nicht so wenige davon – will ich gar nicht weiter eingehen.

Einen besonders schweren Stand hatten, nun ja, im Grunde alle, aber noch besonderer war es bei Schweinsteiger und beim Roppn, wenn ich ihn recht verstanden habe. Ein Schelm übrigens, der einen Bezug zum Vorjahr herstellt. Beim Roppn war nach seinen vergebenen Chancen schon früh Hopfen und Malz verloren. Da ich dies beim Kommentator ähnlich empfand, sparte ich mir auch den vorsichtigen Hinweis, es komme möglicherweise nicht von ungefähr, dass gerade Robben derjenige sei, der mit wenigen Ausnahmen überhaupt in torgefährliche Situationen komme. Vergeben Liebesmüh, sagte ich mir. Noch.

Als dann also Müller den Ball nicht ins leere Tor geschoben, sondern irgendwohin in das (geometrisch womöglich nicht ganz saubere, wohl aber gefühlte) Dreieck Torlinie-Robben-Subotic gepustet hatte, und als Robben dann erst Sekundenbruchteile nach Subotic am Ort des Geschehens war, und als man sich zugegebenermaßen überlegen konnte, ob, sagen wir, Ulf Kirsten an Robbens Stelle möglicherweise einen Tick energischer herangerauscht und samt Ball und Subotic ins Tor gerutscht wäre, und als unser Kommentator, außer sich vor irgendeinem schwer zu definierenden Gefühl, seine Zuhörer zum wiederholten Male wissen ließ, was der Roppn doch für an Seich spiele, konnte ich nicht anders, als ansatzweise energisch darauf hinzuweisen, dass der Müller halt einfach den Ball ins Tor schießen solle, dann müsse man sich nicht über den Roppn echauffieren. (Gleichzeitig dankte ich Müller im Stillen dafür, dass er es nicht getan hatte – es schien absehbar, dass Dortmund nach einem Rückstand eher nicht mehr ins Spiel zurück finden würde.)

Die gemurmelte, nicht zustimmende Reaktion verfing sich ein wenig in seinem Schnauzer, seine Frau, der zuvor nicht verborgen geblieben war, wie ich gelegentlich die Augen verdrehte, raunte ihm etwas zu, und ich bilde mir zumindest ein, dass es danach wesentlich besser war. Was natürlich auch ein bisschen daran liegen mag, dass seine Mannschaft halt auch wesentlich besser war. So gut, dass irgendwas in mir mittlerweile fast soweit war, einen etwaigen Münchner Treffer zu begrüßen. Fast. Tatsächlich freute ich mich noch in der 85. Minute gemeinsam mit meinem Sitznachbarn, dass die Verlängerung nun doch in greifbarer Nähe war. Tja.

Und dann kam der Moment, dessentwegen ich Abbitte leisten musste. Bei Jupp Heynckes. Ich weiß nicht, wie oft ich im Lauf der zweiten Halbzeit den Kopf geschüttelt hatte ob seiner Entscheidung, Boateng auf dem Platz zu lassen, einen angeschlagenen Innenverteidiger, den ich mir in keinem Laufduell mehr vorstellen konnte (vielleicht wusste der Trainer einfach, dass sich angesichts der nun geltenden Kräfteverhältnisse keines mehr ergeben würde), und der nun den langen Ball schlug, der die Entscheidung einleitete. Und wiederum hatte Ribéry einen extrem lichten Moment, und wiederum war es der Roppn, der dankend annahm und diesmal selbst, und zwar in ganz großer Manier, vollendete – um so die beiden Seelen in meiner Brust gleichermaßen aufheulen und jubilieren zu lassen.

Großer Sport, all das. Irgendeine ausländische Zeitung wurde, wenn ich mich recht entsinne, dahingehend zitiert, dass alle, restlos alle Spieler auf den Schultern vom Platz getragen gehört hätten. Dem schließe ich mich vollumfänglich an.

Und möchte abschließend noch einen Gedanken weitertragen, den mir ein Freund am Tag danach per SMS zukommen ließ. Sinngemäß sagte er, er habe bisher Verständnis gehabt für die verbreitete Argumentation, Doping bringe im Fußball nichts. Die Dortmunder Anfangsphase habe ihm indes eines vor Augen geführt: wenn alle 90 Minuten laufen könnten wie einst Johann Mühlegg, dann beherrschen sie das Spiel. Dann hätten, um den Gedanken weiterzuführen, die Bayern 90 Minuten lang die eigene Hälfte nicht verlassen.

Natürlich hinkt das irgendwo, natürlich muss man sich vor Augen führen, dass die Fitnessunterschiede letztlich immer nur kurzzeitig groß sein können, weil ziemlich rasch auch alle anderen besser trainieren oder ähnlich leistungsfähige Apotheker ausfindig machen, und dann möglicherweise auch weiter fortgeschrittene fußballerische Strategien zur Anwendung bringen können. Aber ich (als jemand, der Fußballdoping schon länger für relevant hält) finde es sehr wohl bemerkenswert, dass dieses eine Spiel, ein zweifellos großartiges Spiel, jemanden dazu bringt, seine Grundhaltung zu Doping im Fußball anzuzweifeln. (Und nein, er ist weder Gelegenheitsfußballfan noch jemand, der das Spiel nicht verstanden hat.)

Eine Konsequenz übrigens, die der SMS-Schreiber en passant in den Raum stellte: dass „Langholz“ wieder salonfähig wird, wenn der Druck der Presser immer weiter zunimmt. Ich dachte kurz darüber nach, in meiner Antwort darauf hinzuweisen, dass die Bayern keinen Lothar Matthäus mehr in ihren Reihen haben, der diese zentimetergenauen langen Bälle spielen könne, um dann gerade noch rechtzeitig an Boateng zu denken. Und an Heynckes. Und daran, wie wenig ich von modernem Fußball verstehe.

Kompromisslose Bravheit*

Lange vor Spielbeginn wurde deutlich, dass Bruno Labbadia seine Mannen erfolgreich eingeschworen hatte: bis hin zum Parkplatzwächter zeigten sie sich in ihrer Abwehrhaltung konsequent und kompromisslos.

So zumindest mein Eindruck, als der Steuermann einer recht großen Limousine versuchte, die Mercedesstraße auch im anlassbezogen Fußgängern vorbehaltenen Bereich zu befahren, vermutlich bis hin zum Businessbereichseingang. Die Diskussion zog sich ein wenig, die Worte des Einweisers waren zunehmend deutlicher zu vernehmen (vielleicht lag’s auch daran, dass sich meine Lauschdistanz – ohne dass ich eine Lauschabsicht gehabt hätte – verringerte, will ich ja nicht ausschließen) und kulminierten sinngemäß in einem unmissverständlichen „dann muss er halt aussteigen und die paar Meter laufen“. Also schickte der Spitzenpolitiker seinen Fahrer von dannen, stieg, ein wenig echauffiert anmutend, aus und ging zu Fuß.

Dahin wollte man die Bayern auch bekommen, vermute ich. Zu dem Punkt, an dem sie ein bisschen unglücklich sind, weil sie sich in ihrer Entfaltung eingeengt fühlen. Was dann, wenn es gelingt, auch mal dazu beitragen kann, dass Franck Ribéry in der ersten Hälfte öfter foult als gefoult wird,  zumindest nach meiner subjektiven Wahrnehmung, die sich für Halbzeit zwei nun wahrlich nicht aufrecht erhalten ließe.

Ohne jeden Zweifel ist es keine abwegige Herangehensweise, die in fast allen Belangen bestehende Überlegenheit des Gegners von vornherein anzuerkennen und entsprechend aufzutreten. Man sollte allerdings, und darin unterscheidet sich meines Erachtens ein Bundesligist aus dem mittleren oder unteren Drittel der Tabelle vom Pokalgegner aus der sechsten Liga, dennoch selbstbewusst genug sein, die Hoffnung auf eigene Angriffsaktionen nicht ausschließlich dem lieben Gott aufzuladen, sondern ein gewisses Grundvertrauen in die eigene Offensivkompetenz zu vermitteln – auch sich selbst.

Ansonsten sieht das dann so aus wie beim VfB gegen den großen übermächtigen Furcht einflößenden paralysierenden unbezwingbaren FC Bayern München, oder wie damals bei mir, als ich als ganz junger Erwachsenenfußballer am Ende einer guten Saisonvorbereitung etwas überraschend im Pokal gegen einen wesentlich höherklassigen Gegner mitspielen durfte und tatsächlich in eine vielversprechende Situation geriet.

Als ich den Ball erhielt, befand ich mich in einer deutlich besseren Position als der letzte Mann des Gegners, war allerdings noch gut dreißig Meter vom Tor entfernt. Die Chancen, das Laufduell zu gewinnen, lagen sicherlich ein ganzes Stück unter 50 Prozent, unter Berücksichtigung eines Hakens mit entsprechendem Raumgewinn, den ich gar nicht so schlecht beherrschte, könnten sie vielleicht sogar nahe an fifty-fifty herangereicht haben. Den Ball abzuschirmen und auf nachrückende Mitspieler zu warten, wäre mir ob meiner Nervosität und der vermeintlich einzigartigen Gelegenheit niemals in den Sinn gekommen, und letztlich entschied ich mich für die, äh, sichere Variante: Abschluss, aus dreißig Metern, quasi aus dem Stand, mit dem schwächeren Fuß. Höflicher Beifall folgte.

Eben diesen höflichen Beifall zolle ich auch dem VfB für sein Auftreten gegen die Bayern. Diszipliniert waren sie, zweifellos. Engagiert, in der Defensive. Und vor allem: brav. Aber brav reicht leider nicht. Man konnte sich fragen, wieso Ibrahima Traoré in zentraler Position nicht den Abschluss sucht oder weiterläuft und das Foulspiel des ihn wutschnaubend verfolgenden Bastian Schweinsteiger in Kauf nimmt, sondern sich an einem Querpass versucht, der die Begriffe „Alibi“ und „feige“ irgendwo in meinem Gehirn schnappatmend um Verwendung ringen lässt. Und bedauert, dass Martin Harnik in der fünften Minute eine sehr gute Konterchance mit einem ungenauen, meines Erachtens überhasteten (Wer weiß, ob wir in diesem Spiel noch einmal in die gegnerische Hälfte kommen?) Pass auf Traoré verschludert.

Ach, ich weiß auch nicht recht. Im Grunde lief alles wie erwartet, und doch ist die Enttäuschung enorm. Ich bin mir recht sicher, lieber wieder ein 3:6 sehen zu wollen, oder auch ein 1:6, bei dem man irgendwann einmal die Hoffnung hat, die Mannschaft glaube womöglich daran, etwas reißen zu können. So macht das keinen Spaß.

Und weil das so war, habe ich mich ein wenig am Spiel von Florian Meyer erfreut. Was nicht daran lag, dass ich mir aus meiner sehr ungünstigen Position keine regelgerechte Aktion vorstellen konnte, mit der Georg Niedermeier Toni Kroos gestoppt haben könnte, Meyer sie aber sehr wohl fand. An der einen oder anderen Stelle habe ich mich auch über ihn geärgert, wie man sich halt immer mal über den Schiedsrichter ärgert. Ich will auch nicht andeuten, Collinas Erben hätten mein Gehirn so gewaschen und getrocknet, dass ich nur noch das Gute im Schiedsrichter an sich sehe.

Vielmehr schaue ich Florian Meyer so gerne zu, weil er wie ein Fußballspieler läuft. So, wie ich mir Fußballspieler in meiner Jugend vorgestellt habe und sie wohl auch heute noch schätze. Etwas o-beinig, mit schwach ausgeprägter Eleganz, vielleicht gar ein wenig gebückt. Wie Jan Wouters halt. Und so gar nicht brav, im Übrigen.

Es gefällt mir einfach, wenn ich mir den Schiri als Fußballspieler vorstellen kann.

* Der Duden nennt als Synonyme für Bravheit nur Mut und Tapferkeit.  Ich meine was anderes.