Dr große Graba

Tja. Hätte Arianit Ferati in der 69. Minute das Tor getroffen, dann hätten nach dem Abpfiff wohl die anderen triumphiert. Also jene, die wie ich große Stücke auf den Fußball halten, den Alexander Zorniger spielen lässt, und die sich eindrucksvoll bestätigt gesehen hätten von einer aus der Not geborenen Mannschaft, die in Leverkusen sehr ansehnlichen, vielleicht auch begeisternden – ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, mein Bild ruckelte oft und war ziemlich körnig – Sport gezeigt und den Gegner waidwund geschossenspielt hatten.

Dass Ferati die Sache nicht zu Ende gebracht hat, kann man niemandem leichter verzeihen als dem jungen Kerl. Kann vermutlich auch der Trainer, der Ferati meines Erachtens keineswegs, wie vereinzelt zu hören war, abgestraft und ihm die Höchststrafe verpasst hat, indem er ihn eine halbe Stunde nach seiner Einwechslung wieder auswechselte.

Vielmehr hatte er einen gehörigen Anteil an der besten Phase des VfB, als er wie erhofft das Offensivspiel belebte, und an der zwischenzeitlichen vermeintlich klaren Führung; in einer komplett neuen Spielsituation waren dann wieder ganz andere Qualitäten gefordert, die recht weit entfernt waren von Feratis Kernkompetenzen. Das weiß er, das wissen wir, und das hätte sich der Trainer meinetwegen schon einen Tick früher denken können. So wie Huub Stevens in Paderborn, mit Maxim in der Ferati-Rolle. Die Älteren werden sich erinnern.

Zurück auf Los. Hätte hätte Fahrradkette. Ferati traf nicht, das Schicksal nahm seinen Lauf, insbesondere in Person von Karim Bellarabi, und der VfB hatte ihm nichts entgegenzusetzen. Nicht Przemysław Tytoń, der ihm nicht einmal den linken Fuß entgegenhalten konnte, auch kein Feldspieler, und auch nicht der Trainer. Und so konnten also die anderen “Seht Ihr!” sagen.

Jene, die gerne wieder einmal einen Trainer zum Teufel oder auch nur nach Mutlangen schicken würden, mindestens, vielleicht gleich noch einen Sportvorstand dazu, ein Präsident wäre auch noch in der Verlosung, und unter dem Brennglas sogenannter sozialer Medien konnte ich mich nach Spielende des Eindrucks nicht erwehren, dass manch eine(r) eine gewisse Freude am Rechthaben verspürte. Ob er oder sie nun recht hat oder nicht.

Das macht keinen Spaß. In dieser Klarheit habe ich die Frontenbildung innerhalb der Anhängerschaft selten erlebt. Und es ist ja nicht so, dass der VfB in den vergangenen Jahren nicht bereits das eine oder andere Beziehungsdrama zwischen Trainer und Anhängerschaft erlebt hätte, in verschiedensten Facetten. Aber stets, so zumindest mein Eindruck, verschoben sich die Gewichte nach und nach, ausgehend von einem gewissen Grundvertrauen und auf Basis mehr oder weniger ausgeprägter Anfangserfolge, zu Ungunsten des Trainers, ehe schließlich die Waage kippte und der Daumen nach unten ging.

Heuer ist das anders. Die mehr oder weniger ausgeprägten Anfangserfolge stellten sich gar nicht erst ein, zumindest nicht, als es zählte; gleichzeitig waren es nicht zuletzt die brotlosen Duftmarken im Vorfeld, die zu einer raschen Zweiteilung der Anhänger führte: pro oder contra Zorniger, mitunter im Verbund mit Herrn Dutt. Gerne genommen dann auch das ganz große Rad, was angesichts der angesprochenen Entwicklungen vergangener Jahre nicht verwundert. Gleichzeitig kann man sich fragen, ob die Personalie Zorniger damit nicht ein bisschen überladen wird – wohl wissend, dass daran wiederum Robin Dutt seinen Anteil hat.

Die Positionen waren also früh eingenommen und haben sich zwischenzeitlich vielerorts verfestigt. In meinem Kopf hat sich das Bild vom großen Graben breitgemacht, dabei habe ich keine Ahnung von Asterix. Ich selbst bekannte mich schon vor Wochen zu einem gewissen Trotz, der seither eher nicht geringer geworden sein dürfte, und möglicherweise ist das Bild auf der, Verzeihung, Gegenseite ein recht ähnliches.

Und so wird derjenige, der Herrn Zorniger lieber gestern als heute gekündigt sähe, ebenso wenig gelten lassen, dass die Mannschaft gestern über weite Strecken einen ganz hervorragenden Eindruck hinterlassen hat und an bitteren Fehlern gescheitert ist, individuell wie kollektiv, wie ich geneigt bin, von meiner Überzeugung, dass der VfB zornigerscher Prägung, mit all seinen Defiziten, die Kurve bekommen und uns noch viel Freude machen werde, abzugehen.

Gewiss, der eine oder die andere mag nun gekippt sein, so wie im gegenteiligen Fall der Vertrauensvorschuss für den Trainer bei manchem Fan vermutlich wieder knapp in den positiven Bereich gerutscht wäre, aber insgesamt wirkt es doch so, als seien die Fronten, man möge mir den Begriff verzeihen, ebenso klar wie verhärtet. Und unvorhersehbar – gestern ertappte ich mich schon bei einem absurden Quervergleich zu Stuttgart 21.

Keine Sorge, mir ist schon klar, dass wir uns da in unterschiedlichen Welten bewegen; die deutlichen Positionierungen, die quer durch das eigene Umfeld a priori nur schwer vorherzusehen sind, brauchen sich indes vor den Diskussionen, die man vor wenigen Jahren auf jeder Party, in jeder Kneipe, bei jedem beruflichen Stelldichein führte, weder in ihrer Entschlossenheit noch in ihrer Verbohrtheit zu verstecken. Selbst in Sachen Omnipräsenz sind wir auf einem “guten” Weg.

Ja, natürlich gibt es auch Grauzonen. Und ja, auch ich nehme für mich in Anspruch, wie für viele andere, ein vernunftbegabtes Wesen zu sein, das seine Position abwägt, hinterfragt und möglicherweise irgendwann, digital betrachtet, ins Gegenteil verkehrt. Selbstverständlich sehe ich die Defizite im Spiel des VfB, oder zumindest jenen Teil, der sich meinem Sachverstand erschließt, natürlich wünsche ich mir manches anders, nicht zuletzt im zählbaren Bereich, und dass ich an Herrn Zornigers Auftreten das eine oder andere auszusetzen haben, habe ich des Öfteren zum Ausdruck gebracht.

Und doch bin ich im Kern erst einmal auf der Seite des Trainers, und ich werde den Teufel tun, diese Position nach einem Spiel, in dem der Beinahe-Absteiger beim Champions-League-Teilnehmer phasenweise groß aufspielt und, davon bin ich überzeugt, nach knapp siebzig Minuten um Zentimeter an einem deutlichen Sieg vorbeizielt, den Stab über diese Mannschaft und ihren Trainer zu brechen.

Ja, ich weiß, genau daran liegt ein Problem: dass es oft so läuft. Dass man nicht mehr von Zufällen und Pech sprechen kann, zumindest nicht ausschließlich, vielleicht nicht einmal primär. Ich habe Verständnis für jeden, bei dem diese Argumente irgendwann überwiegen und der eine Veränderung vorzöge. Eher weniger Verständnis habe ich indes für diejenigen, die den Schuldigen identifiziert und das Urteil gesprochen haben – und für die gegenteilige Meinung wenig bis kein Verständnis aufbringen, aber so ist das wohl manchmal, wenn man es mit Menschen zu tun hat.

Letztlich ist unsere Meinung ja ohnehin irrelevant. Letztlich geht es darum, was die Entscheidungsträger denken, letztlich sind sie es, die den Stab gegebenenfalls brechen, auch wenn ich eben in einem Anflug von Größenwahn anderes andeutete. Und, so ehrlich bin ich gern: das ist auch gut so. Und nein, ich werde mich jetzt nicht an einer Diskussion über die Vereins-Entwicklung (sic!) beteiligen.

So werde ich also auch weiterhin von Spiel zu Spiel denken, die Leistungen der Mannschaft und, eher mittelbar, des Trainers beobachten, meine Meinung hinterfragen. Und wenn dann irgendwann alles gut wird, im Idealfall mit Alexander Zorniger, werde ich mich redlich bemühen, etwaige Triumphposen stecken zu lassen, und jeden VfB-Fan, der mir im Wege steht, umarmen. Ehrlich. Bis dahin, oder bis zum Beweis des Gegenteils, werde ich erst einmal meine Filter optimieren. Und mir vielleicht das nach dem Ingolstadt-Spiel angedachte T-Shirt drucken lassen:

Ari&
Titti&
Mili&
Ruppi.

Fragen Sie nicht. Gerade wegen Ari.

Sieben. Und elf: link-elf.

Null. Nominierungen.
Bei Twitter, in Blogs, gerne mal im Facebook, vermutlich auch bei Google plus oder sonst wo, wird man in letzter Zeit gerne mal nominiert. Man möge sein liebstes Buch nennen, oder die besten Musikstücke, oder die schönsten Filmszenen, Sie erkennen das Prinzip, oder kennen es. Ich kann dem nicht so wahnsinnig viel abgewinnen, um es ein bisschen euphemistisch auszudrücken. Also dem Nominierungsprozess. Die jeweiligen Präferenzen und die entstehenden Gespräche an sich sind häufig sehr erquicklich, mir missfällt nur das kettenbriefartige.

Vielleicht bin ich da zu sehr Kind der 80er, das mehrfach um sein Seelenheil fürchtete, weil Papa nicht bereit war, den Brief im Büro neunfach zu fotokopieren, auf dass der Sohnemann ihn durch die Republik oder auch nur an die noch nicht bedienten Mitschülerinnen und Mitschüler versenden könne, sodass ihm, also mir, wegen Kettenbruchs gar schreckliche Szenarien blühten. Sie traten nicht ein, das Trauma blieb.

Eins. Empathie.
Andere Menschen haben möglicherweise auch Traumata. Vielleicht Thomas, wiewohl eher ein Kind der 70er, oder auch @dierudola, von der ich annehme, dass sie ganz gut in die 90er passt, schulisch, aber ich weiß es nicht. Vermutlich gab es aber auch zu ihren Zeiten Kettenbriefe, und wer weiß, ob sie nicht nach wie vor die Angst vor dem Kettenbruch mit sich herumtragen.

Es wäre mir sehr arg, diese beiden liebgewonnenen Social-Media-WeggefährtInnen einem solchen Risiko auszusetzen. Und so schreibe ich nun also sieben Fakten (naja, was man halt so mit viel Wohlwollen Fakten nennt) über mich auf, ergänzend zu jenen zwanzig, die hier vor einem knappen Jahr unnominiert aufgelistet wurden.

Zwei. Fußball.
Ich interessiere mich für Fußball. Könnte sehr viel Zeit damit verbringen, mir Fußball anzusehen. Manche(r) mag es geahnt haben. Aus eben diesem Grund sehe ich seit Jahren davon ab, Bezahlfernsehensabonnent zu werden. Denn ich bin schwach. Und habe Angst vor der zweiten griechischen Liga, exemplarisch, die mich fürderhin dreimal pro Woche in ihren Bann ziehen könnte, wenn nicht grade Ligapokalspiele in Chile angesetzt sind. In der Konsequenz muss ich mitunter unwirtliche Orte aufsuchen, um Spiele des VfB Stuttgart zu verfolgen.

So wie jüngst jenen 80er-(schon wieder)-Jahre-Partykeller, der mir als Nebenraum einer „Lounge“ angekündigt worden war, die ihren Namen auch nur so halb verdiente. Drei auf zwei Meter, mit eierkartonähnlichem Relief vor dem einzigen Fenster Lichtschacht, einem Spielautomaten, der sich die Stirnseite mit dem Bildschirm teilte, mit Sitzgelegenheiten, die noch den Duft selbstgedrehter Zigaretten aus den späten 60er Jahren atmeten und so einen gelungenen olfaktorischen Kontrast zur benachbarten Toilette bildeten.

Aber ich war allein, bis weit in die zweite Halbzeit hinein, dann gesellte sich ein junges Pärchen ohne jedes Fußballinteresse hinzu, Fußballsmalltalk war also nicht nötig. Perfekt. Was man von dem Spiel nicht sagen konnte. 2:3 in Berlin, Sie erinnern sich. Frühere 3:2-Spiele, die ich an Einmal-und-nie-wieder-Orten gesehen habe: Bielefeld 2006, Bochum 2007. Besser. Wesentlich.

Drei. Schwächen.
Man kann nicht drumherum reden: ich habe eine Schwäche für Moritz Leitner. Regelmäßige Mitlesende wissen das.

Bei besagtem Spiel in Berlin hatte ich kurz die Hoffnung, erstmals eine größere Anzahl VfB-Anhänger auf meiner Seite zu wissen. Nicht dass es mir wichtig wäre, mein Faible zu teilen, aber es hätte vermutlich darauf hingedeutet, dass sich das Spiel so weiterentwickelt hätte, wie es begonnen hatte. Mit Leitners Tor, Leitners Ballgewinnen und einer Leitner’schen Kopfball-Rettungsaktion. Hat es aber nicht. Nun denn. Frühere Schwächen galten beispielsweise Christian Tiffert, Roberto Hilbert oder Raphael Holzhauser. Es hätte schlimmer kommen können: mein Stadionnachbar stimmt heute noch Emanuel-Centurión-Gesänge an.

Vier. Unwissenheit.
Dass dieses Blog seit mehr als drei Wochen schweigt und auch davor nichts wesentlich anderes tat, hat in allererster Linie mit zeitlicher Auslastung zu tun. Beruflich. Und ganz am Rande damit, dass ich mich aus unerfindlichen Gründen in jüngster Freizeit gerne mal auf Gedichtseiten und in entsprechenden Foren herumtreibe. Eine sehr frustrierende Erfahrung, hatte ich doch gedacht, mich für den Hausgebrauch ganz gut mit Versmaßen, Strophenschemata und dergleichen auszukennen. Pustekuchen!

Es reicht offensichtlich nicht, weitgehend unfallfreie Fünfzeiler zustande zu bringen, Rilkes Panther herunterleiern zu können und irgendwann mal Heines Wintermärchen (Gedicht? Na ja, reimt sich halt.) gelesen zu haben. Den formalen Rahmen eines Sonetts bekomme ich vielleicht grade noch hin, beim Inhalt wird’s schon dünn, von Akrostichen, Haikus oder Terzinen gar nicht zu reden. Geht übrigens häufig auch denjenigen so, die sich an diesen Formen versuchen und ihre Werke zur Diskussion stellen. Nicht dass ich es beurteilen könnte, aber die Reaktionen der Checker lassen darauf schließen.

Fünf. Murphy.
Dass ich das Spiel gegen Leverkusen nicht gesehen habe, hat keine lyrischen Gründe. Stattdessen verbrachte ich einen Kurzurlaub, mit Bergwanderung und so, in Bayern. Schön war’s. Sehr schön sogar. Aber ich gebe zu, dass ich so ein 3:3 nach 0:3 schon auch gern mal mitgenommen hätte. Frühere Spiele, die ich aus Kurzurlaubsgründen verpasst habe: Bremen 2004 (4:4), Hoffenheim 2013 (6:2).

Sechs. Fachwissen.
In der Startelf, die ich vor der Saison in einem Blogger-Fragebogen gegenüber n-tv.de prognostizierte, nahm den linken Außenverteidigerposten Adam Hloušek ein. Eine Personalie, deretwegen ich mitunter belächelt wurde. Bitte vergleichen Sie hierzu auch Punkt drei. Gegen Leverkusen kam er nun erstmals zum Einsatz. Und, was soll ich sagen: 45 Minuten, 3:0 Tore, fiktive drei Punkte. Ich traue mich gar nicht, das auf die Saison hochzurechnen.

Sieben. Schuld.
Ich trage eine große Schuld. Nicht alleine, aber mit. An einer bitteren Entwicklung in der Sportbloggerei. Nein, ich habe nicht in dogfoods Kommentarspalte getrollt. Aber ich habe die #Link11 nicht hinreichend unterstützt. Sie wissen schon, drüben bei Fokus Fussball. Wo tolle Typen tolle Dinge tun. Mit hoher Qualität und hohem Aufwand. Nun schläft sie, also die Blog- und Presseschau, allem Anschein nach noch ein bisschen tiefer als zuletzt dieses Blog.

Sicherlich, die Erben sind noch dort, und jeden Besuch wert. Aber eben keine #Link11 mehr. Was dazu führt, dass ich, gerade zu Zeiten eines besonders gut gefüllten Terminkalenders, fußballmäßig verdammt uninformiert durchs Leben gehe. Und was nebenbei auch zur Gewissheit werden lässt, was sonst nur sehr wahrscheinlich wäre: dass kaum jemand diesen Text lesen wird. (Der Einfachheit halber sei an dieser Stelle ignoriert, dass Charakter und Inhalt ohnehin nicht geeignet wären, dem vorliegenden Text eine #Link11-, Obacht!, -Nominierung einzubringen.)

Klar, ich habe immer mal wieder auf die #Link11 verwiesen, im nennenden wie im verlinkenden Sinne, in der Regel fiel beides zusammen, und sie bei Twitter gelobt, retweetet oder kommentierend verlinkt, aber den Magen der Autoren, leider ohne -innen, füllt das ja auch nicht. Nicht dass der eine oder andere flattr-Obolus gleich geeignet wäre, die Mägen fünf oder noch mehr ausgewachsener junger Männer in der Blüte ihres Lebens zu füllen, aber ich Pfeife bin ja noch nicht mal bei flattr angemeldet!

Nun will ich den jungen Leuten, allen voran den Gründern Jens und Klaas, gar nicht unterstellen, dass die gegenwärtige Funkstille in erster Linie monetäre Gründe habe, es sei denn, was nicht abwegig ist, man bezeichnet die betriebswirtschaftlich unstrittige Priorisierung bezahlter gegenüber unbezahlten Projekten und Aufgaben als monetären Grund.

Vielmehr, um den Gedanken wieder aufzunehmen, unterstelle ich Ihnen zeitliche Restriktionen, in Verbindung mit kaum existenten finanziellen Anreizen, sich stundenlang mit Podcasts, Blog- und Pressetexten zu befassen, eine Auswahl zu treffen, einzudampfen, zu strukturieren, zu zitieren, ein übergreifendes literarisch-musikalisches oder auf anderes Weise Struktur gebendes Thema zu finden und dieses dann auszugestalten, kurz: zu kuratieren, um letztlich von der verwöhnten Leserschaft viel Kenntnisnahme, manches Lob, ein wenig Kritik ob der Textauswahl und gelegentlich blöde Sprüche zu ernten.

Wertschätzung. Sollte ich dran arbeiten. Im Movember melde ich mich bei flattr an. So als Anfang.

Nullnull. Nominierungen.
Keine. Mein Seelenheil wird’s verkraften.

 

Aufstiege, Abstiege, Zwischenlösungen

Waren nicht schlecht, die Relegationsspiele neulich, ne? Also zumindest die zwischen zweiter und dritter Liga, und dort vornehmlich das Rückspiel. Bielefelder mögen das anders sehen.

Wieder einer jener Abende, die zu erfassen einzig Sir Alex Fergusons geflügeltem Wort „Football, bloody hell!“ gelingt. Abstrakt gesehen.

Bei Twitter jagte ein Superlativ den vorhergehenden, und nicht selten las man sinngemäß Folgendes:

„[Lob des Spiels], [Lob der Darmstädter], [Lob des Fußballs], [Ungläubigkeit], [Faszination], aber Relegation ist trotzdem doof und gehört abgeschafft.“

Was ich, den Umstand außer Acht lassend, dass all diese Metazitate niemals in 140 Zeichen gepasst hätten, was arg an meiner Glaubwürdigkeit rüttelt, für eine völlig legitime Sichtweise halte. Die ich nicht im Geringsten teile, aber darum geht es ja nicht. Es gibt gute Argumente gegen die Relegation, zweifellos, und es gibt meines Erachtens auch gute Argumente dafür. Sie alle wurden vielerorts und häufig genug ausgetauscht.

Der einzige Aspekt, der mich in den vergangenen Tagen verwunderte, wohl weil er mir in den Vorjahren nicht so häufig begegnet war, so zumindest meine Erinnerung, war die Schlussfolgerung mancher Relegationsgegner, manchmal mehr, manchmal weniger explizit ausgeführt, dass man dann ja konsequenterweise auch dazu übergehen müsse, den Meistertitel in einer Play-Off-Phase, zumindest aber in einem Endspiel der beiden Punktbesten auszuspielen.

Das kann ich nicht nachvollziehen. Verzeihung, nachvollziehen kann ich es schon, aber ich empfinde es nicht als folgerichtig. Im einen Fall, der Meisterschaft, haben sich 18 Mannschaften in einem gemeinsamen, in sich (ab-)geschlossenen Wettbewerb ein Jahr lang gemessen. Am Ende steht ein Ergebnis, das die eine als objektiv besser als die andere ausweist.

Im anderen Fall, wenn es um Auf- und Abstieg geht, betrachten wir zwei (oder mehr) Mannschaften, die in getrennten, hierarchisch klar einzuordnenden Wettbewerben spielen und die sich im Lauf der Saison weder begegnet sind noch sich mit den gleichen Gegnern gemessen haben. Eine Aussage über die relative Stärke können wir nicht seriös treffen.

Implizit beschäftigen wir uns auch mit der Frage, wie groß der Unterschied, bzw. wie groß eine Schnittmenge zwischen den beiden Ligen ist, innerhalb derer nur geringe sportliche Unterschiede bestehen. Diese Frage wurde irgendwann dahingehend beantwortet, dass die beiden Besten der niedrigeren Klasse mit den beiden Schlechtesten der höheren Klasse die Plätze tauschen sollen. Jahre später hat man sich dann für deren drei entschieden, in anderen Ländern mag die Tauschliste länger oder kürzer sein.

Wo die optimale, je nach Interpretation leistungs- oder leistungsvermögensgerechteste Lösung liegt, weiß man nicht, vermutlich ändert es sich von Jahr zu Jahr, beziehungsweise, was in unserer Ligen- und Saisonstruktur nicht relevant ist, in kürzeren Abständen. Der Gedanke, am Ende einer jeden Saison ganz konkret in einem sportlichen Duell der Grenzgänger auszuloten, wo die Kante aktuell verläuft, ist in diesem Kontext kein abwegiger.

Dass man darin eine zu zeitpunktbezogene, tagesformabhängige, zugespitzte Form der Entscheidungsfindung sehen kann, die dem Spieljahresprinzip zuwider läuft, liegt auf der Hand. Oder dass man hinterfragen kann, ob jeweils zwei fixe und ein variabler Auf- bzw. Absteiger richtig gewählt sind. Wieso nicht drei plus eins, zum Beispiel? Legitime Sichtweise.

Ganz abgesehen davon, dass der Verdacht, es gehe DFL und DFB in erster Linie darum, zum Saisonende ein maximales Spektakel zu bieten, nicht auszuräumen ist, noch nicht einmal von der Hand zu weisen. Was man dann natürlich doch als Gemeinsamkeit mit einem Meisterschafts-Play-Off sehen kann, wenn man möchte. Auf einer aus meiner Sicht arg sportfernen Ebene.

Wie schaffe ich jetzt nur die Überleitung zum HSV? Nee, sorry, da muss ich passen. Muss es eben so gehen.

Der Hamburger Sportverein, der sich dem Vernehmen nach im abgelaufenen Jahr auf dem Platz häufig ähnlich sportfern betätigte wie der VfB Stuttgart, nahm ebenfalls an der Relegation teil, stand aber im Schatten der Darmstädter. Dennoch schlug er den Herausforderer aus Fürth aus dem Feld, der ebenfalls ausführlich diskutierten Auswärtstorregel geschuldet, was den geschätzten Kollegen vom Fürther Flachpass zu grundsätzlichen Aussagen zum Kräfteverhältnis zwischen erster und zweiter Liga und einer, wenn ich ihn recht interpretiere, systemimmanenten Benachteiligung der Zweitligisten animiert hat.

Ich kann das, wie auch dort per Kommentar geäußert, nicht ganz nachvollziehen (wohl wissend, dass die finanziellen Rahmenbedingungen in den beiden Ligen sehr unterschiedliche sind). Den Fürther Nichtaufstieg nach zwei unentschieden gestalteten Spielen empfinde ich unabhängig davon als bitter. Was andersherum analog gälte.

Wie auch immer: der Dino ist dem Abstieg von der Schippe gesprungen, die Uhr darf weiterlaufen, der HSV bleibt der einzige Bundesligist, der noch nie abgestiegen ist. So las ich zumindest. Und war, wie manch andere(r), nicht ganz einverstanden:

Die geneigte Leserin weiß natürlich, dass es da noch ein paar weitere Vereine gibt, die zwar nicht von Anfang an dabei gewesen sein mögen, die aber nie in die zweite Liga abgestiegen sind. Was für sich genommen wiederum eine problematische Aussage ist, da ja auch Preußen Münster, Tasmania Berlin, Borussia Neunkirchen und Rot-Weiß Oberhausen, vielleicht habe ich auch noch jemanden vergessen, für sich in Anspruch nehmen können, nie von der Bundesliga in die zweite (Bundes-)Liga abgestiegen zu sein, sondern nur in die jeweilige Regionalliga.

Aber das mag selbst der sachkundigen Leserschaft ein bisschen zu speziell sein, nicht im Sinne von „wissen wa nich“, eher von „Korinthenkacker!“ Beschränken wir uns also auf die Frage nach den aktuell Unabsteigbarengestiegenen, die leicht beantwortet ist, wie auch die (hier nicht dokumentierten) Reaktionen auf diesen Tweet zeigten:

Genau. Es handelt sich um den HSV, den FC Bayern, Bayer Leverkusen, den VfL Wolfsburg, die TSG Hoffenheim, den FC Augsburg und den SC Paderborn. Die eine oder andere Ungenauigkeit bei den Vereinsnamen bitte ich gönnerhaft hinzunehmen.

Sieben ist ne Menge, nicht wahr? Nicht zuletzt vor dem Hintergrund besagter (und historisch vollauf gerechtfertigter) HSV-Fokussierung, gerade auch wenn man das Ganze spätestens seit der Zeit verfolgt hat, als noch von vier verbliebenen Dinos, die damals noch nicht so genannt wurden, Hermann hieß ohnehin keiner von ihnen, die Rede war: dem HSV, Köln, Frankfurt und Kaiserslautern. Und jetzt sollen es plötzlich sieben sein?

Ja, ist so. Und vor zwei Jahren waren es auch so viele. Danach muss man aber schon bis 1995/96 zurückgehen, um auf gleich viele bzw. mehr unabgestiegene Bundesligisten zu stoßen. In den zwanzig Jahren zuvor lag man stets zwischen acht und elf, erstmalige Ab- und erstmalige Aufstiege hielten sich offensichtlich ungefähr die Waage, die stärkeren Veränderungen unmittelbar davor, also zu Beginn der 70er, mögen zum Teil mit dem Bundesligaskandal zu tun gehabt haben, vielleicht auch, abstrakter, mit der anstehenden bzw. erfolgten Einführung der zweiten Liga, aber so genau habe ich mir das nicht angesehen. In ihren ersten vier Jahren hatte die Bundesliga übrigens stets aus Vereinen bestanden, die noch nie abgestiegen waren.

Im ersten Jahr zudem, und das ist wahrlich eine Binsenweisheit, aus lauter Neulingen. Nach der Aufstockung 1965 waren nie mehr drei oder gar mehr Neulinge vertreten, bis 1980 aber zumindest so gut wie immer zumindest einer. Danach bröckelte das ein wenig, mit gelegentlichen Ausreißern, also gleich zwei Neulingen auf einmal. Menschen meiner Generation werden sich sogleich an Blau-Weiß 90 Berlin oder den FC Homburg erinnern, an die historische Besonderheit mit Dynamo und Hansa sowieso, und danach wurde es dünn.

Um die Jahrtausendwende hatten wir noch einmal eine, Verzeihung, Freaksaison mit Neulingen aus Unterhaching und Ulm, die derzeit recht weit von der Bundesliga entfernt sind, was im Ulmer Fall gerade in diesen Tagen ein König unter den Euphemismen ist. Sieht man dann noch von Energie Cottbus ab, so haben die meisten Vereine, die seit Ende der 90er erstmals aufgestiegen sind, beginnend mit Wolfsburg, die Klasse durchgehend gehalten, über die einjährige Mainzer Verschnaufpause sehe ich nonchalant hinweg, und Fürth, siehe oben.

Seit 2008 mit Hoffenheim darf man wohl sogar von einer kleinen Trendwende sprechen, einer Mini-Renaissance der Neulinge. Über die Bewertung dieses Umstands scheiden sich die Geister insofern, als insbesondere Hoffenheim, aber auch Augsburg mit ihren Finanzstrukturen nicht zwingend geeignet sind, das Herz all derer höher schlagen zu lassen, die sich eine Offenheit der Bundesliga für Underdogs wünschen. Wünsche ich mir auch. Was mich nicht daran hindert, das (Achtung, böses Wort!) „Projekt“ Hoffenheim interessiert und gelegentlich den Hut ziehend zu verfolgen.

Als Underdogs kann man sie indes nicht ernsthaft einordnen, und auch Augsburg nur bedingt. Leipzig wird in absehbarer Zeit recht laut an die Tür klopfen, Ingolstadt möglicherweise etwas leiser. Da freut man sich dann vielleicht besonders über die Fürths und Paderborns dieser Welt.

Kommt Heidenheim auch bald? Und sind sie dann gut oder böse? Werden sie gar eine neue „Region“ sein können? Die Zeit wird es weisen. In der Zwischenzeit kann ja der eine oder die andere nach Fehlern suchen:

Gomez trifft, Kießling auch

Der VfB hat in Hamburg gespielt, und Antonio Rüdiger tat das, wovon er noch vor kurzem gesagt hatte, dass es ihm nie wieder passieren würde. Alexandru Maxim tat das, was er schon die ganze Saison tut (deren Anfang ich verdrängt habe), die rechte Abwehrseite tat, was sie gerne mal tut, und Mario Gomez tat, was er immer tut: er traf. Sagte zumindest die Sport1.fm-App:

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0:1, 1:1, ach, das ist doch einerlei bei einem Spiel, von dem jeder weiß, dass es letztlich 3:3 ausgehen wird. Und wenn doch nicht Gomez das Tor getroffen haben sollte, dann nimmt man halt einen anderen:

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Fast. Maxim war’s.

Irgendwie ein bisschen unbefriedigend, wenn man aus Gründen, die an dieser Stelle nicht von Belang sind, darauf angewiesen ist, das Spiel im Webradio zu verfolgen, und wenn dann zum einen die Verbindung ständig abbricht, was am Netz gelegen haben mag, und zum anderen die angezeigten Informationen eher so halb richtig sind.

Gut, wenn man in solchen Momenten andere Themen hat, mit denen man sich beschäftigen kann. Ein Phantomtor zum Beispiel, über das fast alles gesagt (und beim geschätzten Herrn @bimbeshausen wunderbar dokumentiert und kommentiert) ist, aber eben noch nicht von jedem, also entblöde auch ich mich nicht, zwei oder drei ungeordnete Gedanken hinauszuposaunen.

Der erste betrifft den aus meiner Sicht überraschend gemäßigten Umgang mit der Situation. Müßig zu erwähnen, dass dies nicht für Rudi Völler und seine lustigen (müßig zu erwähnen) Ideen gilt. Aus dem von Vernunft geprägten, langweiligen Einheitsbrei ragte zudem Markus Merk heraus, der in beispielhafter Neunmalklugheit zu Protokoll gab, dass er wohl, aus heutiger und, auch wenn er selbst das nicht so sagte, völlig von Leistungs- und sonstigem Druck befreiter Sicht, kurzerhand und eigenmächtig den Videobeweis eingeführt hätte. Ich frage mich, was er eigentlich gegen Felix Brych hat.

Viele andere, allen voran die Hoffenheimer Protagonisten, von Gisdol über Beck und Casteels bis hin zu Herrn Bimbeshausen, beeindruckten mit bemerkenswerter Souveränität, von der man meinen könnte, sie sei der möglicherweise trügerischen Gewissheit geschuldet, das Ergebnis werde keinen Bestand haben.

Dummerweise, so eine häufig gehörte Einschätzung der Geschehnisse, waren die Hoffenheimer auch in der Situation selbst sehr souverän und besonnen, anstatt sich lautstark und, so das von mir vermutete Szenario, rudelbildend zu echauffieren. Ob Herr Dr. Brych das besonders goutiert hätte, sei ebenso dahingestellt wie die Frage, ob er dann, wie von ihm selbst in den Raum gestellt, seine Entscheidung kritischer hinterfragt hätte, und wenn ja, wie.

Was mich irritiert, sind all jene Stimmen, die eben das Brych zum Vorwurf machen: dass er aus den überschaubaren Protesten der eventuell benachteiligten Mannschaft Rückschlüsse auf die Berechtigung eben dieser Proteste schloss. Ich halte das für ein völlig normales menschliches Verhalten, das uns gefühlt in jeder zweiten Folge von Collinas Erben begegnet. Dort betont @lizaswelt zwar stets, dass es sich dabei nur um ein Indiz, aber nie um einen Beweis handeln könne; ein schlechtes Indiz sei es aber in aller Regel nicht. Sehe ich auch so.

Eugen Polanski übrigens auch. Im SWR sagte er sinngemäß (den genauen Wortlaut konnte ich nicht eruieren), er sei sich zunächst sicher gewesen, dass der Ball ans Außennetz gegangen sei, und habe auch protestiert. Da jedoch nicht die ganze Mannschaft (quasi niemand außer ihm) protestiert habe, sei er nicht mehr absolut sicher, sondern verunsichert gewesen. Verunsichert war er also. Und fügte sich dann. In einen deutlichen Nachteil, wohlgemerkt.

Ist es so abwegig, dass es einem Spieler der anderen Mannschaft, der etwa anderthalb Meter von Polanski entfernt stand, also einen ähnlich guten Blickwinkel hatte, auch ähnlich ergeht? Dass er dem Hype (also dem seiner Mitspieler) glaubt und seine Zweifel zwar einräumt, sie aber angesichts der Gesamtsituation hinterfragt und sich in den Vorteil fügt?

Nun, es fällt mir nicht ganz schwer, mir so eine Konstellation vorzustellen. Nur mal so als Gedankenexperiment: man stelle sich vor, ein Spieler würde fälschlicherweise sagen, der von ihm geschossene oder geköpfte Ball sei nicht im Tor gewesen und das Tor würde dementsprechend nicht gegeben. Möchte man eher nicht. Möchten die Mitspieler nicht, der Spieler selbst sowieso nicht, der Schiedsrichter nicht und wahrscheinlich nicht einmal der Gegner.

Um nicht falsch verstanden zu werden: der Gedanke, dass Stefan Kießling sehr wohl und ohne Restzweifel wusste, auf welcher Seite der Ball den Pfosten passiert hatte, liegt auf der Hand, auch auf meiner. Und ohne Polanskis Interview wäre ich vermutlich schneller dabei, ihn der bewussten Lüge zu bezichtigen. Davon bin ich ein bisschen abgekommen.

Gleichwohl: möglicherweise hat er eine Chance verpasst. Und zwar allem Anschein nach jene, künftig in einem Atemzug mit Miroslav Klose genannt zu werden. Das mag in vielerlei Hinsicht erstrebenswert sein; in Sachen Fairness verweise ich indes auf das Fragezeichen, das ich bereits vor ziemlich genau einem Jahr zu setzen versuchte. Damals hatte Klose mit seinem Handgeständnis lediglich den Status wiederhergestellt, der vor seinem Betrugsversuch gegolten hatte. Aber das nur am Rande.

Im Übrigen, und damit will ich es dann auch bewenden lassen, bin ich, auch wenn das natürlich keinen Entscheidungsträger interessiert, kein Befürworter eines Wiederholungsspiels. Im Gegenteil: mir graut vor allen Wiederholungsspielen, die uns künftig wegen gegebener Abseitstore oder nicht gegebener Nichtabseitstore, wegen anerkannter oder nicht anerkannter Wembleytore (die Definition eines Wembleytores lässt sich ja in beide Richtungen beugen) oder wegen der Erkenntnis, dass eine vorbereitende Bananenflanke im Aus gewesen sei, ins Haus stünden. Bin ich ein Romantiker? Ja, der Bananenflanke wegen.

Ja, natürlich ist das Leverkusener (Nicht-)Tor ein außergewöhnliches gewesen, selbstredend ist der Fall ein extremer. Ich zweifle nur an einer eindeutigen Grenze zwischen „inakzeptabel, den Sport schädigend“ und „Pech gehabt“. Gäbe es sie doch, so zweifelte ich daran, dass sich die Vereine an diese Grenze halten würden. Und Christoph Schickhardt.

Die Frage, ob die FIFA eine anderslautendes Urteil akzeptieren würde steht noch einmal auf einem ganz anderen Blatt. Mindestens ein Gegenbeispiel kennen wir alle.

Dysfunktional

Komischer Kerl, der Kamke.

Auf der einen Seite betrachtet er die Entwicklung des Fußballs völlig nüchtern. Wundert sich über den Kampf „gegen den modernen Fußball“, und das nicht nur, weil er froh ist, keinen Libero mehr zu sehen, sondern unter anderem auch deshalb, weil er nicht mehr auf unüberdachten Tribünen in 60er-Jahre-Stadien stehen will und betriebswirtschaftliche Themen nicht per se als das Böse betrachtet. Macht kein Hehl daraus, dass er das „Projekt Hoffenheim“ vor Jahren als spannenden Feldversuch betrachtete und noch heute interessiert verfolgt.

Hat keine Berührungsängste mit einem deutschen Meister VfL Wolfsburg und ziemlich wenig Verständnis für die noch immer hoffähigen Hinweise auf den bösen Leverkusener „Plastikclub“, der seit 1979 ununterbrochen in der Bundesliga ist (was nur vier andere Vereine von sich behaupten können). Und heißt dereinst RasenBallsport Leipzig in der Bundesliga willkommen, so sie sich denn sportlich qualifizieren.

Und auf der anderen Seite ist er ein Sozialromantiker. Den ein ungutes Gefühl beschleicht, wenn er, wie seit geraumer Zeit üblich, liest oder hört, dass ein Spieler „funktioniere“, oder eben nicht.

Dass es im aktuellen Fall gerade – zufällig, möchte er sagen – Klaus Allofs ist, der sich bei den 11 Freunden gleich doppelt (das erste Mal durch die Fragestellung dahin gedrängt, das zweite Mal aus freien Stücken) so zitieren lässt, dürfte er – angesichts seiner Wertschätzung für den besonnen wirkenden Bremer Vorstand – nebenbei ein wenig bedauern; der Irritation tut das keinen Abbruch, vielleicht im Gegenteil.

„Ich bin mir zum Beispiel sicher, dass ein Wesley oder Marko Marin vor fünf Jahren beim SV Werder Bremen, unter anderen Vorzeichen, richtig gut funktioniert hätten.“

Zwei kleine Rädchen im Getriebe der Bremer Angriffsmaschinerie, sozusagen. Abnutzungsteile, womöglich, die man jederzeit austauschen kann. Oder anders gesagt: eine treffende Zustandsbeschreibung des Profifußballs? Vielleicht.

Dennoch: dem Kamke, also mir, gefällt sie nicht, die Reduktion des Fußballspielers auf seinen Anteil am Produktionsprozess. Klingt so entmenscht, irgendwie.

(Wäre ich firm in Sachen Kapitalismuskritik oder in dem, was gerne einmal pejorativ als Klassenkampfrhetorik bezeichnet wird, könnte ich mein Unbehagen vermutlich besser ausdrücken.)

Kapitalismuskritik am Beispiel von Fußballprofis. Hat was. Veröffentlicht, wie ich grade mitbekomme, am Tag, an dem besagter Klaus Allofs zunehmend ernsthaft nachgesagt wird, im Winter zu besagtem VfL Wolfsburg zu wechseln.

Ich habe mich wohl ein bisschen verlaufen. Was ich sagen will (falls man es nicht erahnen kann):
Gefällt mir nicht, wenn Menschen „funktionieren“ sollen.

Horse & Hound

Zufällig hatte ich bei Raphael Holzhausers Auswechslung genau hingesehen. Nein, nicht zufällig. Wenn ich ehrlich bin, sah ich im Grunde 77 Minuten lang nur Holzhauser zu. Oder sagen wir gute 100, einen Teil des Aufwärmprogramms nahm ich schließlich auch noch mit.

So hatte ich also, wie bereits gesagt, genau hingesehen und registriert, dass Holzhauser sehr rasch den Weg zur Bank antrat, als hätte er bereits gewusst, was kommen würde, als hätte er gar nicht auf das Täfelchen des vierten Offiziellen zu warten brauchen. Was Bruno Labbadias Version, sein Spielmacher (ok, das sagte er nicht) habe um die Auswechslung gebeten, aus meiner Sicht stützt.

Selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, wenn Labbadia einfach für sich zur Überzeugung gelangt wäre, Holzhausers Auswechslung sei angezeigt, wäre das in Ordnung gewesen. Einen 19-Jährigen in seinem fünften Bundesligaspiel  nach 77 Minuten vom Platz zu nehmen, ist nicht allzu ungewöhnlich. Nicht zuletzt dann, wenn ihm beim vorigen Spiel eine gute Leistung, zum Ende hin aber auch ein gewisser Abfall attestiert worden war. Sowohl von der Presse, deren aufwieglerische Agenda allerdings bekannt ist, als auch von Mitspieler Harnik, der in „Stadion aktuell“ sein Lob für Holzhauser mit einem nicht allzu verklausulierten Hinweis auf ein gewisses Verbesserungspotenzial in Sachen Fitness anreicherte:

„Rapha hat in Nürnberg gute Akzente gesetzt und das in einem Spiel, in dem spielerisch nicht viel ging. Gegen Ende der Partie hat man aber auch gesehen, dass er noch Spielpraxis benötigt, wobei das normal ist bei einem Spieler, der in der Vergangenheit kaum einmal über 90 Minuten zum Einsatz kam. Insgesamt war er aber sicherlich eine positive Erscheinung des Spiels.“

Geschickter Schachzug übrigens, in einer tendenziell prekären Situation just einen der glaubwürdigsten und (wohl auch deshalb) beliebtesten Spieler ausführlich in der Stadionzeitung zu interviewen, aber das nur am Rande.

Wie gesagt, es gibt meines Erachtens sehr gut nachvollziehbare Gründe für die Auswechslung. Dumm nur, dass ein nicht gänzlich zu vernachlässigender Teil des Publikums eben jenem Raphael Holzhauser nicht nur unvernünftig hohe Erwartungen auf die Schulter packt (so wie ich), deren Erfüllung er gegen Leverkusen in bemerkenswerter Art und Weise versprach, sondern dass ein ebenso wenig außer acht zu lassender Teil der Zuschauerschaft ihn zudem als Indikator, ja als Symbolfigur für die Frage heranzieht, wie es der Trainer denn so mit der Nachwuchsförderung halte (auch hier muss ich wohl die Hand heben).  Und dass ein nicht ganz geringer Teil der VfB-Anhänger zudem Zdravko Kuzmanovic als Inbegriff eines lustlosen und völlig überteurten Spielers ansieht, der lieber heute als morgen weiterziehen würde.

Da kam der Wechsel dann eher nicht so gut an – hatte ja nicht jeder die Exklusivoption „Holzhauser-Cam“ aktiviert –, und an der einen oder anderen Stelle fand man nun doch seinen Rhythmus. Zwar wurde es nicht der damals vorgeschlagene; dennoch kann ich nicht leugnen, dass er auch auf mich eine gewisse Anziehungskraft ausübte und ich einen halben Takt lang mit musste.

Dass Bruno Labbadia nicht angetan war, verstand sich von selbst, dafür hätte es keiner „Wutrede“ in der Pressekonferenz bedurft. Möglicherweise brauchte er sie für sein Seelenheil, weil ihm das Thema schon sehr lange auf den Nägeln brannte und nun kulminiert war, möglicherweise hatte er auch nur auf eine passende Gelegenheit gewartet, die aus seiner Sicht unfaire Behandlung anzuprangern (und en passant seine Verdienste ins rechte Licht zu rücken).

Bis dahin bin ich bei Fredi Bobic: kann er machen, wenn er es so sieht.  Dass er sich dann vergaloppiert und bei einem Rundumschlag landet, dass er meint, die Trainerwechsel der letzten Jahre über einen Kamm scheren und zu seinem Argument machen zu können, empfinde ich indes als reichlich unsouverän. Und falls es kalkuliert war, als billig.

Kopfschüttelnd lässt mich schließlich seine implizite Rücktrittsdrohung zurück. Ist er tatsächlich schon so verzweifelt? Allem Anschein nach hat er doch gar keinen Grund dazu. Der Sportdirektor steht ihm zur Seite, der Präsident dem Vernehmen nach auch.

Und plötzlich weiß ich, frei nach Anna Scott,
woher ich die Situation kenne:

„I’m also just a manager, standing in front of the supporters, asking them to love him.“

Sind halt gar nicht so viele Buchhändler drunter.

Rückblicksvorbereitungsstichworte (II)

So, jetzt haben wir sie alle einmal gesehen. Potenziell gesehen. Faktisch fehlen mir einige, nicht zuletzt der Weltmeister und sein Vorgänger, dem Sohn noch einige mehr. Hymnen habe ich im Grunde noch gar nicht gehört, Vor- und Nachberichterstattung sehr selten, wenn man mal von Axel absieht. Axel, Sie wissen schon, der kongeniale Partner von Oliver Kahn und Katrin Müller-Hohenstein.

Ok, die Sache mit Scholl und Gomez, die habe ich natürlich auch mitbekommen, hatten wir ja schon. Ging ja dann auch weiter, weil Gomez sein Spiel nicht ändern will, was wiederum bei einem Teil jener Twitternutzer für Entrüstung sorgt, die dem Konzept des lebenslangen Lernens nahe stehen. So wie ich, im Übrigen; ein wenig weckt die Forderung, Gomez müsse sich ändern, bei mir allerdings leise Erinnerungen an Jan Ullrich, der nun aber wirklich seine Trittfrequenz erhöhen muss, um gegen Lance Armstrong endlich bestehen zu können.

Genug. Für mich, meine ich. Für den Sohnemann habe ich noch ein paar Gedankenfetzen zusammengetragen.

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England gegen Frankreich. Für viele war es das nominell zweite ganz große Spiel dieser EM. Nach Italien – Spanien. Ehemalige Titelträger und so. Also fast. England war da ja, wenn man ehrlich ist, noch gar nie so richtig nah dran gewesen, und bei Italien war’s auch ein paar Tage her. Zumindest deutlich länger als bei Dänemark und den Niederlanden. Selbst am ersten Tag waren mit Russland und Tschechien die Nachfolgemannschaften zweier ehemaliger Titelträger aufeinander getroffen. War wohl so ein Traditionsding damals, soll ja in der „Bundesliga“, die zu der Zeit tatsächlich einfach nur Bundesliga hieß, ähnlich gewesen sein. Leverkusen und Heidelberg wollten viele da gar nicht haben, sportlicher Erfolg sei schließlich nicht alles.

Wie auch immer: Italien gegen Spanien soll nicht nur ein tolles Spiel gewesen sein, sondern auch ein Meilenstein bei den spanischen Bemühungen jener Zeit, über kurz oder lang (gerne eher kurz) nur noch mit Mittelfeldspielern anzutreten. Mal wieder typisch, dass mein alter Herr zuließ, so etwas zu verpassen. Da war England – Frankreich dann doch vergleichsweise langweilig. Sah ein bisschen aus wie das Trainingsspielchen Abwehr gegen Sturm, ohne Tore, mit zwei Ballkontakten. Frankreich war „Sturm“. Ungleich spannender die seelische Pein meines Vaters, der seiner Frankophilie trikotmäßig Ausdruck verlieh (es lag nicht an den Querstreifen) [Anmerkung: He!], gleichzeitig aber nicht verhehlen konnte, dass er mir nicht ganz zufällig schon zur WM 2006, als Säugling, ein England-Shirt angezogen hatte. Letztlich war er wohl ganz zufrieden mit dem Ergebnis.

Am nächsten Morgen erzählte er mir dann noch eine Story vom Pferd. Der drittplatzierte einer europäischen Fußballspieler-Auszeichnung aus dem vorangegangenen Jahrtausend („Ballon d’Or 1999“), Andrij Schewtschenko, habe die Ukraine im Juni 2012 zum Sieg über Schweden (jenes Land also, aus dem das bekannte „Was für ein Land, in dem Zlatan noch Zlatan heißt“ stammt) geführt, noch dazu mit zwei Kopfballtoren. Klar.

Stimmte dann tatsächlich. War für die Älteren wohl eine schöne Geschichte. Vater übertrieb dann mal wieder ein wenig und zog Quervergleiche zu Alexander Frei, einem Schweizer, dessen Auftakt zur Heim-EM vier Jahre zuvor nicht ganz so gut gelungen war. Und dann wollte er noch über korrekte Transkriptionen aus dem Kyrillischen reden. Zum Glück musste ich just zu diesem Zeitpunkt in den Kindergarten.

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Von Irland und Kroatien habe ich ihm nichts erzählt. Trapattoni kann er auch noch bei der nächsten EM kennenlernen. Und die Sache mit Cassano, die muss ich ihm noch erklären. Wie er dann in soundsoviel Jahren seinen Leserinnen und Lesern verständlich macht, dass es in grauer Vorzeit mal Vorbehalte gegen Homosexualität gab (und dass ein potenzieller Star der EM deswegen nach Hause geschickt wurde), ist dann sein Problem. Nicht ihres, Herr Cassano.

Assistassistenten

Über Janniks Buch zur Gladbacher Nichtabstiegsrückrunde hatte ich ja schon vor geraumer Zeit berichtet, und dabei auch vorsichtig darauf hingewiesen, dass sein Blog seit einiger Zeit brach liege. Aus gutem, in diesem Fall beruflichem, Grund, hatte er eine Blogpause ausgerufen. Na ja, was sollte nach dieser Rückrunde auch noch kommen, was auch nur annähernd so spannend, mitreißend, letztlich bloggenswert sein sollte?

[Dieser Absatz ist Janniks Lesegewohnheiten gewidmet.]

Dann kam der Gladbacher Vorrundenlauf mit noch mitreißenderem Fußball, überragendem Erfolg, einigen guten Geschichten und interessanten Protagonisten, und es würde mich sehr wundern, wenn Jannik unter seiner Blogabstinenz nicht gelitten hätte wie ein, wie soll ich sagen, begossener Pudel. Schlechtes Timing, irgendwie, und natürlich hat er das Ganze längst rückgängig gemacht. Zum Glück.

Nun will ich meine derzeitige geringe Schreibfrequenz, deren Hintergrund an anderer Stelle kurz zur Sprache kam, nicht mit Janniks zeitweiligem Komplettausstieg vergleichen, und mich nicht mit ihm, aber ich klopfe mir zumindest in Sachen Timing schon ein wenig selbstverliebt auf die Schulter. Mal im Ernst: Wer hätte schon was über die erniedrigende Pokalvorführung durch die Bayern schreiben wollen? Über die als Debakel abgesprungene und letztlich als Euphemismus gelandete Niederlage in Hannover? Über die zwei Punkte, die Leverkusen hergeschenkt hat? Über den deutlichen Sieg gegen eine von allen guten Geistern verlassene Hertha, mit dem man sich nun wirklich nicht ernsthaft zu beschäftigen brauchte, oder über jenen gegen eine ohne Abwehr angetretene Freiburger Mannschaft? Am Ende hätte ich gar über Standardsituationen schreiben müssen, und das kann nun wirklich in niemandes Sinne sein. (Außerdem steht ja schon alles drüben im Brustring.)

Was ich allerdings nicht versäumen möchte: Abbitte zu leisten. Bei Sven Ulreich. Schon wieder. Nicht wegen der konstant guten Leistungen auf der Linie und im Eins-gegen-eins, das hatten wir schon. Auch nicht wegen der hohen Flanken, da sehe ich den Bedarf noch nicht. Sondern wegen seiner Scorerqualitäten. Wie oft habe ich über seine gemächliche Spieleröffnung gemeckert, an technischen Defiziten herumgemäkelt, über seine Abstöße wechselweise geschimpft und gelacht, die zu Vehs Zeiten kurz und ungenau, später dann nur noch ungenau waren.

Und dann: dieser Assistassist gegen Freiburg, der in den von mir verfolgten Medien viel zu wenig Beachtung fand. Jener lange Ball auf Harnik, den sie schon im Hinspiel intensiv geübt hatten, wobei der damalige Freiburger Linksverteidiger keiner Schülerabwehr entsprungen war, jener lange Ball also, den ich ganz selbstverständlich im Aus sah, um mich dann zum einen zu erinnern, dass er gar nicht von Niedermeier geschlagen worden war, und um zum anderen einzusehen, dass ich Martin Harniks derzeit aus gutem Grund breite Brust unterschätzt hatte, machte also dessen Weg frei zu einem Tor, das nicht nur bei manch anderem Verein, exemplarisch sei Hannover 96 genannt, den Anlass für eine mediale Zeitmessung geboten hätte, sondern das eben zudem Ulreichs ersten mir bewusst gewordenen Assistassist besiegelte.

Überhaupt sind Assistassists ja eine zu unrecht vernachlässigte Kategorie der Damen und Herren Opta, Impire, und wie sie alle heißen. Bemerkenswert, wie Ibisevic vor dem 4:1 in der Luft stand und mit seiner Verlängerung Hajnals Torvorbereitung einleitete. Ob indes auch Sakais Diagonalball vor dem 1:0 ein lupenreiner Assistassist war oder letztlich doch bloß ein Assist, wird in Fachkreisen heftig debattiert. Kann Ibisevic den Assist bekommen, obwohl er den Ball nicht berührt hat? Kann ein Durchlassen, das die Gefahr erst heraufbeschwört, als assistwürdige Leistung gelten? Ganz abgesehen von der Frage, ob Ibisevic den Ball nur versehentlich nicht getroffen hat. Natürlich ist die Antwort klar: Wenn wir das Ganze konsequent weiterdächten, könnte sich dann ja auch jemand frenetisch als Torschütze feiern lassen, nachdem und weil er sich weggeduckt hat, um einem Torerfolg nicht im Weg zu stehen. Öhm.

Überhaupt: Ibisevic. Und überhaupt: Sakai. Hatte ich bei Ersterem nicht kürzlich eher überschaubare Assistquoten (mangels verfügbarere Assistassistquoten, klar) angeführt und ihn implizit auf einen reinen Torjäger reduziert? Und dann legt er Harnik einen nach dem anderen auf – die der dann nicht verwertet. Abbitte, auch hier. Über Zweiteren hatte ich bis dato noch gar nichts geschrieben. Dabei macht es so viel Spaß, ihm zuzusehen (aber wie gesagt: Abstinenz).  Sicher, defensiv hätte es sich phasenweise auch gut in besagte Freiburger Schülerabwehr einsortieren lassen, ohne dort groß aufzufallen – den Fehler gegen Harnik vor dem 2:0 hätte ich ihm in ähnlicher Weise auch zugetraut. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass er ihn wieder ausgebügelt hätte, wäre deutlich höher gewesen. Im Vollsprint, wie immer. Irgendwie erinnert er mich an den jungen Sammy Kuffour. Nicht die Spielweise. Irgendwas anderes. Sowas wie … Begeisterung, Elan, Siegeslust?

Irgendwie ist es trotz allem schade, dass ich morgen so gut wie nichts vom Spiel beim HSV sehen kann.

Vielleicht steigere ich mich in was rein

Vielleicht übertreibe ich einfach. Vermutlich ist Bernd Leno schlichtweg nicht so gut, wie er mancherorts geschrieben wird. Bin ich einem Hype aufgesessen. Muss ja wirklich nichts heißen, was man im und rund um den Neckarpark herum so von ihm hält. Hat er nicht neulich schon einmal eine unglückliche Figur abgegeben? Und an der Stamford Bridge hatte er nun wirklich nichts zu verlieren, da kann er nur gut aussehen. Ok, dass ein Champions-League-Teilnehmer nicht zögert, einen 19-jährigen Drittligatorhüter als Nummer Eins zu holen, wenn gleichzeitig erfahrene und zweifellos gute Torhüter auf dem Markt sind, ist sicherlich bemerkenswert und zumindest, nun ja, ein Indiz. Aber wer weiß, unter Umständen bereuen sie’s ja noch – die erste Krise kommt gewiss. Im Übrigen könnte ich es auch mal ein wenig kritischer sehen, wenn ein 19-Jähriger, dem ein Verein ungewöhnlich viel Vertrauen schenkte, sich dort wohl fühlt und darüber nachdenkt, weiter dort bleiben zu wollen, ungeachtet der anderswo genossenen Ausbildung.

Vielleicht unterschätze ich Sven Ulreich nach wie vor. Ganz bestimmt bin ich ihm gegenüber nicht uneingeschränkt objektiv. Möglicherweise hat er das Potenzial, mehr als ein ordentlicher Bundesligatorhüter zu werden, schließlich ist er schon jetzt in einigen Bereichen hervorragend, so in Eins-gegen-Eins-Situationen oder bei der Reaktionsgeschwindigkeit – zumindest aus meiner Laiensicht. Vermutlich bin ich ohnehin überkritisch und fühle mich bei jedem nach vorne abgewehrten Ball in eines VfB-Anhängers unwürdiger Weise bestätigt. Die Spieleröffnung fällt mir bestimmt immer nur dann auf, wenn sie mal nicht funktioniert. Wahrscheinlich ist auch der Eindruck, er habe kein Vertrauen in seine technischen Fähigkeiten, wenn ihm der Ball zugespielt wird, Ausdruck meiner unbestreitbaren Voreingenommenheit.

Vielleicht ist es weltfremd, zu glauben, dass sich zwei Torhüter eine halbe Saison lang einem echten Konkurrenzkampf stellen könnten, ohne dass beide geschwächt daraus hervorgingen. Vermutlich wäre es klug, lieber kolportierte 4 Millionen in der Hand als einen möglicherweise herausragenden Torwart auf dem Dach zu nehmen, und betriebswirtschaftlich richtig, besagte 4 Millionen gleich zu kassieren und ein bisschen Gehalt zu sparen – wer weiß, ob ihn im Sommer überhaupt noch jemand will, und dann kriegt man ihn nicht mehr von der Payroll. Ganz bestimmt ist es unsachlich, den Theorien rund um die geschäftlichen Beziehungen zwischen Fredi Bobic und Ulreichs Berater Beachtung zu schenken.

Vielleicht Ohne jeden Zweifel habe ich keinerlei Ahnung von Abläufen und Entscheidungsprozessen in professionellen Fußballvereinen.

Ich sollte mich da nicht reinsteigern.

Ohne Fünfe fahr'n wir nach Katar!

Sie erinnern sich?

Vor wenigen Tagen hatte ich hier ein kleines Spielchen begonnen und mir überlegt, wen ich für ein elfjähriges unkündbares Engagement in der Bundesliga verpflichten würde.

Sie können es nicht mehr hören? Das tut mir leid, das Echo hat auch mich überrascht. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die geschätzten Damen und Herren Fußballinteressierten, bzw. wenn mich nicht alles täuscht, handelt es sich durchgängig um Herren, so viel Spaß an Listen haben.

Mir sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt 21 22 solcher Listen bekannt. Der Großteil entstammt dedizierten Blogbeiträgen, einige weitere wurden in den Kommentaren verschiedener Blogs erstellt. Ich habe sie mit großem Interesse gelesen und mich insbesondere an den jeweiligen Kurzbegründungen erfreut, die so manche Perle bargen.

Insgesamt wurden 60 Vereine genannt, von denen nicht alle auf eine glorreiche Bundesligageschichte zurückblicken können. Einige haben nie erstklassig gespielt, einzelne meines Wissens nicht einmal zweitklassig, bei anderen spielte sich die Erstligavergangenheit in der DDR-Oberliga ab. Genau ein Verein mit Oberligavergangenheit schaffte übrigens den Sprung in die konsolidierte Wunschliste.

Die meisten Listen berücksichtigen zahlreiche Vereine aus der Spitzengruppe der „ewigen“ Bundesligatabelle,  einige gewichten regionale Aspekte außergewöhnlich hoch, andere rücken die Ablehnung von Vereinen, die man im wahren Leben vielleicht als „neureich“ bezeichnen würde, etwas stärker in den Fokus. Mit Holstein Lübeck soll einer der genannten Kandidaten erst im Jahr 2015 gegründet werden, die Rücknahme der Fusion zwischen der SpVgg Fürth und dem TSV Vestengergsgreuth wird angeregt und Tasmania Berlin soll wiederbelebt werden.

Aus der aktuellen ersten Bundesliga qualifizieren sich nach bisherigem Stand 13 Vereine für die Wunschliga, von denen [edit:] keiner in allen Listen genannt wird. Bayern und der HSV haben 21 Stimmen, dem 1. FC Köln fehlen zwei Stimmen zur Vollständigkeit, Dortmund deren drei, dem SV Werder und Schalke je vier. Gleichauf mit Borussia Mönchengladbach und dem VfB, die jeweils 16 mal genannt wurden, sind bereits die ersten unterklassigen Vereine: der VfL Bochum aus Liga 2 und Drittligist Eintracht Braunschweig. Insgesamt sind neben den 13 Erstligisten drei Vereine aus der zweiten und zwei aus der dritten Liga vertreten.

Nicht für die Erste Liga qualifiziert wären der aktuelle Champions-League-Kandidat Hannover 96 (5 Stimmen), Uefa-Cup-Kandidat Mainz (3) und der FC St. Pauli (4), die wohl in vielen Köpfen eher als Zweitligisten gelten. Wolfsburg und Hoffenheim wurden in keiner der mir bekannten Listen genannt. Die Abneigung gegen Werks- oder Retortenclubs war bei den Beteiligten offensichtlich deutlich stärker ausgeprägt als die gegenüber dem jeweiligen Erzrivalen, die zwar oft thematisiert wurde, aber nur selten dazu führte, dass der Lieblingsgegner außen vor blieb.

Die 18 Bundesligisten für die Zeit vom Sommer 2011 bis zum Sommer, Winter, Herbst oder vielleicht auch Frühling 2022 lauten demzufolge:

Bayern München
Hamburger SV
1. FC Köln
Borussia Dortmund
Werder Bremen
Schalke 04
VfL Bochum
Eintracht Braunschweig
Borussia Mönchengladbach
VfB Stuttgart
1. FC Kaiserslautern
Fortuna Düsseldorf
1. FC Nürnberg
1860 München
Eintracht Frankfurt
Bayer Leverkusen
Dynamo Dresden
SC Freiburg

Wer möchte, darf mich wegen der unvollständigen Vereinsnamen gerne beschimpfen.

Die vollständigen Ergebnisse lassen sich mit etwas gutem Willen dem folgenden Dokument entnehmen:

[scribd id=50017301 key=key-xc86sug0snsyp1alrws mode=list]

Bei den 15 bzw. 17 Stimmen von Reeses Sportkultur bzw. Mahqz vom Rhein-Wupper-Express handelt es sich nicht um ein Versehen meinerseits, die 19 Stimmen beim Übersteiger sind diskutabel, aber begründet, und den Verzicht auf Greuth habe ich ignoriert.

Keineswegs übergehen möchte ich schließlich noch die zwei expliziten Zweitligalisten im Stehblog und bei mir in den Kommentaren, von Oliisoaho. (Im Schatten der Tribüne ist die zweite Liga uneindeutig besetzt.)