Kindertag und Altherrentour

Wie wir alle wissen und der Volksmund bestätigt, ist nichts so alt wie die Zeitung von gestern. Möglicherweise darf man heutzutage ergänzen, dass Texte zum vorletzten Spiel, noch dazu in einem elektronischen Medium, wie es zum Beispiel ein Blog darstellt, zumindest ähnlich alt sind, tendenziell eher noch etwas betagter. Vom vorvorletzten gar nicht zu reden.

Aber es hilft ja nichts. Die Textfragmente sind nun mal da, und was erst einmal geschrieben wurde, will letztlich auch veröffentlicht werden. Da trifft es sich ganz gut, wenn der Blogbetreiber, hier: ich, nicht der Aktualität verpflichtet ist und das Ganze als eine Art Reisehintergrundbericht (Arbeitstitel) verkaufen kann. Verschenken, um genau zu sein.

Vielleicht darf ich zuvor noch auf zwei persönliche Auswärtsspiele anderer Art hinzuweisen, deren eines ebenfalls längst von der Realität überholt wurde: das Spiel des VfB II beim SV Wehen Wiesbaden, in dessen Vorfeld ich mein überschaubares Wissen zur aktuellen Situation bei den VfB-Amateuren (sic!) drüben in meinem Lieblingsdrittligablog, dem Stehblog, bloßstellen durfte, liegt bereits hinter uns. 1:1, wie die geneigte Leserin weiß, natürlich ohne die von mir im Stehblog genannten Khedira und Lohkemper, was in beiden Fällen nicht ganz überraschend kam.

Zum anderen beobachtete mich Ermittler Dembowski (vom oberlippenbärtigen Peters gar nicht zu reden) beim Showdown in der Kugelbahn und stellte eines völlig zurecht fest: “Kamke sah gut aus.” Er beobachtete, wie es Ermittler eben so tun, auch noch einiges mehr, was man sich meines Erachtens zu Gemüte führen sollte.

Um diesem Text zwischendurch doch kurz, das propagierte Selbstverständnis ignorierend, einen Hauch von Aktualität zu verleihen, sei auf das Spiel des VfB in Braunschweig hingewiesen, von dem ich allerdings so gut wie gar nichts sehen konnte. Der Liveticker des kicker vermittelte mir indes bereits zur Pause, was ich wissen musste:

“Ein engagierter Auftritt der Eintracht, die zur Pause gegen effiziente Stuttgarter unglücklich zurückliegt.”

Effizient kann man ja so und so sehen. Ich betrachte es in aller Regel als gelungenen Euphemismus. In diesem Sinne hatte ich mir eben das vorgestellt: einen effizienten Sieg gegen die Braunschweiger, denen ich nach eigener Anschauung in Hamburg die Konkurrenzfähigkeit im Grunde abgesprochen hatte. Womit ich gewiss, und durchaus zu meinem Bedauern, nicht alleine dastehe. Wenn nun die Stuttgarter Nachrichten mit “VfB trumpft groß auf” aufmachen, dann, nun ja, ist das möglicherweise Ansichtssache.

Dessen ungeachtet: schön, dass es dann doch noch deutlich wurde, und wunderbar, dass sich Traoré wieder gefangen hat nach, ja, wonach denn? Ist es tatsächlich denkbar, dass sein bitterer Ballverlust, der das Ausscheiden gegen Rijeka quasi besiegelte, ihm so lange zu schaffen machte, ihn hemmte und verunsicherte? Oder machte er eher dem Trainer zu schaffen, der ihm danach die eine oder andere “Denkpause” verschrieb, die hierzustadte erfreulicherweise anders als in Gelsenkirchen nicht gleich “Suspendierung” genannt wird? Wie auch immer: fünftbeste Offensive, hey, hey!!

Dass die Braunschweiger Fans für ihre beeindruckende Anfeuerung bei aussichtslosem Spielstand, vielleicht bereits, auf die Saison bezogen, auf verlorenem Posten stehend, landauf, landab gefeiert werden, ist verständlich und berechtigt. Grundsätzlich. Und doch mutete es, wäre es nicht so traurig und vielmehr begreinens- und protestwürdig, wie ein Treppenwitz an angesichts der schwer zu fassenden vereinspolitischen Groteske, die sich in diesen Tagen abspielt und die die taz, soweit ich die Geschehnisse aus der Ferne beurteilen kann, in der ihr eigenen Art und überraschend gemäßigter Sprache inhaltlich angemessen deutlich kommentiert.

Zurück zum Ausgangspunkt und damit in die aktualitätsfreie Zone: zwei VfB-Spiele live und in Farbe innerhalb weniger Tage. Und vor Ort. Hatte ich auch schon ein Weilchen nicht mehr. Zuerst in der Bundesliga gegen Frankfurt, dann im DFB-Pokal in Freiburg. Und sie waren grundverschieden. Von den Rahmenbedingungen her, meine ich. Sportlich haben sie sich gar nicht so viel geschenkt. Nicht zuletzt traf man in beiden Fällen auf einen Gegner, dessen Fußball mir, wäre ich neutral gewesen, deutlich mehr Spaß bereitet hätte als der des VfB.

Weshalb ich mich erst einmal kurz mit den schönen Seiten befassen will. Mit dem kurzerhand geschaffenen Familienblock gegen Frankfurt. Plötzlich und unerwartet (die älteren LeserInnen werden sich an den Durbridge-Straßenfeger erinnern) befanden sich in unserem Block auf engstem Raum etwa acht Kinder im Vor- oder jungen Grundschulalter, die ihre Papas und in Einzelfällen auch ihre Mamas zum Spiel begleiten durften und dabei den Eindruck einer konzertierten oder gar inszenierten Aktion erwecken konnten.

Womit grundsätzlich eine veronafeldbuscheske (so hieß sie damals noch, als das relevant war) Überleitung zur fanseitigen Inszenierung des 120. VfB-Geburtstages gelungen wäre. Ich kann nur nicht so viel drüber sagen, man hat dann ja doch eher eine Art Schild vor dem Kopf und sieht nicht so viel von der Choreographie, die aber überaus gelungen gewesen sein soll. Quatsch, war! Natürlich habe ich sie mir hinterher auch angesehen. Ich ziehe meinen Hut vor all jenen, die sehr viel Zeit, Mühe und gewiss auch Geld investiert haben. Den Kindern hat es übrigens auch großen Spaß gemacht. Zumindest solange sie die Arme mit hochhalten konnten. Danach durften einzelne Papas, konkret kann ich nur für einen sprechen, quasi Doppelhalter spielen.

Irgendwie taten die Kinder der Atmosphäre gut, der eine oder die andere mag sich etwas länger überlegt haben, ob man die Gäste als “Hurensöhne” feiern solle oder nicht. Die Präferenzen waren allerdings hinreichend klar verteilt, um (vermutlich nicht nur) mir Gelegenheit zu geben, die Nein-mein-Kind-jetzt-nicht-Karte zu ziehen, um eine nicht ganz triviale Begriffsklärung bis auf Weiteres zu verschieben. Schließlich ginge es nicht nur um die Definition an sich, sondern auch um den grundsätzlichen Umstand der Verwendung im Fußballkontext. Im Quasi-Familienblock. Immerhin: die heimische Nachfrage bei anderen Familienmitgliedern scheiterte an der etwas undeutlichen Akustik im Neckarstadion.

So sehr es mir Freude bereitet, immer wieder Kinder im Fanumfeld zu sehen, und so sehr ich es genieße, meinen eigenen Sohn mitunter dabei zu haben, so argwöhnisch sehe ich mir die so sozialisierten Kinder auch immer wieder an. Bloß weil vor einigen Jahren ein Kind bei uns im Block stand, das unter väterlicher Begleitung – die mir persönlich deutlich weiter von bloßer Billigung entfernt zu sein schien als von aktiver Hinführung bis hin zur Anfeuerung – nach Möglichkeit immer ganz vorne dabei war, egal ob es um ein bloßes “die Hände!” ging oder auch um Verunglimpfungen des Gegners. Kann man mögen. Muss man nicht. Ich würde ihn schon gerne mal wieder sehen, einfach der Neugier wegen.

Das Spiel war eher so lala. Der Meistertrainer hatte seine Frankfurter gut eingestellt, bis zu deren Führungstreffer sah der VfB keinen Ball, die Gäste bestimmten – wie schon in der Vorsaison, und wie damals mit einem stets anspielbaren und nie um eine gute Lösung verlegenen Sebastian Rode – die Partie, der Stuttgarter Ausgleich fiel glücklicherweise recht früh und wäre kaum einer Erwähnung wert gewesen, wenn es sich nicht um den Debüttreffer von Timo Werner gehandelt hätte, der das Stadion tatsächlich ein bisschen erbeben ließ.

War Werners eigene Freude bereits explosiv, so vermochten all jene Fans, die wir ihn spätestens seit Saisonbeginn adoptiert, im Grunde aber bereits seit Jahren seinen Weg als vorgezeichnet betrachtet hatten, diesen Ausbruch noch um ein Vielfaches zu steigern. Schon schön.

Ach, und dann war da ja noch diese Elfmetersache. Und die Abseitsstellung, mit der er den Führungstreffer ungültig machte. Und der – selbst großartig erarbeitete – Fehlschuss allein vor dem Tor. Da wäre der Elfer in der Tat ein schönes Happy End gewesen. Tja. Dem Spielverlauf entsprach das 1:1 ganz gut.

Drei Tage später fuhren sechs ältere Herren in drei Zweierreihen gen Freiburg. Bzw. sie wollten es. Gemächlich. Dumm nur, dass einer der sechs in einem beruflichen Termin gefangen war. Und dass dieser Herr, nennen wir ihn der besseren Lesbarkeit wegen Heinz, die Karten hatte. Also vier davon. Dass die anderen beiden noch fehlten, hatte ja im Vorfeld keiner zu wissen brauchen.

Etwa zu der Zeit, als Heinz den Termin rennend verließ, hätte er bereits gut 30 Minuten weiter südlich auf die anderen treffen sollen. Er verschickte ein paar zerknirschte Kurznachrichten, prüfte die Stau- und erfrug die Ticketsituation, beides eignete sich nicht, eine Besserung der Laune herbeizuführen, und fuhr mangels Alternativen geradewegs in den Feierabendverkehr. Nach wenigen Minuten blieb festzuhalten, dass alles noch viel schlimmer war, zumindest nahm er es so wahr, und er erinnerte sich kurz an Rudi Völlers Tiefpunkt-, ähem, Klimax.

Seine Sorgen erwiesen sich letztlich, wie man im entspannten Rückblick immer leicht sagen kann, als panikartig übertrieben, die Mitfahrer wirkten bei seiner Ankunft noch überraschend gelöst, was zum Teil antrainiert gewesen sein mag, zum Teil auch dem Umstand geschuldet, dass ihnen das Ticketdefizit noch nicht bewusst war, oder sie waren einfach cooler als er. Wie sonst ließe sich erklären, dass sie ihn erst noch einmal losschickten, um etwas zu essen zu holen?

Die Fahrt war erquicklich, die Kühltasche gefüllt, die von einem Mitspieler in Aussicht gestellte einstündige Baustellenverzögerung erwies sich als Schimäre (Bingo!), die Parkplatzsuche in Freiburg gelang. Blieb die Ticketfrage. Der großartige Herr @zugzwang74, Freiburger Vereinsmitglied, hatte sich um zwei Karten für den Feind (er selbst würde gewiss nicht so formulieren, was zu besagter Großartigkeit beiträgt) verdient gemacht und diese sogar, gegen seine eigene Überzeugung, an die Grenze zum Gästebereich platziert (er selbst war leider verhindert). Dumm nur, dass sein Verein nicht lieferte.

Wir haben alle schon unsere Erfahrungen mit der Post und ihren privaten Wettbewerbern gemacht. Auch negative. Und doch halten wir es, hatte es auch Heinz für unvorstellbar gehalten, dass zwei Karten, die der SC Freiburg an einem Dienstag in Rechnung stellte, dass also ein vermeintlicher Standardbrief nicht bis zum Mittwoch der Folgewoche in Stuttgart zugestellt würde. Tja. War aber so.

Und was Heinz vor allem nicht für möglich hielt: dass die schriftliche Beschwerde eines Vereinsmitglieds (über die vorausgegangene fernmündliche wollen wir nicht weiter reden), die am Vorabend des Spiels mit einem “EILT”-Vermerk und zahlreichen Ausrufezeichen im Betreff an mehrere Empfänger bei besagtem Verein gesandt wurde, bis zur Mittagszeit keinerlei Reaktion hervorrufen würde. Er hielt das, und an der Stelle schließe ich mich ihm gerne an, bin gar geneigt, mit ihm zu einer Person zu verschmelzen, für hochgradig unprofessionell und die eigenen Mitglieder nur so halb ernst nehmend.

Naja, vielleicht übertreibe ich ein wenig. Zum einen, weil vor Ort dann ja alles ganz gut klappte. Wir kamen recht knapp an, doch am dann doch noch per Mail angekündigten Ort, wo wir Ersatztickets bekommen sollten, hielt sich der Andrang in Grenzen, sodass auch der Umstand, dass wir nicht in der Kartei der Nachlöser erfasst waren, keine weiteren Probleme bereitete. Falls übrigens jemand neuwertige Karten für das DFB-Pokalspiel Freiburg-Stuttgart brauchen sollte: ich hätte einen bestens erhaltenen Satz im Angebot, sie kamen am Tag nach dem Spiel hier an.

Zum Spiel gibt es aus meiner Sicht nicht allzu viel zu sagen. Hätte es vielleicht gegeben, wenn Bruno Labbadia noch Trainer wäre. Dann hätte ich mich vermutlich über die Aufstellung gewundert. Nein, nicht gewundert – geärgert. Darüber, dass man es tatsächlich mit einem 4-4-2 versucht und die Frage, wer dann für ein Mindestmaß an Kreativität im Offensivspiel sorgen soll, getrost dem lieben Gott überlässt.

Insbesondere dann, wenn Christian Gentner en vogue sein und einen herauskippenden Sechser geben soll. Was ja grundsätzlich keine dumme Idee ist, wenn man spielstarke Aufbauspieler in der Innenverteidigung oder auch auf den offensiven Außenpositionen hat. Tja. Wenn. Beim VfB entsteht indes ein Vakuum in der Spielfeldmitte, das sich dann gerne mal mit langen Bällen überwinden lässt. So diese langen Bälle ankommen und behauptet werden können. Was am Mittwoch selten der Fall war.

Wäre Labbadia noch hier, hätte ich wohl auch lautstark gewettert, was denn Konstantin Rausch auch nach der Pause noch auf dem Platz wolle? Schließlich war nicht davon auszugehen, dass Freiburg auch in der zweiten Hälfte darauf verzichten würde, das nächste halbe Dutzend an Situationen ungenutzt verstreichen zu lassen, in denen man völlig unbehelligt über rechts in den Strafraum eindringen und mehr oder weniger überlegt zur Mitte passen darf. So schnell kann’s gehen, dass man doch eher rasch versteht, weshalb das vermeintlich personifizierte Sicherheitsrisiko Boka zuletzt stets spielen durfte: er ist nur die Zweitbesetzung. Das weniger gravierende Risiko, wenn man so will.

Möglicherweise hätte ich auch über Abdellaoue geschimpft, der auch auf dem Platz gewesen sein soll, und darüber, dass Labbadia nicht so recht wisse, was er mit ihm anfangen soll, wieso bzw. unter welchen Vorzeichen er ihn überhaupt geholt habe. Und unter Umständen hätte ich auch noch darauf hingewiesen, dass der Druck, der über die Außenpositionen ausgeübt wird, nach wie vor nur bei Verwendung sehr empfindlicher Geräte in die Randgebiete des messbaren Bereiches gelangt. Obwohl sich dort Spieler tummeln, die das könnten oder auch schon mal konnten.

Labbadia ist aber weg, Schneider noch nicht lange da, und so fasle ich ein bisschen was von einer Hypothek, die der alte Trainer im Zusammenspiel mit der alten Vereinsführung hinterlassen habe, um mich dann auf die Feststellung zu beschränken, dass das Kommunikationsverhalten der Trainer rund um das Pokalspiel verbesserungswürdig war.

Was ich von der Vokabel “Hass” auf und neben dem Fußballplatz halte, habe ich bei der einen oder anderen Gelegenheit zum Ausdruck gebracht, was ich von verweigerten Handschlägen halte, dürfte sich von selbst verstehen, und die Beteuerung, dass jemand Entschuldigungen immer annehme, verleiht dem Einzelfall eine gewisse Beliebigkeit. Tatsächlich ganz amüsant fand ich indes die Unfairness-Anekdote und hoffe inständig, dass nicht sie den Auslöser für die nachfolgenden diplomatischen Verwicklungen darstellte.

Was mir imponierte: wie Christian Streich seine Mannen in der 88. Minute bei eigener Führung und eigenem Einwurf zur Eile antrieb, weil sich möglicherweise eine Lücke im Stuttgarter Deckungsverbund aufgetan hatte. Und wie die Mannschaft sich daran hielt.

Gefühlt, wie man so schön oft sagt, spielten sie einander den Ball just in jener Szene weit in der gegnerischen Hälfte so oft und so schnell und mit so viel Zug zu, wie es dem VfB im ganzen Spiel nicht am Stück gelungen sein dürfte, außer vielleicht von Schwaab zu Rüdiger zu Sakai zu Rüdiger zu Schwaab zu Rausch zu (beliebiger Freiburger Spieler) zu (hoffentlich) Kvist zu Schwaab zu Rüdiger zu Sakai zu Ballvertändler Harnik zu (beliebiger Freiburger Spieler) zu Balleroberer Harnik zu Sakai zu Rüdiger zu …  ach, Verzeihung. Meist war da aber längst der lange Ball gekommen.

Die Heimfahrt war ein bisschen anstrengend. Frustrierend, möchte man sagen. Aber in angenehmer Gesellschaft. Und mit Überlegungen zur nächsten Fußballfahrt älterer Herren.

Äpfel und Birnen. Und ein bisschen Rosinenpickerei.

Kennt man ja, nicht wahr, diese unerwartet und rasch reifende Einsicht, dass man einer anderen Zeit oder Welt oder auch einem anderen Planetensystem angehört. Ok, möglicherweise hat man auch nur etwas anders gelagerte Prioritäten; dennoch verfestigt sich ein bis dahin kaum mehr als latent vorhandenes Gefühl der Andersartigkeit.

So erging es mir zuletzt am vergangenen Freitag, in der Fußballkneipe meines Vertrauens. Ich war umgeben von netten jungen Leuten, vor Spielbeginn sagte mir einer, der Rest seiner Comunio-Spielrunde (heißt das so?) komme gleich, was er dann auch tat. Um den jungen Leuten zu zeigen, dass ich gar nicht so alt und unbeleckt bin, wie ich möglicherweise aussehe, frug ich scheinbar nonchalant nach, ob Comunio denn nicht böse und verdammenswert sei angesichts der jüngst eingegangenen Partnerschaft mit der ZEITUNG, wie der literarisch bewanderte Herr @bimbeshausen aus gutem Grund zu sagen pflegt, und landete einen Wirkungstreffer.

Vielleicht nicht bei meinem direkten Gesprächspartner, der – wiewohl ein bisschen beeindruckt, wie mir schien, und vielleicht auch ein wenig unsicher, weil er allem Anschein nach auch nur die Überschrift gelesen hatte (oder, wie ich, die Tweets von @surfin_bird) – Bescheid wusste, wohl aber bei seinen Kollegen, die sich erst einmal informieren mussten. Nicht darüber, wer oder was die ZEITUNG sei, jenen Schlenker hatte ich weggelassen, aber über deren unheilige Allianz mit Comunio.

Wie auch immer: ich hatte es also mit einer Gruppe Comunio-SpielerInnen zu tun, was a priori (und rückblickend nicht zu unrecht, wie ich gerne betone) auf Fußballsachverstand hoffen ließ und zudem, im Sinne eines bunten Fußballabends, eine möglicherweise gelungene Ergänzung zum nicht uneingeschränkt nüchternen und die eine oder andere krude Theorie vertretenden Nachbartisch sein könnte. Wobei: vielleicht sind ja auch meine Theorien krude. Oder gar abwegig.

Wie komme ich darauf, dass Ibrahima Traoré in den ersten Saisonspielen eine der wenigen halbwegs positiven Erscheinungen gewesen sein könnte und nicht, wie ein Herr sinngemäß meinte, ein in blindem Aktionismus und ohne jede Struktur durch die Gegend rennender junger Mann, “genau wie der Kaba”, der dann halt mal Glück habe, wenn einer seiner stets blind in die Mitte gespielten Bälle von einem Gegner dumm ins eigene Tor abgefälscht werde? Ich schwieg und dachte mir meinen Teil, andere widersprachen kurz und fassten rasch den Entschluss, sich ihren Teil fürderhin ebenfalls nurmehr zu denken.

Die Comunisten (Darf man das sagen? Ist das pc?) hielten sich heraus, diskutierten ihrerseits über studienrelevante Themen und gähnten – zurecht – ob des überschaubar attraktiven Spiels des VfB in Berlin – die Formulierung ist keine ganz zufällige, tatsächlich war in erster Linie das Spiel des VfB eher unattraktiv, während sich die Hertha durchaus ansehnlich präsentierte. Der VfB ließ recht viel von dem vermissen, was ihn zwei Wochen zuvor in Hoffenheim insbesondere in der Balleroberung und der Vorwärtsbewegung ausgezeichnet hatte. Die erste (und einzige) Chance der ersten Halbzeit hatte man kurz vor deren Ende, als Kraft in brillanter Manier einen Kopfball von Gentner über die Latte lenkte, was bei allen Anwesenden ein lautstarkes Aufstöhnen zur Folge hatte. Also, nun ja, bei fast allen:

“Jaa! “Kraft hielt die Hertha mit einer großartigen Parade im Spiel”, das gibt Punkte!”

Das Zitat ist ein sinngemäßes, möglicherweise aufgrund meiner Ahnungslosigkeit in Sachen Comunio inhaltlich nicht ganz treffendes, aber ich setze darauf, dass mich die gemeine Leserin versteht. Andernfalls erleichtert möglicherweise mein folgendes Selbstzitat das Verständnis:

Man mag entgegnen, vermutlich treffend, dass diese Reaktion doch eine normale gewesen sei, junge Leute, Distinktion, Provokation, das Positive sehen, Sie wissen schon. Vielleicht tat ich meinen Tischnachbarn ja wirklich unrecht mit meinem stummen und, streng genommen, unbewegten Kopfschütteln. Und doch: sie ist mir fremd, diese Reaktion. Der junge Mann hatte sich bis dahin sehr eindeutig als VfB-Fan zu erkennen gegeben.

Irgendwann hörte ich die Legende, Günter Netzer tippe immer gegen die ihm näherstehende Mannschaft, um wenigstens einen Erfolg feiern zu können. Ich weiß nicht, ob Netzer das wirklich jemals sagte oder diesen Ausspruch gar prägte, und ich weiß natürlich, dass ihn Gott und die Welt in der einen oder anderen Situation verwendet haben. Für mich bleibt er dennoch immer mit Netzer verbunden, was hier nun wirklich nichts zur Sache tut, mir aber die Gelegenheit gibt, mir die Replik von Gerhard Delling vorzustellen und irgendjemandem für Mehmet Scholl und Matthias Opdenhövel zu danken. Man möge mir diesen unsachlichen Einschub nachsehen, auch und gerade in Florenz.

Ich kann mit der Netzer zugeschriebenen Haltung nicht recht umgehen. Bei meinem Kicktipp würde der VfB, so ich noch mittippte, immer mit mindestens 90 Punkten Meister, gerne auch mal mit 102. Es gelingt mir nicht, und es gelänge mir wohl auch dann nicht, wenn ich es wollte, mich gegen “meinen” Verein zu positionieren, mich über Gegentore oder herausragende Paraden des gegnerischen Torwarts zu freuen. Ich kann sie würdigen, klar, tue das auch, aber freuen? Jubilieren gar? Nein. Sage ich jetzt. Vor ein paar Wochen, als es um die Zukunft von Bruno Labbadia im Verein ging, konnte ich mich noch sehr gut mit dem Gedanken anfreunden, an einer schlechten Leistung des VfB, an einer Niederlage und den möglichen Konsequenzen Gefallen zu finden. Äpfel mag ich übrigens lieber als Birnen.

Vielleicht hätte ich es beim eben zitierten Tweet belassen sollen. Ich war tatsächlich sehr irritiert, bin es noch, aber das war’s dann auch. Bestimmt kann man auch gleichzeitig Comuniospieler und ein guter Mensch sein. Vielleicht sind Comuniospieler auch ganz generell die weitaus besseren Menschen. Wenn sie bloß nicht gegen die eigene Mannschaft …  ach komm, jetzt hör’ halt auf! Irgendwie lassen mich Managerspiele an Rosinenpickerei denken. Krude Idee, ne? Gedankenfreiheit des Ignoranten.

Später war der bejubelte Kraft nicht mehr zu jedem Zeitpunkt ganz so bejubelnswert, fand ich. Was mir, zugegeben, ein innneres Irgendwas war. Nicht dass daraus ein Tor entstanden wäre, das entsprang einer ganz normalen Standardsituation, Maxim und Gentner, kennt man ja, ähem, und doch stand der überragende Torwart dann eher auf der anderen Seite. Bisschen schade, dass ihn, Sven Ulreich, keiner für sein Team verpflichtet hatte.

Womit wir wieder beim einführend gestreiften Fußballsachverstand wären: ich Ahnungsloser hätte ihn auch nicht genommen. Tja. Und würd’s wohl auch weiterhin nicht tun. Also nicht bei Comunio, es ist zu unrealistisch, dass ich da mitmache, aber eben auch nicht als Bundestrainer. Auch wenn sich jetzt schon Uli Stein für ihn “als Teil der WM-Besetzung” stark macht. Vermutlich denkt er dabei gar nicht ausschließlich an die Leistung, sondern auch an die innere Balance des Teams und so.

Vielleicht doch noch ein weiterer Satz, auch wenn das Spiel bereits so lange zurückliegt, dass sich niemand mehr daran erinnert: Antonio Rüdigers Spiel war eine Augenweide. Hätte ich so noch nicht erwartet. Und nicht einmal der Kaba-Sager hatte etwas auszusetzen. Ob mich das eher zweifeln lassen als bestätigen sollte?

Der Trainer? War da. Sachlich. Unaufgeregt. Auch in der Nachbetrachtung. Mit dem nötigen Glück. Gefällt weiterhin.

Am Sonntag gegen Frankfurt. Von denen hab ich keinen in meiner Mannschaft. Schön. Auch wenn ich Rode sofort nähme.

Wir heuern und wir feuern

Die Entlassung von Bruno Labbadia wird allenthalben kommentiert. In der Sache oft zustimmend, ob des Zeitpunkts bisweilen kopfschüttelnd, in den Kommentaren durchaus kontrovers. Die Lektüre offenbart zum Teil bemerkenswertes Hintergrundwissen, zum Teil auch nicht.

Labbadias für Stuttgarter Verhältnisse lange Amtszeit wird hervorgehoben, sein unterkühltes Verhältnis zum Publikum betont. Uwe Marx von der FAZ greift beide Aspekte, Stuttgarter Amtszeiten wie Stuttgarter Anhänger, wohl am pointiertesten auf, indem er zum einen den VfB als besonders entlassungswillig darstellt, dazu später noch ein paar Sätze, und zum anderen das hiesige Publikum, bzw. Teile davon, als treibende Kraft hinter der Entlassung betrachtet:

Bobic hat sich, wie so viele Rausschmeißer in der Bundesliga vor ihm, wohl auch von Volkes Stimme treiben lassen, sofern besonders laute Fans schon als ganzes Volk durchgehen.”

Über den Tonfall kann man sicherlich geteilter Meinung sein; ginge es nicht gerade um “meinen” Verein, und ein bisschen auch um meine Stimme, gefiele mir die ihm innewohnende Polemik vermutlich recht gut, so ist das eben manchmal mit der Subjektivität. Der eine oder andere Fan mag sich ob der ihm oder ihr zugeschriebenen Macht geschmeichelt fühlen, und die Kritik am Selbstverständnis eben dieser Fans kann ich nachvollziehen; an die These der treibenden Kraft kann ich gleichwohl nicht glauben.

Das mag daran liegen, dass ich es nicht glauben will. Also dass die Führungskräfte des VfB ihre Entscheidungen auf Basis von Fanmeinungen treffen. Vielmehr traue ich Fredi Bobic tatsächlich ein recht gutes Gespür dafür zu, inwieweit die Maßnahmen und Arbeitsweisen des Trainergespanns greifen, und inwieweit sie noch Erfolg versprechen. Ferner gehe ich davon aus, dass er sich nicht allein auf sein Gespür verlassen, sondern Stimmungen und Entwicklungen beobachtet, erfragt und besprochen hat. Alles andere empfände ich als eine grobe Verletzung seiner Pflichten, die zu unterstellen ich keine Ansatzpunkte habe.

Zudem bin ich (gerne) gewillt, die derzeit in der hiesigen Presse verschiedentlich kolportierten Gespräche mit dem nun beförderten Thomas Schneider – der Angebote als Co-Trainer bei anderen Bundesligisten gehabt habe –, in denen er vom Verbleib überzeugt und ihm Perspektiven aufgezeigt worden seien, sowohl für bare Münze zu nehmen als auch zu Bobics Gunsten auszulegen. Dass man die negative Tendenz der letzten Wochen auch schon vor der Sommerpause hätte erahnen oder gar vorhersehen können, oder auch auf die Vertragsverlängerung im Januar verzichten, ist zweifellos unstrittig. Dass es in beiden Fällen dennoch auch nachvollziehbare Gründe gab – das Erreichen des Pokalfinals und die dort gezeigte Leistung im, chronologisch gesehen, zweiten, die komplett andere Führungssituation im Verein mit ebensolchen Rahmensetzungen im ersten Fall –, hoffentlich ebenso.

Dass Bobic nun nicht bis zur Länderspielpause wartete, kann man ihm natürlich vorwerfen, wenn es schiefgehen, wenn man gegen Rijeka ausscheiden sollte. Genau wie man ihm, wenn er anders gehandelt und es dann schiefgegangen wäre, sein Zaudern vorwürfe.

Ja, natürlich glaubt er an eine kurzfristige Wirkung, an eine im Übrigen dringend notwendige kurzfristige Wirkung. Das mag man polemisch als Wunderglauben abtun, riskant ist es gewiss. Oder man nennt es, wie ich es durch die optimistische Vereinsbrille tue, konsequent, wenn die Führungsriege nicht mehr daran glaubt, dass der jetzige Trainer bis Donnerstag eine Trendwende herbeiführen kann. Ansichtssache.

Als etwas ärgerlich empfinde ich indes Marx’ historisch abgeleitete Deutung der Entlassung als ebenso typisches wie unzeitgemäßes Stuttgarter Verhalten:

“Vielleicht ist man bei einem Hire-and-fire-Verein wie diesem, der in den vergangenen zwanzig Jahren achtzehn Trainer beschäftigt hat, besonders anfällig für solche Anachronismen …”

Ganz davon abgesehen, dass Bruno Labbadia zuletzt einer der dienstältesten Trainer in der Bundesliga war, ganz abgesehen auch davon, dass die für den Großteil der 17 Entlassungen Verantwortlichen längst nicht mehr im Verein tätig sind, ganz abgesehen zudem von der Einschätzung, dass Entlassungen aus den 90er Jahren nach meinem Dafürhalten nicht so recht zur Untermauerung einer Anachronismusthese taugen, frug ich mich kurz, was es über die anderen Bundesligavereine aussagt, wenn man mit 18 Trainern in 20 Jahren als Hire-and-fire-Verein gilt.

Und stellte fest, dass genau drei der aktuellen Bundesligisten seit Beginn der Saison 1993/94 weniger als 15 Trainer hatten: erwartungsgemäß zählten dazu Freiburg mit lediglich vier und Bremen mit acht Übungsleitern, dann folgt Dortmund mit deren zehn. (Quelle: weltfussball.de, in Einzelfällen kicker.de)

Beim FC Bayern ist man seit dem Sommer bei Nr. 15 angelangt, in Hoffenheim gelangt man im Rückblick bis 1998 bereits zu 16, danach wird die Recherche etwas schwierig. Genau 16 Verantwortliche taten bei drei weiteren Vereinen Dienst, vier Mannschaften wurden von 17 Herren angeleitet, ebenfalls vier von deren 19, und allein Eintracht Braunschweig hatte in den letzten 20 Jahren 20 Trainer.

Man könnte demnach zu dem Schluss kommen, dass der VfB mit seinen 18 “bei die Leut” ist. Und dass gut 80 Prozent der Bundesligisten Hire-and-fire-Vereine sind. Was dann wiederum den VfB gar nicht so anachronistisch und “besonders anfällig” erscheinen ließe, im Quervergleich. Oder aber die Bundesliga per se, vielleicht gar den Profifußball, als Anachronismus entlarven würde. Was in der Tat kritikwürdig sein mag, mich persönlich aber gar nicht so sehr anficht.

Von Krisen und Läufen

“Es lag eigentlich nicht in meiner Absicht, bis zu Labbadias Entlassung zu pausieren, …”

So stand es seit gut zwei Wochen in meinen Blogentwürfen, einfach so, weil ich den Satz irgendwie mochte, und wer mich kennt, weiß, dass ich nur ungern von lieb gewonnenen Formulierungen Abschied nehme. Vermutlich hätte dieser Text, der erste nach der kleinen urlaubsbedingten Blogpause*, also auf jeden Fall so begonnen, um dann mit Hilfe irgendeines mehr oder weniger geschickten Kniffs die Kurve zu dem Umstand zu bekommen, dass er eben doch noch da ist.

Möglicherweise hätte ich gar darauf hingewiesen, dass der Satz ja mehr als zwei Wochen alt sei, dass mich mein Geschwätz von gestern (“ceterum censeo“) nicht interessiere und dass sowohl die Ergebnisse als auch die Spielweise ja für sich sprächen. Ok, Letzteres erschiene mir etwas weit hergeholt, aber ein Ergebnislauf (ist er als Gegenstück zur Ergebniskrise bereits etabliert?) wäre ja allemal drin gewesen, und dann hätten die Herren Bobic und – schätzungsweise nicht zuletzt – Wahler wohl noch etwas länger zuwarten müssen.

Aber dann kam Augsburg. Ok, und zuvor Rijeka. Gerne auch ein bisschen Plovdiv. Leverkusen. Mainz, klar. Den DDR-Rekordmeister lassen wir mal außen vor, der war vor dem Urlaub. Von all diesen Spielen habe ich Teile gesehen. Oder alles. Und keines hat mir gefallen. Zumindest nicht so gut, dass ich die Hinweise darauf, dass es ja nur am Abschluss gemangelt habe, auch nur ansatzweise hätte verstehen können. Positiv indes die Nachhilfe in Sachen Taktik. Selten habe ich von ein und derselben Mannschaft im Pflichtspielbetrieb so viele verschiedene Systemfragmente in so kurzer Zeit gesehen, gerne auch im personellen Bäumchen-wechsle-Dich-Verfahren. Anschauungsunterricht par excellence.

Doch ich will nicht ungerecht werden. Denn seien wir ehrlich: wenn Thomas Tuchel in fünf Spielen fünf verschiedene taktische Formationen aufbietet, wird er dafür als Matchplankönig gefeiert. Ok, vielleicht spielt da auch mit rein, wie erfolgreich die jeweilige Umsetzung erfolgt. Bzw. wie gut die jeweiligen Pläne waren. Ich ziehe zurück.

So ähnlich ging es mir kürzlich bei einer Hochzeit im Freundeskreis, die von zahlreichen VfB-Anhängern besucht wurde, die (also die Fans) sich auf wunderbare Weise immer wieder zusammenrotteten und über den Verein sprachen. Ich stieß ein Gedankenexperiment an: was, wenn wir alle unrecht haben? Wenn Labbadia der einzige ist, der eine klare Sicht auf die Dinge hat? Wenn der Kader noch immer zu schwach ist? Wenn die jungen Spieler nie “so weit” sein werden und wir froh sein sollten, sie weggeschickt zu haben? Wenn es wichtig ist, die Erinnerung an schlechte Zeiten demütig wach zu halten, die an die sportliche Bilanz der zehn Jahre zuvor aber einschlafen zu lassen? Wenn die unkundigen Fans einfach mal die Schnauze halten sollten, anstatt sich auf allen Kanälen einzumischen und ihre Meinung kundzutun? Wenn Typen wie Timo Gebhart einfach nicht zum Profifußball passen?

Ergebnis: Kopfschütteln. Betretenes Schweigen, das weniger nach plötzlicher Einsicht als nach Rücksichtnahme gegenüber dem Gesprächspartner klang. Oder bestenfalls ein bestätigendes “Gedankenexperiment, ne?”

Und doch: Empathie rules. Bruno Labbadia, davon bin ich mittlerweile überzeugt, glaubt den Großteil dessen, was er uns allen über die Qualität seiner Spieler gesagt hat, wirklich. Auch wenn er es bewusst instrumentalisiert hat, um die Erwartungen einzufangen. Wozu auch immer das dienen soll, außer als Selbstschutz. Er glaubt bestimmt, dass ihm unrecht getan wird. Dass er doch der größte Förderer der Jugend sei, den man sich vorstellen kann. Dass ein offensiver, sehenswerter Fußball in seinen (Trainer-)Genen liege. Die Vermutung liegt nahe, dass er Zweifel an diesen vermeintlichen Grundwahrheiten auch nach einigen Jahren im Geschäft noch als persönliche Beleidigung empfindet. Das täte mir leid. Denn Beleidigungen hat er nicht verdient.

Mich ärgert vieles, was er in den vergangenen Jahren in Stuttgart getan hat, die Einzelheiten wurden mehr oder weniger umfassend hier dokumentiert, aber es läge mir fern, ihn zu verunglimpfen. Nicht wegen des von Fredi Bobic leidenschaftlich vorgetragenen Menschlichkeitsfaktors, dem die Leute im Internet wohl nur bedingt genügen, bzw. korrekter: nicht wegen Bobics Menschlichkeitsvortrag, das bekomme ich schon selber hin, sondern auch und gerade wegen der unstrittigen Erfolge, die Labbadia vorzuweisen hat.

Die erste Halbsaison war wahrlich aller Ehren wert, da wiederhole ich mich sehr gern, und auch das zweite Jahr war zumindest von einem Ergebnislauf gekrönt. Und natürlich habe ich das Pokalfinale nicht vergessen, und vermutlich ist meine verärgerte Reaktion auf Labbadias offensichtlichen inneren Zwang, darauf hinzuweisen, dass er nun zum zweiten Mal innerhalb von nur vier Jahren in Berlin dabei gewesen sei, nur meiner in den letzten Jahren entstandenen Sensibilisierung für dieses stete Bemühen geschuldet, sich ins rechte Licht zu rücken.

Doch ich relativiere schon wieder. Also nochmal: Danke, Bruno Labbadia, für die Rettung 2011, und danke für eine ergebnisstarke Pokalsaison 2012/13. Aber jetzt ist es dann auch genug.

Ach, und es lebe der neue König: Thomas Schneider.

 

* Ok, “Pause” ist ein bisschen übertrieben. Ein paar Reime kamen zwischendurch rein bzw. raus. Sollen ja schließlich 52 werden …

Der ganz normale Selbstschutz

Jüngst hatte ich kurz darüber nachgedacht, bis auf Weiteres all meinen Texten hier ein ceterum censeo anzuhängen, kam dann aber wieder davon ab, in der Annahme, dass die hier Mitlesenden über dessen Inhalt ohnehin bestens im Bilde wären:
“… dass Labbadia weggeschickt werden muss.”

Mir ist klar, dass das Argument, meine Meinung sei – hier – ohnehin bekannt, leicht mit dem Hinweis entkräftet werden könnte, dass der Senat seinerseits auch wusste, was Cato wollte, ohne dass dieser auf die stete Wiederholung verzichtet hätte. Dessen Meinung indes, von allem anderem abgesehen, im Gegensatz zu meiner, Gewicht und Relevanz hatte. Wie auch immer: ich fand die Idee dann doch nicht so gut.

Gleichwohl: meine Meinung zu Bruno Labbadia bzw. insbesondere zu der Frage, wie lange er noch beim VfB wirken sollte, ist klar. Insofern dürfte es niemanden verwundern, dass ich seine öffentlichen Äußerungen möglicherweise besonders kritisch betrachte, und dass ich mich vielleicht auch ein bisschen freue, wenn die Stuttgarter Nachrichten in ihrer aktuellen Ausgabe unterschiedliche Wahrnehmungen der Herren Labbadia und Bobic hinsichtlich der Saisonziele, des Kaders oder der Attraktivität des in Cannstatt gezeigten Fußballs sowie das daraus möglicherweise erwachsende Konfliktpotenzial aufzeigen.

Es gäbe manchen Grund, die jüngsten Äußerungen des Trainers zu hinterfragen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass man den Eindruck gewinnen kann, er sei bereits wieder dabei – nach der Kadergrößengebetsmühle des Vorjahres – das Fundament seiner Verteidigungsstrategie für den Misserfolgsfall zu legen. Mir fehlt aktuell die Zeit, und vielleicht auch die Lust, vertiefter darauf einzugehen. Ganz davon abgesehen, dass sich der Aufwand wegen der paar Restwochen nicht lohnt.

Auf zwei Aussagen, bzw. deren Zusammenspiel, möchte ich gleichwohl kurz hinweisen. Im Artikel “Die ungleichen Tempomacher des VfB” (so die Überschrift im Print, online wurde umbenannt) zitieren die Stuttgarter Nachrichten Labbadia dahingehend, dass der Verein nicht “Lionel Messi oder Neymar” verpflichtet habe, sondern personell “nur nachgeholt, was wir in den vergangenen zwei Jahren nicht gemacht haben. Jetzt ist nur die Normalität eingekehrt.

Normalität also. Einverstanden. Nicht dass ich der Meinung wäre, der Kader der Vorsaison sei einer für Platz 12 gewesen, aber sei’s drum. Jetzt hat der VfB also einen normalen Kader. Nun könnte man auf die Idee kommen, zu fragen, was denn “Normalität” bedeute, hier in Stuttgart. Beim Viertplatzierten der ewigen Tabelle der Bundesliga. Ok, das war unsachlich, da spielen dann doch ein paar zu alte Ergebnisse mit rein.

Aber vielleicht könnte man sich ja mal die zehn Spielzeiten vor Labbadias Ankunft ansehen. Ganz kurz nur, und oberflächlich. 2000/01 war’s mit Platz 15 nicht so dolle, im Jahr darauf als Achter auch noch nicht so. Danach dann: 2, 4, 5, 9, 1, 6, 3, 6. Ein Ausrutscher mit Platz 9, zweimal die 6, fünfmal besser als 6. Gar nicht so schlecht. Danach folgte, zugegeben, noch die Halbsaison mit dem beschädigten Christian Gross und dem umhertapsenden Jens Keller, die auf Rang 17 endete. Dennoch:

Irgendwie fällt es mir schwer, die Stuttgarter “Normalität” mit Labbadias zweiter Aussage auf einen Nenner zu bringen:

Aber wir haben nicht die Mannschaft, um zu sagen, wir werden Sechster.

Ja, was denn sonst? In meiner kleinen Welt beginnen die Ausläufer der Prä-Labbadia-Normalität für den VfB, ganz vorsichtig ausgedrückt und mit viel Wohlwollen, bei Platz 8. Normal im engeren Sinn wären die Plätze 4-7, mit der 7 als Enttäuschung. Das ist der Anspruch. Ein Anspruch, den sich der Verein über Jahre hinweg hart erarbeitet hat. Oder anders: Stuttgarter Normalität, jahrelang.

Mir ist klar, dass meine oberflächliche Betrachtung finanzielle und sonstige Rahmenbedingungen sowie zahlreiche weitere Aspekte außer Acht lässt. Sie ist unseriös, polemisch und vielleicht auch unfair. Mir ist ebenso klar, dass ich den von Bruno Labbadia verwendeten Begriff “Normalität” womöglich etwas zu wörtlich interpretiere und schlaumeiernd gegen ihn wende.

Und all das nur, weil ich es schlichtweg nicht ertragen kann, wie dieser Mann den VfB als einen dahergelaufenen Zaungast im Konzert der Großen darstellen will, um sich selbst im Vorgriff auf den möglichen Misserfolgsfall zu schützen. Aufbruchstimmung my ass!

Im Übrigen …