Da Roppn spielt an Seich!

Mir doch egal, wer da gewinnt, dachte ich. Ein schönes Spiel soll’s halt werden, dachte ich. Gerne vier zu drei oder so, dachte ich, ohne Elfmeterschießen, versteht sich.

Und gleichzeitig wusste ich, dass mir irgendwas einen Strich durch die Rechnung machen würde. Irgendein herkunftsloses Gefühl, das mir sagen würde, welcher Mannschaft ich die Tore gönne und welcher nicht. Bis vor ein paar Jahren hätte sich die Frage im Grunde nicht gestellt. Zu sehr konnte ich Dortmund so gar nicht leiden, zu groß war im Vergleich dazu meine Grundsympathie für die Bayern. Das hatte sich in den letzten Jahren geändert, dem Dortmunder Fußball sei Dank, dem Dortmunder Trainer sei Dank, und noch vor einem Jahr hätte ich den Sieg wohl ohne lang zu überlegen den Gelben gegönnt.

Nun indes, nach den jüngeren Münchner Entwicklungen, wusste ich schlichtweg nicht, was ich wollte. Wie bereits gesagt. Ein schönes Spiel sollt’s halt werden, gerne vier zu drei oder so, ohne Elfmeterschießen, versteht sich. Aber ich wusste ja, dass mir irgendwas einen Strich durch die Rechnung machen würde. Nur: dieser Strich war ein ganz anderer als der, den ich erwartet hatte.

Er war mir zu, wie soll ich sagen, destruktiv. Oder, positiver: mitfühlend. Jedes 4:3 oder 3:4 oder meinetwegen auch 4:4, dann halt doch noch mit Elfmeterschießen, setzt voraus, dass irgendwann einer in Führung geht. Dumm nur: ich wollte das nicht.

Jenes irgendwas, das mir sonst im Grunde bei jedem Spiel, und sei es irgendein Kreisklassenkick, den ich eher zufällig zu sehen bekomme, unmissverständlich signalisiert, wessen Tore gut und wessen Tore böse sind, verweigerte mir am Samstag die Kooperation. Egal wer eine Chance hatte, an deren Entstehung ich mich erfreute: das Irgendwas sagte: “Nein. Bitte kein Tor jetzt!”

Dass es zunächst in erster Linie Dortmunder Tore verhinderte, lag in der Natur der Sache dieses Spiels. Der Druck, den sie auf die Bayern ausübten, beeindruckte mich im selben Maße wie mich deren Unfähigkeit, sich davon zu befreien, entsetzte. Ich war begeistert von ihren Ballgewinnen, von der Rasanz und Stringenz, mit der sie dann in Richtung Neuer eilten – um sogleich den Torerfolg, den Rückstand für die Bayern zu fürchten.

Als rot dann irgendwann mitspielte, ergab sich dasselbe in grün. Gelb. Wie auch immer. Tolle Flanke von links, Mandzukic macht alles richtig, mal wieder, aber der Ball soll doch bitte nicht rein! Oder Robben gegen Weidenfeller, den ich nun wirklich nicht leiden mag, und dem ich wohl nie mehr so sehr wie am Samstag wünschen werde, Auge in Auge mit dem Stürmer siegreich zu bleiben, von mir aus auch einfach angeschossen zu werden.

Später dann dieser laut vernehmliche Zungenschnalzer ob Ribérys Zuspiel auf Robben und die gleich folgende Erleichterung, dass jener ihn nicht so ideal mitgenommen hat. Um dann doch noch die Kurve zu bekommen, und siehe da (Mist!): der Führungstreffer! Jetzt aber los, Ihr Gelben, gleicht aus, flott, flott!

Hat dann ja auch geklappt. Was die Bayern, die längst Herr im Hause waren, aber was heißt das schon in einem Champions-League-Finale, ein wenig wütend und vor allem noch entschlossener werden ließ. Als dann jedoch selbst Müller vor dem leeren Tor in ungeahnter Halbherzigkeit nicht recht zu wissen schien, ob er den Ball selbst über die Linie schieben oder doch lieber den Kollegen Robben anspielen soll, war ich fast geneigt, daran zu glauben, dass mein Irgendwas irgendwo erhört worden sei und man sich im Morgengrauen auf ein Unentschieden einigen werde.

Dies (also unmittelbar nach Müllers Chance und Subotics Rettungstat) war übrigens auch der Moment, in dem ich die Beherrschung verlor. Lange genug hatte ich, und nicht nur ich, schweigend über mich ergehen lassen, wie ein glühender Bayernfan, der zufällig am Nachbartisch saß und sich offensichtlich bereit erklärt hatte, für den kleinen, heterogenen und völlig zufällig zusammengewürfelten Haufen, der keine andere Wahl gehabt hatte, als sich vor dieser Leinwand zu versammeln, den Steffen Simon zu geben, den Steffen Simon gab. Oder irgendwas Ähnliches.

Von der ersten Minute an beschimpfte er seine Bayern, selten aggressiv, meist eher resigniert, was man noch recht belustigt hätte zur Kenntnis nehmen können, zumal das bairische Idiom die Kanten ein wenig abrundete. Bitter war indes sein zur Schau getragener Pessimismus, der sich meist so ausdrückte, dass das Eindringen der Dortmunder in das Münchner Verteidigungsdrittel – und sie waren häufig dort – in schöner Regelmäßigkeit von einem prophetisch überzeugenden “1:0. Jetzt ist es soweit!” in vielfältigen Variationen begleitet wurde; auf das unvermeidliche “Da schau hi!”, das jede einzelne Unachtsamkeit der Bayern nach sich zog – und es gab nicht so wenige davon – will ich gar nicht weiter eingehen.

Einen besonders schweren Stand hatten, nun ja, im Grunde alle, aber noch besonderer war es bei Schweinsteiger und beim Roppn, wenn ich ihn recht verstanden habe. Ein Schelm übrigens, der einen Bezug zum Vorjahr herstellt. Beim Roppn war nach seinen vergebenen Chancen schon früh Hopfen und Malz verloren. Da ich dies beim Kommentator ähnlich empfand, sparte ich mir auch den vorsichtigen Hinweis, es komme möglicherweise nicht von ungefähr, dass gerade Robben derjenige sei, der mit wenigen Ausnahmen überhaupt in torgefährliche Situationen komme. Vergeben Liebesmüh, sagte ich mir. Noch.

Als dann also Müller den Ball nicht ins leere Tor geschoben, sondern irgendwohin in das (geometrisch womöglich nicht ganz saubere, wohl aber gefühlte) Dreieck Torlinie-Robben-Subotic gepustet hatte, und als Robben dann erst Sekundenbruchteile nach Subotic am Ort des Geschehens war, und als man sich zugegebenermaßen überlegen konnte, ob, sagen wir, Ulf Kirsten an Robbens Stelle möglicherweise einen Tick energischer herangerauscht und samt Ball und Subotic ins Tor gerutscht wäre, und als unser Kommentator, außer sich vor irgendeinem schwer zu definierenden Gefühl, seine Zuhörer zum wiederholten Male wissen ließ, was der Roppn doch für an Seich spiele, konnte ich nicht anders, als ansatzweise energisch darauf hinzuweisen, dass der Müller halt einfach den Ball ins Tor schießen solle, dann müsse man sich nicht über den Roppn echauffieren. (Gleichzeitig dankte ich Müller im Stillen dafür, dass er es nicht getan hatte – es schien absehbar, dass Dortmund nach einem Rückstand eher nicht mehr ins Spiel zurück finden würde.)

Die gemurmelte, nicht zustimmende Reaktion verfing sich ein wenig in seinem Schnauzer, seine Frau, der zuvor nicht verborgen geblieben war, wie ich gelegentlich die Augen verdrehte, raunte ihm etwas zu, und ich bilde mir zumindest ein, dass es danach wesentlich besser war. Was natürlich auch ein bisschen daran liegen mag, dass seine Mannschaft halt auch wesentlich besser war. So gut, dass irgendwas in mir mittlerweile fast soweit war, einen etwaigen Münchner Treffer zu begrüßen. Fast. Tatsächlich freute ich mich noch in der 85. Minute gemeinsam mit meinem Sitznachbarn, dass die Verlängerung nun doch in greifbarer Nähe war. Tja.

Und dann kam der Moment, dessentwegen ich Abbitte leisten musste. Bei Jupp Heynckes. Ich weiß nicht, wie oft ich im Lauf der zweiten Halbzeit den Kopf geschüttelt hatte ob seiner Entscheidung, Boateng auf dem Platz zu lassen, einen angeschlagenen Innenverteidiger, den ich mir in keinem Laufduell mehr vorstellen konnte (vielleicht wusste der Trainer einfach, dass sich angesichts der nun geltenden Kräfteverhältnisse keines mehr ergeben würde), und der nun den langen Ball schlug, der die Entscheidung einleitete. Und wiederum hatte Ribéry einen extrem lichten Moment, und wiederum war es der Roppn, der dankend annahm und diesmal selbst, und zwar in ganz großer Manier, vollendete – um so die beiden Seelen in meiner Brust gleichermaßen aufheulen und jubilieren zu lassen.

Großer Sport, all das. Irgendeine ausländische Zeitung wurde, wenn ich mich recht entsinne, dahingehend zitiert, dass alle, restlos alle Spieler auf den Schultern vom Platz getragen gehört hätten. Dem schließe ich mich vollumfänglich an.

Und möchte abschließend noch einen Gedanken weitertragen, den mir ein Freund am Tag danach per SMS zukommen ließ. Sinngemäß sagte er, er habe bisher Verständnis gehabt für die verbreitete Argumentation, Doping bringe im Fußball nichts. Die Dortmunder Anfangsphase habe ihm indes eines vor Augen geführt: wenn alle 90 Minuten laufen könnten wie einst Johann Mühlegg, dann beherrschen sie das Spiel. Dann hätten, um den Gedanken weiterzuführen, die Bayern 90 Minuten lang die eigene Hälfte nicht verlassen.

Natürlich hinkt das irgendwo, natürlich muss man sich vor Augen führen, dass die Fitnessunterschiede letztlich immer nur kurzzeitig groß sein können, weil ziemlich rasch auch alle anderen besser trainieren oder ähnlich leistungsfähige Apotheker ausfindig machen, und dann möglicherweise auch weiter fortgeschrittene fußballerische Strategien zur Anwendung bringen können. Aber ich (als jemand, der Fußballdoping schon länger für relevant hält) finde es sehr wohl bemerkenswert, dass dieses eine Spiel, ein zweifellos großartiges Spiel, jemanden dazu bringt, seine Grundhaltung zu Doping im Fußball anzuzweifeln. (Und nein, er ist weder Gelegenheitsfußballfan noch jemand, der das Spiel nicht verstanden hat.)

Eine Konsequenz übrigens, die der SMS-Schreiber en passant in den Raum stellte: dass “Langholz” wieder salonfähig wird, wenn der Druck der Presser immer weiter zunimmt. Ich dachte kurz darüber nach, in meiner Antwort darauf hinzuweisen, dass die Bayern keinen Lothar Matthäus mehr in ihren Reihen haben, der diese zentimetergenauen langen Bälle spielen könne, um dann gerade noch rechtzeitig an Boateng zu denken. Und an Heynckes. Und daran, wie wenig ich von modernem Fußball verstehe.

Sperrvermerk

Zwei deutsche Mannschaften treffen im Finale der Champions League aufeinander. Ich freue mich für beide Vereine, für viele Spieler, einige Verantwortliche, aus aktueller Sicht: für the beautiful game, und für zahlreiche Twitterbekanntschaften aus beiden Lagern. Und ich weiß noch nicht, für wen mein Herz am 25. Mai schlagen wird. Wobei “für niemanden” keine wirkliche Option darstellt – theoretisch durchaus, doch wenn das Spiel läuft, wird mir irgendetwas signalisieren, wer doch bitteschön den Abend erfolgreich gestalten möge.

Schön auch, dass keine der beiden Mannschaften auf gesperrte Spieler verzichten muss. Das gebe ich gerne zu, auch wenn ich in den letzten Tagen an der einen oder anderen Stelle die Minderheitenmeinung vertrat, dass Gelbsperren, auch im Finale, mit meiner Vorstellung von einem hochklassigen sportlichen Wettbewerb durchaus harmonieren. Gedankenspiele, wie sie im Vorjahr, als der FC Bayern eine (inoffizielle) Anfrage an die Uefa richtete, um eine Aufhebung der Sperren beider Finalisten auszuloten, in aller Munde waren, und wie sie auch dieses Jahr angesichts zahlreicher im Halbfinale potenziell gefährdeter Münchner Spieler wiederholt geäußert wurden, irritieren mich, das Bemühen um eine generelle Amnestie vor künftigen Finalspielen ist mir suspekt.

Wenn zudem Jupp Heynckes im Vorjahr gesagt haben soll, es sei dem Publikum “eigentlich nicht zumutbar, dass die besten und wichtigsten Spieler nicht dabei sind”, so kann ich das aus seiner damaligen Sicht zwar verstehen; dass es letztlich aber stets die betreffenden Spieler sind, die sich nicht an die Regeln halten, sich nicht im Griff haben oder auch ganz bewusst den Gegner durch eine unsportliche Aktion seiner Chance auf das Finale berauben, mag außer Acht lassen, wer will – ich möchte es nicht tun, auch wenn ich mich damit irgendwo zwischen aus der Zeit gefallen und moralinsauer einordne.

Am Ende des Tages ist diese Sichtweise wohl auf ein – gewiss subjektives – Gerechtigkeitsempfinden zurückzuführen. Ich finde es völlig in Ordnung, wenn ein Spieler, der in völliger Kenntnis der Regeln und Regularien gelbe Karten und daraus resultierende Sperren in Kauf nimmt, dann auch die Konsequenzen zu tragen hat. Nicht nur das: ich finde auch diese Regeln und Regularien völlig in Ordnung. Ohne indes zu sagen, dass ich jegliche Anpassung kritisch sähe. Ob zum Beispiel ein Spieler bereits mit fünf gelben Karten zum zweiten Mal gesperrt werden soll oder vielleicht erst beim sechsten Mal, also nach jeweils drei Karten, darüber kann man sicherlich mit guten Argumenten auf beiden Seiten diskutieren. Auch wenn ich fünf Verwarnungen in maximal elf Spielen für eine Größenordnung halte, die die zweite Sperre keineswegs unangemessen erscheinen lässt.

An meiner Grundhaltung ändert es ohnehin nichts: Sanktionen sind richtig. Auch für ein Finale. Wenn also, hypothetisch, Bastian Schweinsteiger am Mittwoch verwarnt worden wäre, so hätte ich das mit Blick auf das Endspiel zutiefst bedauert. Um dann mir selbst gegenüber hinzuzufügen, dass nicht nur fünf gelbe Karten eine Menge sind, sondern dass ich es auch nicht für völlig abwegig halte, wenn die Mannschaft, die in 12 Spielen 28 mal gelb gesehen hat, im Endspiel auf einen Spieler verzichten muss, während jenes Team, dessen Spieler nur 13 mal verwarnt wurden, schadlos bleibt. Fühlte sich für mich nicht ganz falsch an.

Egal. Es dürfen alle mitspielen, ich freu mich drauf, bis dahin haben bestimmt auch alle die Sache mit dem eben nicht deutsch-deutschen Finale verinnerlicht, und ansonsten warte ich geduldig auf die letzten paar Tage vor dem Finale, wenn ganz langsam das mediale Rumoren beginnt.

Und wenn dann nach 2015 die Gelbsperren abgeschafft werden, schau ich trotzdem noch zu.

Just another Länderspielpausenbashing

Ich mag Länderspiele. Schon immer. Länderspiele sind Pflichttermine. Und dabei beziehe ich mich nicht auf jenen Pflichtbegriff, den man gerne mal mit Adjektiven wie “lästig” anreichert, sondern bin gedanklich wesentlich näher an einer freiwilligen Selbstverpflichtung, die ich jederzeit wieder unterschreiben würde. Oder anders: ich freue mich auf jedes einzelne Länderspiel. Mein Vater übrigens auch. Und meine Mutter. Wird wohl eine Erziehungssache sein.

Und doch machen mir Länderspielpausen in letzter Zeit arg zu schaffen. Nicht wegen der gerne mal ins Feld geführten fehlenden Struktur, die sonst die Bundesliga dem Wochenende gibt. Ich weiß mich durchaus auch unstrukturiert zu beschäftigen, im Zweifel unterstützt mich die Familie dabei.

Nein, es liegt an einem ganz konkreten der Länderspielpause geschuldeten Verlust: mein Mittwochsquiz fällt aus. Keine Sorge, ich bin mir sehr wohl darüber im Klaren, dass die althergebrachten Mittwochsländerspiele mittlerweile zumeist dienstags stattfinden, der Regeneration wegen. (Wer möchte, darf sich an dieser Stelle einen Satz über die Belastung von Profifußballern denken.) Im Grunde sollte mein mittwöchentlicher Ablauf demnach gar nicht betroffen sein. Ist er aber. Kollateralschaden, wenn man so will.

Der Hintergrund ist ein recht einfacher: Mittwoch ist mein Skytag. Also der Tag in der Woche, an dem ich mich in aller Regel, Champions-League-Ansetzungen unterstellt, den Segnungen des Bezahlfernsehens hingebe. Mit meinen Fußballfreunden, Sie erinnern sich. Meist kommen wir kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit beim Gastwirt unseres Vertrauens an, der im Normalfall alles vorbereitet hat, sodass wir erst noch ein wenig Fußball schauen können, ehe wir uns dem eigentlichen Zweck widmen können: dem Pub-Quiz.

Geübte Pub-Quiz-Gängerinnen und -Gänger werden an dieser Stelle womöglich eine etwas irreführende Vorstellung solchen Tuns haben. Es ist mitnichten so, dass jemand eine Reihe von Fragen vorbereitet hat, die sich um Gott und die Welt oder auch nur um ein bestimmtes Thema (Fußball böte sich an) drehen, die wir dann einzeln oder in Gruppen zu beantworten versuchen, wie dies gelegentlich auch bei Twitterstammtischen in Köln oder Berlin versucht wird – und diplomatische Verwicklungen hervorruft.

Unser Quiz ist anders. Es besteht aus einer einzigen Frage:

Wer ist der vierte Mann?

Was tatsächlich insofern ein wenig in die Irre führt, als es sich in Einzelfällen auch um eine Frau handelt, die dann allerdings nicht die vierte ist, sondern die einzige. Und da ich mich tatsächlich nur an eine einzige erste Frau erinnern kann, erlaube ich mir, der eingängigeren Formulierung und der populären Referenz wegen beim »vierten Mann« zu bleiben.

Wer also ist jeweils der vierte Mann? Wer ist jene Person, die der Kamera in aller Regel den Rücken zudreht, zudrehen muss, weil es sich an einem runden Tisch, dessen Gesamtsicht zumeist aus einer Standardposition erfasst wird, schlichtweg nicht zu vermeiden ist, dass ein Beteiligter hauptsächlich von hinten zu sehen ist? Jene Person zudem, die dummerweise – was an unserem Timing liegen mag – zunächst einmal zehn Minuten lang nicht nach ihrer Meinung gefragt wird, sodass die Regie wenig Veranlassung verspürt, sie auch mal von vorn zu zeigen, geschweige denn, sie mit einer namenstragenden Bauchbinde zu versehen?

Was dann wiederum insofern recht egal ist, als wir – was an unserer Ignoranz liegen dürfte – die Leute, wenn sie dann im Bild sind, auch nicht kennen. Nicht einmal den schriftlich so geschätzten Ronald Reng, als er im Herbst zu Gast war, geschweige denn einen Mann mit niederländisch klingendem Namen (nein, ich meine nicht den Herrn, der aus welchen Gründen auch immer an einer Taktiktafel platziert wurde), der wohl für den Kicker arbeitet, und auch nicht die junge Dame, die kürzlich die Runde bereichern sollte.

Im letztgenannten Fall griffen wir dann zum letzten Mittel: einem Tweet. Der erwartungsgemäß sehr rasch die gesuchte Antwort hervorrief:

Tweet_Skyfrage_20130313

 

Eine Reihe weiterer, nicht in jedem Fall schmeichelhafter Antworten informierte noch etwas genauer, was insofern nur bedingt half, als ich vermutlich der einzige in meiner Gruppe war, der Frau Gilberts Namen schon einmal gehört hatte und ihre Position kannte – ein “Ach so, die!” war zumindest nicht zu vernehmen.

Wie auch immer: ein Muster scheint erkennbar, dem zufolge es sich meist um Vertreter der schreibenden Zunft handelt, die besser informierte Zeitgenossinnen und Zeitgenossen vermutlich auch von hinten erkennen würden.

Wir nicht. Was unserem Quiz bestimmt gut tut. So werden wir auch weiterhin Champions-League-Woche für Champions-League-Woche rätseln und – wohl wissend, dass wir in der Regel scheitern – darauf hoffen, dass der vierte Mann oder die erste Frau mal von vorne gezeigt wird – die nächste Getränkelieferung kommt bestimmt.

Wäre je noch schöner, wenn die Expertinnen und Experten während der Werbepausen oder gar dann mit Getränken versorgt würden, wenn Fußball kommt. Da hat man keine Zeit für sowas. Zumal man dann ja die jungen Damen in ihren kurzen, engen Kleidchen (wofür werben die eigentlich genau?) nicht mehr im Bild hätte. Und das kann ja nun wirklich nicht im Sinn der Zuschauer sein. Fußball ohne junge Dinger, im Bezahlfernsehen, geht’s noch?

Nächste Woche ist es wieder so weit. Länderspielpause go home!

(Echtzeitinformationen über den vierten Mann werden gerne entgegengenommen. Twitter als Wettbewerbsvorteil.)

Bus- und Betttag

Drüben beim Fitzelkönig geht’s seit einigen Tagen ans Eingemachte. Um “Fußball und Liebe“, und um das Spannungsfeld, das bisweilen aus dem mehr oder eben weniger harmonischen Zusammenspiel dieser beiden Himmelsmächte entsteht.

Aufhänger ist die Champions-League-Partie zwischen Bayer Leverkusen und dem FC Barcelona, die just am Valentinstag stattfindet, der bekanntlich in manchen Kulturkreisen eine besondere Bedeutung für Liebende hat. Hinsichtlich der hiesigen Verhältnisse zitiere ich gerne die geschätzte Online-Enzyklopädie:

Allgemein bekannt wurde der Valentinstag durch die vor dem 14. Februar verstärkt einsetzende Werbung der Floristen und der Süßwarenindustrie.”

Aber wir wollten ja nicht Sinn und Unsinn des Valentinstags diskutieren, sondern die Liebe. Und den Fußball. Und wie es die beiden miteinander aushalten.

In besagtem Text und den dortigen Kommentaren liegt der Fokus eindeutig auf passivem Fußball. Auf Konflikten, die sich aus dem Fandasein ergeben, sozusagen im Stil und Geiste von Fever Pitch, während Begriffe wie “Niemandsland”, “Kreisliga” oder “Ascheplatz” lediglich der Illustration elendiglichen Scheiterns dienen – dabei spielt sich doch dort, beim echten, ehrlichen Fußball, das wahre Leben ab.

Das war übertrieben. Aber es stimmt, dass “Fußball” für mich persönlich vor allem anderen der selbst betriebene Sport ist. Kicken, möglichst regelmäßig, mit Gleich- oder auch völlig anders Gesinnten, die aber meine Leidenschaft teilen, und die gerne auch ähnlich alt, dick und langsam sind wie ich. Wenn es dann um das Spannungsfeld zwischen Fußball und Liebe geht, steht mein Fandasein, obschon es an der einen oder anderen Stelle durchaus Konfliktpotenzial bergen könnte, zunächst einmal im Hintergrund. Keine Champions League, keine Auswärtsfahrten, kein Besuch in der Fußballstammkneipe, sondern der bloße Wunsch, selbst auf dem Platz zu stehen, und dessen Konsequenzen.

Wobei das mit dem Auf-dem-Platz-Stehen so eine Sache ist. Zu Zeiten der per kaiserlichem Dekret auf Jahre hinaus festgeschriebenen Unschlagbarkeit deutscher Fußballnationalmannschaften, als ich weder alt noch dick und darüber hinaus nicht ganz so langsam war, verließ ich aus mancherlei Gründen meinen Heimatverein, um mich beim benachbarten Platzhirschen zu versuchen, zunächst in dessen Reserve, die nur geringfügig höher spielte, mit der Option auf die erste Mannschaft, die allerdings einen etwas größeren Sprung darstellte.

So spielte ich in den ersten Wochen in der Reserve, die als Aufsteiger für Furore sorgte, während die Erste verheerend in die Saison startete und schon nach kurzer Zeit keinen Zweifel daran ließ, dass es einzig und allein darum gehen würde, den Abstieg zu vermeiden. Ich trainierte viel und fleißig, zudem hatte ich mir in jenem Studiensemester ein bisschen viel aufgeladen, mit der Konsequenz, dass mich meine Freundin, vorsichtig ausgedrückt, nicht übertrieben häufig sah. Meist wurde dreimal in der Woche trainiert, sonntags gekickt, sodass ich in meiner Ernsthaftigkeit auch samstags nur sehr bedingt “auf die Piste” ging, was bei der Dame meines Herzens mitunter für Verdruss sorgte.

Sicher, ich konnte ihre zeitweise Unzufriedenheit nachvollziehen und war auch auf der Suche nach Lösungen, sofern sie keine Kürzung der Fußballzeit und die Beibehaltung eines Mindestmaßes an Studienaufwand beinhalteten – ein schwieriges Unterfangen. Um kein falsches Bild entstehen zu lassen:  Meine Beziehung war mir wichtig, ich war jung und verliebt. Der Herbst mit seinen Freizeit verheißenden Feiertagen ließ mich insofern ein wenig im Stich, als sowohl der dritte Oktober als auch Allerheiligen auf ein Wochenende fielen – aber wir hatten ja noch, die Älteren werden sich erinnern, die Sachsen haben ihn nach wie vor, den Buß- und Bettag. Pläne wurden geschmiedet, die einen kleinen Ausflug und vor allem viel, wie soll ich sagen, Qualitätszeit zu zweit vorsahen. Schön.

Am Dienstag vor dem Feiertag – Buß- und Bettag fällt bekanntlich immer auf einem Mittwoch – trainierte ich locker mit der Reserve, die Erste war wegen einer für besagten Mittwoch angesetzten Nachholbegegnung nicht zugegen. Umso überraschter war ich, als der Abteilungsleiter, der sich sonst eher rudimentär mit der Zweiten befasste, zu uns auf den Platz kam. Die Überraschung nahm noch zu, als er mich kurz zur Seite nahm: “Hast Du morgen Zeit? Der neue Trainer würde Dich gerne zum Spiel mitnehmen.” Hatte ich noch gar nicht erwähnt, dass angesichts des anhaltenden Misserfolgs die Gesetze der Branche gegriffen und die Vereinsoberen einen Interimstrainer installiert hatten?

Der neue Trainer wollte mir also eine Chance geben, und ganz ohne Ehrgeiz war ich natürlich nicht. Aber da war ja auch diese romantische Verpflichtung. Also sagte ich dem Abteilungsleiter, ich müsse erst meine Freundin fragen, ob wir “den geplanten Ausflug” verschieben könnten. Dabei wussten wir beide, wie das eben so war, dass ich natürlich kicken gehen würde, koste es, was es wolle.

Was nichts daran änderte, dass der Anruf getätigt werden musste. Drama, Baby!

Ich verbrachte also den Abend infolge einer von meiner Freundin völlig grundlos abgesagten Verabredung zuhause. Am nächsten Morgen brachen wir recht früh auf. Vielleicht sollte ich vorausschicken, dass wir, geographisch gesehen, so etwas wie das Tom Tomsk der Liga waren. Wir lagen in einem Zipfel des Verbandsgebietes, nicht wenige der anderen Mannschaften nah beisammen in einem anderen. So stand also eine knapp vierstündige Busfahrt bevor, genügend Zeit für das verunsicherte Schlusslicht, sich auf die Bewährungsprobe bei einem der Aufstiegsfavoriten einzustimmen. Wie ich schon sagte: Drama, Baby!

Der Busfahrer hatte vorgegeben, sich im Zielgebiet auszukennen, sodass ich mich zwar wunderte, dass er nach ein paar verkehrsbedingten Verzögerungen an einem Ort zur mittäglichen Nahrungsaufnahme bat, der nach meiner Wahrnehmung noch verdammt weit vom Zielort entfernt war, aber wie gesagt: er kannte sich aus, und auch die erfahrenen Mitspieler kannten die Liga und deren Spielorte gewiss besser. Als indes das Essen noch eine Weile auf sich warten ließ, wurden auch sie nervös, während der Fahrer gelassen blieb und erst unter verstärktem Druck zur raschen Weiterfahrt bewegt werden konnte.

Um es kurz zu machen: 10 Minuten vor dem geplanten Anpfiff kamen wir am Spielort an, der mit dem Auto und einigen Edelfans voraus gefahrene Abteilungsleiter machte sich als HB-Männchen hervorragend, nach 20 Minuten stand es 4:0, am Ende 7:0, und nach dem Spiel sollte der Trainer einem erfahrenen Spieler auf Nachfrage erläutern, dass “es für den Heinz sicher nicht gut gewesen wäre, ihn bei diesem frustrierenden Spiel einzuwechseln.”

Die Heimfahrt war ein wahres Vergnügen. Vorwürfe an den Busfahrer,  Vorwürfe an den Trainer, Vorwürfe an den abwesenden Ex-Trainer, Vorwürfe an die Vereinsführung, Vorwürfe der Spieler untereinander. Drama, Baby!

Der eine oder andere Gedanke, der mir in diesem Bus durch den Kopf ging, enthielt einen Anflug von Reue. Vielleicht wäre der Betttag doch die bessere Alternative gewesen.

Von Dilettanten und Romantikern

Natürlich hab ich mich auch gefreut, als es endlich losging. Wie Bolle sogar. Obwohl ich im Urlaub war und nur sehr selektiv schauen konnte. Wobei das ja irgendwie auch ganz gut war. Für meinen Blutdruck, für mein allgemeines Wohlbefinden, für meine Stimmungslage. Wer weiß, ob ich sonst noch an ein Weiterkommen des VfB im Uefa-Cup, vielleicht gar an eine erfolgreiche Bundesligasaison glauben würde? Soll ja nicht so berauschend gewesen sein gegen Mainz.

Wie auch immer: es ist schön, dass der gern zitierte Ball wieder rollt. In Duellen auf Augenhöhe, mehr oder weniger, und nicht gegen Achtligisten oder die C-Auswahl irgendeines ausländischen Vereins.

So weit, so gut. Was mich allerdings ungleich weniger begeistert, ist diese anhaltende Transferpanik. Das hat nur bedingt damit zu tun, dass die Sonderhefte nicht aktuell sind, und Managerspiele sind ohnehin nicht so meins. Ich hätte einfach gern, dass man sich ab dem 1. Spieltag auf das Wesentliche konzentriert, das sich in meiner überhaupt nicht althergebrachten Sichtweise nach wie vor auf dem Platz abspielt. Zugegeben, dahinter steckt ein wenig Egoismus: ich will nicht mehr miterleben müssen, dass der VfB jedes Jahr aufs Neue hofft, andere Vereine seien zum Ende der Transferperiode hin noch nervöser als man selbst und verscherbelten garantierte Leistungsträger zum Schleuderpreis.

Ist mir schon klar, dass mein Wunsch nicht sonderlich realistisch ist. Schließlich müssen die Vereine, von mir aus auch die jeweiligen AGs, auch wenn es mir hier nicht um Kapitalismuskritik geht, ja wissen, ob sie mit den Millionen aus der Champions League kalkulieren dürfen. Planungssicherheit und so. Und der internationale Rahmenterminkalender ist ohnehin viel zu eng, da kann man nicht später anfangen. Oder gar die Transferperiode verkürzen. Soll ja auch was umgesetzt werden.

So sahen wir uns also an, wie Schalke am 1. Spieltag gegen den HSV unter anderem mit den Herren Papadopoulos, Rakitic und Edu dilettierte*, um vielleicht schon zwei Spiele später gegen Hoffenheim, möglicherweise ein direkter Konkurrent der Hamburger, mit Misimovic, Brandao und sonst noch wem aufzulaufen.

Ich möchte “Wettbewerbsverzerrung!” rufen, ich kleiner Fußballromantiker.

*Vielleicht sind die drei ja viel besser als Misimovic, Brandao und die anderen, ich weiß es nicht. Und nein, es geht hier nicht um Schalke.