Eine Frage der Zieldefinition

„Wir sind trotz allem auf einem guten Weg.“

So lässt sich Fredi Bobic nach der Niederlage in Bremen in den Stuttgarter Nachrichten zitieren, und man fragt sich, wohin dieser Weg führen soll.

Ich hatte ja das, wie mir viele Leute ungefragt bestätigten, große Glück, das Spiel gegen Augsburg nicht sehen zu können. Unglücklicherweise versäumten diese Leute, mir zu sagen, dass ich auch die Partie in Bremen lieber mit der Familie als in irgendeiner Fußballkneipe verbringen solle. Womit ich nicht diesen Menschen die Schuld geben will. Ich hätte es ja selbst merken können, spätestens in dem Moment, als mir die Fußballkneipe meines Vertrauens recht lapidar eröffnete (mit einem banalen Schildchen, quasi lapidar as lapidar can), dass ihre Pforten bis 17 Uhr geschlossen bleiben würden. Doch anstatt nach Hause zu gehen, brach ich in betriebsame Hektik aus und machte mich mit dem Mitschauer, ebenfalls meines Vertrauens, auf die Suche nach kurzfristig verfügbaren Alternativen. Sind ja schließlich immer spektakuläre Spiele in und gegen Bremen.

Und spektakulär war es. Zumindest in der Phase, als Ulreich allein gegen den Bremer Sturm antrat – also in den ersten 40 Minuten. Halbwegs spektuläre Angriffsaktionen (befördert durch Abwehrfehler, die man fast schon als, tja, spektakulär bezeichnet werden könnte) wurden durch spektakuläre Paraden zunichte gemacht.

Vielleicht hätte Fredi Bobic bei Martin Harnik nachfragen sollen, wie der denn das Spiel gesehen habe („Wenn wir so spielen, müssen wir uns Sorgen machen“), oder gerne auch bei Serdar Tasci („Man sieht, dass wir da oben nichts zu suchen haben“), ehe er von einem „guten Weg“ sprach. Aber vielleicht ist „da oben“ ja auch gar nicht da, wo sein Weg hinführen soll. Vielleicht sollte man einfach nicht vergessen, wo man herkommt. Sich daran erinnern, wo man vor einem Jahr stand, demütig sein.

Sarkasmus hin, Zynismus her: ich bin demütig. Mir ist sehr wohl bewusst, dass man sich in Cannstatt glücklich schätzen darf und muss, diese Saison noch in der Bundesliga zu spielen. Im Grundsatz wäre ich noch immer, wie mehrfach gesagt und geschrieben, zufrieden, wenn der VfB in der ganzen Saison zu keinem Zeitpunkt mit Sorge auf die Abstiegsplätze sehen müsste, könnte mit dem Schlagwort „Übergangssaison“ leben. Allein: eine Übergangssaison zeichnet sich dadurch aus, dass man Weichen stellt. Dass man definiert, wo die Reise hingehen soll, und vor allem wie, und dass sich das auch in der Spielweise andeutet. Finde ich. „Hoffen auf Harnik und Hajnal“ ist nicht das, was ich mir unter einer solchen Spielweise vorstelle.

Ein seriöses Urteil über die Entwicklung der Nachwuchsspieler kann ich mir nach wie vor nicht erlauben, und natürlich weiß ich nicht, welche Eindrücke die Spieler im Training hinterlassen. Aber es erscheint mir nicht richtig, wenn Christoph Hemlein (den ich keineswegs für einen Heilsbringer halte) am Fernseher zusehen muss, wie Pavel Pogrebnyak die (zugegebenermaßen sehr wenigen) Bälle, die er bekommt, nahezu ausnahmslos binnen Sekunden dem Gegner übergibt. Es irritiert mich, dass auch ein angeschlagener Okazaki den Vorzug vor Timo Gebhart erhält, über den man wohlwollend wenigstens sagen könnte, dass der, der viel macht, auch viele Fehler macht.

Es will mir nicht in den Kopf, dass man „auf einem guten Weg“ sein soll, wenn Dinge, die in dieser Saison schon hervorragend funktioniert haben, nunmehr wieder so weit entfernt scheinen. Die Stabilität und Solidität in der Abwehr, nicht zuletzt dank des Zusammenspiels zwischen Tasci und Maza: dahin. Die Effektivität, Souveränität und gelegentlich auch Brillanz im Zentrum, verkörpert von Kvist, Kuzmanovic und Hajnal: perdu. Mutiges Offensivspiel, wie wir es insbesondere gegen Dortmund gesehen haben: Fehlanzeige.

Dabei hat sich Werder gar nicht komplett eingeigelt – dass der VfB dann noch immer, und man möchte fast sagen: traditionell, Schwierigkeiten hat, ist unstrittig, und ist auch eine Herausforderung, die sich möglicherweise nur Zug um Zug angehen und bewältigen lässt. Genauso wenig sind die Bremer eine Übermannschaft, gegen die man nicht aus der eigenen Hälfte herauskommt. Außer natürlich, man ist nicht in der Lage, den Ball über drei, zwei oder auch nur eine Station aus der eigenen Abwehr heraus in die gegnerische Hälfte zu tragen. Dann wird es schwierig, wie wir gestern gesehen haben – in besonderem Maße, aber beileibe nicht nur, bei Kuzmanovic.

Mir wäre nach schwadronieren. Über Boulahrouz‘ (und nicht nur seines) Abwehrverhalten vor dem 1:0. Über Hajnals Kopfball vor dem 2:0, der mich verblüffend an Matthäus‘ Rückpass auf Wörns erinnerte, damals, Sie wissen schon. Nur dass Kvist nicht den Wörns gab, sondern – richtigerweise – zurückzog. Und das Foul Boulahrouz überließ, wofür Naldo dankte. (Eine Frage an möglicherweise anwesende Experten: Aus meiner Sicht war Wolfs Sperren gegen Kvist, der sich aus der Mauer heraus in den Weg werfen wollte, grenzwertig. Vielleicht mehr als das. Abgesehen davon, dass Wolf Kvist einen Gefallen getan haben mag, und dass ich weit davon entfernt bin, am Ergebnis und an Herrn Kinhöfers Leistung herumdeuteln zu wollen: Kann man das abpfeifen? Sollte man das abpfeifen?)

Aber wer weiß? Vielleicht waren die VfB-Spieler ja auch nur abgelenkt ob der historischen Bedeutung dieses 27. November. Vielleicht beschäftigte sich Boulahrouz im Spiel intensiv mit Tunnelbauweisen? Möglicherweise entschied sich Harnik tatsächlich in letzter Sekunde gegen die Kopfvariante? Hatte Bobic bei seinem Interview die ersten Abstimmungsergebnisse im Sinn?

(Verzeihung, ich stehe ein wenig neben mir.)

Manndecker

Vor einigen Tagen habe ich mich mit dem Trainer über unsere aktive Fußballvergangenheit unterhalten, was so lange vergnüglich war, bis mich eine ganz schwarze Phase wieder einholte, die ich längst im Pensieve abgelegt glaubte: drei Spiele lang war ich in den frühen 90er Jahren Manndecker.

Angesichts einiger Ausfälle von Defensivspielern hatte mein damaliger Trainer entschieden, mich als Manndecker aufzubieten (damals noch vor einem Libero), wo ich es gleich im ersten Spiel mit dem Führenden der Torschützenliste zu tun bekam, der tatsächlich einmal einnetzte, was mir in der konkreten Situation aber nicht angelastet werden konnte. Die beiden nächsten Spiele verliefen für die Mannschaft recht erfolgreich, ich selbst verbuchte bei einem Vorstoß gar ein zählbares Erfogserlebnis, und nach der Rückkehr der Verletzten durfte ich wieder ins Mittelfeld. So weit, so gut. Und doch hinterließ diese Versetzung eine gewisse Unzufriedenheit.

Aus meiner Sicht war ich damals technisch halbwegs beschlagen und auch nicht gänzlich unkreativ – Eigenschaften, die im Deutschland der frühen 90er Jahre von einem Manndecker nur bedingt gefordert wurden. Manndecker hießen im deutschen Fußball der frühen 90er Jahre beispielsweise Borowka, Schlindwein, Roth, Spanring, Kutowski, Hopp, Wörns, Reich oder Kohler – allesamt Spieler, die ich bereitwillig noch in die damals bereits ausgestorbene Kategorie des Vorstoppers gesteckt hätte. Auf der internationalen Bühne zeigten indes Spieler wie Marcel Desailly, Frank de Boer oder insbesondere (und bereits seit Mitte der 80er) Frank Rijkaard, dass man die Position des Vorstoppers Manndeckers Innenverteidigers auch anders interpretieren kann. In der Bundesliga gaben zumindest Rune Bratseth, vielleicht auch Patrik Andersson und der eine oder andere mehr, einen Vorgeschmack auf modernen Fußball in den hinteren Reihen. Der DFB, an der Spitze vertreten durch Berti Vogts und selbst Jahre später noch Erich Ribbeck, fand das allem Anschein nach nicht so spannend.

Immerhin: Den Begriff des Vorstoppers hatte die Kicker-Rangliste des deutschen Fußballs bereits im Juli 1986 ausrangiert, also just nach der Weltmeisterschaft in Mexiko, bei der passenderweise mit Norbert Eder, Ditmar Jakobs und Karlheinz Förster gleich drei Vorstopper (fast) alle Spiele der deutschen Mannschaft absolviert hatten. Möglicherweise hatte dieses Turnier, das eine auf das Zerstören des gegnerischen Spiels ausgerichtete deutsche Mannschaft zumindest auf dem Papier geradezu unverschämt erfolgreich beendete, meinen Mitspieler geprägt, der mich in der eingangs geschilderten Situation dazu beglückwünschte, nunmehr das Maximum dessen erreicht zu haben, was man sich vom Fußball erhoffen könne: Manndecker zu sein. Er meinte das durchaus ernst.

Letztlich war es wohl nicht nur arrogant, sondern geradezu unpatriotisch, dass ich mir für die Innenverteidigung zu schade war, wo man die Waldhöfer deutschen Tugenden in besonderem Maße zum Einsatz bringen konnte. Ob man hierzulande auch deshalb besonders lange am Manndecker festhielt? Zwar wähnte man sich Mitte der 90er Jahre, als die halbe Welt längst mit Viererkette agierte, kurzzeitig an der Spitze der Avantgarde, weil Matthias Sammer den Libero vor der Abwehr gab und den Manndeckern Netz und doppelten Boden entzog; Olaf Thon und Lothar Matthäus ließen eine Abkehr vom System mit Libero in den Folgejahren gleichwohl nicht zu, und bei der EM 2000 trat man neben Matthäus mit den Herren Nowotny, Linke, Babbel und Rehmer an. Christian Wörns fehlte verletzt.

2002 läutete Christoph Metzelder die Wende bei den deutschen Innenverteidigern ein, Per Mertesacker kam 2004 hinzu, und in den letzten Jahren machte sich die verbesserte Nachwuchsarbeit des DFB auch auf dieser Position bezahlt. In den Nachwuchsmannschaften, so meine bescheidene Meinung, verschwimmen die Grenzen zwischen Innenverteidigern und defensiven Mittelspielern mitunter – Mats Hummels darf als hervorragendes Beispiel gelten.

Was man dennoch nicht vergessen sollte: 2006 stand Jens Nowotny im WM-Kader der deutschen Nationalmannschaft. Arne Friedrich hat 69 Länderspiele – and counting. Robert Huth hat 2009 zwei Länderspiele bestritten. Und die Herren Westermann, Friedrich, Tasci, Boateng, Hummels sowie einige mehr sollten sich vermutlich fragen, wieso sich Christoph Metzelder nicht ganz ohne Berechtigung Hoffnungen auf die WM 2010 macht.

Falls jemand meint, dies sei ein oberflächlicher und alles andere als vollständiger Abriss über die jüngere Geschichte des deutschen Innenverteidigerwesens, so hat er recht. Eigentlich wollte ich nur kurz über meine eigene Vergangenheit als Manndecker berichten und bin ein wenig vom Weg abgekommen. Heute würde ich es vermutlich nicht mehr als herabwürdigend empfinden, als Innenverteidiger aufgestellt zu werden – schließlich ist er der erste Spielmacher. Obwohl…