Bleierne Todesser, die ihr Lachen verkauft hatten

[Inhaltlich irrelevante Nach- und Vorbemerkung: Ich hätte in der Überschrift, wie weiter unten im Text gehandhabt, beim Begriff „Death Eater“ bleiben sollen, anstatt mich auf die akustische Erinnerung an einen Fernsehabend zu verlassen: zunächst stand hier Totesser, die oder der URL spricht noch Bände.]

Samstag, 17 Uhr 30, so ungefähr. Die Cannstatter Kurve leerte sich ganz allmählich, das Gemurmel auf den Treppenabgängen ertönte komplett in Dur, an der einen oder anderen Ecke wurden Gesänge angestimmt, die weder Beleidigungen noch Fäkalien enthielten, auch keine Forderungen nach der Freisetzung einzelner Führungskräfte, sondern zuallererst Freude zum Ausdruck brachten, vielleicht auch ein wenig Genugtuung, gepaart mit übermütigen Einschätzungen zur Rückkehr des VfB. Schön.

Und so ungewohnt. Wäre ich poetisch veranlagt, spräche ich wohl von einem bleiernen Mantel, der sich seit geraumer Zeit über das Neckarstadion gelegt und alle Freude erstickt zu haben schien, und der nun, nach einem biederen 1:0 gegen Hannover 96, wie weggeblasen war.

Ja, um einen solchen Mantel wegzublasen, bedarf es eines sehr starken Atems oder eines besonders schiefen Bildes. Und vor allem einer Reihe von Faktoren, die über das reine Ergebnis hinausgehen. Wobei bereits der Umstand, dass es gelang, eine Führung zu verteidigen, beziehungsweise dass es möglich war, eine Schlussphase ohne Gegentreffer zu überstehen, obwohl man sich große Mühe gegeben hatte, ihn doch noch einzustecken, einem Meilenstein gleichkam.

Man hatte gesehen, dass der VfB in der Lage war, gegen einen Gast, der die Ankündigung seines Sportdirektors, mit einem Punkt zufrieden zu sein, mit viel Leben füllte, dennoch alle drei Punkte einzubehalten. Dies war, abseits aller taktischen Winkelzüge, nicht zuletzt einer insgesamt zupackenderen Leistung als in den Heimspielen zuvor geschuldet, und einer augenscheinlichen Entschlossenheit, das Spiel gewinnen zu wollen, die eine ihrer Symbolfiguren in Filip Kostic fand.

Vermutlich taugt auch Thorsten Kirschbaum zur Symbolfigur, wiewohl der von ihm ersetzte Sven Ulreich eher nicht im Ruch steht, nicht entschlossen genug um die Punkte gekämpft zu haben. Gewiss, die Formulierung „nicht entschlossen genug“ mag nach dem Dortmunder Ausgleich vom vergangenen Mittwoch an der einen oder anderen Stelle gefallen sein und zählte noch zu den wohlmeinenderen, aber das ist wohl eher eine kleine ironische Wendung des Schicksals.

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Ulreich bei einer Hereingabe schlecht aussah, und diesmal hatte die Situation nicht nur besonders unglücklich ausgesehen, sondern sich auch als besonders folgenreich erwiesen: sowohl für die Mannschaft als auch für ihn selbst, der bereits in den Wochen zuvor vom Trainer angezählt worden war, von der gemeinsamen Historie nicht zu reden.

Ich mache keinen Hehl daraus – alles andere ließe sich auch niemandem vermitteln, der oder die hier annähernd regelmäßig mitliest und meine Vorbehalte gegen Sven Ulreich kennt –, dass ich Vehs Entscheidung begrüßt habe, ohne aber genau zu wissen, was wir von Kirschbaum zu erwarten haben, über die Eindrücke aus einer Handvoll Spielen hinaus. Heute sind wir schlauer, wenigstens ein bisschen: der Neue hat solide gespielt, kurz vor Schluss eine Matchwinnerparade gezeigt, die, da habe ich keine Zweifel, auch Ulreich hinbekommen hätte, und er stand weiter vorn.

Was ganz gut in das Argumentationsmuster von Typen wie mir passt, die Ulreich fußballerische Schwächen ankreiden, die auch nach Jahren noch nicht ausgemerzt sind, begleitet von Defiziten in Sachen Gedankenschnelligkeit und Entscheidungsfindung, die uns immer wieder kollektiv aufstöhnen lassen, wenn die Möglichkeit, das Spiel von hinten heraus schnell zu machen, ungenutzt bleibt und wir uns fragen, was Ulreich eigentlich in den zwei Jahren gemacht hat, in denen er Jens Lehmann aus nächster Nähe studieren durfte.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: auch Kirschbaum tat das am Samstag nicht. Was in diesem Fall schlichtweg daran lag, dass sich nur selten (nie?) überhaupt die Option auftat, gegnerische Angriffe abzufangen und eine schnelle eigene Offensivaktion einzuleiten. Es fiel lediglich auf, dass er in der Regel, so redeten wir uns das zumindest ein, etwa 10-15 Meter weiter im Feld stand als Ulreich, aktiver am Spiel teilnehmen zu wollen schien, aber wie gesagt: es passte halt auch ganz gut in unser Narrativ.

Was indes nicht ganz so gut passte, oder eben doch, je nachdem, wie man gestrickt ist: die Einstiegsfrage des Kurzinterviews mit Sven Ulreich, das im Stadionheft zum Spiel veröffentlicht wurde:

„Hallo Ulle, der Saisonstart ist nicht nach Wunsch verlaufen. An welchen Hebeln ist nun anzusetzen?“

Faust. Auge. Realsatire?

Als recht hübsche Realsatire empfand ich auch den Moment, als sich ein Stuttgarter beim Einwurf nicht sonderlich beeilte und sich der Gast darüber empörte. Jener Gast, der seit Mitte der ersten Halbzeit jede Gelegenheit genutzt zu haben schien, sich etwas länger auf den Boden zu legen und die Uhr herunterlaufen zu lassen, und der nun seine Strategie ein bisschen ändern musste. Ich gebe zu: ich schmunzelte, lachte gar. Ob das schon unter Häme läuft, die ich sonst so gerne kritisiere? Vielleicht.

Vielleicht war’s aber auch nur ein großer Selbstbetrug. Vielleicht lachte ich schlichtweg hysterisch, weil mich die Fahrlässigkeit entsetzte, mit der der VfB den Gast ins Spiel kommen ließ, der zuvor in überzeugender Art und Weise die Basisstrategie gegen den VfB verfolgt hatte: Räume eng machen, gut verschieben, den Stuttgartern den Ball überlassen und zusehen, wie sie scheitern. Irgendwann die eigenen Räume nutzen, in Führung gehen, gewinnen.

Ich weiß nicht, wie bewusst die VfB-Spieler dazu übergingen, einen Schritt weiter zurückzuweichen, etwas weniger Mut zu zeigen, das Heft des Handelns weitgehend aus der Hand zu geben. Eine gute Idee war es auf jeden Fall nicht. Um nicht falsch verstanden zu werden: auch in der ersten Halbzeit hatte der VfB kein Feuerwerk abgebrannt.

Immerhin hatte ich aber den Eindruck, dass die Kurz- und Querpässe, derer man sich mangels größerer Lücken in der Hannoveraner Defensive behalf, einige Zeit lang schneller, druckvoller, entschlossener gespielt wurden als zuletzt und so den Gast stärker forderten. Der Mut, in die gelegentlich entstehenden kleinen Lücken zu stoßen, war dabei noch nicht sonderlich ausgeprägt, aber das mag auch viel mit dem nicht so sehr vorhandenen Selbstvertrauen zu tun haben.

Weiter oben hatte ich von mehreren Faktoren gesprochen, die dazu führten, dass man gegen Hannover nicht nur drei Punkte holte, sondern dass vor allem auch eine ganz andere Stimmung im und später um das Stadion herum herrschte. Nicht mehr so, als sei der gesamte Neckarpark von Death Eaters heimgesucht worden. Nun möchte ich keineswegs behaupten, Fredi Bobic sei irgendwann auf die schiefe Bahn und die falsche Seite geraten, praktiziere dunkle Magie und habe nur willfährige Genossen um sich versammelt, oder höchstens zum Teil.

Dass aber der unter der Woche vollzogene Schritt zur befreiten Stimmung auf den Rängen beitrug, dürfte auch von jenen, die nicht nur den Stil, sondern auch die Trennung an sich für kritikwürdig halten, nur schwer verneint werden können. Ganz wesentlich beitrug, wenn man mich früge.

„I don’t want anyone to lose their job“, so oder ähnlich sagt es Barry Glendenning, ich zitierte ihn gelegentlich in anderem Kontext, regelmäßig bei „Football weekly“, und ich sehe mich in aller Regel nicken. Grundsätzlich gilt das auch für Fredi Bobic. Dennoch brachte die Cannstatter Kurve (genauer: das dortige Commando) mein Empfinden ganz gut auf den Punkt: „Fredi, es war Zeit zu geh’n!“, ergänzt um den Dank für seine Verdienste und seine Treue. Passt.

Gerne würde ich mich an dieser Stelle Armin Veh anschließen, der am Mittwoch seine Zuversicht zum Ausdruck brachte, dass Bobic gewiss seinen Weg als Manager machen werde; allein: ich glaube es nicht. Ich glaube noch nicht einmal, dass man mit Bobic, wie Veh ebenfalls sagte, die vier Punkte aus den letzten beiden Spielen geholt hätte. Vielleicht will ich es auch nur nicht glauben.

Dass man sich die Trennung von Bobic anders hätte vorstellen können, steht außer Frage. Früher, vielleicht, nach dem Klassenerhalt zum Beispiel, oder auch später, einen Tag, und auf jeden Fall so, dass man all jenen, die mangelnden Stil unterstellten, nicht ebenso zähneknirschend wie überzeugt zustimmen hätte müssen. Ob die Entlassung letztlich telefonisch erfolgt ist oder doch erst im persönlichen Gespräch, weiß ich nicht, und auch nicht, ob der Unterschied im vorliegenden Fall letztlich doch nur eine Marginalie wäre. Peinlich ist es allemal.

In den ersten Tagen nach der Entlassung hatte ich den Stil kritisiert, grundsätzlich aber gelobt, dass die Vereinsführung getroffene Entscheidungen auch dann konsequent umsetzt, wenn der Zeitpunkt ungewöhnlich oder gar falsch erscheint. Der Begriff “Überzeugungstäter“ war in meinem Kopf herumgeschwirrt, wie möglicherweise auch in dem von Armin Veh.

Da mittlerweile jedoch relativ klar scheint, dass die handelnden Personen de facto von mindestens einem ganz besonders wichtig(tuend)en Menschen zu diesem raschen Schritt gedrängt wurden, der sein Wissen nicht für sich behalten konnte oder wollte, bin ich, abseits der inhaltlichen Entscheidung, in erster Linie verärgert. Ich möchte weiterhin über die kommunikativen Auswüchse der Aufsichtsräte anderer Vereine lachen können, ohne ständig an den Balken im eigenen Auge zu denken.

Und nun, wie geht es weiter? Mir gefällt, dass Bernd Wahler an Ralf Rangnick denkt. Aber ich mag es ja auch, wenn er von der Champions League redet, irgendwie. Illusionen machen das Leben rosarot.

Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass wir uns derzeit auf dem Sportdirektorenmarkt in einer Situation befinden, wie wir sie jahrzehntelang bei den Trainern erlebt haben: bloß nicht außerhalb des Karussells denken! Vielleicht liegt das auch nur an mir, der ich keine Ahnung vom Sportdirektorengeschäft und –markt habe. Allein: den anderen TeilnehmerInnen an der öffentlichen Diskussion scheint es ganz ähnlich zu gehen.

Ich habe keine Ahnung, wer es könnte, und vor allem: wer es gut könnte. Natürlich ist der Name Rangnick attraktiv. War er Ende der Neunziger übrigens auch, wir erinnern uns. Ich weiß noch nicht einmal, wer es nicht könnte. Vielleicht wäre Jens Todt ja ein guter, auch wenn ich es a priori nicht glaube. Oder Bruno Hübner, frisurunabhängig. Vielleicht wartet Christian Heidel ja nur auf die Gelegenheit, sich außerhalb von Mainz zu beweisen, wer weiß? (Ich habe eine Vermutung.)

Und womöglich wäre eine Doppelspitze aus Guido Buchwald und Thomas Berthold das Nonplusultra, beraten von Uwe und Hansi Müller. Auch hier habe ich eine Vermutung. Letztlich aber keine Ahnung vom Sportdirektorengeschäft. Hoffentlich hat sie Herr Wahler. Oder die Menschen, mit denen er sich berät.

Abschied ist ein scharfes Schwert…

Das wusste Roger Whittaker, wer erinnert sich nicht, schon in den frühen 80ern, und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Und weil das Ende der alten Cannstatter Kurve so tief ins Herz fährt, haben sich die dortigen Protagonisten offenbar entschieden, die Abschiedsfeierlichkeiten unter dem Motto „Die alte Kurve würdig verabschieden“ über drei Heimspiele hinweg zu begehen – und der Auftakt war mehr als gelungen. Filmdokumente aus den 50er Jahren auf der Videoleinwand, getragene Musik und liebevoll gestaltete Plakate ließen mich tatsächlich ein wenig angefasst zurück. Ich ziehe meinen Hut vor den Organisatoren und danke den zahlreichen fleißigen Menschen, die die begleitende Choreographie vorbereitet haben – ich freu mich auf die nächsten beiden Male!

Zum Spiel gegen Gladbach, das mittlerweile fast eine Woche zurück liegt, ist wohl das meiste gesagt, allein die üblichen Verdächtigen haben bereits Bücher gefüllt. Zwei, drei Sätze wollte ich gleichwohl noch loswerden. Über Roberto Hilbert, zum Beispiel, der mich in meiner Einschätzung bestätigte, dass die enorme Verbesserung der linken Stuttgarter Seite in der Rückrunde zwar auch mit Aliaksandr Hleb zu tun hat, dass der Löwenanteil aber Cristian Molinaro gebührt, den auch Hilbert klasse in Szene setzen konnte. Dass Julian Schieber, der im echten Leben Mittelstürmer ist, selbiges eher nicht schaffte, kann man weder ihm noch Molinaro zum Vorwurf machen. Auch nicht dem Trainer, übrigens, falls das so angekommen sein sollte. Die kreative Spielerdecke ist derzeit einfach verletzungsbedingt ziemlich dünn: die Herren Niedermeier, Osorio, Celozzi, Funk, Lanig und Schieber schätze ich durchaus; als Ersatzbank für ein Bundesligaspiel machen sie in Sachen Offensivspiel indes nur wenig her.

Ciprian Marica, ich bin beeindruckt. Irgendwann in den 70ern entstand meine Überzeugung, dass solche Drehungen eigentlich kleineren, kräftigeren Stürmern mit tiefem Körperschwerpunkt vorbehalten seien. Grundsätzlich glaube ich das zwar noch immer; gleichwohl hoffe ich, dass das mehr war als das berühmte blinde Korn im Heuhaufen. Zdravko Kuzmanovic spielte eine Halbzeit lang, als hätte man ihm die Sambaschühchen aus Cacaus ersten Stuttgarter Jahren angedreht, ehe er in der zweiten Halbzeit nicht nur deutlich machte, dass er das Spiel unbedingt gewinnen wollte, sondern auch seinen Führungsanspruch unterstrich – gemeinsam mit Christian Träsch, den ich noch nie so präsent auf dem Platz erlebt habe. Nicht Lückenschließer-präsent, sondern Spielbestimmer-präsent.

Morgen geht’s gegen die Hertha. Mit zeitweise schweigenden Stuttgarter Fans, die sich mit den vom DFB bestraften Berliner Zuschauern solidarisch zeigen wollen. Die Beweggründe kann ich nachvollziehen, wenn auch nicht teilen. Der Verweis auf die Geschehnisse beim Spiel gegen Bochum, bei dem die Fans die wichtige Funktion übernommen hätten, „Fehlentwicklungen entgegen zu steuern und Dinge wieder auf den richtigen Weg zu bringen„, macht mir Sorgen. „Hybris“ habe ich diesbezüglich im Brustring gelesen.

Oh, und ganz vergessen: wenn ich es recht sehe, sind am vergangenen Wochenende bereits zwei Entscheidungen gefallen. Der VfL Wolfsburg kann seinen Titel nicht mehr verteidigen und der VfB Stuttgart kann nicht mehr absteigen.

Abschalten!

Als VfB-Anhänger hat man es in dieser Saison nicht leicht. Das gilt für mich genauso wie für viele andere, vermutlich gilt es sogar für den viel geschmähten „Erfolgsfan“, auch wenn er oder sie sich nun samstags anderen, aus individueller Sicht gegenwärtig schöneren Dingen widmen kann. Ich ziehe meinen Hut vor den Leuten, die gerade in dieser Spielzeit zu (fast) jedem Auswärtsspiel fahren und sich dort ein ums andere mal fragen lassen müssen, ob der Aufwand angesichts der gezeigten Leistungen gerechtfertigt sei. Ganz bitter war sicherlich die Erfahrung in Leverkusen am vergangenen Wochenende, als man sich auf dem Weg aus der Krise wähnte und brutal eines Besseren belehrt wurde.

Vor diesem Hintergrund gibt es beachtenswerte Gründe, die Unterstützung für Mannschaft und Verein zu hinterfragen, von denen man sich ent- und vielleicht auch getäuscht fühlt. Die Cannstatter Kurve hat sich in der vergangenen Woche dafür entschieden, die Mannschaft im gestrigen Spiel gegen den VfL Bochum nicht zu unterstützen. Die Wortführer vom Commando Cannstatt schrieben dazu in ihrem „Cannstatter Blättle“:

„…Der Einfluss von uns Fans ist begrenzt, aber wir müssen jetzt ein klares Zeichen setzen. Deshalb haben wir uns entschieden, beim nächsten Heimspiel gegen Bochum auf jegliche Art der organisierten Stimmung zu verzichten. […] Die Sorge um das Wohl unseres Vereins lässt uns aber momentan keine andere Wahl als zu diesem Mittel zu greifen. Keiner hat Lust noch einmal einen Abstiegskrimi wie 2001 zu erleben. Die Erfahrung aus dieser Zeit lehrt uns auch, dass es wichtig ist, Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen und auf Veränderungen hinzuwirken. […]“

Die Beweggründe, die zu dieser Entscheidung führten, kann ich nachvollziehen, auch wenn ich sie letztlich für falsch halte. Wenn man -wie es die organisierten Fans gewiss nicht zu unrecht tun- davon ausgeht, dass die Unterstützung durch die Kurve einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den Erfolg der Mannschaft hat, ist es gewagt, dieses Pfund vor dem Spiel gegen einen unmittelbaren Konkurrenten aus der Hand zu geben, quasi nach dem Motto: „Diese 3 Punkte setzen wir aufs Spiel, wenn wir dafür eine neue sportliche Leitung bekommen.“ Freundlicherweise wurden den zuwider Handelnden übrigens keine Sanktionen angedroht, was zu Beginn des Spiels durch eine Ansage bekräftigt wurde, der zufolge man anfeuern dürfe, wenn man denn wolle – die Geisteshaltung, die hinter dieser gnädigen Geste steckt, lässt mich schaudern. Hätte ich ohne dieses Zugeständnis Prügel erwarten müssen, weil ich mit gar nicht so wenigen Mohikanern Unterstützungsgesänge für die eigene Mannschaft anstimmte?

Wie gesagt: die Überlegungen, die zum Verzicht auf „Support“ führten, kann ich nachvollziehen, und vielleicht wird es ja heute bereits personelle Veränderungen geben. Ungeachtet dessen hat Markus Babbel natürlich recht, dass die Stimmung der Mannschaft nicht geholfen hat, und wenn jemals das Bild von der greifbaren Verunsicherung zutraf, dann in der ersten Halbzeit des gestrigen Spiels (aus vielerlei Gründen, wohlgemerkt). Gleichwohl hätte ich es begrüßt, wenn er seine Erklärungssuche nicht bei den Fans begonnen hätte. Es gab genügend andere Baustellen im bzw. rund um das Spiel des VfB. Die unangenehmste heißt für mich in zunehmendem Maße Aliaksandr Hleb, dessen Verpflichtung sich zu einem gravierenden Fehlschlag entwickelt (den man Horst Heldt aber kaum zum Vorwurf machen kann, nachdem er vor Monaten von allen Seiten dafür gefeiert wurde). Bisher dachte ich immer, er habe persönliche Gründe, den auf der linken Seite mutterseelenallein stehenden Cacau nie anzuspielen. Nachdem er gestern Magnin in der gleichen Weise aus dem Spiel nahm, in der Hoffnung, irgendwann einmal mit einem Dribbling nach innen zum Tor durchzukommen, frage ich mich ernsthaft, ob er von Arsène Wenger wirklich so viel gelernt hat, wie man gemeinhin vermutet. Er wirkt wie ein egoistischer Fremdkörper, bei dem es ins Bild passt, dass er beleidigt und mit einer wegwerfenden Handbewegung von dannen zieht, wenn der Trainer aus gutem Grund entscheidet, dass Elson und nicht Hleb einen Freistoß aus dem Halbfeld treten soll (unabhängig von der Frage, ob Trainer während des Spiels solche Entscheidungen treffen müssen).

Um es kurz zu machen: wenn das Spiel montags im DSF gelaufen wäre, hätte ich als neutraler Zuschauer spätestens nach einem Viertel der Spielzeit Peter Lustigs Rat befolgt: „Abschalten!“ Dann hätte ich allerdings auch die Szene verpasst, die mir wieder einmal überdeutlich meine eigene Inkonsequenz als Fußballfan vor Augen führte – aber auch die Distanz, die der VfB noch zum Thema „Abstiegskampf“ hat: taktische Fouls machen mich normalerweise rasend. Beim Gegner sowieso, aber auch als neutraler Zuschauer. Dass Elson jedoch in der 89. Minute nicht nur davon absieht, Christian Fuchs 40 Meter vor dem Tor zu foulen, sondern nach meinem Eindruck im Stadion fast noch das Bein zurückzieht, verstehe ich nicht. Ja, ich gebe zu, hier habe ich ein taktisches Foul gefordert. Eines dieser Fouls, bei denen man Spielern wie Mark van Bommel oder Christian Poulsen und selbst einem Sympathieträger wie Philipp Lahm anmerkt, dass sie das Spiel verstehen, Gefahren erkennen und sich für den Mannschaftserfolg auch mal zum Buhmann machen lassen. Das mag keine ehrenvolle Qualität sein – für die Tabelle ist sie viel wert. Und mit Blick auf gestern bezweifle ich, dass Fuchs auch aus 40 Metern getroffen hätte.

Detailliertere Aussagen zum Spiel selbst gibt’s einmal mehr im Brustring.

PS: Ja, ich habe gelesen, dass bei den Fanprotesten vor und/oder nach dem Spiel Ordner verletzt worden seien. Ich verurteile es. Aber ich habe keine Lust, mich hier intensiver mit Dummköpfen zu beschäftigen, die dem Vernehmen bzw. der hiesigen Sonntagszeitung nach Dinge wie „Wenn Ihr absteigt, schlagen wir Euch tot“ skandiert haben sollen.

Und mit Udo Latteks bzw. Thomas Herrmanns Analyse der Fanszene im DSF-Doppelpass will ich mich auch nicht befassen.

[Nachtrag 6.12., 13:05: nach Medienberichten wurde Markus Babbel entlassen.]