Rückblicksvorbereitungsstichworte (V)

Die Halbfinals liegen noch vor uns, doch mein Spieler des Turniers steht schon fest. Sage ich, der ich bei aus meiner Sicht voreiligen, wenn auch im Kern zweifellos berechtigten Elogen auf Andrea Pirlo, Sami Khedira oder andere, wie wir sie in den letzten Tagen bereits gehört haben (sinngemäß: „Pirlo muss MVP werden!“), gerne mal auf die Erfahrungen vergangener Turniere verweise. Auf den besten Spieler 2006, Zinedine Zidane, auch seine Auszeichnung im Kern berechtigt, oder auf Oliver Kahn, den herausragenden Spieler 2002, oder so ähnlich, nicht wahr?

Wie auch immer: Mein Spieler des Turniers steht fest, stand bereits nach der Vorrunde fest. Schon bei seinem ersten internationalen Titel, damals mit der U21, hatte ich sein Spiel genau verfolgt und sah mich auch in den Folgejahren, wenn ich ihn in seiner nationalen Liga gelegentlich spielen sah, in meiner Einschätzung stets bestätigt. Umso schöner, dass er all meinen Erwartungen – und nicht nur meinen, wie ich aus verlässlicher Quelle, vulgo: Twitter, weiß – nun auch auf der größeren Bühne mehr als nur gerecht wurde. Seine Leistungen in den drei Vorrundenspielen überzeugten selbst die Verhandlungsführer des VfB Stuttgart, auf die Verpflichtung von Sebastian Boenisch zu verzichten. Wunderbar.

Für meinen Sohn war Boenisch bei seinem ersten Turnier nicht mehr als eine Randerscheinung, vermutlich nicht einmal das. Einige in der irgendwann anstehenden Rückschau vielleicht relevantere Erinnerungsfetzen habe ich erneut für ihn aufgeschrieben:

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Anderthalb der vier Viertelfinalspiele durfte ich sehen. Oder sagen wir andertdrittel, wenn man die etwas längere Partie zwischen Italien und England angemessen einbezieht. Ich sah damals ja nur den Teil, in dem England noch halbwegs mitspielen durfte, und in dem Joe Hart den Ball wesentlich lauter traf als alle anderen. Nebensächlich? Vielleicht. Aber so nahm ich Fußballspiele halt wahr. Aufmerksam, detailverliebt, hochkonzentriert – mein Vater war begeistert. Schließlich kommentierte auch er selbst mit großem Vergnügen die Bügelfalten der englischen Hosen.

Weniger begeistert, um es vorsichtig auszudrücken, war der Herr Papá noch am Tag nach dem Spiel ob der vielfältigen Pirlo-Vergleiche. Ribéry war da genannt worden, Zidane, irgendwo hatte es wohl auch Wynton-Ruferesk geheißen. Nicht umsonst gebe es schließlich Sprachen,so der väterliche Besserwisser [Hey!] in denen Pirlos Elfmeter ganz selbstverständlich als „une panenka“ oder dergleichen Eingang in den fußballerischen Alltagswortschatz gefunden habe. Vielleicht war es dann ja doch kein Zufall, dass unter den vermeintlichen Vorbildern und tatsächlichen Nacheiferern Laudatoren zwei Franzosen waren.

Ansonsten kann ich zu den Franzosen bei dieser EM übrigens nicht viel sagen. Ribéry gefiel mir gut, Nasri ärgerte mich nicht halb so sehr wie meinen marseilleverliebten Vater, und dass sie gegen Spanien ausschieden, nun gut, war angesichts des übergeordneten EM-Planes, an den ganz Deutschland glaubte, unvermeidlich.

Was indes vom Italienspiel noch hängen blieb, war der mir bis dahin völlig unbekannte Name Jürgen von der Lippe, den mein Vater für einen der Umsitzenden – wir hatten das zweifelhafte Vergnügen, im bayerischen Urlaubsdomizil inmitten von Fremden schauen zu müssen – gefunden hatte, und wie ich hernach herausfinden sollte, bezog sich der Kosename sowohl auf dessen Idiom als auch auf den feinen Charakterzug, seinen Zuhörern die komplizierte Welt zu erklären. Inklusive kompetenter Einlassungen zu den wie so oft völlig übertriebenen Nachspielzeiten.

Mein erstes semipublic Viewing hatte ich allerdings bereits zuvor erlebt, als die runderneuerte deutsche Mannschaft durch Griechenland spazierte und mein alter Herr angesichts der Nominierung von Marco Reus nicht nur über den Wechsel in der Mittelstürmerposition hinwegsah, sondern sich in seiner Aufstellungseuphorie sogar dazu hinreißen ließ, ihn für richtig zu halten. Hinterher sollte er gleichwohl zu jenen zählen, die sich beim einen oder anderen Abpraller Mario Gomez auf den Platz gewünscht hätten.

Einer von Papas Freunden feierte seinen Geburtstag standesgemäß mit einer Deutschlandgrillerei, ich trug standesgemäß mein neues grünes DFB-Shirt. Andere junge Zuschauer verfolgten die EM übrigens, wie mein Vater per E-mail von einem Leser seines „Weblogs“ (die Älteren werden sich erinnern) erfuhr, in einem seiner Vorrundenlieblinge.

Nach dem Spiel verpasste Papa den Absprung und konnte sich nicht von Joachim Löw und all den anderen Interviewpartnern losreißen. Ich selbst hatte ja während des Spiels aufgepasst und konnte getrost auf eine Bierbank einschlafen, um auf dem Heimweg im Spätkauf („Rewe“) wieder zu großer Form aufzulaufen und eine Reihe fehlender DFB-Sammelkärtchen abzustauben – die Strategie „Mitleid wegen Müdigkeit“ hatte beim freundlichen Kassenpersonal gefruchtet.

Gefruchtet hatten die monothematischen Gespräche mit meinem Vater übrigens auch bei meiner kleinen Schwester. „Khedira kommt“ sagte sie tagelang bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit – wobei: welche Gelegenheit sollte schon unpassend sein, den herausragenden Spieler des Turniers in ein Gespräch einfließen zu lassen, noch dazu für eine junge Stuttgarterin?

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Ich habe im Übrigen große Angst vor dem Spiel gegen Italien. Nicht Respekt, sondern echte Angst. Das hat aber nichts mit Balotelli zu tun, auch nicht mit dem wie immer furchteinflößenden de Rossi, nicht einmal mit Andrea Pirlo.
Es liegt schlicht an Jürgen von der Lippe.

Mein etwas anderes Zitterspiel. Und was danach kam.

Eigentlich war es eine Konstellation wie gemalt. Der Tag des letzten Gruppenspiels der deutschen Mannschaft gegen Ghana würde mein erster echter freier Tag sein, d.h. ab diesem Spiel würde ich die Weltmeisterschaft in vollen Zügen genießen können. Dass besagter Mittwoch dann doch noch nicht ganz frei war, kam letztlich nicht ganz unerwartet und ließ sich insofern verschmerzen, als der Griffel rechtzeitig vor dem Anpfiff fiel.

Die ersten 45 Minuten des Spiels verbrachte ich in einer Kneipe meines Vertrauens. Neben mir saß ein junger Mann mit einem traditionellen afrikanischen Blasinstrument, von dem ich gedacht hatte, es klinge wie eine Biene – tatsächlich hörte es sich an wie eine Mischung aus einem Rind und einer Elefantenkuh. An viel mehr kann ich mich aus der ersten Hälfte nicht erinnern, da mein Hauptaugenmerk auf meinem körperlichen Wohlbefinden lag: Schüttelfrost und generelles Unwohlsein trieben mich zur Pause heim. Die zweite Halbzeit verfolgte ich so halbwegs vom Sofa aus und konnte im Nachhinein unzweifelhaft feststellen, dass wohl kaum jemand so sehr um diesen Sieg gezittert hatte wie ich.

Tags darauf hing ich noch ziemlich in den Seilen, raffte mich aber zu zwei halben Spielen auf, für die sich das Aufstehen lohnte: die zweite Halbzeit des slowakischen Sieges gegen den baldigen Ex-Weltmeister und die erste, vielleicht noch ein bisschen mehr, des japanischen Freistoßfestivals, über das ich tags darauf sinngemäß lesen durfte (via dpa, wenn ich mich recht entsinne), dass der dänische Torwart nicht nur bei den beiden so erzielten Toren machtlos gewesen sei, sondern auch noch einen weiteren präzisen Freistoß von Endo an den Pfosten habe lenken können. Es hakt nicht nur bei der Fernsehberichterstattung.

Am Tag nach dem slowakischen Coup war es möglicherweise nicht die beste aller Ideen, mein Auto einem italienischen Dienstleister anzuvertrauen. Auch wenn es vermutlich nur meiner fiebrigen Phantasie geschuldet war, dass ich zu den Worten “Sie können den Wagen um 16.30 Uhr wieder abholen” nicht nur ein sardonisches Lachen zu erkennen glaubte, sondern auch die Begleitworte “Wenn wir schon draußen sind, bestelle ich Euch wenigstens alle so her, dass Ihr die guten Spiele verpasst!” auf seiner Stirn lesen konnte.

Tatsächlich war dieses Ansinnen von genauso wenig Erfolg gekrönt wie die fußballerischen Bemühungen seiner Landsleute: zwar verpasste ich in der Tat Brasilien-Portugal, das auf dem Papier am höchsten einzuschätzende Vorrundenspiel; allem Anschein nach war es indes alles andere als ein gutes Spiel. Der bleibendste Eindruck dieses Spieltags war vielmehr der, dass selbst diejenigen Spieler, die wirklich uralt aussehen, immer noch mindestens 5 Jahre jünger sind als ich selbst, im Fall von Stéphane Grichting sind es noch ein paar mehr.

Überhaupt sahen die Schweizer, inklusive Trainer, verdammt alt aus bei ihren einfallslosen Bemühungen gegen Honduras, denen man am Ende gar ein Tor gewünscht hätte, wenn nicht dieses Damoklesschwert über uns allen schweben würde: müssen wir uns die Frage, die uns anlässlich des Champions League Finales beschäftigte, in abgewandelter Form erneut stellen? Müssen wir nicht nur die deutschen Europapokalteilnehmer wegen des vierten Startplatzes unterstützen, sondern auch die europäischen Nationalmannschaften, um den 13. Startplatz behalten zu dürfen? Bei den Schweizern fiele mir das grundsätzlich ja noch sehr leicht, aber was, wenn Italien noch im Wettbewerb gewesen wäre? Hätte ich Quagliarella anfeuern, de Rossi zum Foulspiel animieren, Iaquinta bejubeln und Herrn Lippi huldigen müssen? Puh. Oder ist vielleicht doch die junge deutsche Mannschaft auf Jahre hinaus so stark, dass die Qualifikation für künftige Weltmeisterschaften ein Selbstläufer wird, unabhängig von der Zahl der europäischen Startplätze? Mal den Kaiser fragen.

Den folgenden Tag konnte ich im besten Fall rudimentär verfolgen, stellte aber in akustischer Hinsicht fest, dass die ghanaische Community in Stuttgart offensichtlich deutlich größer ist als gedacht. Ansonsten befasste ich mich mit den Vorbereitungen für eine längere Autofahrt, die das deutsche Achtelfinale zu gefährden drohte. Und tatsächlich bekam ich die ersten zwei Treffer nur im Radio mit, saß aber rechtzeitig zu den beiden englischen Toren vor dem Fernseher, befürchtete kurz, dass mein Tipp (England Weltmeister, Rooney Torschützenkönig) doch noch nicht ganz ausgeschlossen sei, und war im weiteren Verlauf ein bisschen froh, die zu erwartenden Tweetscharmützel nicht verfolgen zu können. Mein Mann des Spiels: Bastian Schweinsteiger.

Mein Mann des Abends hieß dann Roberto Rosetti, der mir trotz eher zurückhaltend ausgeprägter Sympathien sehr leid tat. Zweifellos hatte er sich nach dem Ausscheiden seiner Landsleute Hoffnungen gemacht, in diesem Turnier weit zu kommen, und vermutlich nicht zu Unrecht. Dann machte er nicht nur mit seinem Team einen fatalen Fehler, sondern wurde auch noch vor die Wahl gestellt, entweder im Sinne der Fairness und des Fußballsports zu handeln, d.h. das Tor auf Basis nicht zugelassener Beweismittel abzuerkennen, oder aber im Geiste von Herrn Blatter zu agieren. So also muss sich Atlas gefühlt haben, als er den Uranos zu stemmen hatte, und ich kann Herrn Rosetti nicht verdenken, dass er sich für den regelkonformen Weg entschieden hat. Hätte er anders entschieden und vielleicht gar Mexiko gewonnen, wäre ein Wiederholungsspiel wohl unumgänglich gewesen, was den Zeitplan durcheinander gebracht, die Sponsoren verärgert und die Fernsehsender erbost hätte. Ganz zu schweigen von Sepp Blatter.

Die Partie zwischen den Niederlanden und der Slowakei konnte ich der Familie gegenüber nicht zu einem solchen Kracher aufbauschen, dass sie beim Tag am Meer auf mich zu verzichten bereit gewesen wäre. War ok, Robbens Tor hatte ich im Verlauf der Saison bereits oft genug gesehen, und ob van Persie oder Sneijder ausgewechselt wird, ist mir recht egal. Abends verfolgte ich dann Howard Webbs nächsten Schritt auf dem Weg zum Finale, nahm die brasilianische Anleihe bei der deutschen Nationalmannschaft der Ära Ballack (“Das 1:0 erzielen wir am besten per Kopf nach einem Standard”) interessiert zur Kenntnis und stellte zum wiederholten Male fest, dass der Satz “Kaka sucht noch seine Form” nicht so recht zu seinen teilweise brillanten Torvorlagen passt.

Japans Ausscheiden bedauerte ich nicht zuletzt deshalb, weil ich so gerne Herrn Endo bei seinen Freistößen zusehe. Ähnlich stark ritualisiert wie bei CR7, aber nicht annähernd so prätentiös und mit angenehm weit heruntergezogenen Stutzen. Gut getreten sind sie noch dazu.

De Bleeckere könnte Webb noch Konkurrenz machen, vielleicht auch der Usbeke. Oder Baldassi, falls Argentinien am Samstag ausscheidet – auch wenn er Villas Tor gegen Portugal zu Unrecht anerkannte, aber das war wohl nicht nur seinem Assistenten etwas zu schnell gegangen. Sind meine Einschätzungen längst überholt? Wäre insofern nicht ganz überraschend, als meine einzigen Informationsquellen das Fernsehen und eine kleine Regionalzeitung sind. Internet? Fehlanzeige. Abgesehen von den paar Minuten heute vormittag.

Abschlussfrage: Habe eigentlich nur ich Llorente als Wiedergänger von Norbert Dickel erkannt?