WM-Trends 2014: Der Libero

Ja, der Libero hat einen Trend gesetzt. So einen kleinen zumindest. Mit seinem Blogstöckchen do Brasil. Und weil er mich so nett gefragt hat, mache ich auch gerne mit.

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Mein erstes bewusstes WM-Erlebnis war?

Deutschland-Tunesien am 10. Juni 1978. Und den Termin musste ich nicht einmal nachschlagen. Meine Eltern heirateten. Ja, offensichtlich hatten sie in Sünde gelebt. Muss ich mir auch immer wieder vor Augen führen.

Im Nebenzimmer lief das besagte Spiel, ein Grottenkick, der in einem angemessenen 0:0 endete, ich sprang immer wieder hin und her. Rummenigge schoss relativ knapp (aber ungefährlich) daneben, mir entfuhr ein kurzer Ausruf, den ich nicht mehr genauer bezeichnen kann, und die Umsitzenden ließen den kleinen Steppke wissen, dass der Rummenigge mit seinen roten Bäckchen doch gar nichts könne, oder, ganz konkret: “Ach, Bub, der Rummenigge ist doch ein Blindgänger.” Da hat er, sportlich betrachtet, auch nicht so ganz recht behalten.

78 verfolgte ich gleichwohl noch eher kursorisch, verstand weder vom Modus noch vom Spiel selbst besonders viel. 1982 war das dann etwas besser, und noch heute kann man mich nachts um vier wecken, um mich einen Elfmeter schießen Ole España singen zu lassen.

 

Mit welcher WM-Legende würde ich gern einmal Doppelpass spielen?

Puh, Legenden. Mit einem von denen, die ich selbst nicht mehr in ihrer Blütezeit spielen sah, weil ich genau das dann könnte: ihnen zusehen. Oder sieht der Deal gar keine Zeitreise vor? Falls doch: Beckenbauer vor allem, und Cruijff. Auch Eusébio. Pelé a priori nicht einmal so sehr, vermutlich würde er mich aber vom Gegenteil überzeugen. Zidane sowieso, aber klar: beim Doppelpass läuft es immer wieder auf Beckenbauer hinaus. Kleines dickes Kamke.

Oder sprechen wir vom verbalen Doppelpass abseits des Platzes? Dann nehme ich, Sprachbarrieren in pfingstlicher Stimmung ignorierend, zeitreisend, nicht zwingend bis in seine sportliche Blütezeit, Sócrates, eine faszinierende Gestalt. Oder, dann vermutlich etwas kürzer, Ronaldo, um ihn zu fragen, was da wirklich los war anno 1998.

 

Welchem TV-Kommentator werde ich bei der WM gerne zuhören?

Gerd Gottlob und Oliver Schmidt fallen mir als erste ein. Weil sie als Kommentatoren das verkörpern, was man sich, klassisch, von Schiedsrichtern verspricht: sie fallen nicht auf. Und das ist doch viel mehr als das, was von den meisten anderen zu erwarten sein wird. Das andere Ende der Skala braucht an dieser Stelle nicht weiter thematisiert zu werden.

Nachtrag: Mir war nicht bewusst gewesen, vielleicht hatte ich es vergessen oder er seine Herangehensweise verändert, dass sich Gerd Gottlob nicht entblödet, als Kommentator eines Spiels der deutschen Mannschaft regelmäßig in der Wir-Form zu sprechen, im Sinne von (fiktiv): “Da haben wir aber dem Gegner zu viel Raum gelassen.” Vor diesem Hintergrund ziehe ich meine Aussage zurück. Nein, ich höre ihm nicht gerne zu.

 

Die Iren haben sich für die WM am Zuckerhut leider nicht qualifiziert. Welchem weiteren Land drücke ich neben Jogis Jungs als »Zweitteam« die Daumen?

In der Gruppenphase gibt’s einige Zweit-, Dritt- oder auch Viertteams, einfach weil ich zum Beispiel lieber Chile als die Niederlande, lieber Südkorea als Russland oder auch lieber Klinsmanns USA als Portugal oder Ghana im Achtelfinale sähe.

Genereller betrachtet, hat mein Faible für die Franzosen chronische Züge, auch wenn es zwischenzeitlich auf harte Proben gestellt wurde und phasenweise zur Hassliebe mutierte, und dann natürlich Belgien, ewige Lieblinge seit Pfaff, Ceulemans (nicht Raymond) , Vanderelsteyckenbergh, van Moer, später Scifo. Und ja, irgendwie scho au die bereits genannten Südkoreaner. Können die eigentlich auf Italien treffen?

 

Zu Jogis Jungs: Meine beiden Lieblingskicker aus dem deutschen Kader sind?

Großkreutz. Seine, ja, Hingabe beeindruckt mich. Hatte ich hier auch schon das eine oder andere Mal thematisiert, dass ich ihn schätze und ihm manches (vermutlich mehr als anderen) verzeihe, auch (gerade?) abseits des Platzes. Rein sportlich gibt’s natürlich ne Menge Kandidaten. Müller und Özil in sehr hohem Maße, Khedira nicht nur aus lokalpatriotischem Antrieb.

Wenn ich mich aber entscheiden müsste, sagen wir für zwei Spieler, ihrer sportlichen Fähigkeiten wegen, dann für Lahm, der so unsagbar gut ist,

und für Götze, der so unsagbar gut ist, es aber noch nicht so oft zeigt, wie er könnte.

 

Wie weit kommen Jogis Jungs?

Ganz nach oben.

Klar ist da der Wunsch Vater des Gedanken. Der unmittelbare, klar, aber auch jener mittelbare, dass Herr Löw am 13. Juli eine ganz große Runde “in your face” ausgeben können möge. Was er so vermutlich nicht täte.

 

(Wenn nicht Jogis Jungs:) Wer wird am 13.07.2014 im Maracanã Weltmeister?

Ich kann mir gar nicht recht erklären, wieso ich bei dieser Frage nie an Argentinien denke, obwohl ich doch zu glauben weiß, wie stark sie sind. Und doch lande ich immer bei Brasilien, halbherzig, und vor allem bei Italien, auf die ich mich, müsste ich mich entscheiden, wohl festlegen würde, noch vor Spanien. Ach, und Belgien. Einen aus dem offen geheimsten Favoritenkreis Belgien, Chile, Kolumbien muss man wohl nennen.

Wobei so ein geschlechterübergreifendes japanisches Double schon was hätte.

Hinz und Kunz beim Libero. Und Lothar Woelk.

“Im Sommer 1983 veröffentlichte der Kicker ein Sonderheft mit dem Titel “20 Jahre Bundesliga”. Was für mich als Spätgeborenen einerseits ein hilfreiches Kompendium sein sollte und auch war, führte mich andererseits erstmals auch etwas tiefer in die Schattenseiten des Profifußballs ein. So hatte ich den Begriff “Bundesligaskandal” bis dahin zwar immer wieder gehört und wusste im Wesentlichen, dass Schalke und ein Mann namens Canellas damit zu tun gehabt hatten; tiefer reichte weder meine Kenntnis noch mein Wissensdurst. Die Vergangenheit, noch dazu die dunkle, hatte mich als Steppke nicht allzu sehr interessiert – genauso wenig wie 1978 jene dunkle Gegenwart, die bei meiner ersten WM als Sechsjähriger “Militärjunta” gelautet hatte.”

So beginnt mein Text im Rahmen der Themenwoche „50 Jahre Bundesliga – Typen, Titel und bloß nicht wie Tasmania“ drüben beim Libero. Natürlich ist es kein Zufall, dass er mit jenem Sonderheft zum Zwanzigsten beginnt. Jenes Sonderheft, das mir vor Augen führte, wie beeindruckend lange es diese Bundesliga schon gab, wie historisch das alles war. Und bei dessen Lektüre ich stets einen Hauch von Neid gegenüber all jenen verspürte, die die Bundesligawerdung von Anfang an miterlebt haben, und ein wenig auch gegenüber denjenigen, die zusammenfassend, rück- und ausblickend darüber schreiben durften. Und so freue ich mich, nunmehr selbst an einem kleinen Potpourri zum Fünfzigsten, besser: zum Auftakt des Fünfzigsten mitwirken zu dürfen.

Die Freude war, um der Wahrheit die Ehre zu geben, gar so groß, dass es, nun ja, ein wenig länger wurde, dass ich ein wenig umherstreunte, von Canellas und Dietrich Weise über Pitralon, Heimann und Wirsching bis hin zu den Schmälers und schließlich, in einem Atemzug, zu Hinz und Kunz und Lothar Woelk. Klassisches Namedropping quasi.

Den ganzen Text gibt’s wie gesagt beim Libero. Vor allem aber gibt’s dort die besagte Themenwoche, die schon und noch einige Tage läuft und viel Lesenswertes mit sich bringt.

Als ich einmal meinen Vater nicht verstand

Wir waren im Urlaub in Südtirol. Wo genau, weiß ich nicht mehr, zu sehr verschwimmen all diese Südtirolurlaube der späten 70er und frühen 80er zu einem großen Ganzen, das ich insgesamt sehr positiv in Erinnerung habe, ohne aber detailliert nach Jahren, Orten oder auch Unterkünften differenzieren zu können. Oder wollen. Auch in jenem Jahr – in den späten 70ern, soviel scheint klar – lautete die Vorgabe, dass das Anrecht auf Müßiggang (ein Begriff, den meine Eltern eher nicht verwandt haben dürften, geschweige denn, dass ich ihn gekannt hätte), besser: auf nachmittägliches Baden, es könnte in jenem Jahr im Kalterer See gewesen sein, vielleicht aber auch nur – ich bin mir nicht sicher, ob das “nur” so ganz stimmt, oder ob ich damals einen See angesichts fehlender Sprungmöglichkeiten nicht doch nur als zweitbeste Lösung angesehen hätte – im Pool des Hotels oder der Pension, dass also dieses Anrecht erst durch eine morgendliche kulturelle Unternehmung oder wandernd erworben werben musste. Was ich jeden Morgen aufs Neue, und aufs Neue erfolglos, hinterfrug.

So befanden wir uns also auf irgendeinem Wanderweg, möglicherweise unterwegs zu einer Alm. Wenn ich ehrlich war und bin, hatte ich dabei sehr viel Spaß, musste aber zur Gesichtswahrung immer wieder in einen gewissen Jammerton verfallen, um die Ungerechtigkeit der Welt im Allgemeinen und gegenüber Kindern, noch dazu im Urlaub, im Besonderen anzuklagen. Die Gespräche drehten sich gerne mal um Fußball, von dem ich noch nicht so richtig viel verstand, oder um Länder und Hauptstädte, die wir vielleicht alle irgendwann gelernt haben und von denen mir die spanische, Real Madrid, nach wie vor erinnerlich ist, manchmal auch um Unwichtiges. Gelegentlich beschäftigte ich mich auch allein, sammelte Stöcke oder tat andere Dinge, die ein zum Wandern gezwungenes Kind halt so tut, ohne dabei je so unaufmerksam zu werden, dass es einem entgehen könnte, wenn noch so beiläufige Erwachsenengespräche geführt werden. Ganz besonders interessant wurde es an eben jenem Tag, als aus dem Tonfall eindeutig abzuleiten war, dass es sich einerseits um ein ernsthaftes Erwachsenengespräch handelte, es aber andererseits und ganz offensichtlich nach wie vor um Fußball ging.

Vielleicht sollte ich voraus schicken, dass mein Vater, der zu diesem Zeitpunkt schon deutlich in seinen Dreißigern war, kein ganz schlechter Fußballspieler war. Er hatte einige Jahre relativ hochklassig gespielt und war bzw. ist noch heute Rekordspieler und vor allem Rekordtorjäger seines Heimatvereins. Zeitzeugen beschreiben ihn als enorm schnellen (ich möchte nicht über die Tücken der Vererbung reden) und kopfballstarken Mittelstürmer, aber auch, da gibt es wohl nichts zu deuteln, lediglich ein wenig euphemisierend herumzustammeln, als recht erfolgreich im Bemühen, Freistöße und Elfmeter zugesprochen zu bekommen. Im Lauf der Zeit rückte er ein wenig nach hinten und stieß, noch immer torhungrig, aber nicht mehr ganz so schnell, meist aus dem Mittelfeld in die Spitze.

Es mag nicht sonderlich überraschen, dass Fußball bei uns daheim immer ein großes Thema war, auch bei meiner Mutter, die noch heute mindestens bei jedem Heimspiel der ersten Mannschaft vor Ort ist, häufig auch auswärts. Mein Vater ist sowieso da. Die Sonntage waren immer verplant, als ich dann im Verein spielte, auch die Samstage. Fußball war wichtig, ist wichtig. Dennoch erschien es mir an jenem südtiroler Sommertag ein wenig ungewöhnlich, dass sich meine Eltern augenscheinlich sehr ernsthaft unterhielten, aus kindlicher Sicht wirkt so ein ernsthaftes Gespräch ja auch rasch einmal bedrohlich ernsthaft, und dass es dabei dann doch “nur” um Fußball ging. Sie waren in ihr Gespräch vertieft, ich rückte näher, was bei einem wirklich ernsthaften, also im genannten bedrohlichen Sinne ernsthaften, Thema im Normalfall dazu geführt hätte, dass sie verstummen oder ablenken. Sie sprachen aber weiter, ließen mich teilhaben, und nach kurzer Zeit war der entscheidende Punkt ihrer Unterhaltung offenkundig:

“Sie wollen, dass ich freier Mann spiele.”

Hm. Ich kannte mich zu jener Zeit, mehr als sieben Jahre alt war ich sicher nicht, fünf oder maximal sechs erscheinen mir realistischer, weder in der Fußballterminologie noch im Regelwerk sonderlich gut aus. Ich kannte die Kategorisierung in Abwehr, Mittelfeld und Sturm, der Torwart war etwas Besonderes, ich konnte vermutlich Eckbälle und Freistöße unterscheiden, nicht aber Abstoß und Abschlag, hatte den Begriff “Abseits” mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits gehört, ohne ihn zu verstehen, und wusste auch um das Konzept des Deckens – und dass “Freilaufen” wichtig war.

Aber was sollte ein freier Mann sein? Ein Ersatzspieler vielleicht, dem eher kritischen Tonfall meines Vaters nach zu urteilen? Oder gar, als Kind kommt man ja auf mancherlei Gedanken, der Schiedsrichter? Ich sprach meinen Vater darauf an, der, bereits ein wenig genervt von der Diskussion, in relativ knappen Worten antwortete, dass der freie Mann keinen direkten Gegenspieler habe. Er sagte es sicherlich ein wenig kindgerechter, für mich jedoch nicht kindgerecht genug. So war ich also fortan der Überzeugung, dass jede Mannschaft das Recht habe, einen Spieler zu benennen, der nicht gedeckt werden dürfe. Man möge mich bitte nicht fragen, ob dieses Recht in jedem Spiel aufs Neue ausgeübt werden durfte, oder ob die Festlegung zu Saisonbeginn für das ganze Spieljahr erfolgen musste, so weit reichte mein Horizont damals nicht – andernfalls hätte ich wohl angesichts der angeregten Sommerpausendiskussion auf die zweite Variante geschlossen.

Eine Weile beschäftigte mich noch die Frage, welchen Grund mein Vater wohl dafür hatte, der Aussicht auf diese in meinen Augen doch recht attraktive Position – gedeckt werden war, soviel hatte ich bereits verinnerlicht, per se eher lästig – offenkundig skeptisch gegenüber zu stehen. Wenige Jahre später, die wahren Zusammenhänge waren mir mittlerweile bekannt, ertappte ich mich dabei, mir gleichwohl eine Erklärung zurechtzubiegen, der zufolge er sich als guter Spieler in seinem Stolz verletzt fühlte.

Vermutlich hatte ich mit dieser Erklärung, obschon ich die wahren Zusammenhänge verkannte, letztlich sogar recht. Wer will schon Libero werden, wenn doch Stürmerblut in seinen Adern fließt? Oder anders gesagt: zum Abwehrspieler wird nur der umfunktioniert, der nicht mehr schnell und torgefährlich genug ist. Das war zumindest die eine Seite. Andererseits war Franz Beckenbauer der Größte. Objektiv gesehen konnte man darüber vielleicht streiten und andere Namen in die Runde werfen; für meinen Vater stellte sich diese Frage jedoch nicht. Und möglicherweise war genau das, oder genau er, der Kaiser, der Grund – ich sollte ihn wohl einmal fragen – dass mein Vater letztlich doch zustimmte, sich als freier Mann zu versuchen. Wenn auch erst ein Jahr später, selbstverständlich mit der 5 auf dem Rücken, und natürlich nicht als Ausputzer.

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Für die jüngeren Leserinnen und Leser ist vielleicht der Hinweis von Interesse, dass der Libero, gerne auch letzter oder eben freier Mann genannt, laut Wikipedia ein Verteidigungsspieler ohne direkten Gegenspieler ist:

“Er spielt zur Absicherung hinter einem Vorstopper (im 4-3-3 oder 3-4-3-System der 1970er) bzw. zwei zentralen Manndeckern (im 3-5-2 oder 5-3-2 der 1990er) sowie zwei Außenverteidigern. Aufgrund des fehlenden direkten Gegenspielers kann er sich auch in das Angriffsspiel einschalten. Besonders mit dem Begriff des Liberos verknüpft ist Franz Beckenbauer, der die Position durch seine offensive Spielweise neu interpretierte.  […]

In den heutigen Spielsystemen wird auf die Position des Liberos verzichtet und zumeist mit einer sogenannten Viererabwehrkette gespielt.”

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Der Libero ist längst wieder da. Zum einen, wie wir alle wissen, in Form des wunderbaren gleichnamigen Blogs, das nur zum Teil der Nummer 5 huldigt. Zum anderen scheint der Libero, wenn man den jungen Leuten bei Twitter glauben darf, demnächst ein weiteres bemerkenswertes Comeback zu feiern:

https://twitter.com/#!/AktionLibero/status/124411883150262272

Scheint was Wichtiges zu sein. Ernsthaft.

(Zugegeben: ich bin ein wenig voreingenommen. Nicht nur, weil ich dereinst selbst gelegentlich als Libero aufgelaufen bin, sondern auch, weil ich ein paar Gedanken zur Aktion Libero beisteuern durfte.)