Rechtsaußen. Eine Erinnerung.

Im Grunde musste ich froh sein, überhaupt einen Platz in der Mannschaft bekommen zu haben. Die Positionen in der Mitte, wo ich mich etwas stärker sah, relativ gesehen, waren an andere vergeben – zu Recht. De facto hätte ich mich nicht einmal beschweren können, wäre ich ganz außen vor gewesen, aber wir hatten ein paar Mangelpositionen. Also tat ich, wie mir geheißen, und tummelte ich mich am rechten Spielfeldrand.

In der Abwehr machte ich meine Sache dann auch ganz gut, agierte diszipliniert und verlässlich, erwartungsgemäß, würde ich unbescheiden hinzufügen. Nach vorne sah die Sache ein bisschen anders aus. In gewissen Situationen war es ganz in Ordnung. So zum Beispiel bei rasch vorgetragenen Angriffen. Gegen die unsortierte Abwehr konnte ich außen durchbrechen, zum Teil nach innen ziehen, und kam zum Abschluss, gelegentlich auch erfolgreich. Oder wenn die Strategen in der Mitte so viele Abwehrspieler auf sich zogen, dass sie mich wunderbar freispielen konnten und ich, genau, außen zum Abschluss kam, gelegentlich auch erfolgreich. Querpässe vor dem Tor waren eher nicht gefragt.

Schwieriger wurde es immer dann, wenn die Abwehr formiert war. Oder was heißt schwierig? Ich tat halt, was mir mein halbrechter Nebenmann, unser bester und erfahrenster Spieler, angeraten hatte: „Wir lassen den Ball ein bisschen kreisen. Du bekommst ihn von mir und spielst ihn mir dann wieder zurück. Mir. Keinen auslassen. Wir finden dann schon die Lücken.“ Daran hielt ich mich. In jedem verdammten Spiel. In seltenen Fällen tat sich die Lücke bei mir auf, wenn, wir erinnern uns, die Strategen in der Mitte so viele Abwehrspieler auf sich zogen, dass sie mich wunderbar freispielen konnten und ich außen zum Abschluss kam, gelegentlich auch erfolgreich.

Dem Übungsleiter gefiel das nicht. Irgendwann unterbrach er eine Einheit, kam auf mich zu und sagte sinngemäß: „Heinz, ich weiß ja, dass Dir da außen das Eins-gegen-eins ein bisschen schwerfällt. Aber Du solltest wenigstens hin und wieder mal so tun, als wolltest Du selbst was versuchen. Allein die Drohung erschwert dem Gegenspieler das Verteidigen.“

Und so drohte ich fürderhin mehr schlecht als recht. In ganz seltenen Fällen wagte ich mich tatsächlich an eine Finte, in noch selteneren Fällen ging ich vorbei, und im Idealfall sprang ich nicht nur vor dem Kreis ab, sondern traf auch noch.

Wie gesagt: äußerst selten. Es lag halt nicht in meiner Natur, und Veränderungen hätten großen Aufwands bedurft. Dass wir aber als Favoriten das Schulturnier nicht gewannen, lag nur sehr bedingt an mir.

 

Von Laienstadiongängern und Sitzplatznazis

Hätte ich meinen Körper verlassen und das Ganze von außen betrachten können, so wäre mir das Ganze wohl wie ein Trugbild vorgekommen. Nicht nur, dass ich in der Cannstatter Kurve saß, nein, vielmehr zählte ich zu denjenigen, die die vor uns Stehenden recht penetrant dazu aufforderten, sich doch bitte hinzusetzen. In meinem Kopf formte sich, ohne dass ich meinen Körper dafür hätte verlassen müssen, das Wort „Sitzplatznazi“, das ich den Adressaten unseres Anliegens gedanklich in den Mund legte, um damit mich selbst zu bedenken.

Was insofern nicht in Ordnung war, als es zum einen inhaltlich eine – wiewohl nicht zwingend abwegige – Unterstellung bedeutete; schließlich hatte keiner der wenig sitzenswilligen Herren explizite Beschimpfungen ausgestoßen – zumindest nicht mir gegenüber, in einem anderen Fall mag es so gewesen sein. Zum anderen hatte ich mit dem Nazi-Kompositum eine zwar sehr aussagekräftige und in ihrer Deutlichkeit nur schwer zu umschreibende, mir aber gänzlich unsympathische Formulierung gewählt: Rechtschreib-, Grammatik-, Irgendwas-Nazi. Nicht meins.

Offensichtlich fühlte ich mich also sehr unwohl in meiner Haut, sonst hätte ich mich vermutlich nicht so titulieren lassen wollen. War ja auch doof. Sitzen einfordern. Im Fußballstadion. In der Cannstatter Kurve. Wo ich sonst stehe. Wo vermutlich auch nicht wenige der nun zum Sitzen aufgeforderten sonst stehen. Für die wir vielleicht keine Sitzplatznazis, aber doch Laienstadiongänger gewesen sein dürften, die keine Ahnung von den Gepflogenheiten in Stadien im Allgemeinen und im Neckarstadion, ihrem Wohnzimmer, im Besonderen hatten, vermutlich. Auch das eine Unterstellung.

Und auch das so eine Wortbildung. „Laienbahnfahrer“ lese ich immer mal wieder, bei Twitter hauptsächlich, gerne auch mal in Blogs. Und empfinde die dort transportierte Haltung als ziemlich überheblich. Was damit zu tun haben mag, dass ich gelegentlich mitbekomme, wie aufgeregt meine in der Bahn-Diaspora groß gewordenen und gebliebenen Eltern sind, wenn sie mal eine Bahnreise antreten und alle möglichen Befürchtungen hegen, was sie falsch machen könnten.

Laienbahnfahrer par excellence, quasi, und der Gedanke, dass sich Menschen bei Twitter über sie mokieren, weil sie den Wagenstandsanzeiger nicht richtig gelesen haben oder in ihrer Aufregung etwas zu laut telefonieren, um ihre nun doch bevorstehende Ankunft anzukündigen, ist mir, um es sehr vorsichtig auszudrücken, unangenehm.

Dass sich Laienstadiongänger- und Laienbahnfahrertum ganz gut vereinen lassen, wurde bereits im Zuge der Anreise zum Spiel deutlich, als die Bahnen übervoll, die Türbereiche brechend voll und die Gänge nur normal voll waren, was den einen oder anderen Eintrittswilligen zu Unmutsbekundungen gegenüber den in den Gängen lümmelnden bzw. den sich nicht aus dem Türbereich in die Gänge hinein bewegenden Herrschaften animierte: „Noch nie Bahn gefahren, wenn Fußball ist?“

Der selbstgefällige Tonfall ließ meine grundsätzliche Zustimmung zu seinem Begehr verblassen und verließ ihn auch nicht, als sich die Bahn am Ziel zusehends leerte und lediglich unsere Tür verschlossen blieb, weil nicht zuletzt der Profibahnfahrer die Lichtschranke blockierte. Oder wie auch immer das technisch gelöst ist. Ich schweife ab.

Zurück zu uns Laienstadiongängern. Die wir in der Cannstatter Kurve sitzen wollten. Weil wir Kinder dabei hatten, die auch was sehen wollten. Was einigen der vor uns Stehenden sehr egal war, und ich meine wirklich sehr egal, was wiederum einer der Gründe der Hauptgrund dafür gewesen sein könnte, dass ich ihnen so unschöne Begriffe wie Sitzplatznazi oder Laienstadiongänger in den Mund legte.

Und nein, wir hatten nicht explizit Karten in diesem Block bestellt, waren nicht vorgewarnt worden, hätten es nicht wissen müssen. Eine sitzplatzgenaue Auswahl war im Zuge des Bestellprozesses gar nicht möglich, es sei denn, ich war zu dumm, auch keine blockgenaue, de facto konnte man nicht einmal angeben, in welcher Kurve man stehen wollte, sondern lediglich eine Kategorie auswählen.

So saßen wir, eine zufällige Gemeinschaft, also da mit unseren Kindern, die ein Länderspiel sehen wollten, in aller Regel ihr erstes, und die beim Anpfiff faktisch nichts sahen, hinter einer Wand von Menschen, denen das sehr egal war, weil sie ja genug sahen, und vielleicht auch, weil man beim VfB da eben steht. Genau: beim VfB. Da war aber gar keine Porsche-Werbung an den Banden. Auch keine von Fanuc oder irgendeiner regionalen Bank auf der Anzeigetafel. Gastgeber war der DFB. Er hatte Sitzplätze ausgewiesen.

Hätte ich nicht gedacht, dass ich mal wegen sowas die Ordner holen würde. Hat aber ganz gut geklappt. Schöne Pointe übrigens, dass just nach deren Einsatz „Steht auf, wenn Ihr Deutsche seid“ ertönte. Mal schauen, ob ich am Samstag in die Kurve darf.

Ach ja, Fußball war auch. Die Perspektive war ungewohnt, ich stehe normalerweise einen Tick höher, das Interesse der Kinder an Nebensächlichkeiten tat sein Übriges, meine Verärgerung über Nebensächlichkeiten erst recht. So bleibt mir in besonderem Maße der Umfang von Bastian Schweinsteigers Oberschenkeln in Erinnerung, zudem die Jagdszenen der chilenischen Offensive, die mich in ihrer Intensität an die Dortmunder Anfangsphase in Wembley erinnerten, Philipp Lahms ungewöhnliche Zahl an Fehlpässen, die lange Zeit völlig an mir vorbeigehende Anwesenheit von Toni Kroos, und die Pfiffe gegen Mesut Özil.

Das weiß dann doch jeder von uns Laienstadiongängern, dass man, wenn man bezahlt hat, auch meckern darf. Und eben pfeifen. Nicht zuletzt dann, wenn es um einen derjenigen geht, die es in Brasilien ganz besonders richten sollen, um einen, der gerade an einem schlechten Tag jene entscheidenden Bälle spielen soll, jenen einen womöglich an der Genialität schnuppernden Ball, der vielleicht ein dreckiges Tor, einen dreckigen Sieg bringt, ein dreckiges, im Zweifel auch als unverdient bezeichnetes 1:0. Der kann das ab, bestimmt.

Rückblicksvorbereitungsstichworte (VI)

„Den Gomez hätte er nicht auswechseln dürfen. Grad gegen die Italiener. Man hätte ihm den Ball halt mal gescheit in die Gasse spielen müssen. Aber der Ötzil ist halt auch nicht so gut, wie es immer heißt. Beide Spanier eigentlich, der Khidera auch nicht. Hat man ja auch in der Analyse gesehen, mit dem Scholl. Der Khidera ist an der Mittellinie stehen geblieben, und der Italiener konnte ungestört den langen Ball spielen. Tut der doch immer, das weiß man. Den Podolski, ja, den hätte er draußen lassen müssen. Und den Khidera, den kannst nur hinten brauchen. Der Schweinsteiger war ja auch nur bei 80 Prozent. Den kannst draußen lassen. Soll halt der Müller dafür spielen, der gibt wenigstens Vollgas.“

(Sinngemäßes, weitgehend aber wörtliches, aus irgendeinem bayerischen Dialekt so halbwegs übersetztes Zitat, knapp 24 Stunden nach dem Halbfinale.)

Womit dann wohl alles gesagt wäre. Abgesehen von den Rückblicksvorbereitungs-„Stichworten“ für den Sohnemann:

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J’accuse!

Ich klage meine Eltern an, nicht darauf vorbereitet gewesen zu sein, mich vor wild gewordenen Fähnschenschwenkern mit schwarz-rot-goldenen Utensilien zu schützen. Tatenlos zugesehen zu haben, wie mir eine schwarz-rot-goldene Hulakette um den Hals gelegt wurde, zugelassen zu haben, dass nicht nur ich, sondern auch meine kleine Schwester schwarz-rot-goldene Armbändchen trugen.

Ich klage meine Mutter an, den Horden zur Hand gegangen zu sein und ihren Kindern schwarz-rot-goldene Flaggen auf die Wange gemalt – und damit, dies zu ihrer Ehrenrettung, möglicherweise Schlimmeres verhindert – zu haben. Und meinen Vater, der sie gewähren ließ. 

Ich klage Vater und Mutter an, mir eine kindgerechte Schlafenszeit verwehrt und mich quasi genötigt zu haben, elf vergleichsweise ideenlosen Spaniern eben nicht bei ihrem als langweilig verpönten Kurzpassspiel zuzusehen, sondern bei etwas, das sehr gerne ein als langweilig verpöntes Kurzpassspiel gewesen wäre, tatsächlich aber nur selten über das Versuchsstadium hinaus kam. Ich klage sie darüber hinaus an, mich dann doch nicht wach gehalten zu haben, um wenigstens den Kitzel des Elfmeterschießens zu erleben (das zu sehen ich mir dann für den Folgetag und den Eintrittsfall vertraglich zusichern ließ – ich klage die deutsche Fußballnationalmannschaft an, nicht geliefert zu haben). 

Ich klage meinen Vater an, mich bei beiden Halbfinalspielen der „besseren Sicht“ wegen in unmittelbarer Nähe von Jürgen von der Lippe platziert zu haben, dessen Weisheiten aus dem Gedächtnis löschen zu können mir auch nach vielen Jahren noch nicht vergönnt ist. 

Ich klage meinen Jugendtrainer an, mir jahrelang erzählt zu haben, dass es ab einem gewissen Niveau nicht mehr reiche, den Ball hoch und lang nach vorne zu schlagen, auf dass der Mittelstürmer der Abwehr davonlaufen und ein Tor schießen möge. (Wenn Passgeber und Stürmer gut genug und die Abwehraktivitäten hinreichend naiv sind, geht das auch noch in den ganz großen Spielen.)

Und ich klage meine Eltern an, meinem zunehmenden Eintauchen in das Turnier keinen Einhalt geboten und dann zugelassen zu haben, dass mein erstes Turnier eben nicht, wie bei Vattern, den erhofften Sieger fand – wofür ich natürlich auch Joachim Löw und seine Mannschaft anklage. So hatten wir ja wohl nicht gewettet, Freundchen.

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Vielleicht doch noch ein paar kurze Sätze zu Dingen, die ich einfach nicht verstanden habe. Und damit meine ich nicht die Aufstellung von Joachim Löw, auch wenn ich vor allem über Reus‘ Nicht-  und Gomez‘ Doch-Nominierung überrascht war, und auch wenn ich die Beweggründe hinter Kroos‘ Hereinnahme zwar nachvollziehen, aber nicht daran glauben konnte, dass er dem direkten Duell mit Pirlo gewachsen sei. Ich würde nicht einmal so weit gehen, zu sagen, dass es die Lobgesänge auf Pirlo waren, die ich nach diesem Spiel nicht verstanden habe, aber ich gebe zu, dass ich sie nicht in diesem Maße angestimmt hätte. Zumindest nicht lauter als auf Montolivo, dessen Mutter übrigens …  ach, wissen Sie schon? Seltsam.

Nicht so richtig verstanden habe ich Steffen Simons andauernde Hinweise, noch in der gefühlten 44. Minute, dass Toni Kroos seine Außenposition einfach nicht halte, sondern zu sehr nach innen ziehe. Aber es ist wohlfeil, Steffen Simon taktische Fehleinschätzungen vorzuhalten, ich bitte um Entschuldigung.

Schwer verständlich ist es für mich auch, wenn Meireles einen Vier-gegen-zwei-Konter durch ein schlechtes Abspiel, Verzeihung, verkackt, und Cristiano Ronaldo bei Twitter reichlich Häme abbekommt, weil er kein Tor daraus gemacht hat. Oder dass es Leute gibt, die ihm vorwerfen, sich für den fünften Elfmeter gemeldet zu haben – er habe damit ja einzig und allein seinen Selbstdarstellungstrieb befriedigen wollen. Eine solche Argumentation erschließt sich mir schlichtweg nicht. (Und nein, mir gefällt sein Freistoßritual auch nicht. So ist das manchmal mit Ritualen.)

Was ich indes bestens verstanden habe, ist der einmal mehr wunderbare und dabei in seinem Wesen im Vergleich zu seinen sonstigen Einlassungen zur EM so ganz andere Text von @freval über Mario Balotellis Jubelpose und das, was die Feuilletons der Qualitätspresse daraus gemacht haben. Mit Hautfarbe und so. Sehr treffend auch der Quervergleich zu Eric Cantona – mir scheint lediglich, dass Andi Möller hier ein wenig kurz kommt.

Letzteres bitte ich im Übrigen nicht so ernst zu nehmen wie Frédérics eben genannten Text.

Das Schlusswort überlasse ich dann aber doch wieder meinem Sohn, dem ich im abklingenden EM-Frust ein paar pathetisch warme Sätze in den Mund lege:

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Abschließend aber danke ich meinem alten Herrn dafür, mir vor Augen geführt hat, dass es weder im Allgemeinen noch ganz besonders im Speziellen der EM 2012 unverdiente Siege und Sieger gibt. Vermutlich freute ich mich auf das Finale zwischen Italien und Spanien nicht ganz so sehr wie auf eines mit deutscher Beteiligung, was nicht zuletzt daran gelegen haben dürfte, dass kein Supermarkt Sammelkarten der spanischen oder italienischen Spieler angeboten hatte; gleichwohl fieberte ich dem letzten Spiel entgegen, wollte ich sehen, ob die Bezwinger der deutschen Mannschaft nun auch den Welt- und Europameister schlagen würden, ob Mario Balotelli die versprochenen vier Treffer erzielen und der gegen Deutschland von einem Herrn namens Simon zum Schwachpunkt erklärte Balzaretti erneut schwach genug sein würde, um nicht nur den gegnerischen Stürmer aus dem Spiel zu nehmen, sondern vorne auch noch torgefährlich zu werden. (Vater ließ mich wissen, dass man vor dem WM-Finale 1982 ähnliche Töne über den 18-jährigen Giuseppe Bergomi gehört habe.) Hey, wir sprechen vom EM-Finale! Hochamt!

Und ich danke ihm für seine Twitter-Basislektion: Nicht während eines Fußballspiels drauf schauen. Besser auch nicht danach.

Rückblicksvorbereitungsstichworte (V)

Die Halbfinals liegen noch vor uns, doch mein Spieler des Turniers steht schon fest. Sage ich, der ich bei aus meiner Sicht voreiligen, wenn auch im Kern zweifellos berechtigten Elogen auf Andrea Pirlo, Sami Khedira oder andere, wie wir sie in den letzten Tagen bereits gehört haben (sinngemäß: „Pirlo muss MVP werden!“), gerne mal auf die Erfahrungen vergangener Turniere verweise. Auf den besten Spieler 2006, Zinedine Zidane, auch seine Auszeichnung im Kern berechtigt, oder auf Oliver Kahn, den herausragenden Spieler 2002, oder so ähnlich, nicht wahr?

Wie auch immer: Mein Spieler des Turniers steht fest, stand bereits nach der Vorrunde fest. Schon bei seinem ersten internationalen Titel, damals mit der U21, hatte ich sein Spiel genau verfolgt und sah mich auch in den Folgejahren, wenn ich ihn in seiner nationalen Liga gelegentlich spielen sah, in meiner Einschätzung stets bestätigt. Umso schöner, dass er all meinen Erwartungen – und nicht nur meinen, wie ich aus verlässlicher Quelle, vulgo: Twitter, weiß – nun auch auf der größeren Bühne mehr als nur gerecht wurde. Seine Leistungen in den drei Vorrundenspielen überzeugten selbst die Verhandlungsführer des VfB Stuttgart, auf die Verpflichtung von Sebastian Boenisch zu verzichten. Wunderbar.

Für meinen Sohn war Boenisch bei seinem ersten Turnier nicht mehr als eine Randerscheinung, vermutlich nicht einmal das. Einige in der irgendwann anstehenden Rückschau vielleicht relevantere Erinnerungsfetzen habe ich erneut für ihn aufgeschrieben:

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Anderthalb der vier Viertelfinalspiele durfte ich sehen. Oder sagen wir andertdrittel, wenn man die etwas längere Partie zwischen Italien und England angemessen einbezieht. Ich sah damals ja nur den Teil, in dem England noch halbwegs mitspielen durfte, und in dem Joe Hart den Ball wesentlich lauter traf als alle anderen. Nebensächlich? Vielleicht. Aber so nahm ich Fußballspiele halt wahr. Aufmerksam, detailverliebt, hochkonzentriert – mein Vater war begeistert. Schließlich kommentierte auch er selbst mit großem Vergnügen die Bügelfalten der englischen Hosen.

Weniger begeistert, um es vorsichtig auszudrücken, war der Herr Papá noch am Tag nach dem Spiel ob der vielfältigen Pirlo-Vergleiche. Ribéry war da genannt worden, Zidane, irgendwo hatte es wohl auch Wynton-Ruferesk geheißen. Nicht umsonst gebe es schließlich Sprachen,so der väterliche Besserwisser [Hey!] in denen Pirlos Elfmeter ganz selbstverständlich als „une panenka“ oder dergleichen Eingang in den fußballerischen Alltagswortschatz gefunden habe. Vielleicht war es dann ja doch kein Zufall, dass unter den vermeintlichen Vorbildern und tatsächlichen Nacheiferern Laudatoren zwei Franzosen waren.

Ansonsten kann ich zu den Franzosen bei dieser EM übrigens nicht viel sagen. Ribéry gefiel mir gut, Nasri ärgerte mich nicht halb so sehr wie meinen marseilleverliebten Vater, und dass sie gegen Spanien ausschieden, nun gut, war angesichts des übergeordneten EM-Planes, an den ganz Deutschland glaubte, unvermeidlich.

Was indes vom Italienspiel noch hängen blieb, war der mir bis dahin völlig unbekannte Name Jürgen von der Lippe, den mein Vater für einen der Umsitzenden – wir hatten das zweifelhafte Vergnügen, im bayerischen Urlaubsdomizil inmitten von Fremden schauen zu müssen – gefunden hatte, und wie ich hernach herausfinden sollte, bezog sich der Kosename sowohl auf dessen Idiom als auch auf den feinen Charakterzug, seinen Zuhörern die komplizierte Welt zu erklären. Inklusive kompetenter Einlassungen zu den wie so oft völlig übertriebenen Nachspielzeiten.

Mein erstes semipublic Viewing hatte ich allerdings bereits zuvor erlebt, als die runderneuerte deutsche Mannschaft durch Griechenland spazierte und mein alter Herr angesichts der Nominierung von Marco Reus nicht nur über den Wechsel in der Mittelstürmerposition hinwegsah, sondern sich in seiner Aufstellungseuphorie sogar dazu hinreißen ließ, ihn für richtig zu halten. Hinterher sollte er gleichwohl zu jenen zählen, die sich beim einen oder anderen Abpraller Mario Gomez auf den Platz gewünscht hätten.

Einer von Papas Freunden feierte seinen Geburtstag standesgemäß mit einer Deutschlandgrillerei, ich trug standesgemäß mein neues grünes DFB-Shirt. Andere junge Zuschauer verfolgten die EM übrigens, wie mein Vater per E-mail von einem Leser seines „Weblogs“ (die Älteren werden sich erinnern) erfuhr, in einem seiner Vorrundenlieblinge.

Nach dem Spiel verpasste Papa den Absprung und konnte sich nicht von Joachim Löw und all den anderen Interviewpartnern losreißen. Ich selbst hatte ja während des Spiels aufgepasst und konnte getrost auf eine Bierbank einschlafen, um auf dem Heimweg im Spätkauf („Rewe“) wieder zu großer Form aufzulaufen und eine Reihe fehlender DFB-Sammelkärtchen abzustauben – die Strategie „Mitleid wegen Müdigkeit“ hatte beim freundlichen Kassenpersonal gefruchtet.

Gefruchtet hatten die monothematischen Gespräche mit meinem Vater übrigens auch bei meiner kleinen Schwester. „Khedira kommt“ sagte sie tagelang bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit – wobei: welche Gelegenheit sollte schon unpassend sein, den herausragenden Spieler des Turniers in ein Gespräch einfließen zu lassen, noch dazu für eine junge Stuttgarterin?

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Ich habe im Übrigen große Angst vor dem Spiel gegen Italien. Nicht Respekt, sondern echte Angst. Das hat aber nichts mit Balotelli zu tun, auch nicht mit dem wie immer furchteinflößenden de Rossi, nicht einmal mit Andrea Pirlo.
Es liegt schlicht an Jürgen von der Lippe.

Rückblicksvorbereitungsstichworte (IV)

Bin ja dann doch in ein ziemliches Loch gefallen, als am Sonntag um 18 Uhr kein Spiel auf dem Programm stand. Pünktlich um 5 hatten wir uns beim Gastgeber eingefunden, um uns auf das Spiel vorzubereiten und nebenbei ein paar Köstlichkeiten auszuprobieren, aber mal im Ernst: Wie soll man die Spannung so lange aufrecht erhalten? Ja, ich weiß, man hätte es sich denken können, das mit dem Anstoß, nachdem ja auch schon die Griechen und die Polen und die Russen und die Tschechen … Aber irgendwie hatte mich die Aufarbeitung der Geschehnisse in Gruppe A anderweitig beschäftigt, da blieb kein Platz für Uhrzeitüberlegungen.

Doch zurück zum Wesentlichen: Rückblickvorbereitungsstichworte für den Nachwuchs.

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Um gleich mal mit einer popkulturellen Referenz anzufangen: am 17. Juni 2012 wurde mir die Bedeutung der für mich damals aus FSK-Gründen noch unbekannten Redensart „You have officially been #porned“ erstmals vor Augen geführt. Anderen auch. Von Cristiano Ronaldo, übrigens, der seinem Kapitänskollegen und mitunter als Geistesbruder gewürdigte Zlatan wohl doch noch das eine oder andere voraus hatte, beispielsweise die Qualität der Mitspieler. („Wenn die Schweden den Wilhelmsson nicht spielen lassen, sind sie selber schuld“ – um mal meinen alten Herrn zu zitieren, der über die Jahre hinweg eine nur schwer zu begreifende Begeisterung für den Dribbler mit der schicken Frisur entwickelt hatte.)

Zlatan und seine Wasserträger (unter diesem Namen sollen sie hernach über die Dörfer getingelt sein) waren an den Engländern gescheitert, die etwas überraschend Dado Pršo als Mittelstürmer aufgeboten hatten. (Nein, ich hatte Dado Pršo auch nicht gekannt, aber mein Vater war nicht davon abzubringen.)

Spanien und Kroatien hatten die passenden Rahmenbedingungen für das letzte Spiel in die Wege geleitet, die Iren alles dafür getan, ihren Fans einen gloriosen Auftritt zu ermöglichen, und Italien schon einmal die Tränendrüsen aktiviert für den Fall, dass besagte Rahmenbedingungen bei Spanien-Kroatien ihren Zweck erfüllen würden, ohne dabei an die Tränen zu denken, die Giovanni Trapattoni bei einem von ihm verschuldeten italienischen Ausscheiden vergießen würde. Ich wusste damals nicht einmal, ob auch er, wie sein durch die Welten bummelnder deutscher Kollege Hans-Hubert Vogts, nie einen Hehl daraus machte, das er sich eigentlich nach wie vor viel eher als Teil des Trainerstabs seines Heimatlandes sah.

Die bitterste Erkenntnis an jenem Wochenende war die, dass mein Lob der Anstoßzeiten (Sie wissen schon: Sandmännchen, Paula und Paula, …) verfrüht erfolgt war. Mit Beginn des dritten Spieltags waren nämlich die 18-Uhr-Spiele passé, alles weitere sollte sich tief in der Nacht ab 20 Uhr 45 abspielen. Mit der Konsequenz, dass ich die Spiele nicht mehr anschauen durfte und mein Vater regelmäßig gegen den Schlaf ankämpfen musste. In einer Wachphase erklärte er mir, dass es noch früher durchaus üblich gewesen sei, Fußballspiele bereits um 19. 30 oder 20.15 Uhr anzupfeifen und so auch dem einen oder anderen Kind Gelegenheit zu geben, wenigstens eine Halbzeit zu sehen. Die Championsleagueisierung des Fußballs habe jedoch auch in diesen Bereich unwiderruflich eingegriffen. So unwiderruflich man das halt damals einschätzen konnte.

Wie auch immer: Weder sah ich die Entscheidung in der Todesgruppe A, in der die russischen Fans bekanntlich an ihrer eigenen Erwartungshaltung gescheitert waren (oder so ähnlich, Herr Arshavin argumentierte da etwas verkürzt, wenn ich mich recht entsinne), noch konnte ich das niederländische Ausscheiden miterleben – was, um der Wahrheit die Ehre zu geben, weniger mit der Anstoßzeit zu tun hatte als damit, dass Deutschland parallel spielte. Lange Zeit hatte es übrigens so ausgesehen, als würden wir das Deutschland-Spiel mit einer überschaubaren Gruppe mehr oder weniger kompetenter Erwachsener verfolgen. Als mein Vater in seiner Intoleranz erkannte, dass sich ein Event zu entwickeln drohte, schützte er Müdigkeit vor. Meine. (So zumindest meine Interpretation, zugeben wollte er es nicht.)

Also sahen wir den deutschen Sieg, der bekanntlich in allererster Linie Mario Gomez‘ Ferse zu verdanken war, in trautem Familienkreis. Ein bisschen ärgerlich war es schon, dass meine deutlich jüngere Schwester es irgendwie hinbekam, ihr Länderspieldebüt zu feiern – da hätte ich mir von meinen Eltern doch etwas mehr Konsequenz gewünscht, nicht erst zur Pause. Aber man muss ja auch gönnen können.

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Zugegeben: Der junge Mann mit aufgestecktem schwarz-rot-goldenem Iro und ebensolcher zum Rock gewickelter Fahne irritierte mich ein wenig. Aber natürlich hatte ich nur das Wohl meines Sohnes im Sinn.

Rückblicksvorbereitungsstichworte (III)

War ja ganz schön, das Spiel gegen Holland. (Also, ich sage jetzt halt mal Holland. Der geographisch-politische Einwand gilt hiermit als dankend zur Kenntnis genommen.) Erfolgreich, vor allem. Ja, Gomez, schon klar. Hatten wir alles, meine Position ist bekannt, brauch ich jetzt nicht breitzutreten. Da trete ich lieber in Ansätzen breit, dass ich bereits nach dem ersten Spieltag jenen widersprach, die ein fixes holländisches Ausscheiden durch eine Niederlage gegen Deutschland in den Raum oder auch die Timeline stellten. Und widerspreche auch heute noch, wenn von einer Minimalchance die Rede ist – so abwegig ist es dann auch wieder nicht, dass Deutschland Dänemark und Holland Portugal schlägt, durchaus in der benötigten Höhe.

Sagt der Sohnemann übrigens auch, der sich mittlerweile besser auskennt als ich. Den Spielplan hat er sowieso drauf, und als gegen Portugal Dennis Rommedahl im Bild war, ließ er die verblüfften Eltern wissen, dass dieser gegen die Niederlande negativ aufgefallen war, indem er eine Wasserflasche durch die Gegend gekickt hatte. Will sagen: der junge Mann ist in das Turnier eingetaucht. Da er sich dereinst vermutlich nicht an Rommedahls Nebenbeschäftigung erinnern wird, hier wieder ein paar halbwegs aus- und ganzwegs manipulativ vorformulierte Stichsätze (ohne Rommedahl, läuft unter unnützes Wissen):

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Mit das Beste an der EM 2012 waren ja die Anstoßzeiten. So war insbesondere die Pause des frühen Spiels exakt so terminiert worden, dass das Sandmännchen reinpasste. Zwischen Portugal gegen Dänemark lief zum Beispiel Paula und Paula, die Fischkoppgeschichten hatte ich indes tags zuvor genauso verpasst wie das sie umspülende umspielende Tschechien – Griechenland. War vielleicht auch besser so, der Familienbedarf an wässriger Unterhaltung wurde in jenen Tagen von Usedom aus weit mehr als nur gedeckt.

Den Paula-und-Paula-Spieltag aber, also den zweiten der schon damals mit dem noch immer beliebten Attribut „Todesgruppe“ versehenen Vorrundengruppe B, empfand ich als innere Schlossallee. Was nicht einmal in erster Linie am deutschen Sieg lag, der natur- wie auch farbgemäß irgendwo zwischen innerer Münchner und Berliner Straße angesiedelt war, auch nicht an Vaters abgestrittener Genugtuung ob Gomez‘ Toren (inneres Frei Parken), sondern an der perfekt aufgegangenen Spielstrategie – dank einer wunderbar fluiden Herangehensweise, vor allem im Mittelteil, gelang es mir, mich den Angriffen der Gegenseite abkippend zu entziehen und die Partie gegen alle Vorhersagen bis zum Ende verfolgen zu können. Die Benchmark für künftige deutsche Spiele war somit quasi gesetzt.

Mein alter Herr würde wohl auch heute noch nicht zugeben, dass er das insgeheim ziemlich cool fand. Khedira fand er übrigens auch cool. Und Schweinsteiger. Und Lahm, auch wenn cool vielleicht bei Lahm nicht das Adjektiv seiner Wahl gewesen wäre. Wobei: war schon cool, mit welcher Lässigkeit er Robbens versuchte Dribblings stets unterband. Vom Abschluss gar nicht zu reden.

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Die Sache mit der Benchmark werden wir wohl noch in nichtöffentlicher Sitzung besprechen müssen.

Sehr wohl öffentlich (so öffentlich dieses Blog halt ist) möchte ich indes Béla Réthys Aussprachehopping anprangern. Ich kann gut damit umgehen, wenn Kommentatoren bei der Aussprache ausländischer Spielernamen nicht sattelfest sind. Geht mir genauso. In manchen Fällen wüsste ich’s sogar besser, dächte ich nach. Und wenn Herr Réthy den Namen Stekelenburg auf der zweiten Silbe betonen will, dann soll er es meinetwegen tun. Es wäre mir nur recht, wenn er das dann auch konsequent täte.

Wenn man sonst nichts über den Kommentator zu meckern hat …

Rückblicksvorbereitungsstichworte (I) (Vielleicht.)

Am Samstag sah mein Sohn sein erstes Länderspiel. Dänemark gegen die Niederlande, so halb. Nummer zwei folgte auf dem Fuße, jenes, auf das er seit Tagen, ach was: seit Wochen hingefiebert hatte. Sein Verständnis von Fußball ist noch sehr überschaubar, auf Gefühlsausbrüche seiner Eltern (abgestuft) folgt meist die Frage, was denn los gewesen sei, aber er erkennt, Panini sei Dank, die Spieler, freut und wundert sich zugleich, wenn schon wieder Joachim Löw im Bild ist, und stellt so kluge Fragen wie jene, warum der Kommentator bei Nani und Raul Meireles den Verein nenne, bei den meisten anderen portugiesischen Spielern aber nicht. Zum Glück frug er nicht nach Meireles‘ Aussprache, von der ich nach wie vor nicht weiß, ob sein Name so ausgesprochen wird, wie die meisten Reporter meinen, ihn aussprechen zu müssen („Mereiles“). Diese Dame hier meint wohl eher nicht, ich las aber auch schon anderes.

Ich hoffe natürlich sehr, dass er dereinst ähnlich verklärend auf seine erste Europameisterschaft zurückblicken wird wie ich auf jene von 1980. Auch wegen des Titelgewinns, klar; vor allem aber wünsche ich ihm, dass auch ihm die gerade erst erwachende Liebe zum Fußball lange erhalten bleibt – in welcher Form, sei dahingestellt. Vielleicht kommt er ja irgendwann sogar in die Verlegenheit – Gedankenvater mag das Wunschdenken des Kindesvaters sein –, seine Erinnerungen aufzuschreiben, in welchem Medium und aus welchem Grund auch immer. Und weil solche Rückblicke ja gerne mal unter verblassenden Bildern im Kopf oder unter nachgelesenen, im dümmsten Fall auch noch objektiven Erzählungen von Zeitzeugen leiden, nutze ich gerne die Gelegenheit, für den Sohnemann in Vorleistung zu treten und ihm ein paar Gedankenfragmente für seinen Blick zurück zu konservieren. Man manipuliert ja, wo man kann.

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Euro 2012? Natürlich erinnere ich mich. Polen und Ukraine. Die älteren Fortschschrittsverweigerer unter uns nutzten noch immer die althergebrachte Bezeichnung „EM“ (für EuropaMeisterschaft) und träumten von den guten alten Zeiten mit vier oder acht teilnehmenden Mannschaften – dabei nahmen damals lächerliche halb so viele Nationen teil wie heute. Spanien ging als Topfavorit ins Turnier, die Deutschen wähnten sich auf Augenhöhe und interpretierten die sogenannte Hammergruppe (aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, nicht wahr?) als angemessenen Turniereinstieg. Tja.

Polen und Griechenland eröffneten das Turnier mit einem für die Griechen zunächst schmeichelhaft erscheinenden Unentschieden, für damalige Verhältnisse dem Vernehmen nach alte Russen spielten schlechte Tschechen an die Wand, der dänische Trainer trug Rudi Völlers Frisur auf. Ja, genau, der Rudi Völler, und nein, ich meine nicht seine Goldlöckchen oder die Tante-Käthe-Phase, sondern den silbern geplätteten Mittelscheitel. Mit Erfolg übrigens – die Dänen, die schon damals auf eine bemerkenswerte „EM“-Historie zurückblicken konnten, schlugen den dritten vermeintlichen Topfavoriten, die Niederlande, deren Mannschaft zu Turnierbeginn wieder einmal als nur bedingt harmonisch wahrgenommen wurde, der Spruch vom Egoland, das gegen Legoland verlor, hat seinen Ursprung in jenem Spiel.

Deutschland startete mit einem hart umkämpften Sieg gegen CR7s Portugiesen, den man nicht zuletzt Mats Hummels – der zuvor, aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, lange um die Anerkennung von Bundestrainer Löw hatte kämpfen müssen – und dem von ihm angeführten Abwehrverbund zu verdanken hatte, nicht zuletzt auch einem Torwart, der nebenbei noch Zeit hatte, sein Faible für die einarmige Faustabwehr zu kultivieren [Anmerkung: Verzeihung, als EM80-Veteran ließ es sich nicht vermeiden, diesen Querverweis anzudeuten].

Mario Gomez hatte auch einen gewissen Anteil, aber das durfte man damals nicht laut sagen. „The beautiful game“ wurde zu jener Zeit eher im Sinne von „joga bonito“ interpretiert, der Bundestrainer hatte die Öffentlichkeit informiert, dass man nur mit schönem Spiel etwas gewinnen könne, und Gomez spielte, welcher an Fußball Interessierte wüsste das nicht, eben nicht in jenem Sinne schön, Tore galten eher als notwendiges Übel.

Wobei ich einräumen muss, dass auch mein Vater, wiewohl schon damals ein Gomez-Fanboy fernab jeder Objektivität, seine Leistung in jenem Spiel sehr kritisch sah. Er beschäftigte sich zwar ein wenig mit der Frage, wer in höhrerem Maße unter wem leidet, das Mittelfeld unter einem sich schlecht ins Spiel einbringenden Stürmer oder der Stürmer unter nicht sehr zielstrebigen und nur selten ideenreich agierenden Mittelfeldspielern, ließ aber keinen Zweifel daran, dass Gomez im Sinne des Spielflusses nicht gut gespielt hatte – was wohl in der Tat das schlechteste Urteil war, das man sich von meinem alten Herrn über Gomez vorstellen konnte. 

Jenes Spiel war übrigens auch die Gelegenheit, bei der der bis zu ihrem Konkurs jährlich aufs Neue in der Bundesligavorschau der Bild-Zeitung und daher fälschlicherweise Mario Basler zugeschriebene Spruch vom wund gelegenen Stürmer erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht wurde. Tatsächlich stammt er von Mehmet Scholl, der vor seiner Fernsehkarriere ein großartiger Fußballspieler gewesen war und sich wohltuend von anderen sogenannten TV-Experten abhob – Einschätzungen, die auch mein Vater teilte, so dass es ihn umso härter traf, dass auch Scholl seine Hauptkritik in einem von einer ganzen Reihe von Spielern bestenfalls durchwachsenen Spiel an gegen den allein schon historisch nächstliegenden Spieler richtete und sich in seinem Flow ein wenig von belastenden Faklten entfernte.

„Populismus!“ rief der Vater emört aus, als Scholl Gomez nicht mehr nur jegliche Bereitschaft absprach, sich ins Spiel einzubringen, sondern ihm darüber hinaus unterstellte, nicht zu laufen, nicht nach hinten zu arbeiten. Es empörte ihn so sehr, dass er sich nicht entblödete [Anmerkung: Was!?], die Uefa-Statistiken nach Laufstrecken zu durchforsten und festzustellen, dass Gomez 8,8 Kilometer gelaufen war. In der Tat: deutlich weniger als Spieler auf einer vergleichbaren Position wie Robin van Persie mit seinen 10, 6 km, Nicklas Bendtner mit 10, 2 oder auch der moderne Robert Lewandowski mit 9,7.

Betrachtet man dann noch die vorzeitig Ausgewechselten und rechnet ihre Laufdistanzen hoch – wohl wissend, das das eine starke Vereinfachung darstellt –, so kommt vor allem Milan Baros, der bereits bis zu seiner Auswechslung in der offiziell 85. Minute über 10 km gelaufen war, auf errechnete 11,1 km, die früher ausgetauschten Postiga, Kerzhakov und Gekas auf 11,4 (!), 10,4 und 9,4. Da kann Gomez mit seinen 8,8 abstinken. Ok, man könnte jetzt natürlich seinen Wert auch noch hochrechnen, dann wäre man mit 10,3 mitten bei den Leuten, aber so weit wollen wir jetzt doch nicht gehen.

Denn ganz ehrlich: Mein Vater war damals ein wenig angefressen und hatte es schon zu jener Zeit nicht so mit wissenschaftlichem Arbeiten. Die Zahlen entstammten einer einzigen und nicht zu überprüfenden Quelle, einige Basisdaten (bspw. die jeweilige Nachspielzeit) lagen ihm nur in Auszügen vor, von Nettospielzeiten ganz zu schweigen, die lineare Hochrechnung (heißt das so?) ignoriert Aspekte wie ermüdungsbedingten Leistungsabfall oder den Umstand, dass in einzelnen Fällen die Auswechslung im Vorfeld besprochen worden sein könnte. Die Spielsysteme und Aufgabenstellungen mögen allen Parallelen zum Trotz unterschiedlich gewesen sein, und ohnehin sind Quervergleiche zwischen Spielen schwierig.

Und natürlich ist die bloße Laufleistung in Kilometern kein hinreichender Indikator, um Scholls These zu widerlegen. Vielleicht lief Gomez tatsächlich, wie vom Experten unterstellt, weder nach hinten noch zur Seite, sondern, nun ja, irgendwo anders hin halt, auf der Suche nach der sich öffnenden Straße. Man weiß es nicht.

Genau so wenig wie man übrigens weiß, ob Gomez nach dem abgepfiffenen Vorteil in der ersten Hälfte auch dann getroffen hätte, wenn Torwart und Abwehrspieler sich gewehrt hätten. Was man indes weiß: Er war da. Im Strafraum. Am Ball. Was man wiederum nicht weiß, sich aber vorstellen kann: wie die hiesigen Medien reagiert hätten, wenn sich Gomez wie der großartige Robin van Persie gleich zwei mal die Beine verknotet hätte, anstatt den Ball ins Tor zu schieben. 

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Oh, Entschuldigung, das ist jetzt ein bisschen lang geworden. Und vielleicht nicht in jedem Fall geeignet für einen Rückblick auf die EM 2012. Ich gelobe Besserung, Sohn!

Der Schiri hat's versaut.

Und davon lasse ich mich auch nicht abbringen. Der Schiri, und nur der Schiri, ist schuld daran, dass mein gestriger Tipp daneben ging. Ich hatte auf einen Sieg mit einem Tor Unterschied getippt, und wenn der Schiedsrichter nicht von einem Foul geträumt hätte, wo keines war, hätte das auch geklappt. Mit drei Punkten mehr läge ich jetzt auf Platz 2. Pfeife!

So aber pfiff Herr Coulibaly Edus reguläres 3:2 ab und die USA müssen um ihre Qualifikation für das Achtelfinale bangen – nach einem Spiel, das sie hätten gewinnen müssen, das sie aber gegen effiziente Slowenen lange zu verlieren drohten. Der geglückte Versuch des slowenischen Torwarts, sich im Tor zu verstecken, als Landon Donovan auf ihn zulief, brachte die Amerikaner nach der bitteren ersten Hälfte ins Spiel zurück. Oliver Kahn war indes der Ansicht, da gebe es nichts zu halten. Ok, wenn der Experte spricht, schweigt der Laie. Jostein Flo hätte seine helle Freude am amerikanischen Ausgleichstreffer gehabt, und das 3:2 hätte dem Ganzen die verdiente Krone aufgesetzt. Ach, Herr Coulibaly!

Über den anderen gestrigen Schiedsrichter ist mittlerweile alles gesagt. Ok, noch nicht von jedem, aber da will ich mal Mut zur Lücke beweisen. Dass man mit knapp 100 Länderspielen gelernt haben könnte, nicht nur auf das Verhalten des Gegners, sondern auch auf das des Schiedsrichters zu reagieren, scheint ebenfalls unstrittig zu sein. Etwas weiter gehen die Meinungen bei der Frage auseinander, ob ein Spieler, der gerade zwei Großchancen eher kläglich vergeben hat, zum Elfmeter antreten sollte – der Erklärungsansatz, der alternative Schütze sei körperlich nicht ganz auf der Höhe gewesen, ist möglicherweise nicht ganz von der Hand zu weisen.

Über die Defizite auf der Linksverteidigerposition bei Holger Badstuber im deutschen Aufgebot in der Bundesliga wurde vor der WM geredet, nach dem Australien-Spiel wurde das Thema ein wenig kleiner, nun ist es wieder da und wird uns durch die WM (wie lang auch immer sie für die deutsche Mannschaft dauern mag) und darüber hinaus erhalten bleiben. Krasic war gut, Badstuber nicht gut genug. Wieso Bastian Schweinsteiger vor dem Pass auf Krasic seine Energie in den Versuch gesteckt hat, den Passgeber von den Beinen zu holen, anstatt sich um den Ball zu bemühen, ist möglicherweise eine Frage, die sich nur wir Laien stellen.

Lahm gegen Zigic war das eine Duell des Spiels, Podolski gegen Stojkovic hätte das andere werden können, doch dafür schoss er zu schlecht. Ob Joachim Löws Ansicht, Mesut Özil sei nicht mehr frisch genug gewesen, zutrifft, kann ich nicht beurteilen, an andere Gründe glaube ich nicht. Besser wurde das Offensivspiel nach Özils Auswechslung jedenfalls nicht. Marko Marin kam in keine einzige der Zweikampfsituationen in Tornähe, deretwegen er eingewechselt worden war, Cacau war übermotiviert und Gomez hing gänzlich in der Luft. Auch als er von einem Serben von den Beinen geholt wurde, übrigens.

Was der deutschen Mannschaft indes völlig abgeht, ist der nötige Aberglaube. Ok, dass die Herren Löw und Flick ihre ganze Kollektion zeigen wollen: geschenkt. Aber dass Manuel Neuer nach dem großartigen 4:0 zum Auftakt sein Trikot wechselte, verwundert mich. Ernsthaft. Kein Torwart, den ich kenne und mit dem ich je zusammengespielt habe, hätte das getan. Das mag in Teilen daran liegen, dass in meinen Klassen nur selten eine ähnliche Auswahl an Trikots vorhanden war. In allererster Linie jedoch lag es am Aberglauben. Ohne Not nach einem beeindruckenden Sieg die Ausrüstung wechseln? No way.

Vorrundenweltmeister?

Die deutsche Mannschaft ist, wie wie alle wissen, mit einem 4:0 über Australien in die Weltmeisterschaft gestartet. Nicht schlecht, um mal ein schwäbisches Kompliment zu verteilen.

Die Kommentatoren bemühen sich, einerseits die phasenweise herausragende Offensivleistung zu würdigen, ohne andererseits die zumindest in diesem Spiel überschaubare Qualität des Gegners außer Acht zu lassen. Die Bewertungen schwanken bei Twitter zwischen dem augenzwinkernden „Auf Tage hinaus unschlagbar“ und „Bleibt mal auf’m Boden“ (@textundblog wird sich wohl beschweren, weil ich einen seiner sehr seltenen Tweets mit Rechtschreibfehler verlinkt habe), und auch in Blogs und klassischen Medien variiert die Bewertung irgendwo zwischen „Super gespielt, aber…“ und „Schwacher Gegner, aber…“.

@goonerportal bringt die immer wieder anklingende Sorge, die deutsche Elf verschieße ihr Pulver in der Vorrunde, mit einem spielerischen Kompliment auf den Punkt:

(1/2) Wenn Deutschland wie die Niederlande und die Niederlande wie Deutschland spielt, sollte das die meisten Fans nicht beunruhigen?Mon Jun 14 12:27:55 via web

Die gemeine Leserin weiß, dass die Elftal seit Jahr und Tag für überaus attraktiven, allerdings nur selten erfolgreichen Fußball steht, während die Turniermannschaft Deutschland buchstäblich legendär ist. Steht also zu erwarten, dass die Deutschen endlich einmal Weltmeister der Herzen Vorrundenweltmeister werden, um dann im Achtel- oder Viertelfinale mit wehenden Fahnen unterzugehen?

(2/2) Schließlich würden die Chancen für Jogis Jungs nach der Gruppenphase ziemlich mäßig stehen. #VorrundenweltmeisterMon Jun 14 12:29:34 via web

Man weiß es nicht. Aber man könnte sich möglicherweise ein wenig be(un?)ruhigen, indem man die Statistik bemüht: Was haben denn die großen Auftaktsieger vergangener Weltmeisterschaften gerissen?

Die Antwort lautet: ziemlich viel, zumindest in den Anfangsjahren der WM-Historie. 1934 gewannen der spätere Weltmeister und der Drittplatzierte ihr jeweiliges Auftaktmatch mit 7:1 bzw. 5:2, 1950 und 1954 begannen die Weltmeister mit 8:0 bzw. 9:0.

In späteren Jahren wurde es ein wenig dünner. Die Mannschaften sind ausgeglichener, Kleine gibt es ja ohnehin keine mehr, wie wir spätestens seit Rudi Völler und dem 8:0 gegen Saudi-Arabien wissen. Von den 6 Mannschaften, die seit 1970 ihr Auftaktspiel mit 4 oder mehr Toren Unterschied gewannen, schied eine gleich in der Vorrunde aus (Ungarn 1982 nach dem 10:1 gegen El Salvador), drei scheiterten im Achtelfinale (darunter Spanien 2006 nach einem 4:0 gegen die Ukraine, die nicht zwingend als drittklassig zu gelten hat), die Tschechoslowakei kam 1990 immerhin ins Viertelfinale und nur Deutschland erreichte 2002 das Finale.

Nimmt man noch diejenigen hinzu, die zum Auftakt mit 3 Toren Differenz gewannen, sieht die Bilanz vor allem 1958 und in den 70er Jahren, aber auch mit Blick auf Deutschland 1990 und Frankreich 1998, noch etwas besser aus, dafür kommt insbesondere der 2006er Mitfavorit Tschechien auf der Negativseite hinzu, der nach einem glanzvollen 3:0-Start gegen die USA ohne weiteren Treffer sang- und klanglos ausschied.

Quintessenz:
Man muss mit allem rechnen.

Was selbstverständlich auch für die eher zurückhaltend gestarteten Mannschaften gilt. Schließlich erinnern wir uns alle noch daran, wie der angehende Weltmeister Italien 1938, als es noch keine Gruppenphase gab, sein erstes Spiel gegen Norwegen nur mit Mühe und Not in der Verlängerung gewinnen konnte. Oder wie der spätere Vizeweltmeister Italien 1970 mit einem Torverhältnis von 1:0 durch die Vorrunde marschierte. Oder wie Italien 1982 mit drei alles andere als ruhmreichen Unentschieden startete, ehe man Weltmeister wurde. Oder wie Italien 1994 den Weg zur Vizeweltmeisterschaft mit 0:1, 1:1 und 1:0 anging.

Oder an Deutschland, das nicht nur 1982 zum Start gegen Algerien groß aufspielte, sondern auch vier Jahre später mit bescheidenen 3:3 Punkten und 3:4 Toren weiterkam. Die glorreiche Elftal startete 1978 ebenfalls mit lediglich 3 Punkten, genau wie die Tschechoslowakei 1962 und Argentinien, das 1990 zum Auftakt gegen Kamerun verlor. Lauter Vizeweltmeister – der einzige Weltmeister mit nur drei Vorrundenpunkten (nach alter 2-Punkte-Regel, natürlich) war Italien 1982. Lediglich drei spätere Finalisten gewannen alle drei Vorrundenspiele, und alle drei wurden dann auch Weltmeister: Brasilien 1970 und 2002 sowie Frankreich 1998.

Ungarn hatte 1954 zwar auch eine weiße Weste, musste aber als gesetzte Mannschaft lediglich zwei Vorrundenspiele bestreiten – eines bekanntlich recht erfolgreich gegen den später siegreichen Finalgegner. Diese Konstellation gab es übrigens nur ein weiteres Mal: 1962 trafen die angehenden Finalisten aus Brasilien und der Tschechoslowakei ebenfalls in der Vorrunde aufeinander und trennten sich 0:0.

Sehen Sie? Sie sehen nichts mehr.

Kann man so sehen, Herr Réthy.

Gestern abend, Deutschland – Argentinien, 63. Minute:

Carlos Tevez wird in Richtung des deutschen Strafraums geschickt, Serdar Tasci ist vor ihm am Ball und spielt diesen zu René Adler, Tevez läuft hinterher. Kurz hält man die Luft an, vielleicht auch, weil die Perspektive einen Moment lang täuscht.

Dann sieht man, dass Tasci den Ball auf Adlers starken rechten Fuß gespielt hat, neben das Tor, nicht in Tevez‘ Laufrichtung, so dass der Torhüter den Ball locker wegschlagen oder ihn gar (was er dann übrigens auch tun wird) zum nächsten Mitspieler passen kann.

Letztlich hat der Verteidiger aus einer gewissen Bedrängnis heraus die wohl beste Lösung gefunden, hat weder ein Dribbling riskiert noch den Ball so gespielt, dass Tevez von einem Befreiungsschlag getroffen werden könnte. Alles gut.

Als man diesen Gedankengang weitgehend abgeschlossen hat, erhebt Béla Réthy die leicht zitternde Stimme: „Was macht denn Tasci da? Da wär Tevez fast dazwischen gekommen! Leichtsinnig vom Stuttgarter.

Ist klar.