Ein Jammer

Lieber Mehmet Scholl,

seien wir ehrlich: als offene Briefe verkleidete Blogtexte sind Quatsch. Sie geben vor, sich an prominente Menschen zu richten, zielen letztlich aber doch nur darauf ab, ein paar herumlungernde Stammleserinnen und -leser zu unterhalten, indem man, in der Regel, deren Erwartungen erfüllt, oder, seltener, sie auch einmal zu überraschen versucht. Der Prominente wird das Geschriebene niemals zu lesen bekommen, der Autor aber hat es ihm gezeigt.

Wobei: eigentlich will ich es Ihnen ja gar nicht zeigen. Ich mag Sie schließlich. Schon lange. Sie sind unwesentlich älter als ich, gerade mal ein Fußballjahr, zumindest nach damaliger Rechnung, als wir jung waren und Jugendmannschaften noch nicht nach Kalender-, sondern nach Schuljahren eingeteilt wurden. Damals wirkte der Relative Age Effect noch zugunsten der im zweiten Halbjahr geborenen Nachwuchshoffnungen, also für Sie und gegen mich, und wer weiß, ob nicht andernfalls Sie … ich … ach, Verzeihung, ich schweife ab. Was ich sagen wollte: ich habe Ihre Laufbahn recht genau verfolgt, seit Sie die große Bühne betraten. Und ja, auch Karlsruhe ist schon eine ziemlich große Bühne.

Damals hätte ich Sie vermutlich geduzt, und wenn ich ehrlich bin, tue ich das auch heute noch, in Ihrer Abwesenheit, in der dritten Person, wenn Sie verstehen, was ich meine. Mittlerweile sind wir erwachsen und seriös geworden, und ich finde das „Sie“ ganz angemessen. In Sachen Anrede bin ich indes bei „lieber“ geblieben und hoffe, das ist in Ihrem Sinne. So ein „sehr geehrter“ schafft dann ja doch eine ziemliche Distanz, die ich so nie empfunden habe. Wobei: Sie wollten ja irgendwann mehr Distanz. Und haben sie erfolgreich aufgebaut.

Doch zurück zum Sport. Ich fand das immer ziemlich schick, was Sie auf dem Platz gemacht haben, in Karlsruhe wie in München, und wie Sie diesen anderen kommenden Großen des Weltfußballs, den Herrn Sternkopf, in den Schatten gestellt haben, das war schon nach meinem Geschmack. Etwas weniger erquicklich ist, verzeihen Sie, wenn ich es so offen anspreche, Ihre WM-Bilanz, und dass Herr Vogts gerade Sie im EM-Finale 1996 ausgewechselt hat, werde ich ihm vermutlich nie verzeihen. Ich werde ihm deswegen keinen offenen Brief schreiben, was sollte ich auch sagen, der Erfolg gab ihm ja recht, aber mit the beautiful game hatte das nichts zu tun.

Zugegeben: den Spruch mit den Grünen und dem Baum fand ich noch nie sonderlich lustig, aber abgesehen davon hat mir Ihr Schalk auch abseits des Spielfelds meist recht gut gefallen. Klar, Sie gefielen sich auch in der Rolle, damals, als wir noch nicht beim seriösen Siezen angekommen waren, und wollten Erwartungen erfüllen, doch irgendwann hatte sich das dann erledigt. Ich würde nicht von Altersweisheit reden wollen, aber Ihre Außendarstellung veränderte sich schon sehr, ist ja hinlänglich erzählt, und irgendwie erinnerten Sie mich in dieser Zeit immer auch so ein bisschen an Andre Agassi, unabhängig vom Haarwuchs.

Ähnlich wie bei Agassi war mir auch Ihr sportliches Spätwerk eine große Freude. Es fiel in eine Zeit, zu der es nicht allzu viele deutsche Spieler gab, die in der Lage waren, in einem Dribbling zu bestehen, zumindest nicht gegen gut geschulte Verteidiger, wie man sie im internationalen Fußball vorfand, und da fielen Sie auch als Teilzeitarbeiter ganz besonders auf, dem langjährigen Sympathisanten sowieso. In diese Zeit fiel wohl auch mein Kontakt mit dem Customer Relationship Management des FC Bayern München: ich hatte einem guten Freund ohne jeden Skrupel ein Scholl-Trikot zukommen lassen. Dass ich seither immer mal wieder Post von Herrn Rummenigge bekomme, würde ich nicht auf der Habenseite unserer Beziehung – also Ihrer und meiner – verbuchen.

Danach vergrößerten Sie die Distanz weiter. Gingen kegeln, ohne allzu sehr damit zu kokettieren. Mir gefiel das. Nicht das Kegeln, das ist mir egal, aber dass Sie sich erst einmal ein bisschen rar machten. Und souverän – was waren Sie souverän! Selbst als Sie dann doch zurück ins Rampenlicht traten, bei der ARD, blieben Sie ziemlich lässig. Sie nahmen sich einen eigenen Stil heraus, modisch wie sprachlich, nebenbei auch musikalisch. Der eine beinhaltete für meinen Geschmack zu zugeknöpfte Hemden, der zweite nutzte sich ein bisschen ab. Manchmal steckte arg viel Netzer und Delling drin, fast schon Boerne und Thiel, einfach zu viel gewollte Witzigkeit. Regelmäßig auch Witz, dann war’s schön, und ist es noch. Ungeachtet der Sidekicks. Den Musikstil besprechen wir ein andermal.

Vielleicht hört man heraus, dass ich Sie immer noch ziemlich klasse finde, mich aber auch manchmal geärgert habe. Über Ihre wohlfeile Zuspitzung der latenten Kritik an Mario Gomez, Sie erinnern sich, oder über die zu enge Hose, die Sie auf der Waldau beim einzigen Spiel trugen, in dem ich Sie als Trainer erlebte. Aber das ist vielleicht gar nicht so relevant. Insgesamt blieb ich schon auf Ihrer Seite. Selbst dann noch, wenn professionelle Taktikerklärer Ihre Analysen auf Stammtischniveau verorteten. Vielleicht auch deswegen.

„Souverän“ nannte ich Sie vorhin, von der nötigen Distanz sprach ich. Ich schrieb Ihnen die Fähigkeit zu, Dinge einzuordnen, Prioritäten zu setzen, hielt und halte Sie für einen denkenden Menschen.

Und so empfinde ich es als Beleidigung meiner Intelligenz und der von Millionen anderer Fernsehzuschauer, und explizit auch als Beleidigung Ihrer eigenen Intelligenz, wenn Sie sich nicht entblöden, all diesen Menschen die hundertfach durchgenudelte und dabei nicht wahrer gewordene Mär aufzutischen, dass Doping im Fußball nichts bringe. Wenn Sie uns wider besseres Wissen die Sache mit der zu hohen Komplexität erzählen wollen. 

Es entsetzt mich, dass sie zu glauben scheinen, sportinteressierte Menschen ließen sich nach Jahrzehnten der Dopingaufklärung, nach Lance Armstrong, Marion Jones und Johann Mühlegg, nach österreichischen Langläufern, italienischen Fußballmannschaften und deutschen Radfahrern noch immer für derart dumm verkaufen.

Mal ganz davon abgesehen, dass mich diese Bei-uns-ist-alles-anders-Haltung in allen möglichen Lebensbereichen ankäst, weil „wir“ anders sind, toller, komplexer, individueller, unvergleichlicher: die Vorstellung, dass Substanzen, die Sportlerinnen und Sportlern verschiedenster Disziplinen helfen, schneller wieder fit zu werden, länger belastbar zu bleiben, sich rascher zu erholen, und dass Wirkstoffe, die einen schneller, ausdauernder, schmerzunempfindlicher werden lassen, einem Fußballspieler ob der Komplexität des Spiels leider nicht helfen würden, ist beinahe so bizarr wie der Gedanke, dass Sie ernsthaft glauben könnten, was Sie da gesagt haben.

Und, mal im Ernst: „jede Menge Dopingkontrollen“? Seit wann ist das denn wieder ein valides Argument? Und „Medikamente für Kinder“? Mit so einem billigen kleinen Spruch wollen Sie uns abspeisen? Da hätte ja noch nicht mal Delling gelacht.

Sehr geehrter Herr Scholl, es war wirklich schön mit uns. Und vielleicht wird es das auch wieder, wenn Sie irgendwann diesem Geheimbund abgeschworen haben, wo nicht sein kann, was nicht sein darf. Für den Moment ist meine Zuneigung eine ziemlich enttäuschte.

Wenn ich es mir recht überlege, würde ich es Ihnen, den einführenden Ausführungen zum Trotz, vielleicht doch ganz gerne zeigen. Wo der Barthel den Most holt, meinetwegen. Oder zumindest, wie enttäuscht ich bin.

Ja, meine Enttäuschung ist irrelevant, für Sie, für die Fans, für die paar Leser hier, bald auch für mich. Aber ich würde schon gerne schreiben, drohen geradezu, dass der Fußball und seine Exponenten irgendwann einmal von ihrem hohen Ross herabsteigen müssen, weil sie sonst … weil sie … weil er … weil die mündigen Fans … ach, es wird ihm ja eh nichts geschehen, und Sie werden weiterhin so tun dürfen, als sei der Fußball nicht nur der zweifellos schönste Sport der Welt, sondern auch der zweifelhaft sauberste, besonderste, unvergleichlichste. Es ist ein Jammer.

 

Mit Grüßen
Heinz Kamke

Da Roppn spielt an Seich!

Mir doch egal, wer da gewinnt, dachte ich. Ein schönes Spiel soll’s halt werden, dachte ich. Gerne vier zu drei oder so, dachte ich, ohne Elfmeterschießen, versteht sich.

Und gleichzeitig wusste ich, dass mir irgendwas einen Strich durch die Rechnung machen würde. Irgendein herkunftsloses Gefühl, das mir sagen würde, welcher Mannschaft ich die Tore gönne und welcher nicht. Bis vor ein paar Jahren hätte sich die Frage im Grunde nicht gestellt. Zu sehr konnte ich Dortmund so gar nicht leiden, zu groß war im Vergleich dazu meine Grundsympathie für die Bayern. Das hatte sich in den letzten Jahren geändert, dem Dortmunder Fußball sei Dank, dem Dortmunder Trainer sei Dank, und noch vor einem Jahr hätte ich den Sieg wohl ohne lang zu überlegen den Gelben gegönnt.

Nun indes, nach den jüngeren Münchner Entwicklungen, wusste ich schlichtweg nicht, was ich wollte. Wie bereits gesagt. Ein schönes Spiel sollt’s halt werden, gerne vier zu drei oder so, ohne Elfmeterschießen, versteht sich. Aber ich wusste ja, dass mir irgendwas einen Strich durch die Rechnung machen würde. Nur: dieser Strich war ein ganz anderer als der, den ich erwartet hatte.

Er war mir zu, wie soll ich sagen, destruktiv. Oder, positiver: mitfühlend. Jedes 4:3 oder 3:4 oder meinetwegen auch 4:4, dann halt doch noch mit Elfmeterschießen, setzt voraus, dass irgendwann einer in Führung geht. Dumm nur: ich wollte das nicht.

Jenes irgendwas, das mir sonst im Grunde bei jedem Spiel, und sei es irgendein Kreisklassenkick, den ich eher zufällig zu sehen bekomme, unmissverständlich signalisiert, wessen Tore gut und wessen Tore böse sind, verweigerte mir am Samstag die Kooperation. Egal wer eine Chance hatte, an deren Entstehung ich mich erfreute: das Irgendwas sagte: „Nein. Bitte kein Tor jetzt!“

Dass es zunächst in erster Linie Dortmunder Tore verhinderte, lag in der Natur der Sache dieses Spiels. Der Druck, den sie auf die Bayern ausübten, beeindruckte mich im selben Maße wie mich deren Unfähigkeit, sich davon zu befreien, entsetzte. Ich war begeistert von ihren Ballgewinnen, von der Rasanz und Stringenz, mit der sie dann in Richtung Neuer eilten – um sogleich den Torerfolg, den Rückstand für die Bayern zu fürchten.

Als rot dann irgendwann mitspielte, ergab sich dasselbe in grün. Gelb. Wie auch immer. Tolle Flanke von links, Mandzukic macht alles richtig, mal wieder, aber der Ball soll doch bitte nicht rein! Oder Robben gegen Weidenfeller, den ich nun wirklich nicht leiden mag, und dem ich wohl nie mehr so sehr wie am Samstag wünschen werde, Auge in Auge mit dem Stürmer siegreich zu bleiben, von mir aus auch einfach angeschossen zu werden.

Später dann dieser laut vernehmliche Zungenschnalzer ob Ribérys Zuspiel auf Robben und die gleich folgende Erleichterung, dass jener ihn nicht so ideal mitgenommen hat. Um dann doch noch die Kurve zu bekommen, und siehe da (Mist!): der Führungstreffer! Jetzt aber los, Ihr Gelben, gleicht aus, flott, flott!

Hat dann ja auch geklappt. Was die Bayern, die längst Herr im Hause waren, aber was heißt das schon in einem Champions-League-Finale, ein wenig wütend und vor allem noch entschlossener werden ließ. Als dann jedoch selbst Müller vor dem leeren Tor in ungeahnter Halbherzigkeit nicht recht zu wissen schien, ob er den Ball selbst über die Linie schieben oder doch lieber den Kollegen Robben anspielen soll, war ich fast geneigt, daran zu glauben, dass mein Irgendwas irgendwo erhört worden sei und man sich im Morgengrauen auf ein Unentschieden einigen werde.

Dies (also unmittelbar nach Müllers Chance und Subotics Rettungstat) war übrigens auch der Moment, in dem ich die Beherrschung verlor. Lange genug hatte ich, und nicht nur ich, schweigend über mich ergehen lassen, wie ein glühender Bayernfan, der zufällig am Nachbartisch saß und sich offensichtlich bereit erklärt hatte, für den kleinen, heterogenen und völlig zufällig zusammengewürfelten Haufen, der keine andere Wahl gehabt hatte, als sich vor dieser Leinwand zu versammeln, den Steffen Simon zu geben, den Steffen Simon gab. Oder irgendwas Ähnliches.

Von der ersten Minute an beschimpfte er seine Bayern, selten aggressiv, meist eher resigniert, was man noch recht belustigt hätte zur Kenntnis nehmen können, zumal das bairische Idiom die Kanten ein wenig abrundete. Bitter war indes sein zur Schau getragener Pessimismus, der sich meist so ausdrückte, dass das Eindringen der Dortmunder in das Münchner Verteidigungsdrittel – und sie waren häufig dort – in schöner Regelmäßigkeit von einem prophetisch überzeugenden „1:0. Jetzt ist es soweit!“ in vielfältigen Variationen begleitet wurde; auf das unvermeidliche „Da schau hi!“, das jede einzelne Unachtsamkeit der Bayern nach sich zog – und es gab nicht so wenige davon – will ich gar nicht weiter eingehen.

Einen besonders schweren Stand hatten, nun ja, im Grunde alle, aber noch besonderer war es bei Schweinsteiger und beim Roppn, wenn ich ihn recht verstanden habe. Ein Schelm übrigens, der einen Bezug zum Vorjahr herstellt. Beim Roppn war nach seinen vergebenen Chancen schon früh Hopfen und Malz verloren. Da ich dies beim Kommentator ähnlich empfand, sparte ich mir auch den vorsichtigen Hinweis, es komme möglicherweise nicht von ungefähr, dass gerade Robben derjenige sei, der mit wenigen Ausnahmen überhaupt in torgefährliche Situationen komme. Vergeben Liebesmüh, sagte ich mir. Noch.

Als dann also Müller den Ball nicht ins leere Tor geschoben, sondern irgendwohin in das (geometrisch womöglich nicht ganz saubere, wohl aber gefühlte) Dreieck Torlinie-Robben-Subotic gepustet hatte, und als Robben dann erst Sekundenbruchteile nach Subotic am Ort des Geschehens war, und als man sich zugegebenermaßen überlegen konnte, ob, sagen wir, Ulf Kirsten an Robbens Stelle möglicherweise einen Tick energischer herangerauscht und samt Ball und Subotic ins Tor gerutscht wäre, und als unser Kommentator, außer sich vor irgendeinem schwer zu definierenden Gefühl, seine Zuhörer zum wiederholten Male wissen ließ, was der Roppn doch für an Seich spiele, konnte ich nicht anders, als ansatzweise energisch darauf hinzuweisen, dass der Müller halt einfach den Ball ins Tor schießen solle, dann müsse man sich nicht über den Roppn echauffieren. (Gleichzeitig dankte ich Müller im Stillen dafür, dass er es nicht getan hatte – es schien absehbar, dass Dortmund nach einem Rückstand eher nicht mehr ins Spiel zurück finden würde.)

Die gemurmelte, nicht zustimmende Reaktion verfing sich ein wenig in seinem Schnauzer, seine Frau, der zuvor nicht verborgen geblieben war, wie ich gelegentlich die Augen verdrehte, raunte ihm etwas zu, und ich bilde mir zumindest ein, dass es danach wesentlich besser war. Was natürlich auch ein bisschen daran liegen mag, dass seine Mannschaft halt auch wesentlich besser war. So gut, dass irgendwas in mir mittlerweile fast soweit war, einen etwaigen Münchner Treffer zu begrüßen. Fast. Tatsächlich freute ich mich noch in der 85. Minute gemeinsam mit meinem Sitznachbarn, dass die Verlängerung nun doch in greifbarer Nähe war. Tja.

Und dann kam der Moment, dessentwegen ich Abbitte leisten musste. Bei Jupp Heynckes. Ich weiß nicht, wie oft ich im Lauf der zweiten Halbzeit den Kopf geschüttelt hatte ob seiner Entscheidung, Boateng auf dem Platz zu lassen, einen angeschlagenen Innenverteidiger, den ich mir in keinem Laufduell mehr vorstellen konnte (vielleicht wusste der Trainer einfach, dass sich angesichts der nun geltenden Kräfteverhältnisse keines mehr ergeben würde), und der nun den langen Ball schlug, der die Entscheidung einleitete. Und wiederum hatte Ribéry einen extrem lichten Moment, und wiederum war es der Roppn, der dankend annahm und diesmal selbst, und zwar in ganz großer Manier, vollendete – um so die beiden Seelen in meiner Brust gleichermaßen aufheulen und jubilieren zu lassen.

Großer Sport, all das. Irgendeine ausländische Zeitung wurde, wenn ich mich recht entsinne, dahingehend zitiert, dass alle, restlos alle Spieler auf den Schultern vom Platz getragen gehört hätten. Dem schließe ich mich vollumfänglich an.

Und möchte abschließend noch einen Gedanken weitertragen, den mir ein Freund am Tag danach per SMS zukommen ließ. Sinngemäß sagte er, er habe bisher Verständnis gehabt für die verbreitete Argumentation, Doping bringe im Fußball nichts. Die Dortmunder Anfangsphase habe ihm indes eines vor Augen geführt: wenn alle 90 Minuten laufen könnten wie einst Johann Mühlegg, dann beherrschen sie das Spiel. Dann hätten, um den Gedanken weiterzuführen, die Bayern 90 Minuten lang die eigene Hälfte nicht verlassen.

Natürlich hinkt das irgendwo, natürlich muss man sich vor Augen führen, dass die Fitnessunterschiede letztlich immer nur kurzzeitig groß sein können, weil ziemlich rasch auch alle anderen besser trainieren oder ähnlich leistungsfähige Apotheker ausfindig machen, und dann möglicherweise auch weiter fortgeschrittene fußballerische Strategien zur Anwendung bringen können. Aber ich (als jemand, der Fußballdoping schon länger für relevant hält) finde es sehr wohl bemerkenswert, dass dieses eine Spiel, ein zweifellos großartiges Spiel, jemanden dazu bringt, seine Grundhaltung zu Doping im Fußball anzuzweifeln. (Und nein, er ist weder Gelegenheitsfußballfan noch jemand, der das Spiel nicht verstanden hat.)

Eine Konsequenz übrigens, die der SMS-Schreiber en passant in den Raum stellte: dass „Langholz“ wieder salonfähig wird, wenn der Druck der Presser immer weiter zunimmt. Ich dachte kurz darüber nach, in meiner Antwort darauf hinzuweisen, dass die Bayern keinen Lothar Matthäus mehr in ihren Reihen haben, der diese zentimetergenauen langen Bälle spielen könne, um dann gerade noch rechtzeitig an Boateng zu denken. Und an Heynckes. Und daran, wie wenig ich von modernem Fußball verstehe.

Dopingfreigabe bei Catenaccio

Dass Catenaccio ein großartiges Blog ist, habe ich schon das eine oder andere Mal geschrieben. Da man es nicht oft genug sagen kann, weise ich gern ein weiteres Mal darauf hin.

Ganz besonders haben es mir die Interviews angetan, die Jens dort in schöner, zunehmender Regelmäßigkeit mit (zumeist Sport-)Journalisten führt. Vor wenigen Tagen hat er, ungewöhnlich genug, gleich zwei solcher Gespräche veröffentlicht. Sowohl Martin Krauß als auch Matthias Heitmann äußerten sich dabei nicht nur ausführlich zum Thema Doping, das bei Catenaccio immer wieder auftaucht, sondern sprachen sich letztlich beide für die Freigabe von Dopingmitteln aus.

Den unmittelbaren, vielleicht auch unreflektierten Widerspruchsreflex habe ich angesichts der Interviews, in denen rasch deutlich wurde, dass die beiden Herren ihre Position erwartungsgemäß differenzierter darlegen als Robert Harting, erfolgreich unterdrückt. Dennoch komme ich Jens‘ Bitte um „viele Meinungen zum Thema Doping(freigabe)“ gerne nach (unabhängig von den beiden Interviews, und angesichts der Länge ausnahmsweise hier im eigenen Blog).

Ohne jeden Zweifel gibt es vieles, was man an den gegenwärtigen Dopingregularien kritisieren kann. Die Liste der verbotenen Stoffe unterliegt einer gewissen Willkür, die Umkehr der Beweislast ist juristisch schwer zu vermitteln, und die Auflagen für die Sportlerinnen und Sportler sind in Teilen mehr als nur grenzwertig. Die Liste ließe sich wohl deutlich verlängern, aber die oben genannten Punkte tauchen in der Diskussion besonders häufig auf, und das keineswegs zu Unrecht.

Diesen Kritikpunkten stehen Erwägungen entgegen, die man als moralisch, vielleicht auch in Moralin getränkt, althergebracht oder heuchlerisch bezeichnen kann. Schließlich ist die Grenze zwischen erlaubten und verbotenen Präparaten nicht nur für mich als Laie, sondern dem Vernehmen nach auch für Fachleute eine nur bedingt nachvollziehbare. Schließlich wissen wir alle, dass die Vorstellung eines dopingfreien Sports vollkommen weltfremd ist. Schließlich ist uns bewusst, dass die viel zitierte Vorbildfunktion öffentlicher Personen auch in anderen Lebensbereichen nur noch rudimentär vorhanden ist.

Und dennoch käme es für mich einem Dammbruch gleich, wenn man Dopingmittel grundsätzlich freigäbe. Die Folgen wären – vermutlich nicht selten im negativsten Sinne – fatal: Sportler, Trainer, Funktionäre, Wissenschaftler, Mediziner und viele weitere Berufene würden ihre Grenzen ausloten, wobei das Verantwortungsgefühl bei den einen stärker, bei den anderen weniger stark ausgeprägt sein dürfte. Dabei erscheint es nicht ganz abwegig, dass die Skrupelloseren zwar ein höheres Risiko tragen, aber auch leistungsfähiger sind. Erfolgreicher. Angesehener. Besser bezahlt.

Wenn dieser Zusammenhang zutreffen sollte (den man möglicherweise mit einer Milchmädchenrechnung vergleichen kann), würde es mich nicht überraschen, wenn die Skrupel der weniger erfolgreichen Sportlerinnen von überschaubarer Dauer wären. Die entstehende Abwärtsspirale brauche ich nicht weiter auszuführen, und auf die neuen Tom Simpsons, Birgit Dressels, etc. will ich nicht weiter eingehen. Natürlich könnte man einen Lernprozess unterstellen, der es den Sportlern ermöglicht, den schmalen Grat zu finden, der ihre körperlichen Schädigungen gerade noch im tolerierbaren Rahmen hält, so wie sie jetzt den Grat suchen, der Blut- und andere Werte gerade noch im sportjuristisch tolerierbaren Rahmen hält, aber insbesondere der Weg dorthin und dessen Inkaufnahme erscheint mir zynisch.

Die Auswirkungen auf den Nachwuchs- und Breitensport möchte ich mir gar nicht vorstellen. Mir reichen schon heute die Geschichten von Tennisvätern und Eiskunstlaufmüttern, auch ohne ausgeprägte medikamentöse Komponente, und wenn ich mich am schon jetzt in den Niederungen des Amateurfußballs verbreiteten Schmerzmittelkonsum orientiere, wird mir für den Fall der Freigabe angst und bange. Zumindest für den Fußball -vermutlich ist es in anderen Sportarten ganz ähnlich- weiß ich aus langjähriger Erfahrung, wie rasch und unmittelbar alle Neuerungen aus dem Profilager nach unten durchgereicht werden – man denke nicht nur an Nasenpflaster, Radlerhosen und bunte Kickschuhe, sondern auch an Voltaren, „Fitspritzen“ oder Klümpers Kälberblut.

Was erlaubt ist, wird ausprobiert. Kann per Internet offen recherchiert und online bestellt werden, von jedermann. Eine fürchterliche Vorstellung, bei der ich es nun doch bewenden lassen will.

Selbstverständlich freue ich mich über Kommentare; grundsätzlich fände ich es jedoch sinnvoll, die inhaltliche Diskussion drüben bei Catenaccio zu führen.

Wie naiv kann man sein?

Eigentlich wollte ich zur Hoffenheimer Dopingstory nichts schreiben, das tun dogfood, Jens und einige andere bereits ausführlich und kompetent.

Aber diese ganze Naivität, die bei der Bewertung des Vorfalls an den Tag gelegt wird, kann ich doch nicht gänzlich unkommentiert lassen.

Wenn man so will, schreibe ich dabei in erster Linie gar nicht über die Hoffenheimer, sondern über all die anderen Akteure, die sich auf die Seite des betroffenen Vereins schlagen. Haben diese Menschen mal darüber nachgedacht, welchen Schaden sie ihrem Sport zufügen, wenn sie die Öffentlichkeit dazu aufrufen, das Thema klein zu halten? Wenn sie die Gladbacher für ihren unsolidarischen Protest kritisieren, weil dafür ja kein sportlicher Grund gegeben sei, wie es Dietmar Beiersdorfer laut sueddeutsche.de tut: „Beide Spieler wurden negativ getestet, das Ganze hat also mit dem Spiel nichts zu tun.“?

Hat der Herr Beiersdorfer denn gar nichts verstanden?
Nochmal zum Mitschreiben: Es ist mitnichten so, dass die beiden Hoffenheimer Spieler nachweislich nicht gedopt waren. Eben weil die Herren Ibertsberger und Janker nicht ordnungsgemäß zur Dopingprobe gegangen sind und sich so die Möglichkeit zur Manipulation eröffnet haben, konnte dieser Nachweis nicht geführt werden. Und aus diesem Grund müssen die Gladbacher, die potenziell Opfer eines Betrugs geworden sein könnten, natürlich Protest einlegen.

Das mag bitter für die beiden Spieler sein, möglicherweise auch für ihren Verein – in erster Linie ist es aber dumm und unprofessionell. Von wem auch immer, ich kenne die Verantwortlichkeiten in Hoffenheim nicht.