Hörster! Okazaki! Bochum!

Als ich vorhin das Stadion verließ, kam mir Thomas Hörster in den Sinn. Sie erinnern sich? Im Mai 2003 gab er nach dem drittletzten Spieltag ein Fernsehinterview, in dem er als verantwortlicher Trainer von Bayer Leverkusen bekannte, die Hoffnung auf den Klassenerhalt aufgegeben zu haben. Später ruderte er ein wenig zurück und schrieb seine Aussagen der Frustration unter dem unmittelbaren Eindruck des Spiels zu. Entlassen wurde er trotzdem, mit Klaus Augenthaler schaffte man den Klassenerhalt.

Selten hatte ich so viel Verständnis für Thomas Hörster wie nach dem 0:1 des VfB gegen Freiburg. Ich hätte nicht gewusst, womit ich auch nur ein positives, hoffnungsfrohes Wort rechtfertigen sollte (ja, ja, ich weiß: Okazaki). In der ersten Hälfte wurde der VfB vorgeführt. Wenn man einmal von der Phase absieht, in der die Mannschaft den Eindruck erweckte, den Ball schnell und schwungvoll zirkulieren lassen zu wollen, um dann über außen das gegnerische Tor anzugreifen. Dürfte zwischen der dritten und fünften Minute gewesen sein.

Klingt zynisch? War gar nicht so gemeint, ehrlich. Ganz zu Beginn des Spiels redete ich mir tatsächlich ein, so etwas zu sehen, und vielleicht steckte auch ein Körnchen Realität darin. Das hatte sich dann aber rasch erledigt. Nun ließ Freiburg den Ball zirkulieren. Nur selten schnell, bloß gelegentlich schwungvoll, aber das war auch gar nicht nötig. Der VfB sah gerne zu. Beim „Eckle“ (Fünf gegen zwei, vier gegen eins, wie auch immer) vor dem Training wird, zumindest in den Klassen, in denen ich früher dilettierte, nach 15 oder 20 Kontakten der außen Spielenden eine Extrarunde fällig. Spätestens nach der zweiten Runde werden die ersten wütenden Grätschen ausgepackt. Der VfB hatte gestern ungefähr von der 10. bis zur 45. Minute ein solches Innenraumabo, auf wütende Gegenwehr verzichtete er.

Die eigenen Bemühungen um einen vernünftigen Spielaufbau hatte Robin Dutt mit einem miesen Trick torpediert: Cissé war offensichtlich aufgetragen worden, sich ausschließlich in der Nähe von Tasci aufzuhalten, um sicher zu stellen, dass jeder Angriffsversuch, der nicht mit einem langen Ball eingeleitet wurde, über Georg Niedermeier laufen würde – jenem Georg Niedermeier, der bereits nach fünf Minuten völlig unbedrängt zwei einfache Diagonalpässe auf Patrick Funk ins Aus geschlagen hatte und dessen Verbleib auf dem Platz über die 30. Minute hinaus mir völlig unerklärlich ist.

Aber natürlich ist es zu kurz gesprungen, sich jetzt auf einen einzelnen Spieler einzuschießen. Und selbst wenn man Gentner, Marica, Kuzmanovic, vielleicht auch Funk und Molinaro hinzu nähme, wäre es immer noch zu kurz gesprungen. Die ganze Mannschaft trat nicht einmal ansatzweise so auf, als wisse sie, wie man gegen Freiburg besteht. Gegen irgendeinen Bundesligisten besteht. Vielleicht wollte sie der Vereinsführung zeigen, dass sie mit ihrer Zweitligakampagne richtig liegt. Selbsterfüllende Prophezeiungen und so.  „Ich habe keine Lust auf so einen Bochum-Slogan!“ sagte mein Stadionnachbar, und gemeinsam mit ihm war ich froh, dass man bereits um 15 Uhr keine Gefahr mehr lief, einen Zweitligaschal umgehängt zu bekommen.

Die zweite Hälfte war besser. Aber gewiss nicht gut. Man hatte mehr vom Spiel, das sich meist in der Freiburger Hälfte abspielte. Und bekam von den Freiburgern zwei große Torchancen geschenkt, einmal von Flum, einmal von Baumann. Schipplock und Harnik vergaben kläglich. Dr. Drees hätte noch einen Elfmeter geben können. Das war’s.

Mein Hinweis, dass Christian Gentner kein Spieler für die Außenbahn sei, hat Bruno Labbadia nicht interessiert. Schade eigentlich, weil man in der zweiten Halbzeit durchaus sah, dass Freiburg über außen in Bedrängnis zu bringen ist. Mit Gebhart. Mit Harnik. Und mit Träsch. Mein zweiter Nebenmann vertrat die These, und ich neige mehr und mehr dazu, ihm zuzustimmen, dass Träsch der einzige ist, der einen Rechtsverteidiger mit Zug nach vorne geben kann. Patrick Funk wirkt defensiv verlässlich, aber das Spiel nach vorne kann er (noch?) nicht ankurbeln.

Bliebe allerdings die Frage, wer anstelle von Träsch – von dem auch ich angesichts der letzten Spiele geglaubt hatte, dass er bis auf Weiteres gemeinsam mit Kuzmanovic die Zentrale bilden würde, und eine gute noch dazu – innen spielen kann. Gentner und Kuzmanovic haben es zur Genüge und zu unser aller Unzufriedenheit gemeinsam versucht. Bah, den Labbadia aufgrund seiner starken Vorbereitung wohl auf dieser Position sah, ist verletzt. Funk hat es bei den Amateuren lange und auch gut gespielt. Seine ersten Auftritte zu Saisonbeginn im Europapokal sprachen allerdings nur bedingt dafür, ihn dort auflaufen zu lassen. Dennoch traue ich es ihm zu. Und beneide Gladbach ein wenig um die neue Option Michael Fink.

Gladbach, am Samstag. Und das noch ohne Okazaki! Oh je. Aber ich bin mir sicher, Fredi Bobic hat nun auch erkannt, dass die Qualität des vorhandenen Kaders möglicherweise doch nicht ganz ausreicht. Vermutlich sitzt er seit 17.30 Uhr am Telefon, sondiert in aller Ruhe den Markt und präsentiert vor Ablauf der Transferperiode, wenn die Preise einmal mehr ins Bodenlose sinken, zwei namhafte, erfahrene und entwicklungsfähige Neuzugänge, die der Mannschaft sofort helfen.

Ach, fast vergessen: falls man in München tatsächlich der Meinung sein sollte, Mark van Bommel sei in erster Linie wegen des durch seinen Weggang entstehenden Vakuums Defizits in Sachen Arschlochmentalität ein Verlust, würde ich den Verantwortlichen guten Gewissens Johannes Flum ans Herz legen.

Schadensbegrenzung

War wirklich nicht schlecht, die erste Viertelstunde am Sonntag. Allein Celozzi kam gefühlte sechsmal zum Flanken. Die waren zwar selten gut, aber Träsch hatte ihn schön in Szene gesetzt. Vielversprechend. Dass der VfB im Mittelfeld mit dreieinhalb „Sechsern“ antrat, war weniger der Ankündigung des Trainers geschuldet, defensiver agieren zu wollen, sondern ließ sich angesichts der Personalnot auf den Außenpositionen kaum vermeiden. Dass Christian Gentner, der halbe Sechser und weniger als halbe Tempospieler auf der Außenbahn, bis weit in die zweite Halbzeit hinein auf dem Platz blieb, wäre schon eher vermeidbar gewesen, aber lassen wir das.

Der VfB spielte also eine Viertelstunde lang druckvoll, kam zu Torchancen, ließ hoffen, dass man nun so gut spielen würde, wie Thomas Herrmann zu meiner Überraschung bereits das Spiel in Odense gesehen hatte. Dann fiel das 1:0 und man entscheid sich fortan für die einzig sinnvolle Strategie: Schadensbegrenzung.

Zwischen dem 0:1 (18. Minute) und dem 0:2 (68.), eigentlich fast bis zu Delpierres Platzverweis (84.), kann ich mich an keinen ernst zu nehmenden Stuttgarter Angriff erinnern. Vielleicht Träschs Direktabnahme, und mit ganz viel Wohlwollen könnte man den einen oder anderen Freistoß in den Strafraum als Angriff interpretieren. Aber sonst? Hat man bis zur Pause immerhin noch das Spielgeschehen recht weit vom eigenen Tor entfernt gehalten, danach gelang nicht einmal mehr das. Wenn ein Gegner, den ich – nichts für ungut, liebe Frankfurter – nicht zwingend zur Crème de la Crème des europäischen Vereinsfußballs zählen würde, im Neckarstadion phasenweise den Eindruck von Tiqui Taqua erwecken kann, läuft meines bescheidenen Erachtens etwas verkehrt.

Fast hätte ich geschrieben, dass ich nicht damit rechne, den VfB bis zum Ende der Saison im Abstiegskampf erleben zu müssen, und damit genau die Botschaft vermittelt, die ein Großteil der Spieler bei mir hinterließ: „Keine Sorge, das wird schon.“ Es mag durchaus sein, dass das schon wird, aber ein bisschen mehr Engagement wäre dafür schon ganz gut. Selbst beim Klassiker „Fünf gegen Zwei“ – und danach sah es am Sonntag mitunter aus – reicht es manchmal nicht aus, nur darauf zu warten, dass „die da außen“ schon irgendwann einen Fehler machen werden. Insbesondere dann, wenn man nach einem Ballgewinn selten mehr als zwei Kontakte schafft, ehe man selbst wieder in der Mitte dem Ball hinterherhecheln muss.

Ach, ich bin frustriert. Ich möchte eine Mannschaft, die Fußball spielt und sich den Herausforderungen stellt, anstatt einen knappen Rückstand zu verwalten. Ich möchte Spieler und Verantwortliche, die nach so einem Spiel sagen: „Egal, was der Schiri pfeift – wir hatten’s nicht verdient.“ Ich möchte vom Trainer nicht hören, dass in Abwehr und Angriff nur die „letzte Konsequenz“ oder die „letzte Entschlossenheit“ gefehlt habe. Zwischen den letzten 5 oder auch 10 Prozent und dem, was die Mannschaft gezeigt hat, liegt ein gewaltiges Delta. Ich möchte keine Trainerdiskussion. Ich möchte den Namen Daum nicht hören. Ach, was ich alles möchte und nicht möchte.