Turniere meines Lebens: EM 1980

Um es gleich vorweg zu nehmen: der Titel ist ein infamer Diebstahl beim eine vorauseilende Hommage an das 11Freunde-Projekt „Spiele unseres Lebens„.

Die EM 1980 war die erste Europameisterschaft, die ich bewusst verfolgt habe. Turniermäßig begann es eigentlich schon mit der WM 78, aber aus aktuellem Anlass, der weiter unten zur Sprache kommt, befasse ich mich zunächst einmal mit der 80er Endrunde – im Rückblick traut man sich kaum, von einem „Turnier“ zu sprechen, wenn man an die gerade mal vier Spiele der Finalteilnehmer denkt, die nicht einmal eine Vorschlussrunde beinhalteten. Dabei war die Teilnehmerzahl gegenüber 1976 bereits auf acht verdoppelt worden, doch offensichtlich hatte die Uefa die Geldvermehrung damals noch nicht zum primären Daseinszweck erhoben.

Interessanterweise lautet meine erste Assoziation beim Stichwort EM 1980 immer „Bernd Schuster“, obwohl doch Hrubesch die Tore im Finale machte, obwohl „der blinde Allofs“ (Zitat: mein Vater) den Holländern Albträume bereitete und obwohl Schuster damals lediglich zwei der vier Spiele bestritt. Dennoch bin ich mit dieser Sichtweise wohl nicht alleine, und man liest immer wieder, er sei es gewesen, der als aufgehender Stern dem Turnier seinen Stempel aufgedrückt habe.

Hrubesch hingegen bringe ich gar nicht so sehr mit der EM in Verbindung – es mag daran liegen, dass ich das Finale der Uhrzeit wegen nicht anschauen durfte -, sondern in erster Linie mit seinem seltsamen Hopserlauf nach dem entscheidenden Elfmeter im 82er Halbfinale gegen Frankreich (als er sich den Ball noch nicht einmal selbst zurecht gelegt hatte) – was einem so im Gedächtnis bleibt…

Hansi Müller war natürlich auch dabei, damals als „Bravo-Boy“ in vieler Munde, und Rummenigge, der im Eröffnungsspiel gegen die Tschechoslowakei das 1:0 köpfte und die Ecke zu Hrubeschs titelbringendem Tor schoss. Enatz Dietz natürlich, und all die anderen, die sich zum Entsetzen meiner Eltern eines Nachmittags plötzlich in Form von Duplo- und Hanuta-Stickern (die damals noch schlicht „Aufkleber“ oder „Klebebilder“ hießen) an meiner Zimmertür wiederfanden. Und dort jahrelang bleiben sollten. Ergänzt um ein Jubelposter, bei dem mich die feminine Armhaltung des von mir bewunderten Rummenigge immer wieder irritierte.

Das Holland-Spiel, in dem Schuster 2 der 3 Allofs-Treffer vorbereitete, darunter das 3:0, bei dem er die Abwehr der Elftal verdammt alt aussehen ließ, konnte ich wegen der Geburtstagsfeier eines nur bedingt fußballinteressierten Freundes lediglich in einer Zusammenfassung sehen, und mein Verzicht auf die bedeutungslose Partie gegen die Griechen war Teil der Verhandlungsmasse, um vielleicht doch das Endspiel anschauen zu dürfen. Vergeblich.

Wenn man es also genau nimmt, habe ich nur das vergleichsweise langweilige Eröffnungsspiel live und in Farbe gesehen, und dennoch erscheint mir das Turnier unheimlich präsent. Das mag auch am Rückblick in Buchform liegen, den mein Vater sich wie immer nach solchen Anlässen zu Weihnachten wünschte und der meinen Freunden und mir manch spannenden Nachmittag bescherte:

„Nee, heute will ich mal das 74er Buch, Du kannst das von 1980 haben.“

„Ok, solang ich nicht das schwarzweiße 62er oder 1978 nehmen muss.“

Das Lästern über „Häuptling Silberlocke“ hielt sich noch in Grenzen, „Jupp, der Wal“ war noch nicht in den Witzspalten zu finden, Toni Schumacher hatte es sich noch nicht mit Fußballeuropa verscherzt – und dennoch war der spannendere Torwart des Turniers Jean-Marie Pfaff, der mich mit seinen Abschlägen bis zum gegnerischen Tor beeindruckte (offensichtlich verstand ich nicht so wahnsinnig viel vom Torwartspiel). Probleme mit Einwürfen hatte er nicht.

Die Belgier machten die Abseitsfalle hoffähig, von der ich naturgemäß nicht verstand, wieso sie eine Falle sei, hatte ich doch gerade erste die Geheimnisse des Abseits begriffen, doch ob das Turnier darüber hinaus relevante Erkenntnisse zur Entwicklung des Fußballs brachte, werde ich wohl nie erfahren, weil es damals entweder noch keine hochrangigen Fifa- bzw. Uefa-Kommissionen gab, die sich mit eben dieser Frage befassten, oder weil ihre Arbeit im Verborgegen ablief. Vielleicht waren Holger Osieck und Berti Vogts einfach noch zu jung.

Ansonsten kann ich mich an wenige Spieler der anderen Mannschaften erinnern. Jan Ceulemans natürlich, Gerets und Frankie van der Elst. Bei den Tschechen Panenka, dessen Rolle im 76er Finale schon damals etwas zu oft zitiert wurde, und bei den Holländern der Mann mit dem netten Namen Kees Kist (in der Schule hatte man gerade begonnen, auf der Rückseite von Quartettkarten „Käsekiste“ zu spielen) sowie die van de Kerkhofs. Die Italiener hatten Zoff und den, so ließ ich mir sagen, großartigen Antognoni, England Clemence, Keegan und Woodcock, und bei Spanien stand Arconada im Tor und der im Jahr darauf entführte (Réthy-Content) Quini im Sturm. Bei den Griechen kann ich mich nicht einmal mit Hilfe von fussballdaten.de an jemanden erinnern.

Interessanterweise gab es auch bei den Deutschen einen Spieler, den ich nie so richtig einordnen konnte, nicht nur hinsichtlich seiner Leistungsfähigkeit, sondern auch optisch: Herbert Zimmermann. Ich weiß, dass er in Köln spielte, und erfuhr irgendwann, dass er auch bei den Bayern war, aber das war’s dann auch – was vielleicht auch daran liegt, dass er bei der EM 80 als einziger Feldspieler nicht zum Einsatz kam. (Oder daran, dass der Name Herbert Zimmermann in Fußballdeutschland einfach anders besetzt ist.)

Und eben dieser Zimmermann war nun ein Stein des Anstoßes, diesen Text zu schreiben. Die Herren von kickandwrite.de, die sich übrigens grade ein schickes neues Design gegeben haben, luden neulich zu einem Gewinnspiel, in dem es darum ging, vier Spieler aus dem 1980er Kader zu identifizieren:

Zwei waren völlig eindeutig (Junghans und Magath), der dritte, Schuster, war etwas unglücklich von der Seite getroffen, sodass es mit etwas Phantasie auch Del’Haye hätte sein können, und beim Vierten habe ich, eher nach dem Ausschlussprinzip, auf besagten Zimmermann getippt. Zuerst ins Blaue, dann irgendwann unter Zuhilfenahme der Kaderliste – aus meiner Sicht wurde immer deutlicher, dass es Zimmermann sein musste. Die Ausrichter bestritten dies im Rahmen eines vergnüglichen Kommentaraustauschs und ließen mir letztlich gar ihre Quelle zukommen, wonach mein Zimmermann tatsächlich Caspar Memering sei.

Wenn die Bildunterschrift von Mirko Votava gesprochen hätte, wäre ich angesichts des halb verdeckten Kopfes und des Schnauzbarts wohl geneigt gewesen, dem Glauben zu schenken, aber Memering? Da hat die Quelle versagt, behaupte ich einfach mal.

Da ich solche Behauptungen jedoch nicht ohne kompetente Überprüfung stehen lassen will, folgt nach etwas längerer Einleitung nun meine eigentliche Frage: wer ist der zweite Herr von rechts?

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[Screenshot: kickandwrite.de]

Im Übrigen schließt sich der Kreis beim Gewinn ganz vortrefflich: „De Pfaffs“ auf DVD.

Auswärtsspiel: VfL Wolfsburg

Wie in diesem Beitrag etwas ausführlicher beschrieben, habe ich kürzlich einen herumliegenden Artikelentwurf zum Anlass genommen, den Startschuss für eine kleine Serie unter dem Arbeitstitel „Auswärtsspiel“ zu geben: von Zeit zu Zeit soll einer anderen Mannschaft als der „eigenen“ ein Artikel gewidmet werden, in dem sich der Autor mit seiner Wahrnehmung dieses Vereins in den letzten x Jahren auseinandersetzt und dabei wahllos Links in die Bundesligavergangenheit streut.

Mit dieser Reihe verhält es sich, auch das habe ich im oben genannten Beitrag dargestellt, wie mit einer RTL-Serie: niemand weiß, ob, wann und wie es weitergeht, und möglicherweise taucht bereits die nächste Folge auf einem anderen Kanal auf.

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Während die kürzlich hier betrachteten Bundesliga-Anfangsjahre der Bayer-Teams in eine Zeit fielen, in der der Fußball noch den ihm angemessenen Raum in meiner Tages- und Wochenplanung einnahm, hatte der schleichende Aufstieg des VfL Wolfsburg nicht immer meine volle Aufmerksamkeit. Ja, ich geb zu, dass ich in den 90er Jahren gelegentlich anders priorisieren und auf manche Möglichkeit, fußballspezifische Informationen zu beziehen, verzichten musste.

So kam es auch, dass ich die Wolfsburger vor ihrem Bundesligaaufstieg nur ganz am Rande wahrnahm. Horst Hrubesch hat sie irgendwann mal trainiert, Bruno Akrapović hatte eine Frisur, und das war’s dann auch an Zweitligawissen. Selbst ihre Pokalsaison 1995, in der sie ausschließlich auswärts spielend ins Finale vordrangen, hatte ich zwischenzeitlich schlicht vergessen. Ganz im Gegensatz zu Siggi Reich, in Wolfsburg Zweitliga-Torschützenkönig 1992/93 und Nr. 5 in der ewigen Zweitliga-Torjägerliste, dessen Quote nur von diesem leicht dicklichen Herrn übertroffen wird und der noch immer auf sein Äußeres zu achten scheint.

So richtig los ging’s also mit diesem Spiel im Juni 1997, das für den FSV Mainz eine ganz bittere Erfahrung business as usual darstellte, während die Wolfsburger den Aufstieg in die Bundesliga feiern durften. Seither – und vermutlich noch auf längere Sicht – ist das Stichwort „Wolfsburg“ für mich untrennbar mit Flanken-Fintierer Roy Präger und dem Mann, der einige Jahre später „Container-Willi“ werden sollte, verbunden. In den Folgejahren war ich Wolfsburg gegenüber eher indifferent, wobei sie immer wieder einzelne Spieler hatten, die mich auf die eine oder andere Art beeindruckten.  So zum Beispiel Claudio Reyna,  der heutige Hoffenheimer Offensivtrainer Tomislav Maric oder der erste Wolfsburger Nationalspieler Zoltan Sebescen, dessen Debüt ein wenig unter dem damals noch standfesteren Bolo Zenden litt. Weiterhin blieben mir  Markus Feldhoff Robson Ponté, Martin Petrov und Claus Reitmaier in Erinnerung, sowie insbesondere Krzysztof Nowak,  dessen Schicksal mir nicht zuletzt wegen eines ähnlichen Krankheitsfalls im persönlichen Umfeld sehr nahe ging.

Am prägendsten für die ersten Jahre nach dem Aufstieg war jedoch, allein schon aus phonetischen Gründen, der Trainer: Wolfgang Wolfs Wolfsburger Wochen Jahre endeten allerdings wenige Monate nach dem großen PR-Coup des Vereins, an dem man sich offensichtlich etwas verhoben hatte. Dessen ungeachtet fuhr man weiterhin große Namen auf, die nicht nur binnen kurzer Zeit zu Legenden wurden, sondern zudem den VfL Wolfsburg in den Jahren 2000-2005 mit einer Uefa-Cup sowie sage und schreibe 5 UI-Cup-Teilnahmen[1] zum Dauergast auf der großen europäischen Bühne machten.

Im Gegensatz zum glamourösen Effenberg Effenberg-Intermezzo gelang es mit den Verpflichtungen von Andres d’Alessandro und später Marcelinho, nicht nur abseits des Spielfelds, sondern auch auf dem Platz ein gewisses Spektakel zu bieten, ohne jedoch dem Stau der Mittelmäßigkeit zu entkommen. Als man dann unter Trainer Eric Gerets zu Beginn der Saison 2004/05 erstmals Tabellenführer war, ließen die Diskussionen über die Notwendigkeit eines Rathausbalkons nicht lange auf sich warten. Dass der Bedarf letztlich doch nicht gegeben war, verursachte in der fußballinteressierten Öffentlichkeit kein allzu lautes Wehklagen – zu kritisch wurde (und wird) das Wolfsburger Konstrukt gesehen. Zudem seien sie unromantisch, wie Steffen Simon am Saisonende 2006 dem Fußballgott ins Stammbuch schrieb. Spiegel online ergänzte:

All die ambitionierten Ideen mit deutschen Altstars und südamerikanischen Stars in spe, die Bayer Leverkusen bis in die europäische Spitze brachten, hat das VW-Anhängsel VfL schon kopiert. Erfolglos. Wolfsburg hat sich mal mit Stefan Effenberg lächerlich gemacht und selbst mit dem argentinischen Ausnahmetalent Andres D’Alessandro keinen einprägsamen Stil kreiert. Das Stadion blieb meist halb leer, das größte Wolfsburger Spektakel der Saison vor dem letzten Spieltag war die Doppelentlassung von Manager Thomas Strunz und Trainer Holger Fach.

Nun liegt mir persönlich eine bloße Werksvereins- oder auch Traditions-Argumentation recht fern; gleichwohl hielt sich in all den Jahren auch meine Begeisterung für den VfL Wolfsburg in Grenzen – zu offensichtlich waren die Bemühungen um den oben genannten Glamour-Faktor, zu ausgeprägt schien mitunter die Großmannssucht (die man in Wolfsburg zweifellos nicht exklusiv hat), und auch die unwürdigen Umstände der Entlassung von Klaus Augenthaler zum letzten Spieltag der Saison 2006/2007 waren meiner Zuneigung nicht zuträglich. Daran konnte auch die eine oder andere nette Geschichte über einzelne Spieler nichts ändern.

Sympathisch wurde mir der VfL Wolfsburg auch mit der Verpflichtung von Felix Magath nicht. Zumindest aber wuchs mein Respekt angesichts der Professionalität der sportlichen Führung unter Geschäftsführer und Manager Magath. Auch da, wo es gemäß Adi Preißler letztlich entscheidend ist, leiteten  Manager und Trainer Magath eine sehr positive Entwicklung ein. Sicherlich wurde dafür auch tief in die Kasse gegriffen, und vielleicht hat es sich nicht in jedem Fall ausgezahlt; dennoch kann man die Frage stellen, wie viele Entscheidungsträger in der Bundesliga das zur Verfügung stehende Geld neben dem einen oder anderen Weltmeister in die vergleichsweise tiefpreisigen Herren Džeko, Riether, Gentner, Schäfer, Grafite, und Josué investiert hätten – und mit der so zusammen gestellten Mannschaft binnen kurzer Zeit mit teilweise großartigem Fußball zum Meisterschaftskandidaten geworden wären.

Zu dem Zeitpunkt, als ich diesen Text begann, hätte ich mit diesem Lob für Felix Magaths hervorragende Arbeit und dem kurzen Hinweis auf glänzende Perspektiven geschlossen. Nunmehr mögen die Perspektiven noch immer gut sein, und Magaths Arbeit halte ich nach wie vor für außerordentlich gut. Ich kann jedoch nicht verhehlen, dass er mich, auch im Rückblick auf sein Ausscheiden beim VfB Stuttgart vor wenigen Jahren, zunehmend an Christian Vieri erinnert, der in den 90er Jahren für Torino Pisa Ravenna Venezia Atalanta Juve Atlético Lazio Inter viel Geld auf Torjagd ging.

Für die jüngeren Leser: der UI-Cup war ab 1995 die Fortführung des früheren, sportlich irrelevanten, sogenannten Intertoto-Cups unter dem Dach der UEFA und stellte bis 2008 eine zusätzliche Qualifikationsmöglichkeit für den UEFA-Cup dar. Er wurde von den Mannschaften bestritten, die unmittelbar hinter den sogenannten UEFA-Cup-Plätzen platziert waren – im Fall des VfL Wolfsburg waren dies, etwas weiter interpretiert, die Plätze 7, 9, 8, 10 und 9.