Nichts hat sich geändert hier!

Als Kind des Bodensees hat man, speziell dann, wenn immobiliäre Eigentumsverhältnisse der Vereinfachung halber außen vor bleiben, per definitionem nah am Wasser gebaut. Ich bin da keine Ausnahme. Gleichzeitig vermute ich, dass die Wassernähe am Samstag im Hamburger Volkspark gar nicht sonderlich groß sein musste, um bei der Verlesung der HSV-Aufstellung („Mit der [egal welche Nummer]: Hermann …“ – „RIEGER!“)  ihrer metaphorischen Bedeutung gerecht zu werden.

Kurz: es war bewegend, und es war tränenreich, auch für einen Nicht-HSV-Fan, dessen Bezug zu Rieger sich darauf beschränkte, dass er, Rieger, ihn, den Nicht-HSVer, also mich, spätestens seit den frühen 80ern irgendwie begleitete, seitdem irgendwann mal irgendwo eine Notiz über den beliebten Bayern in Hamburg zu lesen gewesen war.

Im Lauf der Jahre schien seine Bedeutung, auch aus der Ferne betrachtet, immer weiter zu wachsen, wurde er gar mit dem zweifelhaften Attribut „Kult-“ versehen, und erst vor ein paar Wochen frug ich mich, zufallsgetrieben, welche Mitglieder des medizinischen oder auch des sonstigen Betreuungsteams eines Bundesligisten bundesweit derart große Bekanntheit, weithin auch Beliebtheit, erlangt hätten. Abgesehen vom Münchner Arzt, der Rieger in Sachen Bekanntheit überragt, der aber auch außerhalb seines Vereins für den DFB tätig war und ist, fiel mir keiner ein. Na ja, egal.

Die Stimmung war bemerkenswert. Andächtig und sichtlich betroffen legten Hamburger Fans vor dem Spiel Blumen vor Uwes Fuß ab (bestimmt auch andernorts; ich nahm es eben dort wahr), sie zündeten Kerzen an, drapierten Trikots und Fahnen, um Riegers zu gedenken, und nicht wenige Dortmunder gesellten sich zu ihnen, wie auch schon während der Woche immer wieder Fußballfans verschiedenster Couleur per Twitter und sonst wo ihre Anteilnahme und ihre Wertschätzung zum Ausdruck gebracht hatten. Auch das hat mich ein bisschen angefasst, und das Bild, der Begriff von der Fußballfamilie, der so gerne mal in unsäglichen Kontexten bemüht wird, ging mir mehr als einmal durch den Kopf.

Hut ab, Ihr HSV-Fans, das habt Ihr gut gemacht! Ich weiß es zu schätzen, dass ich dabei sein und auch was hochhalten durfte.

Dass ich dabei war, hat zunächst einmal private Gründe, die mich am Wochenende nach Hamburg verschlugen, und ist dann natürlich der lieben Frau @astiae zu verdanken, die mich bedenkenlos neben Herrn @maik216 stehen ließ, einem sehr angenehmen Nebensteher, übrigens, den ich gerne weiterempfehle, und ehrlich gesagt bin ich ganz guter Dinge, das Vertrauen gerechtfertigt zu haben:

Ich stand, wenn auch aus egoistischen, fußballinteressierten Gründen, verlässlich mit auf, wenn die HSV-Fans dazu aufgefordert wurden, setzte mich dann, wider meine Natur, wieder hin, um niemandem die Sicht zu nehmen, und klatschte, wenn ein Tor fiel. Dass dies nur zugunsten des HSV geschah, war meiner sportlichen Zufriedenheit ab-, meinem sonstigen Wohlbefinden möglicherweise zuträglich.

Und so kann sich die Bilanz des HSV in meinem Beisein in dieser Saison leider wahrlich sehen lassen: zwei Spiele, sechs Punkte. 7:0 Tore. Und zwei Freistoßtore von Çalhanoğlu. Und schon vom ersten hatte ich so sehr geschwärmt.

Dabei hatte es am Samstag anfangs gar nicht mal schlecht ausgesehen:

„NICHTS hat sich geändert hier!“

So zumindest  lautete die deutliche Ansage eines Herrn schräg vor mir, die Stimme erregt, das Idiom norddeutsch – hanseatisch, wage ich zu sagen –, als ein Hamburger Spieler einem anderen Hamburger Spieler nicht die notwendige Hilfe zukommen ließ, der Ball den Besitzer wechselte und bereits nahezu zwanzich Minuten gespielt waren. Da war er also schon verpufft, der Neue-Besen-Effekt, und dieser Slomka ist ja auch nur ein Fink mit weniger eng sitzenden Hosen, ein van Marwijk mit Pulli statt Schal, ein Cardoso mit Vertrach, Sie wissen schon.

All das sagte er natürlich nicht, also all das letzte. Das erste schon, und die Ungeduld, die in seiner Stimme lag, die ich, wenn schon nicht als Verzweiflung, so doch als Ausdruck großer Sorge interpretiert hätte, oder vielleicht auch nur als Lust am Nörgeln, wer weiß das schon, sie schien nicht einmal völlig unbegründet: der HSV hatte den Gästen aus Dortmund zunächst das Spiel überlassen, was diese gern annahmen. Ohne allerdings so recht zu wissen, was sie damit anfangen sollten. Offensichtlich hatten sie die rechte Hamburger Abwehrseite als Schwachstelle ausgemacht – ob das dem ursprünglich aufgestellten Dennis Diekmeier oder dem nachgerückten Heiko Westermann geschuldet war, sei dahingestellt –, hatten aber mit Großkreutz und Schmelzer keine linke Seite, die ernsthaft in der Lage gewesen wäre, Taten folgen zu lassen.

Überhaupt, Großkreutz: der soll gefälligst rechts hinten spielen, da brauchen „wir“ ihn bei der WM schließlich auch. Denken Sie mal an die Nationalelf, Herr Klopp, Mann!

Ob Aubameyang rechts vorne in der Lage gewesen wäre, Jansen in Verlegenheit zu bringen, wollte der BVB gar nicht erst herausfinden, was, um der Wahrheit die Ehre zu geben, zumindest zum Teil auch am HSV-Mittelfeld gelegen haben mag, das die Antwort lieber auch nicht in Erfahrung bringen wollte und entsprechend beherzt zu Werke ging. Dass Nuri Sahin damit so gar nicht zurechtkam, hätte ich nicht erwartet. Kein Zufall, dass er das entscheidende 2:0 begünstigte, als er im Zweikampf den Kürzeren zog.

Vom titelgebenden Vordermann hörte man dann doch nicht mehr so viel. Hatte sich ja auch einiges geändert. Ob das nun doch noch der besagte Neue-Besen-Effekt war, wird sich zeigen; ich persönlich fühle mich indes leider bestätigt, dass die Entscheidung des HSV für Mirko Slomka (oder war’s andersrum?) dem VfB sehr weh tun könnte. Und damit meine ich nicht, dass Slomka vom Markt ist, auch wenn ich mich mit ihm schon verschiedentlich hätte anfreunden können, sondern vielmehr, dass er einen unmittelbaren Konkurrenten, so meine Überzeugung, aus der Abstiegszone führen wird.

Ob indes der Trainermarkt für den VfB von Belang ist, werden vermutlich die nächsten Tage zeigen. Die Spekulationen schießen schon einmal ins Kraut, neben den perspektivischen Lösungen Rangnick und Tuchel, die gedanklich etwa so fern liegen wie dereinst Daum in Köln, wurde auch schon Holger Stanislawski ins Spiel gebracht, der bei mir seit einigen Jahren unten durch ist, aber das will ja keiner wissen.

Ich selbst bin keineswegs so weit, mir die Ablösung von Thomas Schneider zu wünschen, was jedoch nicht nur mangels Einfluss nichts zu sagen hat, sondern auch, weil ich nur äußerst selten die Ablösung eines Trainers für die beste Lösung halte oder gar, meiner Hybris gehorchend, fordere. Wenn man von den letzten beiden hiesigen Übungsleitern und dem sich daraus ergebenden Trendverdacht absieht. Vom jüngsten Spiel habe ich zudem so gut wie nichts gesehen, genau genommen also von den jüngsten beiden, und so kann ich aus recht widersprüchlichen schriftlichen Medienberichten zum Auftreten der Mannschaft gegen die Hertha nicht ableiten, ob denn nun alles gut wird oder doch eher den Bach hinab geht.

Nun denn, ich lasse es auf mich zukommen. Ein bisschen Sorge bereitet mir allerdings jenes Bild im Kopf, das ich nicht mehr recht loswerde und das Fredi Bobic in gemütlicher Runde mit ein paar Kumpels um einen Kneipentisch herum sitzen sieht, ungefähr so, wie ich mit meinen Fußballfreunden mittwochs um einen Kneipentisch herum sitze, und in dem besagter Bobic mit besagten Kumpels, just wie besagter Kamke mit besagten Fußballfreunden, willkürlich ein paar Trainernamen in die Runde wirft. Irgendwann zieht dann ein besonders gut vorbereiteter Mitstreiter ein Mobiltelefon mit Transfermarkt-App aus der Tasche, um dem Ganzen das nötige Maß an Seriosität zu verleihen. Bis letztlich Erich Ribbeck aus dem Sack gezogen wird. Oder, was weiß ich, Trond Sollied, der hier schließlich mal ein ganz heißes Eisen war.

Team Schneider.

Ach, auf eines möchte ich doch noch hinweisen: wann immer ich den HSV in dieser Saison live sah, siegte die Heimmannschaft überzeugend. Am 22. März ist es wieder so weit.
Im Neckarstadion.

Coup de boule

„… il va reculer progressivement au poste de libéro. Je sais que c’est une tradition allemande …“

Die These lautet also, es sei eine deutsche Tradition, dass offensive Spieler nach und nach nach hinten rücken, bis sie irgendwann als Libero enden. Offensichtlich bezieht sie sich nicht auf den heutigen Fußball, der seit einigen Jahren bekanntlich selbst in Deutschland ohne nominellen Libero auskommt. Auch wenn man angesichts der erfolgten Rückwärtsbewegung von Bastian Schweinsteiger oder auch der angedeuteten von Toni Kroos ins Grübeln kommen könnte.

Aber wie gesagt: Das ist nicht gemeint. Also die Rückversetzung auf die Sechs. Glaube ich zumindest. Genauer könnte es uns sicherlich der Macher des wunderbaren Blogs Old School Panini, Alex Bourouf, sagen. Aber so genau brauchen wir es vermutlich gar nicht zu wissen.

Es reicht ja, wenn wir ein wenig in die Vergangenheit schauen und ein paar der bekannten Liberos des DFB zu Rate ziehen. Herrn Beckenbauer, zum Beispiel, der in seiner ersten Regionalligasaison meist als Linksaußen oder im Mittelfeld auflief und dabei 16 Tore erzielte. Oder Matthias Sammer, der mich damals gegen und in Uerdingen nicht sonderlich überzeugen konnte – eine Einschätzung, derer ich mich noch heute mitunter schäme und die ich dann zumeist nur aus dem Kopf bekomme, indem ich des Freundes gedenke, der Dennis Bergkamp zeit seines (also dessen) Fußballerlebens für eine Pfeife hielt, aber das nur am Rande – und der jeweils gegen Sturmkollege Torsten Gütschow ausgetauscht wurde. Oder nehmen wir Olaf Thon, den 17-jährigen Schalker, der 1998 möglicherweise eine überragende WM als Libero gespielt hätte – wenn nicht Lothar Matthäus im letzten Moment reaktiviert worden wäre, der seinerseits der Auslöser für Alex Bouroufs, nun ja, Wehklagen, über den Drang der Deutschen zum Libero war, „car pour moi MATTHAÜS en milieu de terrain c’est ça, tout simplement alors le meilleur joueur du monde et il avait été (avec les Yougoslaves) quasiment la seule satisfaction de ce mondial italien.“

Matthäus sei also der beste Spieler der Welt gewesen, damals, im Mittelfeld, und im Grunde neben den Jugoslawen der einzige, der bei jener WM Wohlgefallen ausgelöst habe. Um so unverständlicher sei es, dass sich eben jener großartige Spieler von seiner Schokoladenposition, die man heute wohl als „Achter“ bezeichnen würde, freiwillig in die Abwehr zurückfallen lassen habe. Der einzige Grund für dergleichen bestehe darin, „de continuer à joueur le plus longtemps et battre les records“, also so lang wie möglich weiterzuspielen und Rekorde aufzustellen. Was nachweislich geklappt hat.

Vermutlich ist diese Argumentation ein wenig kurz gesprungen, und doch ist sie nicht ganz von der Hand zu weisen. Nicht unbedingt wegen der Rekorde; aber der Ansatz, die Karriere ein wenig (oder auch deutlich, wenn man an die EM 2000 denkt) zu verlängern, ist ja ein überaus menschlicher. Ciriaco Sforza wurde dereinst mit dem schönen Satz „Nach meiner Verletzung ist es wunderbar, wenn ich als Libero einen langsamen Aufbau machen kann“ zitiert, und auch in Diskussionen, wie man sie zum Beispiel in Österreich zu Ivica Vastic (der sich erfolgreich widersetzte) oder hierzulande zu Bernd Schuster (der von Erich Ribbeck demontiert wurde) führte, stößt man immer wieder auf Satzfragmente wie „außerdem könnte er auf diesem posten bestimmt noch vier, fünf jahre lang spielen“ – in diesem Fall bezogen auf Vastic, der, nun ja, fünf Jahre später und weiterhin als Offensivspieler das einzige österreichische EM-Tor erzielte.

Vielleicht darf ich die geneigte Leserin ja auch in die Niederungen des Kreisligafußballs entführen, zu meinem Vater, der irgendwann den Weg nach hinten antreten musste und durfte, oder zu zwei weiteren Sturm“helden“ meines Heimatvereins, die irgendwann nach hinten weggelobt wurden, weil sie eben alles hatten, „was ein guter Libero braucht“. Und wenn man sich heute auf den Plätzen der Kreisliga umsieht, entdeckt man nicht so selten ältere, nicht mehr ganz durchtrainierte Herren, die mit ihrem Auge, ihrem Stellungsspiel und ihrer Erfahrung jeder Viererkettendiskussion trotzen und den Laden zusammen halten. Jede Wette, dass nur ein geringer Teil von ihnen vor seinem 30. Geburtstag den Libero gab.

Doch zurück auf die große Bühne. Und nun auch zu der Frage, ob diese Rückwärtsbewegung eine typisch deutsche Sache sei. Eine Frage, die ich mangels Wissen und mangels Recherchezeit nicht seriös beantworten kann. Die eine oder andere Ahnung habe ich. Dass zum Beispiel das benachbarte Ausland nicht ganz außen vor ist. Bei Vastic klappte es nicht, Manfred Zsak war meines Wissens auch im Mittelfeld nie so richtig offensiv, und doch habe ich den Eindruck, dass man auch in Österreich mitreden kann in Sachen Rückwärtsbewegung. Ob Gerald Vanenburg, der bei 1860 den Libero gab, in Holland eine Ausnahme ist, weiß ich ebenso wenig wie bei Sforza in der Schweiz (ganz davon abgesehen, dass beide von der Bundesliga geprägt gewesen sein mögen), und dass Zbigniew Boniek bei der Roma und für Polen den Libero gegeben haben soll, will ich seit vielen Jahren für ein Gerücht halten. Ich wüsste indes nicht, dass Scirea, Baresi oder auch Laurent Blanc nennenswerte Erfahrungen auf einer offensiveren Position gehabt hätten. Vielleicht kann ja der eine oder die andere Wissende für Erhellung sorgen und ein paar prominente Beispiele benennen, die die Deutschenthese in sich zusammenfallen lassen.

Mir ist das ja im Grunde gar nicht so wichtig, auch wenn ich die Ausgangsthese sehr spannend finde. Viel wichtiger ist mir, endlich zu der Stelle im oben genannten Matthäus-Blogeintrag zu kommen, deretwegen ich all das aufgeschrieben habe. Alex Bourouf spinnt nämlich den Gedanken der Karriereverlängerung durch Rückwärtsbewegung weiter und projiziert sie auf die jüngere Geschichte der französischen Nationalelf – eine Vorstellung, an der ich mich zugegebenermaßen gar nicht satt denken kann:

„… sinon Zizou aurait été en Afrique du Sud en 2010 pour jouer en défense avec Gallas et à Knysna le bus serait repartit car notre Zizou n’aurait pas attendu 30 minutes avant de péter un coup de boule à ce maudit chauffeur qui refusait de repartir.“

„… sonst wäre Zizou 2010 in Südafrika gewesen und hätte mit Gallas in der Abwehr gespielt, und in Knysna wäre der Bus losgefahren, weil unser Zizou keine 30 Minuten gewartet hätte, ehe er diesem verdammten Fahrer, der sich geweigert hat, weiterzufahren, einen Kopfstoß verpasst hätte.“

Und natürlich hätte Zidane alles, was ein guter Libero …

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PS:Auf einen möglicherweise interessanten Nebenaspekt der sogenannten deutschen Rückwärtsbewegung, der an anderer Stelle vertieft werden könnte, deutet der Umstand hin, dass die dritte Stürmerposition im deutschen EM-Kader allem Anschein nach an einen der Herren Cacau, Schlaudraff oder Hanke vergeben werden dürfte.

Öfter mal die Seite wechseln?

„Bisschen lang“ lautete die eine oder andere Rückmeldung zum ausführlichen Rückrundenvorschauer bei allesaussersport, was durchaus nachvollziehbar ist, auch wenn ich finde, dass alle Beteiligten sogar recht diszipliniert waren und nicht über die Maßen ins Plaudern gerieten. Dass der eine oder andere Punkt gleichwohl als Aufhänger für leicht abseitige Diskussionen diente, ist zumindest in einem Fall eindeutig mir zuzurechnen:

Dogfood: […] Fällt der Klub [gemeint ist Bochum] in der Tabelle nach unten, bleibt nicht viel mehr als Resignation und dann später Schuldzuweisungen die sich auch gegen das Management und Vereinsführung richten.

Heinzkamke: Und das Vertrauen in ehemalige DFB-Nachwuchstrainer würde einen weiteren Dämpfer erhalten. Vogts. Osieck. Kohler. Eilts. Gegenbeispiele?

Dogfood: Eher mehr Beispiele. Hrubesch. Bonhof. Auch in der Bundesliga gescheitert. Hannes Löhr hat sich immerhin zweieinhalb Jahre in Köln gehalten.

Kurtspaeter: Tut mir schrecklich leid, aber das Gegenbeispiel ist Udo Lattek. Ich bin dann mal weg…

[…]

Stif: Dixie Dörner nicht zu vergessen.

Heinzkamke: Lattek. Na großartig

[…]

Blavont: Gegenbeispiel DFB-Trainer: Dettmar Cramer

Man kann vermutlich darüber streiten, ob der zuletzt genannte Dettmar Cramer tatsächlich „DFB-Nachwuchstrainer“ war oder „nur“ Assistent von Helmut Schön. Zum einen kann ich mir aber vorstellen, dass die Stellenbeschreibungen in dieser Hinsicht nicht allzu exakt waren, zum anderen finde ich die Ausweitung auf „DFB-Trainer“ insofern interessant, als dadurch auch Namen wie Beckenbauer, Völler oder Klinsmann ins Spiel kommen. Wie meinen? Völler hat schon vor seinem DFB-Engagement als Bundesligatrainer gewirkt? Dann weite ich die Frage halt noch weiter aus und schaue mal nach, wer als Trainer (oder Teamchef) sowohl für den DFB als auch in der Bundesliga gearbeitet hat, unabhängig von der Reihenfolge. Und wie viele Bundesligaspiele dabei herauskamen. Oder gar Titel. Und dann mach ich was ganz Verrücktes: die DDR-Trainer bzw. ihre Tätigkeit in der Oberliga und für den DFV kommen auch noch dazu.

Tja, was soll ich sagen? Ich hatte neulich schon befürchtet, dass jemand das Gegenbeispiel Erich Ribbeck nennen würde. Hat zwar keiner getan, aber er saß mir irgendwie im Genick, und letztlich muss er manches richtig gemacht haben, sonst wäre er wohl nicht der Trainer mit den zweitmeisten Bundesligaspielen nach Otto Rehhagel. Zudem ist er wohl der Verbands- und Vereinstrainer mit den meisten Seitenwechseln. Udo Latteks Erfolgsliste ist, in Titeln gerechnet, natürlich ungleich imposanter, ähnlich ist es bei Heinz Krügel. Dietrich Weise, den ich wegen seiner Heldentaten von 1981 vor allem als Nachwuchstrainer in Erinnerung habe (was man in der Klappergass anders sehen dürfte), beeindruckt mich mit 370 Bundesligaspielen. Die beste Titelquote hat erwartungsgemäß die Lichtgestalt: 17 Spiele für 2 Trophäen. Eberhard Stange und Eduard Geyer haben in beiden Topligen trainiert, Dixie Dörner war für beide Verbände tätig.

[Größeres Bild; Sortierbare Tabelle]

Ein paar Hinweise zu den Daten:

Bestimmt fehlen einige Namen. Dies gilt nicht für Dieter Eilts, Eberhard Vogel, Uli Stielike, Manfred Zapf, Hans-Dieter Flick oder auch Jupp Derwall. Sie haben meines Wissens nicht als Cheftrainer in der Bundes- oder Oberliga gearbeitet und wurden deshalb nicht berücksichtigt.

Fehler sind dennoch wahrscheinlich. Dies liegt zum allergrößten Teil an mir, teilweise auch an den verfügbaren Daten, die hauptsächlich von fussballdaten.de sowie aus der Wikipedia und verschiedenen Fan- bzw. Vereinsseiten stammen. Über Korrekturhinweise freue ich mich.

Speziell die Daten zur DDR-Oberliga sind mit großer Vorsicht zur genießen. Bewusst habe ich nur gerundete Zahlen verwendet, die an einigen Stellen (Bsp.: Oelgardt) dennoch deutlich daneben liegen können.

Die westdeutschen Erstligaspiele sind erst ab Gründung der Bundesliga enthalten. Dies betrifft konkret Georg Gawliczek, der den FC Schalke 04 bereits vor 1963 in der höchsten Spielklasse trainierte.

Manndecker

Vor einigen Tagen habe ich mich mit dem Trainer über unsere aktive Fußballvergangenheit unterhalten, was so lange vergnüglich war, bis mich eine ganz schwarze Phase wieder einholte, die ich längst im Pensieve abgelegt glaubte: drei Spiele lang war ich in den frühen 90er Jahren Manndecker.

Angesichts einiger Ausfälle von Defensivspielern hatte mein damaliger Trainer entschieden, mich als Manndecker aufzubieten (damals noch vor einem Libero), wo ich es gleich im ersten Spiel mit dem Führenden der Torschützenliste zu tun bekam, der tatsächlich einmal einnetzte, was mir in der konkreten Situation aber nicht angelastet werden konnte. Die beiden nächsten Spiele verliefen für die Mannschaft recht erfolgreich, ich selbst verbuchte bei einem Vorstoß gar ein zählbares Erfogserlebnis, und nach der Rückkehr der Verletzten durfte ich wieder ins Mittelfeld. So weit, so gut. Und doch hinterließ diese Versetzung eine gewisse Unzufriedenheit.

Aus meiner Sicht war ich damals technisch halbwegs beschlagen und auch nicht gänzlich unkreativ – Eigenschaften, die im Deutschland der frühen 90er Jahre von einem Manndecker nur bedingt gefordert wurden. Manndecker hießen im deutschen Fußball der frühen 90er Jahre beispielsweise Borowka, Schlindwein, Roth, Spanring, Kutowski, Hopp, Wörns, Reich oder Kohler – allesamt Spieler, die ich bereitwillig noch in die damals bereits ausgestorbene Kategorie des Vorstoppers gesteckt hätte. Auf der internationalen Bühne zeigten indes Spieler wie Marcel Desailly, Frank de Boer oder insbesondere (und bereits seit Mitte der 80er) Frank Rijkaard, dass man die Position des Vorstoppers Manndeckers Innenverteidigers auch anders interpretieren kann. In der Bundesliga gaben zumindest Rune Bratseth, vielleicht auch Patrik Andersson und der eine oder andere mehr, einen Vorgeschmack auf modernen Fußball in den hinteren Reihen. Der DFB, an der Spitze vertreten durch Berti Vogts und selbst Jahre später noch Erich Ribbeck, fand das allem Anschein nach nicht so spannend.

Immerhin: Den Begriff des Vorstoppers hatte die Kicker-Rangliste des deutschen Fußballs bereits im Juli 1986 ausrangiert, also just nach der Weltmeisterschaft in Mexiko, bei der passenderweise mit Norbert Eder, Ditmar Jakobs und Karlheinz Förster gleich drei Vorstopper (fast) alle Spiele der deutschen Mannschaft absolviert hatten. Möglicherweise hatte dieses Turnier, das eine auf das Zerstören des gegnerischen Spiels ausgerichtete deutsche Mannschaft zumindest auf dem Papier geradezu unverschämt erfolgreich beendete, meinen Mitspieler geprägt, der mich in der eingangs geschilderten Situation dazu beglückwünschte, nunmehr das Maximum dessen erreicht zu haben, was man sich vom Fußball erhoffen könne: Manndecker zu sein. Er meinte das durchaus ernst.

Letztlich war es wohl nicht nur arrogant, sondern geradezu unpatriotisch, dass ich mir für die Innenverteidigung zu schade war, wo man die Waldhöfer deutschen Tugenden in besonderem Maße zum Einsatz bringen konnte. Ob man hierzulande auch deshalb besonders lange am Manndecker festhielt? Zwar wähnte man sich Mitte der 90er Jahre, als die halbe Welt längst mit Viererkette agierte, kurzzeitig an der Spitze der Avantgarde, weil Matthias Sammer den Libero vor der Abwehr gab und den Manndeckern Netz und doppelten Boden entzog; Olaf Thon und Lothar Matthäus ließen eine Abkehr vom System mit Libero in den Folgejahren gleichwohl nicht zu, und bei der EM 2000 trat man neben Matthäus mit den Herren Nowotny, Linke, Babbel und Rehmer an. Christian Wörns fehlte verletzt.

2002 läutete Christoph Metzelder die Wende bei den deutschen Innenverteidigern ein, Per Mertesacker kam 2004 hinzu, und in den letzten Jahren machte sich die verbesserte Nachwuchsarbeit des DFB auch auf dieser Position bezahlt. In den Nachwuchsmannschaften, so meine bescheidene Meinung, verschwimmen die Grenzen zwischen Innenverteidigern und defensiven Mittelspielern mitunter – Mats Hummels darf als hervorragendes Beispiel gelten.

Was man dennoch nicht vergessen sollte: 2006 stand Jens Nowotny im WM-Kader der deutschen Nationalmannschaft. Arne Friedrich hat 69 Länderspiele – and counting. Robert Huth hat 2009 zwei Länderspiele bestritten. Und die Herren Westermann, Friedrich, Tasci, Boateng, Hummels sowie einige mehr sollten sich vermutlich fragen, wieso sich Christoph Metzelder nicht ganz ohne Berechtigung Hoffnungen auf die WM 2010 macht.

Falls jemand meint, dies sei ein oberflächlicher und alles andere als vollständiger Abriss über die jüngere Geschichte des deutschen Innenverteidigerwesens, so hat er recht. Eigentlich wollte ich nur kurz über meine eigene Vergangenheit als Manndecker berichten und bin ein wenig vom Weg abgekommen. Heute würde ich es vermutlich nicht mehr als herabwürdigend empfinden, als Innenverteidiger aufgestellt zu werden – schließlich ist er der erste Spielmacher. Obwohl…

Auswärtsspiel: Bayer 04 (und ein bisschen 05)

Wie in diesem Beitrag etwas ausführlicher beschrieben, habe ich einen herumliegenden Artikelentwurf zum Anlass genommen, hier und heute den Startschuss für eine kleine Serie unter dem Arbeitstitel „Auswärtsspiel“ zu geben: von Zeit zu Zeit soll einer anderen Mannschaft als der „eigenen“ ein Artikel gewidmet werden, in dem sich der Autor mit seiner Wahrnehmung dieses Vereins in den letzten x Jahren auseinandersetzt und dabei wahllos Links in die Bundesligavergangenheit streut.

Mit diesem „Startschuss“ verhält es sich, auch das habe ich im oben genannten Beitrag dargestellt, wie mit der ersten Folge einer RTL-Serie: niemand weiß, ob, wann und wie es weitergeht, und möglicherweise taucht bereits die nächste Folge auf einem anderen Kanal auf.

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Meine älteste aktive Erinnerung an Bayer Leverkusen stammt aus ihrer ersten Bundesligasaison 1979/80, in der sie am vorletzten Spieltag zu meiner großen Freude dem HSV die Meisterschaft verdarben.[1] Danach nahm ich sie einige Jahre lang nur am Rande war, wenn man einmal von Arne Larsen Øklands großer Show gegen die Bayern im März 1981 absieht: 3:0-Sieg, 3 Tore plus ein Phantomtor von Økland, an dem sich der Herr Helmer ein Beispiel hätte nehmen können.

Die Leverkusener waren eine klassische graue Maus, was bei mir so weit führte, dass sie mit dem anderen Werksverein aus Uerdingen zu einer konturlosen Masse verschmolzen. Was wusste denn ich, ob Spieler wie Buttgereit, Bittorf, Geschlecht, Raschid, van de Loo und Vöge (oder in späteren Jahren Kirch-, Bier- und Feldhoff) in Uerdingen oder in Leverkusen kickten? Doch, Rüdiger Vollborn konnte ich eindeutig zuordnen, schließlich hatte ich seinen Weg zum Weltmeister intensiv beobachtet.

Meine eher gleichgültige Haltung änderte sich ein wenig, als die Krefelder mit dem Pokalsieg 1985 und Wolfgang Schäfers inniger Beziehung zur Trophäe, dem 3. Platz in der Bundesliga 1986 und natürlich dem größten Spiel aller Zeiten gegen Dynamo Dresden[2] mehr als nur aufhorchen ließen und ganz nebenbei das Stammhaus in den Schatten stellten, wiewohl auch in Leverkusen Mitte der 80er Jahre erste Erfahrungen im oberen Tabellendrittel gesammelt wurden. Die Konzernspitze machte bereits ihre Prioritäten durch die jeweiligen Aktivitäten am Transfermarkt deutlich, was einerseits meine Sympathien für Bayer 04 nicht wachsen ließ, andererseits rasch Erfolg zeitigte.

Erstmals seit dem oben genannten Sieg gegen den HSV fieberte ich in der Europapokalsaison 1987/88 mit Bayer Leverkusen mit. Im Uefa-Cup-Finale bezwang man, ausschließlich dank Tita und Rüdiger Vollborn (ok, da könnte die Erinnerung trügen), mit Espanyol Barcelona einen Verein, den ich eigentlich nur mit diesem Spiel und dem späteren Engagement von Wolfram Wuttke in Verbindung bringe. Die Erinnerung an dieses Wunder von der Weser große Spiel wird zugegebenermaßen ein wenig dadurch getrübt, dass es der wohl größte Erfolg des ehemaligen Derwallassistenten und Fußballphilosophen „Sir Erich“ war, den ich schon damals nicht besonders mochte und der für mich Jahre später mit der bewussten Demontage des großartigen Spaniers Bernd Schuster endgültig zur Persona non grata wurde.

Wie auch immer: Calli kam, und mit ihm höhere Ambitionen sowie Kontakte nach Ostdeutschland und Brasilien; die graue Maus war für mich mittlerweile nicht mehr grau, sondern irgendwie silber-metallic, synthetisch eben. Dagegen konnte auch der Dopingverweigerer Rudi Völler wenig tun – außer, vielleicht, mit Andi Brehme zu weinen.

In den Jahren danach gelang es den Leverkusenern, sich nicht nur in der Spitze zu etablieren, sondern vor allem über mehrere Spielzeiten hinweg einen unglaublich attraktiven Fußball zu spielen – dummerweise mit den Unsympathen Daum und Toppmöller als Trainer[3], weshalb meine Zuneigung erneut natürliche Grenzen hatte, die sich beispielsweise in einer gewissen Sympathie für die Spielvereinigung Unterhaching manifestierten. Großes Kino dann selbstverständlich das Champions League Finale 2002 mit einem erneut bitteren Ende – aber was will man gegen diesen Mann machen?

History repeating:
Nur zwei Jahre später musste man sich wiederum vor dem Abstieg retten, was wie beim ersten mal ein schussgewaltiger Bayer (der zu jener Zeit immerhin noch dialoginteressiert war) übernahm, ehe man in den letzten Jahren mit den Herren Skibbe -von dem man weiß, dass er ein Auge für talentierte Spieler hat- und insbesondere Labbadia wieder hervorragenden Fußball gespielt und zumindest meine Sympathien erobert hat.

Ganz entscheidend ist dabei die Tatsache, dass Bayer in den letzten Jahren mit ihrem Fokus auf junge, entwicklungsfähige Spieler eine Mannschaft zusammengestellt hat, mit der sich selbst Nicht-Fans gut anfreunden können und die nur noch wenig mit dem Plastikclub-Image[4] zu tun hat.

Mein persönlicher Wanderpokal für die unsympathischste, wahlweise auch mal nichtssagendste, Mannschaft hat Leverkusen lange verlassen und ging mal an die Hertha der Alex-Alves-Zeit, mal an Schalke mit Rangnick, Rost und Lincoln, an Freiburg in der ganz späten Ära Finke, an die Nationalmannschaft unter Ribbeck, LR Ahlen um die Jahrtausendwende, Gladbach unter Fach und erst recht Advocaat, oder zuletzt an Hoffenheim unter Rangnick.

Im Moment kann ich nicht erkennen, dass sich Bayer 04 in absehbarer Zeit wieder bewirbt.

1.Zu dieser Zeit hatte der HSV bei mir ganz schlechte Karten. In der vorangegangenen Saison hatte ich als Steppke mit einem Freund meines Vaters gewettet, dass Herbstmeister Kaiserslautern auch Meister werden würde. Er hatte auf den HSV gesetzt und gewonnen. Seither ist mir der Zusammenhang von Fußball und Glücksspielen suspekt.
2.ab 1:18: Vater und Sohn Sammer auf der Bank.
3.Das Intermezzo von Berti Vogts‘ Spezialistenteam, das seiner Zeit weit voraus war und in dem Vogts selbst die zunächst Littbarski zugedachte Rolle übernahm, lasse ich hier mal außen vor.
4.Interessantes -völlig aus dem Kontext gerissenes- Zitat: „Bayer Leverkusen war gedopt bis über beide Ohren.“