Wald? Stadion!

Heut geh ich ins Stadion. Ich freu mich wahnsinnig drauf. Ja, Wolfsburg. Nicht so der Bringer, meinen einige. Mag sein. Zumal Maximilian Arnold, den ich ziemlich großartig finde, in jüngster Zeit ein bisschen am Rande stand. Aber: de Bruyne!  Muss ja dennoch nicht grade heute zeigen, was er alles kann.

Die Bilanz gegen den VfL war zuletzt ja auch nicht so prickelnd. Aber da ist immer dieses Gomez-Spiel im Hinterkopf, damals, und auch wenn ich noch nicht weiß, wer heute die vier Tore schießen soll, gehe ich selbstverständlich fest von einem ähnlich deutlichen Sieg aus. Und Tore sollten ja nach den letzten Wochen nicht so das Problem sein. Eigene, wohlgemerkt.

Die letzten Wochen, Sie wissen schon. Leverkusen, und dann eben Frankfurt: 5:4, auswärts, was soll ich sagen?

Also außer: ich hab’s nicht gesehen. Dabei hatte ich vormittags im Familienrat vorgebracht, dass ich endlich mal wieder ein ganzes Fußballspiel sehen möchte, gerade jetzt, da der VfB möglicherweise wieder Fußball spielt, gerne in der Kneipe meines Vertrauens. Die Familie war verständnisvoll, gestand es mir gerne zu.

Aber es war halt ein Samstag. Dann war dies noch zu erledigen, jenes einzukaufen, sonst noch was zu regeln, und – schwupps – war es Mittag, der den Kindern versprochene Waldspaziergang stand noch immer aus, zuerst aber was zu essen, dann noch der Mittagsschlaf der Jüngsten, und schon schlug die Uhr drei Mal, das Wetter war großartig, die wunderbar unternehmungslustigen Mädchen frugen, familienratsvergessen und sowieso noch ohne ausgeprägtes Zeitgefühl, ob denn nun der Waldspaziergang komme, und was soll man dann aneres sagen, so als Vater, der während der Woche auch nicht rund um die Uhr zuhause ist, als: „Klar!“

Zumal es ja beileibe nicht so ist, dass wir es hier mit einem zu erbringenden Opfer zu tun hätten, ganz im Gegenteil; das Vergnügen, mit den Kindern durch das Laub zu waten, ihnen zuzusehen, wie sie Quatsch machen, lachen, sich necken, auch mal rumzicken, lachen, Geheimwege finden, irgendwelchen Kram sammeln, lachen … Verzeihung, ich verliere mich ein bisschen. Vielleicht sollte ich auf die Schattenseiten hinweisen, so zum Beispiel darauf, dass alle paar Minuten meine Unkenntnis der einheimischen Flora bloßgestellt wird.

Wie auch immer: Waldspaziergang. Zumindest so halb. Mit automobiler Anreise, übrigens, und 90elf, das nicht mehr 90elf ist, sondern irgendwie sport1.fm, auf einem Ohr. Das 1:0 war noch zuhause gefallen, aus dem Nichts, quasi, 1:1 bei der Abfahrt, das 2:1 fiel an einer roten Ampel, erreichte mich aufgrund technischer Probleme unmittelbar vor dem Torschuss aber erst ein paar Minuten später. Selten hing mein Sohn so an meinen Lippen wie in diesen Minuten der Ungewissheit.

Am Waldesrand verlangten familiäre Pflicht, familiäres Vergnügen (nicht in dieser Reihenfolge, selbstredend) und die schwache Netzabdeckung einen Umstieg von der Audioberichterstattung auf einen Ticker; kurz darauf trafen wir Menschen, die uns aus dem Wald zerrten und uns in ihren Garten baten, liebe Menschen, mit an diesem Tag ungenutzten Bezahlfernsehensabonnement, übrigens, auf das ich neben jenen Gründen, die ihren Ursprung in meiner Erziehung haben, auch deshalb nicht hinwies, weil mir die kicker-App gerade das 3:1 vermeldet hatte, das Spiel also durch war. Vielleicht sollte ich nicht so sehr auf Jochen Breyer hören.

Telefon weggelegt, gekickt. Mit Kindern. Auf dem frisch eingesäten Rasen, wie der Sohn des Hauses, in Abwesenheit des Vaters, erfreulicherweise erst nach dem Kick verriet. Bei sommerlichem Wetter bedurfte es der einen oder anderen Trinkpause, und in einer solchen nahm ich doch noch einmal mein Telefon zur Hand, und wir alle hatten keinen Spaß daran. 3:4, 4:3, je nach Perspektive. Doof halt.

Ablenken, weiterkicken. Doch nochmal drauf schauen. Ungläubig die App schließen, neu starten, und doch, es stimmt: 5:4. Sich das Telefon aus der Hand reißen lassen. Weiterkicken, ablenken. Sich von ungeduldigen Kindern erneut das Telefon aus der Hand reißen lassen. Fingernägel kauen. Hoffnungslos in Rückstand geraten, weil die Kids die Sache mit der Aufgabenteilung besser drauf haben: einer kickt, einer schaut nach dem VfB. Dem erwachsenen Unterzahlspieler fällt das tendenziell schwerer.

Gewonnen. Also der VfB. Darauf bestanden, die Sportschau zu sehen. Immerhin. Und das Sportstudio. Bundesliga pur, sofern es noch so heißt. Und immer wieder den Kopf geschüttelt. Harnik? Den selbst ich, der ich ihn schätze wie kaum einen anderen VfB-Spieler, was nur zum Teil sportliche Gründe hat, im Grunde abgeschrieben hatte? Und Sararer. Kann doch nicht sein! Werner. Endlich wieder. Und wie!

Nur Herr Veh hat mich ein bisschen enttäuscht. Die Schuhe fand ich dann doch eher fad. Da waren die Herren Breyer und Neureuther deutlich weiter vorne dabei.

Dann fahr ich jetzt mal ins Stadion und vergewissere mich, ob er nachgezogen hat. Manolo Blahniks, oder wie die heißen. Und nach dem Sieg sehe ich mir in irgendeiner Kneipe das Abendspiel an. Die Familie macht den Waldspaziergang heute woanders. Herbstferien und so, und ich hab viel gearbeitet, da kann man schon mal zu Opa fahren. Ich vermisse sie wie blöd, aber heute Nachmittag wird mich der Fußball ein bisschen darüber hinwegtrösten.

4:1, wer auch immer die Tore macht. Passt.

Mir doch egal, ob mir das hinterher auf die Füße fällt.
Meiner Vorfreude tut das keinen Abbruch.

Als ich einmal meinen Vater nicht verstand

Wir waren im Urlaub in Südtirol. Wo genau, weiß ich nicht mehr, zu sehr verschwimmen all diese Südtirolurlaube der späten 70er und frühen 80er zu einem großen Ganzen, das ich insgesamt sehr positiv in Erinnerung habe, ohne aber detailliert nach Jahren, Orten oder auch Unterkünften differenzieren zu können. Oder wollen. Auch in jenem Jahr – in den späten 70ern, soviel scheint klar – lautete die Vorgabe, dass das Anrecht auf Müßiggang (ein Begriff, den meine Eltern eher nicht verwandt haben dürften, geschweige denn, dass ich ihn gekannt hätte), besser: auf nachmittägliches Baden, es könnte in jenem Jahr im Kalterer See gewesen sein, vielleicht aber auch nur – ich bin mir nicht sicher, ob das „nur“ so ganz stimmt, oder ob ich damals einen See angesichts fehlender Sprungmöglichkeiten nicht doch nur als zweitbeste Lösung angesehen hätte – im Pool des Hotels oder der Pension, dass also dieses Anrecht erst durch eine morgendliche kulturelle Unternehmung oder wandernd erworben werben musste. Was ich jeden Morgen aufs Neue, und aufs Neue erfolglos, hinterfrug.

So befanden wir uns also auf irgendeinem Wanderweg, möglicherweise unterwegs zu einer Alm. Wenn ich ehrlich war und bin, hatte ich dabei sehr viel Spaß, musste aber zur Gesichtswahrung immer wieder in einen gewissen Jammerton verfallen, um die Ungerechtigkeit der Welt im Allgemeinen und gegenüber Kindern, noch dazu im Urlaub, im Besonderen anzuklagen. Die Gespräche drehten sich gerne mal um Fußball, von dem ich noch nicht so richtig viel verstand, oder um Länder und Hauptstädte, die wir vielleicht alle irgendwann gelernt haben und von denen mir die spanische, Real Madrid, nach wie vor erinnerlich ist, manchmal auch um Unwichtiges. Gelegentlich beschäftigte ich mich auch allein, sammelte Stöcke oder tat andere Dinge, die ein zum Wandern gezwungenes Kind halt so tut, ohne dabei je so unaufmerksam zu werden, dass es einem entgehen könnte, wenn noch so beiläufige Erwachsenengespräche geführt werden. Ganz besonders interessant wurde es an eben jenem Tag, als aus dem Tonfall eindeutig abzuleiten war, dass es sich einerseits um ein ernsthaftes Erwachsenengespräch handelte, es aber andererseits und ganz offensichtlich nach wie vor um Fußball ging.

Vielleicht sollte ich voraus schicken, dass mein Vater, der zu diesem Zeitpunkt schon deutlich in seinen Dreißigern war, kein ganz schlechter Fußballspieler war. Er hatte einige Jahre relativ hochklassig gespielt und war bzw. ist noch heute Rekordspieler und vor allem Rekordtorjäger seines Heimatvereins. Zeitzeugen beschreiben ihn als enorm schnellen (ich möchte nicht über die Tücken der Vererbung reden) und kopfballstarken Mittelstürmer, aber auch, da gibt es wohl nichts zu deuteln, lediglich ein wenig euphemisierend herumzustammeln, als recht erfolgreich im Bemühen, Freistöße und Elfmeter zugesprochen zu bekommen. Im Lauf der Zeit rückte er ein wenig nach hinten und stieß, noch immer torhungrig, aber nicht mehr ganz so schnell, meist aus dem Mittelfeld in die Spitze.

Es mag nicht sonderlich überraschen, dass Fußball bei uns daheim immer ein großes Thema war, auch bei meiner Mutter, die noch heute mindestens bei jedem Heimspiel der ersten Mannschaft vor Ort ist, häufig auch auswärts. Mein Vater ist sowieso da. Die Sonntage waren immer verplant, als ich dann im Verein spielte, auch die Samstage. Fußball war wichtig, ist wichtig. Dennoch erschien es mir an jenem südtiroler Sommertag ein wenig ungewöhnlich, dass sich meine Eltern augenscheinlich sehr ernsthaft unterhielten, aus kindlicher Sicht wirkt so ein ernsthaftes Gespräch ja auch rasch einmal bedrohlich ernsthaft, und dass es dabei dann doch „nur“ um Fußball ging. Sie waren in ihr Gespräch vertieft, ich rückte näher, was bei einem wirklich ernsthaften, also im genannten bedrohlichen Sinne ernsthaften, Thema im Normalfall dazu geführt hätte, dass sie verstummen oder ablenken. Sie sprachen aber weiter, ließen mich teilhaben, und nach kurzer Zeit war der entscheidende Punkt ihrer Unterhaltung offenkundig:

„Sie wollen, dass ich freier Mann spiele.“

Hm. Ich kannte mich zu jener Zeit, mehr als sieben Jahre alt war ich sicher nicht, fünf oder maximal sechs erscheinen mir realistischer, weder in der Fußballterminologie noch im Regelwerk sonderlich gut aus. Ich kannte die Kategorisierung in Abwehr, Mittelfeld und Sturm, der Torwart war etwas Besonderes, ich konnte vermutlich Eckbälle und Freistöße unterscheiden, nicht aber Abstoß und Abschlag, hatte den Begriff „Abseits“ mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits gehört, ohne ihn zu verstehen, und wusste auch um das Konzept des Deckens – und dass „Freilaufen“ wichtig war.

Aber was sollte ein freier Mann sein? Ein Ersatzspieler vielleicht, dem eher kritischen Tonfall meines Vaters nach zu urteilen? Oder gar, als Kind kommt man ja auf mancherlei Gedanken, der Schiedsrichter? Ich sprach meinen Vater darauf an, der, bereits ein wenig genervt von der Diskussion, in relativ knappen Worten antwortete, dass der freie Mann keinen direkten Gegenspieler habe. Er sagte es sicherlich ein wenig kindgerechter, für mich jedoch nicht kindgerecht genug. So war ich also fortan der Überzeugung, dass jede Mannschaft das Recht habe, einen Spieler zu benennen, der nicht gedeckt werden dürfe. Man möge mich bitte nicht fragen, ob dieses Recht in jedem Spiel aufs Neue ausgeübt werden durfte, oder ob die Festlegung zu Saisonbeginn für das ganze Spieljahr erfolgen musste, so weit reichte mein Horizont damals nicht – andernfalls hätte ich wohl angesichts der angeregten Sommerpausendiskussion auf die zweite Variante geschlossen.

Eine Weile beschäftigte mich noch die Frage, welchen Grund mein Vater wohl dafür hatte, der Aussicht auf diese in meinen Augen doch recht attraktive Position – gedeckt werden war, soviel hatte ich bereits verinnerlicht, per se eher lästig – offenkundig skeptisch gegenüber zu stehen. Wenige Jahre später, die wahren Zusammenhänge waren mir mittlerweile bekannt, ertappte ich mich dabei, mir gleichwohl eine Erklärung zurechtzubiegen, der zufolge er sich als guter Spieler in seinem Stolz verletzt fühlte.

Vermutlich hatte ich mit dieser Erklärung, obschon ich die wahren Zusammenhänge verkannte, letztlich sogar recht. Wer will schon Libero werden, wenn doch Stürmerblut in seinen Adern fließt? Oder anders gesagt: zum Abwehrspieler wird nur der umfunktioniert, der nicht mehr schnell und torgefährlich genug ist. Das war zumindest die eine Seite. Andererseits war Franz Beckenbauer der Größte. Objektiv gesehen konnte man darüber vielleicht streiten und andere Namen in die Runde werfen; für meinen Vater stellte sich diese Frage jedoch nicht. Und möglicherweise war genau das, oder genau er, der Kaiser, der Grund – ich sollte ihn wohl einmal fragen – dass mein Vater letztlich doch zustimmte, sich als freier Mann zu versuchen. Wenn auch erst ein Jahr später, selbstverständlich mit der 5 auf dem Rücken, und natürlich nicht als Ausputzer.

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Für die jüngeren Leserinnen und Leser ist vielleicht der Hinweis von Interesse, dass der Libero, gerne auch letzter oder eben freier Mann genannt, laut Wikipedia ein Verteidigungsspieler ohne direkten Gegenspieler ist:

„Er spielt zur Absicherung hinter einem Vorstopper (im 4-3-3 oder 3-4-3-System der 1970er) bzw. zwei zentralen Manndeckern (im 3-5-2 oder 5-3-2 der 1990er) sowie zwei Außenverteidigern. Aufgrund des fehlenden direkten Gegenspielers kann er sich auch in das Angriffsspiel einschalten. Besonders mit dem Begriff des Liberos verknüpft ist Franz Beckenbauer, der die Position durch seine offensive Spielweise neu interpretierte.  […]

In den heutigen Spielsystemen wird auf die Position des Liberos verzichtet und zumeist mit einer sogenannten Viererabwehrkette gespielt.“

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Der Libero ist längst wieder da. Zum einen, wie wir alle wissen, in Form des wunderbaren gleichnamigen Blogs, das nur zum Teil der Nummer 5 huldigt. Zum anderen scheint der Libero, wenn man den jungen Leuten bei Twitter glauben darf, demnächst ein weiteres bemerkenswertes Comeback zu feiern:

https://twitter.com/#!/AktionLibero/status/124411883150262272

Scheint was Wichtiges zu sein. Ernsthaft.

(Zugegeben: ich bin ein wenig voreingenommen. Nicht nur, weil ich dereinst selbst gelegentlich als Libero aufgelaufen bin, sondern auch, weil ich ein paar Gedanken zur Aktion Libero beisteuern durfte.)

Meine eigene universelle Twitkritik.

Das „Konzept Twitkrit“ gefällt mir. Erklärungen und Interpretationen einzelner oder nach irgendwelchen Kriterien gruppierter Tweets lese ich meist mit Interesse, häufig mit Vergnügen und nicht selten mit einem gewissen Neid: ich würde das auch gerne machen. Können, vor allem.

Dann komme ich zumeist recht schnell zu dem Schluss, dass das irgendwie mit Talent, literarischem Gespür oder sonstwas zu tun hat und finde mich mit meiner Leserrolle ab. Ohne den Gedanken aufzugeben, irgendwann einmal selbst ein Buch zu schreiben einen Tweet zu erklären.

Vor wenigen Tagen war es dann soweit: mir ist ein Tweet zugeflogen, den ich gerne einmal näher betrachten wollte und von dem ich glaubte, ihn ganz gut verstanden zu haben:

Ein Rechtfertigungstweet, ganz offensichtlich: @heinzkamke hatte sich wohl einige Tage lang rar gemacht und wollte den geneigten Followern nun, warum auch immer, die Gründe seines Schweigens darlegen, wie seine Einleitung „Kurze Zusammenfassung meines Wochenendes“ vermuten lässt. Das kann man natürlich tun; in aller Regel ist es allerdings nur bedingt interessant. Zumal gerade Twitter den Mut zur Lücke, konkret: willkürliches unregelmäßiges Ein- und Ausklinken, kultiviert – auch wenn sich in der Twitterwelt vermutlich nicht nur zahlreiche Abwesenheitsrechtfertiger tummeln, sondern auch so mancher Nutzer, der nach jeder Offlinephase die Lücke fürchtet und deshalb seine gesamte Timeline nachliest.

Ich schweife ab. Zurück zum Rechtfertigungsbedarf: möglicherweise wollte @heinzkamke über die Grenzen von Twitter hinaus (gilt das schon als crossmedial?) jene Leser besänftigen, die an besagtem Wochenende Kommentare in seinem Blog hinterlassen und darauf, entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten, keine Reaktionen erhalten hatten. Eventuell wollte er gar dem einen oder anderen regelmäßigen Besucher andeuten, dass eher nicht mit einem Text zum jüngsten Bundesligaspieltag zu rechnen sei, weil der Blogbesitzer Wichtigeres zu tun gehabt habe.

Was dieses Wichtigere war? Nun, er sagt es uns nicht direkt. Mutter und Kind seien wohlauf, schreibt er, und dass es ein Mädchen sei, ergänzt um den etwas unbeholfenen Versuch, durch einen Doppelsmiley besonders große Freude zum Ausdruck zu bringen. Der mitdenkende Leser (wie auch sein weibliches Pendant) zieht vorsichtige Schlüsse, manch einer wünscht mehr oder weniger konkret Glück, ehe schließlich der entscheidende Hinweis, als verklausulierte Nachfrage getarnt, von @probek kommt:

Oha, @heinzkamke ist also wieder Vater geworden. Was noch ein ganz anderes Licht auf die Rechtfertigungstheorie wirft: Wahrscheinlich will er uns gleichzeitig sagen, dass er in der nächsten Zeit etwas mehr Zeit mit der Familie und weniger mit Twitter, seinem Blog und anderem Social Media Zeug verbringen wird.

Vielleicht interpretiere ich da aber über.

Ganz einfach.

Der gemeine Leser und die ebenso gemeine Zuhörerin entwickeln nach meiner Beobachtung von Zeit zu Zeit gewisse – unterschiedlich lange vorhaltende – Sensibilitäten für einzelne Begriffe oder Audrucksweisen. Dies bezieht sich häufig, aber keineswegs ausschließlich, auf importierte Ausdrücke aus Fach-, Szene- oder Fremdsprachen wie beispielsweise „sexy“, „fett“, „nicht wirklich“ oder „One Touch Football“, die man von Anfang an bzw. nach einer mehr oder weniger ausgeprägten Hochphase schlichtweg nicht mehr hören kann will.

Die Gründe dafür sind vielfältig: den einen stört die grammatische Fragwürdigkeit, der nächsten missfällt eine Konnotation, andere sind Sprachpuristen aus Überzeugung, wieder andere werden der häufig gehörten Ausdrücke bloß überdrüssig, etc…

Beispielsweise ist die Sensibilität für das grammatische Geschlecht von Blogs in vielen Fällen nicht nur Gegenstand einer gewissen Sensibilität; häufig erscheint es eher gerechtfertigt, von „Obsession“ zu sprechen. Ein anderes Beispiel ist das eines Freundes, der erst vor einigen Jahren lernte, dass „der einzige“ als Superlativ ausreicht, und dem es seither schlicht unmöglich ist, „der einzigste“ großzügig zu überhören.

Mein persönliches Unwort lautet derzeit „einfach“. Ich kann es nicht ertragen, wenn man mir ganz grob folgendes erklärt:

„Das ist ein Kinderspiel. Verbinde einfach das Soundso-Kabel mit einem xyz-Adapter, den Du dann einfach in die Z-Buchse steckst. Vorher musst Du diese Buchse nur mit Hilfe des ABC-Tricks manipulieren, und dann fügst Du’s einfach zusammen.“

Meine Wahrnehmung schließt in solchen Fällen unweigerlich eine Einleitung ein, die ungefähr folgendermaßen lautet:

So, mein kleines Dummerchen, jetzt hör mir mal gut zu. Papa erklärt’s Dir ganz idiotensicher. Das haben schon ganz andere Schwachköpfe hinbekommen.

Mir ist völlig klar, dass diese Interpretation den hilfsbereiten Mitmenschen in den seltensten Fällen gerecht wird. Vermutlich verwenden sie das Wörtchen „einfach“, gerne auch mal „nur“, lediglich, um mir die Scheu zu nehmen, um mein Selbstbewusstsein zu stärken, und um zu betonen, dass es wirklich nicht allzu schwierig sei. Wenn es aber so einfach ist, wieso hab ich’s dann nicht selbst hinbekommen?

Gestern hat übrigens mein Vater angerufen, weil er wieder mal mit seinem Computer nicht zurecht kam. Meine Antwort begann mit „Versuch‘ einfach mal, …“

#FAIL