Stehaufmännchen

So stellt man sich ein Pokalspiel gegen einen unterklassigen Gegner doch vor, oder? Frühe Führung, früh nachlegen, als Zuschauer früh in die Entspannungsphase eintreten. Nebenbei ein paar Alternativen testen, Stammspielern (Ja, ich meine Holzhauser, Ihr braucht gar nicht so schelmisch zu grinsen!) vor dem wichtigen Bundesligaspiel etwas zusätzliche Regeneration gönnen.

Und doch habe ich meine Lektion aus dem St.-Pauli-Spiel lernen müssen. The hard way, wie man heutzutage wohl sagt. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hatte, nicht nur die Vorverkaufsfrist verstreichen zu lassen (das ließ sich noch ganz gut erklären; schließlich stand eine ferienbedingte Abwesenheit längere Zeit im Raum), sondern mich dann auch, ausreichenden Kontingenten (Wo sollen da bitte 26.000 Zuschauer gewesen sein?) zum Trotz, auf Plätze in einem anderen Block einzulassen. Und wenn ich Plätze schreibe, meine ich in dem Fall Sitzplätze. Für’n Arsch, wie’s heißt.

Und das war es dann auch. Nicht wegen schlechter Sicht oder Ähnlichem, ganz im Gegenteil. Die Sicht war großartig, die Plätze gut, das Umfeld ok. Aber die Stehaufmännchensache brachte mich zur Raserei. Und ich spreche nicht von jener gesanglich begleiteten Stehaufmännchensache (korrekter: Sitzhinmännchensache), die im Epizentrum der Cannstatter Kurve gerne mal verordnet wird. Die begeistert mich auch nicht, aber ich nehme sie relativ ungerührt, unbewegt sowieso, zur Kenntnis.

Nein, mich beschäftigt jene Stehaufmännchensache, die von Menschen hervorgerufen wird, deren Hauptaugenmerk im Fußballstadion darauf zu liegen scheint, zu keinem Zeitpunkt mit einem leeren Bierbecher an ihrem Platz sitzen zu müssen. Nachdem sie selbstverständlich nach dem Anpfiff kamen. Dummerweise aber vergessen hatten, ihre Notdurft zu verrichten, sodass sie dann doch nochmal raus mussten.

Später dürfte sich dann ergänzend die harntreibende Wirkung des Biers bemerkbar gemacht haben. Naja, das Spiel war ja ohnehin nicht so spannend. Obwohl es gegen die Kultkicker vom Kiez ging, die Paulianer, mit den schicken Shirts, für die man natürlich eine gewisse Sympathie hegt und zu deren Rettung man ja auch mal beitrug. Schade, irgendwie, dass das Weltpokalsiegerbesiegershirt nicht mehr passt.

Vielleicht hatten sich die Stehaufmännchensacheninitiatoren auch einfach im Stadion verabredet: „Hey, lass‘ uns in der Mercedes-Benz-Arena ’n bisschen quatschen, vielleicht so in der 30. Minute – weil, in der 20. bin ich schon mit jemand anderem verabredet, da kann ich zwischendurch noch mal kurz an meinen Platz zurück und einen Schluck trinken, und außerdem reicht’s dann grad noch, vor dem Halbzeitansturm die Becher zu holen und auffüllen zu lassen  –, sagen wir da bei dem Kartenterminal, ja, neben dem einen Klo mit den Sehschlitzen?“

Immerhin sahen sie einen bei jeder einzelnen Aufstehaufforderung mit einem ansatzweise gequälten Grinsen an, so als wollten sie den Anflug eines schlechten Gewissen transportieren, gerne mit einem „Sorry, ich nochmal“ untermalt.

Vielleicht interessieren sie sich auch bloß nicht so für Fußball.

Irgendwann perfektionierte ich meine Kniezurseitedrehtechnik, vulgo: Damensitz, was mich körperlich weniger stark beanspruchte, mich aber nicht weniger ungnädig werden ließ, und auch wenn mir meine sitzplatzerfahreneren und ähnlich genervten Begleiter glaubhaft versicherten, dass die Häufung tatsächlich außergewöhnlich gewesen sei, bin ich doch sehr froh, beim nächsten Spiel wieder ganz normal stehen zu können. Wie gesagt: für’n Arsch.

Solange das noch möglich ist, sollte ich der Vorsicht halber anfügen. Womit ich weniger altersbedingte Einschränkungen meinerseits meine, als vielmehr die fragwürdigen Sitzplatz-Horrorzenarien, die faktenunbelastete Politiker auf Basis fragwürdiger Horrorszenarien regelmäßig aufzeigen und damit DFB, DFL und Vereine zu ebensolchem Aktionismus animieren. Sicheres Stadionerlebnis, Sie wissen schon.

Für all diejenigen, die sich, ungeachtet der Bedrohung, die uns in politischen Fensterreden suggeriert wird, bereits heute im Stadion sicher fühlen, haben ein paar besonnene Menschen aus Dortmund die Möglichkeit geschaffen, dies auch öffentlich kundzutun:



Eine gewisse Verärgerung über den DFB war im Übrigen auch den Stuttgarter Fans anzuhören, die das Abbrennen von, was weiß ich, Bengalos, ich kenn mich da nicht aus, im Gästeblock nicht nur zum Anlass nahmen, „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ herzhaft zu intonieren, sondern gleich noch einen vereinsübergreifenden Wechselgesang mit dem klingenden Slogan „Scheiß DFB“ anzustimmen. Unglücklicherweise stieg der vermeintliche Sangespartner nicht mit ein und sah sich dann seinerseits analog formulierten Schmährufen ausgesetzt. Naja, Geschmackssache.

Die Gästefans schienen sich ihrerseits ganz gut zu amüsieren und ließen uns alle, die wir das dortige Geschehen zunächst nicht so recht einzuordnen wussten, an regelmäßigen Jubelszenen teilhaben. Aus gutem Grund, wie mir hernach der geschätzte Herr Frodo vom „Kampf- und Spaßblatt rund um den FC St. Pauli“, Der Übersteiger (@deruebersteiger), aufzeigte. Tatsächlich hatte der Gast, unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, im Lauf der zweiten Halbzeit vier virtuelle Tore erzielt und so unter großem Jubel seiner Anhänger das Spiel noch gedreht.

Gutes Konzept. Sollten wir uns für die nächste Pokalrunde merken. Wenn dann die Bayern wieder früh führen, früh nachlegen, früh in die Entspannungsphase eintreten.

Fußballwochenende. Ein Zwischenruf Bericht.

So ein Fußballwochenende ist ja mehr als nur 90 Minuten Fußball. Oder zweimal 90 Minuten. So ein Fußballwochenende beinhaltet eine angemessene Vorbereitung, wunderbare Gesellschaft, ausgefuxxte Fachsimpeleien und manches mehr. Mein jüngstes Fußballwochenende hatte all das. Es hatte zudem etwas ziemlich, wie soll ich sagen, Unparteiisches: beim ersten Spiel war ich mehr oder weniger neutraler Beobachter, beim zweiten hatte ich das, was man leicht überhöht einen journalistischen Auftrag nennen könnte, der meinen parteiischen Ansatz ein wenig konterkarierte.

Der Reihe nach. Am vergangenen Freitag hatte ich das Vergnügen, der Partie zwischen den beiden anderen Vereinen der zweiten Liga beizuwohnen. Sie wissen schon, die, die anders sind, die ihr Stadion selbst gebaut haben auf der einen und die ihre bundes-und-darüber-hinaus-weiten Fans zu Rettern machten auf der anderen Seite. Bösartige Menschen würden von Kultvereinen sprechen. Wohlmeinende Menschen häufig auch, müssten sich aber die Frage gefallen lassen, wie wohlmeinend das beim 1. FC Union Berlin und beim FC St. Pauli (das „von 1910“ habe ich mir geschenkt, Namenspuristen mögen es mir auch in diesen Zeiten verzeihen) ankommt.

Ich bin für sowas ja in einem gewissen Rahmen durchaus anfällig. Für Vereine, oder deren Fans, die versuchen, ihre Identität und ihre Ideale zu bewahren, und es vielleicht auch ein Stück weit schaffen. Vereine und ihre Anhänger, die an der einen oder anderen Stelle an das gallische Dorf erinnen, ob sie nun damit kokettieren oder nicht, die eben tatsächlich das Stadion selbst umbauen oder eine explizit politische Fanszene haben, die auf dumpfes „Sieg“-Gebrüll verzichten (so es denn gelingt), die meinetwegen auch, um von den genannten Beispielen ein Stückchen wegzukommen, lauter radfahrende Studenten im Kader haben. Wenn ich sage, ich sei anfällig, dann meine ich, dass ich eine gewisse Grundsympathie entwickle, die in der Regel ungefähr so lange hält, bis man den Eindruck gewinnt, das Image verselbständige sich zu sehr, oder wie auch immer man es ausdrücken mag, wenn alles nur noch Kult ist und nichts mehr, oder zumindest viel zu wenig, Fußball.

Wie glaubwürdig so ein Image abseits des Sportlichen letztlich ist, hängt wie so oft an Menschen. An den Vereinsverantwortlichen, ein Stück weit, aber nicht nur. Es sind in nicht zu vernachlässigendem Maße andere Menschen, die letztlich das Image eines Vereins transportieren, die es vielleicht auch begründen. Menschen, die einem vermitteln können, warum sie „ihren“ Verein so lieben (ja, lieben), ohne überhaupt explizit sagen zu müssen, dass sie ihn lieben, und ohne dabei zu klingen wie eine mehr oder weniger gut gelungene Adaption von Nick Hornby. Mir scheint, Matti Michalke ist so einer. Dabei habe ich ihm nur ein paar Minuten zugehört. Am Freitag, ein paar Stunden vor dem Spiel zwischen Union und St. Pauli (ja, ja, Namenspuristen), in der Eisernen Botschaft, einem Etwas, das zum einen ein Fanclub, zum anderen dessen Clubraum, zum dritten ein Ausstellungsraum ist, und noch einiges mehr, was Steffi vom Textilvergehen schon vor vielen Monaten in viel mehr Worten als ich viel deutlicher auf den Punkt gebracht hat, noch dazu viel schöner und kenntnisreicher. Zurück zu Matti Michalke. Er führte uns, ein kleines Häufchen aus Fans beider Seiten oder, vielleicht auch und, des Fußballs im Allgemeinen, durch diese Eiserne Botschaft. Er war witzig, in anderem Kontext würde man vielleicht Parallelen zu einem Conférencier herausarbeiten, er war informativ, selbstironisch, manchmal schnoddrig und stets liebevoll, ganz besonders dann, wenn er Geschichten von alten Unionern zum Besten gab, oder von neuen oder jungen, Geschichten, die vielleicht gar nicht besonders lustig waren, zumindest nicht für die Betroffenen, und die doch so viel Respekt für die Protagonisten vermittelten, auch wenn man mal über sie lacht.

Nein, ich möchte Matti Michalke nicht heiraten. Dafür kennen wir uns dann doch zu kurz. Haben noch nicht einmal miteinander gesprochen. Und meine Spende war nun auch wieder nicht so groß (der einheimische Begleiter hatte mir keinen Geldautomaten vermitteln können), dass man sie als Mitgift ansehen könnte. Aber ich erlebte zweifellos eine bemerkenswerte halbe Stunde in der Eisernen Botschaft.

Wie ich dahin kam? Nun, das lag an anderen Menschen, deren Liebe zu Union man … und so weiter. Textilvergeher und Textilvergeherinnen, Sie wissen schon, nicht zum ersten Mal (wer echte oder vermeintliche Widersprüche entdeckt, hat auf den ersten Blick vielleicht recht). Der werte Herr @saumselig hatte ein Rundum-Sorglos-Paket arrangiert, inklusive historischer S-Bahn-Rundfahrt, Köpenicker Stadtrundgang mit Frau @rudelbildung und dem wunderbar allzeitgegenwärtigen @keanofcu, den @hoenower durfte ich auch erneut treffen, und erneut zu kurz. Nur das Treffen mit Frau @unrund kam quasi ungeplant zustande. Schön, das.

Genug des Namedroppings. Soll ja auch um Fußball gehen. Und um dieses wunderbare Stehplatzstadion, von dem wir gerüchteweise nicht wissen, wie es in wenigen Wochen oder Monaten heißen wird, und das ganz ohne Fankarte einen reibungslosen Wurstverkauf garantieren kann. Voll war’s an der Alten Försterei. Und angenehm, trotz einzelner Becherzweckentfremdungen, angesichts zweier Vereine, deren Fans nicht zu den üblichsten Verdächtigen zählen, wenn es um Ausschreitungen geht, und die nach meinem Eindruck auch nur halbherzig dementieren, wenn ihnen eine gewisse Seelenverwandtschaft nachgesagt wird. Schön gesungen haben sie, auf beiden Seiten, auch wenn ich, soviel Ehrlichkeit muss sein, die Einheimischen bei meinem ersten Besuch als sangesstärker und standardliedgutferner wahrgenommen hatte. Ersteres hatte zur Folge, dass der junge Mann hinter mir mehr Zeit zum Meckern hatte. Mir wär’s ja gar nicht so aufgefallen, aber sowohl er selbst als auch mein Nebenmann wiesen mich recht früh auf das hin, was mich erwarten würde. Sodass ich es dann doch wahrnahm. Angenehm unschwäbisch war’s.

Bemerkenswert war, nicht nur bei ihm, die lautstarke Schiedsrichterschelte allenthalben, als Mosquera möglicherweise elfmeterreif zu Fall gebracht wurde kam. Dass er vor dem Zweikampf alle Zeit der Welt gehabt hätte, den Ball quer auf Christopher Quiring zu spielen, der sich dann schon sehr ungeschickt hätte anstellen müssen, um nicht zu vollenden, trat indes völlig in den Hintergrund. Überhaupt, Quiring: Er allein brachte die Abwehr des FC St. Pauli in der ersten halben Stunde mehrfach in Verlegenheit, bis sich Jan-Philipp Kalla auf ihn eingestellt hatte und dann auch nichts mehr anbrennen ließ. Womit das Offensivspiel der Berliner quasi beendet war, da auch Parensen auf der anderen Angriffsseite nach einem ersten Strohfeuer kaum mehr Zug nach vorne entwickelte. Anders gesagt: in der ersten Hälfte wirkte St. Pauli defensiv ein wenig ungeordnet, doch Union schlug daraus kein Kapital. Danach setzten sich nicht nur die individuellen Stärken der Gäste durch, sondern auch der erfolgreiche Ansatz, der mit hüftsteif nicht sonderlich ungerecht beschriebenen Union-(Innen-)Verteidigung ein paar bewegliche und flexible Offensivspieler entgegen zu stellen (bzw. eher laufen zu lassen als zu stellen). Bartels, Kruse, Naki und auch Bruns wechselten häufig die Positionen, die Abwehr ließ sich herausziehen und öffnete der Gästeoffensive, die sich beim Nutzen der Gelegenheiten dann aber nicht mit übertrieben viel Ruhm bekleckerte, die Korridore für einfache Bälle in die Tiefe.

Die Unionanhänger um mich herum fanden sich dann auch recht frühzeitig mit der Niederlage ab – bei der Hereinnahme von Halil Savran in der 37. Minute, wenn man es genau nimmt – und diskutierten fürderhin vieles, was sich interessanterweise auch im jüngsten Texttonvergehen wiederfindet und was ich in ähnlicher Form auch schon bei der Tiefenanalyse am Graffito gehört hatte. Versteht keiner? Egal. Ich hatte Spaß und danke herzlich, auch den schwedischen Hipsters und dem unbekannten Evertonian.

Nach dem Spiel war vor dem Spiel

In der Tat, noch in der Nacht begann die Vorbereitung auf das samstägliche Bundesliga-Spitzenspiel zwischen dem VfB und Borussia Dortmund. Die nicht zuletzt darin bestand, alle verfügbaren Twitterclients mit Aktualisierungen und die Endgeräte mit Strom zu versorgen. Und bereits ein wenig zu beten, dass die guten Wünsche, die mir @saumselig später mit auf den Weg geben sollte, in Erfüllung gehen würden:

„Wünsche @heinzkamke immer eine Handbreit Netz unter dem Kiel beim Twittern für @zeitonlinesport

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wem der Wunsch Befehl sein sollte, aber ich weiß, dass er überhört wurde. So wie damals halt. Nun saß ich diemal also wenigstens auf der Pressetribüne, war auch rechtzeitig vor Ort, hatte das vor dem Spiel noch halbwegs verfügbare Mobilfunknetz genutzt, um ein disaster waitung to happen vorsichtig anzudeuten. Nebenbei verfluchte ich (ja, das tat ich) „meinen“ Verein, der den Medienvertretern und mir kein WLAN oder einen anderen verlässlichen Onlinezugang zur Verfügung stellt, und machte mich daran, zunächst noch zurückhaltend, später unter zunehmendem Verlust der Selbstachtung, Menschen mit einem Zugang zu besserer Infrastruktur um Teilhabe anzubetteln. Einzelheiten behalte ich für mich. Wie auch immer:  etwa 15 Minuten nach Spielbeginn – dem standardmäßig verspäteten Anpfiff sei Dank – stand eine recht verlässliche Verbindung, mein Fatalismus begab sich allmählich auf den Rückzug, und ich konzentrierte mich auf das Spiel. Oder, ehrlicher gesagt, auf den mehr oder weniger erfolgreichen Versuch, mehr oder weniger geistreiche Tweets, gerne auch mal platte Pointen zum Spielgeschehen abzusetzen, das ich eben deswegen nur mit einem Auge verfolgte, was irgendwie in ein Teufelskreischen (sic!) mündete.

Bisschen schade, ehrlich gesagt, wenn man hinterher zwar guten Gewissens in den Tenor all jener einstimmen kann, die betonen, dass die erste Halbzeit, nach der anfänglichen Duselphase, die beste VfB-Leistung der bisherigen Saison mit sich gebracht habe, gleichzeitig aber eingestehen muss, das ganze Hin und Her immer nur ausschnittsweise verfolgt und den Anspruch aufgegeben zu haben, die dahinter steckenden taktischen Kniffe zu erkennen und zu benennen. Dass Molinaro stark war, vor allem in der Offensive, konnte nun wirklich niemand übersehen, der Freistoßtrick ist ohnehin zur Genüge durchgekaut. Dass er übrigens wirklich gut war, sieht man ganz besonders an der Reaktion von Jürgen Klopp, der sich sehr beeilte, zu betonen, dass es sich ja doch eher um einen, wenn auch gut umgesetzten, alten Hut gehandelt habe.

Wenn ich mich kurz selbst zitieren dürfte, um meine Stimmung angesichts dieser ersten Halbzeit relativ knapp zusammenzufassen:

https://twitter.com/#!/zeitonlinesport/status/130289025775960065

Kam allerdings nicht überall so an, meine Stimmungslage. Nachdem ich zunächst noch die Sorge gehabt hatte, mich als „Twitterreporter“ eines Qualitätsmediums allzu offen zum VfB bekannt zu haben, entpuppte sich diese Befürchtung relativ rasch als unbegründet. Glaube ich zumindest, ganz sicher bin ich mir nämlich nicht, ob ich diesen Tweet eines Mitlesenden richtig interpretiert habe:

„Es nervt extrem wie parteiisch sie gegenüber dem VfB sind. Boah. Die führen 1-0 und beherrschen das Spiel. @zeitonlinesport

Gegenüber heißt hier schon eher gegen als für, oder? Das redete ich mir auf jeden Fall ein und bemühte mich fortan, etwas weniger gegen den VfB zu sein.

Fiel mir gar nicht so schwer, zumal die Stuttgarter nicht nur weniger begeisternd auftraten, sondern auch den Eindruck machten, jede Unterstützung gebrauchen zu können. Letztlich ging es nicht zuletzt deshalb dann doch ohne externe Hilfe, weil Sven Ulreich phasenweise groß aufspielte. Sicherlich hatte er in der einen oder anderen Situation ein wenig oder auch ein bisschen mehr Glück; mehrfach reagierte er jedoch schlichtweg überragend. Natürlich hätte er Neven Subotics Kopfball kurz vor Schluss kaum ausweichen können – der anschließende, beinahe artistisch anmutende Befreiungsschlag bot indes Anlass zur Legendenbildung. Hätte ich ja nicht gedacht, dass ich Ulreich hernach als den im Vergleich zu Weidenfeller nicht nur reaktionsstärkeren, sondern insgesamt souveräner wirkenden Torhüter bezeichnen würde.

Vermutlich müsste man sich nach diesem Spiel fragen, woran es lag, dass der VfB endlich wieder einmal entschlossen offensiv auftrat und dabei vor allem auch spielerisch zu gefallen wusste. Es ließen sich Überlegungen anstellen, die mit der offensiven Spielweise der Dortmunder zu tun haben, die auch dem noch nicht immer ausgereiften Stuttgarter Angriffsspiel viele Freiräume eröffnete, und auf der anderen Seite mit Götze und Kagawa, die ihre Mannschaft nach vorne führten, was mitunter auf beiden Seiten zu Lasten der defensiven Ordnung ging. Man könnte auch über die taktische Aufstellung philosophieren, über die Offensivleistung der Stuttgarter Außenverteidiger, über Hajnals wiedergefundene Kreativität.

Oder aber man freut sich einfach über ein wunderbares Fußballspiel und nicht zuletzt über zwei Trainer, die ihre Mannschaften bis weit in die zweite Hälfte hinein nach vorne trieben.  Klopp behielt das bis zum Abpfiff bei, Labbadia nahm am Ende doch das Tempo aus dem Spiel und brachte Gentner.

Das meinte ich übrigens mit den platten Pointen.

375 – 163g – 91u – 121v

Vor ein paar Tagen sagte ich Herrn nedfuller, dass es mich keineswegs überraschen würde, wenn der VfB „wieder einmal“ den Aufbauhelfer gäbe und einem Tabellenletzten den Weg zurück in die Tabelle ebnete. Und es ward.

Wieder einmal. Wieder einmal? Wenn man ehrlich ist, trifft das nur sehr bedingt zu. Seit der Saison 2000/01 traf der VfB 23 mal auf einen Tabellenletzten und ging in 11 Fällen als Sieger vom Platz. Sieben Unentschieden sind kein Ruhmesblatt, fünf Niederlagen ok: im Schnitt holte der VfB 1,74 Punkte pro Spiel, wenn man beim oder gegen das Schlusslicht antrat.  Deutlich besser als die gefühlte Bilanz, oder?

Gefühlt dürfte sie ohnehin bei allen schlecht sein, wie oft hört man jenes „das ist doch mal wieder typisch für [meinen Verein]!“, wenn die Mannschaft des Vertrauens gegen ein Kellerkind Punkte abgegeben hat. Klar, die Negativerlebnisse bleiben stärker im Gedächtnis haften, und doch bin ich wild entschlossen, jedem Schalker, der künftig dergleichen von sich gibt, ein feuriges „Unsinn“ entgegen zu schleudern. 15 von 25 Spielen haben sie gewonnen, nur deren fünf verloren, zwei Punkte pro Spiel errungen – ein Wert, der nur von drei Vereinen getoppt wird, deren Resultate von geringem statistischen Wert sind: Mainz hat immerhin sieben Spiele gegen den Letzten absolviert und bemerkenswerte fünf gewonnen, keines verloren, 2,43 Punkte geholt; Aachen und Unterhaching mit jeweils drei Punkten aus nur einem Spiel darf man indes komplett vernachlässigen.

Interessant noch Gladbach, das von seinen 15 Spielen nur vier verlor. Weil man gar nur drei gewann, hat die Borussia als Unentschiedenkönig mit 1,13 Punkten pro Spiel den schlechtesten Wert aller aktuellen Erstligisten. Der Zweitletzte aus Köln liegt mit durchschnittlich 1,33 Punkten aus ebenfalls 15 Spielen bereits deutlich besser, gefolgt von der Hertha, die in 20 Spielen1,50 Punkte pro Spiel erreichte. Letztlich auch nicht gerade brillant, wenn man bedenkt, dass es 20 mal gegen den jeweils schwächstmöglichen Gegner ging und nur acht mal ein Sieg heraussprang. Den absolut niedrigsten Wert erreicht der KSC, dem in drei Spielen gegen das Schlusslicht kein einziges Pünktchen vergönnt war. Die 0,75 Punkte, die Cottbus durchschnittlich in acht Partien erzielte, wirken im Vergleich dazu geradezu großartig.

Dass das alles mit sehr viel Skepsis zu betrachten ist, steht außer Frage. Möglicherweise wäre es aussagekräftiger gewesen, wenn man statt des Tabellenletzten die drei Vereine auf den Abstiegsrängen betrachtet hätte, und vielleicht auch erst ab dem fünften oder gar zehnten Spieltag, weil davor die Aussagekraft der Tabelle zu gering ist, was man auch mittels einer Gewichtung hätte berücksichtigen können, von Heim- bzw. Auswärtsspielen gar nicht zu reden, und so weiter und so fort. Ungeachtet dessen:

Spiele gegen den Tabellenletzten, 08/2001 - 09/2011

Aktuelle Bundesligisten sind gelb hervorgehoben, grün und rot drücken eine mehr oder weniger willkürlich vorgenommene Kategorisierung in besonders gute oder schlechte Werte aus.

Und da die Daten nun schon einmal vorlagen, habe ich mir noch kurz die Ergebnisse der Tabellenletzten angesehen. Der 1. FC Köln, der im betrachteten Zeitraum am häufigsten mit der Laterne in der Hand antreten musste, errang in 48 Spielen im Schnitt genau einen Punkt, die Hertha lag in ihren 31 Partien sogar knapp darunter. Unter der Einpunktgrenze lagen zudem, mit etwas weniger Versuchen, Bochum (23 Spiele / 5 Siege), Sankt Pauli (18/3) der SC Freiburg (14/2) und Aachen (1/0).

Gute Bilanzen haben hier ausschließlich Mannschaften vorzuweisen, die maximal 10 Auftritte als Schlusslicht hatten. Der HSV, Hannover und der VfB gewannen je sechs von zehn Spielen, Werder (2 Spiele), Bielefeld und Dortmund (je 1) tragen eine blütenweiße Weste. Überraschen kann das natürlich nicht: wer nur sehr wenige Spiele als Letzter bestritten hat, muss nun einmal erfolgreich gewesen sein, um die rote Laterne schnell wieder abzugeben.

Spiele als Tabellenletzter, 08/2001 - 09/2011

Kommen wir zum praktischen Nutzen.

Am Sonntag empfängt das Schlusslicht aus Hamburg den FC Schalke 04. Schalke hat nur eine von jeweils fünf Partien gegen einen Tabellenletzten verloren und drei gewonnen, ist also klarer Favorit. Der HSV wiederum hat von den 10 Partien, die er als Laternenträger bestritt, 6 gewonnen, ist also ebenfalls klarer Favorit.

Na dann.

Datenquellen: fussballdaten.de, weltfussball.de
Fehlerquelle: ich 

Wer den ersten Fehler macht

So sieht also ein perfekter Spieltag aus.

Alle Tabellennachbarn verlieren oder einigen sich auf ein Unentschieden, das keinem hilft, während der VfB – und hier sind wir an dem Punkt, wo es normalerweise hakt – tatsächlich die Gunst der Stunde nutzt und erstmals in dieser Saison mehr als zwei Punkte zwischen sich und die Abstiegsplätze legt.

Fühlt sich irgendwie gut an, auch wenn mich das am Wochenende etwas zu oft gelesene und gehörte „Stuttgart darf durchatmen“ ziemlich irritiert. Wenn man gegen den HSV und in Hoffenheim mindestens vier Punkte holt und die anderen so weitermachen, bin ich zum Durchatmen bereit, zuvor eher nicht. Schön, dass die Spieler das ähnlich zu sehen scheinen. Im Übrigen ist es mir natürlich wichtig, mit meiner Bayern-Illusion recht zu behalten.

Leider war ich kein Teil der allem Anschein nach recht beeindruckenden Stuttgarter Delegation, die die Mannschaft in Köln unterstützte. Vielmehr saß ich in der Fußballkneipe meines Vertrauens und hörte mir an, wie schlecht dieser Japaner doch sei, der lieber bei den Amateuren spielen solle, und dass man doch den Schipplock bringen müsse, und dieser Italiener – furchtbar. Alles wie gehabt, man kennt ja seine Pappenheimer.

Fernsehsport also. Mit Tom Bayer, der dann irgendwann Mitte der zweiten Hälfte, als das Spiel weitgehend gelaufen war, die Meinung vertrat, es sei abzusehen gewesen, dass die Mannschaft, die den ersten Fehler mache, in Rückstand geraten und das Spiel verlieren würde. Nun will ich nicht auf die Stuttgarter Erfahrungen mit Führungen eingehen, die Lauterer Wunden sind noch zu frisch, aber mal im Ernst: wenn es nach den billigen Fehlern ginge, wären wir so ungefähr mit einem 10:10 in die Pause gegangen. Wenn – und nun folgt eine unrecherchierte Beispielsammlung – selbst Hajnal mehr als einen Pass über fünf oder weniger Meter dem Gegner in die Beine spielt, wenn Christian Eichner in einer harmlosen Situation aus 8 Metern nicht in der Lage ist, den eigenen Torwart anzuspielen und statt dessen eine Ecke verursacht, wenn 6 (?) Stuttgarter zusehen, wie Lukas Podolski einen Freistoß an der Strafraumgrenze schnell ausführen und Christian Clemens allein auf den Weg zu Sven Ulreich schicken darf, dann fällt es mir schwer, eine Analyse ernst zu nehmen, die ernsthaft behauptet, man habe damit rechnen müssen, dass der erste Fehler das Spiel entscheide.

Natürlich war der VfB letztlich ein verdienter Sieger, natürlich kann man die erste Halbzeit so darstellen, dass man hinten auf beiden Seiten nichts anbrennen ließ, natürlich war die Steigerung nach der Pause unverkennbar, aber weit von Not gegen Elend war das doch nicht entfernt in Halbzeit eins, oder? Von den offensiven Slapstickeinlagen der Herren Harnik und Okazaki einerseits sowie Kuzmanovic andererseits gar nicht zu reden. So läuft das halt mitunter im Abstiegskampf, da herrscht Verunsicherung, da macht man auch mal leichte Fehler, damit kann ich leben. Aber ich möchte es bitte nicht implizit mit Spielen vergleichen wissen, bei denen sich taktisch bestens geschulte und auch entsprechend agierende Mannschaften gegenseitig neutralisieren, keine Torchancen, nicht einmal minimale Freiräume zulassen und tatsächlich auf den einen Fehler warten, auf die zwei Meter falschen Laufwegs, die die Chance zum Torabschluss eröffnen.

Wie auch immer: der VfB hat also die erste Unsicherheit in der Kölner Abwehr ausgenutzt, Träsch durfte 50 Meter durch das Mittelfeld laufen, und weil sich seine Mitspieler erfolgreich darauf beschränkten, ihre Gegenspieler zu binden, schoss er halt das 1:0. Gut so. Der Doppelschlag beruhigte ungemein, der geschenkte Elfmeter tat das Übrige – schön, dass Kuzmanovic mal die Ecke wechselte.

Wer war eigentlich der letzte Stuttgarter Rechtsverteidiger vor Khalid Boulahrouz, der in einem einzigen Spiel zweimal von der Grundlinie in die Mitte passte? Hinkel? In der Tat gab es, allen Stockfehlern, Befreiungsschlägen und Fehlpässen zum Trotz, und über den reinen Kampfgeist und Siegeswillen hinaus, eine Reihe ansehnlicher Aktionen zu verzeichnen. Cacau setzte die Kollegen verschiedentlich schön in Szene, Hajnal ohnehin, in der zweiten Halbzeit bewegte auch Molinaro auf der linken Seite das eine oder andere, und Träsch hat das Formtief, das die Stuttgarter Zeitung noch am Spieltag mit der Kapitänsbürde in Verbindung brachte, mit der Binde in der Tat wieder abgegeben – ohne dass ich die Kausaliätät so sehen würde.

Gentner und Delpierre wurde zum Schluss von Bruno Labbadia vor Augen geführt, dass sie zur Mannschaft gehören, Schipplock durfte etwas länger ran, ohne allerdings das Vertrauen des Kneipenkrakeelers in Gänze zu rechtfertigen. Egal. Er hat sein Tor am Millerntor gemacht, das ist mehr, als ich mir je von ihm erhofft hatte. Wäre schön, wenn St. Pauli trotzdem vor Wolfsburg bliebe.

Dreizehn

Wenn ich mich kurz zitieren dürfte
(Sonntag, früher Abend, Fußballkneipe meines Vertrauens):

„Was ist denn das für ein Scheißball, den Hajnal da spielt? Halbhoch, als Aufsetzer, dann noch halb in den Rücken, was soll Kuzmanovic denn mit sowas anfangen?“

 

„Wie jetzt? Schon wieder den Schipplock? Labbadia scheint ja wirklich viel von ihm zu halten, wenn ich nur wüsste, wieso. Vor dem Tor fehlt ihm jegliche Überzeugung. […]

Ob ich schon ein gutes Spiel von Schipplock gesehen habe? Nein. Weder in der Bundesliga noch bei den Amateuren, aber da bin ich auch zu unregelmäßig.“

So ist das halt mit den Fußballlaien vor dem Fernseher, meinetwegen auch im Stadion, denen es am nötigen Sachverstand mangelt. Der VfB hat in St. Pauli mit 2:1 gewonnen, die Tore erzielten Kuzmanovic – nach Traumpass von Hajnal – und Schipplock. Jetzt ist man 13., und das macht mir Angst. Schließlich haben es alle schon immer gewusst. Der VfB hat einen viel zu starken Kader, um abzusteigen. Es war eine Frage der Zeit, bis man die Abstiegsplätze verlässt, noch dazu vor dem Hintergrund der erfolgreichen Rückrunden der vergangenen Jahre. In wenigen Wochen wird man auf einem einstelligen Tabellenplatz stehen. Hätte Udo Lattek vermutlich schon im Doppelpass gesagt, wenn der VfB am Samstag gespielt hätte.

Ja, ich übertreibe. Sowohl Fredi Bobic als auch Bruno Labbadia ließen nach dem Sieg eine gewisse Demut durchblicken. Zurecht, denn was der VfB ablieferte, war dem Grunde nach deutlich zu wenig. In der ersten Halbzeit zeigte man zehn Minuten lang, dass es auch anders geht, konnte ansonsten aber froh sein, dass die Gastgeber ihre Freiräume nicht zu mehr Toren nutzten. In Halbzeit zwei waren dann beide Mannschaften im Grunde zu harmlos, um die gegnerische Abwehr ernsthaft in Gefahr zu bringen. Auf Stuttgarter Seite hätte am ehesten einer der Freistöße von Kuzmanovic oder Gebhart den Weg ins Tor finden können, doch St. Pauli hatte einen Torwart aufgeboten.

Der allerdings den Siegtreffer des VfB nicht verhindern konnte. Das hätte wohl Thorandt übernehmen müssen, der Schipplock ungestört schießen ließ. Von daher war es vielleicht ganz gut, dass Schiedsrichter Kinhöfer Thorandt zuvor nicht vom Platz gestellt hatte. [Edit: Über Herrn Kinhöfer, der aus meiner Sicht schon deutlich schlechter gepfiffen hat, und das nicht selten, gibt es unterschiedliche Meinungen.]

Was macht eigentlich Boka? Nachdem der bereits zuvor angeschlagene Molinaro nach einem eigenen Foul nicht mehr weiterspielen konnte, übernahm Celozzi hinten links. Es ging gut. Aber auf lange mittlere kurze Sicht treibt mir diese Lösung Sorgenfalten ins Gesicht. Genau wie der VfL Wolfsburg, der macht mir auch Sorgen. Bei einem Trainerwechsel hin zu einem „Feuerwehrmann“ (als der sich Hans Meyer möglicherweise gar nicht gerne bezeichnet sehen wollte) würden sie nicht geringer.

Wobei: die würden doch bestimmt nicht DREI! Trainer! in! einer! Saison! verschleißen.

Disaster Recovery

Nein, kein wirklicher IT-Notfall, keine Wiederherstellung. Eher ein persönliches Desaster war das am Samstag, von dem ich mich so langsam wieder erhole.

Der eine oder die andere hat vermutlich mitbekommmen, dass ich das Spiel des VfB gegen Schalke für die Sportredaktion von ZEIT ONLINE twitternd begleiten sollte, sozusagen live aus der gefühlten Cannstatter Kurve. Aparter Gedanke, fand ich. Dumm nur, dass die Netzverfügbarkeit dort während eines Spiels nicht immer gewährleistet ist. Dass Bandbreite kein öffentliches Gut ist, liegt offensichtlich nicht nur an der Ausschließbarkeit, sondern auch an der Rivalität. Zu viele Menschen in der Kurve.

Hätte man auch vorher wissen können? Ja, hätte man. Wusste man sogar. Ein Stück weit. Mir war von früheren Spielen klar, dass das Netz mitunter sehr schlecht ist und der eine oder andere Tweet etwas länger braucht. Was ich meist auf meinen Anbieter geschoben hatte, weil ich Menschen mit anderen Geräten erfolgreicher hantieren sah. Also bewegte ich mich mit zwei verschiedenen Mobiltelefonen in zwei verschiedenen Netzen durch das Stadion; mein Stadionnachbar steuerte zur Sicherheit noch ein drittes Netz bei. Als Notfallplan bestand, das redete ich mir zumindest ein, die Option, Tweets per SMS an die Redaktion zu senden, die dann damit machen würde, was sie für richtig hielte.

Was soll ich sagen? Pustekuchen! Bis kurz vor Spielbeginn klappte die Twitterei noch ganz ordentlich, wenn man von der seelischen Belastung absieht, die am Vormittag durch ein zersplittertes Display entstanden war und noch immer anhält. Das änderte sich relativ rasch, nach wenigen Spielminuten funkte ich bereits SMS. Die erste Kurznachricht kam noch durch, danach ging buchstäblich nichts mehr. Keine Timeline. Keine Tweets. Keine SMS. Weder bei Alice. Noch bei Vodafone. Noch beim großen T. Ich war wohl ein wenig verzweifelt. Wenn mir vielleicht jemand bei Gelegenheit erzählen könnte, was sich auf dem Spielfeld ereignete?

Nach der Pause entspannte sich die Situation ein wenig und es gelang mir, einige SMS-Tweets abzusetzen. Ob sie allerdings in der Redaktion angekommen waren und es in die Timeline geschafft hatten, erfuhr ich erst nach dem Spiel, von Interaktion und der Reaktion auf @-Replies will ich gar nicht reden. Den Rest des Tages verbrachte ich mit der Decke über dem Kopf im Bett.

Ach so, ich könnte ja noch einen Satz zum VfB sagen. Oder zu Herrn Dr. Brych, auch wenn dazu längst alles gesagt ist, mit unterschiedlichen Nuancierungen. Die Forderungen nach einem Platzverweis für Pogrebnyak halte ich für hanebüchend (sic!), aber ein Foul war’s auch aus meiner Sicht. Das Handspiel hätte ich wohl nicht gegeben, aber zumindest in einem Punkt bin ich beim Schiedsrichter: wenn er das Handspiel pfeift, muss er nach meinem Regelverständnis auch Rot ziehen, unabhängig davon, wie er (oder auch ich) zu dieser Regel steht.

Wie auch immer: Kuzmanovic traf, das Spiel war entschieden. Was man aber erst hinterher wusste. Als Stuttgarter hätte man sich natürlich gewünscht, nicht bis zum Abpfiff zittern zu müssen. Scheint mir bei 75-minütiger Überzahl nicht gänzlich vermessen, auf etwas überlegtere Angriffe zu hoffen, vielleicht sogar auf ein zweites Tor, das ja in einigen wenigen Situationen tatsächlich in der Luft lag. Immerhin erhielt so die Abwehr die Gelegenheit, ihr ramponiertes Image etwas aufzupolieren. Insbesondere Georg Niedermeier, angesichts dessen Aufstellung reichlich Kopfschütteln herrschte, wünsche ich, dass ihm das Spiel das nötige Selbstvertrauen für die nächsten Spiele gibt. Und dass Sven Ulreich kurz vor Schluss den Sieg festhielt zur Ecke rettete, wird ihm auch nicht schaden. Zumindest hat man mir das so erzählt.

Fast vergessen: die Balakov-Huldigung (beinahe hätte ich Ballack geschrieben, so präsent ist er derzeit in der öffentlichen Diskussion um Kaisers Bart) der Kurve war großer Sport, das „Magath raus“-Plakat im Schalker Block für den neutralen Beobachter zu diesem Zeitpunkt auch, die Stuttgarter Reaktion („Ohne Magath habt Ihr keine Chance“), nun ja, unerwartet. Man konnte zu dem Schluss kommen, Magath habe den VfB, bei dem er sehr erfolgreich gearbeitet hatte, seinerzeit in bestem Einvernehmen verlassen.

Nächstes Wochenende bietet die Partie bei Sankt Pauli die Gelegenheit, erstmals wieder am Ende eines Spieltags die Abstiegsplätze zu verlassen, aus eigener Kraft. Ähnliches werden sich alle anderen Abstiegskämpfer sagen, die in den nächsten Wochen ebenfalls ständig auf direkte Konkurrenten treffen – Kunststück, wenn die halbe Liga taumelt.

Ich glaube nicht, dass die Mannschaft stark und vor allem gefestigt genug ist, eine Serie zu starten, die es ihr erlaubt, in fünf oder sechs Wochen relativ entspannt auf  „die da unten“ zu schauen, glaube vielmehr, dass es noch eine Reihe von Rückschlägen und das damit einher gehende Auf und Ab zu beklagen geben wird. Aber ich glaube wieder fest an die Aufs, was zuletzt nicht immer der Fall war, und bin zuversichtlich, dass es gelingen kann, vor dem letzten Spieltag den Klassenerhalt zu sichern. Würde die Partie in München aus Stuttgarter Sicht deutlich entspannen. Und man könnte gelassen abwarten, ob die Bayern die Qualifikation noch schaffen. Wofür auch immer.

Bis dahin dürfte ich auch das samstägliche Desaster verarbeitet haben.

Ohne Fünfe fahr'n wir nach Katar!

Sie erinnern sich?

Vor wenigen Tagen hatte ich hier ein kleines Spielchen begonnen und mir überlegt, wen ich für ein elfjähriges unkündbares Engagement in der Bundesliga verpflichten würde.

Sie können es nicht mehr hören? Das tut mir leid, das Echo hat auch mich überrascht. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die geschätzten Damen und Herren Fußballinteressierten, bzw. wenn mich nicht alles täuscht, handelt es sich durchgängig um Herren, so viel Spaß an Listen haben.

Mir sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt 21 22 solcher Listen bekannt. Der Großteil entstammt dedizierten Blogbeiträgen, einige weitere wurden in den Kommentaren verschiedener Blogs erstellt. Ich habe sie mit großem Interesse gelesen und mich insbesondere an den jeweiligen Kurzbegründungen erfreut, die so manche Perle bargen.

Insgesamt wurden 60 Vereine genannt, von denen nicht alle auf eine glorreiche Bundesligageschichte zurückblicken können. Einige haben nie erstklassig gespielt, einzelne meines Wissens nicht einmal zweitklassig, bei anderen spielte sich die Erstligavergangenheit in der DDR-Oberliga ab. Genau ein Verein mit Oberligavergangenheit schaffte übrigens den Sprung in die konsolidierte Wunschliste.

Die meisten Listen berücksichtigen zahlreiche Vereine aus der Spitzengruppe der „ewigen“ Bundesligatabelle,  einige gewichten regionale Aspekte außergewöhnlich hoch, andere rücken die Ablehnung von Vereinen, die man im wahren Leben vielleicht als „neureich“ bezeichnen würde, etwas stärker in den Fokus. Mit Holstein Lübeck soll einer der genannten Kandidaten erst im Jahr 2015 gegründet werden, die Rücknahme der Fusion zwischen der SpVgg Fürth und dem TSV Vestengergsgreuth wird angeregt und Tasmania Berlin soll wiederbelebt werden.

Aus der aktuellen ersten Bundesliga qualifizieren sich nach bisherigem Stand 13 Vereine für die Wunschliga, von denen [edit:] keiner in allen Listen genannt wird. Bayern und der HSV haben 21 Stimmen, dem 1. FC Köln fehlen zwei Stimmen zur Vollständigkeit, Dortmund deren drei, dem SV Werder und Schalke je vier. Gleichauf mit Borussia Mönchengladbach und dem VfB, die jeweils 16 mal genannt wurden, sind bereits die ersten unterklassigen Vereine: der VfL Bochum aus Liga 2 und Drittligist Eintracht Braunschweig. Insgesamt sind neben den 13 Erstligisten drei Vereine aus der zweiten und zwei aus der dritten Liga vertreten.

Nicht für die Erste Liga qualifiziert wären der aktuelle Champions-League-Kandidat Hannover 96 (5 Stimmen), Uefa-Cup-Kandidat Mainz (3) und der FC St. Pauli (4), die wohl in vielen Köpfen eher als Zweitligisten gelten. Wolfsburg und Hoffenheim wurden in keiner der mir bekannten Listen genannt. Die Abneigung gegen Werks- oder Retortenclubs war bei den Beteiligten offensichtlich deutlich stärker ausgeprägt als die gegenüber dem jeweiligen Erzrivalen, die zwar oft thematisiert wurde, aber nur selten dazu führte, dass der Lieblingsgegner außen vor blieb.

Die 18 Bundesligisten für die Zeit vom Sommer 2011 bis zum Sommer, Winter, Herbst oder vielleicht auch Frühling 2022 lauten demzufolge:

Bayern München
Hamburger SV
1. FC Köln
Borussia Dortmund
Werder Bremen
Schalke 04
VfL Bochum
Eintracht Braunschweig
Borussia Mönchengladbach
VfB Stuttgart
1. FC Kaiserslautern
Fortuna Düsseldorf
1. FC Nürnberg
1860 München
Eintracht Frankfurt
Bayer Leverkusen
Dynamo Dresden
SC Freiburg

Wer möchte, darf mich wegen der unvollständigen Vereinsnamen gerne beschimpfen.

Die vollständigen Ergebnisse lassen sich mit etwas gutem Willen dem folgenden Dokument entnehmen:

[scribd id=50017301 key=key-xc86sug0snsyp1alrws mode=list]

Bei den 15 bzw. 17 Stimmen von Reeses Sportkultur bzw. Mahqz vom Rhein-Wupper-Express handelt es sich nicht um ein Versehen meinerseits, die 19 Stimmen beim Übersteiger sind diskutabel, aber begründet, und den Verzicht auf Greuth habe ich ignoriert.

Keineswegs übergehen möchte ich schließlich noch die zwei expliziten Zweitligalisten im Stehblog und bei mir in den Kommentaren, von Oliisoaho. (Im Schatten der Tribüne ist die zweite Liga uneindeutig besetzt.)

Meine 18 bis Katar

Wer hier gelegentlich mitliest, weiß möglicherweise, dass ich nicht allzuviel davon halte, wenn jemand meint, die „bessere Mannschaft habe verloren“. Wer mehr Tore erzielt hat, darf bei einer Sportart, deren Ziel darin besteht, genau dies zu tun, in meinen Augen immer als die bessere Mannschaft gelten, eben weil sie dem Ziel des Spiels in höherem Maß gerecht wurde. Kann man drüber diskutieren, ich weiß.

Noch viel weniger halte ich von Begriffen wie „Zufallsmeister“, oder davon, dass eine Mannschaft unverdient in der Bundesliga sei, dort vielleicht gar nicht hingehöre. Wer sich sportlich qualifiziert, gehört dort auch hin. Ohne Wenn und Aber. Nein, nicht ohne Wenn und Aber. Natürlich muss er auch nach den Regeln gespielt haben, darf also keinen Lizenzbetrug oder andere Tricksereien begangen haben.

Und doch, das gebe ich zu, ist da dieser Fußballromantiker in mir. Dem Eintracht Braunschweig deutlich näher steht als die TSG Hoffenheim. Der die 60er gerne wieder oben sähe. Der sich den SV Meppen zurück in die 2. Liga wünscht. Der den 1. FC Magdeburg nicht in der vierten Liga sehen möchte.

Gerade in diesen Wochen des Abstiegskampfes auf allen Ebenen hört man nicht selten die geschichtsbewussten Präferenzen der Fans heraus, wenn sie ihre Wünsche für die kommende Saison formulieren. Der Trainer möchte Wolfsburg nicht mehr oben haben, der Stadtneurotiker zudem auf den VfB verzichten. Jon Dahl, der hier regelmäßig kommentiert, dürfte neben Wolfsburg auch Hoffenheim sowie vermutlich Schalke den Abstieg wünschen, und manch einer beschwört vielleicht die Tradition von Duisburg herauf, die jene von Leverkusen weit in den Schatten stelle. Oder so.

Wenn ich nun einmal für ein paar Minuten unterstelle, das Leben wäre ein Wunschkonzert, und ich könnte mir eine erste Bundesliga nach völlig willkürlichen tendenziell nostalgischen Kriterien zusammenstellen. Oder müsste es sogar, ohne Abstieg, closed shop, festgeschrieben auf 11 Jahre (also bis Katar, weil danach die Fußballwelt ja ohnehin eine ganz andere ist). Wenn ich weiter unterstelle, dass alle Vereine mit sportlich wie finanziell vergleichbaren Voraussetzungen in diese Phase gingen, wenn also beispielsweise Blau-Weiß 90 Berlin nicht von vornherein nur Kanonenfutter für die Bayern und viele andere wäre, dann könnte meine Bundesliga so aussehen:

VfB
Gerade in diesen Wochen wäre es mir besonders wichtig, die Erstklassigkeit auf Dauer zu sichern, gegebenenfalls auch mit einer Lex MV. Zumal man schon diese schönen Schals hat drucken lassen…

Bremen
Äh, irgendwie wird grad die obige Argumentation konterkariert. Egal. Völler. Bratseth. Kutzop. Rufer. Nora Tschirner. Lauter schöne Erinnerungen. Und Frings wird ja auch nicht mehr so lange…

Duisburg
Meiderich. Zebras. Allein schon von den Namen her kann da keiner mithalten. Dann noch Michael Tönnies, 5 Tore gegen den Kahn’schen KSC. Und das Zebrastreifenblog soll erstklassig werden. [Edit: ist es natürlich längst.]

Schalke
War mir nur selten so richtig sympathisch. Spielte aber schon bei Elf Freunde müßt Ihr sein eine tragende Rolle. Der Trikotfarbe wegen. Vielleicht wirklich ein Mythos, wenn ich bloß das Wort besser leiden könnte.

HSV
Ernst Happel. Kevin Keegan. Juve 83, Juve 2000. Und ja, das Wappen hat was. Dino natürlich. Nur die Namenswechsel sind mir ein Dorn im Auge. Ich bleib dann doch beim traditionellen AOL-Arena.

BVB
Das Stadion. Zur Meisterschaft 95 war ich vor Ort und ging wegen eines Mädels nicht ins Stadion. Mannmannmann. Wolfgang Feiersinger. Ich sehe Typen in Nadelstreifen. Kevin Großkreutz.

Leverkusen
Nahezu zeitgleich mit mir in die Bundesliga ein- und danach nie mehr abgestiegen. Europapokal 1988 und 2002. Spielte im 10-Jahres-Vergleich den aus meiner Sicht attraktivsten Fußball. Traditionsverein.

Bochum
Unabsteigbar war ein wunderbares Wort. Gerland. Tenhagen. Woelk. Lameck. Wosz. Edu. Frank Schulz‘ Haarpracht. Faber.

Bayern
Rekordmeister. Abteilung Attacke. Rummenigge (als Spieler). Kobra Wegmann 1988. Roland Wohlfarth. Mic und Mac. Pfaff gegen Saloniki. Pfaff gegen Reinders. Aushängeschild.

Düsseldorf
„Fortuna“ gefällt mir. Die Allofs-Brüder. Hans Krankl 1979. Mein erstes bewusst erlebtes DFB-Pokalfinale 1979: Seel. Pattex. Gerd Zewe. Gefühlt fanden alle Länderspiele der 70er und 80er im Rheinstadion statt.

Braunschweig
Günther Mast. Trikotwerbung. Ronnie Worm, ein früher Lieblingsname. Breitner in der Provinz. Merkhoffer. Franke. Gelb-blau fand ich schick.

Gladbach
Allan Simonsen. Mein erstes TV-Europapokalerlebnis: Gladbach gegen Clemence. Tiger Effenberg. Dahlin und Herrlich. Bökelberg.

Köln
Mochte ich nur in Etappen (ansatzweise), aber sie gehören dazu. Für das Double 78 war ich etwas zu spät dran. Latteks blauer Pullover. Die Krankenhaus-PK.

1860
Die Derbies. Riedl. Wildmoser. Lorant. Pacult (als Spieler). 38000 in der Oberliga. Wenzel Halama, auch ein Lieblingsname. Rudi Völler gegen Düsseldorf. Und vom Hörensagen immer wieder Brunnenmeier.

Rostock
Wichtig für die gesamte Region. Ach was, für den ganzen Osten. Da hängen Existenzen dran.  Erster Tabellenführer 1991/92. Mit Florian Weichert. Am letzten Spieltag Frankfurt geschlagen. Beinlich.

Freiburg
Die hatten 1980 ein Jubiläumsspiel bei meinem Heimatverein. Ich hab noch Autogramme, u.a.  von Wienhold und Löw. Markus Löw. Die großen drei: Golz, Schopenhauer, Finke. Der Kanzler. Decheiver und Cardoso. Dutt.

Nürnberg
Zabo. Hab ich als Kind irgendwo gelesen. Udo Klug. Kargus, Lottermann, Weyerich, Höher, Schmelzer. Aro. Hansi Dorfner. Thomas Brunner. Mintal. Gerland, Sané und Eckstein in Rom.

Kaiserslautern
1998. Ratinho. Kokolores. Betzenberg. 7:4. Toppmöller. Hany Ramzys Verletzung. Wackelkandidat.

Ja, da gibt es Härtefälle. Die Frankfurter Eintracht, zum Beispiel, mit der ich trotz phasenweise großer Bewunderung nie richtig warm wurde. Détári war phänomenal, Bein und Yeboah auch. Zu Bernd Schneiders Zeiten wohnte ich sogar in Frankfurt und ging dennoch nie ins Stadion. Sankt Pauli mag ich, und doch sind sie in meiner Wahrnehmung stärker in der zweiten Liga verankert. Mag am gut gepflegten Underdog-Image liegen. Hertha war nie so mein Verein. Kliemann und Sziedat waren mir als Kind unsympathisch, keine Ahnung wieso, Beer war ok. Vielleicht hatte es ja auch damit zu tun, dass Heini, Matze und die anderen nicht für Sobeks Hertha waren, sondern für die Störche. Hoffenheim hätte ich bis zur Gustavoposse vermutlich Kaiserslautern vorgezogen, weil mir die Arbeit von Dietmar Hopp tatsächlich imponiert. Selbst die von Ralf Rangnick, auch wenn ich ihn nicht mag. Wolfsburg ist seit fast 15 Jahren ununterbrochen in der Bundesliga, hat in jeder Hinsicht vieles probiert, manches ist (vorzüglich) gelungen. Scheitert aber wie Hannover, der niedersächsischen Quote wegen, an Braunschweig. Mainz, klar – beliebt und attraktiv. Bei mir auch, und selbst Andersens Entlassung war alles andere als naiv. Bauchentscheidung. Bielefeld existiert. Das reicht aber nicht, trotz Lienens Oberschenkel und Ali Daei. Union Berlin, der Stadionumbau, all das ist mir sehr sympathisch. Und in der zweiten Liga gut angesiedelt, finde ich. Lok Leipzig klingt unglaublich gut, die Stadt mag ich sehr, meine Neugierde gegenüber dem Konzept Red Bull ist zwar groß, aber dann doch nicht ausreichend. Wenn sich der KFC wieder in Bayer Uerdingen umbenennt, hat er eine Chance. Wegen der 80er. Der KSC hat sich’s bei mir mit dem 0:5 gegen Brøndby versaut. Zwar könnte ich noch eine Weile weitermachen; Härtefälle im engeren Sinn sind Waldhof, Dresden, Unterhaching, Darmstadt und all die anderen wohl eher nicht. Außer Cottbus.

Willkürlich? Ja. Inkonsequent? Ja. Widersprüchlich? Vielleicht. Ungerecht? Ganz bestimmt.

Mach’s anders!

Die Rechtschreibtrainer von der Uefa

Die Uefa lässt sich ja immer mal wieder was einfallen. Daher überrascht es nicht, dass man in Nyon eine Orthographie-Initiative ins Leben gerufen zu haben scheint. Weshalb fehlerhafte Banner und Plakate bei Europapokalspielen nicht mehr geduldet werden. Wenn also jemand beispielsweise versehentlich „Kaze“ statt „Katze“ schreibt, sind die Ordner, die hierfür ein spezielles Dudentraining durchlaufen haben, verpflichtet, die besagten Banner zu entfernen.

So hatten wir gestern in Stuttgart den Fall, dass ein aufmerksamer Ordner, von dem wir leider nicht wissen, ob er selbst darauf aus war, die Kenntnisse aus besagter Fortbildung umzusetzen, ob er einen Hinweis seitens der ebenfalls sensibilisierten Vereinsführung erhalten hat, oder ob er gar von den stets aufmerksamen Aufsichtsgremien auf den Fehler aufmerksam gemacht wurde, dass also dieser Ordner rechtzeitig vor Spielbeginn ein Banner entfernte, das offensichtlich ein t zuviel enthielt:

„Mit Euch gehen wir vor die Hundte!“

Mir persönlich ist noch nicht ganz klar, wer mit „Euch“ gemeint ist und wer weshalb vor die Hunde gehen sollte, aber irgendwie scheint man hier, so sehr ich orthographische Korrektheit schätze (ohne sie selbst stets liefern zu können), ein wenig über das Ziel hinaus geschossen zu sein. Dies schienen auch die Beobachter der Aktion so zu sehen, deren Reaktion zwischen Belustigung, Verärgerung und Fassungslosigkeit schwankte. Ich zählte zu letzteren.

Manch einer ging sogar so weit, Verschwörungstheorien zu entwerfen, denen zufolge es gar nicht um orthographische Gesichtspunkte gegangen sei, sondern vielmehr um den Versuch, den Anschein von Kritik an der Vereinsführung aus dem Stadion zu verbannen. Besonders wagemutige Zuschauer wagten gar die These aufzustellen, es habe sich nicht einmal um eine Maßgabe der Uefa gehandelt, sondern um eine Wahrnehmung des Hausrechts seitens des VfB.

Nun, ich weiß nicht, welches die wirklichen Hintergründe sind. Ok, den Orthographieansatz halte ich nicht für allzu wahrscheinlich. Dass die Uefa keine kritischen Äußerungen sehen will, erscheint indes nicht sonderlich weit hergeholt, wenn man das sonstige Gebaren größerer Sportverbände als Vergleichsmaßstab wählt. Könnte also sein. Früge man mich, was ich davon halte, würde ich wohl so etwas wie „lächerlich“ sagen. Sollte indes der VfB eine entsprechende Direktive ausgegeben haben, tendierte ich dann doch eher zu armselig.

Ach, Fußball wurde natürlich auch gespielt. Bisschen schade, dass beide Mannschaften ohne Sturm angetreten waren, Getafe noch dazu ohne Motivation. Der VfB hatte sich im Mittelfeld, speziell auf den Außenbahnen, der Entschleunigung verschrieben, was ich nur bedingt mit Jens Kellers Anliegen, schneller umschalten zu lassen, in Einklang bringen kann. Ganz offensichtlich hat Christian Gentner keinerlei Vertrauen in seine eigene Schnelligkeit, möglicherweise gepaart mit Misstrauen seinem linken Fuß gegenüber, sonst würde er wohl kaum jede Gelegenheit zu einem zügigen Angriff abbremsen. Ich bleibe dabei: in einem System mit Doppelsechs, das nach meinem laienhaften Verständnis agile, dribbelstarke Außenspieler mit mindestens einem Hauch Stürmerblut erfordert, ist Gentner eben dort eine Fehlbesetzung.

Mauro Camoranesi war nicht wesentlich stärker, einige gute Bälle waren dabei, aber auch lässige Ballverluste. Manche meinen, er sei noch schwächer als Gentner gewesen. Zu diesen zählen sicherlich auch all jene, die ihn auspfiffen, als er eine vermeintliche Konterchance abbrach, bei der er gemeinsam mit zwei anderen Stuttgartern auf eine sechsköpfige Defensive zulief. Mag sein, dass ich mich zu sehr am Machbaren orientiere und zu selten an das Unmögliche glaube, aber ganz ehrlich: genau diese Übersicht hatte ich mir von Camoranesi erhofft. Natürlich würde ich mir auch noch mehr Effizienz, mehr Gefahr über seine rechte Seite wünschen – aber wenn er an der einen oder anderen Stelle ein bisschen Vernunft ins Spiel bringt, ist das auch schon mal nicht schlecht.

Der VfB hat gewonnen, es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn man die nächste Runde im Uefa-Cup verpasste, man musste nicht an seine Grenzen gehen, konnte sogar einzelne Spieler ein wenig schonen, die Null stand, ebenso die Innenverteidigung, die Außenverteidiger machten ihre Sache ordentlich, Boka phasenweise mehr als das, Träsch und Kuzmanovic waren Herren der Lage.

Ob das am Sonntag gegen den FC St. Pauli, der sich im Gegensatz zu Getafe wohl nicht erst in den letzten 20 Minuten bemühen wird, den Eindruck von Lustlosigkeit zu verwischen, reichen kann, werden wir sehen. Jens Keller hat wohl bereits daran erinnert, dass auf den letzten Europapokalheimsieg gegen YB das 7:0 gegen Gladbach folgte. Mir würde ja schon ein 1:0 reichen. Andernfalls wird der gestrige Sieg weder dem VfB noch Keller selbst sonderlich viel geholfen haben. Und mal ehrlich: wer will im November schon wieder Hundtstage erleben?

Klostrabacher Alpirs… (II)

Die Fußballbloggertreffenstädtereise ging weiter. Von München aus führte mein Weg direkt nach Berlin, wo ich im Auftrag des Berliner Kurier den werten Kollegen @bunkinho unterstützen sollte, den Klassenerhalt des FC Union endgültig zu sichern. Oder so ähnlich.

Von vorne: Nachdem bei meinem ersten Treffen mit dem geschätzten Herrn @saumselig vom Textilvergehen (damals noch ohne schicke Visitenkarte) ein besonderes Highlight den anschließenden beruflichen Termin ein wenig erschwert hatte, meinten es sowohl der eigene Terminplan als auch ILOG diesmal deutlich besser: ich hatte Zeit, und Union ein Heimspiel.

Noch dazu war das Wetter gut, sodass einer Spielvorbereitung zu Wasser nichts im Wege stand – @saumselig hatte für mich einen Platz auf einem der Boote ergattert, die ganz Union, ein paar Bielefelder und eben mich nach Köpenick schipperten. „Ganz Union“ umfasste für mich, neben vielen anderen singenden Menschen, ganz konkret die mitreisenden @rüpel und @hoenower sowie @rudelbildung, @bunkinho und @NuSajaz auf den anderen Booten, während ich mit dem verhinderten @spielbeobachter, mit @keanofcu und der nicht zwingend Union zuzurechnenden @Maria_Berlin immerhin in der gleichen Stadt, später gar im selben Stadion war und per Twitter austauschte.

Genau. Das Stadion. Hatte für mich etwas sehr viel Amateurhaftes. Also was zum Liebhaben, meine ich. Wie bereits angedeutet, hatte mir die Sportredaktion des Berliner Kurier einen Pressezugang ermöglicht, sodass ich mich recht frei im Stadion bewegen und mir alles -unter kundiger Führung von @saumselig- ganz genau ansehen konnte – natürlich das Stadionbauerdenkmal, die Anzeigetafel, den, hm, ungewöhnlichen Spielertunnel, die ebenso ungewöhnliche Mixed Zone, undsoweiterundsoweiter. War schön.

Vielleicht sollte ich zwischendurch erwähnen, dass ich Berichten über „etwas andere“ oder auch Kultvereine durchaus zurückhaltend gegenüber stehe und auch Bezeichnungen wie „Magischer FC“ oder „1. FC Wundervoll“ eher reserviert zur Kenntnis nehme, egal ob man dort im Training Schopenhauer zitiert, eine explizit politische Fanszene hat oder eben sein Stadion selbst baut. Nicht dass ich die jeweiligen Leistungen klein reden wollte, weit entfernt – letztlich müssen sich jedoch auch diese Vereine im sportlichen Wettbewerb beweisen. Mag sein, dass sie auch mit Misserfolg anders umgehen – völlig abnabeln von sportlichen Kriterien können sie sich gleichwohl nicht. Holger Stanislawski hat sich in den letzten Monaten, soweit ich das verfolgen konnte, mehrfach in diese Richtung geäußert, Jürgen Klopp und Thomas Tuchel haben nach meinem Verständnis deutlich gemacht, dass es nicht reicht, ein Karnevalsverein zu sein, und auch Uwe Neuhaus lässt sich am sportlichen Erfolg messen.

Nach diesem kurzen Exkurs stelle ich gleichwohl fest, dass mir die Stimmung und das Drumherum in der Arena im Stadion an der Alten Försterei verdammt gut gefallen haben. Ganz besonders hat es mir ein Fangesang angetan, der zu den großartigsten zählt, die ich in den letzten Jahren gehört habe. Sicher, es mag auch ein Verdienst der Union-Anhänger sein, dass „Du bist der beste Mann“ aus der betulichen Ecke von „Good Night Ladies“ oder „Rucki Zucki“ herausgeholt und mit Hilfe von Hartmut Torsten Mattuschka dem schmissigeren Frankie Valli zugeführt wurde; vor allem aber haben sie mich mit ihrer Ode an den Verein im Hardchorus-Stil mächtig beeindruckt:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=NWby6GBPRvY]

Wie das Spiel war? Naja, so wie’s im zugehörigen Texttonvergehen gesagt wird: Ich habe schon bessere Konter gesehen. Union gewann 3:0 und sicherte so endgültig den Klassenerhalt. Mit etwas mehr Struktur in den Kontern hätte man das Spiel sicherlich noch früher noch klarer entscheiden können. Brunnemann war stark, die Mitte mit Peitz und Younga-Mouhani drängte sich als Alternative zu Schweinsteiger – Khedira auf, Menz steigerte sich, Dogans Freistoß gefiel.

Um mich an Mattuschkas Laufstil zu gewöhnen, brauche ich wohl noch ein paar Tage, aber die 7 Spiele bis zum Finale sollten reichen.

____________

Herzlichen Dank an @saumselig, @rudelbildung und @bunkinho – ich freu mich auf ein nächstes Mal, möglichst auch dann ohne chinesisches Essen.