Falsche Weichenstellung in den Achtzigern

Am Samstag sprach ich mit meinem Freund Thomas. Eigentlich heißt er gar nicht Thomas, das ist eher so ein fußballbezogener Ehrenname, tut aber auch nichts weiter zur Sache. Wir telefonieren nicht allzu oft, ein paarmal im Jahr, wenn überhaupt, und sprechen über großen und kleinen Fußball – im Idealfall über ein gemeinsam zu bestreitendes Spiel oder Turnier –, ein bisschen über die Familie und gelegentlich über Autos. Weil er sich da auskennt und ich nicht. Über Alkohol reden wir nie, wie er am Samstag nicht ohne Bedauern in der Stimme feststellte. Da kenne ich mich noch weniger aus als mit Autos.

In der Tat verabredeten wir auch am Samstag ein gemeinsames Spiel, irgendwann im Sommer, kleiner Fußball also, und kamen dann nicht umhin, kurz über dessen große Variante zu reden, über seine Hoffnung auf einen Freiburger Sieg, über die unmittelbar bevorstehenden Spiele der Nürnberger und der Braunschweiger, und auch über die freitägliche Punkteteilung in Hannover, die zu jenem Zeitpunkt aus Stuttgarter Sicht noch nicht so recht einzuordnen war.

Und während ich noch im Verborgenen sinnierte, wie es hatte dazu kommen können, dass der gemeine VfB-Fan erneut am drittletzten Spieltag zwischen Hoffen und Bangen die Spiele der anderen Abstiegskandidaten verfolgen musste, und wann und wie beim VfB alles den Bach hinunter gegangen war, nahm Thomas die Schuppen von meinen Augen: die Schuld liege bei Helmut Roleder.

Dem oder der gemeinen Mitlesenden mag diese Erklärung nicht auf Anhieb genügen; wer indes wie ich das eine oder andere Jahr mit ihm, Thomas, nicht Helmut, die Kabine teilte, weiß um die Schüsse von der Strafraumlinie, die Roleder ihm im Dutzend in den Winkel setzte. Ihm, dem hoffnungsvollen Nachwuchstorhüter aus der Provinz, damals, Mitte der Achtziger. So fuhr er wieder heim und kickte weiterhin mit meinesgleichen.

Jene Demut, die Roleder ihn damals lehrte, hat sich indes zwischenzeitlich wieder verflüchtigt. Und so ließ er mich am Samstag wissen, dass alles anders gekommen wäre, hätte man ihn nicht so schnöde abserviert, damals. Meine Worte, nicht seine.

Möglicherweise hätte er 1992 als Nachwuchshüter auf der Bank gesessen und Jovica Simanić in eine Unterhaltung verwickelt, die Herr Daum nicht zu unterbrechen gewagt hätte. Oder 2003 als alter Fahrensmann Meiras Eigentor gegen Chelsea verhindert und am letzten Spieltag in Leverkusen 0:0 gespielt. Manuel Fischer, jetzt schon als Torwarttrainer und guter Geist, an die Hand genommen und auf den rechten Weg geführt. Und 2011 wäre er vermutlich an Roleders statt gegen Gerd E. Mäuser angetreten, hätte dessen Wahlergebnis pulverisiert und ihn lächelnd nach Kroatien geschickt.

Oder so ähnlich. Auf jeden Fall wäre alles gut geworden. Hannover hätte man am Freitag deutlich geschlagen und so dem Spiel vom kommenden Wochenende die Brisanz genommen, weil Wolfsburg dem VfB den Champions-League-Platz auch rechnerisch nicht mehr hätte streitig machen können.

Dass es, zumindest aus Stuttgarter Sicht, auch in der jetzigen Situation nicht mehr brisant sei, hört man an der einen oder anderen Ecke, insbesondere zwischen den Zeilen. Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Zu oft haben sich im Lauf der Saison zu viele Blätter gewendet. Oder, ehrlicher ausgedrückt, meine Einschätzungen als völlig realitätsfremd erwiesen. So zum Beispiel jene vom 4. Spieltag, als ich das Braunschweiger Spiel vor Ort in Hamburg sah und den Aufsteiger als schlichtweg nicht konkurrenzfähig betrachtete. Tatsächlich begegnet er nicht nur dem buckligen HSV längst auf Augenhöhe.

Von der spätsommerlichen, auch noch herbstlichen Gewissheit, dass der VfB nicht in die Abstiegszone gerate, will ich gar nicht reden. Wohl aber von der Überzeugung, dass der Club mit Verbeek die Kurve bekommen habe und sich relativ souverän in den gesicherten Tabellenbereich hineinbewegen werde. Dass Slomka den HSV noch weit nach oben führen werde (erneut geblendet von einem Besuch im Volkspark, diesmal beim 3:0 gegen Dortmund). Oder davon, dass Freiburg sich nicht mehr berappeln werde. Dass Hannover ohne jeden Zweifel nun doch durchgereicht und hinter dem Nachbarn landen werde. Und wie sollte der VfB sich retten, wenn er in den letzten vier Spielen gegen drei der damals ersten vier Mannschaften spielen würde?

All das war falsch, und so bleibt nur zu hoffen, dass auch die im letzten Satz implizit geäußerte These bereits am Wochenende widerlegt wird. Wenn sich das Blatt nicht doch noch einmal wendet. Der Gedanke, am letzten Spieltag auf einen Punktgewinn der möglicherweise bereits fix auf Platz sieben stehenden Mainzer gegen den HSV hoffen zu müssen, oder aber auf einen des VfB in München, ist kein schöner. Und seien wir ehrlich: bei HSV-Bayern am Samstag ist nun wahrlich alles möglich. Binsenweisheit, eh klar, aber wer will gerade jetzt einschätzen, ob sich der FC Bayern gegen den HSV mit Toren abreagiert oder apathisch über den Platz spaziert.

Es ist ebenso wohlfeil wie ehrlich, zuzugeben, dass ich an dieser Stelle unwillkürlich und ungeplant an einzelne ungenannte Münchner Spieler dachte. Ein bitterer Abend war das heute, gestern, wann auch immer dieser Text online geht, also am Dienstag halt. Ein bitterer Abend für Xabi Alonso, dem ich das verpasste Finale wahrlich nicht gönne, und ein bitteres europäisches Ende einer phasenweise brillanten, ja begeisternden Saison für den FC Bayern. Noch vor wenigen Wochen hätte ich nicht für möglich gehalten, dass der Titelverteidiger chancenlos ausscheiden würde, und noch zu Beginn des Rückspiels hätte ich fünf Tore Differenz in diesem Halbfinale wohl als unvorstellbar bezeichnet.

Noch zu Spielbeginn schien mir allerdings auch unvorstellbar, dass ich neunzig Minuten später den Hut vor Pepe, jenem Pepe, dessen Verhalten auf dem Platz ich seit Jahr und Tag für verachtenswert halte, ziehen würde, der das Spiel nicht entschieden hat, gewiss, der mich aber nachhaltig beeindruckt hat, indem er seinen Fuß immer noch irgendwie dazwischen bekam, fast wie Martin bei mir im Mittwochskick, wenn er einen guten Tag hat, aber der hat auch verdammt lange Beine.

Am Ende (na ja, fast) eines wieder einmal ohne roten Faden mäandernden Beitrages darf ich vielleicht noch einmal auf einen etwas älteren, etwas weniger mäandernden Text verweisen, der der geschätzte Herr @lizaswelt über die Maßen gelobt und drüben bei Fokus Fussball als Fußballblogbeitrag des Monats März vorgeschlagen hat.

Die Abstimmung läuft noch, Siegchancen habe ich völlig zurecht keine mehr, aber vielleicht möchte der eine oder die andere geneigte Mitlesende noch ein paar tolle Texte durchlesen bzw. anhören und eine Präferenz zum Ausdruck bringen. Ersteres geht noch länger und ist meines Erachtens auch wichtiger, Letzteres nur noch bis Mittwoch, 30. 4., 18 Uhr. Und ist auch wichtig, klar, weil es Fokus Fussball unterstützt, irgendwie.

Und ganz am Ende dann doch noch die nagende Frage, wie es dazu kommen konnte, dass Cacau den nicht reingemacht hat.

"Der VfB ist dem Clubfan weitgehend egal."

Die geneigte Leserin weiß, dass ich selbst weder organisiert noch initiativ genug bin, regelmäßig den Austausch mit Anhängern anderer Vereine zu suchen, quasi im Sinne einer Vorberichterstattung. Wenn mich aber jemand anspricht, der so etwas in schöner Regelmäßigkeit macht, bin ich gerne dafür zu haben. Dies gilt natürlich in ganz besonderem Maße, wenn derjenige nicht mit 08/15-Fragen um die Ecke kommt, sondern auch mit dem einen oder anderen unerwarteten Ansatz aufwartet – so wie es die Herren von Clubfans United im Vorfeld des sonntäglichen Spiels zwischen dem VfB und dem “Ärgernis” aus Nürnberg getan haben.

Ich durfte mich bei Ihnen über die Aussichten für das Wochenende, über “gemeinsame” Spieler und deren Perspektiven, über Fredi Bobic’ Verhandlungsführung, mein Verhältnis zum “Club”, die intimen Schwächen des VfB (ich habe sie bei der Besetzung der Außenverteidigerpositionen auf eine falsche Fährte gelockt und die Defizite bei Standardsituationen verschwiegen) und – ein wenig deutlich zu ausführlich – über mich selbst und meine Schreiberei auslassen. Wer das lesen will, sei hierhin verwiesen; vor allem aber lege ich jedem, der etwas über den 1. FC Nürnberg wissen will, ans Herz, sich ganz allgemein bei den Clubfans United umzuschauen und Unmengen von Informationen über den sonntäglichen Gast zu sammeln.

Natürlich konnte ich die Gelegenheit nicht verstreichen lassen und habe Alexander von Clubfans United meinerseits ein paar Fragen gestellt:

[hk] Alexander, ich zögere immer ein wenig, “Clubfans United” als “Blog” zu bezeichnen, was vermutlich daran liegt, dass ich mein eigenes kleines virtuelles Heim als Referenzpunkt heranziehe, der mit dem, was Ihr da auf die Beine stellt (und was Ihr ja auch selbst, in meinen Ohren passender, ein “Fanmagazin” nennt) nicht zu vergleichen ist. Ihr macht das ja hauptberuflich, nicht wahr?

[Clubfans United] Also wenn wir das hauptberuflich machen würden, würden wir uns sofort selbst feuern. Hauptberuflich wäre das doch unbezahlbar. Aber wir fühlen uns geschmeichelt.

Ganz im Ernst: Genau deshalb braucht es doch Fanzmagazine und -blogs, die nicht auf Leser und Quote achten müssen und vom Enthusiasmus leben, um Dinge zu tun, die vielleicht in den Medien gar nicht mehr möglich sind. Wir können vollkommen subjektiv sein, wir können mal ewig lang, mal gnadenlos kurz posten, wir können (verbal) ins Taschentuch heulen oder vollkommen unsportlich unseren Sieg auskosten. Die Zeit, die wir und unsere Autoren da rein stecken, ist vollkommen absurd. Aber da wir uns eh gern mit dem 1. FC Nürnberg beschäftigen, fällt es gar nicht so sehr auf.

Zudem habe ich da schon noch ausreichend Respekt vor dem Handwerk des Journalismus, denn wir können uns auch mal einen subjektiven Bericht ohne große Recherche erlauben, das (sollte) im Profi-Bereich nicht drin sein (und lassen wir jetzt mal den Boulevard weg).

Sicher haben wir mittlerweile einen gewissen eigenen Anspruch entwickelt, z.B., dass wir zu allem, was relevant rund um den Verein ist, irgendwas sagen wollen. Daher passt Fanmagazin jetzt auch besser, wobei die Kommentare weiter den Blog-Charakter ausmachen und unglaublich wichtig für uns sind. Aber als wir uns entschlossen hatten, uns auch nach Außen jetzt als Fanmagazin und nicht mehr als Blog zu bezeichnen, hatte das ganz pragmatische Erwägungen: Mit dem Format “Blog” können einfach viele ‘da draußen’ nichts anfangen. Jetzt nennen wir uns halt “Fanmagazin” und aus Raider wurde Twix…

[hk] Der Club steht derzeit auf Platz 10, 7 Punkte hinter einem Uefa-Cup-Platz und 6 vor dem Relegationsrang. Ganz ehrlich: Ich hätte anstelle der Werte 10-7-6 vor der Saison eher etwas in der Größenordnung 15-20-1 erwartet, zu groß schien mir der Aderlass. War das einfach meiner Distanz und mangelnden Einsicht in Nürnberger Verhältnisse geschuldet, oder seid auch Ihr eher positiv überrascht ob des bisherigen Saisonverlaufs? Und ergänzend dazu: Wie wird diese Zahlenreihe zum Saisonende lauten?

[Clubfans United] Was wir erwartet haben? Alles! Und das z.T. gleichzeitig. Ja! Natürlich hatten wir auch die Abgänge von Ekici, Gündogan und Schieber mit Sorge zur Kenntnis genommen, aber das war schon bald einem grenzenlosen Optimismus gewichen (was bei uns bedeutet: Mittelfeldplatz packen wir). Das ganze hat sich dann im Grunde seitdem wöchentlich geändert. Ich denke, die Abgänge hatten zwar viel Qualität, aber wir wussten ja auch, dass bspw. gerade die drei auch nicht durchgehend den Erfolg der letzten Saison bedeuteten. Gündogan bspw. verletzte sich im Winter und war lange gar nicht am Platz. Zudem hatten wir mit Pekhart und Esswein  wieder zwei viel versprechende Neuzugänge und auch einige Talente in den Startlöchern.
Der Club kam letzte Saison über die Kompaktheit und der Vater der Mannschaft war und blieb Hecking. Wir wunderten uns daher eigentlich eher weniger, dass die Abgänge bei anderen nicht so einschlugen, denn sie funktionierten bei uns eben im Kollektiv.
Was uns bisher in der Saison beinahe das Genick gebrochen hätte waren nicht die Abgänge, sondern die Ausfälle. Die Rekonvaleszenten, die man fest am Zettel hatte, erlitten Rückschläge und aus dem Stamm brachen mit Verletzungen einer nach dem anderen weg. In dem Sog stagnierten dann auch die Talente, die z.T. einfach überfordert waren mit der Verantwortung.
Dem Saisonende sehen wir durchaus mit gemischten Gefühlen entgegen. Die 6 Punkte tun gut, sind aber kein Ruhekissen und können schnell dahinschmelzen. In Stuttgart punkten wäre daher mehr als beruhigend.

[hk] Um Eure Fragen zu beantworten, hatte ich ein wenig in meinem “Club”-Gedächtnis gekramt und war dabei auf eine Reihe schillernder Perönlichkeiten in der Vereinsführung gestoßen. Angefangen beim ewigen Hern ARO und Gerd Schmelzer über Gerhard Voack (“J.R., wenn ich mich recht entsinne) bis hin zum ehemaligen Schatzmeister Böbel gaben sich in der mittlerweile ferneren Vergangenheit ja schon einige bemerkenswerte Leute die Klinke in die Hand. Heute stellt sich die Situation für mich gänzlich anders dar. Mit Mühe und Not brachte ich noch zusammen, dass das Präsidentenamt abgeschafft wurde, aber den Namen von Martin Baders Vorstandskollegen an der Doppelspitze musste ich bereits nachschlagen. Ist der 1. FC Nürnberg heute ein Verein, der – weitgehend frei von Eitelkeiten – in sich ruht, oder ist das nur die klischeehafte Vorstellung eines weit Außenstehenden?

[Clubfans United] Vorweg und mit Ausrufezeichen: Er ist noch ein Verein! Und das will heute schon fast was heißen in der Bundesliga. Der 1. FC Nürnberg hat sich entschieden, sich von Alleinherrschern ebenso loszusagen wie einem Einfluß von Außen vorzubeugen. Der Verein gab sich eine neue Ordnung, mit fest installierten angestellten Vorständen und einen starkem Aufsichtsrat, der direkt von den Mitgliedern gewählt wird.
Der Eindruck trügt also nicht: Die Verein ruht jetzt in sich und das sorgt für eine stabile Struktur. Ob man damit weit kommt in der Liga, während andere sich in gewagte Finanzkonstrukte werfen und waghalsige Projekte und Transfers in Angriff nehmen, wird die Zeit zeigen.

[hk] Bestens in das eben gezeichnete Bild passt aus meiner Außensicht auch Dieter Hecking. Er wirkt unaufgeregt, produziert kaum (zumindest überregionale) Schlagzeilen, schon gar nicht mit irgendwelchen fußballphilosophischen Weisheiten,  und nimmt wenn auch nicht klaglos, so doch nach vorne gerichtet den Verlust einiger Akteure hin, die das Spiel seiner Mannschaft in der Vorsaison mit geprägt haben, um dann in der neuen Spielzeit wieder eine ansehnliche Rolle zu spielen. Ist er einfach der richtige Mann am richtigen Ort?

[Clubfans United] Ja, keine Frage – aber mit Ansage. Hecking wusste, das hat er auch oft genug geäußert, was ihn beim Club erwarten würde. Dieser “Nürnberger Weg” der Konsolidierung war Grundlage seines Engagement und er nahm diese Aufgabe an. Umgekehrt suchte man mit Hecking auch einen Mann, der dieser Aufgabe gewachsen sein könnte. Bisher hat Hecking es immer hinbekommen, gerade auch in schwierigen Phasen. Unantastbar ist er aber nicht und auch Hecking hat nie ausgeschlossen, dass er nicht mal unter anderen Voraussetzungen arbeiten möchte. Aber vielleicht gibt es ja für alle ein gemeinsames “Happy End”, sobald die Konsolidierung abgeschlossen ist und man auch anders am Transfermarkt agieren kann. Ein Klassenerhalt in dieser Saison wäre ein riesen Schritt in diese Richtung.

[hk] Dem gemeinen Außenstehenden, in diesem Fall mir, fällt beim Stichwort 1. FC Nürnberg mit Blick auf die letzten Jahre recht schnell das auch von Euch verwendete (und in Frage gestellte) Bild vom Leihhaus ein. Man denkt an Ottl und Breno, an Ekici oder Hegeler und natürlich aus Stuttgarter Sicht auch an Schieber und Didavi. Nun werden erneut Namen wie Petersen oder Usami gehandelt. Ist der Ansatz, mit vielen Leihspielern zu arbeiten, wie es ja auch andere Verein – zum Teil noch intensiver – tun, auf Dauer ein tragfähiger? Ist er für manche kleineren Vereine wie Mainz vielleicht sogar die (fast) einzige Möglichkeit, Spieler einer bestimmten Qualität zumindest temporär zu verpflichten? Oder überwiegen die Risiken einer vorprogrammierten Dauerfluktuation (wie sie allerdings, wenn auch mit einer etwas anderen Qualität, auch ohne Leihgeschäfte gang und gäbe ist)?

[Clubfans United] Dem gemeinen Innenstehenden blieben die Leihgeschäfte auch nicht verborgen und wurden mit zumindest gemischten Gefühlen goutiert. Die Sachzwänge sind naheliegend: Fehlende Qualität, die man sich nicht leisten kann, mit Geliehenem kompensieren. Breno und Ottl waren gute Beispiele, wo man in einer schwierigen Lage durch Zufuhr von Qulität korrigieren konnte. Schwieriger ist das schon bei Spielern die Qualität aufgrund ihres Talents höchstens versprechen, man also nicht weiß, ob sie einen wirklich weiter bringen oder nur einen Platz im Kader blockieren. Diese Spieler brauchen meist eine Anlaufzeit und wenn man dann endlich weiß, ob sie die Qualität haben, sind sie auch fast schon wieder weg. Schieber und Ekici waren da fast Sonderfälle, da man fast schon ahnen konnte, dass die sich durchsetzen werden, aber bei Didavi war das wieder was anderes. Und so kommt es wohl, wie zu befürchten war: Erst war Didavi die halbe Hinrunde verletzt, und jetzt, wo er mit Spielpraxis in Form kommt, scheint der Abschied schon bevorzustehen. Deswegen sind Leihen nicht generell verkehrt, aber sie sind zumindest unbefriedigend auf Dauer. Bei Petersen hat man auch wieder diese gemischten Gefühle, bei Usami scheint es aber ja auf eine Leihe mit Kaufoption hinauszulaufen, das dann natürlich eine andere Sache.

Aber an der Stelle noch was Grundsätzliches: Könnte man sich emotional frei machen, dann wäre Leihe oder Kauf eigentlich vollkommen egal. Bei dem ganzen Geflecht eines Transfers heutzutage, gleichen sich auf Dauer Chancen und Risiken fast aus. Wie viele Vereine haben einen Transferüberschuß? Und wer meint, man könne gekaufte Spieler deswegen länger halten, der unterliegt ja auch einer Mär. Du musst einen Spieler im Prinzip ziehen lassen, weil sonst kein anderer mehr zu dir will – es ist ja immer ein Geben und Nehmen. Und die Stories eines Reus, der (warum auch immer, kann es wirklich Liebe gewesen sein??) seinen Vertrag nochmal verlängerte, um dann seinem alten Verein noch mal eine fette Transfersumme zu sichern, sind ja doch eher seltenst. Wobei: Auch bei Wollscheid und Gündogan konnte man zumindest ähnliche Vereinbarungen treffen. – Aber selbst wenn du als FCN einen Spieler fest unter Vertrag hast: Den Preis, den bspw. ein BVB für den gleichen Spieler bekäme, bekommst du nicht.

Unter dem Strich also lieber keine Leihen, denn die Hoffnung auf den großen Deal stirbt zuletzt …

[hk] In Euren Fragen an mich spiegelte sich bereits die eine oder andere Einschätzung des VfB wider. Ein Verein, der sich möglicherweise auf dem Weg ins dauerhafte Mittelmaß befindet, mit einem Manager, der nicht nur gelegentlich verbal über das Ziel hinausschießt, sondern sich auch als unnachgiebiger Verhandler manche Sympathie, so er sie je hatte, verscherzt, zudem die augenzwinkernde Frage, ob der VfB nicht genug Stoff hergebe, um ein Blog zu füllen – das klingt irgendwie nicht uneingeschränkt positiv, oder täusche ich mich? Und das alles wegen Meiras Foul im Pokalfinale?

[Clubfans United] Meira? War das nicht der Kerl der Mintal umgenietet hat? Sofort auspfeifen!! Spass beiseite…..Das Pokalfinale hatte ja ein Happy End, Meira ist da längst vergessen. Daher eine Gegenfrage: Gibt es eine “uneingeschränkte positive Sympathie” zwischen Fans? Nicht einmal zu Schalke würde ich das unterschreiben, wobei hier schon viel good will ist. Fußball ist Wettbewerb und insoweit rivalisiert man mit jedem Gegner. Das ist nichts Persönliches.

Und wenn du mich nicht verpfeifst, dann verrate ich dir, dass ich sogar mal VfB-”Fan” war – naja, “Fan” soweit man das in seiner leichtsinnigen Jugendzeit am Dorf sein konnte. Ich mochte damals die Mannschaft mit Hansi Müller und Karlheinz Förster. Bis ich dann meiner großen (Fußball-)Liebe begegnete – ganz nach Nick Hornby.

Stuttgart im Speziellen ist für uns kein direkter Rivale – die Sache von “Südderbys” sind doch reine Mediengeschöpfe – was empfinden wir also gegenüber dem VfB?
Wir hatten mal zwei Umfragen gemacht. Bei den Vereinen, die wir mögen, landete der VfB weit hinten
http://www.clubfans-united.de/2011/03/17/fan-sympathien-wen-mag-der-clubfan-sonst-so/
bei den Vereinen, die wir ausgesprochen nicht mögen, landete der VfB aber auch nur im Mittelfeld
http://www.clubfans-united.de/2011/03/24/welcher-verein-ist-ein-rotes-tuch-fur-den-clubfan/
Man könnte also provokant sagen: Der VfB ist dem Clubfan weitgehend egal. Man verfolgt euer Treiben und solange man sich nicht in die Quere kommt, macht jeder so sein Ding. Nur eben zuletzt am Transfermarkt kam etwas Unmut auf und Bobic spielt da eine zentrale Rolle. Aber da sind wir auch auf andere nicht gut zu sprechen. Jammern hilft halt nix, wir müssen einfach unsere Verhandlungsposition selbst verbessern.

[hk] Zum Abschluss noch ein paar kurze Entscheidungsfragen, die ihr gerne mit ausführlichen Begründungen oder auch nur ganz knapp beantworten könnt:

Weyerich oder Horsmann?

[Clubfans United] Puh, jetzt greifst Du aber ganz schön in die Historien-Kiste und ich musste gleich mal Stefan als Telefonjoker ziehen. Stefan: Horsmann kam über Stade Rennes von den Bayern zum Club und war als Rädelsführer der Spielerrevolte im Oktober 1984 nach nur 13 Spielen wieder weg, oder sagen wir besser “wurde gegangen”. Wenn dann schon Weyerich, ein echter Clubberer wie wir in Nürnberg sagen würden, auch wenn er gegen Ende seiner Karriere für die Westvorstadt gekickt hat. Ein Makel, zweifelsohne …

[hk] Ekici oder Gündogan?

[Clubfans United] Da sind wir uns nicht ganz schlüssig. Ich bspw. sah Ekici und Gündogan immer als sehr unterschiedliche Spielertypen, bei denen Ekici offensiv, Gündogan (auch) defensiv seine Stärken hatte. Für Stefan waren Ekici und Gündogan in ihrer Spielanlage ähnliche Typen. Einer Meinung sind wir über Ekicis Standards, die in seiner Zeit in Nürnberg erste Sahne waren. Müssten wir uns entscheiden, dann für Gündogan, der taktisch insgesamt reifer wirkte und auch defensiv mehr arbeitete – und alleine schon weil er kürzlich unsere Derby-Schande gerächt hat.

[hk] Schieber oder Didavi?

[Clubfans United] Da sind wir uns einig: Wohl eher Schieber, der bei uns eine konstant gute Saison gespielt hat. Das würde zwar unseren Mangel an Kreativität nicht beheben – hier verspricht Didavi mehr -, aber bei ihm fehlt es vor allem (noch) an der besagten Konstanz.

[hk] Chandler oder, ähem, Celozzi?

[Clubfans United] Von Celozzi kennen wir fast nur die Statements von VfB-Fans – und die sind zu 90% negativ. Chandler hat zwar kein einfaches “zweites Jahr”, aber dennoch eindeutig: Chandler

[hk] Klewer oder Kargus?

[Clubfans United] Ohne Frage: Kargus. Klewer war ein guter zweiter Torwart und hatte das Zeug zum Helden für den Augenblick – aber auch nicht mehr, nicht weniger. Aber da sind wir uns intern etwas uneins. Stefan bspw. fand Klewer immer super, nicht nur als Elfmeterkiller im Pokal, und fand es nach dem Weggang von Schäfer zu eurem VfB sehr schade, dass er keine Chance als Nummer 1 bekommen hatte. Nach den Erfahrungen mit Blazek hätte man es wohl auch mal lieber mit Klewer probieren sollen …

[hk] Meyer oder Hecking?

[Clubfans United] Kann man das entscheiden? Meyer wurde geliebt, Hecking wird geschätzt. Meyer brachte wieder ein Stück Ruhm zum Ruhmreichen zurück, Hecking bringt uns vielleicht die Basis für eine stabile Zukunft.

[hk] Depp oder nicht? (Man möge mir diese billige Frage verzeihen.)

[Clubfans United] Keine Frage, der Club hat ziemlich “depperte” Dinge geschafft in seiner Historie, aber seit Jahren ist das auch längst Geschichte. Sogar der Abstieg nach dem Pokalsieg war nun so unglaublich auch nicht, denn viele Überraschungs-Mannschaften kommen danach mit Europapokal nicht zurecht und dann in die Krise. Und in den letzten Jahren haben Mannschaften wie Hertha oder die Eintracht schwer an unserem “Titel” gegraben. – Daher: Wir sind solange der Depp, solange wir selbst von uns glauben, dass wir es sind.

[hk] Vielen Dank für Eure Zeit und Eure ebenso ausführlichen wie aufschlussreichen Antworten. Auf einen schönen Sportnachmittag am Sonntag!

[Clubfans United] Wir danken für das Interview bei uns und die interessanten Fragen im Interview hier. Vielleicht empfinden viele diese Fan-Interviews als belanglos, aber für viele (wie uns) entstehen damit auch Brücken und es werden Vorurteile abgebaut. Deswegen bleiben wir mit unseren Vereinen Rivalen, aber im Kern verstehen wir, was den anderen bewegt – denn wir sind alle Fans des wahrscheinlich geilsten Sports der Welt.

Siehst Du, Timo, so wird das gemacht!

VfB-Hoffenheim 3-1: Während Carlos Eduardo mit seinen hochgezogenen Schultern und -zumindest abseits des Balles- vorsichtig und bedächtig gesetzten Schritten von der ersten Minute an so aussah, als wolle er so schnell wie möglich ausgewechselt werden, war der Chefposten auf dem Platz 90 Minuten lang unumstritten – zu dominant trat Sami Khedira auf. Er eroberte die Bälle, behauptete sie, verteilte sie und stellte nicht zuletzt nachlässige Kollegen in den Senkel. Mit Timo Gebhart soll er sich nach dessen Großchance 10 Minuten vor Schluss auch unterhalten haben:

„Timo, was soll der Scheiß? Spiel den Cacau an oder mach ihn rein!“

„Ja, aber…ich wollte erst…und dann wusste ich nicht recht…und der Torwart hat so gezögert…und dann dachte ich…“

„Nicht denken, Timo!
Wenn Du so zentral auf den Hüter zuläufst, zieh ein bisschen nach links oder rechts, um einen besseren Winkel zu bekommen.“

„Hä?“

„Ach komm, gib mir einfach mal den Ball, dann zeig ich’s Dir!“

Gebhart lieferte, Khedira auch.

Gemeinsam mit seinem etwas defensiveren Partner Christian Träsch ließ der Chef kaum geordnetes Offensivspiel der Hoffenheimer zu, sodass es im Grunde nur dann, wenn der beeindruckend ballgewandte Maicosuel ins Spiel kam (was zu Beginn und Ende der ersten Halbzeit etwas zu häufig der Fall war), gefährlich werden konnte.  Träsch war auch in der Vorwärtsbewegung erneut der Spieler, der die meisten Torschüsse abgab (im ZDF Videotext sind lächerliche zwei verzeichnet, dabei würde ich für mindestens fünf die Hand ins Feuer legen). Träfe er den Ball gelegentlich so wie 2008 gegen Werder oder wie Toni Kroos Woche für Woche, bräuchte sich der VfB derzeit keine Sorgen um die Torausbeute zu machen. So aber bleibt vor allem eines haften: Träsch gewinnt all jene Bälle zurück, die die Mitspieler (am Samstag gelegentlich auch er selbst) dem Gegner in den Fuß spielen, und leitet energisch, manchmal ungestüm, den eigenen Angriff ein – im günstigsten Fall heißt die nächste Station Khedira.

Ansonsten: verdienter Sieg gegen einen Gegner, der sich derzeit wohl zurecht im Niemandsland der Tabelle befindet, der aber immerhin, wie Ralf Rangnick nach dem Spiel in seiner gewohnt sympathischen Nonchalance korrekt feststellte, 9 Punkte mehr als der VfB hat und noch im DFB-Pokal vertreten ist. Wo er recht hat, hat er recht. Genau wie Schiedsrichter Manuel Gräfe, der die traditionsgemäß reflexartig umherhüpfenden Caspars Melchiors Balzers Rippenbiester Hammelswaden Schnürbeine Stehaufmännchen von der Hoffenheimer Bank lässig in ihre Schranken verwies und dabei ein wenig an die Eiche und ihren Umgang mit der Sau erinnerte.

Mit Bedauern war erneut festzustellen, dass die Cannstatter Kurve personalisierte Fangesänge weitgehend verbannt hat. Während man vor Jahren noch individuelle Rufe für zahlreiche Spieler hatte (Tomasson, Meissner, Meira, Hleb, zum Beispiel) und im Vorjahr zumindest noch Mario Gomez aus dem Standardrepertoire bediente, sind derlei Bekundungen mittlerweile verpönt. Was insofern schade ist, als beispielsweise dem verletzt am Boden liegenden Khedira, dem zu Spielbeginn vermutlich nicht völlig entspannten Sven Ulreich und dem zum Abschied noch kurz eingewechselten Ludo Magnin ein wenig individuelle Betreuung sicher nicht geschadet hätte. À propos Magnin: schöne Geste vom Trainer, die ich zwar erhofft, aber nicht unbedingt erwartet hatte.

Überhaupt, der Trainer: bei Sport im Dritten korrigierte er das in einem Beitrag gezeichnete Bild des Disziplinfanatikers mit autoritärem Führungsstil, das Valeska Homburg vorsichtig aufgenommen hatte. Er versuche vielmehr, seinen Spielern Wärme zu geben*, die sie benötigten, um zu rennen. Insgesamt ein sehenswertes Interview, in dem wir erfahren, dass Gross bisher nur mit den Leistungsträgern ausführlicher geredet hat, dass die Antwort auf die Frage, auf welche Spieler man in diesem harten Abstiegskampf wirklich zählen kann, über die Winterpause Veränderungen mit sich bringen kann, dass die Bundesliga keine Wohlfühloase sei, sondern man sich in einem Leistungsbusiness befinde, dass Gross in den nächsten Tagen Spiele(r) in England beobachten wird, dass Aliaksandr Hleb in punkto Commitment noch Luft nach oben hat, und einiges mehr.

Kalt war’s übrigens.

* Im Video ab ca. 8:40.