Quervergleiche

Allzu viele Länderspiele habe ich in meinem bisherigen Leben nicht gesehen. Also vor Ort, im Stadion. Immerhin, ein EM-Finale (verloren) und ein WM-Halbfinale (gewonnen, von Frankreich) waren dabei. Ein paar Qualifikationsspiele, darunter eines im Handball, einige wenige Freundschaftsspiele, mehr nicht.

Mein allererstes Länderspiel sah ich erst spät, im März 1995, im Stadion an der Lansdowne Road in Dublin. Irland empfing Frankreich und war dabei ziemlich chancenlos, was meinem irischen Umfeld zwar nicht so recht gefiel, letztlich aber gar nicht so viel mehr als eine Randnotiz blieb. Auf französischer Seite blieb mir in erster Linie der auffallend agile Émile Ntamack in Erinnerung, der einen Versuch legte und zwei Kicks verwertete – die beiden einzigen seiner Länderspielkarriere, wie ich den unendlichen Weiten des Internets entnommen habe.

Genau: ich war beim Rugby, hatte viel Spaß und wenig Ahnung, und genoss die Atmosphäre. Und ja, ich zog schon damals den Quervergleich zum Fußball, ungefragt, quasi. Man sang, feuerte an, war friedlich – sowohl im Stadion als auch hinterher beim gemeinsamen Feiern. Klingt wie aus einer klischeebeladenen Sportsendungsfilmchen über Irland, oder Rugby, oder beides, und entsprach damals exakt meiner Wahrnehmung.

Den Großteil des Abends verbrachten wir im Jurys Hotel, wo eine ziemlich große franko-irische Party stattfand, deren Hauptattraktion in meiner spärlichen Erinnerung darin bestand, dass ein französisches Mitglied unserer Gruppe Éric Cantona täuschend ähnlich sah und sich regelmäßig leicht alkoholisierte Iren huldigend zu seinen Füßen warfen. Anhänger von Crystal Palace waren wohl nicht zugegen.

Zu jener Zeit hatte ich mich, man muss es wohl so sagen, vom Fußball ein bisschen entfremdet, nicht vom ehrlichen eigenen Fußball, wie ihn Martin Harnik so gerne erlebt, sondern vom anderen, großen. Die WM 1994 mag ihren Teil dazu beigetragen haben, andere Sorgen und Freuden junger Leute übten zudem Einfluss auf die Prioritäten aus – eine dieser Freuden war es schließlich auch gewesen, die mich damals hin und wieder gen Irland reisen ließ.

Und in meiner selbstgewählten Distanz war ich gewiss auch ein bisschen empfänglicher für die schönen Seiten des Rugbysports, Sie wissen schon, die Körperlichkeit, die rohe Fairness, der ausgeprägte Teamgedanke, der Respekt für die Schiedsrichter, … ach nein, vergessen Sie Letzteres, das nahm ich damals im Grunde gar nicht wahr.

Ob ich schon Fan gewesen sei, bevor Rugby cool war? Nun, zum einen war es immer cool, mancherorts, was eine billige Antwort ist. Zum anderen: nein. Klar, ich hielt mich fortan stets ein bisschen informiert, verfolgte die Turniere, und wenn mal was im Fernsehen kam, zu erträglichen Uhrzeiten, dann hab ich’s mir auch angesehen. So oft wie in diesem Jahr dürfte ich indes noch nie geschaut haben. Gemeinsam mit meinem Sohn, der eine gewisse Begeisterung entwickelt hat. Ohne dass ich ihn gleich im Verein angemeldet hätte. Aber ein Fan? Nein, das wäre übertrieben. Dafür kenne ich nicht mal die Regeln gut genug.

Wie auch immer: schön war sie, die WM. Und hübsch, wie sie auf Twitter begleitet wurde, offensichtlich von Menschen mit sehr unterschiedlich detailliertem Vorwissen. Regelfragen spielten eine Rolle, natürlich, die medizinische Betreuung während des Spiels, gelegentlich optische Aspekte, dann die Anlaufrituale der Kicker, … ok, das war ich, und nicht bei Twitter, sondern bei den Fünfzeilern:

Ein Anlauf-Ästhet aus Funchal
habe gestisch und mimisch nen Knall?
Guckst Du Rugby, mein Digga!
Ow’n Farrell und Dan Biggar!
CR Sieben? Ein harmloser Fall.

Womit wir erneut bei einem zentralen Element der Rugbybeobachtung wären: dem Fußball-Vergleich. Den ich damals, 1995, auch zog, ich hatte es angedeutet. Der nicht überraschen kann in einem vom Fußball geprägten und mit Rugby noch ein bisschen fremdelnden Umfeld, das manches noch einordnen muss.

Aber ganz ehrlich: beim zehnten Loblied auf den respektvollen Umgang mit den Schiedsrichtern wurde ich ganz allmählich porös, beim siebzehnten Hinweis auf die zum Glück fehlende Schwalben(un)kultur standen meine Ohren längst auf Durchzug, und der Begriff “Videobeweis” blieb bei Twitter schon ziemlich früh in meinem Filter hängen.

Gewiss, es ist vernünftig, sich anzusehen, was in anderen Sportarten vielleicht besser läuft, unabhängig von Bernhard Peters. Ich bin weit davon entfernt, ein Plädoyer für Schwalben oder Rudelbildungen zu halten. Aber manchmal nervt der ständige Querverweis, in seiner Häufigkeit, in seiner Penetranz. Den geschätzten Herrn @nedfuller hat es möglicherweise auch genervt, wenn auch mit anderer Schlussfolgerung:

Fairness. Sportsgeist. Super. Sieht man beim Rugby, und ja, es gefällt. Wieso ich dann nicht mehr Fußball schauen sollte, erschließt sich mir nicht. Da bin ich gerne inkonsistent. Wie in vielen anderen Lebensbereichen auch. Rugby ist großartig. Fußball ist anders. Regeltechnisch, meinetwegen auch moralisch. Fußball ist großartig.

Und so war es mir eine große Freude, am Tag nach dem WM-Finale ins Fußballstadion zu gehen, mich über Fouls, Schwalben und Zeitspiel zu echauffieren, den Schiedsrichter in seiner Kartenvergabe für einseitig zu halten und dies auch kundzutun, und fast hatte ich ein bisschen Mitleid mit Darmstadts Luca Caldirola, den beim Torjubel ob seines vor der Linie abgewehrten Kopfballs erst nach einigen Sekunden die Erkenntnis ereilte, dass diese verdammte Torlinientechnik jeden Versuch, die Entscheidung des Schiedsrichters zu beeinflussen, obsolet machte.

Ansonsten bot das Spiel zunächst einmal das, was man erwarten durfte: einen Sieg gegen den Aufsteiger aus Darmstadt. Einen Torwart, der wieder einmal einen Elfmeter verursachte und sich außerhalb des Strafraums in Platzverweisgefahr begab. Vor Ersterem schützte ihn rückwirkend der Linienrichter, vor Letzterem die Kombination aus Körperbeherrschung und einem Vernunftschub. Und so wurde er in der zweiten Halbzeit zu dem Mann, der den Sieg in bemerkenswerter Weise festhielt. So kann’s gehen.

Erwarten durfte man auch die Rückkehr der beiden planmäßigen Sechser, die auch mal Achter sein mögen, der Herren Gentner und Dié. Doch Daniel Schwaab streckte den Kopf heraus und rief “Ich bin schon daa-ha!” So kann’s gehen. Also suchten sich die beiden neue Betätigungsfelder, etwas weiter außen, was insbesondere Serey Dié nicht sonderlich gut bekam (drüben beim Vertikalpass sahen sie eher Gentner in einer zu schwachen Rolle). Mir war er viel zu weit rechts, mal beim Verteidiger, mal als verkappter Außenstürmer, aber mit viel zu wenig Einfluss auf das Spiel und seiner Stärken in der Balleroberung beraubt. Vom erneuten Platzverweiswunschverdacht gar nicht zu reden. Das war nix. Also das andere nix, nicht gar nix. Aber nicht das, was ich von ihm erwarte.

Der Gedanke, dass sich Daniel Schwaab auf der Sechs festgespielt haben könnte, zählt nicht zu meinen liebsten. Auch wenn er sich gegen Darmstadt solide zeigte. Vermutlich wird der Trainer aber zumindest am Samstag in München noch daran festhalten. Und nein, ich wünsche mir nicht, dass er auf bittere Weise vorgeführt wird.

Vielmehr hoffe ich, dass Timo Werner und Filip Kostić nach diesem Spiel einen prominenteren Platz auf dem Münchner Einkaufszettel einnehmen werden. Was ein zweischneidiger Gedanke ist. Weiterhin wage ich zu hoffen, dass man hernach von einer erfolgreichen “Reifeprüfung” der Innenverteidigung sprechen wird. Dass Insúa seine Leistungen bestätigt, Klein aber nicht. Dass Tytoń und Dié durchspielen dürfen, Werner aber in der 88. mit Sprechchören der Fans und Kusshänden des Trainers verabschiedet wird.

Und dass dem Schiedsrichter respektvoll begegnet wird, selbstredend.

Pussy, Nazis und Idioten

Im Grunde hatte ich mir das Ganze ja recht schön ausgemalt. Ein Sieg gegen Dortmund würde uns allen guttun: den Spielern, den Fans, dem Verein, meinetwegen auch Huub Stevens und dem Sportdirektor, bei dem ich immer noch ein bisschen erschrecke (wertneutral, natürlich), wenn er sich zum VfB äußert: Ich frage mich dann meist kurz, ob es schon wieder so weit ist, dass neben dahergelaufenen Ex-Bundesligaspielern auch dahergelaufene Ex-Bundesligatrainer eine Bühne bekommen, auf der sie über den VfB reden dürfen, um dann einigermaßen zerknirscht einzuräumen, dass sich die Zeiten halt manchmal ändern und dass ich die Geschehnisse im und um den Verein eine gewisse – noch immer andauernde–  Zeit lang nicht so intensiv verfolgen konnte, wie ich das vielleicht gerne täte. Die Gründe sind vielfältiger Natur, nicht immer schön, wiewohl mit deutlich positiver Tendenz, und gehören darüber hinaus nicht hierher.

Dennoch habe ich natürlich mitbekommen, dass Robin Dutt beim VfB das sportliche Sagen hat. Ich vergesse es nur manchmal. Zudem weiß ich, dass die hiesige Medienlandschaft eins und eins zusammenzählen kann und deshalb gegenwärtig auf der Trainerposition bereits mit dem “Plan B” in Person von Alexander Zorniger liebäugelt, der ja nicht nur eine Stuttgarter Vergangenheit hat, sondern noch dazu – Achtung! – aus der Region kommt, zudem in Vereinskreisen bestimmt als junger Konzepttrainer gilt und zudem – tadaa! – gerade auf dem Markt ist. Wäre doch gelacht! (Wobei: Uwe Rapolder. Die Mutter aller Konzepttrainer hat den Markt betreten. Jetzt wird’s eng.)

Aber ich war beim Ausmalen. Und ja, ich hatte mir auch ausgemalt, diesen Sieg gegen Dortmund dann auch, um mit Francis Durbridge zu sprechen, plötzlich und unerwartet in schriftlicher Form zu kommentieren, hier auf diesem Bildschirm – wohl wissend, dass ich mich damit wieder einmal als reiner Erfolgsblogger zu erkennen geben würde (♫ Write when you’re winning ♫, Sie wissen schon), und ja, ich malte mir die entsprechenden Breitseiten aus der Twitterblase bildlich aus.

Im Lauf des Spiels ging ich dann sogar so weit, mir schon sehr genau auszumalen, wie der Titel des Textes lauten würde: “Pussy, Nazis und Idioten”. Allerdings, so lautete zunächst die Einschränkung, an die ich mich rückblickend dann doch nicht halten würde, müsste dazu zunächst das Spiel die gewünschte Wendung nehmen – zumindest in Sachen Pussy. Die Pussy, das ist nämlich Moritz Leitner. Der trägt nämlich manchmal Handschuhe und wirkt auf dem Platz gerne mal wie jemand, der sich für einen Feingeist hält. Da liegt die Pussy dann natürlich auf der Hand. Lustig, nicht wahr?

♫ Hey Pussy Leitner, tollahi tollahej tolla hoppsassa ♫, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob der zweite Teil tatsächlich so lautet – die Künstler sind in der Regel doch ziemlich pussyfixiert, da geht der Rest des Gesangs schon mal ein bisschen unter.

Wie auch immer: jener Moritz Leitner wurde am Freitag eingewechselt, beim Stand von 1:2, als durchaus noch ein bisschen was drin gewesen wäre, hätte man die Dortmunder Abwehr mit der einen oder anderen Herausforderung konfrontiert. Also mit Maxims Spielwitz, zum Beispiel, oder den Dribblings von Filip Kostic. Der Trainer entschied sich aber für den jungen Herrn Leitner, was mich in jener Situation eher überraschte und eher nicht überzeugte.

Vermutlich ging es den Pussyfreunden ähnlich, und so stimmten sie ihr lustiges Liedlein an, und nicht wenige im Stadion gaben lauthals pfeifend den Backgroundchor. Kann man mal machen, nicht wahr? Im Abstiegskampf, im direkten Duell mit einem Mitbewerber (um den Klassenerhalt, Sie verstehen schon) in der 60. Minute erst einmal dem eben eingewechselten Spieler, der vermutlich den Auftrag hat, das Offensivspiel aus einer strategisch wichtigen Position heraus zu beleben, zeigen, was man von ihm hält, nämlich offensichtlich nichts.

Dass er diese Einschätzung letztlich alles andere als widerlegt hat, dürfte unbestritten sein. Und es wäre mir zu billig, eine Kausalität zwischen den Pfiffen und der anschließenden Leistung in Erwägung zu ziehen. Aber ja, ich frage mich schon, was man sich von solch einer Missfallenskundgebung verspricht. Dass der Trainer ihn gleich wieder auswechselt? Gute Idee. Dass der Trainer für die Zukunft weiß, was er gefälligst zu unterlassen hat? Auch schön. Dass der Sportdirektor einen Hinweis erhält, wie groß das publikumsseitige Interesse an einer Ausweitung oder gar Umwandlung des Leihgeschäfts ist? Hat Priorität. Dass der Spieler sich an der Ehre gepackt fühlt und es allen zeigt? Brillant! Vielleicht nicht total wahrscheinlich, aber zweifellos brillant.

Wie gesagt: wahrscheinlich war es nicht, aber ich hoffte doch sehr darauf. Zum einen, weil mir der Erfolg der Mannschaft am Herzen liegt, zum anderen, weil ich sehr gerne noch einmal mitgesungen hätte. So ein beherzt hinausgejubeltes “Hey, Pussy Leitner, holladiirgendwas”, nachdem die Pussy den Ausgleich geschossen hat, wäre mir eine innere Sexismusdebatte gewesen, und manches mehr. Tja, so hatte ich mir das ausgemalt, aus niedersten Beweggründen.

Tatsächlich fügte sich Leitner indes naht- und folgerichtig mutlos in das Spiel des VfB ein – lediglich Florian Klein hatte sich bis dahin mutig tollkühn an und in ein paar hoffnungslose Dribblings gewagt –, und ja, es war deprimierend. Glücklicherweise liegt das Spiel mittlerweile schon wieder so lange zurück, dass ich mich kaum noch an Details erinnern kann. Weder an die Dortmunder Gnade oder Unfähigkeit im Konterspiel (Wie konnte es überhaupt zu Dortmunder Kontern kommen?) noch an die Stuttgarter Angriffsaktion bis zur 85. Minute. Ja, ich bin mit den gängigen Ausprägungen des Numerus vertraut.

Nebenbei sei kurz erwähnt, dass ich zwar, wie oben beschrieben, bis dato nur sehr wenig von der Rückrunde sehen konnte, weder vom VfB noch von der Bundesliga insgesamt, und auch das Hannover-Spiel wird sich wohl wieder ohne mein Zutun abspielen müssen; ich will aber nicht ganz verschweigen, dass ich auch schon das Heimspiel gegen den, ähem, traditionellen Südrivalen aus München gesehen hatte, Sie wissen schon, jenes Spiel, auf das ganz München immer monatelang hinfiebert. Ja, manches spricht dafür, dass ich einer dieser Eventfans bin, die sich nur die Spiele gegen die ganz großen Gegner ansehen.

Im Laufe jenes Spiels ergab es sich – ich brauchte einen Moment, um es zu kapieren – dass irgendwo in unserer Nähe geistreiche Grüße an den Gast gesandt wurden, nach der Melodie von “We’re not gonna take it”: ♫ Schwule und Zigeuner ♫, hieß es da in Richtung des Münchner Fanblocks der sich wieder einmal recht weit in Haupt- und Gegentribüne hinein erstreckte, gerne auch mit schwäbischem Idiom, aber des Menschen Wille, Sie wissen schon.

Doch zurück zum wichtigen Thema: Nachdem ich meine anfängliche Unglaubens- und die Sprachlosigkeitsphase überwunden hatte, arbeitete es in meinem Kopf, doch nicht sehr erfolgreich. Ich überlegte mir, was ich beim nächsten Anlauf sagen würde. Der eine oder die andere mag sich erinnern, dass ich in einer ähnlichen Situation schon einmal eher hilflos mit Worten gerungen hatte.

Und mal ehrlich: “Hey, Ihr seid echt klasse, Homo- und Xenophobie in einem einzigen Gesang!” hätte vermutlich eher zur mitleidigen Erheiterung der Umstehenden geführt, wenn mir spätestens beim ersten Fremdwort der Satz abhandengekommen wäre, von der Aufmerksamkeitsspanne gar nicht zu reden, und Ironie funktioniert in so einer Situation ja ohnehin blendend, als dass es irgendwen beeindruckt oder beschämt hätte.

Gedanklich experimentierte ich auch mit Schwulenfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und was sonst noch so passte. Mit der Zeit verlor sich das Ganze ein bisschen, das Spiel ging seinen Gang, der Gesang kam nicht mehr. Ich regte mich hinterher noch eine Weile auf, doch nach ein paar Tagen hatte ich die Sache, die im Stadion nach meiner Wahrnehmung eine ziemlich lokale gewesen war, wieder vergessen.

Auch beim darauffolgenden Heimspiel – gegen Borussia Dortmund, Sie ahnten es – erinnerte zunächst nichts an jene Episode von vor zwei Wochen. Ich verfolgte das Spiel, war konzentriert, man steckt ja im Abstiegskampf, fiebert, schreit, unterstützt, leidet, und irgendwann nahm ich weit entfernt, nicht räumlich, da eher nah, die Melodie von “We’re not gonna take it” wahr, und langsam dämmerte es. Da war doch was gewesen, beim letzten Mal, und ja, in der Tat, da war es wieder:

“Schwule und Zigeuner!“

Ich erinnerte mich meiner damaligen Sprachlosigkeit, hatte noch immer keine schnell wirkende Antwort parat, ärgerte mich über mich selbst, und hörte zu meiner Überraschung, wie dann auch noch mein unmittelbarer, nicht zufälliger Nachbar mit in die Melodei einstieg (WTF!?).

Recht lautstark, übrigens:

„Nazis und Idioten!“

Einmal reichte.

Es mag natürlich Zufall gewesen sein, dass die Herrschaften so rasch wieder aufhörten, aber ich kann nicht recht daran glauben. Und ich will nicht. Nun liegt es mir fern, die Behauptung aufzustellen, mein Stadionnachbar neige dazu, komplexe Sachverhalte allzu sehr zu vereinfachen, gewiss nicht, er ist ein sehr reflektierter und diskussionsfreudiger Mensch; aber weniger umständlich ist er hin und wieder schon, und manchmal bringt er die Dinge einfach verdammt gut auf den Punkt. Ich verneige mich.

 

Handwerkszeug

Fredi Bobic hatte etwa 88 Minuten ziemlich guten Fußballs gesehen. Würde zwar hernach keinen interessieren, aber es war so. Besuschkow war der Souverän auf dem Platz gewesen, Grbic hatte wieder einmal dreifach getroffen, Ferati vieles versucht, nicht immer erfolgreich, die Abwehr sich weitgehend abgeklärt gezeigt, der Gast war chancenlos gewesen: Stuttgart fünf, Frankfurt eins.

Kurz vor Schluss musste Bobic das Schlienz verlassen und ins große Stadion wechseln, von der U19 zu den Erwachsenen. Möglicherweise tat er dies ähnlich zuversichtlich wie ich selbst kurz darauf, nach dem Abpfiff, und in der Gewissheit, dass die katastrophalen Auftritte gegen Köln der Vergangenheit angehörten.

Leider kam alles ganz anders, und ich kann es nur schwer in Worte fassen. (Daniel Schwaab ist da weniger auf den Mund gefallen.)

Könnte ich singen, wäre das Ganze schnell durch. „Ich hatte keine Tränen mehr, als Ujah und Osako trafen“, sänge ich maffayesk, die Silben ein bisschen beugend, ginge noch auf meinen leeren Blick und das Zittern ein, lüde es hoch, das Blog wäre befüllt und meine Stimmung transportiert. Bliebe bloß noch zu hoffen, dass mich jemand von der Straße zöge. Freundin Ayşe, zum Beispiel, die eher selten ins Stadion geht, am Samstag aber mit ihrer ganzen Familie vor Ort war und hernach nicht umhin kam, mir zu bestätigen, was ich ohnehin zu wissen glaubte, dass nämlich das Spiel auch äußerlich Spuren hinterlassen habe: „Du siehst echt scheiße aus, Heini!“

Nun will ich nicht sagen, dass das „noch geprahlt“, will sagen: eine euphemistische Umschreibung gewesen sei, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ich nach dem Spiel geneigt war und im Grunde noch immer wäre, negative Superlative einzustreuen, so ich denn noch welche hätte. Vermutlich habe ich Herrn Völler hier schon des Öfteren zitiert, Sie wissen schon „… einfach die Sache mit dem Tiefpunkt und nochmal ’n Tiefpunkt und noch mal ’nen niedrigeren Tiefpunkt.“

Verzeihung. Mir ist gar nicht nach Scherzen zumute. Wirklich so gar nicht. Die Ernüchterung ist kaum in Worte zu fassen. Hatte sich das Déjà-vu in der Vorwoche noch lediglich auf den späten Gegentreffer bezogen, ist es nun ein grundsätzlicheres, beängstigenderes: die Spielweise. Konkreter: die Vorwärtsbewegung.

Kürzlich hatte ich bei n-tv noch vollmundig behauptet, der VfB verfüge in der Offensive „insbesondere mit Maxim und Didavi über ein in den letzten Jahren selten gekanntes Kreativpotenzial“ und zudem bedauert, „dass Veh nur schwerlich Platz für beide in seiner Mannschaft finden“ werde. Nun, ich wurde Lügen gestraft: er fand. Schön, eigentlich.

Weniger schön, dass ich mich bereits im ersten Schritt geirrt haben könnte. Oder etwas verwechselt habe: technische Begabung mit Kreativität, möglicherweise. Sowohl Maxim als auch Didavi verstehen es, mit dem Ball umzugehen. Sie behandeln ihn liebevoll, er gehorcht ihnen, und sie verstehen auch, ihn zu treten. Freistöße, Ecken, auch Flanken, Pässe: sie können all das. Es ist ihr Handwerkszeug, ein gutes Handwerkszeug, und sie wissen es zu verwenden.

Kreativ ist das allerdings noch nicht. Kreativität erfordert nach meinem Verständnis Überraschungsmomente, Unerwartetes, mit oder ohne Schnörkel, die Fähigkeit, neue Situationen zu schaffen, etwas, das die Abwehr im Idealfall unvorbereitet trifft und ihr deshalb Schwierigkeiten bereitet. Von den beiden Technikern habe ich derlei am Samstag nicht gesehen. Der kreativste Pass kam von Oriol Romeu – schnörkellos, überraschend, doch leider war Timo Werner bereits ins Abseits gelaufen.

Natürlich geht es nicht darum, Didavi und Maxim die Schuld zuzuweisen. Sie führten mir nur in besonderem Maße vor Augen, dass ich mich einer Illusion hingegeben hatte, als ich auf ein überzeugenderes Offensivspiel gehofft hatte. Ein Offensivspiel, das natürlich auch gern von den Sechsern bestimmt werden dürfte. Oder von den Außenspielern. Ich bin da nicht wählerisch.

Auch nicht bei den Mitteln: ob wir nun Tempodribblings zu sehen bekommen wie phasenweise bei Traoré, oder öffnende Pässe, wie Leitner sie nachweislich spielen kann, manchmal, ob auch mal einer mit dem Kopf durch die Wand geht wie Cacau, oder ob Sakai und Klein auf den Außenpositionen ein ums andere Mal mit hohem Tempo Unruhe schaffen, Verwirrung stiften, so wie, manchmal, der 2012er Sakai und, lassen Sie mich nachdenken, Andi Hinkel 2004.

Meinetwegen können sie sich auch per tiqui-taca bis auf die Torlinie kombinieren, also ungefähr so, wie es Maxim und Didavi zu Spielbeginn kurzzeitig außerhalb der Gefahrenzone versuchten oder wie es die Ballkontaktrekordhalter Schwaab und Rüdiger gemeinsam mit Romeu hinter der Mittellinie taten. Nur schneller. Und woanders. Und irgendwie zielgerichtet.

Da ich bis dato so gut wie keine Spielszenen gesehen hatte, wusste ich nicht, was ich von den Neuzugängen zu erwarten hatte. Romeus kreativen Moment und seine zahlreichen Ballkontakte hatte ich schon genannt, ansonsten hat er mich noch nicht überzeugt, was der einen oder anderen seltsamen Aktion und – zugegeben, kein sehr valides Argument – dem Eindruck geschuldet ist, dass ich schon elegantere, in ihren Bewegungen behändere Spieler aus La Masia gesehen habe. Dafür erinnert er mich an Daniel Morales aus „Taxi“, was immerhin ein ähnlich gutes Argument für ihn ist. Ach, und wieso lese ich in den Aufstellungen immer wieder „Oriol Romeu“ neben, zum Beispiel „Gentner“ oder „Didavi“? Ist er der neue Lucatoni?

Filip Kostić hinterließ insofern einen ganz guten Eindruck, als er für Belebung im Angriff sorgte (was angesichts des Ausgangsniveaus nicht schwer war), ins Dribbling ging und den Abschluss suchte. Dumm nur, dass es keine zehn Minuten dauerte, bis er mich an Danijel Ljuboja erinnerte: die erste Schwalbe ließ nicht lange auf sich warten, bei Auseinandersetzungen mit Gegner und Schiedsrichter war er gleich vorne dabei. Muss ich nicht haben, echt nicht. Aber vielleicht sagt’s ihm ja mal jemand.

Florian Klein: solide. Eine schöne Offensivaktion hatte er, mit schöner Flugannahme und anschließender Hereingabe. Darf er öfter machen; man hätte ihm einen stärkeren Partner auf seiner Seite gewünscht, und Mitspieler, die ihn einzusetzen versuchen. Gerne kreativ, aber auch handwerklich sauber hätte gereicht.

Köln spielte übrigens auch mit. Kevin Vogt gefiel mir ganz gut, Anthony Ujah sowieso, für Daniel Halfar habe ich seit langem ein Faible, das am Samstag aber nicht stärker ausgeprägt wurde. Der VfB spielte ihnen ein bisschen in die Karten, und sie spielten ihr Blatt sauber aus. Gute Leistung.

Insgesamt war es schön, die Bundesliga wieder intensiver verfolgen zu können – selbst das Abendspiel sah ich mir in irgendeiner Kneipe an, war sehr beeindruckt von der Münchner Anfangsphase und völlig überfordert, die weitere Entwicklung des Spiels zu begreifen. Vermutlich hatte ich mich schon fast so sehr mit dem Kräfteverhältnis abgefunden wie die Schalker, die nach dem Spiel in kollektiven Jubel ausbrachen, weil sie ein Heimspiel gegen einen unmittelbaren Mitbewerber nicht verloren hatten, was Marcus Bark bei sportschau.de bereits sehr treffend ausgeführt hat.

Ach, und dann war da ja noch ein Handtor. Ich bin ein bisschen überrascht, dass sich Collinas Erben so klar auf die Seite von Benedikt Höwedes, bzw. von Marco Fritz, stellen. Zwar neige ich selbst auch zu der Sichtweise, dass ein solches Handspiel kein strafbares ist, wiewohl ich finde, dass man Höwedes mit guten Argumenten eine sehr bewusste Nutzung des Ellbogens unterstellen kann; vor allem aber frage ich mich, wieso Abwehrspieler, insbesondere in der Champions League, seit einiger Zeit dazu übergehen, sich dem ballführenden Angreifer mit hinter dem Rücken verschränkten Armen entgegenzustellen, um den Ball nur ja nicht aus kurzer Distanz an Hand oder Arm geschossen zu bekommen? Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sie dafür keine handfesten Gründe haben, vorzugsweise erfolgte Schiedsrichterentscheidungen.

Vermutlich werden die Erben das in den nächsten Tagen auch in ihrer nächsten Podcast-Ausgabe noch einmal aufrollen und in mir einen interessierten Zuhörer haben; ähnlich interessiert erwarte ich die zweite Ausgabe der „Schlusskonferenz“ beim Rasenfunk, einem neuen Podcast, hinter dem zu meiner großen Freude just jene beiden Herren stecken, denen ich während der Weltmeisterschaft ganz besonders gerne zuhörte, wenn sie beim fast täglichen WM-Podcast von Herrn @fehlpass zu Gast waren: die Herren @GNetzer (der das jetzt wieder nicht so gerne hört) und @helmi.

Ob dort auch die zweite Liga besprochen wird, weiß ich nicht. Falls ja, dann höchstens deren sportliche Aspekte, vermute ich, nicht aber die Mattuschka-Posse. Die mich persönlich ein bisschen bestürzt. Hätte ich nicht erwartet. Nicht, dass mich Norbert Düwel gleichermaßen an Joachim Löw in der Causa Ballack und Michael Skibbe in Sachen Thomas Häßler denken lassen würde, und auch nicht, dass sich Mattuschka selbst nicht entblöden würde, sich auf das Glatteis der großen Buchstaben zu begeben.

Es überrascht mich naiven Romantiker komplett, dass so etwas so schnell gehen kann, und es gibt wenig, was ich aktuell weniger gern hören möchte als Sätze im Stil von „kein Spieler ist größer als der Verein“. Rein emotional und aus der Ferne. Aus der Nähe sieht man das vermutlich aus guten Gründen anders. Tja.