Oh, it's a Veh!

Am Samstag war noch ein Fußballspiel, hörte ich. Sogar mehrere, um genau zu sein.

So lautet seit einer knappen Woche der Beginn dieses Textes, der nun, da ich dies schreibe, noch immer nicht abgeschlossen und veröffentlicht ist, wohl aber nun, da die geneigte Leserin ihn vor Augen hat, und sie mag etwas sagen in der Art von: „Stimmt. Mindestens zwei Pokal- und ein Divisionsfinale.“ Leider konnte ich nur das eine Pokalfinale sehen, und auch das nur in Abschnitten aus Gründen, die hier und jetzt nicht so sehr von Belang sind. Was ich indes davon sah, hat mich begeistert, Sie wissen schon, Intensität und so, hat der Mehmet ja alles schon erzählt.

Toni Kroos, dem ich nicht immer positiv gegenüberstehe, hat mich ziemlich beeindruckt, seine Souveränität am Ball ist unfassbar (ja, ich habe den Fehlpass ins Aus gesehen), auch das ist hinlänglich bekannt, und nebenbei sei bemerkt, dass seine Stutzenwickeltechnik, die den blauen Streifen, den insbesondere die Herren Götze und Boateng schmerzlich zur Schau trugen, klammheimlich verschwinden ließ, in der Tat eine Augenweide war.

Jürgen Klopp stimme ich ausdrücklich zu, wenn er den Umgang der Schiedsrichter im Allgemeinen und heute im Besonderen den von Florian Meyer mit taktischen Fouls kritisiert, zur Torlinientechnik braucht man an Tagen wie diesem nicht viel zu sagen, Philipp Lahm lobe ich aus Wortschatzgründen über den Schellenkönig, vor allem aber befürchte ich, dass dieses Finale noch sehr lange in Erinnerung bleiben wird: wann immer künftig irgendwo ein junger Fußballspieler oder eine junge Fußballspielerin mit verschiedenfarbigen Schuhen aufläuft, werde ich – und es steht zu befürchten, dass sich diese Gelegenheit sehr oft ergeben wird – kopfschüttelnd des heutigen Spiels und der Dortmunder Gecken gedenken.

Aber eigentlich hatte ich ja den vorigen Samstag gemeint. Da war nämlich noch ein Fußballspiel, hörte ich. Sogar mehrere, um genau zu sein. Gesehen habe ich nichts davon, weil ich einen ungleich wichtigeren Termin hatte: einen Wiesenkick mit meinem Sohn und dessen Freund. Nicht ganz unerwartet verlor ich durch ein Tor in letzter Sekunde. Was allerdings in der Natur der Sache solcher Spiele liegt: schließlich singt die mitunter kräftig gebaute Dame bei Wiesen-, Beton- und sonstigen Freizeitkicks häufig nicht zu einem vorab festgelegten Zeitpunkt, sondern in Abhängigkeit von den erzielten Toren.

Dass es beim VfB in der abgelaufenen Saison etwas anders lief und der Gesang auch ohne diese regelseitige Besonderheit häufig in unmittelbarem Zusammenhang zu einem Gegentor stand, ist hinreichend besprochen worden, gelegentlich auch hier. Die letzten beiden Spiele deuten darauf hin, dass es auch Huub Stevens nicht gelungen ist, seinen Spielern die übliche Dauer einer Partie Fußball hinreichend zu vermitteln.

Doch auch wenn er an den ganz großen Aufgaben gescheitert ist: zumindest hat er den Klassenerhalt geschafft. Ja, ein paar Spieler, bestimmt auch weitere Akteure, waren ebenfalls daran beteiligt; ich neige gleichwohl zu der nicht sehr originellen Sichtweise, Stevens den Löwenanteil daran zuzuschreiben. Womit ich ihn, das möge nun beurteilen, wer will, und wie sie es will, oder er, in eine Reihe mit Bruno Labbadia im Jahr 2011 stelle.

Anders als bei Labbadia ist Stevens‘ Mission beendet, mein Dank ist ihm gewiss. Für die Rettung, und auch dafür, dass er die Entscheidung selbst getroffen zu haben scheint, anstatt sie möglicherweise Fredi Bobic zu überlassen.

Zwischenzeitlich hat der VfB einen neuen Trainer verpflichtet. Und wie das so ist bei neuen Trainern, fragt man einen persönlich oder virtuell bekannten Blogger, der sich in seiner Freizeit des Öfteren mit einem früheren Arbeitgeber des neuen Übungsleiters befasst, und sich damit fast zwangsläufig auch mit besagtem Trainer beschäftigt hat, nach seiner Meinung.

So geschehen im Jahr 2011, als der einzigartige Kid aus der Klappergass, zum damaligen Zeitpunkt Betreiber eines der besten Blogs der Welt, das leider nicht mehr öffentlich zugänglich ist, Erkundigungen über den neuen Trainer der Frankfurter Eintracht, Armin Veh, einholte.

Und so geschehen in diesen Tagen, als ich mir erlaubte, jenen nicht mehr ganz taufrischen Text, der an der einen oder anderen Stelle von der Realität überholt worden sein mag, auszugraben und hier zu veröffentlichen. Ich bin guter Dinge, dass sowohl der Verfasser als auch der damalige Auftraggeber und Veröffentlichende keine Einwände geltend machen werden, nicht einmal ob einzelner korrigierender Eingriffe.

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Eigentlich ist es eine ziemlich gute Geschichte. Von einem jungen Trainer, der so frei war, einen der begehrten Trainerstühle in der Bundesliga aufzugeben, bevor die übliche Maschinerie anlief. Was ihm, um es vorsichtig auszudrücken, nicht nur Lob einbrachte. Vielen galt er als zu weich für die erste Liga, so wie er einst nicht hart genug gewesen war, sein großes fußballerisches Talent in eine ebensolche Karriere münden zu lassen. Und die Trainerkarriere schien beendet, noch ehe sie richtig begonnen hatte. Für ein bisschen dritte Liga im heimischen Biotop hatte es noch gereicht, aber auch nicht sehr lange.

Anderthalb Jahre war er komplett aus dem Geschäft, bis sich ein junger Manager, der wenige Wochen nach seinem Amtsantritt, beinahe noch in kurzen Hosen, einen der erfolgreichsten Vereinstrainer aller Zeiten vor die Tür gesetzt hatte, seiner erinnerte. Armin Veh erhielt seine letzte Bewährungschance. Ein gutes Jahr später war er Deutscher Meister, mit einer Mannschaft, der nur wenige, sehr wenige, einen solchen Erfolg zugetraut hatten.

Und auch als es danach wieder ein wenig bergab ging, war der „Meistertrainer“ weiterhin gefragt, heuerte nacheinander bei zwei der ambitioniertesten (und gewiss auch solventen) Vereine im deutschen Fußball an. Er ließ sich zu der Aussage hinreißen, der HSV sei seine letzte Trainerstation, alles ging schief, der Meisternimbus verblasste, dann nahm er doch wieder ein Angebot an, galt manchen als wortbrüchig, und ging in die zweite Liga – zu einem Verein, der traditionell als Diva gegolten und zuletzt wieder einmal den Eindruck vermittelt hatte, die zwischenzeitliche Kontinuität als langweiligen Fehler im System zu begreifen.

Wie die Geschichte weitergeht? Nun, entweder darf er, und mit ihm der Verein, wieder einmal den Phoenix geben, oder er wird, dann vermutlich ohne Verein, dann doch ziemlich endgültig zum Traumhüter der deutschen Trainerzunft. Von der Diva in die relative Bedeutungslosigkeit, wie sein Vorgänger.

Ähm, eigentlich war das ja nicht das, was ich schreiben sollte. Der Gastgeber wollte eine Einschätzung der Arbeit von Armin Veh in Stuttgart. Eben dort, wo er aus einer talentierten jungen Mannschaft einen deutschen Meister formte. So er denn formte. Es ist nicht ganz klar, wie stark er das zur Saison 2006/07 etwas veränderte Gesicht des VfB zu verantworten hatte.

So hieß es bei zwei der wichtigsten Neuverpflichtungen, Pavel Pardo und Ricardo Osorio, sie hätten schon lange auf der Liste des VfB gestanden. Mehr als nur Ergänzungen waren auch Hilbert, da Silva und Boka, denen indes mit Farnerud oder Benjamin Lauth auch eher unglückliche Transfers gegenüber standen – egal ob sie nun auf Vehs oder Heldts Initiative zurück gingen.

Aber da waren ja noch die Jungen. Serdar Tasci bestritt, aus der Jugend bzw. von den Amateuren kommend, 26 Spiele und seine bis heute wohl beste Saison. Sami Khedira kam auch von unten und bewies rasch, weshalb er als eines der größten Talente des deutschen Fußballs galt – nicht von ungefähr war er es, der die Meisterschaft mit seinem Siegtor gegen Cottbus besiegelte.

Und Mario Gomez hatte zwar schon seit 2 Jahren versucht, in der Bundesliga anzukommen; erst in der Stuttgarter Meistersaison blühte er indes so richtig auf, und es scheint nicht ganz abwegig, dass ihm Giovanni Trapattoni ein wenig half, den rechten sportlichen Weg zu finden. Gewiss, es spricht für Armin Veh, auf seine Youngsters gesetzt zu haben. Aber mal ehrlich: muss ich von einem Fußballlehrer nicht auch erwarten, dass er die überragenden Begabungen speziell von Khedira und Gomez erkennt und gewinnbringend einsetzt?

Klingt fast, als schätze ich Armin Veh nicht. Dem ist keineswegs so. Er war nicht nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort, sondern konnte mich durchaus von seiner Arbeit überzeugen. Er war angenehm unaufgeregt, wusste vielleicht – jetzt wird’s küchenpsychologisch – auch sein Glück einzuordnen, wieder in der Bundesliga arbeiten zu dürfen, und ließ sich nur sehr bedingt vereinnahmen – was man nach Spielschluss in der Kurve gelegentlich bedauert, was ihn aber nicht zu einem schlechteren Trainer oder auch Typen macht.

Dass mit seiner Unabhängigkeit, die wir in ziemlich eindrucksvoller Weise einige Jahre später in Hamburg wieder erleben sollten („So kann man nicht arbeiten. Es geht hier nicht mehr um Fußball„) eine gewisse Sturheit einher ging, wurde in den anderthalb Jahren nach der Meisterschaft immer wieder deutlich, die FAZ griff das Thema bereits wenige Monate nach dem Titelgewinn auf:

Wann ist ein Fußballtrainer ein Trotzkopf, der stur nie das tut, was andere ihm raten, und wann ist er ein Sportlicher Leiter, der Gelassenheit ausstrahlt, damit Rückgrat zeigt und seine Sache aus Überzeugung durchzieht?“,

die Stuttgarter Zeitung sah darin letztlich auch einen Grund für seine Entlassung im Herbst 2008:

„Zu oft hatten sie ihm schon Aufschub gewährt, und zu häufig hatte der Trainer schon auf stur geschaltet und mit dem Verweis auf seine Meriten intern mit einem Rauswurf kokettiert.“

Nahezu unbeschadet ging Horst Heldt aus der Geschichte hervor. Dabei waren die beiden speziell in der ersten Phase nach Vehs Verpflichtung, als der unsägliche Aufsichtsratsvorsitzende Dieter Hundt wenig Zweifel daran ließ, dass er Veh nur als Übergangslösung sah, mitunter als Schicksalsgemeinschaft inszeniert worden, taten es anfänglich vielleicht sogar selbst. Diese Gemeinschaft bröckelte in der nachmeisterlichen Saison relativ rasch. Die Bilanz der Neueinkäufe war verheerend, die Verantwortung dafür wollte keiner so recht übernehmen, Veh selbst tat es erst im Herbst 2008, kurz vor seiner Entlassung.

Zumindest im Fall von Yildiray Bastürk, dem Inbegriff des Fehleinkaufs nach der Meisterschaft (obwohl er sich in einem harten Wettbewerb mit Schäfer, Gledson und Ewerthon, vielleicht auch Radu und Marica, befand), ist es ein offenes Geheimnis, dass Veh die treibende Kraft war, seinen „absoluten Wunschspieler“ zu verpflichten. Sicher, Fehleinkäufe unterlaufen auch den Besten, aber die Häufung war beim VfB nach der Meisterschaft augenscheinlich.

Umso überraschender, dass der VfL Wolfsburg Veh wenige Monate nach seiner Entlassung in Stuttgart als „starken Mann“ verpflichtete, als Manager englischer Prägung, der die Alleinverantwortung im sportlichen Bereich tragen sollte. Angesichts der Stuttgarter Erfahrungen hätte es mich sehr gewundert, wenn das gut gegangen wäre. Aus der Ferne hatte ich zudem den Eindruck, dass Veh sich in Wolfsburg unbedingt von Magath abheben wollte, und damit beim Spielsystem begann. Er krempelte ein funktionierendes System um und war (Stichwort Sturheit?) lange nicht zu einer Kehrtwende bereit.

Dennoch bleibe ich dabei: Armin Veh ist zwar kein Manager, aber ein guter Trainer, der klare Vorstellungen davon hat, wie seine Mannschaften Fußball spielen sollen. Und ja, er schätzt klassische Spielmacher – eine Rolle, die, wenn auch etwas anders interpretiert, mit dem Trend zum 4-2-3-1 wieder eher gefragt ist als zuvor beim Standard-4-4-2 mit flacher Vier. Sicher, in Wolfsburg und in Hamburg lief manches schief, was zum Teil an ihm lag. Doch es ist nicht nur auf meine, wie soll ich sagen, Loyalität zum letzten Stuttgarter Meistertrainer* zurückzuführen, dass ich die Gründe dort in höherem Maße an anderer Stelle suche.

In Wolfsburg hatte man den Gipfel erreicht. Völlig unerwartet erreicht. Veh übernahm eine Mannschaft, die das System Magath inhaliert hatte, in einem Verein, für den das ebenso zutraf. Und er hatte eine Rolle inne, die nicht seinen Stärken entspricht. Selbst schuld? Vielleicht. In Hamburg stimmte allem Anschein nach nichts. Der Verein war nicht handlungsfähig, kam nie zur Ruhe. Und Veh gefiel sich zunehmend in der Rolle desjenigen, der wie ein Außenstehender den Kopf schüttelte. Der nicht zum ersten Mal deutlich machen sollte, dass er selbst entscheiden kann, ob er bei so etwas mitmachen will.

Was noch in Erinnerung bleibt aus Vehs Stuttgarter Zeit? Dass er ein langsames, wenig dynamisches Mittelfeld zusammenstellte bzw. zusammenstellen ließ (nach Bastürk kam auch noch Simak) und eben diese mangelnde Schnelligkeit später beklagte. Dass er den 19-jährigen Sven Ulreich ziemlich verbrannte, als er ihn 10 Spiele lang zur Nummer 1 machte und ihn dann wieder degradierte. Dass er Markus Babbel nach dessen Karriereende zwar als zweiten Assistenten aufnahm, in ihm aber dem Vernehmen nach kaum mehr als einen Hütchenaufsteller sah – Babbels Freude über seine Beförderung zum Cheftrainer nach Vehs Entlassung soll dieser ihm dann auch ziemlich übel genommen haben.

Am Rande sei darauf verwiesen, dass Veh auch zwei Jahre später und aus der Hamburger Distanz Jens Keller scharf kritisierte, der sich auf Kosten seines Vorgängers Christian Gross zu profilieren suchte. Man kann darüber streiten, vielleicht nicht einmal das, ob der Vorgang Armin Veh etwas anging. Aber ich kann mir auch durchaus vorstellen, dass es ihm ein prinzipielles Anliegen ist.

Und immer wieder: dass Armin Veh der Mann war, der den VfB nach 15 Jahren wieder zur Deutschen Meisterschaft führte.

Nun gehe ich nicht davon aus, dass er die Frankfurter Eintracht binnen zwei Jahren zur Meisterschaft führt, zumindest nicht in der ersten Liga. Aber ich glaube schon, dass sie einen guten Trainer verpflichtet und vielleicht auch eine gute Konstellation geschaffen hat mit einem talentierten Sportdirektor, einem Vorstandsvorsitzenden, dem es gut tun könnte, sich nicht mehr um die sportlichen Belange, sondern etwas mehr um das Drumherum kümmern zu müssen, und eben einem Trainer mit klaren Vorstellungen. Wenn das Zusammenspiel der drei Herren passt, sehe ich eine auch auf Sicht durchaus tragfähige Struktur. Vom Wiederaufstieg gehe ich ohnehin aus.

*Das gilt nicht in jedem Fall. Der vorletzte Stuttgarter Meistertrainer kann mir zum Beispiel gestohlen bleiben. Aber das dürfte dem einen oder anderen Frankfurter angesichts der vergangenen Monate ja ähnlich gehen.

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Eine Aktualisierung des Textes unter dem Motto „Drei Jahre später“ liegt meines Wissens nicht vor, was vielleicht ganz gut ist, weil der Verfasser Vehs Wirken in Frankfurt auch nicht intensiver verfolgt hat als jenes in Wolfsburg oder Hamburg. Dass er in ihm nach wie vor einen guten Trainer sieht, steht indes außer Frage, dass er seinen Humor und insbesondere seine Art, meist über den Dingen zu stehen und auch mal einen Schritt zurück treten zu können, um den Blick zu weiten, über alle Maßen schätzt, ebenso. Vermutlich wird er irgendwann auch darüber hinweg kommen, dass er Veh nicht mehr nur als den Meistertrainer verklären wird können.

So wie er heute damit umgehen kann, dass die Werbung, die er in seiner Jugend für eine der besten der Welt (wiewohl nicht zu vergleichen mit Kid Klappergass‘ Blog) hielt, bei dieser Bewertung wohl doch ein wenig von jugendlichem Überschwang und rückblickender Verklärung profitiert hatte.

Wie auch immer: was muss, das muss. Jetzt. Wer weiß, ob es nicht irgendwann wieder ruck, zuck zu spät ist für vehrchterliche Namensverunglimpfungen, wie sie nur Twitter in jener Fülle und qualitativen Vielfalt hervorbringen kann, die wir im Lauf der vergangenen Woche beobachten durften.

In diesem Sinne:

Mehr Eishockey wagen!

 

Es war schlichtweg beschissen,
aber irgendwie bin ich ganz zuversichtlich.

(Heinz Kamke, 1. November 2013)

Seien wir ehrlich: auf Dauer trägt das nicht. Es sei denn, es geht darum, die eigene Lächerlichkeit zu tragen, der ich mich preisgebe, wenn ich Woche für Woche (nicht nur) die tabellarische Entwicklung außer Acht lasse – dann könnte ich mich auf einem guten Weg befinden. Wenn’s so weitergeht. Was es, davon ausgehend, dass sich Geschichte wiederholt und dass das 1:6 in Dortmund als Nachfolgeereignis des 1:6 in München im September 2012 gelten darf –die Parallelen sind frappierend –, wohl wird. Also: zwei Punkte aus den nächsten fünf Spielen. Und das völlig verdient.

Ok, keine schöne Perspektive. An die ich, um dann doch wieder etwas näher an die eigene Wahrnehmung zu kommen, nicht glaube. Ich fand das phasenweise wirklich nicht so verkehrt, was der VfB am Freitag gezeigt hat. Der Beginn war mutig, vielleicht auch da schon übermütig, und er hat die Dortmunder ein wenig überrascht. Dumm nur, dass der VfB, um vorne überraschen zu können, auf die eigentlich notwendigen Defensivaufpasser für die eigenen Außenverteidiger verzichten muss.

Aber auch hier ist es müßig, sich Woche für Woche zu wiederholen: der VfB ist auf den Außenpositionen zu schwach besetzt, das wissen wir alle, und es bleibt abzuwarten, wie man im Winter damit umgeht, zumal, auch das wissen wir alle, glaube zumindest ich zu wissen, dieses Problem bei geschätzten drei Viertel aller Mannschaften aller Ligen aller Niveaus in ähnlicher Weise besteht. Ich hatte ja mal gedacht, mit Gotoku Sakai habe der VfB zumindest die Hälfte des Problems gelöst, noch dazu beidseitig. Im Moment ist er eher der Inbegriff des Problems, aber ein bisschen hoffe ich noch, dass er sich wieder fängt. Am ehesten links.

Nach dem 4:1 trat übrigens das ein, was in unseren Kreisen gerne mal der Mittwochskickfaktor genannt wird. Anderswo heißt er vielleicht Donnerstagskickeffekt, was weiß ich. Bei uns ist es zumindest so, dass – gerade bei einem anfangs die Illusion von Ausgeglichenheit vermittelnden Spiel, vielleicht gar gegen eine Unterzahlmannschaft, den Klassenunterschied innerhalb der Bundesliga symbolisierend – die auf einen ungefährdeten Sieg zusteuernde Mannschaft gegen Ende die Schlagzahl noch einmal erhöht.

Plötzlich tragen einen die Füße noch einmal ein bisschen schneller, vielleicht kann man es ja noch zweistellig gestalten, und unter Umständen ist es sogar drin, von vornherein noch den einen oder anderen Spieler etwas weiter vorne zu platzieren, um die Konter noch schneller vorzutragen, schließlich sind die anderen ohnehin nicht mehr torgefährlich, haben schon jene paar Prozent verloren, für deren Aktivierung es einer realistischen Erfolgsperspektive bedarf, was auch immer Erfolg im jeweiligen Fall sein möge. Wenn dann noch mancher die Chance sieht, Defizite in der persönlichen Tagesstatistik aufzubessern …

Nein, ich will nicht sagen, dass die Angriffsaktionen der Dortmunder mit unseren mittwöchlichen vergleichbar seien. Zumindest nicht immer. Ich will noch nicht einmal sagen, der Dortmunder Sieg sei zu hoch ausgefallen. Sondern er ist eben so ausgefallen, wie man sich das vorstellt, wenn eine richtig gute Mannschaft richtig gut spielt, dann auch noch auf unstrukturierte Gegenwehr trifft und einfach nur viel Spaß hat. Dann spielt man das eben auch mal aus. Und dass die anderen dann nicht mehr in der Lage sind, sich vernünftig zu wehren, halte ich nicht für ungewöhnlich. Und wenn ich ehrlich bin, noch nicht einmal für verwerflich, auch bei Profis.

Ob Florian Meyer, dessen Laufstil mich erneut für ihn einnahm, letztlich Angst vor der Courage hatte, feige war und nicht zu seiner Entscheidung stand, ob er sich hinter dem Assistenten versteckte oder ob er ein begrüßenswertes Zeichen setzte, mutig war und sein Vorgehen gar einen „Glücksfall für den Fußball“ darstellt, ist vermutlich Ansichtssache. Ich halte es in diesem Fall mit Fredi Bobic und wundere mich ein wenig, dass sich der Schiedsrichter vom deutlich weiter entfernten Assistenten korrigieren ließ und enthalte mich, ein wenig von Bobic abweichend, kontrafaktischer Spekulationen über den Fortgang des Spiels. Dass ich den Elfmeter für gerechtfertigt gehalten hätte, erwähne ich nur der Vollstänndigkeit halber.

Was ich allerdings nicht verstehe: wieso spielt man den Schiedsrichterball nicht aus? Nicht dass ich mir daraus eine klare Torchance erhofft hätte, aber ich versteh’s einfach nicht. Bzw. verstehe noch weniger, wieso man dann den Ball dem VfB zugeschustert hat, wo doch der BVB nach Werners Sturz im Ballbesitz war?

Überhaupt ist mir die mittlerweile fast ausnahmslose Schiedsrichterballharmonie suspekt. Die sollen sich auch mal um den Ball streiten dürfen, und wenn’s noch so unwichtig an einer noch so uninteressanten, gefahrlosen Stelle auf dem Feld ist. Da ist es mir dann auch sehr egal, ob es für den Schiedsrichter möglicherweise ein bisschen schwieriger wird.

Zwar würde ich im Grundsatz nicht so weit gehen, wie der twitternde @el_pibe12 mir unterstellte (eigentlich so gar nicht), aber in dem Fall: ja.

 

Kompromisslose Bravheit*

Lange vor Spielbeginn wurde deutlich, dass Bruno Labbadia seine Mannen erfolgreich eingeschworen hatte: bis hin zum Parkplatzwächter zeigten sie sich in ihrer Abwehrhaltung konsequent und kompromisslos.

So zumindest mein Eindruck, als der Steuermann einer recht großen Limousine versuchte, die Mercedesstraße auch im anlassbezogen Fußgängern vorbehaltenen Bereich zu befahren, vermutlich bis hin zum Businessbereichseingang. Die Diskussion zog sich ein wenig, die Worte des Einweisers waren zunehmend deutlicher zu vernehmen (vielleicht lag’s auch daran, dass sich meine Lauschdistanz – ohne dass ich eine Lauschabsicht gehabt hätte – verringerte, will ich ja nicht ausschließen) und kulminierten sinngemäß in einem unmissverständlichen „dann muss er halt aussteigen und die paar Meter laufen“. Also schickte der Spitzenpolitiker seinen Fahrer von dannen, stieg, ein wenig echauffiert anmutend, aus und ging zu Fuß.

Dahin wollte man die Bayern auch bekommen, vermute ich. Zu dem Punkt, an dem sie ein bisschen unglücklich sind, weil sie sich in ihrer Entfaltung eingeengt fühlen. Was dann, wenn es gelingt, auch mal dazu beitragen kann, dass Franck Ribéry in der ersten Hälfte öfter foult als gefoult wird,  zumindest nach meiner subjektiven Wahrnehmung, die sich für Halbzeit zwei nun wahrlich nicht aufrecht erhalten ließe.

Ohne jeden Zweifel ist es keine abwegige Herangehensweise, die in fast allen Belangen bestehende Überlegenheit des Gegners von vornherein anzuerkennen und entsprechend aufzutreten. Man sollte allerdings, und darin unterscheidet sich meines Erachtens ein Bundesligist aus dem mittleren oder unteren Drittel der Tabelle vom Pokalgegner aus der sechsten Liga, dennoch selbstbewusst genug sein, die Hoffnung auf eigene Angriffsaktionen nicht ausschließlich dem lieben Gott aufzuladen, sondern ein gewisses Grundvertrauen in die eigene Offensivkompetenz zu vermitteln – auch sich selbst.

Ansonsten sieht das dann so aus wie beim VfB gegen den großen übermächtigen Furcht einflößenden paralysierenden unbezwingbaren FC Bayern München, oder wie damals bei mir, als ich als ganz junger Erwachsenenfußballer am Ende einer guten Saisonvorbereitung etwas überraschend im Pokal gegen einen wesentlich höherklassigen Gegner mitspielen durfte und tatsächlich in eine vielversprechende Situation geriet.

Als ich den Ball erhielt, befand ich mich in einer deutlich besseren Position als der letzte Mann des Gegners, war allerdings noch gut dreißig Meter vom Tor entfernt. Die Chancen, das Laufduell zu gewinnen, lagen sicherlich ein ganzes Stück unter 50 Prozent, unter Berücksichtigung eines Hakens mit entsprechendem Raumgewinn, den ich gar nicht so schlecht beherrschte, könnten sie vielleicht sogar nahe an fifty-fifty herangereicht haben. Den Ball abzuschirmen und auf nachrückende Mitspieler zu warten, wäre mir ob meiner Nervosität und der vermeintlich einzigartigen Gelegenheit niemals in den Sinn gekommen, und letztlich entschied ich mich für die, äh, sichere Variante: Abschluss, aus dreißig Metern, quasi aus dem Stand, mit dem schwächeren Fuß. Höflicher Beifall folgte.

Eben diesen höflichen Beifall zolle ich auch dem VfB für sein Auftreten gegen die Bayern. Diszipliniert waren sie, zweifellos. Engagiert, in der Defensive. Und vor allem: brav. Aber brav reicht leider nicht. Man konnte sich fragen, wieso Ibrahima Traoré in zentraler Position nicht den Abschluss sucht oder weiterläuft und das Foulspiel des ihn wutschnaubend verfolgenden Bastian Schweinsteiger in Kauf nimmt, sondern sich an einem Querpass versucht, der die Begriffe „Alibi“ und „feige“ irgendwo in meinem Gehirn schnappatmend um Verwendung ringen lässt. Und bedauert, dass Martin Harnik in der fünften Minute eine sehr gute Konterchance mit einem ungenauen, meines Erachtens überhasteten (Wer weiß, ob wir in diesem Spiel noch einmal in die gegnerische Hälfte kommen?) Pass auf Traoré verschludert.

Ach, ich weiß auch nicht recht. Im Grunde lief alles wie erwartet, und doch ist die Enttäuschung enorm. Ich bin mir recht sicher, lieber wieder ein 3:6 sehen zu wollen, oder auch ein 1:6, bei dem man irgendwann einmal die Hoffnung hat, die Mannschaft glaube womöglich daran, etwas reißen zu können. So macht das keinen Spaß.

Und weil das so war, habe ich mich ein wenig am Spiel von Florian Meyer erfreut. Was nicht daran lag, dass ich mir aus meiner sehr ungünstigen Position keine regelgerechte Aktion vorstellen konnte, mit der Georg Niedermeier Toni Kroos gestoppt haben könnte, Meyer sie aber sehr wohl fand. An der einen oder anderen Stelle habe ich mich auch über ihn geärgert, wie man sich halt immer mal über den Schiedsrichter ärgert. Ich will auch nicht andeuten, Collinas Erben hätten mein Gehirn so gewaschen und getrocknet, dass ich nur noch das Gute im Schiedsrichter an sich sehe.

Vielmehr schaue ich Florian Meyer so gerne zu, weil er wie ein Fußballspieler läuft. So, wie ich mir Fußballspieler in meiner Jugend vorgestellt habe und sie wohl auch heute noch schätze. Etwas o-beinig, mit schwach ausgeprägter Eleganz, vielleicht gar ein wenig gebückt. Wie Jan Wouters halt. Und so gar nicht brav, im Übrigen.

Es gefällt mir einfach, wenn ich mir den Schiri als Fußballspieler vorstellen kann.

* Der Duden nennt als Synonyme für Bravheit nur Mut und Tapferkeit.  Ich meine was anderes.

Es gibt tausend gute Gründe…

Hat mich ja schon ein wenig geärgert, dass ich den Zug verpasste, der mir ermöglicht hätte, das Spiel des VfB beim HSV zu sehen. Wohl oder übel stieg ich in den nächsten Zug, versuchte Fußball Fußball sein zu lassen und sah mir eine weitere Folge von „Die schönsten Bahnstrecken der Welt“ an.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=1d_1VxV2s3g]

Und während man so dasitzt, die Landschaft vorüberziehen lässt, schneebedeckte Wiesen, zugefrorene Teiche, matschige Straßen, dann taucht irgendwann weit, weit hinten so ein ganz unschuldiger Gedanke auf, der irgendetwas mit Fußball zu tun hat. Man fragt sich, warum so viel schief läuft in dieser Saison, wieso der VfB so gar nicht voran kommt, hat keine zufrieden stellende Antwort parat und lässt noch einmal, eher kursorisch, das eine oder andere Spiel Revue passieren:

Mainz:
Die Innenverteidigung

Dortmund:
Georg Niedermeier

Freiburg:
Christian Gross

Nürnberg:
Dr. Jochen Drees
Christian Gross

Leverkusen:
Mauro Camoranesi
Christian Gross

Frankfurt:
Dr. Felix Brych
Christian Gross

Schalke:
Florian Meyer
Christian Gross

Wolfsburg:
Verletztenmisere
Christian Gross

Kaiserslautern:
Der Betzenberg
Christian Gross

Köln:
Christian Dingert
Christian Gross

HSV:
Ciprian Marica
Christian Gross

Hoffenheim:
Christian Gross
Der Bossa Nova

Eigentlich ganz ok.
Ich hatte ja lange Zeit befürchtet, es sei was Strukturelles.
Oder habe mit der Vereinsführung zu tun.
Oder gar dem Spielerkader.

Ehre, wem Ehre gebührt

Am Wochenende war ich unterwegs. Irgendwo in Bayern, wo die Wahrscheinlichkeit, eine Premiere-Kneipe (ich weiß, dass das mittlerweile anders heißt) zu finden, die das Spiel des VfB beim FC Schalke 04 übertragen würde, eher überschaubar war. So begnügte ich mich mit 90elf und gelegentlichen gestreamten Standbildern und bin zu keiner seriösen Bewertung des Spiels imstande. Zumal sich der Webradioreporter ob der hohen Qualität beider Mannschaften mitunter überschlug, was nicht der Wahrnehmung aller am späten Sonntag nachgelesenen Quellen entsprach.

Immmerhin weiß ich, dass dem VfB erneut ein reguläres Tor aberkannt wurde und dass der Schalker Ausgleich nach einer nicht geahndeten Abseitsstellung entstand. Letztere war, nach den Bildern, die ich dann doch noch gesehen habe, meines Erachtens zu knapp, um dem Schiedsrichtergespann einen Vorwurf zu machen. Schließlich sind wir sonst auch immer die ersten, die die Unparteiischen an die Vorgabe „im Zweifel für den Angreifer“ erinnern. Der Linienrichter hat sich um Sekundenbruchteile und Zentimeter vertan, Tasci indes sekundenlang geschlafen.

Den nicht gegebenen Treffer zum 0:2 muss man Florian Meyer und seinem Team natürlich ankreiden. Dies gilt umso mehr, wenn es selbst im diesbezüglich sonst eher zurückhaltenden Brusting Schirischelte gibt – nicht zuletzt und auch nicht ganz überraschend unter Verweis auf die zeitliche Nähe zu den Magathschen Verschwörungstheorien der Vorwoche.

Ansonsten weiß ich, dass der VfB entweder im 4-4-1-1 mit Cacau als Spielmacher (Stuttgarter Nachrichten) oder doch im 4-4-2 (Ballverliebt, Taktikguru) mit hängender Spitze agierte, dass Träsch defensiv wie offensiv Akzente setzte, dass die erste Halbzeit stark, die zweite durchwachsen war, habe natürlich gehört, dass ein Ruck durch die Mannschaft gegangen sei, ferner, dass der neue Trainer der richtige Mann sei, der alte aber vielleicht auch der richtige gewesen wäre.

Bei Sport im Dritten habe ich dann endlich auch die Bilder zu Jens Kellers Abgrenzungsversuchen gegenüber Christian Gross sowie Armin Vehs Reaktion im Sportstudio gesehen und zunächst einmal festgestellt, dass Kellers Outfit Erinnerungen an Stielikes Sakko weckt. Abgesehen davon empfand ich seine Aussagen als unangemessen, unangemessener noch als Vehs Reaktion. Auch wenn ich bei beiden davon ausgehe, bzw. in Vehs Fall der Überzeugung bin, dass sie zumindest teilweise Recht haben. Fredi Bobic hat Jens Keller verteidigt (ab ca. 7:00). Das ist seine Pflicht, und der ist er nachgekommen.

Überhaupt kann ich die teilweise scharfe Kritik, die in meiner Timeline (das ist ein Twitter-Fachbegriff für die Menschen, deren Tweets ich lese) an Bobics Interview im SWR laut wurde, nur bedingt, besser: nur abschnittsweise teilen. Meines Erachtens ist Bobic insofern ganz passabel in das Gespräch eingestiegen, als er zunächst einen Teil seiner Hausaufgaben abgearbeitet hat. Er hob nicht nur die sportliche Verantwortung des neuen Trainers hervor, sondern schaffte es insbesondere, bereits nach 45 Sekunden erstmals den Begriff „Cheftrainer“ einzubringen, von dem ich ehrlich gesagt bis vor kurzem gar nicht wusste, dass er in der Bundesliga gebräuchlich ist, der aber ganz offensichtlich das peinliche Herumgeeiere von Präsident Erwin Staudt in der Pressekonferenz nochmals kontern sollte.

Auch die Nachfrage von Moderator Johannes Seemüller nach den Protagonisten der Entlassung (Wer ist „wir“?) beantwortete er mit einem geschichtsbewussten konsequenten „Wir sind der CKlub“. Nun könnte man natürlich kritisieren, dass „der CKlub“ vor allem „die Mitglieder“ sind, doch in Verbindung mit seiner nachgeschobenen Erläuterung „die sportliche Führung mit dem Vorstand, alle komplett“ und der in den Mund gelegten Ergänzung um den Aufsichtsratsvorsitzenden, ist seine Aussage ok, hielt er sich an den im Sprechzettel vorgesehenen Fraktionszwang. Alles andere wäre in der aktuellen Situation auch reichlich töricht.

Später verteidigte er dann, wie bereits angesprochen und in der Sache unumgänglich, Jens Keller gegen Armin Veh, der schließlich Trainer des HSV sei und sich nicht um Stuttgarter Belange kümmern möge, und wies bezüglich Sebastian Rudy in durchaus angebrachter Deutlichkeit (und das sage ich als großer Rudy-Fan) darauf hin, dass diesem von drei Trainern, besser: Cheftrainern, bescheinigt worden sei, er werde sich in Stuttgart nicht durchsetzen. Sehe ich, mit großem Bedauern, ähnlich.

Sagte ich vorhin, alles andere als eine „Wir sitzen alle im selben Boot“-Einstellung wäre töricht gewesen? Nun denn, einen kleinen Ansatz, sich entweder zu vergaloppieren oder aber Profil zu zeigen, hatte er sich dann doch gestattet: der angesprochenen Erläuterung, wer denn dieses „wir“ sei, das die sportlichen Entscheidungen treffe, ließ er einen kurzen Hinweis in eigener Sache folgen (ab ca. 2:25):

„…aber glauben Sie mir eins, die sportliche Führung gibt, und das sind Jochen Schneider und ich, geben die Vorgaben…[sic!]“

Herr Hundt, Herr Staudt, Herr Ruf, ziehen Sie sich warm an!

Ach, vielleicht ist das doch nicht nötig, wenn man die letzten gut vier Minuten des Interviews noch einmal Revue passieren lässt, die bei „Zimmer frei“ vermutlich problemlos als „ultimative Lobhudelei“ durchgehen würden: das Wiederkäuen der Hundtschen Aussagen zum Stuttgarter Personalbudget, das unter den Top 6 der Liga rangiere, die Rüge für den Ex-Trainer, der sich unbotmäßig zu Vereinsbelangen geäußert habe, die außerhalb seines Kompetenzbereichs lagen, die demütige Feststellung, dass sich „Professor Hundt“ keineswegs (zu) häufig öffentlich äußere, und natürlich die Erkenntnis, dass besagter Professor aus Uhingen, „wenn mal die ganze Emotionalität raus lässt, […] richtig gehandelt“ habe.

Natürlich. Wäre ja noch schöner.
Bis zum nächsten Mal lernt Herr Bobic auch noch den Rest:

Senator E.h. Professor h.c. Dr. sc. techn. Dieter Hundt
(ohne Gewähr)

Pflichtsieg.

Wer vielleicht doch noch in den Uefa-Cup will (auch wenn ich das längst abgeschrieben habe, gerne zu unrecht), für den wird im Grunde jedes Spiel zum Pflichtsieg. Und wenn man dann auf einen vermeintlich höher einzuschätzenden, am Spieltag aber vergleichsweise biederen Gegner trifft, muss man die Chance eben nutzen. Genau das hat der VfB gestern in München getan. Nicht mehr und nicht weniger. Die Leistung war gut, keine Frage; überragend brauchte sie nicht zu sein.

Enorm ärgerlich ist der Ausfall von Sami Khedira. Für ihn, für den VfB, für die Nationalmannschaft. Möglicherweise hat André Zechbauer recht, dass Florian Meyer kein Bayern-Fan sei – ich hoffe sogar, dass er recht hat. Immerhin aber durften die Münchner wiederholt quasi ungestraft von hinten in Stuttgarter Beine grätschen, was ja auch schon mal nicht schlecht ist. Vermutlich gab’s auch eine ganze Reihe von Stuttgarter Fouls, die ich der Vereinsbrille wegen gedanklich ausgeblendet habe, und ich will auch keineswegs behaupten, der VfB sei vom Schiedsrichter benachteiligt worden. Geärgert habe ich mich trotzdem sehr über ihn. Über die gelbe Karte, die er Mark van Bommel für sein erste Grätsche nicht gegeben hat. Auch über die, die er einem Stuttgarter, ich glaube, es war Georg Niedermeier, einige Minuten später nicht gab.

Es wäre wohl an den Haaren herbeigezogen, zu behaupten, dass Miroslav Klose Sami Khedira nicht aus dem Spiel und möglicherweise aus der WM gegrätscht hätte, wenn Meyer früher Farbe bekannt hätte; geschadet hätte ein entsprechendes Zeichen indes sicher nicht. Ich weiß übrigens, dass Kloses Einsatz nicht geahndet wurde. Vielleicht war er sogar regelkonform, ich weiß nicht genau, ob und unter welchen Bedingungen die Aktionen der beiden Beine als eine einzige oder als getrennte Spielsituationen zu gelten haben, man hört da ja so einiges. Mich persönlich allerdings kotzen Grätschen von hinten an, bei denen die eventuelle Ballberührung mit dem einen Bein die Sense mit dem anderen rechtfertigt. Auch bei VfB-Spielern, ehrlich.