Schlauchkleid mit Hut

Man sollte sich ja viel öfter verkleiden. Hab ich das grade wirklich gesagt? Man solle sich öfter verkleiden? Dann muss ich wohl unter dem Einfluss alter Fotografien gestanden haben, die mir jüngst beim Aufräumen in die Hände fielen. Bilder aus Zeiten, in denen man sich noch etwas mutiger kleiden konnte. In meinem Fall zum Beispiel in ein grasgrünes Schlauchkleid, nicht ganz auf Körper geschnitten, aber doch ziemlich. Sollte ich heute vermutlich nicht mehr tragen, sah aber echt chic aus.

Ähnlich verhält es sich mit dem Ken-Outfit, das ich damals bei der „Traumpaare“-Feier meines besten Freundes trug. Meine Freundin ging, naheliegend, als Barbie, der Gastgeber und sein Mitbewohner als elmex und aronal. Der kurzfristig erworbene pinkfarbene Walkman und die eigens dafür aufgenommene Kompaktkassette („I’m a Barbie Girl“ in Dauerrotation, so weit die Batterien trugen) wurden kürzlich im Zuge der genannten Entrümpelungsaktion entsorgt. Hat schließlich keiner mehr gebraucht in den letzten 17 (?) Jahren.

Accessoires sind ja ohnehin das A und O des Verkleidens, nicht wahr? Man frage nur mal meine Töchter. Möglicherweise fiel der Apfel gar nicht so weit vom Stamm. War vielleicht zufällig jemand bei der „Film“-Party, damals, Mitte der Neunziger, als ich mein prall gefülltes Köfferchen dabei hatte, ein kariertes, bis oben zugeknöpftes Hemd und eine Feder auf dem Schuh trug?

Falls ja: hoffentlich bot ich Ihnen eine selbst gebastelte Flasche Dr. Pepper und ein paar Pralinen an! Sie erinnern sich nicht? Auch nicht an die, wie soll ich sagen, gewöhnungsbedürftige Frisur, die ich mir ein paar Stunden zuvor hatte antun lassen, und die, aber das können Sie nicht wissen, tags darauf dem Rasierer zum Opfer fiel? Schade.

Ja, manchmal übertreibt man. Dabei ist weniger doch so oft mehr. Die Kostümierung meines Freundes bestand beim genannten Filmfest lediglich aus einem goldenen Finger, der manches Kontaktanbahnungsgespräch erleichterte, ich selbst beschränkte mich bei anderer Gelegenheit, einer „Bad-Taste-Party“, auf einen Kinnbart. Nein, ich mag Kinnbärte auch heute noch nicht, würde aber nicht mehr so weit gehen, und nein, bei beiden genannten Gelegenheiten implizierte die Beschränkung des Kostüms keine Ausschließlichkeit, wie sie möglicherweise grade in Ihrem Kopf umherspukt.

Aber klar, mit Aufwand macht das Ganze irgendwie mehr Spaß. So wie damals, als wir beim Thema „Werbung“ als Sargträger des Marlboro Man gingen. Maßstab: 1:1, Design, natürlich: Marlboro. Dürfte in eine gesellschafts,- konsum- und auch sonst irgendwie kritische Phase gefallen sein. Oder als Ausdruck zur Schau getragener Distinktion durchgehen.

So wie der Entschluss, auf das örtliche Fasnetsmotto „Die Welt zu Gast bei uns im Dorf“, oder so ähnlich, mit einer Kostümierung als Parkscheinautomat zu reagieren. Reich wurde ich nicht, aber der Gemeindekämmerer zeigte sich angetan.

Ein paar Jahre zuvor hatte auch die Lokalzeitung Notiz von uns genommen: „Flower Power“ hatte das Thema gelautet, womit wir wieder bei den eingangs erwähnten Schlauchkleidern angelangt wären:

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Falls übrigens der damalige Redakteur mitliest: wir machten auf Gänseblümchen, nicht „auf Margeritte (sic!)“.

Tom Hanks, die Schwester und ich.

Es muss wohl an den Bildern aus Cannes und dem Hype um Christoph Waltz liegen, dass ich in diesen Tagen mehr als einmal an „meine“ schönste spannendste interessanteste Oscarverleihung zurück gedacht habe.

Im Frühjahr 1995 verbrachte ich die Semesterferien bei meiner damaligen Freundin in Irland, die zu dieser Zeit bei ihrer großen Schwester wohnte – einer irischen großen Schwester mit ausgeprägtem Beschützerinneninstinkt, übrigens.

Ende März stand die Oscarverleihung an, und alle Diskussionen drehten sich um die Aufteilung der Trophäen zwischen den großen Favoriten Forrest Gump und Pulp Fiction. Die Schwester konzentrierte sich dabei in besonderem Maße auf den Preis für den besten Hauptdarsteller: unter den Nominierten war Tom Hanks, der bereits im Vorjahr für seine Rolle in Philadelphia ausgezeichnet worden war – und in seiner Dankesrede wohl nicht ganz ihren Geschmack getroffen hatte, wie mir sehr rasch klar wurde.

Offensichtlich hatte er zu vielen Menschen gedankt, zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt, seine Frau zu überschwänglich gepriesen, kurz: war wohl zu sehr Tom Hanks gewesen. Tatsächlich ist jene Rede noch heute insbesondere deshalb in Erinnerung, weil Hanks die Homosexualität seines ehemaligen Schauspiellehrers und eines Mitschülers öffentlich machte, nicht aber als besonders schlechte Dankesrede.

Wie auch immer: die Schwester bereitete sich und mich tagelang auf den GAU vor, dass Hanks möglicherweise noch einmal gewinnen und eine ähnlich pathetische Rede halten könne, ich würde es dann schon sehen. Es kam also, wie es kommen musste: Sein Name wurde genannt, er ging zur Bühne und begann zu reden. Nach gefühlten zwei Sekunden fiel ihm die Schwester ins Wort:

„Da, seht Ihr? Er tut es schon wieder! Tom Hanks, hör auf! Gleich dankt er seiner Frau, Ihr werdet sehen! Und dann kommt bestimmt auch wieder dieses ‚God bless America‘. […] Schleimer!“

[Gedächtnisprotokoll, sinngemäß übersetzt]

Als sie sich wieder beruhigt hatte, wandte sie sich mir triumphierenden Blickes zu:

„Siehst Du, ich hab’s Dir gesagt!
War das nicht fürchterlich?“

Worauf ich wahrheitsgemäß antwortete:

„Sorry, ich hab nicht verstanden, was er sagte.“

Also frug sie, welchen Teil bzw. welche Wörter ich denn nicht verstanden hätte. An dieser Stelle wäre ich wohl noch unbeschadet aus der Nummer heraus gekommen. Ich hätte sie bitten können, mir seine Rede noch einmal sinngemäß zu übersetzen, um dann vermutlich grundsätzliche Zustimmung mit gewissen Einschränkungen zu signalisieren. Stattdessen gab ich dem Teufelchen nach, das auf meiner Schulter Platz genommen hatte:

„Nein, ich konnte einfach nicht hören, was er sagt.“

Stille. Nachdenken. Groschen fällt.
Dann Wutausbruch und nachhaltig gestörtes Verhältnis.