Bleierne Todesser, die ihr Lachen verkauft hatten

[Inhaltlich irrelevante Nach- und Vorbemerkung: Ich hätte in der Überschrift, wie weiter unten im Text gehandhabt, beim Begriff „Death Eater“ bleiben sollen, anstatt mich auf die akustische Erinnerung an einen Fernsehabend zu verlassen: zunächst stand hier Totesser, die oder der URL spricht noch Bände.]

Samstag, 17 Uhr 30, so ungefähr. Die Cannstatter Kurve leerte sich ganz allmählich, das Gemurmel auf den Treppenabgängen ertönte komplett in Dur, an der einen oder anderen Ecke wurden Gesänge angestimmt, die weder Beleidigungen noch Fäkalien enthielten, auch keine Forderungen nach der Freisetzung einzelner Führungskräfte, sondern zuallererst Freude zum Ausdruck brachten, vielleicht auch ein wenig Genugtuung, gepaart mit übermütigen Einschätzungen zur Rückkehr des VfB. Schön.

Und so ungewohnt. Wäre ich poetisch veranlagt, spräche ich wohl von einem bleiernen Mantel, der sich seit geraumer Zeit über das Neckarstadion gelegt und alle Freude erstickt zu haben schien, und der nun, nach einem biederen 1:0 gegen Hannover 96, wie weggeblasen war.

Ja, um einen solchen Mantel wegzublasen, bedarf es eines sehr starken Atems oder eines besonders schiefen Bildes. Und vor allem einer Reihe von Faktoren, die über das reine Ergebnis hinausgehen. Wobei bereits der Umstand, dass es gelang, eine Führung zu verteidigen, beziehungsweise dass es möglich war, eine Schlussphase ohne Gegentreffer zu überstehen, obwohl man sich große Mühe gegeben hatte, ihn doch noch einzustecken, einem Meilenstein gleichkam.

Man hatte gesehen, dass der VfB in der Lage war, gegen einen Gast, der die Ankündigung seines Sportdirektors, mit einem Punkt zufrieden zu sein, mit viel Leben füllte, dennoch alle drei Punkte einzubehalten. Dies war, abseits aller taktischen Winkelzüge, nicht zuletzt einer insgesamt zupackenderen Leistung als in den Heimspielen zuvor geschuldet, und einer augenscheinlichen Entschlossenheit, das Spiel gewinnen zu wollen, die eine ihrer Symbolfiguren in Filip Kostic fand.

Vermutlich taugt auch Thorsten Kirschbaum zur Symbolfigur, wiewohl der von ihm ersetzte Sven Ulreich eher nicht im Ruch steht, nicht entschlossen genug um die Punkte gekämpft zu haben. Gewiss, die Formulierung „nicht entschlossen genug“ mag nach dem Dortmunder Ausgleich vom vergangenen Mittwoch an der einen oder anderen Stelle gefallen sein und zählte noch zu den wohlmeinenderen, aber das ist wohl eher eine kleine ironische Wendung des Schicksals.

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Ulreich bei einer Hereingabe schlecht aussah, und diesmal hatte die Situation nicht nur besonders unglücklich ausgesehen, sondern sich auch als besonders folgenreich erwiesen: sowohl für die Mannschaft als auch für ihn selbst, der bereits in den Wochen zuvor vom Trainer angezählt worden war, von der gemeinsamen Historie nicht zu reden.

Ich mache keinen Hehl daraus – alles andere ließe sich auch niemandem vermitteln, der oder die hier annähernd regelmäßig mitliest und meine Vorbehalte gegen Sven Ulreich kennt –, dass ich Vehs Entscheidung begrüßt habe, ohne aber genau zu wissen, was wir von Kirschbaum zu erwarten haben, über die Eindrücke aus einer Handvoll Spielen hinaus. Heute sind wir schlauer, wenigstens ein bisschen: der Neue hat solide gespielt, kurz vor Schluss eine Matchwinnerparade gezeigt, die, da habe ich keine Zweifel, auch Ulreich hinbekommen hätte, und er stand weiter vorn.

Was ganz gut in das Argumentationsmuster von Typen wie mir passt, die Ulreich fußballerische Schwächen ankreiden, die auch nach Jahren noch nicht ausgemerzt sind, begleitet von Defiziten in Sachen Gedankenschnelligkeit und Entscheidungsfindung, die uns immer wieder kollektiv aufstöhnen lassen, wenn die Möglichkeit, das Spiel von hinten heraus schnell zu machen, ungenutzt bleibt und wir uns fragen, was Ulreich eigentlich in den zwei Jahren gemacht hat, in denen er Jens Lehmann aus nächster Nähe studieren durfte.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: auch Kirschbaum tat das am Samstag nicht. Was in diesem Fall schlichtweg daran lag, dass sich nur selten (nie?) überhaupt die Option auftat, gegnerische Angriffe abzufangen und eine schnelle eigene Offensivaktion einzuleiten. Es fiel lediglich auf, dass er in der Regel, so redeten wir uns das zumindest ein, etwa 10-15 Meter weiter im Feld stand als Ulreich, aktiver am Spiel teilnehmen zu wollen schien, aber wie gesagt: es passte halt auch ganz gut in unser Narrativ.

Was indes nicht ganz so gut passte, oder eben doch, je nachdem, wie man gestrickt ist: die Einstiegsfrage des Kurzinterviews mit Sven Ulreich, das im Stadionheft zum Spiel veröffentlicht wurde:

„Hallo Ulle, der Saisonstart ist nicht nach Wunsch verlaufen. An welchen Hebeln ist nun anzusetzen?“

Faust. Auge. Realsatire?

Als recht hübsche Realsatire empfand ich auch den Moment, als sich ein Stuttgarter beim Einwurf nicht sonderlich beeilte und sich der Gast darüber empörte. Jener Gast, der seit Mitte der ersten Halbzeit jede Gelegenheit genutzt zu haben schien, sich etwas länger auf den Boden zu legen und die Uhr herunterlaufen zu lassen, und der nun seine Strategie ein bisschen ändern musste. Ich gebe zu: ich schmunzelte, lachte gar. Ob das schon unter Häme läuft, die ich sonst so gerne kritisiere? Vielleicht.

Vielleicht war’s aber auch nur ein großer Selbstbetrug. Vielleicht lachte ich schlichtweg hysterisch, weil mich die Fahrlässigkeit entsetzte, mit der der VfB den Gast ins Spiel kommen ließ, der zuvor in überzeugender Art und Weise die Basisstrategie gegen den VfB verfolgt hatte: Räume eng machen, gut verschieben, den Stuttgartern den Ball überlassen und zusehen, wie sie scheitern. Irgendwann die eigenen Räume nutzen, in Führung gehen, gewinnen.

Ich weiß nicht, wie bewusst die VfB-Spieler dazu übergingen, einen Schritt weiter zurückzuweichen, etwas weniger Mut zu zeigen, das Heft des Handelns weitgehend aus der Hand zu geben. Eine gute Idee war es auf jeden Fall nicht. Um nicht falsch verstanden zu werden: auch in der ersten Halbzeit hatte der VfB kein Feuerwerk abgebrannt.

Immerhin hatte ich aber den Eindruck, dass die Kurz- und Querpässe, derer man sich mangels größerer Lücken in der Hannoveraner Defensive behalf, einige Zeit lang schneller, druckvoller, entschlossener gespielt wurden als zuletzt und so den Gast stärker forderten. Der Mut, in die gelegentlich entstehenden kleinen Lücken zu stoßen, war dabei noch nicht sonderlich ausgeprägt, aber das mag auch viel mit dem nicht so sehr vorhandenen Selbstvertrauen zu tun haben.

Weiter oben hatte ich von mehreren Faktoren gesprochen, die dazu führten, dass man gegen Hannover nicht nur drei Punkte holte, sondern dass vor allem auch eine ganz andere Stimmung im und später um das Stadion herum herrschte. Nicht mehr so, als sei der gesamte Neckarpark von Death Eaters heimgesucht worden. Nun möchte ich keineswegs behaupten, Fredi Bobic sei irgendwann auf die schiefe Bahn und die falsche Seite geraten, praktiziere dunkle Magie und habe nur willfährige Genossen um sich versammelt, oder höchstens zum Teil.

Dass aber der unter der Woche vollzogene Schritt zur befreiten Stimmung auf den Rängen beitrug, dürfte auch von jenen, die nicht nur den Stil, sondern auch die Trennung an sich für kritikwürdig halten, nur schwer verneint werden können. Ganz wesentlich beitrug, wenn man mich früge.

„I don’t want anyone to lose their job“, so oder ähnlich sagt es Barry Glendenning, ich zitierte ihn gelegentlich in anderem Kontext, regelmäßig bei „Football weekly“, und ich sehe mich in aller Regel nicken. Grundsätzlich gilt das auch für Fredi Bobic. Dennoch brachte die Cannstatter Kurve (genauer: das dortige Commando) mein Empfinden ganz gut auf den Punkt: „Fredi, es war Zeit zu geh’n!“, ergänzt um den Dank für seine Verdienste und seine Treue. Passt.

Gerne würde ich mich an dieser Stelle Armin Veh anschließen, der am Mittwoch seine Zuversicht zum Ausdruck brachte, dass Bobic gewiss seinen Weg als Manager machen werde; allein: ich glaube es nicht. Ich glaube noch nicht einmal, dass man mit Bobic, wie Veh ebenfalls sagte, die vier Punkte aus den letzten beiden Spielen geholt hätte. Vielleicht will ich es auch nur nicht glauben.

Dass man sich die Trennung von Bobic anders hätte vorstellen können, steht außer Frage. Früher, vielleicht, nach dem Klassenerhalt zum Beispiel, oder auch später, einen Tag, und auf jeden Fall so, dass man all jenen, die mangelnden Stil unterstellten, nicht ebenso zähneknirschend wie überzeugt zustimmen hätte müssen. Ob die Entlassung letztlich telefonisch erfolgt ist oder doch erst im persönlichen Gespräch, weiß ich nicht, und auch nicht, ob der Unterschied im vorliegenden Fall letztlich doch nur eine Marginalie wäre. Peinlich ist es allemal.

In den ersten Tagen nach der Entlassung hatte ich den Stil kritisiert, grundsätzlich aber gelobt, dass die Vereinsführung getroffene Entscheidungen auch dann konsequent umsetzt, wenn der Zeitpunkt ungewöhnlich oder gar falsch erscheint. Der Begriff “Überzeugungstäter“ war in meinem Kopf herumgeschwirrt, wie möglicherweise auch in dem von Armin Veh.

Da mittlerweile jedoch relativ klar scheint, dass die handelnden Personen de facto von mindestens einem ganz besonders wichtig(tuend)en Menschen zu diesem raschen Schritt gedrängt wurden, der sein Wissen nicht für sich behalten konnte oder wollte, bin ich, abseits der inhaltlichen Entscheidung, in erster Linie verärgert. Ich möchte weiterhin über die kommunikativen Auswüchse der Aufsichtsräte anderer Vereine lachen können, ohne ständig an den Balken im eigenen Auge zu denken.

Und nun, wie geht es weiter? Mir gefällt, dass Bernd Wahler an Ralf Rangnick denkt. Aber ich mag es ja auch, wenn er von der Champions League redet, irgendwie. Illusionen machen das Leben rosarot.

Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass wir uns derzeit auf dem Sportdirektorenmarkt in einer Situation befinden, wie wir sie jahrzehntelang bei den Trainern erlebt haben: bloß nicht außerhalb des Karussells denken! Vielleicht liegt das auch nur an mir, der ich keine Ahnung vom Sportdirektorengeschäft und –markt habe. Allein: den anderen TeilnehmerInnen an der öffentlichen Diskussion scheint es ganz ähnlich zu gehen.

Ich habe keine Ahnung, wer es könnte, und vor allem: wer es gut könnte. Natürlich ist der Name Rangnick attraktiv. War er Ende der Neunziger übrigens auch, wir erinnern uns. Ich weiß noch nicht einmal, wer es nicht könnte. Vielleicht wäre Jens Todt ja ein guter, auch wenn ich es a priori nicht glaube. Oder Bruno Hübner, frisurunabhängig. Vielleicht wartet Christian Heidel ja nur auf die Gelegenheit, sich außerhalb von Mainz zu beweisen, wer weiß? (Ich habe eine Vermutung.)

Und womöglich wäre eine Doppelspitze aus Guido Buchwald und Thomas Berthold das Nonplusultra, beraten von Uwe und Hansi Müller. Auch hier habe ich eine Vermutung. Letztlich aber keine Ahnung vom Sportdirektorengeschäft. Hoffentlich hat sie Herr Wahler. Oder die Menschen, mit denen er sich berät.

Nihil nisi bene, quasi*

Als Horst Heldt vor gut vier Jahren bei Nacht und Nebel nur mal kurz Zigaretten holen ging, wäre Fredi Bobic nicht meine Wahl als Nachfolger gewesen. Die Gründe riss ich damals kurz an, um dann recht rasch zu den Überlegungen überzugehen, deretwegen ich dennoch ein gutes Gefühl hatte. Einiges davon bestätigte sich, anderes, wie das halt so ist, nicht so sehr. Seit einigen Tagen ist die Ära Bobic Geschichte.

Dirk Dufner sagte in diesen Tagen sinngemäß, dass selbst die größten Kritiker des VfB-Sportvorstands nicht in Zweifel ziehen würden, wie sehr dessen Herz am Verein hänge. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob diese Aussage so stimmt; zwischenzeitlich hatte mancher Beobachter sehr wohl den Eindruck, dass dem Sportvorstand das eigene Hemd, sprich: der Job, durchaus auch recht nahe sind. Auch ich. Dennoch stimme ich Dufner zu, dass der VfB Bobic eine Herzensangelegenheit gewesen sein dürfte und vermutlich auch weiterhin ist. So lässt sich nicht zuletzt Bobics jüngste Wortmeldung deuten.

Natürlich ist mir klar, dass die erste öffentliche Äußerung des Ex-Sportvorstands unter mancherlei Vorbehalten betrachtet werden muss. Arbeitsrechtliche Erwägungen sind ebenso ins Kalkül zu ziehen wie Überlegungen zur Imagepflege – Karriereplanung in Krisenzeiten, sozusagen. Ich gehe fest davon aus, dass sich Bobic ganz gehörig auf die Zunge beißen, vielleicht auch die Faust in der Tasche ballen musste, als er das Facebook-Statement freigab, und doch bin ich überzeugt, dass man ihn zwar des Weglassens bezichtigen kann, nicht aber der Unwahrheit: der VfB liegt ihm am Herzen.

So wie ich vor einem Jahr schrieb, dass ich Bruno Labbadia stets für den Klassenerhalt im Jahr 2011 dankbar sein würde, so gilt das analog auch für Fredi Bobic, der diesen Trainer damals installiert und damit gewiss keine Lösung aus dem Hut gezogen hatte, mit der er die Stuttgarter Seele streicheln würde. Und wer wäre ich, ihm für die nächste Trainerentscheidung böse zu sein, jene für Thomas Schneider, für die interne, nachwuchsorientierte, erhofft junge und wilde Lösung?

Im Gegenteil: Bobic erfüllte eine Sehnsucht zahlreicher Anhänger, und auch wenn man die Frage, ob die Befriedigung von Fansehnsüchten zum originären Aufgabenprofil eines Sportvorstands zählt, getrost verneinen kann, bin ich ihm dankbar für die Illusion, die er mir einige Wochen lang gönnte. Über Huub Stevens brauchen wir ohnehin nicht zu reden, und Armin Veh ist bekanntlich eine magische Lichtgestalt, sodass man mit einer gewissen Berechtigung zu dem Schluss kommen mag, dass Bobic bei der Bestellung der VfB-Trainer gar nicht so viel verkehrt gemacht haben kann.

But where did it all go wrong, könnte man fragen, and when, und würde beispielsweise im Fall von Bruno Labbadia spätestens bei der Vertragsverlängerung im Frühjahr 2013 recht eindrucksvoll fündig, von der drohenden Inauguration seines, also Bobics, Dreieckspartners aus Bulgarien ganz zu schweigen – hier greift dann wohl die Überschrift: nihil nisi bene, quasi.

Wenn aber Labbadias Verlängerung schon angesprochen wurde, lässt sich das Ziehen von Analogien zu Vedad Ibisevic dann doch nicht ganz verhindern, und schon sind wir bei der Transferpolitik. Es ist einfach, dem Manager Bobic eine Reihe von Fehlschlägen nachzuweisen. Gleichzeitig fällt es auch nicht schwer, ihm einige gute Griffe zu bescheinigen, sei es der bereits genannte Ibisevic, seien es Traoré, Maxim und Gruezo, sei es vielleicht auch der eine oder andere Zugang zur laufenden Saison.

Ja, keine Kracher im engeren Sinne, stimmt. Zu wenig Mut, vermutlich. Mit kleinen Transfers macht man auch nur kleine Fehler, könnte man meinen, meinte vielleicht auch er – die Stuttgarter Nachrichten listeten bei ihrer Auflistung der fünf größten Transferflops der Ära Bobic mit Sararer und Torun deren zwei auf, die ablösefrei zum VfB gekommen waren, dazu Haggui, für den eine halbe Million geflossen sei. Nach hemmungsloser Geldverbrennung sieht das eher nicht aus; Flops sind sie dennoch, und vielleicht ist ja gerade der Verzicht auf „Königstransfers“, die diesen Namen rechtfertigen, eines der Kernprobleme der letzten Jahre, ob die Schuld nun bei Bobic oder bei den Sparfüchsen in der Vereinsführung lag.

Ich weiß es zu schätzen, dass sich Bobic immer öffentlich gestellt hat (sein Auftreten und die gesandten Botschaften fallen dabei zum Teil unter den Überschriftsvorbehalt, gewiss), auch dann, wenn eigentlich seine Vorgesetzten gefragt gewesen wären, sich aber nicht so recht dazu durchringen konnten. Und seien wir ehrlich: wer hätte schon Herrn Mäuser oder Herrn Professor Hundt bei der Öffentlichkeitsarbeit zusehen wollen? Bei Herrn Wahler hält sich die Freude des Zuhörers bis dato auch eher in Grenzen, ungeachtet aller Champions-League-Fantasien, aber vielleicht wird das ja noch.

Bobic ist weg, auch wenn er niemals so ganz gehen mag, und das ist aus meiner Sicht auch gut so, spätestens seit der Causa Balakov. Viel besser ist indes der Umstand, dass Herr Mäuser nicht mehr da ist. Dass er nicht mehr in Amt und Würden sein darf (und mit ihm der Aufsichtsratsvorsitzende), ist nicht zuletzt das Verdienst von Fredi Bobic. Nicht alleine seines, gewiss, und zweifellos hat er auch selbst davon profitiert, aber wenn es nur einen Punkt in seiner Bilanz gäbe, für den ich Fredi Bobic uneingeschränkt dankbar sein dürfte, dann wäre es dieses Revirement.

Jetzt ist er selbst weg, und ich bin wieder dankbar. Nur nicht über den Ablauf. Aber das ist eine andere Geschichte, und sie lässt nichts Gutes vermuten.

* Nein, Fredi Bobic ist nicht gestorben. Ja, das mag manche(r) geschmacklos finden. Nein, ich empfinde das nicht so. Ja, es ist mir ein Anliegen, die positiven Aspekte zu betonen. Nein, ich finde die Entscheidung nicht falsch.

Fiktive Gespräche fernab jeder Realität und jedes Realismus sind weder lustig noch erhellend. Warum lässt man es nicht einfach?

Trainer, erinnern Sie sich noch an unser Gespräch neulich? Sie wissen schon, wegen der Nationalelf und meinen Überlegungen, wie ich mich dort festspielen kann?

Ja, klar erinnere ich mich. Klang doch vernünftig. Und jetzt würdest Du’s gern in die Tat umsetzen?

Ja, logisch! Wenn nicht in Stuttgart, wann dann?

Wieso gerade in Stuttgart?

Nun ja, wie soll ich sagen: erstens wäre der Andi vermutlich ganz froh, wenn er woanders spielen könnte, der hat ja noch sein Trauma vom letzten Jahr. Zweitens versuchen die zwar recht viel über außen, sodass ich einiges zu tun hätte und an meiner Positionierung im Abwehrverbund arbeiten könnte; gleichzeitig spielt aber niemand die wirklich guten, gefährlichen, überraschenden Bälle in die Naht, die unmittelbare Gefahr ist also überschaubar.

Drittens, falls doch mal einer käme und ich überspielt würde, ist die Chance auf ein Gegentor, oder zunächst einmal eine gelungene Hereingabe, immer noch minimal. Macht ja keiner rein. Zumal wir mittlerweile ja einen Torwart haben.

Ok, Deine Argumentation hat was für sich. Zudem sind sie viertens immer für zwei Gegentore gut, irgendeiner wird schon patzen. Was indes dagegen spricht: ich glaube, dass Leitner spielt, der die gefährlichen Bälle durchaus drauf hat, zumindest in der Theorie. Auch wenn sie ihn nicht sonderlich mögen dort. Zudem erscheint es mir wahrscheinlich, dass sie das System ändern und mit zwei Spitzen spielen, weil sie irgendwann ja merken müssen, dass der Timo Werner da außen vielleicht nicht verschenkt, aber auch nicht ideal platziert ist.

Hm, da haben Sie natürlich recht. Wenn der Werner in der Spitze spielt, kann ich mich auf Vorstöße von Sakai, Rausch oder sonst einem Christian-Ziege-Gedächtnis-Flankengeber konzentrieren. Soweit es nötig ist, halt. Früher hätte ich vielleicht noch mit Gente gerechnet, aber der geht ja nicht mehr so weit nach vorne.

Stimmt schon. Andererseits könnten es Maxim oder Didavi schon das eine oder andere Mal versuchen, da musst Du drauf gefasst sein.

Trainer, ich bitte Sie! gegen Schottland hatte ich es mit Ikechi Anya zu tun, meist erfolgreich. In ein paar Wochen will ich gegen Polen, Irland und Gibraltar bestehen. Da werd ich ja wohl mit den Freistoßkünstlern des Vorletzten zurechtkommen! Bisschen Stellungsspiel sollte da reichen.

Das ist mir jetzt zu negativ. Die Freistöße sind schon nicht schlecht.

Stimmt schon. Der Toni kommt da ja auch gerne mal ran. Nur rein macht er ihn nicht. Das ist bei meinen anders. Aber ok, ich werde mich bemühen, sie hinten zu vermeiden.

Ok, überzeugt, einerseits. Bleibt andererseits die Frage, ob wir in der Mitte auf Dich verzichten können. Deine Pressingresistenz ist da schon wertvoll.

Freut mich, dass Sie das so sehen, Trainer, aber wieso glauben Sie, dass der VfB plötzlich zu pressen anfangen könnte, dass er Druck ausübt, den Gegner jagt? Und selbst wenn er uns den Ball abnehmen sollte: was macht er dann damit? Ok, vielleicht Harnik anspielen. Aber bis der den Ball angenommen hat, sind wir mit acht Mann hinter dem Ball. Wahrscheinlicher ist aber eh, dass sie Ulreich einbeziehen. Ballgewöhnung, Sie wissen schon.

Jetzt übertreibst Du aber ein bisschen. In einem allerdings hast Du recht: ein paar Querpässe von Schwaab und Rüdiger werden in der Regel schon dazwischengeschoben, Klein soll den Ball auch mal haben, dann darf ihn Gruezo wieder nach vorne spielen.

Gruezo?

Ach was, sorry, natürlich nicht Gruezo, der darf ja nicht mehr. Romeu meinte ich. Zu viele gleiche Vokale. Wie auch immer: in der Zwischenzeit dürfte unsere Abwehr formiert sein.

Dann darf ich also rechts verteidigen? Und ab und zu mal nach innen schauen, falls doch mal ein paar Stuttgarter schneller nach vorne laufen? Lahm-Style, quasi?

Na ja, Lahm-Style würde ich jetzt nicht grade sagen. Du brauchst nicht auf die Grundlinie zu gehen. Die eine oder andere Flanke (Sagnol-Style) wäre mir lieber. Wenn der Veh drüber nachdenkt, mit der überholten Raute spielen zu lassen, können wir auch die Halbfeldflanke aus der Mottenkiste holen.

Die kennt man in Stuttgart eh ganz gut, Trainer. Boka, Sie wissen schon.

Stimmt.
Nochmal ernsthaft: Du brauchst echt nicht ganz nach vorne zu gehen. Wir halten uns insgesamt etwas zurück. Damit kommt der VfB nicht zurecht. Aber wem sag ich das, das weiß nun wirklich jeder Bundesligaspieler, der seinen Beruf halbwegs ernst nimmt. Masseure, Platz- und Zeugwarte übrigens auch, aber das nur am Rande.

Trainer, noch was anderes: diese Unruhe unter den Fans, das Medienspektakel um das Statement, hat das Einfluss auf das Spiel? Wissen Sie, ich war damals gegen Bochum dabei.

Ah, ich erinnere mich. Ein Ruhmesblatt der Fankultur. Aber nein, das wird diesmal anders sein, glaube ich. Die Fans haben ihren Unmut zum Ausdruck gebracht, reflektiert zum Ausdruck gebracht, soweit ich das mitbekommen habe, und die Spieler werden wohl wissen, dass sie den Schulterschluss mit den Fans brauchen. Da sind gescheite Leute auf dem Platz, die haben keine Eurozeichen in den Augen. Die werden zusammenstehen, das wird alles keine Auswirkungen auf das Spiel haben. Höchstens positive. Selbst Schwaab wird seine Lektion gelernt haben und sich nicht mehr abfällig äußern. Bestimmt. Also ganz bestimmt, ehrlich!

Ja, klar. Der Manager wird ihnen ja sicher auch sagen, wie wichtig die Kurve ist. Der ist schließlich lange genug dabei und hat als Einheimischer ein Gespür für die Fans.

 

 

Handwerkszeug

Fredi Bobic hatte etwa 88 Minuten ziemlich guten Fußballs gesehen. Würde zwar hernach keinen interessieren, aber es war so. Besuschkow war der Souverän auf dem Platz gewesen, Grbic hatte wieder einmal dreifach getroffen, Ferati vieles versucht, nicht immer erfolgreich, die Abwehr sich weitgehend abgeklärt gezeigt, der Gast war chancenlos gewesen: Stuttgart fünf, Frankfurt eins.

Kurz vor Schluss musste Bobic das Schlienz verlassen und ins große Stadion wechseln, von der U19 zu den Erwachsenen. Möglicherweise tat er dies ähnlich zuversichtlich wie ich selbst kurz darauf, nach dem Abpfiff, und in der Gewissheit, dass die katastrophalen Auftritte gegen Köln der Vergangenheit angehörten.

Leider kam alles ganz anders, und ich kann es nur schwer in Worte fassen. (Daniel Schwaab ist da weniger auf den Mund gefallen.)

Könnte ich singen, wäre das Ganze schnell durch. „Ich hatte keine Tränen mehr, als Ujah und Osako trafen“, sänge ich maffayesk, die Silben ein bisschen beugend, ginge noch auf meinen leeren Blick und das Zittern ein, lüde es hoch, das Blog wäre befüllt und meine Stimmung transportiert. Bliebe bloß noch zu hoffen, dass mich jemand von der Straße zöge. Freundin Ayşe, zum Beispiel, die eher selten ins Stadion geht, am Samstag aber mit ihrer ganzen Familie vor Ort war und hernach nicht umhin kam, mir zu bestätigen, was ich ohnehin zu wissen glaubte, dass nämlich das Spiel auch äußerlich Spuren hinterlassen habe: „Du siehst echt scheiße aus, Heini!“

Nun will ich nicht sagen, dass das „noch geprahlt“, will sagen: eine euphemistische Umschreibung gewesen sei, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ich nach dem Spiel geneigt war und im Grunde noch immer wäre, negative Superlative einzustreuen, so ich denn noch welche hätte. Vermutlich habe ich Herrn Völler hier schon des Öfteren zitiert, Sie wissen schon „… einfach die Sache mit dem Tiefpunkt und nochmal ’n Tiefpunkt und noch mal ’nen niedrigeren Tiefpunkt.“

Verzeihung. Mir ist gar nicht nach Scherzen zumute. Wirklich so gar nicht. Die Ernüchterung ist kaum in Worte zu fassen. Hatte sich das Déjà-vu in der Vorwoche noch lediglich auf den späten Gegentreffer bezogen, ist es nun ein grundsätzlicheres, beängstigenderes: die Spielweise. Konkreter: die Vorwärtsbewegung.

Kürzlich hatte ich bei n-tv noch vollmundig behauptet, der VfB verfüge in der Offensive „insbesondere mit Maxim und Didavi über ein in den letzten Jahren selten gekanntes Kreativpotenzial“ und zudem bedauert, „dass Veh nur schwerlich Platz für beide in seiner Mannschaft finden“ werde. Nun, ich wurde Lügen gestraft: er fand. Schön, eigentlich.

Weniger schön, dass ich mich bereits im ersten Schritt geirrt haben könnte. Oder etwas verwechselt habe: technische Begabung mit Kreativität, möglicherweise. Sowohl Maxim als auch Didavi verstehen es, mit dem Ball umzugehen. Sie behandeln ihn liebevoll, er gehorcht ihnen, und sie verstehen auch, ihn zu treten. Freistöße, Ecken, auch Flanken, Pässe: sie können all das. Es ist ihr Handwerkszeug, ein gutes Handwerkszeug, und sie wissen es zu verwenden.

Kreativ ist das allerdings noch nicht. Kreativität erfordert nach meinem Verständnis Überraschungsmomente, Unerwartetes, mit oder ohne Schnörkel, die Fähigkeit, neue Situationen zu schaffen, etwas, das die Abwehr im Idealfall unvorbereitet trifft und ihr deshalb Schwierigkeiten bereitet. Von den beiden Technikern habe ich derlei am Samstag nicht gesehen. Der kreativste Pass kam von Oriol Romeu – schnörkellos, überraschend, doch leider war Timo Werner bereits ins Abseits gelaufen.

Natürlich geht es nicht darum, Didavi und Maxim die Schuld zuzuweisen. Sie führten mir nur in besonderem Maße vor Augen, dass ich mich einer Illusion hingegeben hatte, als ich auf ein überzeugenderes Offensivspiel gehofft hatte. Ein Offensivspiel, das natürlich auch gern von den Sechsern bestimmt werden dürfte. Oder von den Außenspielern. Ich bin da nicht wählerisch.

Auch nicht bei den Mitteln: ob wir nun Tempodribblings zu sehen bekommen wie phasenweise bei Traoré, oder öffnende Pässe, wie Leitner sie nachweislich spielen kann, manchmal, ob auch mal einer mit dem Kopf durch die Wand geht wie Cacau, oder ob Sakai und Klein auf den Außenpositionen ein ums andere Mal mit hohem Tempo Unruhe schaffen, Verwirrung stiften, so wie, manchmal, der 2012er Sakai und, lassen Sie mich nachdenken, Andi Hinkel 2004.

Meinetwegen können sie sich auch per tiqui-taca bis auf die Torlinie kombinieren, also ungefähr so, wie es Maxim und Didavi zu Spielbeginn kurzzeitig außerhalb der Gefahrenzone versuchten oder wie es die Ballkontaktrekordhalter Schwaab und Rüdiger gemeinsam mit Romeu hinter der Mittellinie taten. Nur schneller. Und woanders. Und irgendwie zielgerichtet.

Da ich bis dato so gut wie keine Spielszenen gesehen hatte, wusste ich nicht, was ich von den Neuzugängen zu erwarten hatte. Romeus kreativen Moment und seine zahlreichen Ballkontakte hatte ich schon genannt, ansonsten hat er mich noch nicht überzeugt, was der einen oder anderen seltsamen Aktion und – zugegeben, kein sehr valides Argument – dem Eindruck geschuldet ist, dass ich schon elegantere, in ihren Bewegungen behändere Spieler aus La Masia gesehen habe. Dafür erinnert er mich an Daniel Morales aus „Taxi“, was immerhin ein ähnlich gutes Argument für ihn ist. Ach, und wieso lese ich in den Aufstellungen immer wieder „Oriol Romeu“ neben, zum Beispiel „Gentner“ oder „Didavi“? Ist er der neue Lucatoni?

Filip Kostić hinterließ insofern einen ganz guten Eindruck, als er für Belebung im Angriff sorgte (was angesichts des Ausgangsniveaus nicht schwer war), ins Dribbling ging und den Abschluss suchte. Dumm nur, dass es keine zehn Minuten dauerte, bis er mich an Danijel Ljuboja erinnerte: die erste Schwalbe ließ nicht lange auf sich warten, bei Auseinandersetzungen mit Gegner und Schiedsrichter war er gleich vorne dabei. Muss ich nicht haben, echt nicht. Aber vielleicht sagt’s ihm ja mal jemand.

Florian Klein: solide. Eine schöne Offensivaktion hatte er, mit schöner Flugannahme und anschließender Hereingabe. Darf er öfter machen; man hätte ihm einen stärkeren Partner auf seiner Seite gewünscht, und Mitspieler, die ihn einzusetzen versuchen. Gerne kreativ, aber auch handwerklich sauber hätte gereicht.

Köln spielte übrigens auch mit. Kevin Vogt gefiel mir ganz gut, Anthony Ujah sowieso, für Daniel Halfar habe ich seit langem ein Faible, das am Samstag aber nicht stärker ausgeprägt wurde. Der VfB spielte ihnen ein bisschen in die Karten, und sie spielten ihr Blatt sauber aus. Gute Leistung.

Insgesamt war es schön, die Bundesliga wieder intensiver verfolgen zu können – selbst das Abendspiel sah ich mir in irgendeiner Kneipe an, war sehr beeindruckt von der Münchner Anfangsphase und völlig überfordert, die weitere Entwicklung des Spiels zu begreifen. Vermutlich hatte ich mich schon fast so sehr mit dem Kräfteverhältnis abgefunden wie die Schalker, die nach dem Spiel in kollektiven Jubel ausbrachen, weil sie ein Heimspiel gegen einen unmittelbaren Mitbewerber nicht verloren hatten, was Marcus Bark bei sportschau.de bereits sehr treffend ausgeführt hat.

Ach, und dann war da ja noch ein Handtor. Ich bin ein bisschen überrascht, dass sich Collinas Erben so klar auf die Seite von Benedikt Höwedes, bzw. von Marco Fritz, stellen. Zwar neige ich selbst auch zu der Sichtweise, dass ein solches Handspiel kein strafbares ist, wiewohl ich finde, dass man Höwedes mit guten Argumenten eine sehr bewusste Nutzung des Ellbogens unterstellen kann; vor allem aber frage ich mich, wieso Abwehrspieler, insbesondere in der Champions League, seit einiger Zeit dazu übergehen, sich dem ballführenden Angreifer mit hinter dem Rücken verschränkten Armen entgegenzustellen, um den Ball nur ja nicht aus kurzer Distanz an Hand oder Arm geschossen zu bekommen? Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sie dafür keine handfesten Gründe haben, vorzugsweise erfolgte Schiedsrichterentscheidungen.

Vermutlich werden die Erben das in den nächsten Tagen auch in ihrer nächsten Podcast-Ausgabe noch einmal aufrollen und in mir einen interessierten Zuhörer haben; ähnlich interessiert erwarte ich die zweite Ausgabe der „Schlusskonferenz“ beim Rasenfunk, einem neuen Podcast, hinter dem zu meiner großen Freude just jene beiden Herren stecken, denen ich während der Weltmeisterschaft ganz besonders gerne zuhörte, wenn sie beim fast täglichen WM-Podcast von Herrn @fehlpass zu Gast waren: die Herren @GNetzer (der das jetzt wieder nicht so gerne hört) und @helmi.

Ob dort auch die zweite Liga besprochen wird, weiß ich nicht. Falls ja, dann höchstens deren sportliche Aspekte, vermute ich, nicht aber die Mattuschka-Posse. Die mich persönlich ein bisschen bestürzt. Hätte ich nicht erwartet. Nicht, dass mich Norbert Düwel gleichermaßen an Joachim Löw in der Causa Ballack und Michael Skibbe in Sachen Thomas Häßler denken lassen würde, und auch nicht, dass sich Mattuschka selbst nicht entblöden würde, sich auf das Glatteis der großen Buchstaben zu begeben.

Es überrascht mich naiven Romantiker komplett, dass so etwas so schnell gehen kann, und es gibt wenig, was ich aktuell weniger gern hören möchte als Sätze im Stil von „kein Spieler ist größer als der Verein“. Rein emotional und aus der Ferne. Aus der Nähe sieht man das vermutlich aus guten Gründen anders. Tja.

 

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Dann halt doch: VfB-Content. Ein bisschen.

Es lässt sich wohl nicht mehr weiter hinauszögern. Zu eindeutig sind die Signale, zu schnell rückt das Großereignis in den Hintergrund, zu unerquicklich sind die Sommerlochthemen, zu medienpräsent ist die Versammlung. Kurz: es ist wohl an der Zeit, sich wieder mit dem VfB zu befassen. Wenn auch nicht mit den Versammlungsthemen, will sagen: mit der „alternativlosen“ Ausgliederung, mit den neuen Aufsichtsräten, die ihre Unternehmen in Stellung bringen, Sie wissen schon.

Auch nicht mit dem Urlaub, übrigens, aus dem Herr Bobic zurückgekehrt ist, wie Herr Wahler jüngst in bemerkenswerter Art und Weise betonte, oder gar mit den Krachern, deren Ankündigung dann ja doch eher ein wenig flapsig zu verstehen gewesen sei, wenn ich Herrn Wahler recht verstanden habe.

Oh, Verzeihung, mit den Krachern hab ich mich dann ja doch befasst, mit einem zumindest, wenn auch in Wahler’scher Manier: flapsig. Der eine oder die andere hat es vielleicht schon gesehen, bei der Lektüre des Bundesliga-Heftchens der 11 Freunde, wo ich wiederum ein paar mehr oder weniger ernsthafte Sätze zum VfB sagen durfte. Geübten Lesenden wird aufgefallen sein, dass die BloggerInnenbilder entfallen und die Fragebögen kürzer geworden sind.

Da indes die Antworten pro Fragebogen ähnlich zahlreich und auch ähnlich umfangreich waren, es sei denn, ich hätte eine abweichende Version beantwortet, will ich meine vollständige, ungeschminkte und tatsächlich nur sehr bedingt originelle Wahrheit gerne hier veröffentlichen:
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Die neue Saison wird legendär, weil…

sich der 1. FC Köln zum besten Aufsteiger aller Zeiten aufschwingt. Nicht nur nach Punkten.

Wenn ich an die vergangene denke, dann kriege ich…

zum einen das kalte Grausen, zum anderen: Zweifel. Am Verein und an mir selbst. Es gibt mir zu denken, wie bereitwillig ich mich zwischenzeitlich in den scheinbar unabwendbaren Abstieg fügte. Die Labbadia-Jahre haben mich mürbe gemacht.

Mein schlimmster Alptraum…

Der VfB tut all das, was die Fans wollen: er wechselt die ungeliebte Vereinsführung aus, den weinerlichen Trainer gleich mit, ersetzt ihn durch ein junges Eigengewächs, setzt auf „junge Wilde“ – und dann geht trotzdem alles schief. (Ein Alptraum halt. Völlig unvorstellbar.)

Auf diese Schlagzeile warte ich seit Jahren…

„Die bessere sportliche Perspektive des Vereins gab den Ausschlag für meinen Wechsel zum VfB.“

Meine steile These für meinen Auftritt im DSF-Doppelpass…

Rudolph Brückner hätte echt etwas aus dieser Sendung machen können.

Die lustigste Fanaktion der letzten Saison…

In Stuttgart war dem gemeinen Fan einmal mehr nicht so sehr nach Lachen zumute. Aber die Choreo zum 120. Geburtstag machte was her. Und der Jubel für Thomas Hitzlsperger am letzten Spieltag fühlte sich gut an.

Mein unrealistischer Fünfjahresplan…

wird bereits im zweiten Jahr von der noch viel besseren Realität überholt. Endlich wieder Champions League – und im Halbfinale wartet Meister Köln.

Mit meinem 10-Millionen-Lottogewinn kaufe ich meinem Klub…

lieber nichts. Nachdem ich vom Verfall des Vereinswerts gelesen habe, triebe mich die Sorge um, mit den 10 Millionen gegen 50+1 verstoßen zu können. Aber vielleicht ließen sich ja mit Bruchteilen des Geldes die Einrichtung eins Fanprojekts und die Aufarbeitung der Nazihistorie beschleunigen.

Mein Verein braucht eine neue Hymne. Gesungen von… , weil…

Armin Veh, weil dem Verein ein bisschen mehr Selbstironie nicht schaden könnte.

Diesmal feiert der FC Bayern feiert die Meisterschaft bereits am…

letzten Spieltag. Der DFB besinnt sich dann aber eines Besseren und hält sich doch an die offizielle Tabelle.

Und wenn nicht, kommt am Ende raus, dass Pep Guardiola…

die Anweisungen von Mastermind Hermann Gerland in den entscheidenden Spielen ignoriert hat.

Absteigen müssen leider…

immer noch die Mannschaften, die sportlich nicht gut genug sind. Wird in traditionsbewussten Kreisen gerne mal beklagt, ist aber ein ganz gutes Konzept.

Die große Überraschung der Saison…

wird aus Stuttgarter Sicht der versprochene „Kracher“, den der VfB in der Winterpause dann tatsächlich kauft: Moritz Leitner. Ach, und Labbadias Comeback bei den abstiegsbedrohten Schalkern.

Und wohin pinkelt Kevin Großkreutz?

Das möchte ich noch immer nicht wissen.

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Ein Fragebogen halt, mit gezwungen halbwitzigen Antworten. Ich hoffe, die neue Saison gibt mehr her.

Oh, it's a Veh!

Am Samstag war noch ein Fußballspiel, hörte ich. Sogar mehrere, um genau zu sein.

So lautet seit einer knappen Woche der Beginn dieses Textes, der nun, da ich dies schreibe, noch immer nicht abgeschlossen und veröffentlicht ist, wohl aber nun, da die geneigte Leserin ihn vor Augen hat, und sie mag etwas sagen in der Art von: „Stimmt. Mindestens zwei Pokal- und ein Divisionsfinale.“ Leider konnte ich nur das eine Pokalfinale sehen, und auch das nur in Abschnitten aus Gründen, die hier und jetzt nicht so sehr von Belang sind. Was ich indes davon sah, hat mich begeistert, Sie wissen schon, Intensität und so, hat der Mehmet ja alles schon erzählt.

Toni Kroos, dem ich nicht immer positiv gegenüberstehe, hat mich ziemlich beeindruckt, seine Souveränität am Ball ist unfassbar (ja, ich habe den Fehlpass ins Aus gesehen), auch das ist hinlänglich bekannt, und nebenbei sei bemerkt, dass seine Stutzenwickeltechnik, die den blauen Streifen, den insbesondere die Herren Götze und Boateng schmerzlich zur Schau trugen, klammheimlich verschwinden ließ, in der Tat eine Augenweide war.

Jürgen Klopp stimme ich ausdrücklich zu, wenn er den Umgang der Schiedsrichter im Allgemeinen und heute im Besonderen den von Florian Meyer mit taktischen Fouls kritisiert, zur Torlinientechnik braucht man an Tagen wie diesem nicht viel zu sagen, Philipp Lahm lobe ich aus Wortschatzgründen über den Schellenkönig, vor allem aber befürchte ich, dass dieses Finale noch sehr lange in Erinnerung bleiben wird: wann immer künftig irgendwo ein junger Fußballspieler oder eine junge Fußballspielerin mit verschiedenfarbigen Schuhen aufläuft, werde ich – und es steht zu befürchten, dass sich diese Gelegenheit sehr oft ergeben wird – kopfschüttelnd des heutigen Spiels und der Dortmunder Gecken gedenken.

Aber eigentlich hatte ich ja den vorigen Samstag gemeint. Da war nämlich noch ein Fußballspiel, hörte ich. Sogar mehrere, um genau zu sein. Gesehen habe ich nichts davon, weil ich einen ungleich wichtigeren Termin hatte: einen Wiesenkick mit meinem Sohn und dessen Freund. Nicht ganz unerwartet verlor ich durch ein Tor in letzter Sekunde. Was allerdings in der Natur der Sache solcher Spiele liegt: schließlich singt die mitunter kräftig gebaute Dame bei Wiesen-, Beton- und sonstigen Freizeitkicks häufig nicht zu einem vorab festgelegten Zeitpunkt, sondern in Abhängigkeit von den erzielten Toren.

Dass es beim VfB in der abgelaufenen Saison etwas anders lief und der Gesang auch ohne diese regelseitige Besonderheit häufig in unmittelbarem Zusammenhang zu einem Gegentor stand, ist hinreichend besprochen worden, gelegentlich auch hier. Die letzten beiden Spiele deuten darauf hin, dass es auch Huub Stevens nicht gelungen ist, seinen Spielern die übliche Dauer einer Partie Fußball hinreichend zu vermitteln.

Doch auch wenn er an den ganz großen Aufgaben gescheitert ist: zumindest hat er den Klassenerhalt geschafft. Ja, ein paar Spieler, bestimmt auch weitere Akteure, waren ebenfalls daran beteiligt; ich neige gleichwohl zu der nicht sehr originellen Sichtweise, Stevens den Löwenanteil daran zuzuschreiben. Womit ich ihn, das möge nun beurteilen, wer will, und wie sie es will, oder er, in eine Reihe mit Bruno Labbadia im Jahr 2011 stelle.

Anders als bei Labbadia ist Stevens‘ Mission beendet, mein Dank ist ihm gewiss. Für die Rettung, und auch dafür, dass er die Entscheidung selbst getroffen zu haben scheint, anstatt sie möglicherweise Fredi Bobic zu überlassen.

Zwischenzeitlich hat der VfB einen neuen Trainer verpflichtet. Und wie das so ist bei neuen Trainern, fragt man einen persönlich oder virtuell bekannten Blogger, der sich in seiner Freizeit des Öfteren mit einem früheren Arbeitgeber des neuen Übungsleiters befasst, und sich damit fast zwangsläufig auch mit besagtem Trainer beschäftigt hat, nach seiner Meinung.

So geschehen im Jahr 2011, als der einzigartige Kid aus der Klappergass, zum damaligen Zeitpunkt Betreiber eines der besten Blogs der Welt, das leider nicht mehr öffentlich zugänglich ist, Erkundigungen über den neuen Trainer der Frankfurter Eintracht, Armin Veh, einholte.

Und so geschehen in diesen Tagen, als ich mir erlaubte, jenen nicht mehr ganz taufrischen Text, der an der einen oder anderen Stelle von der Realität überholt worden sein mag, auszugraben und hier zu veröffentlichen. Ich bin guter Dinge, dass sowohl der Verfasser als auch der damalige Auftraggeber und Veröffentlichende keine Einwände geltend machen werden, nicht einmal ob einzelner korrigierender Eingriffe.

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Eigentlich ist es eine ziemlich gute Geschichte. Von einem jungen Trainer, der so frei war, einen der begehrten Trainerstühle in der Bundesliga aufzugeben, bevor die übliche Maschinerie anlief. Was ihm, um es vorsichtig auszudrücken, nicht nur Lob einbrachte. Vielen galt er als zu weich für die erste Liga, so wie er einst nicht hart genug gewesen war, sein großes fußballerisches Talent in eine ebensolche Karriere münden zu lassen. Und die Trainerkarriere schien beendet, noch ehe sie richtig begonnen hatte. Für ein bisschen dritte Liga im heimischen Biotop hatte es noch gereicht, aber auch nicht sehr lange.

Anderthalb Jahre war er komplett aus dem Geschäft, bis sich ein junger Manager, der wenige Wochen nach seinem Amtsantritt, beinahe noch in kurzen Hosen, einen der erfolgreichsten Vereinstrainer aller Zeiten vor die Tür gesetzt hatte, seiner erinnerte. Armin Veh erhielt seine letzte Bewährungschance. Ein gutes Jahr später war er Deutscher Meister, mit einer Mannschaft, der nur wenige, sehr wenige, einen solchen Erfolg zugetraut hatten.

Und auch als es danach wieder ein wenig bergab ging, war der „Meistertrainer“ weiterhin gefragt, heuerte nacheinander bei zwei der ambitioniertesten (und gewiss auch solventen) Vereine im deutschen Fußball an. Er ließ sich zu der Aussage hinreißen, der HSV sei seine letzte Trainerstation, alles ging schief, der Meisternimbus verblasste, dann nahm er doch wieder ein Angebot an, galt manchen als wortbrüchig, und ging in die zweite Liga – zu einem Verein, der traditionell als Diva gegolten und zuletzt wieder einmal den Eindruck vermittelt hatte, die zwischenzeitliche Kontinuität als langweiligen Fehler im System zu begreifen.

Wie die Geschichte weitergeht? Nun, entweder darf er, und mit ihm der Verein, wieder einmal den Phoenix geben, oder er wird, dann vermutlich ohne Verein, dann doch ziemlich endgültig zum Traumhüter der deutschen Trainerzunft. Von der Diva in die relative Bedeutungslosigkeit, wie sein Vorgänger.

Ähm, eigentlich war das ja nicht das, was ich schreiben sollte. Der Gastgeber wollte eine Einschätzung der Arbeit von Armin Veh in Stuttgart. Eben dort, wo er aus einer talentierten jungen Mannschaft einen deutschen Meister formte. So er denn formte. Es ist nicht ganz klar, wie stark er das zur Saison 2006/07 etwas veränderte Gesicht des VfB zu verantworten hatte.

So hieß es bei zwei der wichtigsten Neuverpflichtungen, Pavel Pardo und Ricardo Osorio, sie hätten schon lange auf der Liste des VfB gestanden. Mehr als nur Ergänzungen waren auch Hilbert, da Silva und Boka, denen indes mit Farnerud oder Benjamin Lauth auch eher unglückliche Transfers gegenüber standen – egal ob sie nun auf Vehs oder Heldts Initiative zurück gingen.

Aber da waren ja noch die Jungen. Serdar Tasci bestritt, aus der Jugend bzw. von den Amateuren kommend, 26 Spiele und seine bis heute wohl beste Saison. Sami Khedira kam auch von unten und bewies rasch, weshalb er als eines der größten Talente des deutschen Fußballs galt – nicht von ungefähr war er es, der die Meisterschaft mit seinem Siegtor gegen Cottbus besiegelte.

Und Mario Gomez hatte zwar schon seit 2 Jahren versucht, in der Bundesliga anzukommen; erst in der Stuttgarter Meistersaison blühte er indes so richtig auf, und es scheint nicht ganz abwegig, dass ihm Giovanni Trapattoni ein wenig half, den rechten sportlichen Weg zu finden. Gewiss, es spricht für Armin Veh, auf seine Youngsters gesetzt zu haben. Aber mal ehrlich: muss ich von einem Fußballlehrer nicht auch erwarten, dass er die überragenden Begabungen speziell von Khedira und Gomez erkennt und gewinnbringend einsetzt?

Klingt fast, als schätze ich Armin Veh nicht. Dem ist keineswegs so. Er war nicht nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort, sondern konnte mich durchaus von seiner Arbeit überzeugen. Er war angenehm unaufgeregt, wusste vielleicht – jetzt wird’s küchenpsychologisch – auch sein Glück einzuordnen, wieder in der Bundesliga arbeiten zu dürfen, und ließ sich nur sehr bedingt vereinnahmen – was man nach Spielschluss in der Kurve gelegentlich bedauert, was ihn aber nicht zu einem schlechteren Trainer oder auch Typen macht.

Dass mit seiner Unabhängigkeit, die wir in ziemlich eindrucksvoller Weise einige Jahre später in Hamburg wieder erleben sollten („So kann man nicht arbeiten. Es geht hier nicht mehr um Fußball„) eine gewisse Sturheit einher ging, wurde in den anderthalb Jahren nach der Meisterschaft immer wieder deutlich, die FAZ griff das Thema bereits wenige Monate nach dem Titelgewinn auf:

Wann ist ein Fußballtrainer ein Trotzkopf, der stur nie das tut, was andere ihm raten, und wann ist er ein Sportlicher Leiter, der Gelassenheit ausstrahlt, damit Rückgrat zeigt und seine Sache aus Überzeugung durchzieht?“,

die Stuttgarter Zeitung sah darin letztlich auch einen Grund für seine Entlassung im Herbst 2008:

„Zu oft hatten sie ihm schon Aufschub gewährt, und zu häufig hatte der Trainer schon auf stur geschaltet und mit dem Verweis auf seine Meriten intern mit einem Rauswurf kokettiert.“

Nahezu unbeschadet ging Horst Heldt aus der Geschichte hervor. Dabei waren die beiden speziell in der ersten Phase nach Vehs Verpflichtung, als der unsägliche Aufsichtsratsvorsitzende Dieter Hundt wenig Zweifel daran ließ, dass er Veh nur als Übergangslösung sah, mitunter als Schicksalsgemeinschaft inszeniert worden, taten es anfänglich vielleicht sogar selbst. Diese Gemeinschaft bröckelte in der nachmeisterlichen Saison relativ rasch. Die Bilanz der Neueinkäufe war verheerend, die Verantwortung dafür wollte keiner so recht übernehmen, Veh selbst tat es erst im Herbst 2008, kurz vor seiner Entlassung.

Zumindest im Fall von Yildiray Bastürk, dem Inbegriff des Fehleinkaufs nach der Meisterschaft (obwohl er sich in einem harten Wettbewerb mit Schäfer, Gledson und Ewerthon, vielleicht auch Radu und Marica, befand), ist es ein offenes Geheimnis, dass Veh die treibende Kraft war, seinen „absoluten Wunschspieler“ zu verpflichten. Sicher, Fehleinkäufe unterlaufen auch den Besten, aber die Häufung war beim VfB nach der Meisterschaft augenscheinlich.

Umso überraschender, dass der VfL Wolfsburg Veh wenige Monate nach seiner Entlassung in Stuttgart als „starken Mann“ verpflichtete, als Manager englischer Prägung, der die Alleinverantwortung im sportlichen Bereich tragen sollte. Angesichts der Stuttgarter Erfahrungen hätte es mich sehr gewundert, wenn das gut gegangen wäre. Aus der Ferne hatte ich zudem den Eindruck, dass Veh sich in Wolfsburg unbedingt von Magath abheben wollte, und damit beim Spielsystem begann. Er krempelte ein funktionierendes System um und war (Stichwort Sturheit?) lange nicht zu einer Kehrtwende bereit.

Dennoch bleibe ich dabei: Armin Veh ist zwar kein Manager, aber ein guter Trainer, der klare Vorstellungen davon hat, wie seine Mannschaften Fußball spielen sollen. Und ja, er schätzt klassische Spielmacher – eine Rolle, die, wenn auch etwas anders interpretiert, mit dem Trend zum 4-2-3-1 wieder eher gefragt ist als zuvor beim Standard-4-4-2 mit flacher Vier. Sicher, in Wolfsburg und in Hamburg lief manches schief, was zum Teil an ihm lag. Doch es ist nicht nur auf meine, wie soll ich sagen, Loyalität zum letzten Stuttgarter Meistertrainer* zurückzuführen, dass ich die Gründe dort in höherem Maße an anderer Stelle suche.

In Wolfsburg hatte man den Gipfel erreicht. Völlig unerwartet erreicht. Veh übernahm eine Mannschaft, die das System Magath inhaliert hatte, in einem Verein, für den das ebenso zutraf. Und er hatte eine Rolle inne, die nicht seinen Stärken entspricht. Selbst schuld? Vielleicht. In Hamburg stimmte allem Anschein nach nichts. Der Verein war nicht handlungsfähig, kam nie zur Ruhe. Und Veh gefiel sich zunehmend in der Rolle desjenigen, der wie ein Außenstehender den Kopf schüttelte. Der nicht zum ersten Mal deutlich machen sollte, dass er selbst entscheiden kann, ob er bei so etwas mitmachen will.

Was noch in Erinnerung bleibt aus Vehs Stuttgarter Zeit? Dass er ein langsames, wenig dynamisches Mittelfeld zusammenstellte bzw. zusammenstellen ließ (nach Bastürk kam auch noch Simak) und eben diese mangelnde Schnelligkeit später beklagte. Dass er den 19-jährigen Sven Ulreich ziemlich verbrannte, als er ihn 10 Spiele lang zur Nummer 1 machte und ihn dann wieder degradierte. Dass er Markus Babbel nach dessen Karriereende zwar als zweiten Assistenten aufnahm, in ihm aber dem Vernehmen nach kaum mehr als einen Hütchenaufsteller sah – Babbels Freude über seine Beförderung zum Cheftrainer nach Vehs Entlassung soll dieser ihm dann auch ziemlich übel genommen haben.

Am Rande sei darauf verwiesen, dass Veh auch zwei Jahre später und aus der Hamburger Distanz Jens Keller scharf kritisierte, der sich auf Kosten seines Vorgängers Christian Gross zu profilieren suchte. Man kann darüber streiten, vielleicht nicht einmal das, ob der Vorgang Armin Veh etwas anging. Aber ich kann mir auch durchaus vorstellen, dass es ihm ein prinzipielles Anliegen ist.

Und immer wieder: dass Armin Veh der Mann war, der den VfB nach 15 Jahren wieder zur Deutschen Meisterschaft führte.

Nun gehe ich nicht davon aus, dass er die Frankfurter Eintracht binnen zwei Jahren zur Meisterschaft führt, zumindest nicht in der ersten Liga. Aber ich glaube schon, dass sie einen guten Trainer verpflichtet und vielleicht auch eine gute Konstellation geschaffen hat mit einem talentierten Sportdirektor, einem Vorstandsvorsitzenden, dem es gut tun könnte, sich nicht mehr um die sportlichen Belange, sondern etwas mehr um das Drumherum kümmern zu müssen, und eben einem Trainer mit klaren Vorstellungen. Wenn das Zusammenspiel der drei Herren passt, sehe ich eine auch auf Sicht durchaus tragfähige Struktur. Vom Wiederaufstieg gehe ich ohnehin aus.

*Das gilt nicht in jedem Fall. Der vorletzte Stuttgarter Meistertrainer kann mir zum Beispiel gestohlen bleiben. Aber das dürfte dem einen oder anderen Frankfurter angesichts der vergangenen Monate ja ähnlich gehen.

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Eine Aktualisierung des Textes unter dem Motto „Drei Jahre später“ liegt meines Wissens nicht vor, was vielleicht ganz gut ist, weil der Verfasser Vehs Wirken in Frankfurt auch nicht intensiver verfolgt hat als jenes in Wolfsburg oder Hamburg. Dass er in ihm nach wie vor einen guten Trainer sieht, steht indes außer Frage, dass er seinen Humor und insbesondere seine Art, meist über den Dingen zu stehen und auch mal einen Schritt zurück treten zu können, um den Blick zu weiten, über alle Maßen schätzt, ebenso. Vermutlich wird er irgendwann auch darüber hinweg kommen, dass er Veh nicht mehr nur als den Meistertrainer verklären wird können.

So wie er heute damit umgehen kann, dass die Werbung, die er in seiner Jugend für eine der besten der Welt (wiewohl nicht zu vergleichen mit Kid Klappergass‘ Blog) hielt, bei dieser Bewertung wohl doch ein wenig von jugendlichem Überschwang und rückblickender Verklärung profitiert hatte.

Wie auch immer: was muss, das muss. Jetzt. Wer weiß, ob es nicht irgendwann wieder ruck, zuck zu spät ist für vehrchterliche Namensverunglimpfungen, wie sie nur Twitter in jener Fülle und qualitativen Vielfalt hervorbringen kann, die wir im Lauf der vergangenen Woche beobachten durften.

In diesem Sinne:

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Gewonnen!

Mein erster Französischlehrer war ein guter. Er liebte diese Sprache, und eben das vermittelte er uns jeden Tag. Genauer: denjenigen, die dafür empfänglich waren. Den anderen gab er freundlicherweise die Gelegenheit, sich nicht zu sehr in die Materie vertiefen zu müssen, aber den einen, also denjenigen, die sich von seiner Freude an der französischen Sprache anstecken ließen, darunter, man mag es geahnt haben, auch ich, vermittelte er einen großen Schatz an landeskulturellem Wissen und sprachlichen Feinheiten.

So manches ist im Lauf der Jahre leider verschütt gegangen, und doch empfinde ich auch heute, da meine Kommunikations- und Konversationsfähigkeit eine ganze Menge Rost angesetzt hat, eine große Nähe zum Französischen, zu seinem Klang, seinen Eigenheiten, auch seinem Vokabular, und nicht selten fallen im Hause Kamke französische Begriffe, die wir nicht in erster Linie deshalb verwenden, weil die Kinder sie nicht verstehen, wiewohl auch das gelegentlich der Fall ist, sondern weil wir sie einfach für passend halten. Woraus man natürlich, so man möchte, Rückschlüsse auf unseren Umgang mit der deutschen Sprache ziehen kann.

Wenn man das Haus Kamke noch einmal verlässt und statt seiner die staatliche Bildungseinrichtung aufsucht, an der besagter Herr lehrte, vielleicht auch ein paar Unterrichtsstunden Paroli ziehen lässt, so fällt der eine oder andere wiederkehrende Aspekt auf, möglicherweise könnte man von Steckenpferden sprechen.

Neben Dorschangeln vom Boot und an den Küsten der jahrzehntelang gepflegten Städtepartnerschaft, inklusive Lobpreisung Adenauers und de Gaulles, neben Lobgesängen auf das Chanson und das Schicksal Reinhard Meys, der, verkürzt, nach Frankreich habe ausweichen müssen, um in Deutschland angemessen gewürdigt zu werden, also neben diesen eher landeskundlichen Unterrichtsinhalten, wurde auch einer Reihe rein sprachlicher Aspekte besondere Aufmerksamkeit und eine er-, eventuell auch überhöhte Unterrichtspräsenz zuteil.

Exemplarisch sei auf die Verben obtenir und recevoir verwiesen, gerne auch in Verbindung mit toucher, sie wissen schon: obtenir une bourse (ein Stipendium bekommen), recevoir un cadeau (ein Geschenk bekommen) und toucher de l’argent (Geld bekommen).

Ok, vermutlich würde man im Deutschen nicht in jedem Fall „bekommen“ verwenden, aber Sie verstehen, was ich meine, nicht wahr? Mal ganz vom Geld abgesehen, erhält man manchmal Dinge, die man sich erarbeitet hat, und manchmal eben auch solche, für die man im Grunde nichts kann, und dafür gibt es unterschiedliche Verben. Zumindest behauptete das mein Lehrer, und wer wäre ich, daran zu zweifeln?

Am Samstag dachte ich wieder einmal an obtenir und recevoir. Als der man für den VfB den Klassenerhalt schaffte. Sicherlich, die Mannschaft hatte hart dafür gearbeitet; gleichwohl war und ist mein Gefühl ein recht eindeutiges: reçu. Ein Geschenk. Des Himmels, Eintracht Braunschweigs, des HSV, des 1. FC Nürnberg.

Ist „Geschenk“ zu negativ, klingt es so, als habe man nichts dafür getan? Ok, ich revidiere: ein Losgewinn. So fühlt es sich an. Als habe man einen Euro bezahlt und damit das große Los gezogen. Ok, ich bessere noch einmal nach: ein paar Fehlgriffe waren auch dabei, aber wen schert das schon noch, wenn man den Hauptgewinn zieht?

Natürlich ist es nicht nur ein bisschen deprimierend, als VfB-Fan nach dem erreichten Klassenerhalt von einem Hauptgewinn zu sprechen, aber seien wir ehrlich:

Es ist schlichtweg eine extrem glückliche Fügung, dass sich drei Mannschaften gefunden haben, die noch weniger Punkte zu sammeln imstande waren, und es ist alles andere als eine Überraschung, dass auch am vorletzten Spieltag, in einer Saisonphase also, in der wir gerne mal völlig verrückte Ergebnisse erleben und kommentieren dürfen, weil Abstiegskandidaten plötzlich verborgene Qualitäten auspacken und auf den Platz bringen, dass also auch an diesem vorletzten Spieltag die vier schlechtesten Mannschaften ihre jeweiligen Heimspiele verloren haben, und so scheint es nicht sonderlich abwegig, dass am Saisonende 27 Punkte genügen könnten, um die Relegation zu erreichen, womöglich also in der Liga zu bleiben. 27 aus 34. Wahnsinn.

Bleibt also die Frage, was der VfB aus diesem gewonnenen, nein, doch: geschenkten Bundesligajahr macht. Und ich möchte sie mir im Moment gar nicht so recht stellen. Hiesige Qualitätsmedien rufen nach einer objektiven Analyse und raschem Handeln, nicht zuletzt personell, und keineswegs auf die Spieler beschränkt; und so fragt sich der interessierte Zuschauer, wie es denn wohl aussehen mag, wenn sich Fredi Bobic wie angekündigt am von ihm zusammengestellten Kader messen lässt. Nach dem Spiel ließ zumindest er selbst schon einmal durchblicken, dass er wenig davon hält, beim Wort genommen zu werden. Bernd Wahler sollte das anders sehen.

Dass Bobic den Hut nehmen muss, kann ich mir nicht vorstellen. Zu klar scheint im Moment, von außen betrachtet, dass er in die Beantwortung der Trainerfrage für die kommende Saison in gewichtiger Weise eingebunden ist, was eingedenk seines kolportierten Bemühens, wenige Spieltage vor Schluss Krassimir Balakov zu installieren, über den einen oder anderen in seiner Grundaussage negativen Superlativ nachdenken lässt.

Wo wir gerade bei Dingen sind, die ich mir nicht vorstellen kann: Thomas Tuchel nach Stuttgart? Ralf Rangnick nach Stuttgart? Mir fallen derzeit nicht viele Gründe ein, weshalb sie das tun sollten. Oder anders: die Gestaltungsspielräume, die man ihnen einräumen müsste, aber das ist nur ein Vermutung, wären immens und dürften eine deutliche Veränderung der Vereinspolitik erfordern. Mit der ich, um nicht, missverstanden zu werden, durchaus umgehen könnte. Vermutlich könnte ich auch mit Armin Vehs Cannstatter Comeback umgehen. Wenn ich ehrlich bin, möchte ich ihn aber lieber als ewigen Meistertrainer in Erinnerung behalten.

So wie ich Cacau als Schützen eines verrückten Siegtores in einem verrückten Spiel in Bielefeld in Erinnerung behalten werde. Und Hitzlsperger als Verwerter von Pardos Eckball, Sie wissen schon. Schön, dass er am Samstag im Stadion gefeiert wurde, und ja, ich wäre auch lieber der Meinung, das nicht betonen zu müssen. Traoré wird mir nicht zuletzt wegen seiner letzten halben Halbserie in Erinnerung bleiben, und für den rechten Vorlagenfuß, den er in dieser Phase entdeckt hat. Tja, und Boka? Es ist bezeichnend, dass ich erst einmal eine ganze Weile brauchen werde, um bei seinem Namen nicht dauerhaft unmittelbar an das Wolfsburg-Spiel zu denken. Irgendwann werden sich diese Haken wieder in den Vordergrund schieben, die für mein bloßes Auge zu schnell waren. Hoffe ich.

Ob ich mich bereits mit Erinnerungen an Huub Stevens beschäftigen muss, werden die nächsten Tage zeigen, vermute ich. In jedem Fall ziehe ich den Hut vor der Leistung, die er in den vergangenen Wochen erbracht hat. Und habe, mich selbst revidierend, nichts daran zu kritisieren, wenn er als eine mögliche Option für die Trainerposition in der kommenden Saison gilt, die es nun anhand eines gewissenhaft erarbeiteten und objektivierbaren Kriterienkataloges zu bewerten gilt. Oder so ähnlich.

 

Prinzipien und Pragmatismus

Zu den Verhaltensweisen, die mich im Stadion stets irritieren, zählt das kompromisslose Ausleben von Abneigungen, gerne auch situationsunabhängig. Es war mir stets ein Rätsel, was einen dazu bringt, Gesänge gegen den Karlsruher SC anzustimmen, während dieser sich im Mittelfeld der dritten Liga tummelt, der VfB aber gerade ein Bundesligaspiel bestreitet. Und es verwundert mich seit Jahren, dass zahlreiche Zuschauer jedes Gegentor des FC Bayern lautstark bejubeln, auch dann, wenn die Münchner in der Tabelle etwa 25 Punkte vom VfB trennen, deren Gegner indes nur deren vier. Weil’s halt die Bayern sind, da geht’s ums Prinzip. Ja, sagte ich schon, wiederholt, beides.

Letzteres scheint sich nun zu ändern. Der Jubel, den jedes einzelne Tor des FC Bayern am Samstag auslöste, die Geschwindigkeit, mit der sich die Kunde von den Treffern verbreitete, obschon sie nicht offiziell angezeigt wurden, ließ aufhorchen. „Oh, wie ist das schön“ wurde ganz pragmatisch an der einen oder anderen Stelle angestimmt, „Niemals zweite Liga“, dieser unangenehm nach unten gewandte Ruf, machte nach der Entscheidung in Hamburg ebenfalls die Runde, und kurzzeitig wurde mein Nachbar etwas nervös, weil er, so ich ihn recht verstanden habe, versäumt hatte, sich im Vorfeld noch einmal den Text von „Stern des Südens“ anzusehen. Fiel dann aber der Aktualität zum Opfer aus, bis zum samstäglichen Dank an den Gewinnbringer wird er gewiss nacharbeiten.

 

Krankheitsbericht

Vor Wochenfrist, großzügig gerechnet, hatte ich endlich mal wieder etwas zu erzählen. Im Stadion war ich gewesen, gegen Dortmund, ein schönes Spiel gesehen, mit bitterem Ausgang, gewiss, und doch waren diese 25 Minuten zu Spielbeginn für die Seele Gold wert gewesen, mehr als alles andere, was ich im Lauf der Saison gesehen hatte. Ich räume ein: vermutlich kam das Schneider’sche Bundesligadebüt dem nahe, auch wenn ich es nur in einer komischen Hamburger Bar (ohne Bindestrich) verfolgen konnte.

Mein Sohn war dabei gewesen, nicht in Hamburg, doch schon, aber das meinte ich jetzt nicht, sondern im Stadion, gegen Dortmund, nachdem er vormittags beim Punktspiel eine Abwehraktion zum Besten gegeben hatte, die Marwin Hitz Stunden später ähnlich spektakulär, aber deutlich weniger erfolgreich nachstellen würde. Aus nächster Nähe ins Gesicht, Sie wissen schon, mit dem Unterschied, dass Hitz ein Eigentor unterlief, während mein Sohn tatsächlich klärte. Glücklich machte es ihn nicht, und mich, der ich ihm tags zuvor angeraten hatte, etwas weniger ängstlich in Zweikämpfe zu gehen, erst recht nicht.

Natürlich hatte das nichts mit Dortmund zu tun, außer dass ich gottfroh war, ihn wohlbehalten und ohne Brummschädel mit ins Stadion nehmen zu können, aber irgendwie hätte ich das schon zusammengeführt. Noch ein bisschen Schirischelte dazu, weil Oliver Kirch nach seinem taktischen Foul auf dem Platz bleiben durfte, dann noch ein paar Mutmaßungen über Jürgen Klopps Gedankenwelt beim Beobachten der Duelle zwischen Erik Durm und Ibrahima Traoré, der natürlich noch einmal eine ganz andere Nummer ist als Gareth Bale – der eine oder andere Seufzer dürfte Klopp dennoch entwichen sein.

Schließlich dann, um das Ganze abzurunden, wäre noch ein kurzes Philosophieren über Robert Lewandowski fällig gewesen, den die einen wegen seine gewiss leichtfüßigen Falls vor dem Ausgleich scharf kritisierten, während die anderen, zumindest Teile der anderen, ganz konkret: ich, den ich also mit einem Gefühl beobachtet hatte, das, die VfB-Bedürfnisse kurz beiseite schiebend, man wohl als Verzückung beschreiben könnte. Ballannahmen, bei denen nicht nur ich mir, sondern bei denen sich vermutlich auch professionelle Fußballspieler Faserrisse zuziehen würden, ohne den Ball auch nur zu berühren, Dribblings, Tempo, eine über sämtliche Zweifel erhabene Körpersprache und in jedem Augenblick diese Sorge, dass gleich etwas Großes passieren könnte.

Ich weiß, BVB-Anhängern geht es schon lange so, von besagter Sorge vielleicht abgesehen, und natürlich denke ich derlei nicht zum ersten Mal, habe ich ihn nicht zum ersten Mal gesehen. Ich weiß zudem, dass das gar nicht sein bestes Spiel war, aber das braucht es ja gar nicht, oftmals sind ja die Ahnungen all dessen, was sich noch dahinter verbirgt, und nein, ich laufe nicht Gefahr, den Faden zu verlieren oder gar ins Schlüpfrige abzugleiten, sind es also diese Ahnungen, die die Phantasie anregen und einem, ja, das Herz aufgehen lassen. Bis man sich dann wieder der Situation der Heimmannschaft erinnert.

Ein bisschen abseits des Spielfelds hätte ich dann noch kurz über Autofahrten aus Kindertagen gesprochen, aus der südbadischen Provinz in die Landeshauptstadt, und über meine Irritation ob der Ungerechtigkeit, dass schon nach wenigen Kilometern, noch vor Erreichen der Autobahn, die Beschilderung für Stuttgart begann, während auf der Rückfahrt weit über 100 Kilometer an uns vorüberzogen, ehe die wunderbare eigene Heimat angekündigt wurde. Dem Großteil der gen Süden fahrenden Stuttgarter war sie schlichtweg ziemlich egal.

Ganz ähnlich wie meinem kindlichen Ich dürfte es jenen Leuten gehen, die nach dem Dortmund-Spiel die Sorge äußerten, der Meister aus München betrachte den VfB als Erzrivalen und werde deshalb besonderes Augenmerk darauf legen, besagten VfB am letzten Spieltag in die zweite Liga zu schießen, um so seinen eigenen Titel noch mehr auskosten zu können. Gewiss, alles eine Frage der Perspektive. Und nicht nur ihrer.

Das alles und noch viel mehr sollte also vor Wochenfrist irgendwie zu Papier gebracht werden, ehe mich eine heimtückische grippale Attacke auf die Bretter schickte, wo ich dann die Woche verbrachte. In lichten Momenten schrieb ich in Etappen ein paar Sätze für den Sitzplatzultra, der in seinem Blog nach einem festen Schema bloggende Anhänger des jeweiligen Gegners „seines“ SC Freiburg zu Wort kommen lässt und dem ich schon vor langer Zeit Antworten zugesagt hatte. Rückblickend kann man feststellen, dass die vermeintlich lichten Momente gar nicht so licht gewesen sein dürften.

Meine dort zum Ausdruck gebrachte Meinung, dass Oliver Baumann ein besserer Torwart sei als Sven Ulreich, ist im Lichte des samstäglichen Realitätsabgleichs zunächst einmal nicht zu halten. Zahlreichen lichten Momenten des VfB-Torhüters stand mindestens ein eher düsterer seines Pendants gegenüber.

Zumindest einen düsteren Moment hatte auch Vedad Ibisevic, der noch nie in seiner Zeit beim VfB so früh und unverletzt ausgewechselt worden sein dürfte. Ansonsten kann ich zum Spiel nichts sagen. Nicht einmal, ob Christian Streich an Gareth Bale dachte.

Somit habe ich zuletzt von drei Heimspielen an drei aufeinanderfolgenden Samstagen nur eines gesehen. Das, das verloren wurde. Ebenfalls nicht im Stadion war ich gegen Hoffenheim. 6:2, Sie wissen schon. Was mich zumindest für das Schalke-Spiel am seit Monaten anderweitig verplanten Ostersonntag ganz zuversichtlich stimmt.

Ernsthaft: der VfB hat in dieser Saison wettbewerbsübergreifend acht Spiele gewonnen. Eines davon habe ich live gesehen. Bitter. Vor allem ersteres.

Ein Freund beantwortete die Frage nach seinen Dauerkartenplänen für die kommende Saison jüngst sinngemäß so:

„Ja, ich denke schon, dass ich auch in der zweiten Liga eine Dauerkarte nähme.
Ach, in der ersten? Nein, das tue ich mir nicht mehr an.“

Wie heiß diese Aussage letztlich gegessen würde, weiß ich nicht. Und auch nicht, ob er zu dem Zeitpunkt schon wusste, dass Fredi Bobic auch in Liga zwei weitermachen würde. So er dürfte. Sein Vorbild sei Michael Preetz, wenn ich das recht verstanden habe. Der sei sogar zweimal wieder aufgestiegen mit der Hertha. Yeah!

Zurück zum Samstag: während ich die Bundesliga so verfolgte, machte das böse Wort von der Wettbewerbsverzerrung die Runde. Ob dem bösen Wort auch ein böses Handeln des FC Bayern gegenüberstand, der mit zehn Feldspielern angetreten war, die im Durchschnitt in gut 40 Prozent der bisherigen Spiele zum Einsatz gekommen waren, darunter zwei Debütanten, wurde nicht einheitlich bewertet.

Dabei steht außer Frage, dass der FC Bayern jedes Recht hat, die Mannschaft aufzustellen, die er will. So wie der Betrachter das Recht hat, darin eine Wettbewerbsverzerrung zu erkennen, oder wie ich das Recht habe, es insbesondere im Lichte der vorangegangenen Ankündigung des Trainers, dass die Bundesliga-Saison des FC Bayern beendet sei, als unsportlich und als Provokation zu empfinden.

Was mich indes überraschte, brachte ich in einem Tweet zum Ausdruck:

Ernsthaft und ohne jede Polemik: ich hätte gedacht, dass Reaktionen im Sinne von „Findest Du?“, „Na ja, jetzt übertreibst Du aber ein bisschen“, „Schon grenzwertig, aber angesichts der Champions League am Mittwoch doch auch nachvollziehbar“ oder gar „Ja, für Mainz als Wettbewerber ist das sicher ein Schlag ins Gesicht. Ich finde dennoch, dass man da keine Rücksicht nehmen darf.“ Auch „Nee, sehe ich überhaupt nicht so. Højbjerg ist schließlich …“ hätte ich genommen. Und ja, gerne auch ein bisschen direkter in der Ansprache, schließlich waren die kritischen Äußerungen auch nicht allzu romantisch ausgefallen, zum Teil übers Ziel hinausgeschossen.

Faktisch las ich indes, was an mir gelegen haben mag, nur sehr wenige Tweets, die sich halbwegs ernsthaft mit den Vorwürfen auseinandergesetzt hätten. Stattdessen wurde den Kritikern unterstellt, doch nur darauf gewartet zu haben, es den Bayern endlich mal zeigen zu können, andere nahmen Diskussionen der letzten Wochen auf, sinngemäß: „Bei Siegen ist es Langeweile, bei Niederlagen Wettbewerbsverzerrung. Euch kann man es nicht recht machen“.

Wieder andere wiesen die „Dummquatscher“ schlichtweg darauf hin, dass „wir“ noch größere Ziele hätten, bezeichneten die Vorwürfe als „Unsinn“ oder ließen die Kritiker wissen, dass sie sie auslachten. Nicht wenige verwiesen darauf, dass sich Augsburg ja nicht in einem relevanten Wettbewerb befinde, was angesichts von nun zwei Punkten Rückstand auf einen möglichen Europapokalplatz eine gewagte These ist, gleichzeitig aber immerhin in eine inhaltliche Auseinandersetzung zum Thema münden konnte.

Häufig kam natürlich der Hinweis, dass gerade Armin Veh nicht klagen dürfe, der ja mit seinen Frankfurtern das Spiel in München abgeschenkt habe. Unter anderem hierzu tauschte ich mich mittels privater Direktnachrichten mit einem geschätzten FCB-Fan aus und argumentierte auf seine Frage hin, ob ich das Frankfurter Verhalten gleichermaßen unpassend gefunden habe, alles andere als wissenschaftlich sauber und in Kurznachrichtendiktion:

„Frankfurt fand ich nicht schön, aber nein, nicht in dem Maße. Zum einen befand sich der Gegner, realistisch betrachtet, schon zu jenem Zeitpunkt nicht mehr in einer wirklichen Wettbewerbssituation, zum anderen verringerte Frankfurt seine Siegchance geschätzt von 10 auf 5 %, während die Bayern ihre heute, geschätzt, von irgendwas über 80 letztlich unter 50 senkten.“

Aber wie gesagt, all das kann man aus guten Gründen anders sehen. Ich hätte mich nur über ein etwas weniger selbstbewusstes Beiseitewischen von Kritik und eine offene Auseinandersetzung gefreut.

Wohl wissend, dass ich manches überlesen haben mag und dass sich viele bestimmt im Privaten Gedanken dazu gemacht haben.

 

 

 

 

 

 

Einzelfallinduzierter Paradigmenwechsel

Um das Abwehrverhalten von Fußballspielern grundlegend zu verändern, bedarf es häufig bahnbrechender Einschnitte. Regeländerungen, zum Beispiel, von der Rückpassregel über „gleiche Höhe ist kein Abseits“ bis hin zu passivem Abseits, unnatürlichen Handbewegungen und vergrößerten Körperflächen.

Vermutlich handelt es sich bei den genannten Beispielen zum Teil gar nicht um Regel-, sondern nur um Auslegungsänderungen, möglicherweise sind diese auch gar nicht so bahnbrechend, wie der Verfasser der geneigten Leserschaft suggerieren möchte, aber zum einen versteht das außer Collinas Erben ja eh keiner so genau, und zum anderen lasse ich mir meine Legendenbildung nicht von einer vergrößerten Körperfläche nehmen. Taktische Paradigmenwechsel funktionieren übrigens auch, wie wir seit dem erhellenden Viererkettenreferat eines Zweitligatrainers im altehrwürdigen Sportstudio wissen.

Manchmal genügt allerdings auch eine einzige Szene, um Generationen von Fußballspielern in ihrem Abwehrverhalten nachhaltig zu beeinflussen. So wie Rivelinos Freistoß.

Zugegeben: er hat einige geschossen und dabei gewiss nicht selten getroffen. Letztlich wissen wir aber alle, so wir ein gewisses Alter, elterliche Fußballbücher oder einen anderweitigen Zugang zur Fußballhistorie haben, dass es um jenen einen gehen muss, dem Croy kaum mehr als eine hilflose Gewichtsverlagerung entgegenzusetzen hatte, oder, wie Harry Valérien in seinem 74er WM-Buch schrieb:

„Ein verblüffender, raffinierter Freistoßtrick. Ein brasilianischer Spieler stellte sich in die Mauer der DDR und ließ sich zu Boden fallen; durch diese Lücke schoß Rivelino den Ball ins Tor. Reaktionslos schaut DDR-Torwart Croy dem Ball nach.“

 

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Möglicherweise war Rivelino gar nicht der erste. Ich kann es zumindest nicht ausschließen. Aber Sie wissen ja: zu viel Detailwissen schadet unter Umständen der Legendenbildung. Beziehungsweise meinen Theorien zum Abwehrverhalten.

Jeder, der auf einem Fußballplatz und ganz konkret in einer Mauer steht, oder auch jede, weiß – der Legende zufolge – seit jenem Tag im Sommer 1974, dass ein Angreifer, der sich in die Mauer stellt, nicht ad hoc die Seiten gewechselt hat, sondern dass er die Abwehr irritieren oder bedrängen und im Idealfall die Lücke für den Schuss reißen möchte.

Und jeder einzelne dieser genannten Menschen, die im genannten Kontext in der Mauer standen, angefangen in der Kreisliga, ach was, in der D-Jugend, spätestens, weiß seit dem 26. Juni 1974, dass er sich gefälligst hinter den scheinbar Fahnenflüchtigen zu stellen oder ihn, noch besser, ganz aus der Mauer zu entfernen hat.

Dass die Chance, auf einen zielgenauen Freistoßschützen zu treffen, in der Kreisliga B tendenziell gering ist, mag sein. Dennoch kann man sicher sein, dass sich im Erfolgsfall mindestens ein Kübel Häme über denjenigen ergießen würde, der die Lückenbildung nicht verhindert hat, gerne verbunden mit dem Hinweis, dass man das ja schon in der C-Jugend lerne.

Ein Anfängerfehler, wenn man so will. Ein Fehler also, der ganz gut in das Bild passt, das der VfB Stuttgart in den letzten Wochen vermittelte: irgendeiner ist immer für einen stümperhaften Lapsus gut, lässt sich als letzter Mann per Bauerntrick übertölpeln, verweigert die Deckungsarbeit bei einer Standardsituation, läuft orientierungslos aus seinem Tor heraus, man möge die Reihe gerne fortsetzen.

Nun also ein bauernschlauer Freistoß. Der noch nicht einmal so geplant war, wie der Schütze wohl einräumte, aber es hilft ja nichts. Und mir fällt es fast schwer, die allseitigen Bekundungen, der neue Trainer habe mehr Stabilität in die Defensive gebracht, nicht herzhaft auszulachen. Stichwort C-Jugend.

Ok, stimmt schon: das war defensiv besser. Wer konnte auch damit rechnen, dass man plötzlich mit einem Linksverteidiger antreten würde, der sich seiner dereinst nicht nur angedeuteten Fähigkeiten erinnert? Ohne weiter auf einzelne Spieler eingehen zu wollen, steht auf der Eben-nicht-Habenseite zu verbuchen, dass man die Bremer in der B-Note ausstach und so gewisse Hoffnungen schürte, die dann zwar jäh auf eine C-Jugend-Mauer prallten, grundsätzlich aber bestehen bleiben. Auch wenn ich ohne weitere Umschweife einräume, dass ich zunehmend dazu übergehe, mir einzureden, dass andere, tiefere Ligen auch schöne Spiele haben. Der Erfolg dieser autosuggestiven Bemühungen ist gegenwärtig noch überschaubar.

Zu den sehr wenigen Dingen, die mich bei einem Fußballspiel de facto überhaupt nicht interessieren, zählt der Sitzplatz des Sportdirektors. Es sei denn, er hat das Zeug zum Politikum. Dann ist es zwar immer noch nur ein Politikum und kein Sport, aber wenigstens irgendwie relevant. Fredi Bobics Umzug auf die Tribüne hat insofern das Zeug zum Politikum, als seine Beteuerungen, der besseren Sicht wegen den Platz zu wechseln, für meinen Geschmack einen Tick zu laut zu hören waren. Die Frage, ob es nicht doch der Trainer gewesen sein könnte, der eine gewisse Präferenz geäußert hat, erscheint nicht gänzlich unpassend.

Und der Schelm, der bei der einen oder anderen Sache Böses denkt, fragt sich dann auch gleich noch, was er davon halten soll, dass, während Bobic die Elfmeterproblematik mit dem brüsken Hinweis auf Ibisevics anstehende Rückkehr beiseite wischt, der Trainer erst einmal sehen will, ob Ibisevic nach fünf Wochen Pause für einen Startelfeinsatz bereit sei.

Immerhin wissen wir nun, in wessen Entscheidungsbereich die Mannschaftsaufstellung fällt, wenn es am Sonntag gegen den HSV geht. Und ich Kindergeburtstag feiere.

Planänderung

Dies war also einer der seltenen Fälle, wo ich bereits vor einem Spiel des VfB nicht nur eine Ahnung, sondern einen festen Plan hatte, dass und was ich nach dem Spiel schreiben würde, wie vielleicht sogar der Titel heißen würde:

♫ … write when you’re winning

Im Sinne von, Sie wissen schon: „… write when you’re winning! You only write when you’re winning!“ Es drängte sich geradezu auf, nachdem ich in den letzten Wochen nur sehr rudimentär auf die Spiele eingegangen war, in den meisten Fällen mangels genauerer Kenntnis über die Spielverläufe, zum Teil auch schlichtweg in Ermangelung von Lust und Motivation, und möglicherweise spielte auch noch eine unterbewusste Weigerung hinein, mich mit möglichen Konsequenzen aus dem Geschehenen und Gesehenen zu befassen.

Am Samstag sollte das ganz anders sein: ich würde endlich wieder einmal rechtzeitig, also deutlich vor Anpfiff, im Stadion sein, die Atmosphäre des ausverkauften Hauses aufsaugen, Timo Werners Vertragsunterzeichnung abfeiern und den anschließenden furiosen Sieg des VfB gegen Braunschweig in einem ebenso furiosen Text abzubilden versuchen, in dem ich Trainer Schneider ebenso euphorisch würdigen würde wie diejenigen Kräfte in der Vereinsführung, die dafür Sorge trugen, dass er überhaupt noch Trainer sein durfte, und natürlich wie die endlich wieder einmal überzeugend aufgetretene Mannschaft.

Mit vorgegaukelter Selbstironie würde ich diesen Text dann also mit „♫ … write when you’re winning“ überschreiben und mein Erfolgsfantum nicht nur thematisieren, sondern gleich noch einen Schritt weiter gehen und mich im Überschwang der Gefühle zu Champions-League-Prognosen hinreißen lassen.

So weit der Plan.

Das furiose Element war dann aber, wenn man ehrlich ist, gar nicht so ausgeprägt. Der Überschwang auch nicht. Ganz im Gegenteil. Und wenn ich nach dem Ausgleichstreffer durch Bicakcic behauptete, mir sehr sicher zu sein, dass man das Spiel noch gewinnen werde, dann war das … irgendein psychologisches Phänomen, das ich nicht genau definieren und benennen kann, das wir aber alle schon einmal erlebt haben dürften.

Tatsächlich wussten wir, dass es durch war. Dass damit auch die Trainerfrage durch war, und zwar anders, als noch wenige Tage zuvor verkündet. Damals, als ich eine große Zufriedenheit darüber verspürt hatte, dass sich die Vereinsführung weder von Fredi Bobic noch von anderen Interessenvertretern in ihrem Weg beirren ließ, damals, als ich noch überzeugt gewesen war, dass der Samstag eine furiose Vorstellung mit sich bringen würde.

Symbolkraft hatte das Spiel entwickeln sollen, Signalwirkung ausstrahlen. Dummerweise waren es gerade die Symbole und Signale, bei denen man, bei denen letztlich Thomas Schneider daneben lag. Ein starkes Symbol, davon bin ich fest überzeugt, wäre gerade in dieser Woche, in der man sich so sehr bemüht hatte, die Fans „mitzunehmen“, der Einsatz von Timo Werner gewesen, der sich so symbolträchtig zum VfB bekannt hatte.

Der Trainer entscheid sich für einen anderen symbolträchtigen Spieler: Cacau, einer der ganz wenigen verbliebenen Meister von 2007, jener Spieler, der in den letzten Wochen meist als erster dahin gegangen war, wo es wehtat: in die Kurve, nach der Niederlage. Und leider auch ein Spieler, bei dem es sportlich einfach nicht mehr reicht, um die entscheidenden Aktionen zu setzen, geschweige denn, um die Mannschaft mitzuziehen. (Sollte er in den nächsten Wochen das Gegenteil beweisen, werde ich mir selbstverständlich zuschreiben, ihn dazu angestachelt zu haben.)

Signalwirkung ging dann von der Auswechslung des offensiven Maxim für den defensiven Khedira aus. Mag sein, dass Maxim seit dem Ausgleich angeschlagen war, mag sein, dass Leitner nach vorne rücken und sich so an der Grundordnung nicht viel ändern sollte, mag auch sein, dass Schneiders Vorhaben, im Fall einer knappen Führung frühzeitig die defensive Stabilität zu erhöhen, angesichts der vorangegangenen Ergebnisse ein grundsätzlich richtiges war. Allein: das Signal, das er an die eigene Mannschaft, an die eigenen Fans und auch an den Gegner aussandte, lautete schlicht: „Wir haben Angst.“

Möglicherweise wäre an dieser Stelle eine Metapher aus dem Tierreich angemessen, in der der VfB das Beutetier und Braunschweig der Witterung aufnehmende Jäger ist. Diesem Rudel war es dann auch ziemlich egal, dass Schneider kurz darauf, sich selbst – ja, das ist sehr spekulativ – zu korrigieren suchend, gewissermaßen invers wechselte und nun den offensiven Traoré für den defensiv ausgerichteten – und dort an diesem Tag stabilen – Boka brachte. Zu spät, der Ball lag schon im Netz. Torschütze, erwartungsgemäß: Ermin Bicakcic.

Wobei diese Erwartungshaltung wenig damit zu tun hat, dass Bicakcic dereinst beim VfB spielte. Klar, diese Legende pflegen wir alle, egal bei welchem Verein, dass die Weggeschickten, die Verschmähten verlässlich gegen den eigenen Verein treffen, aber ich bin dafür nicht mehr so empfänglich. Nein, es war schlichtweg seit der ersten Standardsituation klar, und ich dürfte die Umstehenden bei den meisten Ecken und Freistößen hinreichend und mantraartig genervt haben, dass die Einteilung von Moritz Leitner als Bicakcic-Verantwortlichem keine sehr glückliche war.

Wenn ich in zuletzt Braunschweiger Zusammenfassungen sah, war es immer wieder Bicakcic, der wie ehedem auf Stuttgarter Seite Georg Niedermeier in den verzweifelten Phasen für Torgefahr sorgte, häufig mit dem Kopf und stets mit vollem Körpereinsatz. Ihm gegenüber Moritz Leitner, ein gewiefter Offensivzweikämpfer, der den schmächtigen Körper mitunter wunderbar zwischen Ball und Gegner bringt, aber eben auch ein Spieler, dessen Defensivverhalten bei Standardsituationen nicht selten jenem entspricht, das ich aus gut dreißigjähriger Erfahrung von mir selbst kenne: hautnah beim Mann stehen, bis der Ball geschlagen wird, dann stehen bleiben und ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass er „schon nicht in unsere Richtung kommen“ wird.

Tatsächlich ging diese Strategie in besagten dreißig Jahren fast immer auf, was auch daran gelegen haben mag, dass ich ein ganz gutes Auge für die nicht so Torgefährlichen hatte. Bei Leitner ging sie am Samstag nicht auf, mehrfach, und irgendwann konnte auch Bicakcic nicht mehr anders, als den Ball ins Tor zu bugsieren.

Die Enttäuschung war mit Händen zu greifen. Gleichermaßen ungläubig wie in meinen Ahnungen bestätigt (ja, das geht) drehte ich mich wie so oft kurz vom Geschehen ab, stützte mich in einer etwas verzweifelten Geste auf die Lehne der Sitzplatzstaffage und stellte fest, dass die halbe Reihe neben mir genau gleich verfuhr. Man wollte es buchstäblich nicht mit ansehen. Es hätte schließlich alles so schön sein können, mit dem Trainer, den Spielern, der Philosophie, Sie wissen schon.

Da darf man dann schon mal unzufrieden sein. Desillusioniert. Über den Trainer schimpfen, über den Vorstand erst recht. Jammern, brüllen, anklagen. Alles kein Ding. Dass das Fernsehen die Proteste überhöhte: geschenkt. Dass Bobic mit dem Imageschaden argumentierte: kopfschüttelnd abgetan.

Dennoch war mir beim Betrachten der Bilder nicht ganz wohl:

Was bleibt, ist zunächst einmal ein Dank an Thomas Schneider. Für die kurze Illusion, dass es funktionieren könnte. Dass der VfB die Liga wieder rocken könnte, mit jungen, eigenen Spielern (Werner, Khedira, Yalcin), auch mit jungen, halbeigenen oder fremden Spielern (Rüdiger, Leitner, auch noch Maxim), und dass es vielleicht endlich einmal gelingen könnte, selbst mit einem dieser vielversprechenden Trainer aufzuwarten, um die einen die halbe Liga beneiden würde, hätte sie nicht schon selbst so einen. Und ein besonderer Dank für das Spiel gegen Hoffenheim, das diese Illusion wie kein zweites Ereignis in den vergangenen Monaten illustrierte und befeuerte.

Ich hab mir das alles anders vorgestellt, Herr Schneider. Schöner. Erfolgreicher. Länger. Und bin enttäuscht. Nicht von Ihnen, unabhängig davon, dass ich nicht mit all Ihren Entscheidungen einverstanden war. Wäre ja auch noch schöner. Nein, einfach enttäuscht, ohne Schuldzuweisung.

Nicht einmal an Fredi Bobic. Für die Fehler, die in den letzten Wochen auf dem Platz zu beklagen waren, kann auch er nur bedingt in die Haftung genommen werden. Also außer dafür, dass es ihm seit seinem Amtsantritt nicht gelungen ist, den Kader wenigstens mit einem Außenverteidiger von Format zu bestücken, aber das nur am Rande. Ich will grade einfach nur enttäuscht sein ob der Gemeinheit dieser Welt, die den eingeschlagenen Weg nicht belohnt.

Damit es nicht noch schwülstiger wird: Stevens. Erdung und so. Und wahrscheinlich eine vernünftige, nachvollziehbare Entscheidung. Seine Zurechtweisung eines Journalisten, der dem VfB en passant unterstellte, seine Philosophie außer Kraft gesetzt zu haben, hat mir gefallen:

„Nein. Die Philosophie bleibt bestehen. Aber jetzt gilt eine andere Priorität, für kurze Zeit.
Die Philosophie ist super.“
(Sinngemäß.)

Klar, er ist versiert und weiß, was man in Stuttgart hören will. Dennoch: hat er gut gemacht. Auch sein Umgang mit der kurzen Vertragslaufzeit ist bemerkenswert souverän. Er weiß wohl, was er kann. Oder er weiß mehr. Schließlich wissen wir spätestens seit dem Hoffenheimer Kommunikationsverhalten rund um Tim Wiese, dass wir ohnehin nichts wissen, vertragsmäßig.

Fredi Bobic empfand ich bei der ganzen Sache als auffällig zickig. Was angesichts der zweifellos schwierigen Situation und seines Wesens erst einmal nicht sonderlich überrascht. Aber die Art und Weise, wie er Wert darauf gelegt hat, dass es sich zum einen um eine Entscheidung des Vorstands und nicht des Aufsichtsrats handle, und dass diese Entscheidung zum anderen nicht das Geringste mit der samstäglichen Kurvendiskussion zu tun gehabt habe, war die eines offensichtlich Angeschlagenen.

Nebenbei bemerkt: in beiden Fällen bin ich seiner Meinung, dass es genau so sein sollte, aber man kann das auch weniger aggressiv, oder auch schnippisch, zum Ausdruck bringen.

Im Grunde würde ich mich an dieser Stelle auch ganz gern bei Bobic bedanken, so zum Abschied. Für seine Rolle im vergangenen Jahr, als er die grundlegenden personellen Veränderungen mit betrieb und den kommunikativ nahezu handlungsunfähigen Verein nach außen vertrat. Auch für die Verpflichtung von Bruno Labbadia damals. Ich habe noch heute große Zweifel, ob viele andere Trainer, ob vor allem einer der damals verfügbaren Übungsleiter den Klassenerhalt geschafft hätte. Mit der Verlängerung griff er dann allerdings deutlich daneben. Mit Ansage. Wie er auch beim Spielerkader zu oft daneben gegriffen hat, trotz einiger positiver Ausreißer.

Deshalb: Danke, war manchmal schön mit Ihnen, unterm Strich aber zu selten. Eine von Ihnen verantwortete Kaderplanung für die kommende Saison müsste ich nicht mehr haben.