Stets pünktlich und bemüht

„Wenn ich sehe, dass jemand sehr akribisch arbeitet, sich aufopfert im Job und ambitioniert ist, dann decke ich ihm mit Überzeugung den Rücken.“

Das sagte Fredi Bobic vor dem letzten Bundesligaspieltag der Schwäbischen Zeitung, und er meinte Bruno Labbadia. Er sagte auch noch einiges mehr, zum Beispiel, dass Labbadia oftmals jungen Spielern „anhand von TV-Analysen zeigt, was sie besser machen können … das sind Dinge, die nicht mal der ein oder andere sogenannte Konzepttrainer macht.“

Nun weiß ich nicht genau, wen Bobic mit den sogenannten Konzepttrainern meint, und weiß demzufolge erst recht nicht, was diese in ihrer täglichen Arbeit so tun. Im Grunde würde es mich überraschen, wenn sie ihren Nachwuchsspielern nicht in Form von Videoanalysen den Spiegel vorhielten, aber Bobic wird schon wissen, was er sagt. Den obligatorischen Hinweis, dass ich noch immer hoffe, auch Bruno Labbadia orientiere sich an einem Konzept, erwähne ich nur der Vollständigkeit halber.

Ein bisschen erinnert mich das Interview an einen Arbeitgeber, der einem scheidenden Mitarbeiter ein gutes Zeugnis mit auf den Weg geben möchte, sich dabei aber ein wenig verheddert. Bobics Wertschätzung für den Trainer klingt durch, er geht auf die Rahmenbedingungen und Labbadias unbestrittene Verdienste ein, und doch: akribische Arbeit? Opfert sich im Job auf? Ist ambitioniert? War er vielleicht sogar pünktlich? Stets bemüht?

Sicher, ich übertreibe. Gewiss, ich habe selektiv zitiert. Aber so’n bisschen mehr über relevante Qualitäten des Trainers hätte er schon sagen können, so er sie denn sieht. Verzeihung, relevant ist Akribie schon. Auch Pünktlichkeit ist relevant. Notwendig, sogar. Nur nicht hinreichend. Die Weiterentwicklung junger Spieler und eine eigene Handschrift (wenn es denn eine geeignete wäre) könnten indes hinreichend sein. Leider liefert jedoch das Interview keine hinreichende Erklärung der Handschrift. Dabei wäre sie notwendig. Im Gegensatz zu diesem verqueren Absatz.

Vermutlich würde auch Bruno Labbadia unterschreiben, dass er mit der Handschrift, die man am Samstag möglicherweise hätte erahnen können, nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Bei Thomas Tuchel, dessen Mannschaft einen Fußball spielte, der auf mich wesentlich strukturierter, vielleicht auch intelligenter, was immer das heißen mag, wirkte, könnte das anders sein. Er dürfte sich die durch das Mainzer Tun insbesondere zu Spielbeginn offenbarte Handschrift gerne – und zurecht – zuschreiben lassen. Dass den Mainzern die Stuttgarter Trägheit dabei wunderbar in die Karten spielte, ist unstrittig. Und dass Trägheit nicht unbedingt zu den Eigenheiten von Labbadias Handschrift zählt, will ich ihm hier gerne zugestehen. Die Mannschaft war einfach im Kopf nicht ganz da, und ich kann es ihr nicht einmal verdenken.

Dann bekommt man halt ein Tor, nachdem ein eigener Innenverteidiger zunächst noch an der Mittellinie protestierte, anstatt gegen den Ball zu spielen, ein Tor, bei dem 4 oder 5 Weiße den im Grund schon nicht mehr gefährlichen Angriff zu leichtfertig laufen lassen und zwei Blauen beim Torschießen zusehen. Dann bekommt man eben ein zweites Gegentor, bei dem einige keine gute und der Torwart eine, nun ja, lustige Figur abgeben. Jener Torwart, der zuvor schon Glück hatte, nicht vom Platz gestellt zu werden, als er einen Ball völlig falsch eingeschätzt und außerhalb des Strafraums mit der Hand gespielt hatte, und der sich kurz darauf einen hohen Ball selbst ins Netz statt über die Latte gelöffelt hätte, wäre ihm nicht ein Verteidiger zur Seite gesprungen. Wird bestimmt alles besser in Berlin.

Immerhin: man wehrte sich, spielte zwar noch immer verdammt viele Fehlpässe oder schaffte es, wie Gotoku Sakai, drei oder vier Bälle völlig unbedrängt bei der Annahme ins Aus springen zu lassen, zeigte aber auch, dass man das Spiel gelegentlich schnell machen und dann auch konsequent abschließen kann (Boka!). Faszinierend die zweite Hälfte, als man sich wünschte, dass wenigstens eine der beiden Mannschaften in der Lage wäre, mal einen schnellen Angriff – Räume waren im Überfluss vorhanden – konsequent zu Ende zu spielen. Kurz: ein typisches letztes Saisonspiel bei nahezu entsprechenden Temperaturen.

Typisch für einen letzten Spieltag war auch das Geschehen auf den anderen Plätzen. Tore im Minutentakt, speziell in der ersten Hälfte, entschädigten für vieles, was man im Neckarstadion an Aktivität und Attraktivität vermisste, und ein bisschen fühlte man sich wie in der guten (?) alten Radiokonferenz. Champions League, Europa League, Abstieg – es ging hin und her, die Spannung war groß, die Ereignisse zahlreich, die Präferenzen im Stadion deutlich vernehmbar. Bei Schalke und Freiburg schienen sich viele schwer zu tun, Frankfurt hatte wohl leichte Vorteile gegenüber dem HSV, nur bei Hoffenheim schien sich der Großteil der Zuschauer in seiner Aversion einig. Umso spannender, dass sich gerade dort die Ereignisse zum Ende hin überschlugen, sodass die Fans, die das Treiben ihres VfB über weite Strecken vergleichsweise teilnahmslos verfolgten, auf diesem Wege einige Aggressionen loswerden konnten.

Nach dem Spiel äußerte ich meine Begeisterung über das nachmittägliche Geschehen via Twitter:

– was, nicht nur aus Sicht der gerade Abgestiegenen oder anderweitig Gescheiterten verständlich, keine uneingeschränkte Zustimmung erfuhr. Gleichwohl: solche Geschehnisse, gerade die in Dortmund, sind es doch, die einen ganz erheblichen Teil dessen ausmachen, was uns am Fußball so fasziniert. Freiburger Fans werden ihren Enkeln dereinst davon erzählen, wie Julian Schusters kurioses Eigentor die erste Champions-League-Qualifikation ihres Vereins verhinderte (wobei: möglicherweise erzählen Freiburger Fans ihren Enkeln auch auf Jahrzehnte hinaus nur von Christian Streichs Pressekonferenzen), und den nächsten Generationen Hoffenheimer Anhänger (hier darf sich jeder, dem so etwas gefällt, gerne einen beliebigen Witz mit den Schlagworten Hoffenheim, Fans, Tradition und Hopp denken) könnten, ein erfolgreiches Bestreiten der Relegation vorausgesetzt, ob der Namen Gisdol, Schipplock, Salihovic und nicht zuletzt Großkreutz irgendwann die Ohren bluten.

Ich selbst bin, um damit nicht hinter dem Berg zu halten, recht zufrieden mit dem Ausgang des letzten Spieltags. Ich freue mich, dass Frankfurt und Armin Veh für ihre starke Saison belohnt wurden. Freiburg hätte ich Platz vier gegönnt, verhehle aber nicht, dass auch Jens Kellers Weg mit den Schalkern aller Ehren wert ist. Dass ich letztlich ohnehin jede Platzierung, die man nach 34 Spielen erreicht, für verdient halte, wissen diejenigen, die hier mit einer gewissen Regelmäßigkeit mitlesen, ohnehin.

Und so verneige ich mich ziemlich tief vor Markus Weinzierl und seinen Augsburgern, bedaure die Düsseldorfer Fans, deren Verein zu lange eine zu schlechte Figur abgegeben hat, um bei mir einen nennenswerten Abschiedsschmerz auszulösen, und beglückwünsche Hoffenheim, das nicht nur den Trend und möglicherweise ein wenig den Spielplan zum Freund hatte, das auch nicht nur die sich bietende Chance entschlossen beim Schopf packte, sondern das auch seit Wochen Anzeichen einer einkehrenden Vernunft und entsprechenden Neuorientierung aussendet. Dass mich ganz nebenbei auch die Bayern mit ihrer überragenden Saison beeindruckt haben, ergänze ich gerne, auf all die anderen will ich jetzt nicht weiter eingehen.

Kurz eingehen möchte ich aber noch auf die VfB-Spieler, die sich mit einem sehr gelungenen Video bei den Fans bedankten (wie mittlerweile wohl jeder weiß):

Interessant, wie sie sich am Spieltag nach der Ankündigung des Videos im Mittelkreis sammelten, in – wie ich meine – gespannter Erwartung der Reaktion derjenigen, die sie da porträtierten (der Umstand, dass mir kein passendes Verb aus der Wortfamilie der »Hommage« bekannt ist, ersparte mir die Entscheidung, ob ich das Porträt vielleicht gar zur eben genannten erheben solle), in gespannter Erwartung, wie sie Kindern eigen ist, die etwas für ihre Eltern gebastelt haben und eigentlich wissen, dass diese begeistert reagieren werden, die aber doch, wegen irgendeiner Kleinigkeit (Mamas gute Stoffreste verwendet?), einen Ticken © Nervosität verspüren. Was natürlich völlig unnötig ist.

Was mir tatsächlich am besten gefallen hat: die Trikotvielfalt. Cacau mit diesem furchtbaren goldstichigen Göttinger-Gruppe-Verbrechen, Röcker als Verlaat, dann natürlich Südmilch, selbst das weinrote Gazi, Ulreich im gelben debitel – fast wie im richtigen Leben, die einfache Variante mit aktuellen Trikots (und dem aktuellen Sponsor) vermeidend.

Und am allerbesten, einmal mehr: Martin Harnik. Ich hatte überlegt, diesen Text ganz anders zu schreiben, unter der Überschrift „Ode an Martin Harnik“. Allein: ich weiß nicht, wie man eine Ode schreibt. Sagte ich hier übrigens schon einmal, in anderem Zusammenhang. Irgendwann muss ich mich wohl doch mal daran versuchen. Bis dahin sammle ich einfach weiterhin öffentliche Auftritte von und mit Martin Harnik, mit dem Wunsch, dass sie jedem anderen Berufsfußballspieler zum Selbststudium ans Herz gelegt werden mögen. Könnte allerdings auch deprimierend werden.

Hoffenheim, ey – typisch mein Alter!

Man bekommt ja mitunter recht wenig mit von so einem Fußballspiel, wenn man einen Neuling mit ins Stadion nimmt. Kurt Schmidtchen weiß ein Lied davon zu singen, wohl auch so manche regelmäßige Stadiongängerin, die einmal versucht hat, dem fußballerisch unbeleckten Herrn ihres Herzens ihre Leidenschaft für das Spiel nahe zu bringen (und grandios gescheitert ist), und ich selbst hatte das Problem auch schon einmal, wenn auch mit vertauschten Rollen: die junge Dame hatte zwar im Vorfeld ein gewisses Grundinteresse am Fußball bekundet und Vorerfahrungen ins Feld geführt; die Gespräche im Stadion – ich war der einzige Ansprechpartner – boten indes hinreichend Anlass, sowohl an den Vorerfahrungen als auch am Grundinteresse zu zweifeln. Ganz zu schweigen von der Bekleidungskompetenz, was spätestens ab der 30. Minute ein zunächst an sich selbst, später zunehmend eindeutig auch an mich gerichtetes Wehklagen ob der unerwarteten Kälte mit sich brachte. Die sich, aber das ist nur eine kaum fundierte Vermutung meinerseits, ihren Weg durch die hauchdünnen Sohlen gebahnt haben dürfte. Insbesondere am Vorderfuß, aufgrund wesentlich größerer Bodennähe.

Es handelte sich übrigens nicht um die Dame meines Herzens, und auch die vorab möglicherweise latent vorhandene Bereitschaft, in diesem Kontext „noch nicht“ zu denken bzw. Jahre später zu schreiben, nun ja, sie schwand. Interessant übrigens, wie vertraut „Dame meines Herzens“ klingt, während ich oben beim „Herrn ihres Herzens“ zögerte. Wieso ist es völlig normal, eine Dame des Herzens zu haben, während ein Herr des Herzens eher kritisch beäugt wird? Oder geht das nur mir so? Liegt es daran, dass der Herr gleich nach einem Herrscher klingt, den wir mit dem Herzen eher ungern in Verbindung bringen? An den Herren, die nicht zu herzlich wahrgenommen werden wollen? Oder müssen wir eher die Historie bemühen, Rollenverteilungen betrachten, aus denen heraus derlei Redewendungen entstanden oder eben nicht entstanden sind, verzweifelte Minnesänger, die ihr Herz bedingslos an eine Frau verschenkten, ohne ihres je gewinnen zu können? Interessiert keinen? Und keine? Ist außerdem hanebüchen? Ok. Dann halt zurück ins Stadion.

Ins Neckarstadion, um genau zu sein, wo ich am vergangenen Samstag mit einem weiteren Neuling war, und wo ich in der Tat deutlich weniger vom Spiel mitbekam als sonst. Sicher, ich sah die Tore, auch die meisten Torchancen (waren ja nicht so viele), im Grunde alles auf den ersten Blick Wesentliche, weit mehr als das, was man je im Sportstudio erfahren würde; und doch wäre ich nicht in der Lage, die Leistungen einzelner Spieler seriös zu beurteilen. Spiel ohne Ball, Laufwege, Angriffsstrategien, für all das fehlte ein wenig das Auge, phasenweise gar für die unscheinbare Effektivität des William Kvist. Dass Cacau Martin Harnik am Torschuss hinderte, klar, das hab ich gesehen, Pogrebnyaks in der ersten Halbzeit eher glückloses und später belohntes Engagement auch, die Schnelligkeit seiner Bewegungen vor dem 2:0, die für das menschliche Auge, zumindest für das von Isaac Vorsah, schlichtweg nicht zu erfassen waren. Hajnals gedankliche Frische war zu erahnen, Gebharts Stimmungslage ist ohnehin klar, Okazakis Standfestigkeit war erneut unübersehbar und erinnert fast schon an Neven Subotic. Babak Rafati hat sich unverkennbar stets bemüht. Und Christian Gentner war zu kurz auf dem Platz, um Andreas Becks Einschätzung, wonach es in der Bundesliga „nicht viele Spieler [gebe], die so schnell sind wie er“, gemeint war Gentner, glaubhaft nachweislich zu widerlegen. (Aber die Frage, ob alle mir bekannten VfB-Anhänger ein Geschwindigkeitseinschätzungsproblem haben oder ob Herr Beck seinen Beruf nicht ernst genug nimmt, könnte bei Gelegenheit einmal Gegenstand einer Erörterung werden.)

Ich bin mir nicht sicher, ob es meinem Sohn dereinst allzuviel Anerkennung einbringen wird, wenn er die Frage nach seinem ersten Stadionbesuch mit „5 Jahre, natürlich im Neckarstadion, am 15. Oktober 2011, in der neuen Cannstatter Kurve, 2:0 gewonnen, gegen, äh, Hoffenheim“ beantwortet. Da gäbe es wohl Namen mit einem besseren Klang, vermutlich nicht nur nach heutigem Ermessen. Für mich war es gleichwohl ein großartiges Erlebnis. Und ich müsste mich schon schwer täuschen, wenn es für meinen Großen, der manchmal auch mein Kleiner ist, nicht auch so gewesen wäre, auch wenn er lange Zeit nicht allzu viel gesagt hat. Er ist ja nicht so der extrovertierte Typ, und 55.000 Menschen, von denen einige in nächster Nähe rumbrüllen (der auf freundliche Empfehlung eingesteckte Lärmschutz störte und wurde rasch entfernt), können einen schon mal ein wenig schweigsam werden lassen. Zumal die Rechnung, wieviele Plätze denn frei waren, wenn eigentlich 60.000 Leute reinpassen, auch ein wenig Konzentration verlangt. Oder die Frage, woran man denn nun erkenne, welcher Hoffenheimer ein Abwehrspieler sei, und eben kein Mittelfeldspieler oder Stürmer, wo doch alle gleich blau seien, man zur Klärung der Abseitsfrage aber immer den hintersten Abwehrspieler heranziehen müsse (ja, den Sonderfall mit dem Torwart ließ ich weg, den Trend zur Polyvalenz auch). Zudem galt es, die Bedeutung der gelb hinterlegten Namen auf der Anzeigetafel zu klären, und gemeinsam rätselten wir, ob ein des Feldes verwiesener Spieler fortan in rot oder gar nicht mehr in der Aufstellung geführt werde. Die betriebswirtschaftlichen Vorteile von Wechselbanden, deren naturgemäß wechselhafter Charakter mit dem Wunsch nach dem Verbleib einer bestimmten und besonders hübsch animierten Werbung kollidierte, wollten ebenso hinterfragt werden wie die Funktionsweise einer Bezahlkarte, die ich am Samstag erstmals auflud, der unverzichtbaren roten Premierenwurst wegen, und zum Einsatz brachte. Für seine Kinder schmeißt man halt mitunter sämtliche Überzeugungen über Bord (und sieht sie sogleich bestätigt, aber das nur am Rande). War übrigens die Karte des verhinderten Mitstadiongängers – die paar verbliebenen Euro darf er gerne haben, und ich kann weiterhin die Boykottmonstranz vor mir hertragen.

Anhänglich war er, der Sohn. Das freut den Vater, nicht nur, weil er inmitten der Menschenmengen panische Angst hat, den Sohn aus den Augen zu verlieren. Während des Spiels, zugegeben, war diese Anhänglichkeit zeitweise eine körperliche Herausforderung. Wir stehen ja auf Sitzplätzen. Falsch. Früher standen wir auf Sitzplätzen, bzw. auf den Sitzen. Seit einigen Jahren stehen wir vor den hochgeklappten Sitzen. Mein Kleiner (wird er gar nicht so lustig finden, diese Bezeichnung, wenn er das hier dereinst nachliest, was vermutlich nicht der Fall sein wird) stand tatsächlich auf seinem Sitz, und der ganz normal überfürsorgliche Vater musste ihn natürlich darauf hinweisen, dass er mindestens einen Fuß vorne platzieren solle, um ein Kippen zu vermeiden. Mit der Konsequenz, dass er zur Sicherheit erst einmal sitzen wollte. Und nichts sah. Also versprach ich, sowohl seinen Sitz als auch ihn selbst ein wenig zu stützen. Korrekter: ihn zu stützen und den Sitz zu drücken. Nun, wer ein wenig gestützt wird, neigt ja gerne mal dazu, sich mehr und mehr stützen zu lassen. Und dann ist es gar nicht mal so trivial, einen neben sich angebrachten Klappsitz mit dem Knie nach unten zu drücken und gleichzeitig den darauf halb stehenden und versuchsweise mit dem Gesäß hinten anlehnenden jungen Mann mit einem Arm gegen das Nach-Hinten-Fallen abzusichern (Vorsicht, letzte Reihe, nach hinten fällt man anderthalb Meter tief), der sich zudem in einem 60-Grad-Winkel nach links neigt und einem zur Sicherheit anderthalb Arme um den Hals gelegt hat. Hat keiner verstanden, ne? Auf jeden Fall kann man sich so, mit wunderbar eng beieinander liegenden Köpfen, auch bei höherem Lärmpegel vergleichsweise gut unterhalten. Und sich gegenseitig Fangesänge vorsingen, was den Vater in der Zuhörphase ein wenig anfasst. Wer will da schon Fußball schauen?

Erwähnte ich übrigens, dass er – vermutlich ist es doch eher müßig, es zu erwähnen – ein Trikot trug? Eines, das ich 2007 kurz vor der Meisterschaft gekauft hatte. (Ist es unfair, genau an dieser Stelle auf Herrn Wieland zu verweisen, dessen Sohn auch dereinst ein erstes Mal erlebte?) War ihm natürlich viel zu groß, damals, mit anderthalb Jahren, 128 war die kleinste (noch?) verfügbare Größe gewesen, aber wen sollte das bei der Meisterfeier stören? Jetzt passt es. Und ist immer noch groß genug, um den einen oder anderen Pulli drunter zu tragen. Bisschen blöd, das, ich würde ihm doch gerne mal wieder ein neues kaufen. Wobei: vielleicht können wir so das Thema Gazi noch aussitzen, wäre ja auch nicht verkehrt.

Hinterher hat er gesagt, er wolle bald wieder einmal mit, mein Großer. Was will man mehr?

Fußballclub Blau-Rot Stuttgart?

Als gestern Nachmittag Twitter-User @konni über eine für heute angekündigte Pressekonferenz des VfB informierte, schossen die Spekulationen ein wenig ins Kraut. Irgendwie klang es nicht so, als würde man „nur“ den hoffentlich bevorstehenden Vertragsabschluss mit Theo Walcott Cristian Molinaro bekanntgeben wollen. Kurz ergriff mich Panik angesichts der zu meinem Bedauern auf den Spätherbst verschobenen Vertragsgespräche mit Christian Gross und des noch immer kolportierten Hamburger Bemühens um den Trainer des VfB. Allerdings würde dann wohl eher der HSV zu einer Pressekonferenz einladen, sagte ich mir, und erinnerte dann glücklicherweise die noch immer offene Frage nach dem künftigen Hauptsponsor, die wohl das Thema sein müsse.

Was sich dann insofern bestätigte, als spätestens um 19 Uhr ganz Twitter den Namen des neuen VfB-Hauptsponsors kannte: Gazi. Gazi? Ja, Gazi.

Beim abendlichen Sport, den ich mit wenig twitteraffinen Menschen betrieb, hatte ich die Info noch exklusiv; die Reaktionen reichten von bloßem ungläubigem Staunen über „Du machst Witze, oder?“ bis hin zu „Ach Du Scheiße!“

Der Grund für die eher versteckte Freude liegt auf der Hand: Gazi ist seit Jahr und Tag Hauptsponsor des ehemaligen Lokalrivalen, der Stuttgarter Kickers; selbst deren Heimstatt, in dem die Reserve des VfB seit dem vergangenen Jahr aufgrund der DFB-Auflagen für die Dritte Liga ebenfalls ihre Heimspiele bestreitet, trägt den Namen „GAZi-Stadion“, die zugehörige Stadtbahnhaltestelle ebenso. Irgendwie passt das nicht, hat man den Eindruck.

Dabei sind die Kickers sind aus meiner Sicht tatsächlich nur noch, wie oben geschrieben, der _ehemalige_ Lokalrivale, dem man zuletzt Anfang der 90er Jahre auf Augenhöhe begegnete, als die Blauen ihre letzte von bislang zwei Bundesligasaisons bestritten. Einige Jahre zuvor, im Sommer 1987, hatte man gar im Finale des DFB-Pokals gestanden, doch ein früher Treffer von Dirk Kurtenbach reichte nicht – Manfred Kaltz‘ Bananen taugten nicht nur als Flanken, sondern ließen sich auch recht billig um die Kickersmauer herumdrehen.* 1988/89 traf man dann erstmals in der Bundesliga auf den VfB, und ich hatte das Vergnügen, aus der Provinz in die große Stadt zu reisen, um beim 4:0 des VfB Asgeir Sigurvinsson huldigen zu dürfen. Doch das ist lange her, die Kickers haben danach stürmische Zeiten erlebt, über die es an anderer Stelle deutlich mehr und Kompetenteres zu lesen gibt. Heute nehme ich sie eher als kleinen Bruder Cousin des VfB wahr, der zuletzt noch ab und zu mit der Reserve der Roten raufen durfte, bis es auch dafür nicht mehr reichte.

Doch zurück zu Gazi. Für einen Teil der VfB-Anhänger stellt Firmenchef Garcia ein blaues Tuch dar, wie auch in dieser Umfrage der Stuttgarter Zeitung deutlich wird. Während die einen vor allem die Nähe zu den Kickers stört, sind die anderen ob der Wahl (hatte man denn noch eine?) eines nicht weit über die Stadtgrenze hinaus bekannten mittelständischen Unternehmens als Hauptsponsors entsetzt, die nicht so recht mit den eigenen Ansprüchen einher gehe.

Ich gebe zu, auch ich hege Sympathien für einen Daimler-Schriftzug im Brustring, oder Porsche, Bosch, you name it. Letztlich zählen aber die Namen auf der Rückseite der Trikots, und wenn Gazi gemeinsam mit dem nicht scheidenden ehemaligen Hauptsponsor EnBW und dem neuen Premiumpartner Fischer Dübel dafür sorgt, dass dort die richtigen stehen, kann ich gut damit leben. Andere offensichtlich auch.

Überhaupt denke ich, dass die Anhänger der Roten, wenn man nochmals auf die innerstädtische Komponente zurückkommt, das längere Ende des Seils in der Hand halten. Gazi ist jetzt halt der neue Hauptsponsor. Punkt. Er hat eine blaue Vergangenheit, nach eigenen Angaben auch eine ebensolche Gegenwart und Zukunft. Er wird zwei, drei oder auch viele Jahre die VfB-Trikots schmücken, und irgendwann wird da wieder ein anderer Name stehen. Vielleicht ein besserer, mondänerer, lukrativerer, vielleicht auch nicht. Als Anhänger der Blauen wäre meine Sorge vermutlich ungleich größer. In der Regionalliga dürfte die Schlange potenzieller Sponsoren noch ein Stückchen kürzer sein, und wenn der eigene Hauptsponsor nun bei den Großen mitspielen will, kann ich mir schon vorstellen, dass bei Fans und Verantwortlichen die eine oder andere Sorgenfalte entsteht.

Was mir allerdings wirklich Sorgen macht, ist Dr. Eduardo Garcias Nähe zu Christoph Daum. Herr Heldt, bitte verlängern sie rasch den Vertrag mit Herrn Gross!

* Mir war nicht mehr bewusst, dass Happel damals die später von Magath kultivierte Frisur trug, vgl. ca. 2:50.