Eine Art Lesereise

War ja fast so’n bisschen kryptisch, was ich da vergangene Woche über mein verlängertes Wochenende geschrieben hatte, über eine auswärtige Begegnung mit Löwenfans, ein beinahe komplett verpasstes VfB-Aufbruchstimmungsspiel und ein paar Stuttgarter Abschiedstränen. Man hätte auf den Gedanken kommen können, ich eierte herum oder hätte gar etwas zu verbergen.

Eben diesen Gedanken scheint auch ein gelegentlich als zweitklassig verunglimpfter und gerne mal die Hardboiled-Karte ziehender Schnüffler gehabt zu haben, der in der Folge nicht nur der Sache auf den Grund ging, sondern ganz nebenbei besagte Verunglimpfungen als haltlos enttarnte. Vielmehr offenbarte seine erstklassige Recherche den Grund meiner Zurückhaltung: ich war auf Lesereise gewesen.

Eigentlich hatte ich das Thema totschweigen wollen, zu unbefriedigend war die Erfahrung gewesen. Aber man weiß ja, wie das ist, wenn die Spürhunde erst einmal Witterung aufgenommen haben – zumal dieser Dembowski wenig Zweifel daran lässt, dass er die ganze bittere Wahrheit nach und nach ans Tageslicht zu zerren gedenkt.

Das kann ich nicht zulassen. Zumindest nicht unkommentiert. Deshalb hier und in aller Offenheit: ja, ich war in Landau, Blaubeuren und Luckenwalde. Dass die Erfahrungen eher so mittelprächtig waren: geschenkt. Man zahlt halt Lehrgeld. Geht auch den Besten so, fragen Sie doch mal den Baade. Der war auch nicht immer die Rampensau, die er heute ist. Ok, natürlich war es ein Fehler, in Landau in einem vermeintlichen Anfall von Originalität „Dicke Kinder in kurzen Hosen“ auf die Plakate zu schreiben und damit sowohl die Einheimischen als auch die Baade-Jünger zu brüskieren. Aber hey, wie gesagt: Lehrgeld.

Zu Blaubeuren hat der Ermittler alles gesagt (Wilken!), und Luckenwalde, nun ja, ist halt Luckenwalde. Klingt in meinen Ohren immer so’n bisschen nach Wecker’schem Sprechgesang: Und Luckenwalde schweigt dazu. War zwar Programm, hatte ich aber, lernfähig wie ich bin, wenigstens nicht auf die Plakate gesudelt.

Und dann war ich noch in, Dingenskirchen, Sie wissen schon (also insbesondere Sie, Herr @rebiger), Hamburg. Wo, wenn nicht dort, sollten fünf Fußballzeilen vorgetragen werden, nicht wahr, von Dinos und Uhren und Torhütern und Dorschen, Sie verstehen? Aber darüber wird dann ja der Schnüffler berichten. Vielleicht auch darüber, dass ich es spätestens in jenem Moment hätte wissen müssen, als mein Techniker vor Ort bei dem Versuch, den Sky-Decoder (heißt das so?) zum Laufen zu bringen, um das Spiel des VfB gegen Hoffenheim zu sehen, nun ja, Lehrgeld bezahlte. Wer mit solchen Technikern auf Lesereise geht, hat, abseits aller Rüttelreime, ein Problem.

War ja eigentlich ein netter Zug gewesen von der Angestellten, uns in Abwesenheit des Chefs und eingedenk eigener Ahnungslosigkeit da ran zu lassen, wobei sicherlich die Selbstverständlichkeit, mit der mein Begleiter seine technische Kompetenz verbal durchscheinen ließ, jeden Zweifel im Keim erstickte. Dass uns der Chef kurz nach Anpfiff, eilends herbeigerufen und fluchend resettend, kein Hausverbot erteilte, war dann ja immerhin etwas.

Das Spiel entschädigte. Uns alle, und insbesondere uns alle, die wir es schon immer gewusst haben. Seit Jahren wollten wir schon den Werner sehen. Den Maxim sowieso, von Kvist, diesem elendigen Rückpassspieler großartigen Stabilisator gar nicht zu reden. Und dass der Schneider es drauf hat, wussten ja eh alle. Im Verein und drumrum. Schon immer. Schön auch, dass nun alle voneinander wissen, dass sie es schon immer … ach, egal.

Tags zuvor (ja, zwei Abende in einer Stadt – ein Privileg der ganz ganz Großen, irgendwo beim S-Bahnhof Othmarschen) hatte ich ebenfalls Fußball gesehen. So richtig live, im Stadion, in bemerkenswert ausdauernder, lautstarker und vor allem hingebungsvoller blau-gelber Gesellschaft. Man nimmt ja alles, was man so an Karten bekommt vor dem Stadion, zumal ich jenes im Volkspark einfach gerne mag, unabhängig vom jeweiligen Platz.

Ohnehin war die Konstellation für mich weniger problematisch als für meinen vor Ort ansässigen Mitstadiongänger, der die ungewohnt zahlreichen Jubelmomente mit dem Hintern auf den Händen sitzend verbrachte. Was dem unmittelbar vor uns sitzenden Nacken geschuldet gewesen sein dürfte, der Gerd Müllers Oberschenkel (oder selbst die von Gerd Wiesemes!*) wie einen Unterarm des jungen „Spillo“ Altobelli wirken ließ.

Nicht dem Nacken allein, gewiss, sondern auch der ihn umgebenden beeindruckenden Erscheinung, die nicht unwesentlich dazu beitrug, dass eine einmalige Intervention des jungen Mannes die vor ihm sitzenden Braunschweiger fortan davon abhielt, spiel- und supportabhängig aufzuspringen – und ihm damit die Sicht zu versperren.

Dumm nur (und diese Einschätzung schließt explizit das Sicherheitskonzept des Gastgebers mit ein), dass eine anhaltende Sichtbehinderung von einem ungeschickt platzierten Ordner ausging, der tatsächlich durch seine bloße Präsenz immer wieder Verrenkungen der Zuschauer erforderlich machte. Was den Nacken zu einer Schimpftirade, andere zu fliegenden Bierbechern animierte, ohne den Herrn jedoch aus der Ruhe bringen zu können. Hut ab, aber vielleicht hat er ja zwischenzeitlich doch noch mal mit seiner Chefin über die Platzierung gesprochen.

Nebenbei sah ich auch gelegentlich auf den Platz. Was ich dabei konkret sah, hat Herr @nedfuller meines Erachtens treffend auf den Punkt gebracht. Den Spielverlauf, meine ich, nicht die anscheinend sehr aufwändige Choreo, die leider nicht für spätentschlossene Stadiongänger wie mich gedacht war. Maximilian Beister hat mich überzeugt, so körperlich hatte ich ihn bisher nie wahrgenommen, und bei Zoua, von dem ich nach den ersten Minuten dachte, seine Bewegungsabläufe schlössen ein Talent für Ballsportarten aus, muss ich Abbitte leisten. Oder zumindest gedanklich ein wenig zurückrudern.

Ob ich hinsichtlich der während des Spiels aus meiner Sicht unvermeidlichen Einschätzung, dass Braunschweig schlichtweg nicht konkurrenzfähig sei, ebenfalls zurückrudern muss, wage ich zu bezweifeln. Ich täte es gerne. Allein schon, um es den Besserwissern ins Gesicht schleudern zu können: „Nicht konkurrenzfähig, Kamke, oder wie?“ oder „Piss-Verein, wa, Lieberknecht?!“

Oh, ich vergaß Hakan Çalhanoğlu. Bzw. seinen Freistoß, der mir im Stadion, ohne Zeitlupenwissen sozusagen, die Behauptung entlockte, diese Mischung aus Schärfe und Effet hierzulande seit Thomas Häßler nicht mehr gesehen zu haben. Mit ein bisschen Recherche käme ich davon vielleicht ab; aber ich verzichte gern darauf. Man muss auch mal schwelgen können.

Nun bin ich ein bisschen vom Thema Lesereise abgekommen. Darf gern so bleiben, der Schnüffler wird sich früh genug wieder zu Wort melden. Oh, hat er ja schon wieder getan. Aber wer ist dieser Peters?

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* Genau genommen war die Hamburgfahrt tatsächlich eine Lesereise. Ich las in jeder freien Minute. Aber keine Fünfzeiler, sondern Ronald Rengs „Spieltage„. Ein wunderbares Buch, ein großes Lesevergnügen, und hinreichend Wissenshäppchen für künftige Kneipendiskussionen. Zum, Beispiel, wenn mal wieder einer Gerd Müllers Oberschenkel bemüht.

Kanon

Ulf Kirsten hätte alle seine „Torjägerkanonen weggeworfen, nur um einmal Deutscher Meister zu werden“. So zitierte Zeit online vor einigen Jahren den dreimaligen Torschützenkönig der Bundesliga. Er dürfte nicht der einzige sein, der das so sieht.

Fritz Walter hatte mehr Glück: er gewann 1992 gleich beides, Meisterschaft und Kanone, die ihm zugeschriebene Frage „Wo isch mei Kanon?“ ist legendär. Auch er war nicht der einzige: insgesamt 16 mal in 47 Jahren traf der Torschützenkönig für den künftigen Deutschen Meister. Vier mal galt das für Gerd Müller, zwei mal für Karl-Heinz Rumenigge.

In dieser Saison sieht es wieder einmal nicht danach aus. Dabei war es in den letzten Jahren durchaus gang und gäbe, nachdem zwischen 1992 und 2002 kein einziger Torschützenkönig seinen Verein zum Titel geschossen hatte. Die Ära Kirsten halt. Max und Yeboah nicht zu vergessen. Dieses Jahr liegt der beste Dortmunder Torschütze, Lucas Barrios, 6 Treffer hinter Mario Gomez und Papiss Demba Cissé, die mit je 19 Toren führen, und beim Tabellenzweiten aus Leverkusen hat noch nicht einmal ein Spieler zweistellig getroffen.

Der eine heiße Kandidat um die Torjägerkrone, Cissé, spielt in der Liga beinahe schon um die goldene Ananas, der andere, Gomez, hat noch die Möglichkeit, die Durchschnittsplatzierung der Torschützenkönige zu erreichen: die Vier. Und Theofanis Gekas, dem Dritten im Bunde der Kandidaten, könnte es als erstem Spieler gelingen, als Torschützenkönig abzusteigen.

Gleich gut ist gleich gut wie besser, oder?

Auf meinem Radar tauchte das Thema erstmals am Donnerstag auf, als Hennes von stadion-wurst.com in einem (meines Erachtens gerechtfertigten) Lobgesang schrieb, Kevin Kuranyi sei erst der dritte Bundesligaspieler, der in acht aufeinander folgenden Spielzeiten eine zweistellige Trefferzahl erreicht habe. Dies erschien mir unwahrscheinlich, sodass ich kurz ein paar der üblichen Verdächtigen prüfte und tatsächlich bei 4 der ersten 5 Versuche Glück hatte: Roland Wohlfarth, Giovane Elber, Jupp Heynckes und Fritz Walter trafen ebenfalls acht Jahre in Folge zweistellig (Ulf Kirsten hatte ein Jahr mit nur acht Treffern).

Von Hennes erfuhr ich dann, dass sowohl Kuranyis Website („Das haben vor ihm nur Manfred Burgsmüller und Gerd Müller geschafft.“) als auch sein Wikipedia-Eintrag („Dies gelang vorher lediglich zwei Spielern, Gerd Müller (13-mal in Folge) und Manfred Burgsmüller (zehnmal)“) diese Fehlinformation enthält, wobei Wikipedia als Quelle einen Artikel bei RP Online angibt. „RP Online, dann ist ja alles klar!“ dachte ich, doch weit gefehlt, das Zauberwort heißt „übertroffen“ (zumindest ist mir bis dato kein Gegenbeispiel bekannt):

Der in Rio de Janeiro geborene Profi hat zum achten Mal hintereinander innerhalb einer Saison eine zweistellige Torquote erreicht. Das haben in der Geschichte dieser Klasse nur die Münchner Stürmerlegende Gerd Müller (13 Mal in Folge) und Manfred Burgsmüller (zehn Mal) übertroffen.

Die Wikipedianer hatten offensichtlich falsch abgeschrieben, Kuranyis Webseitenbefüller entweder auch abgeschrieben oder nicht gut recherchiert.

Tags darauf erfuhr ich dann beim indirekten Freistoß, dass sich auch spox mit besagter Statistik auseinandergesetzt und den Unterschied zwischen „erreichen“ und „übertreffen“ verstanden hatte.

Im Gegensatz zum Zet-De-Eff. Dort war Kevin Kuranyi am Samstag zu Gast im Sportstudio, und bereits im Spielbericht hieß es, er sei „erst der dritte“ Spieler, der 8 Jahre in Folge… (der Rest ist bekannt). Diese Statistik hatte man dann auch noch für Kuranyis Gespräch mit Frau Müller-Hohenstein grafisch unterlegt:

Wenn man großzügig darüber hinweg sieht, dass Manfred Burgsmüller nicht nur 9, sondern 10 Spielzeiten in Folge zweistellig getroffen hat, stimmt die Grafik – es ist ja grundsätzlich nicht falsch, die lediglich gleich erfolgreichen Herren Walter, Elber, Wohlfarth und Heynckes wegzulassen.

Wenn man sich allerdings die Hinführung im Gespräch anhört, wird deutlich, dass entweder nicht recherchiert wurde oder die Moderationsbeauftragte ihre Unterlagen nicht verstanden gelesen hat:

„Das haben, mit diesem Saisonverlauf, vor Ihnen tatsächlich nur zwei andere Spieler geschafft.“

Man mag mich einen Haarspalter nennen,
aber ein bisschen peinlich finde ich das schon.

CRM

Vor ein paar Jahren bestellte ich für einen Freund, einen großen Fan von Mehmet Scholl, im Fanshop des FC Bayern ein Trikot mit der 7. Natürlich wollte man dort einige persönliche Angaben von mir, darunter mein Geburtsdatum. Also gab ich ein Datum an.

Seither erhalte ich jedes Jahr, einige Tage vor dem genannten Datum, Post vom FC Bayern. Werbung für die Merchandising-Artikel, natürlich, aber auch Geburtstagswünsche und jeweils einen 5 Euro(?)-Gutschein für den Shop. Zwar habe ich nie mehr etwas bestellt und kann mir auch kaum vorstellen, dass sich das in den nächsten Jahren ändert (auch wenn man nicht alles im Leben seiner Kinder steuern kann), aber ich war auch zu faul, mich aus dem Verteiler nehmen zu lassen.

So habe ich vor kurzem wieder einmal Post aus München bekommen  (den Teil, wo ich sagen sollte, dass es mir gegenüber Nachbarn und Briefträger peinlich ist,  finde ich nicht so originell und lasse ihn deshalb einfach mal weg) und dachte erneut, was für ein professioneller Verein das doch sei. Um dann festzustellen, dass ich keine Ahnung habe, ob diese Art der Kundenbindung in der Bundesliga beispielgebend ist oder ob sie doch eher die Regel darstellt. VfB-Präsident Erwin Staudt zog vor einigen Jahren durch die Lande und betonte die Bedeutung von Customer Relationship Management für Fußballvereine, vielleicht tut er es auch heute noch – inwieweit man das verinnerlicht hat, kann ich nicht sagen. Ich weiß nicht einmal, ob der VfB mein Geburtsdatum kennt.

Wie ist das denn in anderen Vereinen? Bekommt man da als Fan, oder auch nur als Kunde, Geburtstagspost? Und werden die Geburtstagswünsche dort auch so nett veranschaulicht wie in München?

À propos Professionalität: ich hoffe sehr, dass mich der FC Bayern wegen der Verwendung der Bilder nicht über seine Anwälte kontaktiert.