Aufstiege, Abstiege, Zwischenlösungen

Waren nicht schlecht, die Relegationsspiele neulich, ne? Also zumindest die zwischen zweiter und dritter Liga, und dort vornehmlich das Rückspiel. Bielefelder mögen das anders sehen.

Wieder einer jener Abende, die zu erfassen einzig Sir Alex Fergusons geflügeltem Wort „Football, bloody hell!“ gelingt. Abstrakt gesehen.

Bei Twitter jagte ein Superlativ den vorhergehenden, und nicht selten las man sinngemäß Folgendes:

„[Lob des Spiels], [Lob der Darmstädter], [Lob des Fußballs], [Ungläubigkeit], [Faszination], aber Relegation ist trotzdem doof und gehört abgeschafft.“

Was ich, den Umstand außer Acht lassend, dass all diese Metazitate niemals in 140 Zeichen gepasst hätten, was arg an meiner Glaubwürdigkeit rüttelt, für eine völlig legitime Sichtweise halte. Die ich nicht im Geringsten teile, aber darum geht es ja nicht. Es gibt gute Argumente gegen die Relegation, zweifellos, und es gibt meines Erachtens auch gute Argumente dafür. Sie alle wurden vielerorts und häufig genug ausgetauscht.

Der einzige Aspekt, der mich in den vergangenen Tagen verwunderte, wohl weil er mir in den Vorjahren nicht so häufig begegnet war, so zumindest meine Erinnerung, war die Schlussfolgerung mancher Relegationsgegner, manchmal mehr, manchmal weniger explizit ausgeführt, dass man dann ja konsequenterweise auch dazu übergehen müsse, den Meistertitel in einer Play-Off-Phase, zumindest aber in einem Endspiel der beiden Punktbesten auszuspielen.

Das kann ich nicht nachvollziehen. Verzeihung, nachvollziehen kann ich es schon, aber ich empfinde es nicht als folgerichtig. Im einen Fall, der Meisterschaft, haben sich 18 Mannschaften in einem gemeinsamen, in sich (ab-)geschlossenen Wettbewerb ein Jahr lang gemessen. Am Ende steht ein Ergebnis, das die eine als objektiv besser als die andere ausweist.

Im anderen Fall, wenn es um Auf- und Abstieg geht, betrachten wir zwei (oder mehr) Mannschaften, die in getrennten, hierarchisch klar einzuordnenden Wettbewerben spielen und die sich im Lauf der Saison weder begegnet sind noch sich mit den gleichen Gegnern gemessen haben. Eine Aussage über die relative Stärke können wir nicht seriös treffen.

Implizit beschäftigen wir uns auch mit der Frage, wie groß der Unterschied, bzw. wie groß eine Schnittmenge zwischen den beiden Ligen ist, innerhalb derer nur geringe sportliche Unterschiede bestehen. Diese Frage wurde irgendwann dahingehend beantwortet, dass die beiden Besten der niedrigeren Klasse mit den beiden Schlechtesten der höheren Klasse die Plätze tauschen sollen. Jahre später hat man sich dann für deren drei entschieden, in anderen Ländern mag die Tauschliste länger oder kürzer sein.

Wo die optimale, je nach Interpretation leistungs- oder leistungsvermögensgerechteste Lösung liegt, weiß man nicht, vermutlich ändert es sich von Jahr zu Jahr, beziehungsweise, was in unserer Ligen- und Saisonstruktur nicht relevant ist, in kürzeren Abständen. Der Gedanke, am Ende einer jeden Saison ganz konkret in einem sportlichen Duell der Grenzgänger auszuloten, wo die Kante aktuell verläuft, ist in diesem Kontext kein abwegiger.

Dass man darin eine zu zeitpunktbezogene, tagesformabhängige, zugespitzte Form der Entscheidungsfindung sehen kann, die dem Spieljahresprinzip zuwider läuft, liegt auf der Hand. Oder dass man hinterfragen kann, ob jeweils zwei fixe und ein variabler Auf- bzw. Absteiger richtig gewählt sind. Wieso nicht drei plus eins, zum Beispiel? Legitime Sichtweise.

Ganz abgesehen davon, dass der Verdacht, es gehe DFL und DFB in erster Linie darum, zum Saisonende ein maximales Spektakel zu bieten, nicht auszuräumen ist, noch nicht einmal von der Hand zu weisen. Was man dann natürlich doch als Gemeinsamkeit mit einem Meisterschafts-Play-Off sehen kann, wenn man möchte. Auf einer aus meiner Sicht arg sportfernen Ebene.

Wie schaffe ich jetzt nur die Überleitung zum HSV? Nee, sorry, da muss ich passen. Muss es eben so gehen.

Der Hamburger Sportverein, der sich dem Vernehmen nach im abgelaufenen Jahr auf dem Platz häufig ähnlich sportfern betätigte wie der VfB Stuttgart, nahm ebenfalls an der Relegation teil, stand aber im Schatten der Darmstädter. Dennoch schlug er den Herausforderer aus Fürth aus dem Feld, der ebenfalls ausführlich diskutierten Auswärtstorregel geschuldet, was den geschätzten Kollegen vom Fürther Flachpass zu grundsätzlichen Aussagen zum Kräfteverhältnis zwischen erster und zweiter Liga und einer, wenn ich ihn recht interpretiere, systemimmanenten Benachteiligung der Zweitligisten animiert hat.

Ich kann das, wie auch dort per Kommentar geäußert, nicht ganz nachvollziehen (wohl wissend, dass die finanziellen Rahmenbedingungen in den beiden Ligen sehr unterschiedliche sind). Den Fürther Nichtaufstieg nach zwei unentschieden gestalteten Spielen empfinde ich unabhängig davon als bitter. Was andersherum analog gälte.

Wie auch immer: der Dino ist dem Abstieg von der Schippe gesprungen, die Uhr darf weiterlaufen, der HSV bleibt der einzige Bundesligist, der noch nie abgestiegen ist. So las ich zumindest. Und war, wie manch andere(r), nicht ganz einverstanden:

Die geneigte Leserin weiß natürlich, dass es da noch ein paar weitere Vereine gibt, die zwar nicht von Anfang an dabei gewesen sein mögen, die aber nie in die zweite Liga abgestiegen sind. Was für sich genommen wiederum eine problematische Aussage ist, da ja auch Preußen Münster, Tasmania Berlin, Borussia Neunkirchen und Rot-Weiß Oberhausen, vielleicht habe ich auch noch jemanden vergessen, für sich in Anspruch nehmen können, nie von der Bundesliga in die zweite (Bundes-)Liga abgestiegen zu sein, sondern nur in die jeweilige Regionalliga.

Aber das mag selbst der sachkundigen Leserschaft ein bisschen zu speziell sein, nicht im Sinne von „wissen wa nich“, eher von „Korinthenkacker!“ Beschränken wir uns also auf die Frage nach den aktuell Unabsteigbarengestiegenen, die leicht beantwortet ist, wie auch die (hier nicht dokumentierten) Reaktionen auf diesen Tweet zeigten:

Genau. Es handelt sich um den HSV, den FC Bayern, Bayer Leverkusen, den VfL Wolfsburg, die TSG Hoffenheim, den FC Augsburg und den SC Paderborn. Die eine oder andere Ungenauigkeit bei den Vereinsnamen bitte ich gönnerhaft hinzunehmen.

Sieben ist ne Menge, nicht wahr? Nicht zuletzt vor dem Hintergrund besagter (und historisch vollauf gerechtfertigter) HSV-Fokussierung, gerade auch wenn man das Ganze spätestens seit der Zeit verfolgt hat, als noch von vier verbliebenen Dinos, die damals noch nicht so genannt wurden, Hermann hieß ohnehin keiner von ihnen, die Rede war: dem HSV, Köln, Frankfurt und Kaiserslautern. Und jetzt sollen es plötzlich sieben sein?

Ja, ist so. Und vor zwei Jahren waren es auch so viele. Danach muss man aber schon bis 1995/96 zurückgehen, um auf gleich viele bzw. mehr unabgestiegene Bundesligisten zu stoßen. In den zwanzig Jahren zuvor lag man stets zwischen acht und elf, erstmalige Ab- und erstmalige Aufstiege hielten sich offensichtlich ungefähr die Waage, die stärkeren Veränderungen unmittelbar davor, also zu Beginn der 70er, mögen zum Teil mit dem Bundesligaskandal zu tun gehabt haben, vielleicht auch, abstrakter, mit der anstehenden bzw. erfolgten Einführung der zweiten Liga, aber so genau habe ich mir das nicht angesehen. In ihren ersten vier Jahren hatte die Bundesliga übrigens stets aus Vereinen bestanden, die noch nie abgestiegen waren.

Im ersten Jahr zudem, und das ist wahrlich eine Binsenweisheit, aus lauter Neulingen. Nach der Aufstockung 1965 waren nie mehr drei oder gar mehr Neulinge vertreten, bis 1980 aber zumindest so gut wie immer zumindest einer. Danach bröckelte das ein wenig, mit gelegentlichen Ausreißern, also gleich zwei Neulingen auf einmal. Menschen meiner Generation werden sich sogleich an Blau-Weiß 90 Berlin oder den FC Homburg erinnern, an die historische Besonderheit mit Dynamo und Hansa sowieso, und danach wurde es dünn.

Um die Jahrtausendwende hatten wir noch einmal eine, Verzeihung, Freaksaison mit Neulingen aus Unterhaching und Ulm, die derzeit recht weit von der Bundesliga entfernt sind, was im Ulmer Fall gerade in diesen Tagen ein König unter den Euphemismen ist. Sieht man dann noch von Energie Cottbus ab, so haben die meisten Vereine, die seit Ende der 90er erstmals aufgestiegen sind, beginnend mit Wolfsburg, die Klasse durchgehend gehalten, über die einjährige Mainzer Verschnaufpause sehe ich nonchalant hinweg, und Fürth, siehe oben.

Seit 2008 mit Hoffenheim darf man wohl sogar von einer kleinen Trendwende sprechen, einer Mini-Renaissance der Neulinge. Über die Bewertung dieses Umstands scheiden sich die Geister insofern, als insbesondere Hoffenheim, aber auch Augsburg mit ihren Finanzstrukturen nicht zwingend geeignet sind, das Herz all derer höher schlagen zu lassen, die sich eine Offenheit der Bundesliga für Underdogs wünschen. Wünsche ich mir auch. Was mich nicht daran hindert, das (Achtung, böses Wort!) „Projekt“ Hoffenheim interessiert und gelegentlich den Hut ziehend zu verfolgen.

Als Underdogs kann man sie indes nicht ernsthaft einordnen, und auch Augsburg nur bedingt. Leipzig wird in absehbarer Zeit recht laut an die Tür klopfen, Ingolstadt möglicherweise etwas leiser. Da freut man sich dann vielleicht besonders über die Fürths und Paderborns dieser Welt.

Kommt Heidenheim auch bald? Und sind sie dann gut oder böse? Werden sie gar eine neue „Region“ sein können? Die Zeit wird es weisen. In der Zwischenzeit kann ja der eine oder die andere nach Fehlern suchen:

Rekordhinrunde

Der VfB Stuttgart setzt seine Rekordjagd fort. Nachdem die Schwaben bereits am Mittwoch die alte Bestmarke aus der Saison 1966/67 (zum wiederholten Male) egalisiert hatten, gelang es ihnen durch den Sieg am Wochenende erstmals, in einer einzigen Bundesligahinrunde 9 Punkte gegen die Bayern zu sammeln.

Dies ist insofern umso bemerkenswerter, als die neue Rekordmarke zum einen bereits zwei Spieltage vor Abschluss der Vorrunde erreicht werden konnte, und als zum anderen die Wettbewerber aus dem Freistaat nicht nur Rekordmeister sind, sondern ihrerseits in den ersten 15 Spieltagen bereits 70 Punkte anhäufen konnten.

Angesichts dieser beeindruckenden Bayern-Bilanz ist sicherlich auch die eher zurückhaltende Art und Weise („Videotext-Fußball“), mit der der VfB seine Punkte errang, nicht nur nachvollziehbar, sondern aller Ehren Wert. Einmal mehr zeigte sich am Samstag, dass das Offensivspektakel der letzten Jahre schlichtweg überholt ist. Eine solide Defensive, die sich mit großer Verve bis zur letzten Minute dem vermeintlich übermächtigen bayerischen Gegner in den Weg stellt, und ein guter Stürmer – das reicht. Wie man auch in Bayern weiß.

„Kaum spielt man mal ohne Kvist und Tasci, schon steht hinten die Null“, bemerkte anschließend ein Sympathisant aus dem Umfeld des Vereins, ehe er nochmals einen kritischen Blick auf das Spiel gegen die Bayern vom vergangenen Mittwoch warf:

„Ich hab genau auf die Uhr gesehen: 12 Minuten und 12 Sekunden lang zeigten sie gleichermaßen sehenswerten wie zielgerichteten Fußball, danach aber wirkten sie wie paralysiert. Das reicht nicht.“

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Ja, ich weiß, dass Bundesländer zum Teil mehrere Regionen umfassen.
Kann ich nichts für.

Stadthallencharme

So ein weihnachtlicher Aufenthalt im benachbarten Ausland bietet neben viel Schnee, Familie, Essen, Zeit und einigen weiteren ausschließlich positiven Aspekten nicht zuletzt Gelegenheit und Anlass, sich endlich mal wieder eine ganze Ausgabe des Magazins zur offensiven Erweiterung des Fußballhorizonts, vulgo: ballesterer, in aller Ruhe und Detailtiefe durchzulesen. Und so stößt man nicht nur auf Ismuszitate der Welt Hertha Linke Textilvergehensredaktion oder auf Franz Binder, sondern vor allem auf Herbert Prohaska.

Prohaska – Austrianer, Held & Hawara“ lautet denn auch der Aufmacher, und wer sich nun wie ich frug, wieviel Platz man ihm wohl einräumen würde, dessen kühnste Träume wurden übertroffen: über 20 der knapp 60 redaktionellen Seiten waren dem offiziellen Jahrhundertfußballer sowohl der Wiener Austria als auch des österreichischen Fußballs gewidmet, und auch wenn der eine oder andere Schmäh dabei war, so blieb doch ein in doppelter Hinsicht vielseitiges Bild übrig, das den gemeinen Leser, in diesem Fall: mich, ein bisschen wehmütig an jene 7 Seiten zurück denken ließ, mit denen die 11 Freunde kurz zuvor ihren Titelhelden Bernd Schuster und insbesondere besagten egozentrischen Leser abgespeist hatten.

Sicher, Schuster hat hierzulande nicht den Status, den Prohaska in Österreich genießt (das Kriterium “ internationales Renommee“ lassen wir mal außen vor), und ohnehin verfolgen die 11 Freunde ein ganz anderes Konzept als der Ballesterer, und Schweinsteiger hatte neulich 11 Seiten, andere Titelgeschichten auch mehr, und überhaupt und sowieso. Kurz: ich hab mich gefreut über 22 Seiten Prohaska. Am Rande auch über Brigitte Xander.

Dabei stehe ich eigentlich Rapid viel näher als der Austria. Bzw. stand ich zumindest früher. Vermutlich lag es primär an der Trikotfarbe, violett war einfach nicht so meins, und die örtliche Kreisligatruppe war auch grün-weiß. Andere österreichische Vereine nahm ich kaum wahr, bzw. nur als Teil eines Doppelpacks (LASK/ VOEST oder Sturm/GAK), oder erfreute mich nur an ihrem Namen (Raika Flavia Solva) – Hansi Müllers FC Swarovski Tirol gab’s ja auch erst einige Jahre später –, und ein Faible für Hans Krankl tat sein Übriges dazu, dass es mich eher nach Hütteldorf zog. Meine drei Tags für Krankl lauten Lonely Boy, Düsseldorf und letztlich doch das kaum zu vermeidende Cordoba.

Tag Nummer vier wäre dann wohl Christian Keglevits gewesen. Nicht dass die beiden nach meiner Kenntnis eine besonders enge Beziehung hätten, bzw. wenn sie sie doch haben, hat mein Tagging nichts damit zu tun. Ich habe schlichtweg Keglevits‘  Länderspieldebüt vor Augen, im September 1980, wie ich nachgeschlagen habe, gegen Ungarn. Als 19-Jähriger traf er – beim Debüt, wie gesagt – gleich doppelt, der Reporter hyperventilierte nahezu durchgängig und redete, so meine Erinnerung, bereits die Nachfolge das damals 27-jährigen und beim FC Barcelona unter Vertrag stehenden Krankl herbei. Seither denke ich beim Namen Krankl zumeist auch kurz an Keglevits, der heute, gut 30 Jahre später, bei 18 Länderspielen und 3 Toren steht.

Ich schweife ab. Es ging um Prohaska. Also hier auch, vor allem aber im Ballesterer. In aller Ausführlichkeit und – so zumindest meine Wahrnehmung – nicht übertrieben kritisch, auch wenn jene Punkte, die einer noch bedeutenderen internationalen Karriere wohl im Weg standen, genau wie jene, die man ihm in seiner Zeit beim ÖFB zum Vorwurf machte, angesprochen (und durchaus verständnisvoll behandelt) werden. Sehr schön die Ausführungen zu seiner Zeit in Italien, wobei die Schilderung der damaligen Ausländerregelungen in der Serie A wie eine Zeitreise anmutet – ein Eindruck, den Namen wie Tonino Cerezo (sic!) oder Roberto Pruzzo verstärken. Oder das ausführliche Interview mit dem Protagonisten, oder der immer wieder auftauchende Andi Ogris, oder jenes violette Bild, das diesem hier aus dem Austria Wien Archiv so ähnlich ist, oder Polsters Einlassung über den ungustiösen Prohaska, oder, oder, oder.

War ja auch ein Großer, der Mann. Gewann nicht nur vielfach die Meisterschaft und den Pokal, sondern war auch – und die Statistik führt es völlig zurecht noch vor der italienischen Meisterschaft, und dem dortigen Pokal auf, auch vor dem Europacupfinale oder Prohaskas WM-Teilnahmen – Stadthallensieger 1977, 1979, 1980, 1984, 1985 und 1986, zudem auch noch als Trainer in den Jahren 1991, 1992 und 2000. Völlig unterschlagen hat man dabei, dass Prohaska zwischen 1976 und 1989 insgesamt zehn (!) Mal als bester Spieler des Stadthallenturniers ausgezeichnet wurde.

In der Hälfte der Fälle hätte ich vermutlich mit abstimmen können, so intensiv verfolgte ich das Geschehen in der Wiener Stadthalle zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag. Prohaska, Austria-Jahrhunderttorschütze Felix Gasselich, Ernstl Baumeister, hinten Sara, dann auch Polster und Nyilasi, und einfach nur Fußball. Noch bei der letzten Ausgabe 2009 fand das Turnier auf Parkett statt, ohne Kunstrasengedöns und dergleichen – zugegeben: ich kann nicht gänzlich ausschließen, dass das zwischenzeitlich einmal anders war, damals, als man das Turnier in einen Meisterschafts- oder Hallencup-Kontext befördern wollte, wovon niemand etwas hatte.

Wer übrigens meint, nur beim Rekordspieler Prohaska würden die Hallentriumphe so herausgehoben, der irrt. Man schaue sich einmal die Wikipedia-Einträge nicht nur der Vereine, sondern auch zahlreicher Spieler an, deren Erfolgserlebnisse in der Stadthalle nicht selten aufgeführt sind. Seien es Peter Schöttels 5 Siege, oder die ebenfalls 5 von Drabits, seien es die beiden Stadthallentitel, die Krankl als Trainer errang. Oder man frage nach bei Andreas Ivanschitz, dessen Lebenslauf auf der eigenen Website den folgenden Passus enthält:

„Im Jänner 2004 konnte er auch einen Titel mit seinem Klub feiern. Das in Wien mit einem sehr großen Stellenwert gesegnete Stadthallenturnier, das erstmals im Jahr 1959 ausgetragen wurde, ging nach einem packenden Finale gegen den großen Lokalrivalen Austria Wien an die Grün-Weißen, Ivanschitz erzielte in der Verlängerung das entscheidende Siegestor!
Ein Jahr später belegten sie den 2.Platz und Ivanschitz wurde zum „besten Spieler“ dieses Turniers gewählt werden.“

(Hervorhebung durch mich, Satzbau nicht.)

Bei der Vienna galt der einzige Sieg in der Stadthalle, trotz des lange und unübersehbar verblassten Glanzes des Turniers, im Jahr 2009 zumindest als Achtungserfolg und war in der Wikipedia eine eigene Überschrift wert, der FC Bayern hat ebenfalls noch keinen Löschantrag gestellt. Tatsächlich war er seit 1971 der einzige ausländische Turnierseiger, ehe ihm 2001 ein „Team Kroatien“ nachfolgte. Wobei es meines Erachtens keiner ausländischen Topstars bedurfte. Den Reiz machten vielmehr die zahlreichen Aufeinandertreffen der Wiener Vereine aus, und, ja, ich gebe es zu, ein wenig erbauten mich zumindest am Rande auch immer Namen wie der FavAC oder eine Zeit lang die Kombination Vienna/Simmering.

Doch ich will mich hier nicht zum Stadthallenexperten aufspielen. Wer mehr über die einzelnen Turniere ab dem Jahr 1959 erfahren möchte, möge sich einmal beim Fanclub Austria 80 umschauen, wo alle Ergebnisse nachzulesen sind. Was mich stattdessen ein wenig umtreibt, ist die Frage, wieso der Hallenfußball in Deutschland selbst in den 80ern und 90ern nie diesen Stellenwert erlangte, wieso es nie gelang, eine Institution wie das Stadthallenturnier aufzubauen. Sicher, Österreich, und auch der österreichische Fußball, ist kaum mit den hiesigen Gegebenheiten zu vergleichen – man betrachte allein die Anzahl der Wiener Erstligaklubs. Dem könnte man wohl entgegen halten, dass die Dichte in Nordrhein-Westfalen ähnlich hoch ist, und auch wenn der nationale Primus (der aktuelle schon, ich weiß) nicht dort angesiedelt ist, hätte da durchaus das Potenzial für ein gleichermaßen langlebiges wie attraktives Turnier vorhanden sein können. Oder gibt bzw. gab es dieses Turnier tatsächlich, und ich hab’s nur nicht wahrgenommen?

Schließlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass der Hallenfußball hierzulande ein paar Boomwinter erlebt hat. Damals, als – wenn ich mich nicht irre – Mirko Votava den Torwart gab und genau das auf Intervention des DFB bald nicht mehr tun durfte. Irgendwie habe ich das Gefühl, man hat sich ein wenig verzettelt, in Regelfragen, und Bandenfragen, und Kunstrasenfragen, und Verletzungsgefahrfragen, und Grätschenfragen. In Österreich hat man gespielt. Auf Parkett, auf 49 mal 30 Metern. In Deutschland dürfte so ziemlich der einzige Spieler, dessen Leistung Auftritt bei einem Hallenturnier im öffentlichen Gedächtnis präsent ist, Quido Lanzaat sein.

Wie viele der werten Leserinnen und Leser hätten gewusst, dass Borussia Dortmund mit weitem Abstand Rekordgewinner des DFB-Hallenpokals ist, sogar der einzige Verein, der sich mehrfach, und zwar gleich vier Mal, in die Siegerlisten eintragen durfte? Überraschte es jemanden, dass der gemeine Internetsucher auf bvb.de diese Information nicht findet, auch wenn er (also ich) nicht ausschließen kann, dass sie irgendwo dort versteckt ist, oder wundert man sich eher darüber, dass es wenigstens im Wikipedia-Eintrag vermerkt ist? Hätte überhaupt jemand den am Ende gültigen Namen der Veranstaltung gekannt und nicht viel eher Hallenmasters gesagt?

Weiß jemand, welcher Spieler DFB-Hallenpokal-Rekordsieger ist und ob es Spieler oder auch Trainer gibt, die mit mehreren Vereinen gewannen? Kann sich jemand an persönliche Ehrungen erinnern, abgesehen von der des besten Torwarts 2001? In individuellen Wikipedia-Einträgen findet sich auf Anhieb bei Oliver Schmidt der Hinweis auf seinen Turniersieg 2000, den er mit seinem Trainer gemein hat – offensichtlich pflegt man derlei Einträge in Fürth. Aber sonst? Aber sonst? Alles Lüge?

Eigentlich wollte ich ja Herbert Prohaska huldigen. Und dem Ballesterer. Ersteres tat ich ein wenig, auch wenn ich dabei den Faden verlor. Letzteres fällt mir seit jenem Moment schwer, als ich auf Seite 59 eine Einschätzung zu Steffen Simons Reporterleistung las, der zufolge ich wohl einräumen muss soll, ihm bisher stets bitter unrecht getan zu haben, indem ich ihn nach handwerklichen Kriterien beurteilte:

„Das, liebe Freunde, ist mit Sicherheit Kunst.
Und zwar richtige.“

Für mich klingt das ja irgendwie nach Surrealismus.

Mach's gut, Shakira!

Im Sommer 2006 verließ Christian Tiffert nach 6 Jahren, 136 Spielen und 9 Toren den VfB Stuttgart, und irgendwie wirkte das Ganze, wie soll ich sagen, unvollendet. Tiffert war außerordentlich begabt, was er gelegentlich auch eindrucksvoll unter Beweis stellte. Er war 2004 Kapitän der U21 und wurde recht hoch gehandelt, als es darum ging, wer von den Junioren noch auf den „echten“ EM-Zug aufspringen würde. Beim VfB war er indes weit davon entfernt, zum Führungsspieler aufzusteigen, Verantwortung zu übernehmen – zu klar schien das Bild des etwas schlampigen und nicht immer zu 100 Prozent engagierten, naja, Genies, das viel zu wenig aus seinen Möglichkeiten machte. Der Wechsel zu Red Bull Salzburg passte dann auch ins Bild desjenigen, der den Weg des geringsten Widerstands wählt.

Sein Nachfolger im rechten Mittelfeld des VfB hieß Roberto Hilbert, und wenn ich ehrlich bin, denke ich manchmal, dass einigen Zuschauern in den letzten vier Jahren entgangen ist, dass derjenige, der die rechte Außenbahn beackert, gar nicht mehr Tiffert heißt. Die Schmähungen wurden der Einfachheit halber kurzerhand beibehalten und fortgesetzt. Man meckerte über ungenaue Zuspiele, erfolglose Dribblings und schlechte Flanken, ohne gleichzeitig die tolle Arbeit im Dienst der Mannschaft zu würdigen. Mittlerweile nimmt die Position im rechten Mittelfeld übrigens Timo Gebhart ein. Hochbegabt, schlampig. Vielleicht passen die immer gleichen Verunglimpfungen jetzt wieder besser.

Hilbert war anders als Gebhart und Tiffert. Er ist wohl nicht ganz so hoch veranlagt wie sie, aber bei ihm trifft zumindest das Verb „beackern“ uneingeschränkt zu: sein Einsatz ist stets vorbildlich, er geht voran, gibt nicht auf und setzt auch in scheinbar ausweglosen Situationen nach. Den Grund für seine selbstlose Spielweise fanden die Medien übrigens auch recht rasch heraus: Hilbert hatte auch im echten Leben Verwantwortung übernommen. Mit 22 war er Vater einer 13-jährigen Stieftochter (und einer 2-jährigen Sohnes). Was natürlich alles erklärte. Auch den Kosenamen, den ihm einige Fans angedeihen ließen, entlehnt von seiner Stieftochter: Shakira.

Voller Verantwortungsgefühl kam Hilbert also im Sommer 2006, obwohl von einigen Bundesligisten umworben, als relativ unbeschriebenes Blatt aus Fürth nach Stuttgart und setzte sich sofort durch. In seiner ersten Bundesligasaison bestritt er als einziger VfB-Spieler alle 34 Partien, 20 davon über die volle Distanz, und war mit 7 Treffern der drittbeste Torschütze – 4 seiner 6 Rückrundentreffer bedeuteten jeweils das 1:0. Am Ende stand die deutsche Meisterschaft und Hilbert war Nationalspieler.

Neben seiner – zumindest auf dem Platz, außerhalb kann ich es nicht beurteilen – vorbildlichen Berufseinstellung war es sein Umgang mit den Fans, der ihn mir besonders sympathisch machte. Er war immer als erster in der Kurve, stimmte in die Fangesänge ein an, und auch wenn das furchtbar übertrieben war, erwischte ich mich einige Male bei dem Gedanken, dass er eigentlich mehr Fan als Spieler sei. Nicht ganz von ungefähr dürfte es auch kommen, dass er sehr hoch gehandelt wurde, als es darum ging, die Frage zu beantworten, die BILD nach der Meisterschaft stellte:

VfB-Wappen als Intim-Rasur
Welcher Meister trägt das drunter?

Nach der Meistersaison ging es nicht nur für den VfB erst einmal bergab, sondern auch für Hilbert. Zwar bestritt er auch in der Saison 2007/08 32 (2008/09: 31, 2009/10: 23) Spiele; seine Defizite, die in der Euphorie der Meistersaison ein wenig untergegangen waren, traten indes immer wieder deutlich zutage: immer seltener konnte er sich im Dribbling durchsetzen (als Stuttgarter, der den schnellen Aufstieg und die anschließenden Rückschritte von Andreas Hinkel im Stadion verfolgt hatte, erlebte man ein Déjà-vu), wenn er doch einmal zum Flanken kam, fühlte man sich an Christian Ziege zu seinen schlechteren Zeiten erinnert, und seine Fehlerquote beim Passspiel war teilweise furchtbar hoch – wenn man ehrlich ist, handelt es sich dabei um Fertigkeiten, die für einen offensiven Mittelfeldspieler nicht ganz irrelevant sind.

Ich hatte ja in den letzten Jahren immer mal wieder gehofft, dass sich ein Trainer finden würde, der Hilbert dabei hülfe, sich die taktischen Mittel zu erarbeiten, die es braucht, um ein guter Außenverteidiger zu werden. Zum einen hätte ich mir einen Mann mit seinem Biss und seinem Tempo dort sehr gut vorstellen können, zum anderen herrschte auf dieser Position in den letzten Jahren (und herrscht bis heute) beim VfB kein Überangebot an guten Spielern. Vergebens.

Unter Christian Gross, auch das wird häufig verkannt, kam Shakira in der Rückrunde der abgelaufenen Saison in 16 von 17 Spielen zum Einsatz, davon immerhin acht mal in der Startelf. Häufig wurde er zudem auf der linken Außenbahn eingewechselt, wo er sich überraschend gut schlug. Gegen Wolfsburg erzielte er den Führungs-, in Nürnberg kurz vor Schluss den für den weiteren Saisonverlauf enorm wichtigen Siegtreffer. Auf der ungewohnten Seite gelangen ihm plötzlich wieder Dribblings, gelegentlich flankte er mit dem schwachen Fuß sehr anständig, und phasenweise war er gar erste Wahl für Ecken und Freistoßflanken (zugegeben: Hleb hatte die Latte sehr niedrig gelegt).

Letztlich reichte es dennoch nicht, den Verein von einer Vertragsverlängerung zu überzeugen, zumindest nicht zu Hilberts bzw. für ihn akzeptablen Konditionen. Und ein wenig schwingt da bei mir der Verdacht mit, dass man ihn möglicherweise gehalten hätte, wenn nicht bei Cacau eine ordentliche Dreingabe nötig geworden wäre.

Schade.