„Videobeweis, Videobeweis!“

Den Zusammenprall zwischen Koen Casteels und Christian Gentner konnte ich aus meinem Blickwinkel nur schlecht erkennen, die Heftigkeit und den Ort des Kontakts lediglich erahnen. Was ich sehen konnte, war eine sehr rasche und dringliche Reaktion von Casteels, als er einen ersten Eindruck von der Schwere der Verletzung gewonnen hatte, seinen Schrecken, sein Bemühen um eine rasche Unterbrechung und Behandlung. Ich sah Spieler beider Farben, die ihn, von seinen Aktivitäten aufgeschreckt, darin unterstützten und sah letztlich zwei Mitglieder des medizinischen Teams des VfB, die die Erlaubnis, den Platz zu betreten, nicht abzuwarten schienen, sondern eigenmächtig zu Gentner eilten, und ein bisschen dachte ich dabei an Rugby, der Behandlung während des Spiels wegen, und was das doch in mancherlei Hinsicht für ein kluger Sport sei.

Was ich nicht sah: einen Schiedsrichter, hier Guido Winkmann, der auf die Situation reagierte. Oder einen Assistenten. Einen vierten Offiziellen. Oder irgendeinen Hinweis darauf, dass der Videoassistent schnellen Handlungsbedarf signalisiert haben könnte, worauf der Schiedsrichter dann reagiert hätte. Natürlich lässt sich das im Nachhinein leicht sagen. Es war nicht auszuschließen, dass Gentner nur simulierte, man führte ja, und dass Casteels aus irgendeinem Grund darauf hereingefallen sei, und hätte der Schiedsrichter dann den Konter unterbrochen, wäre er in Erklärungsnot geraten. Mag sein. Ändert in meinen Augen nichts daran, dass das Schiedsrichterteam, und ich glaube sagen zu können, dass ich derlei selten leichtfertig behaupte, dass also Herr Winkmann und seine Gehilfen in dieser Situation schlichtweg versagt haben und ihrer Verantwortung für die Gesundheit der Spieler nicht gerecht geworden sind.

Was ich auch nicht gesehen habe: Die große Wolfsburger Ausgleichschance kurz vor Schluss. Meine Augen waren bei Dr. Raymond Best (der bei Sport im Dritten zum Entsetzen meiner Frau wie Chandler ausgesprochen wurde, nicht wie Steylaerts oder Ceulemans), der noch einmal zurück zur Bank spurtete, nachdem Christian Gentner bereits auf der Trage das Stadion verlassen hatte. Kaum einen Blick hatte ich mehr für das Spiel, zu bedrohlich erschien mir das Ganze, zu geschäftig die Sanitäter, zu ernst wirkten einzelne Akteure, zu lebhaft waren die Bilder in meinem Kopf, davon ausgehend, dass es ja nur um Gentners Kopf oder die (Hals-)Wirbelsäule gehen konnte.

Offensichtlich war ich damit nicht ganz allein. Ein Herr im Nachbarblock, den ich seit längerem im Verdacht habe, der klügste Mann der Kurve zu sein, hing ebenfalls noch länger bei der Gentner-Szene fest. Wenn auch aus anderem Grund. „Videobeweis! Videobeweis!“ krakeelte er, garniert mit einigen Beleidigungen für Schiedsrichter und Verband, sowohl während der Behandlungspause als auch nach der Spielfortsetzung, und speziell in der ersten Phase, als im Grunde alles die Luft anhielt, dachte ich ganz kurz, dass ich mich gerne einmal mit ihm über seine Prioritäten unterhalten würde, über Elfmeter, gelbe und rote Karten und möglicherweise lebensbedrohliche Verletzungen, was sie dann offenbar und glücklicherweise nicht waren, und ziemlich rasch wähnte ich mich wieder im Neckarstadion des Jahres 2006, als dem augenscheinlich schwer verletzten Bremer Torhüter Andreas Reinke nach einem unglücklichen Zusammenprall mit Martin Stranzl ein choreografiertes „Steh auf, Du Sau!“ zugerufen wurde, für das ich mich, wiewohl nicht beteiligt, so geschämt habe wie niemals sonst in einem Fußballstadion.

Ich kam dann übrigens rasch wieder ab von dem Gedanken, mich mit ihm unterhalten zu wollen. Aber ja, so’n bisschen Empathie, das wär was. Völlig unabhängig von Schiedsrichterentscheidungen, von Vereinszugehörigkeiten und Animositäten. Aber ich schweife ab.

Das Spiel hatte übrigens Spaß gemacht. Santiago Ascacíbar spielte sich nicht ganz unerwartet in die Herzen der Stuttgarter Fans, Anastasios Donis begann wie einst Julian Green mit viel Zug nach innen, beweis dann aber, dass er im Gegensatz zu Green auch willens und in der Lage ist, außen vorbei zu gehen, Chadrac Akolo machte mit einer großartigen Aktion die ungelenken Vorläufer der ersten halben Stunde vergessen, und hinten hielt Benjamin Pavard den Laden zusammen. Ein andermal mehr.

Ach, Guido, wink doch mal!*

Lach ein bisschen, sei nicht so zerknirscht!

Sowas passiert, manchmal auch den Guten. Haste halt mal was falsch eingeschätzt, musst ja auch ohne Zeitlupe entscheiden. Echt jetzt, ich bin da der Letzte, der Dir das nicht nachsieht. Zumal Du ja auch Einsicht bewiesen hast. Und dass man es nicht so gerne hat, wenn einer, noch dazu wenn er groß ist und bedrohlich wirken kann, in die eigene persönliche oder gar intime Zone eindringt, versteh ich durchaus. Auch, dass Dir diese Einsicht erst mit etwas Verspätung kam, als der Eindringling schon zehn Meter weiter war, ehrlich. Die paralysierende Wirkung unappetitlicher Begegnungen der dritten Art.

Zumal man ja mal die Kirche im Dorf lassen und den Beschwerdeführern sagen muss, dass sie sich an die eigenen Nasen fassen mögen. Hat sie ja keiner gezwungen, sich gleich danach noch einen Ball ins eigene Tor zu schmeißen, anstatt sich darauf zu besinnen, dass man noch eine halbe Stunde Zeit hat und in aller Ruhe weitermachen könnte. War ja nach der Pause kurzzeitig ganz vernünftig geworden, was die da spielten, nach vorheriger Abkehr von der Solidität der letzten Wochen. Danach allerdings war das Ganze dann doch wieder ziemlich einfallslos, was man mit etwas bösem Willen natürlich auch Dir in die Schuhe schieben könnte – der Schock, die Verärgerung, das Nachkarten, all das mindert ja die Konzentration auf des Wesentliche ganz enorm, weiß man ja auch vom Tennis, wo dann doch nur die ganz Guten, und mitunter nicht einmal die, in der Lage sind, sich gleich wieder zu konzentrieren. Das können nur wenige, und diese Stuttgarter zählten ganz gewiss nicht dazu. Sie haben’s dann zwar noch einmal versucht, sonderlich inspiriert schienen sie allerdings nicht. Aber auch für die gilt: ist halt passiert, jetzt nach vorne blicken, und bloß nicht die ganze Zeit mit dem Finger auf andere zeigen, auf Dich zum Beispiel. Und wenn ich so die Interviews der Herren Harnik und Cacau betrachte, die sonst ja nicht immer einer Meinung sind, habe ich durchaus den Eindruck, dass das auch in Spielerkreisen konsensfähig ist.

Also, wie gesagt, nimm’s nicht so schwer, lach mal wieder, zeig nicht mit dem Finger auf andere, sei nicht zerknirscht.

Ach so, Du bist gar nicht zerknirscht? Deine Einsicht drückst Du so aus,  dass die Bilder „das nicht hergeben“? Schöne Formulierung, echt. Und Du findest weiter, dass die Proteste der Stuttgarter respektlos gewesen seien und den Untergang des Abendlandes einläuten den gefährlichen Weg aufzeigen, auf dem sich der Fußball befindet? Mit Verlaub, ich weiß nicht recht, ob die Bilder das hergeben.

* Gerne nehme ich Hinweise zur Verunglimpfung von Namen in den Kommentaren entgegen.

Im Rahmen des Regelwerks (hier: Regel 16)

Ich kenne die fußballspezifischen Statistikwerte von Felix Bastians nicht en détail. Bis zum VfB-Spiel in Freiburg kannte ich sie nicht einmal ungefähr, wenn ich ehrlich bin. Dass ich mich hernach ein wenig damit befasst habe, liegt daran, dass der VfB seine Taktik offensichtlich weitgehend auf ihn zugeschnitten hatte. 54,8 % seiner Kopfballduelle hat Bastians im Verlauf der bisherigen Saison gewonnen, sagt bundesliga.de. Ob das für einen Linksverteidiger viel ist? Ich weiß es nicht. Christian Molinaro kommt auf 60 %, Christian Schulz auf knapp 70 %, Philipp Lahm liegt etwa bei 45.

Wie auch immer: es war bemerkenswert, dass Sven Ulreich jeden einzelnen Abstoß an der rechten Torraumecke ausführte, selbst in Situationen, in denen man sich einen kurzen, raschen Abstoß auf der linken Seite hätte vorstellen können, und mehr oder weniger zielsicher die Herren Harnik und Bastians anvisierte. Sicher, die Regel besagt, dass der Abstoß „von irgendeinem Punkt innerhalb des Torraums ausgeführt“ werden soll, und doch erscheint es ungewöhnlich. Mag daran liegen, dass ich noch mit der alten Regel aufgewachsen bin: „Beim Abstoß wird der Ball auf diejenige Torraumecke gelegt, auf deren Seite er die Torlinie verlassen hat.“ Oder daran, dass es gefühlt noch immer häufig so gehandhabt wird.

Vielleicht fiel es mir auch deshalb besonders auf, weil ich, speziell nachdem Schiedsrichter Guido Winkmann sowohl Cacau als auch Molinaro wegen Zeitspiels verwarnt hatte (bei Cacau zurecht, bei Molinaro möglicherweise in Tateinheit mit mehreren falschen Einwürfen und dennoch meines Erachtens ungerechtfertigt), bei jedem Abstoß, bei dem Ulreich ein wenig umständlich die Seite wechselte, mit einer Verwarnung rechnete. Winkmann machte jedoch keinerlei Anstalten, und möglicherweise hätte er sich damit angesichts des Regelwerks auch gar nicht so leicht getan. War diese Regel nicht dereinst geändert worden, um eine schnellere Wiederaufnahme des Spiels zu ermöglichen? Ich hätte nichts gegen die Wiedereinführung der alten Regel.

Um nicht missverstanden zu werden: ich glaube nicht, dass Ulreich so handelte, um Zeit zu schinden – andernfalls hätte der jeweilige Seitenwechsel ja auch in die andere Richtung vonstatten gehen müssen. Tatsächlich aber schien es eine klare taktische Maßgabe zu sein, dass jeder Abstoß von der rechten Torraumecke ausgeführt und auf Martin Harnik gespielt werden solle, der dann auch tatsächlich das eine oder andere Luftduell gegen Felix Bastians gewann. Ohne dass daraus torgefährliche Situationen entstanden wären, aber das ist dann ja noch einmal eine ganz andere Frage – eine Stuttgarter Variation des vom hiesigen Hausherrn gewiss überschätzten und deshalb gerne mal wieder zitierten Flo Pass‚* liegt bisher jedenfalls nicht vor.

Das derzeitige Stuttgarter Erfolgsgeheimnis scheint vielmehr ein anderes zu sein: wie bereits gegen Hannover nutzte man die erste Torchance. Dass sie in der Vorwoche bereits nach etwa 10 und diesmal erst nach 30 Minuten entstanden war, ist, hm, nun mal so. Noch interessanter erscheint mir die positive Effizienzentwicklung: anders als gegen Hannover, als man das Spiel frühzeitig hätte entscheiden können, führte in Freiburg auch die zweite Torchance unmittelbar zum Erfolg. In der 73. Minute. Überraschend, was herauskommen kann, wenn man einfach mal einen aufrückenden Außenverteidiger ins Spiel einbezieht, anstatt ihn konsequent zu ignorieren, nicht wahr, Herr Cacau? Oder Herr Okazaki? Manchmal gar Herr Kuzmanovic?

Wie Martin Harnik jenes 2:0 dann erzielt hat, war aller Ehren wert. Sehr souverän, in aller Ruhe, und allem Anschein nach auch im Wissen um die eigene Stärke, trotz zuletzt wechselhafter Leistungen. Bemerkenswert zudem die nur kurz erschütterte Gelassenheit, mit der er die Frage eines SWR-Reporters, wie es dazu komme, dass er sich als Torjäger betätigt habe, letztlich weglächelte. 17 Tore und 11 Vorlagen in der Vorsaison sind als Pflichtspielbilanz gar nicht so schlecht, meine ich.

Der VfB kam also nicht zu vielen Chancen. Und ließ am Anfang zu viele zu, auch wenn sie selten als zwingend zu kategorisieren waren. Zu leicht kamen die Freiburger zum Abschluss, zu selten gelange es, die häufig langen Bälle in die Spitze bzw. deren Verarbeitung zu unterbinden. Dass man dennoch mit einer Führung in die Pause ging, war ein wenig glücklich. Dass es Freiburg dann aber auch in der zweiten Hälfte nicht gelang, zum Ausgleich zu kommen, war einer besser organisierten Stuttgarter Defensive geschuldet. Zwar lief man von der 45. bis zur 70. Minute im Grunde nur hinterher und vergab die eine oder andere Gelegenheit eher, wie soll ich sagen, uninspiriert; den Gastgebern gelang es jedoch nie, ihr aufwändiges Spiel in Torchancen umzumünzen, was meines Erachtens ein wenig an ihnen selbst und in hohem Maß am VfB lag. (Und möglicherweise auch daran, dass Garra Dembélé erst spät ins Spiel kam.)

Die Hintergründe des verspäteten Spielbeginns waren mir übrigens zunächst nicht klar. Kurz hatte der Gedanke von mir Besitz ergriffen, dass die Verlesung aller Co-, Torwart- und Athletiktrainer des SC Freiburg bei der offiziellen Mannschaftsaufstellung mehr Zeit als geplant in Anspruch genommen hatte; nach kurzem Überlegen tat ich diesen Ansatz jedoch als unangemessen unsachlich ab.

Wäre ich indes vorab über die Verspätung informiert gewesen, hätte ich mich vor dem Stadion noch etwas länger mit @MAGsein unterhalten können. Schade.

*Wenn mich dann bitte ein kompetenter Sprachpurist (w/m) über den korrekten Umgang mit einem aus dem Englischen übernommenen und noch dazu auf s endenden Begriff im zweiten Fall aufklären könnte?

Farbenspiele

Kann mir eigentlich jemand sagen, wieso Markus Pröll gestern ein Schalketrikot trug? Also, abgesehen davon, dass halt Fraport statt Gazprom drauf stand. Klingt ja sogar ein bisschen ähnlich. War das ein Willkommensgruß an Ralf Fährmann? Oder wollte Pröll signalisieren, dass er für dan nächste Schritt bereit sei, wenn Manuel Neuer zu den Bayern wechselt? Der könnte dann ja auch regelmäßig mit den dortigen Eckfahnen schmusen.

Auch Schiedsrichter Guido Winkmann und seine Assistenten hatten sich beim Griff in den Kleiderschrank für einen Überraschungseffekt in neckischem Türkis entschieden, und das war ganz sicher nicht ihre schlechteste Entscheidung an diesem Tag. Es ist mir ein Rätsel, wie man Bundesligaschiedsrichter werden kann, ohne sich mit der Vorteilsregel vertraut zu machen. Ob Patrick Ochs wegen seines Ellbogenschlages vom Platz gemusst hätte, will ich gar nicht beurteilen. Dass der Referee daraufhin aber den Stuttgarter Tempoangriff unterbrach, um Ochs den gelben Karton unter die Nase zu halten, ist schlicht indiskutabel (und  war kein Einzelfall). Auch Matthieu Delpierre wird über Herrn Winkmann geflucht haben: sein glasklares taktisches Foul an der Seitenlinie hätte bei jedem anderen Schiedsrichter eine Sperre in Bielefeld nach sich gezogen; so aber steht er weiterhin bei vier gelben Karten.

Die gute Nachricht lautet, dass das Ergebnis von der Leistung der Unparteiischen nicht entscheidend beeinflusst wurde. Also kurz zum Spiel: der VfB ging ganz offensichtlich in dem Bewusstsein in die Partie, früher oder später seine Treffer zu erzielen. Unabhängig von der eigenen Leistung. Dementsprechend agierte man dann auch sehr pomadig behäbig, ließ die Tugenden der letzten Wochen vermissen (vielleicht fiel auch Hitzlspergers Fehlen stärker ins Gewicht, als ich erwartet hatte) und hätte sich ganz sicher die Frage gefallen lassen müssen, weshalb man den auch nicht vor Spielwitz sprühenden Frankfurtern Feld und Initiative überließ. Doch dann hat der Lude mit zwei Flanken von nahezu Hilbertscher Qualität zuerst Cacau (wie war das noch mal mit der Asienreise?) und dann Gomez zu ihrem Glück gezwungen in die Lage versetzt, ihre Qualitäten im Abschluss unter Beweis zu stellen. Ich will bei Gott keinen Vergleich anstellen, aber Gomez‘ Treffer erinnerte mich an Gerd Müllers „kleine Tore“, die auch zählen. Große Klasse, Herr Gomez!

Der eine oder die andere mag  nun einen Satz erwarten, der mit „Wer solche Spiele gewinnt,…“ beginnt, zumal die von mir in besagtem Artikel errechneten 13 Punkte Rückstand auf die Meisterschaft gestern und heute auf deren 4 geschrumpft sind. Pustekuchen. Auch wenn ich mich wiederhole (und zudem wie ein Babbel-Jünger klingen mag): ich mache mir viel mehr Gedanken über Schalke und Dortmund als über die Tabellenspitze.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Frankfurt auch mit Caio nicht gewonnen hätte.