Misslungener Auftakt

Gestern ging’s also endlich los. WM in Deutschland, kein Märchen. Das Vorgeplänkel ist vorbei, die Relevanz-, Styling- und Vergleichbarkeitsdiskussion zwar noch nicht; zumindest dürfte sie aber mal ein bisschen in den Hintergrund rücken, und wir können über Sport reden. So hatte ich mir das vorgestellt, aber der Auftakt war dann doch eher misslungen. Was in erster Linie an mir lag, weil ich Termine zuließ, die mir ein intensives Verfolgen des Eröffnungsspieles und jener anderen Partie, die zwar das Turnier eröffnete, aber eben kein Eröffnungsspiel war, das also in der Wertigkeit etwa mit der Vorqualifikation der Kugelstoßerinnen bei Leichtathletik-Halleneuropameisterschaften zu vergleichen ist, versagten. Meine Termine waren übrigens wichtig, und ich schaue sehr zufrieden darauf zurück, aber sie waren eben meiner Hoffnung, möglichst große Teile der WM möglichst intensiv verfolgen zu können, nicht gerade zuträglich.

Was letztlich insofern ein wenig egal ist, als die Spiele ja ohnehin so angesetzt wurden, dass möglichst viele 13-Jährige die Stadien füllen können und parallel kein interessanter Hauptabendslot der öffentlich-rechtlichen Sender belegt wird. Außer wenn die schöne Lira spielt oder zuschaut, natürlich. Mal im Ernst: mir war klar, und das ist auch unumgänglich, dass ein Teil der Spiele recht früh am Tag beginnen würde, aber ich hatte doch darauf gehofft, dass es wenigstens ein tägliches Abendspiel geben würde. Wobei ich ein Abendspiel im klassischen Sinne meine, eines ab 20.00 Uhr oder eben, wie heutzutage üblich, um 20.45 Uhr. Die öffentlich-rechtlichen Sender bräuchte ich dazu übrigens nicht, falls mir jemand was von Grundversorgung entgegen möchte, Eurosport reicht völlig aus. Auch wenn ich da auf Frau van Almsicks kompetente Analysen verzichten muss. In dem Zusammenhang dachte ich kurz, diese Expertinnenauswahl sei ein weiteres Indiz für die boulevardeske diskriminierende Herangehensweise an die Frauen-WM, weil man schließlich nie auf den Gedanken käme, Michael Groß oder andere sportfremde Größen von damals wie, was weiß ich,  Leichtathleten oder Vizeeuropameister im Eiskunstlauf auf die männliche Fußballberichterstattung loszulassen. Letztlich beharrte ich nicht auf dieser Sichtweise.

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja: keine günstigen Anstoßzeiten für Berufstätige. 15 und 18 Uhr. Na ja. Wobei das ZDF ja immerhin so freundlich ist, seine Spiele für 18.15 Uhr anzusetzen ansetzen zu lassen. Am Sonntag darf’s dann auch mal 13 Uhr sein. Oder 17.30. Oder auch 14 Uhr. Aber da ist es mir eh egal.

Gestern ging’s also um 3 los, les Bleues gegen die Super Falcons. Die erste Halbzeit konnte ich verfolgen und war, wie wir alle, beeindruckt von der linken französischen Seite mit dem wärmenden Sonnenstrahl Louisa Necib und mit Sonia Bompastor, die ein ums andere Mal flanken durfte, ohne Gefahr zu laufen, annähernd gestört zu werden. Letzteres könnte natürlich, und nun folgt ein doppelter Fauxpas, weil ich zum einen einen Männervergleich und zum anderen einen wenig schmeichelhaften heranziehe, es könnte also daran liegen, dass Nigerias Rechtsverteidigerin stark an Jimmy Floyd Hasselbaink gemahnte, was weniger mit Torgefahr und Schnelligkeit als mit Laufstilen zu tun hatte. Und Hasselbaink war nun wirklich kein guter Rechtsverteidiger.

Wie auch immer: Frankreich gewann, Necib spielte mehr als ansehnlich, Nigeria war nicht gefährlich genug, um die nur bedingt sattelfeste französische Abwehr um die nur bedingt sattelfeste Torhüterin auszuhebeln.

„Nur bedingt sattelfest“ war auch der Tenor, den ich zur deutschen Abwehr beim Spiel gegen Kanada vernahm. Zwar sagen die einen, Kanada sei stets über die linke deutsche Abwehrseite stark gewesen, während die anderen nicht Babett Peter, sondern Linda Bresonik als Schwachpunkt gesehen haben wollten; zumindest aber scheint entweder links oder rechts nicht alles optimal gelaufen zu sein, von Annike Krahns Spieleröffnung wird andernorts genug geredet. Dafür durfte Babett Peter ihren ersten Scorerpunkt verbuchen, auch wenn der eine oder andere ihn gern Melanie Behringer zuschreiben wollte. Passt ja auch ganz gut in die aktuelle Stimmungslage. Der Pass zum Assist kam übrigens, das nur kurz am Rande, von Auslaufmodell Birgit Prinz.

Ansonsten konnte ich das Spiel nur peripher mitverfolgen (und das war schon mehr als zuvor erwartet), hatte aber nie so recht den Eindruck, dass es gefährlich werden könne. Die deutsche Mannschaft wohl auch nicht, und wir wissen ja, wie so etwas enden kann. Es endete gut, auch wenn sich Nadine Angerer geschlagen geben musste, ihr Emmanuel Sanon hieß Sinclair. Der Freistoß war schön geschossen, wenn auch nur so halb in der Ecke, aber – um mal einen Männervergleich heranzuziehen – das war der von Stoichkov 1994 auch, und im Gegensatz zu Angerer bewegte sich Illgner damals noch nicht mal.

2:1 gewonnen, das Ergebnis stimmt, die Leistung phasenweise auch, nach oben ist noch Luft, also alles so, wie es sich gehört. Am Donnerstag geht es gegen die Fälkinnen aus Nigeria, von denen wir erfahren durften, dass sie in der Vorbereitung das eine oder andere Spiel gegen männliche U17-Mannschaften gewannen. Überhaupt scheint eine Art Konsens zu herrschen, dass junge Männer dieses Alters ein ganz passender Testgegner für die Frauen seien. Nun, wenn diese Vergleiche schon an der Tagesordnung sind, dann versuche ich auch mal einen und wage die Prognose, dass die Frauennationalmannschaft bei ihrer WM weiter kommt als die bereits für das Achtelfinale qualifizierte U17 in Mexiko. Einfach weil ich den Eindruck habe, dass es bei den Frauen in der Vorwärtsbewegung als gleichberechtigtes Ziel gilt, auch mal eine Mitspielerin gut aussehen zu lassen, während die jungen Männer dann doch eher an die jeweils eigene Stärke zu glauben scheinen.

Und bevor ich es vergesse: wer wirklich etwas über das Kanada-Spiel erfahren möchte, möge sich „Das unfassbar kompetenzfreie WM-Tagebuch“ ansehen.

Damals, als die Bayern noch in Aachen gewannen

Drüben bei El Fútbol [Link entfernt, Blog ist offline]  hat Sidan seine Leser dazu aufgerufen, ihre jeweiligen „Lieblingsspieler“ vorzustellen – sei es im eigenen Blog, sei es direkt bei ihm. Er selbst ging sogleich mit Georghe Hagi in Vorleistung. Mir gefällt die Idee, und mir gefällt vor allem der Gedanke, so etwas blogübergreifend anzugehen*.  Deshalb mache ich gerne mit, auch wenn ich eigentlich nicht den einen Lieblingsspieler benennen kann.

Mit dem Lieblingsspieler ist es ja ein wenig anders als mit dem Lieblingsverein. Letzterer kann sich zwar auch mal ändern, aber insgesamt geschieht das doch eher selten. Bei Spielern verschiebt man die Präferenzen nach meiner Einschätzung bereitwilliger, schneller und häufiger – was nicht zuletzt mit gekränkten Eitelkeiten zu tun haben dürfte, wenn wieder mal ein verwöhnter Söldnermillionär in jungen Jahren zum falschen Verein gewechselt ist. Oder so. Wie auch immer: einen all time favourite hab ich nicht.

Was es natürlich gab, waren Spieler, deren Namen Identität und Spielkunst man auf dem Bolzplatz mit Vorliebe annahm – bei mir war das lange Zeit Falcão, später gerne mal, warum auch immer, Michailitschenko (falls @saumselig dies liest, haut er mir vermutlich die Schreibweise um die Ohren). Natürlich sind Maradona und Schuster zu nennen. Freistöße hätte ich gerne geschossen wie Allgöwer, war verzaubert von Sigurvinsson, wollte Hansi Müllers linken Fuß, verwandelte mich im Tor zu Ronnie Hellström, bewunderte Butragueño, huldigte 1984 Scifo und auch Platini, obwohl ich Giresse eigentlich lieber mochte, und war zeit seiner Karriere ein großer Fan von Mehmet Scholl. Savićević und Stojković ließen mich genauso anders schwärmen wie als Stoichkov und Romario; Rooney und, ja, Mario Gómez sind jeder für sich noch einmal ganz anders. Deschamps, Desailly und Rijkaard waren eher beeindruckend als begeisternd, bei Waddle und Gascoigne war’s anders herum, und irgendwann kam Zidane und stand über allen anderen. Zeit ist übrigens eine Illusion, Chronologie erst recht.

Mein allererster Lieblingsspieler aber, um den es hier gehen soll, ergab sich aus einer Mischung aus Trotz und Zufall. Im letzten deutschen Gruppenspiel bei der WM 1978, gegen Tunesien, feuerte ich als sechsjähriger Steppke nach einem zugegebenermaßen nicht sonderlich gefährlichen Schüsschen den jungen Mann mit den roten Bäckchen und den blonden Löckchen an, dessen Name mir schon im Lauf des in jener Saison erstmals ein wenig verfolgten Bundesligageschehens zu schaffen gemacht und der, das wusste ich, zuvor gegen Mexiko zweimal getroffen hatte. Ein aus damaliger Sicht älterer Zuschauer zeigte sich angesichts des Grottenkicks von meinem jugendlichen Eifer unbeeindruckt und antwortete nüchtern: „Ach, Bub, der Rummenigge ist doch ein Blindgänger.“

Das hatte gesessen. Pah! Meine jugendliche Leidenschaft, mein Glaube an den sicherlich auch diesmal bevorstehenden Sieg – schließlich hatte man Mexiko mit 6:0 aus dem Stadion gejagt – wurde von jenem Kritiker, vermutlich bereits desillusioniert vom eher mäßigen Spiel, so lapidar beiseite gewischt. Fortan galt es also für uns beide, Herrn Rummenigge und mich (auch wenn Herr Rummenigge sich dieser Aufgabe gar nicht so recht bewusste sein dürfte), diesem Bruddler das Gegenteil zu beweisen. Rummenigge oblag es, anständig zu spielen, mein Part bestand darin, ihn zu bewundern und bei Bedarf zu verteidigen. Was in seiner aktiven Karriere keine allzugroße Herausforderung darstellte. Seine Torausbeute bei den Bayern war überragend, 1980 und 1981 war er mit 26 bzw. 29 Treffern Torschützenkönig, in beiden Jahren wurde er zu Europas Fußballer des Jahres gewählt; in der Nationalelf war seine Quote mit 45 Treffern in 95 Länderspielen auch nicht ganz schlecht. Meine Begeisterung war übrigens lange Zeit derart prägend, dass ich die genannten Zahlen, und auch einige mehr, darunter zu meinem großen Erstaunen sein Geburtsdatum, noch heute kenne.

Er war der Grund dafür, dass ich mir 1984 oder 85 einen Geldbeutel im Inter-Design schenken ließ, obwohl der Verein nach dem zuvor nur bedingt geglückten Intermezzo von Hansi Müller eigentlich keine allzu guten Karten bei mir hatte, und der Verlust der Picture Disc des, äh, Superhits von Alan & Denise im Rahmen einer Party anno 1989 schmerzt noch heute.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=nWHL0HsusvU]

(deutsche Fassung – schickes Plattencover)

Aber zurück zu Sportlichem. Oder auch nicht, da der Schiedsrichter bei einem seiner zahlreichen Tore des Monats im Juli 1981 – die Bayern gewannen damals in Aachen mit 5:1, wenn auch nicht gegen die Alemannia  – eine Unsportlichkeit erkannt hatte. Was zur Folge hatte, dass derlei Tore, obwohl dort seit langem gang und gäbe, fortan auf deutschen Bolzplätzen zu intensiven Diskussionen führten, ob der Treffer denn nun zähle oder nicht.

Unumstritten waren indes die Tore, die all diejenigen, die die deutsche Nationalmannschaft in den 80ern begleiteten, noch deutlich vor Augen haben dürften: der technisch feine und gleichzeitig entschlossene Anschlustreffer in der Nacht von Sevilla, das 1:2 gegen Argentinien, der Siegtreffer gegen die CSSR zum Auftakt der EM 1980, der sehenswerte Seitfallzieher gegen Finnland, damals, als es noch Kleine gab, und viele mehr.

Gerne war mal etwas Akrobatik dabei, oft ein Dribbling und ein schneller Antritt, bei den Freistößen stufte ihn Max Merkel in den frühen 80er Jahren in der Bundesliga nur auf Platz 2 hinter Michael Kutzop ein, der seinerseits später nicht bei jedem Elfmeter das nötige Glück haben sollte. Wenn ich den Fußballspieler Rummenigge mit einem Wort beschreiben müsste, würde ich wohl „dynamisch“ wählen, gefolgt von „zielgerichtet“. Was meines Erachtens besonders gut zum Ausdruck kommt, wenn man sich seinen Ausgleich im Mailänder Derby 1985 ansieht:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=XIu3jUtPZBc&start=354“]

„Al vantaggio rossonero risponde a modo suo il panzer: Kalle Rummenigge“ – wozu seine auf mich stets feminin wirkende Jubelfaust allerdings nicht so recht passen will. Egal.

Auf dem Platz war er ein ganz Großer.

* Irgendwo liegen ja auch hier im Blog noch ein oder zwei vergleichbare, leider reichlich verkümmerte Ansätze für derlei Projekte herum.