Urlaubsgeblubber

Es ist Sonntag, der 24. Mai, ich sitze in einem Zug der Bayerischen Oberlandbahn und habe gerade ein paar Zeitungen und Onlineportale durchstöbert. Die Stippvisite in der Hauptstadt des Freistaats war lang genug, um den einen oder anderen freudetrunkenen jungen Mann in rotem Trikot und mit gut geölter Stimme am Hauptbahnhof deutlich zu vernehmen, aber auch kurz genug, um die Stadt rechtzeitig vor den angekündigten Feierlichkeiten, über deren vermutete Intensität viel zu viel zu lesen ist, wieder zu verlassen.

Die Twitter-Timeline verlinkt Videos mit Christian Streich, deren Wortlaut ich weitestgehend bereits aus den Zeitungen kenne, und spricht von “Pipi in den Augen”. Es ist eine glückliche Fügung, dass die Netzabdeckung grade ziemlich bescheiden ist und ich nicht in die Verlegenheit kommen kann, im Zug mitzuheulen. Ganz davon abgesehen, dass meine bauliche Nähe zum Wasser nicht zwingend an bestimmte Personen gebunden ist und wohl auch bei mir weniger sympathischen Akteuren zum Ausbruch kommen könnte, geht mir Streichs Traurigkeit sehr nahe.

Ja, ich schätze und bewundere ihn. Manchmal rege ich mich auch über ihn auf, seine Verschwörungstheorien sind so volkstümlich wie ermüdend, seine Schiedsrichterkritik zu offensichtlich von hinten durch die Brust ins Auge, um noch in das gerne vermittelte Bild des sympathischen Underdogs zu passen. Des Vereins, wohlgemerkt, nichts Streichs selbst. Mag sein, dass auch er gelegentlich der Versuchung erliegt, Erwartungen erfüllen zu sollen, noch einmal einen Tick kauziger wirken zu müssen. Oder zu wollen. Von einem vermittelten, vielleicht gar inszenierten Bild zu reden, käme mir bei ihm indes nicht in den Sinn.

Im Gegenteil: ich hege keinerlei Zweifel daran, dass er bei all dem, was er tut, in Interviews, in Presekonferenzen, am Spielfeldrand sowieso, meinetwegen auch in den letzten Spielminuten auf der Tribüne, sehr nah bei sich selbst ist. Er glaubt wirklich, dass sich die bösen Mächte des Fußballs, zu denen eben manchmal auch, zumindest für ein paar Minuten, die Schiedsrichter zählen, hin und wieder gegen seine Buben verschworen haben, und dass es seine ureigene Aufgabe ist, ihnen entgegenzutreten.

Er ist aufrichtig fassungslos, wenn alle nur über den vermeintlich den Wettbewerb verzerrenden Gegner reden, statt über die Leistung seiner Mannschaft. Und ich wage zu vermuten, was ein wenig dem Pathos des Augenblicks geschuldet sein mag, dass ihn die Zweifel an der Integrität seines Gegenüber stärker treffen als die implizite Geringschätzung seiner Arbeit.

Ja, der Freiburger Abstieg hat mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ich finde, dass der Sportclub, nicht nur in der Person von Herrn Streich, der Liga gut zu Gesicht steht, und bin einigermaßen perplex, dass sie ihre gute Ausgangslage am letzten Spieltag mit einer allem Anschein nach mittelprächtigen Leistung aus der Hand gegeben haben, zu deren tiefstem Tiefpunkt sich ein geradezu groteskes Eigentor, Verzeihung, aufschwang.

Mir ist schon klar, dass, wer nach 34 Spieltagen auf einem Abstiegsplatz steht, dort auch hingehört, schließlich trage ich diese Überzeugung fast mantraartig vor mir her; doch ich hielt es schlichtweg nicht mehr für denkbar, dass Freiburg dort hingehören könnte. Tja. Es wären bis zuletzt Konstellationen vorstellbar gewesen, die ich weniger bedauert hätte.

Recht hübsch finde ich in diesem Zusammenhang Christoph Kramers Bonmot, wonach sich Glück und Pech im Fußball ausgleichen, nur in Freiburg nicht. Nicht dass ich seine Aussage unterschreiben würde, aber ich finde sie sympathisch. Und es spricht für Herrn Kramer, wie in meinen Augen überhaupt nach wie vor vieles für Herrn Kramer spricht, auch wenn die öffentliche Meinung da heute eine etwas andere sein mag als noch vor einem Jahr, dass er sich als quasi Unbeteiligter so äußert.

Überhaupt finde ich, dass sich der eine oder andere Protagonist am gestrigen Tag in angenehmer Art und Weise geäußert hat. Sei es beispielsweise Michael Frontzeck, nicht unbedingt einer meiner Lieblinge, der behut- und einfühlsam über den Abstieg des Gegners aus Freiburg sprach, oder sei es auch Christian Gentner, der sich in Paderborn angesichts der Konstellation vor Ort in angemessener, reflektierter Zurückhaltung übte. Gewiss: in Paderborn können sie sich weder von dieser Zurückhaltung etwas kaufen noch davon, dass man landauf, landab Sympathien für sie hegt und ihnen – jetzt, da die eigene Mannschaft gerettet ist und nichts mehr geschehen kann – den Klassenerhalt schon irgendwie gegönnt hätte, beispielsweise anstelle des gemeinsamen Tabellennachbarn.

So aber scheint denkbar, dass der SC Paderborn langfristig nur eine nette, sehr lesenswerte Fußnote in der Bundesligachronik bleiben wird, eine hübsche kleine Geschichte eines hübschen kleinen Vereins, der das Pech hat, seine sehr anständigen 31 Punkte in einem Jahr gesammelt zu haben, in dem sie nicht einmal zu Platz 17 reichten, geschweige denn – wie im Jahr zuvor – zum direkten Klassenerhalt.

In jenem Jahr qualifizierte man sich mit 27 Punkten für die Relegation. Heuer sammelte der Hamburger SV sage und schreibe acht Punkte mehr – und darf sie dennoch erneut bestreiten. Und ja, “dürfen” erscheint mir als das passende Hilfsverb, denn trotz einer letztlich beachtlichen Punktzahl unter dem möglichen Retter Bruno Labbadia sprach vor dem letzten Spieltag außer der bedenklichen Figur, die ihr Gegner zuletzt abgegeben hatte, nicht sonderlich viel für den HSV. Zu viele Akteure mussten andernorts mitspielen, zu präsent war mein Eindruck, dass auch der HSV zuletzt eine bedenkliche Figur abgegeben hatte. Wir werden sehen, wie sie sich nun gegen einen Zweitligisten schlagen, der den aus der letztjährigen Relegation nach meinem Dafürhalten deutlich in den Schatten stellt. Aber nach meinem Dafürhalten konnte Freiburg ja auch nicht mehr absteigen.

Die aufmerksame Leserin wird festgestellt haben, dass zwischenzeitlich ein paar Stunden ins Land gezogen sind. Die Zweitligasaison ist abgeschlossen, Auf- und Absteiger stehen ebenso fest wie die Relegationsteilnehmer. Schön, dass die zweite Liga auch in den nächsten zwölf Monaten in meinem Aufmerksamkeitsspektrum eher am Rande platziert sein wird, möglichst auch ganz am Ende dieser Zeitspanne, wenn sich erste und zweite Liga wieder auf den Austausch von Körperflüssigkeiten zwei oder drei Mannschaften vorbereiten. So gern ich Huub Stevens mag, und so dankbar ich ihm auch bin: ich müsste ihn, dessen neuerlicher Abgang eben kommuniziert wurde, so schnell nicht mehr beim VfB sehen.

Möglicherweise habe ich jetzt irgendwas übersprungen. Genau: Klassenerhalt! 2:1 in Paderborn. Mein üblicher Stadionbegleiter mag die Dinge ein bisschen zugespitzt haben, als er die These vertrat, dass, wer in Paderborn nicht gewinnen könne, in der Bundesliga auch nichts verloren habe. Für den VfB war die Lage indes auf eben diese Formel zu bringen gewesen, cum grano salis. Das verbleibende Salzkorn in Form eines Unentschiedens in Verbindung mit günstigen Entwicklungen auf anderen Plätzen wurde im Verlauf des Spieltags dann tatsächlich weggewischt: nur ein Sieg konnte helfen.

Doch vor den Sieg hatte der Herr oder sonst jemand manche Herausforderung gestellt, in meinem Fall nicht zuletzt die Notwendigkeit, am Pfingstsamstag rechtzeitig vor Spielbeginn die bayerische Provinz zu erreichen und dort eine Möglichkeit ausfindig zu machen, das Spiel zu sehen. Nicht die Konferenz, schon gar nicht das Spiel des Platzhirschen, sondern Paderborn gegen den VfB. In Bayern. In einer Gegend, wo, glaubt man der Weisheit des weltweiten Netzes, in den letzten Jahren zahlreiche Gastronomiebetriebe ihre Sky-Abos aus Kostengründen gekündigt haben. Ob sie de facto weiterbetrieben werden, nur eben ohne Gastrolizenz, vermag ich nicht zu beurteilen. Steht ja nicht im Netz, sowas. Oder nur in Ecken, in denen ich mich nicht auskenne.

Blieb die Frage, ob und wie ich das Spiel sehen würde. Nichts leichter als das, sagte Frederick, komm mit! Und ich folgte ihm. Er führte mich zu seinem Sky-Receiver, sagte “Sky go” und gab mir seine Zugangsdaten. “Damit Du keine tausend Tode sterben musst, Piggeldy”, erläuterte Frederick, um dann verschwörerisch zu ergänzen: “Sag’s einfach nicht weiter!” Ich dankte herzlich, ging nicht mit ihm nach Hause, lernte im Schnellverfahren, was Silverlight ist und wie man nicht für das eigene Tablet freigegebene Apps dennoch installiert, fluchte gelegentlich über die Internetverbindung, ohne so recht zu wissen, ob es denn tatsächlich an der Bandbreite liege oder doch eher an Sky go, was ich aber angesichts des geschenkten Gauls so nicht sagen wollte, und war in allererster Linie selig, den Großteil des Spiels sehen zu können, Aussetzer hin, Zeitverzug her, vom frühen Rückstand gar nicht zu reden.

Immerhin: die Sache mit dem frühen Rückstand hatte man im Rahmen des Stevens’schen Masterplans bereits in der Vorwoche geübt, spielte entspannt weiter, mehr oder weniger, und auch Daniel Didavi erfüllte erneut die ihm zugedachte ausgleichende Rolle. Gewiss, von den Herren Harnik und Ginczek hätte man sich einen früheren Führungstreffer vorstellen können, auch vom Kapitän, aber insgesamt war das schon ziemlich in Ordnung. Überzeugt, meines Erachtens, von der eigenen Stärke, und nicht zuletzt deshalb auch so überzeugend wie in den vergangenen Wochen, in denen die Sichtweise, dass sich der VfB im letzten Viertel der Saison zum stärksten, auch spielstärksten, Abstiegskandidaten entwickelt habe, zunehmend Anhänger fand und zuletzt fast als konsensual durchging. Was natürlich alles nichts nützt, wenn der Siegtreffer nicht fällt. Oder man sich, das Ziel vor Augen, mit unvermittelt wackligen Knien doch noch auf die Fresse legt.

Aber da hatte der Herr Ginczek zum Glück was dagegen. Und Herr Maxim, mit einer der effektivsten Stippvisiten, die wir in jüngerer Zeit von einem Ein- und Auswechselspieler gesehen haben: rein, Siegtor aufgelegt, raus. Bisschen abgekotzt, beim Abpfiff aber schon wieder vorne dabei. Guter Mann. Zu gut, vermutlich, um nur Didavis Backup bzw. de facto Ergänzungsspieler zu sein. Was für eine Offensivabteilung, in der Alexandru Maxim und Timo Werner pro Spiel in Summe auf zwanzig Minuten Spielzeit kommen, ohne dass das als Fehlleistung des Trainers anzusehen wäre!

Ja, der VfB und sein Offensivfeuerwerk. Unter Huub Stevens. Schöne Geschichte, nicht wahr? Und mit zwei Jungspunden in der Innenverteidigung, die den alten Schorsch, als es dann drauf ankam, zum Zuschauer machten. Unter Huub Stevens. Schöne Geschichte, nicht wahr? Mit den Herren Ginczek und Kostic in Heldenrollen, zwei Bobic-Verpflichtungen. Schöne Geschichte.

So viele Geschichten, so ein großer Spaß – es ist lange her, dass mir der VfB fußballerisch so viel Freude bereitet hat wie in diesen letzten Wochen, am Ende einer verheerenden Saison, in deren Verlauf es vermutlich eine ganz glückliche Fügung war, dass sich meine Dauerkarte, betriebswirtschaftlich betrachtet, nicht so recht gelohnt hat und ich vieles verpasste. Hätte ich von den ersten 15 Heimspielen 13 gesehen, wer weiß, ob ich mir diese letzten beiden noch angetan hätte, die so viel Spaß machten?

Auf den Spaßtrainer Stevens folgt nun also – ja, der Text reift schon ein Weilchen, die Familie verlangt im Urlaub zu Recht und meiner großen Freude viel Zeit und Aufmerksamkeit, mittlerweile schreiben wir Dienstag, nein, Mittwoch – zu jedermanns Überraschung Alexander Zorniger. Den ich, zugegeben, nicht sonderlich sympathisch finde, aber ich will gerne einräumen, und dies auch Robin Dutt zugestehen, dass meine auf wenigen Interviews beruhenden Eindrücke in dieser Frage nur von untergeordneter Relevanz sind. Zumal ich nicht ausschließen möchte, dass mit jedem gewonnenen Punkt ein gewisser Sympathiegewinn einhergehen könnte. Wir werden sehen.

Und natürlich werden wir auch sehen, ob Robin Dutt, im Verein mit Bernd Wahler, einer nahezu schonungslos vorgetragenen Analyse auch die entsprechenden Taten (vulgo: Ergebnisse) folgen lassen kann. Die großen örtlichen Medien stellen in diesen Tagen bereits ihre Weitsicht unter Beweis und gleichzeitig sicher, dass die potenzielle duttsche Fallhöhe in allen Köpfen ankommt. Pflichtbewusst.

Robin Dutt sprach in der Pressekonferenz aus, was viele von uns seit Jahren beklagen, sehr pointiert, sehr direkt, sehr treffend und durchaus eloquent. Vermutlich eloquenter, treffender, direkter und pointierter, als die meisten von uns dazu in der Lage gewesen wären. Ganz nebenbei hat seine Sicht der Dinge, anders als die unsrige, unmittelbare Relevanz, Nachrichtenwert und Konsequenzen. Ob sie in dieser Form für die Öffentlichkeit bestimmt sein musste, lässt sich zweifellos kontrovers diskutieren. Mir hat’s gefallen, aber natürlich kann man Stilfragen stellen, wenn Leuten, die nicht mehr in der Verantwortung stehen, in dieser Deutlichkeit an den Karren gefahren wird.

Aber ehrlich gesagt interessiert mich der Blick nach vorne nun weitaus mehr. Allein die Menge der unmittelbar nach dem letzten und mit reichlich Unsicherheit behafteten Spieltag verkündeten Personalien ist, wiewohl hübsch choreographiert, bemerkenswert und erst einmal ein beachtlicher Arbeitsnachweis. Ob es die richtigen Personalien sind, wird die Zeit zeigen. Nicht nur beim Cheftrainer, wo in den meisten Fällen nur bedingt vorhergesehen werden kann, ob es passen wird.

Ich habe keine Ahnung, ob Philipp Laux ein guter Psychologe ist, und kenne die Arbeit der neuen Nachwuchstrainer noch ein bisschen weniger gut als die des neuen Linksverteidigers. Mein Verhältnis zu Guido Buchwald ist ein schwieriges – immerhin dürfte ein Scout kein Aufsichtsrat werden können -, aber als Asienspezialist wird er nicht so verkehrt sein. Über Achim Cast, also noch einen Blauen, höre ich Gutes, wenn auch von Leuten, die ihn privat kennen, während ich Günther Schäfer eher nicht in einer Rolle gesehen hätte, deren Funktionsbezeichnung den Begriff Manager enthält. (Ja, mir fielen auch lustige ein, die aber leider mein Humorzentrum nicht ganz erreichen.)

Abwarten. Ach, und: doch, ich weiß, wie er heißt. Philip Heise.

Oh, gerade stolpere ich noch über eine kleine Notiz, die ich hier wohl am Sonntag anlegte. Sie wissen schon, als der VfB die Klasse gehalten hatte und dieser Text begann. “Abwarten”, stand da, gefolgt von “Morgen Ginczek, Rüdiger, Maxim weg? Kostic?” Immerhin: drei Tage sind schon um, und keines dieser unangenehmen Einzelszenarien ist bis dato eingetreten, auch wenn die Causa Rüdiger verloren scheint, vom kumulierten Gesamtszenario gar nicht zu reden. Ach was, nicht einmal zu denken.

Doch in der Tat: es bleibt abzuwarten, was die Transferperiode noch so bringt. Die frühlingshafte Frische der Stuttgarter Offensive blieb kaum jemandem verborgen, und es hätte mich nicht gewundert, wenn bereits am Tag nach dem letzten Spieltag im einen oder anderen Fall Vollzug gemeldet worden wäre. But just because you’re paranoid doesn’t mean they’re not out to get you, wie wir alle wissen, und wer kann schon beurteilen, ob der eine oder andere Klub nicht einfach nur noch das Pokalfinale abwarten will, ganz zu schweigen von den verbleibenden gut drei Transfermonaten. Schrecklicher Gedanke.