Fußballtrainer

Es gibt ja diese Themen, bei denen jede(r) glaubt, mitreden zu können. Bildungsfragen, beispielsweise. Schließlich waren wir alle mal Schüler und wissen folglich von der Lehrerausbildung über die Unterrichtsgestaltung bis hin zur Leistungsbewertung Bescheid. Oder die verkehrlichen und umweltbezogenen Auswirkungen von Tempolimits. Oder, zugegeben (man stelle sich bildlich vor, wie sich der Schreiber an die Nase fasst), beim Thema Doping. Oder… was weiß ich.

Und natürlich beim Fußball. Dass die Deutschen (nicht nur die) ein Volk von Bundestrainern sind, ist altbekannt. In unseren Blogs geizen wir nicht mit Ratschlägen für die Trainer und Funktionäre des jeweils „eigenen“ Vereins, Qualifikation hin, Kompetenz her. Selbstverständlich haben wir Begriffe wie den Target Player, die flache Vier, das vertikale Spiel und die Doppelsechs bereits mit der Muttermilch zu uns genommen (da kann Thomas Schaaf ruhig lachen) und brachten auf dem Platz schon in den späten 80ern Symmetrie ins Spiel.

Für all diejenigen, die in punkto Trainerausbildung dennoch das eine oder andere Defizit aufzuweisen haben, gibt es seit einiger Zeit die Möglichkeit, von einem Profi zu lernen. Von einem echten Fußballprofi. René Renno, der in der Saison 2007/08 vorübergehend die Nummer 1 beim VfL Bochum war und dort nach wie vor, wie sagt man, Vertrag hat, gibt sein Wissen an ambitionierte Nachwuchsfußballlehrer weiter. Das Resultat ist eine wunderbare Win-Win-Win-Situation:

  • Zahlreiche Fußballtrainer und die von ihnen trainierten Mannschaften profitieren unmittelbar, teilweise bereits in Form von Titeln, wie die gesammelten Testimonials belegen. Zurecht verweist Renno also darauf, dass er mit seinem Report „schon sehr, sehr vielen Fussballtrainern und Fussballspielern geholfen“ habe.
  • Webseitenbetreiber, Blogger und Email-Versender können an einem Affiliate-Programm teilnehmen und verdienen damit viel Geld. Mit Hilfe zur Verfügung gestellter Formulierungsvorschläge kann man beispielsweise 500 € erwirtschaften, indem man lediglich 1000 Leute dazu motiviert, den Gratisreport „Die 5 Erfolgsfaktoren, mit denen Sie Ihre Mannschaft und Ihr Training massiv verbessern“ anzufordern. Schafft man es indes, überschaubare 100 Abonnenten für das kostenpflichtige Fußballtraining-Vollpaket zu gewinnen, erzielt man gar einen monatlichen Verdienst von 500 €. Ein kleiner Wermutstropfen besteht jedoch darin, dass der Verdienst nicht unbegrenzt gesteigert werden kann. Im Dokument „Die 5 geheimen Erfolgsfaktoren, mit denen Sie Ihr Training und Ihre Spieler verbessern“ verweist Renno völlig zurecht auf folgenden Umstand: „Damit die Anwendung der geheimen Profitipps auch wirklich effektiv bleibt, möchte ich nicht zu vielen Trainern dieses Insiderwissen preisgeben. Deshalb sind nur 1000 Plätze verfügbar. Wenn jeder diese Profitipps und -tricks anwenden würde, gäbe es zu viel Konkurrenz. Daher habe ich die Zahl der Fußballtraining-Vollpakete auf exakt 1000 begrenzt.“
  • René Renno legt bereits während seiner Zeit als Spieler den Grundstein für seine Fußballschule. Oder für die Trainerkarriere. Oder aber -schließlich liegt ihm offensichtlich die Trainerausbildung am Herzen- er macht sich um ein Anliegen von Oliver Fritsch verdient und eröffnet uns „einen zweiten (privaten?) Weg […], Fußballlehrer zu werden“.

Wahrscheinlich gibt es übrigens noch deutlich mehr Gewinner. Rennos ehemalige Trainer, zum Beispiel, deren „geheimste Insider-Spielbesprechungstipps“ (ja, die bekommt man!) ihre Kompetenz in neuem Glanz erstrahlen lassen, oder Menschen wie ich, die sich an der bloßen Existenz dieses Angebots erfreuen, und möglicherweise auch der Homeshoppingkanal, der vielleicht irgendwann das Vollpaket verkaufen kann, ohne eigene Formulierungen suchen zu müssen.

Der wunderbaren Überleitungen zu einem viel wichtigeren Thema gäbe es nun viele. Beispielsweise die nachgewiesene Kommunikationskompetenz des twitternden und youtubenden Webseitenbetreibers René Renno, die jene des Sportartikelherstellers Jako weit in den Schatten stellen dürfte. Oder die Einsicht, dass, wenn wir alle Trainer sind, auch die Süddeutsche recht hatte, als sie Trainer Baade primär als Trainer sah und nicht so sehr als den „Autor, der die besten Fußball-Glossen in Deutschland schreibt„, wie Jürgen Kalwa so schön formulierte. Oder die Erkenntnis, dass Renno als Fußballprofi nicht allzu sehr darunter leiden dürfte, wenn die Abonnentenzahl seines Vollpaketes mal eine Weile stagniert, während Frank Baade an 5100 € zu knabbern hätte. Schließlich die Frage, ob René Renno mich Schlurchblogger wegen des angedeuteten Vergleichs mit einem Homeshoppingkanal abmahnen würde, wenn er nur die richtigen Anwälte hätte.

Aber wirklich Neues gibt es zu diesem anderen Thema aktuell gar nicht zu sagen. Wie hinreichend bekannt ist, hat Jako vorgestern eine Pressemitteilung veröffentlicht, über die sich viele, mich eingeschlossen, aus mancherlei Gründen sehr geärgert haben, die aber, wenn Jako Wort hält, zumindest darauf hinausläuft, dass dem Trainer aus dieser Auseinandersetzung „keine finanziellen Nachteile erwachsen“. Da er sich jedoch selbst noch nicht öffentlich zu Wort gemeldet hat, zweifle ich noch – man möge mir den Vergleich verzeihen, aber der VfB hat diesen Sommer zu viele Transfers vermeintlich abgeschlossen gehabt, die dann doch nicht realisiert wurden, als dass ich jubeln würde, bevor beide Seiten sich geäußert haben. Ganz zu schweigen von der dritten Seite, der Anwaltskanzlei, deren Rolle in der Auseinandersetzung zwischen Jako und Trainer Baade nach wie vor dringend der Klärung bedarf, wie Jens Weinreich bereits ausgeführt hat.

Zunächst aber gilt es, Jako auf die Finger zu schauen und auf den Trainer zu warten.

Ach, JAKO…

Was habt Ihr Euch nur dabei gedacht?

Habt Ihr ernsthaft geglaubt, Ihr könnt einen gut vernetzten Blogger ausnehmen, ohne dass das Ganze auf Euch zurückfällt? Oder wusstet Ihr einfach nicht, wie das funktioniert mit den Blogs? Wäre ja legitim, sie sind vielleicht wirklich noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen, man muss da nicht so genau Bescheid wissen. Aber wäre es dann nicht ratsam gewesen, mal mit jemandem zu sprechen, der sich mit sowas auskennt? Der Euch hätte Geschichten erzählen können von der Bahn und netzpolitik.org, von Herrn Dr. Zwanziger, vielleicht auch von Frau Streisand, oder er hätte Euch einfach ein bisschen was über Marketing und das Internet und die Wechselwirkungen erzählt. Dann hättet Ihr Euch das (und alles, was da noch kommt) erspart.

Noch besser wäre freilich gewesen, Ihr hättet von Beginn an die Kirche im Dorf gelassen. Wäre doch gar nicht so schwer gewesen, sich kurz hinter verschlossenen Türen über ein paar kritische, vielleicht im Tonfall etwas ärgerliche Äußerungen eines Bloggers zu echauffieren und es dann gut sein zu lassen. Oder ihn  über die eigene Verärgerung zu informieren und meinetwegen auch zu bitten, den Text zu entschärfen oder gar zu entfernen. Vermutlich hätte er das gerne getan. Möglicherweise wäre er gar auf die Idee gekommen, Euer Vorgehen im eigenen Blog lobend zu erwähnen:

„…haben mich freundlich kontaktiert, ganz ohne Anwalt und Abmahnungsdrohung und so… vielleicht lagen sie inhaltlich ja nicht einmal völlig daneben… gutes Unternehmen, hat das Social Web verstanden…“

Naja, letztlich ist es halt anders gekommen. Vielleicht hättet Ihr, wenn ich Euch noch einen Rat geben darf, spätestens dann einlenken sollen, als sich dogfood an Euch gewandt hat. Der hat nämlich, das kann man durchaus wissen, wenn man sich gelegentlich mit Sport befasst, eine gewisse Glaubwürdigkeit und Reichweite, die möglicherweise gar über unsere kleine Bloggerwelt hinausreicht und in Eurer echten Welt ankommt. Ehrlich. Aber das habt Ihr mittlerweile vielleicht schon selbst gemerkt. Wäre es denn wirklich so schwer gewesen, ihm ein paar Antworten zu geben und dabei nochmals über das eigene Handeln und dessen Konsequenzen nachzudenken?

Ach, was soll’s. Ihr seid jetzt in aller Munde, ist doch toll. Und als Fallstudie seid Ihr kaum zu übertreffen.