16:11 ist nicht mein Format

In den späten 80er Jahren begann die südbadische Fußballszene, sich zu konsolidieren. Sag ich einfach mal so. Ob diese These haltbar ist, ob sie gar über Südbaden hinaus gelten könnte – ich weiß es nicht, und wenn ich ganz ehrlich bin, ist es mir auch ziemlich egal.

Genug des Vorgeplänkels.

In den späten 80er Jahren begann die südbadische Fußballszene, sich zu konsolidieren. Nach und nach kamen zahlreiche kleine Amateurvereine zu dem Schluss, dass sie allein kaum mehr überlebensfähig waren und über Spielgemeinschaften, Ausgründungen oder gar Fusionen nachdenken mussten. Korrekter: darüber nachgedacht hatten sie in vielen Fällen schon lange; häufig waren jedoch die Barrieren, die es zu überwinden galt, um mit dem Nachbarort, der in der Regel gleichzeitig die Rolle des Erzfeinds inne hatte, gemeinsame Sache zu machen, verdammt hoch. So hoch, dass man das Thema klein hielt oder nur in Hinterzimmern diskutierte, damit die Gründerväter und Ehrenmitglieder der jeweiligen Vereine derlei Gedankenspiele erst gar nicht zu Ohren bekämen.

Ich weiß nicht, ob es primär an den Folgen der Gemeindereform lag, die ab den späten 60ern die Zahl der Kommunen im Land um mehr als zwei Drittel reduziert hatte und beispielsweise die Schüler aus Villabajo und Villarriba zum gemeinsamen Unterricht zwang, womit über kurz oder lang eine Annäherung einher ging, oder ob das Aufkommen von Trendsportarten wie Tennis oder, äh, Tennis die fußballerische Basis so sehr schwächte, dass man zu drastischen Maßnahmen greifen muste. Auf jeden Fall wurden in meinem Heimatverein, in dessen Jugend ich damals noch spielte, ab Mitte der 80er verstärkt verschiedene Fusionsszenarien (auch wenn man zunächst eine echte Fusion tunlichst vermeiden wollte) durchgespielt, ehe im Frühjahr 1990 tatsächlich ein neuer Verein gegründet wurde, in dem die aktiven Mannschaften des eigenen und des Nachbarvereins nach dem italienischen Sommer aufgehen sollten.

Unser Experiment ging gut, das erste Jahr des neuen Vereins, das zufällig auch mit meinem ersten aktiven Jahr zusammen fiel, brachte den erwünschten Aufstieg, dem seither noch einige weitere folgen sollten (der eine oder andere Abstieg war auch dabei, der Saldo ist aber eindeutig positiv), was der Fusionslust in der Region sicherlich nicht abträglich war. Waren die Tabellen der unteren Ligen bis zum Ende der 80er Jahre zumeist noch von Vereinsnamen wie SpVgg Irgendwingen, SV Soundsohausen oder VfR Beispieldorf geprägt gewesen, schickte sich nun der neue Fußballclub Irgendwingen-Soundsohausen-Beispieldorf, kurz: FC IrSOBei an, die Kreisliga zu rocken.

So spielt mittlerweile GoBi gegen WeBi, BKB gegen BoLu, oder auch, etwas ausführlicher, die Fußballspielgemeinschaft Zizenhausen-Hindelwangen-Hoppetenzell gegen den Fußballverein Walbertsweiler-Rengetsweiler. Die eine oder andere Spielgemeinschaft wurde längst wieder aufgelöst und in neue Zusammenstellungen überführt, in anderen Fällen ist das Provisorium einem neuen Verein gewichen, ein Teil der neuen Vereine hat sich sportlich deutlich verbessert, andere finden sich heute in der gleichen Liga wie vor der Fusion wieder, nur eben mit einer statt zuvor zwei Mannschaften.

„Mein“ Verein hat das Ganze hervorragend bewältigt. Sportlich steht man ganz gut da, anfängliche Bedenken und Eifersüchteleien sind seit vielen Jahren überwunden, finanziell ist der Verein gesund, sodass vor einigen Wochen -ich wollte es kaum glauben- bereits das 20jährige Vereinsjubiläum gefeiert wurde. Ein Teil des Programms war dabei das Kräftemessen zwischen der aktuellen Mannschaft und einer Truppe älterer Herren, die vor etwa 13 Jahren eine ganz gute Figur abgegeben hatte. Angesichts der zeitlichen Nähe zum Beckmann-Event am Millerntor fiel naturgemäß auch der Begriff Tag der Legenden.

Und das völlig zurecht. Beeindruckende Legenden wurden gestrickt. Allein die Erinnerung an das letzte Spiel jener Saison, in dem es für uns um nichts mehr gegangen war, in dem wir aber das Rennen um den zweiten Aufstiegsplatz mit einem verrückten Sieg gegen den späteren Dritten entschieden hatten, brachte zutage, dass jenes 8:5 tatsächlich mindestens 16:5 ausgegangen sein musste. Zumindest legten das die Schilderungen der angeblichen Torschützen nahe. Nicht wenige hatten in jener Saison das größte  Spiel ihrer Karriere absolviert, Platzverweise wurden zu Heldentaten, 25 Meter zu deren 40, you name it. Legendenbildung.

Wie auch immer: es stand ein Fußballspiel an. Gut trainierte Aktive gegen übergewichtige Ehemalige. Und doch: wenn ich ein Spiel bestreite, will ich es gewinnen. Zumindest nehme ich es mir vor. Will nicht vor dem Spiel von Schadensbegrenzung reden. Will nicht vom Trainer -einem der ehrgeizigsten Fußballer, die ich kenne- hören, dass es doch in erster Linie um die Kameradschaft und das Zusammensein gehe. Will nicht, wie wohl zunächst angedacht, 2 mal 30 oder gar nur 2 mal 25 Minuten spielen.

Letztlich einigten wir uns auf 2 mal 40. Nach 10 war ich platt. Junge Leute von kaum mehr als 20 Jahren können ganz schön laufen. Dumm nur, dass sie auch kicken konnten. Dennoch waren wir in der Lage, nachdem wir uns etwas an das Tempo der jungen Leute gewöhnt hatten, den frühen Rückstand auszugleichen und hätten ihn auch fast in die Pause genommen, wenn unser Torwart kurz vor Ende der ersten Halbzeit den zu ihm zurück gepassten Ball getroffen hätte.

Ja, die Torwartposition war unser neuralgischer Punkt. Der von einst stand nicht zur Verfügung und sein Vertreter hatte kurzfristig abgesagt, sodass ein älterer Herr einspringen musste, der bereits Ende der 90er altersbedingt nur noch als Notnagel zur Verfügung gestanden hatte. Der aber, bis auf die genannte Szene, hervorragend hielt. In der zweiten Halbzeit kam dann der Ersatz des Ersatz des Ersatzes zum Einsatz, der zu seiner aktiven Zeit ein brauchbarer Feldspieler gewesen war, zumindest in der Reserve. Die jungen Leute waren nicht dumm und erkannten rasch, dass es mitunter reichen würde, den Ball irgendwie in Richtung Tor zu bugsieren, sodass von den 5 Gegentoren, die wir in der zweiten Hälfte kassierten, vier im engeren Sinne als haltbar gelten dürfen. Und natürlich fielen sie immer dann, wenn wir uns gerade etwas herangearbeitet hatten.

10 Minuten vor Schluss war meine Laune entsprechend mies, die einzelner Mitspieler genauso, der Schiedsrichter schenkte uns einen lächerlichen Elfmeter, und als sich dann zu allem Überfluss der Trainer des Abschiedsspiels von Joseba Etxebarria entsann, um beim Stand von 5:7 (?) alle Ersatzspieler auf das Feld zu schicken und damit eine fünfköpfige Überzahl zu schaffen, hatte sich die Sache für mich erledigt. Ich setzte mich auf die Ersatzbank, der Trainer nannte mich unkameradschaftlich und nahm mich, für ihn völlig untypisch, erst einige Stunden später wieder in den Arm.

Ein Fußballspiel ist ein Fußballspiel ist ein Fußballspiel.
11 gegen 11, ein Ball, ein Unparteiischer, und alle wollen gewinnen.