Eventfan

Am vergangenen Wochenende hat die eine Bundesliga den Spielbetrieb wieder aufgenommen. Eine Bundesliga, die mich derzeit nicht so sehr in ihren Bann zieht wie in früheren Zeiten – im Grunde schon seit bekannt wurde, dass sich der VfB Stuttgart ausbedungen hat, dieses Jahr in der anderen Bundesliga zu spielen, die erst eine Woche später in das Geschehen einsteigt und die für uns Interessierte den Vorteil hat, dass deutlich mehr Spiele in voller Länge im frei empfangbaren Fernsehen übertragen werden.

Am vergangenen Wochenende lag der mediale Fokus indes auf der anderen, also der einen Bundesliga, was sich auch in einem in voller Länge im frei empfangbaren Fernsehen übertragenen Spiel niederschlug: Der SC Freiburg erwartete den favorisierten FC Bayern München, stellte diesen phasenweise vor große Schwierigkeiten, um dann doch erwartungsgemäß zu verlieren, während ich versuchte, einen Schritt aus mir herauszutreten und das Fortschreiten meiner Eventfanwerdung zu beobachten.

Ein schönes Spiel der Freiburger, phasenweise, ein Kitzeln des Topfavoriten, wenn auch nicht immer mit der vielleicht nötigen Überzeugung, um das Kitzeln zum Schlagen werden zu lassen, und ein, ich weiß nicht recht, wie ich es sagen soll, nun, vielleicht so: ein einfallsloses Spiel der Münchner, das allerdings durch eine überaus bemerkenswerte und mit dem nötigen Glück versehene Aktion von Robert Lewandowski ein sehr spätes siegreiches Ende fand. Was mich ob meiner Sympathien für den Sportclub und insbesondere für Herrn Streich doch ziemlich schmerzte.

Hernach hörte und las man Diskussionen über Duselbayern auf der einen und einen vielmehr folgerichtig erzwungenen Sieg auf der anderen Seite. Persönlich tue ich mich insofern etwas schwer mit der letztgenannten Argumentation, als der unmittelbare Druck auf das Freiburger Tor, der in echten, klaren Torchancen zum Ausdruck kommt, im Grunde nicht gegeben war. Dominanz beinhaltet per se keine Torgefahr, insofern empfand ich das Spiel wenig zwingend und den Sieg, bei aller Brillanz des, vielleicht der Beteiligten, als durch etwas Glück bedingt. Ein Glück, von dem man mittlerweile vielerorts glaubt, so auch hier, dass der FC Bayern München seiner gegen den SC Freiburg nicht mehr bedürfe. Der Arbeitssieg ist nicht mehr so recht vorgesehen.

Worüber ich ein bisschen mit mir hadere. Weil ich eine eventbezogene Erwartungshaltung erahne: Wenn ich schon den Bayern bei einem Spiel zusehe, das sie am Ende ja doch gewinnen, dann sollen sie doch bitte auch ein Spektakel bieten. Verwirrende, schnelle Angriffe, technische Finesse, taktische Winkelzüge, und eben Torchancen. Will sagen: Das, was sie in den vergangenen Jahren so oft und so eindrucksvoll getan haben. Will sagen: Vielleicht trauere ich Herrn Guardiola nach.

Herrn Guardiola, der ziemlich viele Spiele zu einem Erlebnis machte, auch und gerade für den neutralen Zuschauer. Bei dem es Erquickliches, Spannendes, Aufregendes zu sehen gab, auch wenn der eine oder die andere nicht mehr als brotloses Tiqui-taca (sagt das noch jemand?), das es zweifellos auch gibt, darin gesehen hat. Wo war ich? Ach ja, Erquickliches, Aufregendes, Sie wissen schon, einfach etwas anderes als am vergangenen Freitag bis zur 90. Minute. Fußball, der ein Ereignis sein kann und überdurchschnittlich oft ist. Ich bin ein Eventfan.

Ja, mir ist klar, dass man daraus einen Widerspruch konstruieren kann zu meinem Mantra, der Fußball sei ein Ergebnissport, es gebe keine B-Noten und die bessere Mannschaft sei immer die, die mehr Tore erzielt. Was denn jetzt? Ergebnissport oder Spektakel? Nun, das ist einfach: Vom Herzensverein wünsche ich mir Ergebnisse, von manch anderem Verein auch, je nach Konstellation, und darüber hinaus erhoffe ich mir, nun, kein Spektakel, aber doch Sehenswertes.

Und da ist es halt schade, dass das Spiel des FC Bayern für mich, der ich gewiss nicht alle taktischen Kniffe im Detail durchschaue, vielleicht aber den einen oder anderen, und der ich diesem FC Bayern in den vergangenen Jahren öfter mal mit weit geöffnetem und sich kaum mehr schließendem Mund zugesehen habe, dass also dieses Spiel des FC Bayern München vergleichsweise weniger Überzeugendes, weniger Begeisterndes, weniger Verzückendes bereithält. Weniger Event. Nein, weniger Guardiola.

Dass seine ehemalige Mannschaft mit ihrem neuen Übungsleiter möglicherweise erfolgreicher sein wird als mit ihm, ist denkbar. Dann soll es so sein. Und dann werden die Anhänger des Vereins völlig zu Recht und mit meiner uneingeschränkten Zustimmung darauf verweisen, dass Fußball ein Ergebnissport und die bessere Mannschaft in jedem einzelnen Spiel diejenige sei, die mehr Tore erzielt, oder die im vorliegenden Fall über die Zeit mehr und bedeutendere Titel holt. Mit meinem Spaß beim Zuschauen hat das nur sehr bedingt zu tun.

Wenn indes am Wochenende die andere Bundesliga beginnt, die, für die sich der VfB entschieden hat, ist das eventartige bestenfallsGuardioSC Freib dritt- oder viertrangig. Ergebnissport. Mit den Punkten kommt auch die Verzückung – ob der Aussicht, ab dem Spätsommer wieder in der anderen, der einen Bundesliga zu spielen. Darüber durfte ich übrigens drüben bei Rund um den Brustring dieser Tage ein bisschen reden, wenn wir gerade dabei sind. Sehr kurz zusammengefasst: Zweite Liga gut und schön, aber mit einigen Details will ich mich wegen der paar Monate nicht befassen. Hüstel.

 

 

 

 

 

halb finale. selbst laute regeln. so nett.

Drei Stück, fand Mou, sei’n echt nicht zu verachten.
Genau, sprach Diego, bin da ganz bei Dir!
Bei dreien, meinten sie, beginnt die Kür.
Und grinsten breit, als sie an Wenger dachten.

Wie diese beiden etwas hämisch lachten,
bemerkte Ancelotti leise: Vier.
Pep G. ergänzte nonchalant: Auch hier.
Und Blanc und Moyes (selbst Pellegrini) schmachten.

Ob Fergie, Heynckes, Lippi, auch van Gaal –
zu keinem Zeitpunkt schaffte einer fünfe,
bot Carlo oder Pep auch nur Paroli.

Nur einer, sein Trophäenschrank ist schmal,
hat in der Hand im Namen alle Trümpfe:
Manege frei für Marco Pezzaiuoli!

 

 

Rückschlag, Rückhand, Rückfall. Ein Sammelsurium.

Rückschlag

Eigentlich war ich guter Dinge vor dem VfB-Spiel in Nürnberg. Hatte auch meinen Teil beigesteuert, indem ich tagsüber einen Brustring auf dem Kopf getragen hatte und beim abendlichen Kick in den Vereinsfarben auflief, mit dem Ring auf der Brust und Hleb auf dem Rücken. Sicher, der Umstand, dass mir das letzte Mittwochabendspiel beim Club noch heute als Sternstunde eines Fußballweltmeisters in Erinnerung ist, auch damals hatte ich nach dem eigenen Kick nur die letzten Minuten gesehen, beunruhigte mich ein bisschen, aber wirklich nur ein bisschen. Zu sehr war in den Tagen zuvor meine Überzeugung gereift, dass die Nürnberger ihren Lauf zu früh gehabt hatten, dass sie vielmehr komplett kollabieren und nur noch das eine oder andere Ehrenpünktchen sammeln würden.

Gewiss, der Wunsch konnte die gedankliche Vaterschaft dabei nicht glaubwürdig abstreiten; dennoch war ich mir ziemlich sicher, dass der VfB in Nürnberg gewinnen, zumindest aber sehr solide, entschlossen und vielleicht auch kampfeslustig auftreten würde.

Nun, zwischen der 74. und der 88. Minute, so lange sah ich zu, konnten sie diese Erwartungen nicht in Gänze erfüllen. Anwesende, die das Spiel von Beginn an gesehen hatten, ließen mich wissen, dass es sich bei meinem Eindruck nicht um eine Momentaufnahme handle. Und so reift allmählich der Gedanke, dass der VfB seinen Lauf zu früh gehabt hat (Braunschweig – Werder – HSV, 5 Punkte!), dass er nun vielmehr komplett kollabiert und nur noch das eine oder andere Ehrenpünktchen sammeln wird.

Ok, das mag ein bisschen übertreiben sein. Dass ich so denke, meine ich. Tatsächlich fällt es mir schwer, mein Empfinden in Worte zu fassen. Einerseits erscheint mir der Gedanke an einen Abstieg einer anderen Welt zugehörig. Andererseits fehlt mir die Fantasie, um mir vorzustellen, wie der VfB in den verbleibenden Spielen noch mehr als, sagen wir, fünf Punkte holen soll. Und die reichen nicht.

Ich will schon wieder nicht mehr drüber reden.

 

Rückhand

Der FC Bayern München ist Meister. Ist damit der verdienteste Meister aller Zeiten, so wie jeder Meister vor ihm, Sie wissen schon. Es ist sehr beeindruckend, ihnen zuzuschauen, ja, es macht Spaß, immer wieder. Und es liegt mir fern, jetzt und hier eine Ode zu schreiben, das ist in den letzten Tagen hinreichend geschehen und oftmals gelungen.

Dass viele der Kommentatoren dabei nicht umhin kamen, zum Teil sicherlich auch nicht kommen wollten, die Causa Hoeneß aufzugreifen, ist angesichts sowohl der zeitlichen Nähe als auch Hoeneß‘ unbestreitbaren (und vermutlich beträchtlichen) Anteils an den jüngsten Erfolgen, nicht zuletzt an der Verpflichtung der letzten beiden Trainer, und damit unmittelbar auch an der aktuellen Rekordsaison, mehr als nur nachvollziehbar. Dass sich der Trainer dann entschließt, ihm diese Meisterschaft zu widmen, empfinde ich bei wohlwollender Betrachtung nicht als sehr geschmackvoll, aber das nur am Rande.

Was mir indes ein bisschen sauer aufstößt, ist der Umstand, dass neben Hoeneß‘ kriminellen Handlungen in nicht sonderlich schöner Regelmäßigkeit auch noch die einiger anderer Protagonisten thematisiert werden. Ja, natürlich ist Karl-Heinz Rummenigge vorbestraft, und natürlich ist er das völlig zu Recht.

Es ist auch unstrittig, dass Franck Ribéry Sex mit einer minderjährigen Prostituierten hatte. Und freigesprochen wurde, aber selbst wenn dem nicht so wäre: mir erschließt sich in beiden Fällen, die ich, jeden für sich, für verurteilenswürdig halte, und die, jeder für sich, medial hinreichend intensiv begleitet wurden, schlichtweg nicht, woher ihre Relevanz für eine sportliche Bewertung der Saison 2013/14 kommen soll, wieso sie jetzt aus einer Schublade hervorgekramt werden, in der sie noch nie wirklich verschwunden waren. Da kann ich es noch so oft lesen.

Andere sehen das anders, ich weiß. Nicht nur die, die es schreiben. Oder im persönlichen Umfeld sagen, die habe ich auch. Und kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man einfach nicht hinnehmen kann, wie gut der ungeliebte Verein aus München sportlich derzeit ist. Dafür lobt man ihn, klar, alles andere wäre nun wirklich realitätsverweigernd, aber man reichert es eben auch an, um weniger liebenswerte Aspekte. Oder verachtenswerte. Um die Komplimente ein bisschen zu entwerten.

Der Sprung zum „backhanded compliment“ will mir nicht so recht gelingen. Wäre ein bisschen schief. Aber irgendwie muss die Überschrift ja wenigstens ansatzweise begründet werden.

 

Rückfall

Früher trank ich meinen Kaffee stets mit Zucker. Aus mir nicht erinnerlichen Gründen hörte ich irgendwann damit auf, gewöhnte mich daran, mochte ihn ohne. Monate später schüttete ich, vermutlich gedankenverloren, aus mir nicht erklärlichen Gründen wieder Zucker in meinen Kaffee. Na ja, trank ich ihn halt.

Früher reimte ich auch recht regelmäßig ein bisschen. Aus guten Gründen hörte ich irgendwann damit auf, gewöhnte mich daran, mochte mich ohne. Monate später schüttelte ich, vermutlich gedankenverloren, aus mir nicht erklärlichen Gründen wieder ein paar gereimte Zeilen zusammen. Na ja, schrieb ich sie halt auf.

 

„Nimm mich!“, sagte Alex zu And-
re. Doch Andre sprach: „Nein, ’s war der and-
re.“ Drauf Alex: „Das gibt’s nicht –
Mensch, verweis‘ doch den Gibbs nicht!“
Doch er redete gegen ’ne Wand.

re: Gibbs, and the Ox, und die Karten:
da war wohl nicht mehr zu erwarten.
Die FA war nicht kleinlich
(es war ihr zu peinlich),
ließ beide beim nächsten Spiel starten.

Im einen Fall gibt’s kein Vertun
(Ihr Erben, was saget Ihr nun?):
es gelang ihm – hört, hört! –
(der Satzbau verstört),
in der Tat nicht nicht gar nichts zu tun.

Nummer zwei wollt‘ nen Heldentod sterben:
sprang ab, um sich „rot“ zu erwerben.
Die Parade: ne Schau!
Doch dem Schützen (der Sau!)
gelang’s, ihm die Tat zu verderben.

Ich hab das mal ausdekliniert:
wenn der Schiri im Flug deduziert,
wohin der Ball flöge,
ihn der Schein aber tröge,
dann wird‘ seine Karte kassiert.

Die Absicht des Täters: egal.
Bestrafung? Was war das nochmal?
Der Ball wär nicht rein.
Drum: Freispruch? Wie fein!
Nicht gesperrt. Nicht verwarnt! Geni.al!

 

Ganz offensichtlich hatte ich es mit dem Zucker übertrieben.

Als Spieler und als Trainer?

Franz Beckenbauer und Mario Zagallo. Wissen wir alle.
Dunga und Maradona versuchen’s im Sommer, Klinsmann hat’s vergeigt, als er im Halbfinale 2006 auf den falschen Torwart setzte seinem Gegenüber nicht gewachsen war.

Magath, Heynckes, Schaaf, Sammer, Beckenbauer, Benthaus können wir im Schlaf herunter beten, seitdem der Trainer kürzlich danach gefragt hat.

Guardiola, Rijkaard, Ancelotti bekommen wir auch alle hin, Cruyff noch dazu, bei Trapattoni wird’s bei einigen eng, bei Muñoz sowieso.

Und was ist mir den anderen, abseits der Champions League? Wer war Europapokalsieger als Spieler und als Trainer?

Deschamps schafft’s wieder nicht, van Gaal und Mourinho sind an der Einstiegshürde gescheitert, aus deutscher Sicht ist Heynckes ein Joker, bei Stevens (ja, er ist kein Deutscher) musste ich schon nachschauen, um meinen Verdacht zu bestätigen, und ob man Beckenbauer den Uefa-Cup 1996 zuerkennen will, ist vermutlich eine Glaubensfrage.

Aber wer noch? Gibt’s dazu eine Übersicht, einen Blogbeitrag? Falls ja, wäre ich für einen Link dankbar, falls nein, würde ich mich über Fakten und Spekulationen in den Kommentaren freuen.

Zur Klarstellung:
Irgendein Europapokal als Spieler, irgendein Europapokal als Trainer. Intertoto- und UI-Cup zählen nicht, über den Messestädte-Pokal diskutieren wir, wenn’s relevant wird.

Ich führe dann mal Buch:

Name

Spieler

Trainer

Beckenbauer CL (74-76),
PS (67), Bayern
Uefa (96), Bayern
Graham Messe (70), Arsenal PS (94), Arsenal
Happel Zentropa (51), Rapid CL (70 Feyenoord, 83 HSV)
Heynckes Uefa (75), Gladbach CL (98), Real
Scala CL (69), PS (68),  Milan PS (93), Uefa (95), Parma
Stevens Uefa (78), PSV Uefa (96), Schalke
Vialli CL (96), Uefa (93), Juventus;
PS (90 Sampdoria, 98 Chelsea)
PS (98), Chelsea
Zoff Uefa (77), Juventus Uefa (90), Juventus

Enttäuschung

Natürlich hat der VfB gestern gegen die beste Mannschaft der Welt gespielt. Die nahezu in Bestbesetzung angetreten ist, selbst Impulsgeber Xavi wurde noch rechtzeitig fit. Die schlägt man nicht einfach mal im Vorbeigehen.

Ohne Frage ist ein 1:1 ein gutes Ergebnis, hat man sich der Fußballwelt hervorragend präsentiert und die verheerenden Kritiken aus der Champions League Saison 2007/08 ein wenig vergessen machen können.

Ganz sicher war ich nicht der einzige, der zwar auf ein achtbares Ergebnis hoffte (ich hatte 1:1 getippt), der aber große Angst davor hatte, dass das Spiel nach 30 Minuten zugunsten der Gäste entschieden sein könnte. Dass sie, wie zwei Jahre zuvor, damals bereits in der Vorrunde, den Ball scheinbar nur so zum Spaß zirkulieren lassen, irgendwann nach Belieben – vorzugsweise über Iniesta- zwei, drei mal zustoßen und dem VfB früh jegliche Hoffnung nehmen würden. Das war nicht der Fall.

Zweifellos hat sich der VfB weit mehr als nur achtbar geschlagen. Nachdem man einige Minuten brauchte, um ins Spiel zu finden, war der VfB insbesondere von der 10. bis zur 35. Minute bärenstark und hat Barça enorm zugesetzt, das seinerseits in dieser Zeit nichts zustande brachte. Dem von Puyol vor dem Spiel nochmals explizit formulierten Anspruch („Wir wollen das Spiel diktieren„) wurden sie in dieser Phase nicht annähernd gerecht, ganz im Gegenteil: sie wurden von einem wirklich starken VfB dominiert, der durch die Bank hochkonzentriert zu Werke ging und die Defensive des Gegners ein ums andere mal in Bedrängnis brachte. Erst nach dem Seitenwechsel und Guardiolas Maßnahme, Iniesta nach innen zu ziehen, konnte Barcelona den Ball gelegentlich so kreisen lassen, wie man es von ihnen erwartet, und auch das ohne wirklichen Zug zum Tor.

Unbedingt muss man der Stuttgarter Mannschaft und ihrem Trainer ein großes Lob zollen für ihren arbeitsintensiven, fußballerisch und taktisch hervorragenden Auftritt, und angesichts der forschen, couragierten Spielweise kann ich meinen Hut gar nicht tief genug ziehen. Christian Gross war ganz offensichtlich zu der Erkenntnis gelangt, dass die einzige Chance darin bestehe, Barcelona möglichst lange möglichst weit vom eigenen Tor entfernt zu halten, sie in die Verteidigung zu zwingen. Dass das nicht über die komplette Distanz gelingen kann, steht außer Frage, aber wenn man gesehen hat, dass noch weit in der zweiten Halbzeit Aliaksandr Hleb das Aufbauspiel des Gegners an dessen Strafraum störte: Chapeau.

Und doch nagt es. Wenn man sich nach dem Spiel im Stadion umsah, wenn man die Spieler nach dem Spiel in der Kurve beobachtete, wenn man die Stimmung in der Stadtbahn aufnahm, wenn man in sich selbst hineinhorcht, auch jetzt noch, Stunden nach dem Spiel, sehr früh am Morgen, kann man es wohl nicht anders benennen:

Enttäuschung.

Der VfB hätte die beste Mannschaft der Welt gestern schlagen können, vielleicht sogar müssen. Mit einem 2:1, lieber 2:0, im Rücken führe man weiß Gott nicht in der Gewissheit nach Barcelona, die halbe Miete bereits überwiesen zu haben – aber man dürfte mehr als nur ganz verschämt vom Weiterkommen träumen, man hätte so etwas wie eine Chance.

Und die Mannschaft wollte gewinnen, das hat sie bis zum Ende gezeigt, auch wenn die Kräfte zur Neige gingen. Der Trainer wollte gewinnen. Er wechselte nicht defensiv, sondern brachte Kuzmanovic für Träsch (ein Wechsel, den mir die Jungs von 90elf im Pausengespräch auf dem Silbertablett servierten, den ich aber in meinem an Hybris grenzenden Glauben, Christian Gross‘ Gedanken nach wenigen Wochen durchschaut zu haben, von der Hand wies) und damit zusätzliche spielerische Qualität und Ballsicherheit, wechselte im Sturm 1:1 und brachte zudem mit Sebastian Rudy für die letzten 10 Minuten einen weiteren offensivstarken Spieler.

Letzterer war auch der einzige Wechsel, mit dem ich ein wenig haderte – aus meiner Sicht gar der einzige Punkt, an dem man Gross‘ Coaching gestern möglicherweise kritisieren kann. Aliaksandr Hleb, dem ich es im Grunde sehr gegönnt habe, einmal durchspielen zu dürfen, musste seinem hohen Laufpensum, auch der ständigen Unterstützung für Molinaro gegen Messi, Tribut zollen und spielte in der Schlussphase einige unkonzentrierte und potenziell sehr gefährliche Fehlpässe. Zudem hätte ich mir, ungeachtet meiner Schwäche für Sebastian Rudy (über den ich auch drüben bei 18mal18 endlich wieder einmal etwas geschrieben habe), Roberto Hilbert gewünscht, der mit seiner Aggressivität in den letzen 10 Minuten möglicherweise noch einmal für etwas Aufruhr gesorgt hätte.

Was sagte ich? Die Mannschaft wollte gewinnen. Der Trainer wollte gewinnen. Und auch die Zuschauer wollten gewinnen. Als Busquets in der 75. Minute etwas zu lang behandelt wurde, hätte man durchaus auch aus Stuttgarter Sicht den Standpunkt vertreten können, diese Sekunden gerne herunter laufen zu lassen. Pustekuchen! Das Publikum (beileibe nicht nur die Cannstatter Kurve) pfiff, was das Zeug hielt, um seinen Unmut über das Zeitspiel der Gäste auszudrücken – großartig. Überhaupt, die Sitzplatzfans: 5 Minuten vor Schluss standen Gegengerade und Haupttribüne geschlossen auf (ohne dass es eine explizite Aufforderung der Form „Steht auf, …“ gegeben hätte) und trug, wenn ich noch etwas Pathos ausschütten darf, die Mannschaft über die Ziellinie. Hat mich beeindruckt, ehrlich.

Ehe ich beginne, ein paar Tränen zu verdrücken, lasse ich es lieber gut sein. Allerdings nicht, ohne vorher noch eines klargestellt zu haben: wenn der VfB im Camp Nou nur 3 Tore schießt, müsste Barcelona schon 4 machen. Das schaffen die nie.