Gesetzt

“Der Ton ist gesetzt”, hatte ich gesagt, und vermutlich frug sich mein Nachbar genau wie ich, was das denn nun für eine komische Formulierung sei, irgendein halbgarer Anglizismus vielleicht, den wir jedoch nicht zuordnen konnten?

Immerhin: er verstand mich. Das Spiel des VfB gegen Augsburg hatte gerade begonnen, vom Anstoß weg wurde Timo Baumgartl angespielt, die Ballannahme fiel schludrig aus, bzw. fand überhaupt nicht statt, Baumgartl wurde angelaufen, geriet unter Druck und schlug den Ball diagonal, ach was, quer ins Aus. Klasse Beginn.

Der Ton war gesetzt, und hätte man das Spiel in diesem Moment zu den Akten gelegt, wäre der Nachmittag ein wesentlich vergnügterer gewesen.

Er hatte ja schon verspätet begonnen, der Fußballnachmittag. Verständlicherweise. Kam ja wirklich überraschend, dass die Sicherheitsmaßnahmen erhöht wurden, nachdem die Fußballwelt in den Tagen zuvor aus den Angeln gehoben worden war.

“Was hat sich denn geändert durch Paris?”, mag man fragen, und ich möchte das gar nicht als zynisch abtun. Zynisch deshalb, weil unstrittig ist, dass Paris für viele Menschen furchtbar viel verändert hat. Vielmehr ist die Frage insofern berechtigt, als wir alle immer wussten, dass große Sportereignisse und damit, zumindest in Europa, zuvorderst Fußballspiele ein Ziel wären, das, sollten Terroristen es ins Auge fassen, größtmögliche Aufmerksamkeit und leider auch eine ebensolche Zahl an Opfern und Betroffenen verspräche.

Gerne wäre ich in der vergangenen Woche in der Lage gewesen, meine Gedanken rund um Paris, rund um Hannover und weit darüber hinaus zu ordnen und zu Papier zu bringen, doch leider war und ist das nicht der Fall. Es hat mich mitgenommen, ich habe Angst, nicht um meine Unversehrtheit, wenn ich zu einem Fußballspiel gehe oder in ein Flugzeug nach wohin auch immer steige, aber ich habe Angst vor dem, was da kommen mag.

Ja, vermutlich ist die Welt sehr wohl aus den Angeln gehoben worden, und mit ihr die des Fußballs. Und ja, es klingt unangemessen und schrecklich banal, gleich wieder den Bogen zu jenen schlagen zu wollen, die nicht auf die Idee gekommen sind, dass man an so einem Wochenende schon mal ein paar Minuten früher zum Stadion gehen könnte, wenn man trotz zu erwartender intensiverer und entsprechend zeitaufwändigerer Sicherheitskontrollen zum Anpfiff auf seinem Platz sitzen oder stehen möchte. Unwichtig. Ich versteh’s halt nicht.

Dass man ihn nach einer knappen Dreiviertelstunde am liebsten schon wieder verlassen hätte, steht auf einem anderen Blatt und war beim dank dieser klugen Menschen reichlich verspäteten Anpfiff noch nicht abzusehen. Beim Anpfiff, wohlgemerkt. Nach Baumgartls erstem Ballkontakt schon eher. Der Ton war gesetzt, und sie hielten ihn. Konsequent.

Selten habe ich eine Mannschaft gesehen, die von Beginn in einer solchen Art und Weise nicht auf dem Platz war, und ich schreibe nur deshalb “selten”, weil “nie” so arg absolut klingt. Es war verheerend, und mehr Worte möchte ich über das Spiel selbst eigentlich nicht mehr verlieren.

Bemerkenswert war allerdings, wie wenig dieses Spiel, ohne darauf konkret eingehen zu wollen, Sie wissen schon, wie wenig also dieses Spiel noch mit dem zu tun hatte, was Alexander Zorniger vor einigen Wochen propagiert und was die Mannschaft damals auch gezeigt hatte.

Und wie ich noch so sinniere, ob es wohl der Trainer war, der so sehr von seinem System abgerückt ist, dass nur noch das Schlechteste verschiedener Welten übriggeblieben ist, oder ob die Mannschaft ihm schlichtweg nicht mehr gefolgt ist, verkündet der Verein, die Ära Zorniger sei Geschichte.

Er tut das weniger blumig und in den üblichen knappen Worten, während gut informierte Quellen bereits Jürgen Kramny als Interimstrainer verkünden. Jenen Kramny, der manchem noch vor wenigen Wochen in der dritten Liga als angezählt galt. Was mich ehrlich gesagt nicht sonderlich störte. Faszinierend, dieses Fußballgeschäft. Zumindest kann Herr Kramny mich nicht negativ überraschen.

Und was ist mit Herrn Zorniger? Nun, ich habe aus meinem Herzen nie eine Mördergrube gemacht. Sein Auftreten war mir vor seiner Stuttgarter Zeit unangenehm aufgefallen, was er in der Folge einerseits bestätigte. Andererseits fand ich Gefallen an seiner klaren Kante und, ja, auch an seiner Verbohrtheit – dass er sich dabei allerdings stets auf einem sehr schmalen Grat bewegte und des Öfteren abglitt, konnte nicht überraschen.

Ob er letztlich an besagter Verbohrtheit scheiterte oder daran, dass er eben nicht verbohrt genug war, konsequent an seinem Spiel festzuhalten, daran scheinen sich die Geister zu scheiden. Ich selbst habe, rein auf das Sportliche bezogen, durchaus Sympathien für letztere These, schließlich erinnerte der Fußball seiner Mannschaft zuletzt, wie oben angedeutet, nur noch in Auszügen an Zorniger in Reinkultur. Aber ich räume gerne ein, dass dieser Analyseansatz zum einen ein arg verkürzter ist, was per se nicht schlimm ist, läuft ja in die gegenteilige Richtung ganz ähnlich, und dass er zum anderen ein übertrieben wohlmeinender wäre.

Wir wissen alle, dass er sich im Ton vergriffen hat, dass er zu forsch war, zu besserwisserisch, und vermutlich haben wir auch alle zwischendurch an Herrn Professor Rangnicks Sportstudio-Premiere gedacht, wohl wissend, dass jener damals in der hiesigen Fußball-Lehre tatsächlich eher die Avantgarde darstellte, während Zornigers Ansatz zwar ein sehr konsequenter und, davon bin ich weiterhin überzeugt, potenziell erfolgreicher ist; neu ist er indes nicht.

Dass er zudem eine Reihe handwerklicher Fehler begangen hat, meinetwegen auch nur nicht verhinderte, dass seine Spieler handwerkliche Fehler begingen, was dann wiederum doch ein handwerklicher Fehler des Trainers wäre, liegt zudem, genau, auf der Hand. Gegen die Bayern war er blauäugig, in Leverkusen vielleicht tollkühn, im Umgang mit Adam Hlousek vermessen, wie er insgesamt bei der Einschätzung dessen, was seine Spieler können und was nicht, möglicherweise etwas zu optimistisch war, und beim Einüben defensiver Abläufe agierte er mindestens glücklos, vielleicht schludrig, vielleicht eben doch handwerklich unsauber.

Ja, man mag die Liste gerne verlängern. Und natürlich in die Diskussion über den Anteil der Spieler und des Vorstands an der Misere einsteigen. Ein weites Feld.

Dass Alexander Zorniger nun gehen musste, konnte nicht mehr überraschen. Zu erschütternd war das Auftreten am Samstag, zu spärlich die Argumente, oder auch nur die Strohhalme, an denen man sich nach so einem Spiel, über das hier bekanntlich nicht weiter geredet werden soll, festklammern kann, zu ratlos wohl auch der Trainer selbst.

Sehen Sie, da wäre sie gewesen, die Chance, die Trennung als “alternativlos” zu bezeichnen. Ich habe sie verpasst, und wenn ich ehrlich bin, hätte ich mir gewünscht, dass es deutlich mehr Leuten so ergangen wäre. Dass sie die Chance hätten verstreichen lassen. Wenn ich Ihnen, liebe Kommentierende, in aller Bescheidenheit einen Hinweis geben darf: Es gibt immer eine Alternative. Auch in der Wortwahl, auch zu einer wohlfeilen Pointe. Aber, zugegeben: Den Ton hatte Herr Zorniger wohl selbst gesetzt.

Zurück zum Sport. Ich hatte gehofft, hatte mir gewünscht, dass er zumindest eine Halbserie lang Zeit bekommen würde, und ich gehe auch davon aus, dass er sie bekommen hätte, wenn man weiterhin wenigstens Chancen kreiert und, und das meine ich durchaus positiv, ein Spektakel veranstaltet hätte. Wenn allerdings ein Vollgastrainer seine Mannschaft nur noch zu einem derart leblosen Auftritt animieren kann, werden nicht nur die Argumente, sondern in der Folge auch die Fürsprecher knapp.

Tja. Tschüss, Herr Zorniger. Ich wünsche Ihnen noch mindestens eine weitere Chance und bin gespannt, was sie dann draus machen.

Und dann komme ich doch noch einmal auf jenes Spiel zurück. Und die Fans. Die machen sollen, was sie wollen. Haben Eintritt bezahlt, sollen brüllen, schimpfen, lachen, weinen, still sein, konzentriert das Spiel verfolgen, meinetwegen auch alle paar Minuten zum Bierstand gehen, wenn sie mich dabei nicht ständig aus meiner Konzentration reißen.

Letztlich soll auch jeder für sich entscheiden, ob er Häme für einen guten Ratgeber, Hohn und Spott für eine sinnvolle Ausdrucksweise seiner Gefühlswelt hält. Ich persönlich halte nicht sonderlich viel davon, will aber nicht bestreiten, dass das samstägliche Spiel geeignet war, besondere Reaktionen hervorzurufen.

Wenn Menschen, die andere eine halbe Stunde lang lautstark, öffentlich und explizit verhöhnt haben, dann allerdings meinen, sich echauffieren zu sollen, weil die so Verhöhnten augenscheinlich wenig Interesse verspürten, hernach den Dialog mit den Verhöhnenden zu suchen, dann wäre es schon interessant zu wissen, wie die Gedankenwelt dieser Leute funktioniert. Des Erkenntnisgewinns wegen.

 

Nasal

Auch heute noch, 18 Jahre später, fällt es mir schwer, Malbranc zu sagen. Also so zu sagen, dass es sich mit etwas Wohlwollen auf Frank reimt. Vielmehr ist es – zärtere Gemüter sollten an dieser Stelle bitte mal weglesen – gerade meine Frankophilie, die mich stets zum Nasal trieb, zum Malbranc, der sich auf Franc reimt. Aber da war nichts zu wollen, er heißt halt anders.

Er zählt zu jenen Schiedsrichtern, an die sich alle Welt ein nennenswerter Teil meiner Filterblase in erster Linie wegen eines einzigen Spiels, einer einzigen Szene erinnert. Bei Herrn Dienst könnte man vermutlich doch von aller Welt sprechen, bei Herrn Dr. Brych dauert die Karriere noch an, da kommt vielleicht noch was. Bei Hans-Joachim Osmers oder Günther Habermann sieht die Sache ein bisschen anders aus. Falls sich jemand von außerhalb der Filterblase hierher verirrt haben sollte: Helmer. Möller.

Aber ich war bei Herrn Malbranc. Ja, ich habe beim Schreiben nasaliert, aber das hat keiner gehört. Es sei denn, es hätte sich jetzt auch seinen Weg in den Kopf der werten Mitlesenden gebahnt. Herr Malbranc, dessen Schiedsrichterkarriere wahrlich nicht schön endete und ein beredtes Zeugnis damaliger Zustände im DFB ablegt, hatte ein Foul der verteidigenden Mannschaft gepfiffen, als der Ball auf dem Weg ins Tor war. Dabei habe er aber „die Wahrnehmung gehabt, erst nach dem Tor gepfiffen zu haben“ – und gab den Treffer. Es entspann sich eine unappetitliche Geschichte unter Beteiligung von Verbänden, Funktionären und eben Malbranc, an deren Ende der verbitterte Rücktritt des degradierten Schiedsrichters stand.

Kürzlich, als der genannte Herr Dr. Brych seine unselige Entscheidung zugunsten des Phantoms Stefan Kießling getroffen hatte, erinnerte man sich wieder einmal an Michael Malbranc. Dem Münchner Merkur gab er ein lesenswertes Interview, und vermutlich dauert es eine Weile, bis er das nächste Mal in den Medien erscheint. Der Schiedsrichtergilde wäre zu wünschen, dass es nicht so schnell der Fall sein wird.

Wieso ich gerade heute auf ihn zu sprechen komme? Nun, gestern empfingen die VfB-Amateure die Würzburger Kickers zum Drittligaspiel. Die Sonne schien und animierte den einen oder die andere, sich kurzerhand auf Degerlochs Höhen zu begeben, um den traditionell erfrischenden jungen Wilden zuzusehen, oder so ähnlich.

Der, nun ja, Ansturm machte der Kartenverkäuferin etwas zu schaffen – die KollegInnen hatten leider grade im Hintergrund noch etwas zu besprechen –, sodass ich wie manch anderer („Jetzt verprellen sie auch noch die 50 Leute, die kommen!“) erst mit etwa zehnminütiger Verspätung auf die Tribüne gelangte, um mich nach regionaler Fußballprominenz umzusehen, deren Names ich an dieser Stelle nicht droppen möchte.

Nebenbei interessierte ich mich ein bisschen für das Spiel. Jürgen Kramny hatte sich dauerhaft in Positur begeben, um dem Schiedsrichterassistenten seine häufig abweichende Meinung zu vermitteln, und gelegentlich war auch auf dem Spielfeld etwas geboten. Leider hatten diese Momente wenig mit dem VfB im Allgemeinen und nichts mit den Anleihen aus dem erweiterten Bundesligakader im Besonderen zu tun.

Den Weg zu den nächsten Bundesligaspielen von Jerome Kiesewetter und Jan Kliment stelle ich mir derzeit eher steinig und steil vor, zudem ein bisschen rutschig sowie schlecht ausgeleuchtet, und auch Stephen Samas Debüt dürfte auf Basis der gestrigen Eindrücke nicht unmittelbar bevorstehen. Leider konnte mich auch Max Besuschkow, dessen Spiel ich sehr schätze, so gar nicht überzeugen, aber das nur am Rande.

Mitte der ersten Halbzeit erhielt Würzburg unweit der Seitenauslinie und nur wenige Meter von meinem Platz entfernt einen Freistoß zugesprochen. Jürgen Kramny machte sein Meckerding, der Schiedsrichter schickte den Schützen, möglicherweise war es der starke Rico Benatelli, noch etwas näher an die Seitenauslinie. Er lief an, traf den Ball, der Schiedsrichter gab ihn per Pfiff frei. Öhm.

Ja, zumindest habe ich „die Wahrnehmung gehabt, den Pfiff erst nach dem Schuss gehört zu haben“, und dachte noch bei mir, dass das ja auch nicht so ganz der reinen Lehre entspreche. Wie dem auch sei, der Ball flog in die Mitte, auf die Strafraumkante zu, und keiner schien dem verspäteten Pfiff irgendeine Bedeutung beizumessen.

Bis auf Thomas Hagn. Der fing den Ball. An der Sechzehnerlinie, wohl knapp innerhalb. Schiedsrichter Skorczyk gab Elfmeter, Hagn verstand die Welt nicht mehr, seine Mitspieler erst recht nicht, der FuPa-Ticker vermutete einen Stoß gegen Hagn, vielleicht hat er recht, Tobias Rathgeb wechselte die Schuhe und Marius Funk hielt. Das Ding war durch. Während ich an, genau, Michael Malbranc dachte. Und an die ausgebliebenen Folgen: