Optionen prüfen

Mal im Ernst: natürlich habe ich an dieses 4:1 gegen Wolfsburg geglaubt, das ich neulich prognostizierte. Mindestens so sehr, wie ich jedes Jahr daran glaube, dass der VfB wenigstens einen Titel holt. Oder bei jedem großen Turnier, dass Deutschland Welt- oder Europameister wird. Was gegenwärtig kein ideales Beispiel sein mag, um meine Sichtweise zu illustrieren, aber: Sie wissen schon, Fußballfans. Innerhalb weniger Sekunden von leuchtend weiß zu komplettem Schwarz und wieder zurück. Oder gar beides gleichzeitig. Ach, egal.

Am Montag telefonierte ich mit einem Bekannten. Wir kamen auf den VfB zu sprechen und umkreisten das Thema ausgesprochen vorsichtig, beiderseits bemüht, einander aus der Reserve zu locken, bis wir uns schließlich zwar nicht unsere Liebe gestanden, wohl aber, dass wir eigentlich sehr angetan gewesen waren vom Auftreten der Mannschaft. („Darf man ja eigentlich nicht sagen … ehrlich gesagt … ziemlich gut … Engagement … mutig … Chancen … Spaß …“)

Ja, ich hatte Spaß. An Harnik, zum Beispiel, dessen Präsenz im Sturmzentrum mich ziemlich beeindruckte. Nein, nicht Präsenz, das klingt so statisch. Er war unheimlich aktiv, ging die langen, schnellen Wege, die die Wolfsburger Abwehr nicht versperren konnte, tauchte gefährlich vor dem Tor auf, konnte, sonstige Defizite in den Hintergrund schiebend, auch immer wieder den Ball behaupten – allein, es half nichts, blieb erfolglos.

Und ja, zugegeben, sie spielten den Ball wieder oft quer, Rüdiger und Schwaab hatten viele Ballkontakte. Aber die waren anders als vor einigen Wochen. Schneller, druckvoller, so mein Eindruck, nicht an jenen Tran gemahnend, den wir als brot- und ziellos beklagten. Sahen nicht alle so, ich weiß. Vermutlich ist es wahrscheinlicher, dass diejenigen, die ob der Quer- und Rückpässe pfiffen, recht hatten, als dass ich, der darin einen neue Qualität sehen wollte, den besseren Durchblick für mich beanspruchen könnte.

Gleichwohl erinnere ich gerne daran, dass vor Gentners großer Ausgleichschance der Ball eine gefühlte Minute lang, wenn nicht länger, in der eigenen Hälfte zirkulierte, auch mal kurz über die Mittellinie ging, dann wieder zurück, zügig, ehe über rechts die Beschleunigung kam, der Ball nach innen zu Maxim gelang, der wiederum Gentner einsetzte – Bämm!

Nein, eben nicht bämm. Und selbst wenn, wäre die Entstehung rasch wieder in Vergessenheit geraten, zumindest jener Teil, der weiter als zwei Pässe zurückreichte, und Ballbesitz in der eigenen Hälfte gälte auch im nächsten Spiel wieder als böse. Zumal er Thorsten Kirschbaum einbezieht, der ja gegenwärtig nicht so wohlgelitten ist. Aus nachvollziehbaren Gründen, zweifellos – ich bin mir ziemlich sicher, dass das 1:1 gegen Sven Ulreich nicht gefallen wäre.

Ich bin mir übrigens ähnlich sicher, dass es auch bei Kirschbaum nicht oft fiele. Und ich bin mir sehr sicher, dass ein Passspiel, wie es in der ersten Hälfte gegen Wolfsburg zum Teil unter Einbeziehung von Kirschbaum erfolgte, mit Ulreich nicht möglich wäre. Flach, schnell, hart, mit Richtungswechseln. Gleichwohl: stimmt, der Hüter soll zunächst einmal hüten. Das ist Kirschbaum nicht so gut gelungen.

Fanden viele Fans auch. Aus guten Gründen, wie gesagt. Nicht wenige fanden zudem, dass Moritz Leitner nichts in der Mannschaft verloren habe. Auch aus sehr gut nachvollziehbaren Gründen, die ihren Höhepunkt im Ballverlust vor dem 0:4 fanden. Die Frage ist ja immer, wie man sowas zum Ausdruck bringt.

Wieder andere, oder vielleicht waren es auch dieselben, fanden zudem, man müsse den Schiedsrichter auspfeifen, weil er das Spiel unterbricht, wenn ein Wolfsburger, ich glaube, es war Luiz Gustavo, aus nächster Nähe vom Ball am Kopf getroffen wird und zu Boden geht wie ein gefällter Baum. Sportler. Oder die Pfiffe, wenn sich der Schiedsrichterassistent verletzt hat und behandelt werden muss. Geht’s noch?

Nimmt man dann noch das eine oder andere homophobe oder rassistische (Schwulette! Zigeuner!) Sprüchlein hinzu, als von Einzelpersonen vorgetragenes Sahnehäubchen, kommt man möglicherweise irgendwann an den Punkt, wo man sich fragt, was das eigentlich alles soll. Ja, klar. Die Frage nach dem Sinn es Fanseins stellen sich die meisten von uns immer mal wieder. Meist geht sie mit sportlichem Misserfolg einher. Und ja, der ist derzeit gegeben.

Dennoch war ich überrascht ob meiner Gedanken. Ob der so zuvor nie gestellten Frage, ob ein Fußballstadion ein Ort ist, an dem ich Zeit verbringen möchte, oder ob mir manche Begleiterscheinungen, die nichts mit Obrigkeit, mit Sicherheitsbedenken (als ob!), mit Preisgestaltung oder sportlichem Erfolg zu tun haben, vielleicht einfach so sehr auf den Sack gehen, dass ich mich mit Alternativen befassen sollte.

Erst kürzlich gab ich hier eine deutliche Absage an das fußballbezogene Bezahlfernsehen zu Protokoll. Obwohl – oder auch weil – zu diesem Zeitpunkt innerfamiliär bereits die Option formuliert worden war, angesichts eines weiteren verpassten Auswärtsspiels, die Dauerkarte gegen ein Sky-Abo zu tauschen, also anstelle von, na ja, 12 Heimspielen im Stadion und acht Auswärtspartien in der Kneipe, vielleicht einer oder zwei im Stadion, künftig 31 Spiele daheim zu sehen. Am Samstag im Stadion zog ich erstmals in Erwägung, diese Option ernsthafter zu prüfen. Zumal’s hinterher in der Kneipe beim Abendspiel auch nicht so richtig viel Spaß gemacht hat.

Ja, ja, ich weiß: Alterserscheinung. Erfolgsfan. Falsche Prioritäten. Fußball muss ursprünglich sein. Gegnerbeschimpfung gehört dazu.

Darf jeder sehen, wie sie will. Mir gibt mein Denken zu denken.

Um nochmal kurz zurück zum Sport zu kommen: die zweite Halbzeit machte dann eher weniger Spaß. Vielleicht abgesehen von jenen Momenten, in denen das Spiel ohnehin längst abgehakt war und wir Kevin de Bruyne zusehen durften. Ja, abgehakt. Innerlich auch von den Spielern, und ja, das verstehe ich. Ist menschlich. Geldunabhängig. Genickschlag zu Beginn der zweiten Halbzeit, als alles besser werden sollte. 0:3 gegen Wolfsburg, eine äußerst solide Mannschaft, von der man weiß, dass man nur an guten Tagen vielleicht gegen sie bestehen kann. Aufholjagderfahrung ist auch nicht mehr als eine schöne Illusion.

Trotzdem noch die eine Frage, die mich beschäftigt: was war das für ein Sprung von Rüdiger vor dem 0:3? Schattenköpfen mit eingezogenem Haupt? Klar, beschissen gespielt von Niedermeier, verheerende Rückwärtsbewegung von Kostić, wurde ja auch alles rauf und runter thematisiert, aber Rüdiger? Verschätzt? Wollte er den Ball ins Aus fliegen lassen? Wahrnehmungsfehler meinerseits? Ich bitte um Hilfestellung. Danke.

 

 

 

 

 

 

Betriebswirtschaftliche Anreizproblematik

Man möge sich, so man möchte, vielleicht einmal vorstellen, dass es am letzten Spieltag der laufenden Bundesliga-Spielzeit noch um etwas geht, und zwar für Eintracht Frankfurt und den FC Augsburg, die an diesem 10. Mai aufeinandertreffen, in Augsburg. Um uns nicht mit allzu großen Umwälzungen in der Tabelle belasten zu müssen, gehen wir davon aus, dass Augsburg noch auf den Einzug in den Uefa-Cup, oder was aus ihm geworden ist, hoffen kann, während Frankfurt noch Punkte braucht, um den Abstieg auszuschließen. Stellen wir uns weiter vor, dass es auch für den VfB Stuttgart noch um etwas geht, sei es das eine oder das andere.

Und dann ruft Europameister Fredi Bobic Welt- und Europameister Stefan Reuter an, um ihm eine Prämie anzubieten, wenn der FCA in besagtem letztem Spiel einen bestimmten Spieler einsetzt. Ob der Spieler einen Augsburger Sieg wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machen sollte und würde, sei einmal dahingestellt.

Abwegig, nicht wahr? Der Aufschrei wäre groß. Der Fußball ist sensibilisiert für solche Themen, zu Recht natürlich. Ob es so weit gehen muss, dass – wie im vergangenen Herbst in Sachsen-Anhalt geschehen – ein Landesligaschiedsrichter suspendiert wird, weil er an einem nicht mit monetären Anreizen versehenen Tippspiel teilnimmt, in dem auch eigene Spiele vorkommen, ist einerseits diskutabel. Andererseits war es eben ein sehr unbedachtes Verhalten des jungen Mannes, und in manchen Bereichen kann es vielleicht nicht schaden, den Anfängen zu wehren.

Ich selbst tue mich ein bisschen schwer damit, dass die Verbände auch versprochene Siegprämien von Seiten Dritter unter Manipulation subsumieren und sanktionieren. Wohlgemerkt: bei Prämien für Niederlagen zögerte ich nicht. Aber auch hier: die Anfänge. Und der Einfluss von außen. Überhaupt, von außen: 50+1, Sie wissen schon. Dritteigentümerschaften an Spieler-Transferrechten. Manches mehr. Der Fußball schützt sich gegen die Einflussnahme Dritter, oder will seine Vereine schützen. Großes Fass, dickes Brett. Plötzlich sind wir bei der FIFA, auch bei der Frage, wem der Fußball gehöre, bei Verbänden und Hartplatzhelden – man könnte in viele Richtungen abzweigen.

Ein anderes Mal, vielleicht. Ich beschäftige mich lieber kurz mit Podcasts. Kommt jetzt eventuell etwas abrupt, ist aber so.

Dass ich recht spät einen Zugang zu Podcasts gefunden habe, äußerte ich hier bereits, und die geneigte Leserin kann das entweder technisch verstehen oder auf meine Präferenzen beziehen, oder auch auf eine Mischung aus beidem – recht hat sie auf jeden Fall. Oder er.

So mag es nicht überraschen, dass die Zahl der von mir gehörten Podcasts nach wie vor überschaubar ist. Wirklich regelmäßig höre ich nur Collinas Erben, wie verschiedentlich ausführlich dargelegt, etwas weniger regelmäßig ein paar vereinsbezogene Angebote, uneingeschränkt regelmäßig die nicht explizit fußballbezogenen Spezialexpertengespräche bei „Was wichtig ist“ (Kunststück, bei bisher genau zwei Ausgaben) und – ebenso regelmäßig, aber deutlich häufiger, der Erscheinungsfrequenz geschuldet – „Football Weekly“ des Guardian.

Schon klar, dass ich hinsichtlich Football Weekly keine Eulen in die werte Athener Leserschaft zu tragen brauche, und vielleicht sollte ich auch nicht weiter darauf eingehen, dass ich Barry Glendenning bei meinen ersten Hörversuchen für einen mittelwitzigen älteren Herrn mit Säuferstimme hielt, dessen Mitwirkungsberechtigung irgendwelche Senioritätsgründe haben musste. Immerhin: die Dinge ändern sich.

Mittlerweile bin ich stets ein bisschen enttäuscht, wenn er nicht dabei ist – auch seinem Humor geschuldet, ja, aber eben auch seinem Wissen, seiner Kompetenz, seinen Nachfragen. Ähnliches könnte man wohl über die meisten anderen Mitwirkenden sagen, aber aus irgendeinem Grund gelten meine Sympathien in besonderem Maße ihm, und so achte ich bei den Premier-League-Ergebnissen inzwischen stets auf Sunderland. So kann’s gehen.

Irgendwann im November sprach man bei Football Weekly über Gerard Deulofeu, bzw. konkret über die Modalitäten des Leihgeschäfts zwischen dem FC Barcelona und dem Everton FC, die dem Vernehmen nach vorsehen, dass sich die Leihgebühr, crikey!, mit jedem Spiel reduziere, das Deulofeu für Everton bestreite. Vielleicht hänge es auch noch davon ab, wie lang der jeweilige Einsatz dauere bzw. ob der Spieler in der Startelf stehe, so genau erinnere ich mich nicht.

Mich irritierte diese Regelung ein bisschen und ich frug bei Twitter herum, ob derlei üblich sei, auch in Deutschland, und las aus den Antworten heraus, dass ich offensichtlich nicht besonders gut informiert war. Zwar bezog sich nach meiner Erinnerung niemand auf offizielle Aussagen; gleichwohl legen die teils überzeugten, teils nur ahnenden Antworten sowie die Anzahl sofort präsenter Beispielfälle nahe, dass etwas dran ist.

Zu den Genannten zählten unter anderen die Herren Didavi, Füllkrug, Schieber und Alaba, im Web fanden sich ad hoc auch de Bruyne und Nordtveit sowie einige mehr. Der Austausch driftete dann, nicht ganz überraschend, zu den Rückkaufoptionen ab, die sozusagen das neue Leihen sind, mich aber im aktuellen Kontext nicht so sehr interessierten.

Kontext? Welcher Kontext? Nun, vielleicht kehre ich doch noch einmal nach Augsburg zurück. Wo Raphael Holzhauser vom VfB auf Leihbasis spielt, und wo man sich erzählt, die Leihgebühr verringere sich mit jedem Einsatz, wo also der FCA faktisch Geld sparen, oder anders: eine Prämie erhalten würde, setzte er Holzhauser gegen Frankfurt ein. Ob er einen Augsburger Sieg wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machen sollte und würde, sei einmal dahingestellt.

Möglicherweise stimmt diese Prämisse gar nicht, möglicherweise enthält Holzhausers Leihvertrag keine solche Klausel, möglicherweise mangelt es also meinem mehr oder weniger kunstvoll aufgebauten Spannungsbogen nicht nur an Spannung, sondern ist er noch nicht mal ein Bogen, der wieder zur Sehne zurückfindet, und möglicherweise verirre ich mich auch furchtbar in meinen Bildern.

Was indes kaum bestritten werden dürfte: im Fußball werden Leihverträge geschlossen, die die genannten Verabredungen in der einen oder anderen Form enthalten. Ob dies auch bei Leihen innerhalb einer Liga Usus ist, kann ich nicht mit Gewissheit sagen; es gibt entsprechende Meldungen, die aber auch nur Gerüchte sein mögen.

Bei mir bleibt auf jeden Fall ein nicht näher bestimmtes ungutes Gefühl hängen, ein Jucken, eine Irritation, wenn auch in etwas seriöserer Form, als mein Tweet von vor einigen Wochen, und dort insbesondere, aber nicht nur, der zweite Satz, nahelegt:

Natürlich gehe ich davon aus, dass Markus Weinzierl, so die Klausel bestünde, seine Aufstellung weder im letzten noch in irgendeinem anderen Saisonspiel davon abhängig machen würde, ob er dem Verein damit 10.000 Euro oder welchen Betrag auch immer einsparen könnte, dass er sich also nicht von seinem Controller die Aufstellung diktieren lassen würde.

Es ist nur so, dass die Möglichkeit solcher Rabatte nicht so recht in das Bild passt, das die Fußballfamilie mir spätestens seit 2009 vermittelt, vermitteln will – und an dem ich mit Blick auf Manipulationsthemen auch der Tendenz nach nichts auszusetzen habe. Unabhängig davon, dass ich das Ausloben einer Siegprämie durch Dritte per se nicht für geeignet halte, die Integrität des sportlichen Wettbewerbs zu unterlaufen.

Bei Alex Hleb war die Korrelation übrigens eine andere: Wolfsburgs Leihgebühr an Barcelona soll pro Einsatz fällig geworden sein, in nicht unerheblicher Höhe. Die betriebswirtschaftliche Anreizproblematik bleibt dabei allerdings bestehen, unabhängig vom Vorzeichen der Einsatzprämie. So weit die Theorie.