Lieber Kevin Großkreutz,

es ist mir ein bisschen unangenehm, ein gleichsam franzjosefwagnereskes Format zu wählen, gerade angesichts des Umstands, dass sein Organ der Niedertracht auch in Ihrem Fall seinem Ruf gerecht zu werden scheint. Und es ist mir ein ganz kleines bisschen unangenehm, dass ich Ihrem Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden, je nach Lesart möglicherweise nicht nachkomme. Da es sich jedoch um einen dieser albernen offenen Briefe handelt, die der vorgebliche Adressat ohnehin nie zu lesen bekommen wird, kann ich mit Letzterem umgehen. Und Ersteres, nun ja – wo kämen wir denn hin, wenn wir denen ein ganzes Format überließen? Also, von vorn:

Lieber Kevin Großkreutz,

ich will der Wahrheit die Ehre geben und festhalten, dass ich Ihnen gegenüber nicht objektiv bin. Es ist bald sechs Jahre her, dass ich mich an dieser Stelle zum “Kevinismus” bekannt habe – nicht zu jenem Kevinismus, wohlgemerkt, der es für lustig hält, junge Leute ob ihres Vornamens schenkelklopfend zu kategorisieren und zu stigmatisieren, sondern zu einem positiven Kevinismus, einer Begeisterung sowohl für Ihre Art, Fußball zu spielen, als auch für die Überzeugung, mit der sie ihren Verein und mit der sie Fanperspektiven vertraten – und dieser Kevinismus steckt noch immer in mir.

Mir ist bewusst, dass in diesen sechs Jahren bei Ihnen eine Menge passiert ist, sportlich wie auch abseits des Spielfeldes, und nicht alles hat mir Freude bereitet. Sportlich verloren sie einerseits beim BVB zusehends an Boden und Status, trafen zudem eine Wechselentscheidung, die sich als unglücklich erwies; andererseits wurden Sie Weltmeister, und lassen Sie sich bloß nicht einreden, Sie seien ein Weltmeister zweiter Klasse! Neben dem Platz lief immer mal wieder etwas schief, nicht zuletzt im unmittelbaren zeitlichen Umfeld der Weltmeisterschaft, und obschon ich stets dafür plädierte, nicht alles auf die Goldwaage zu legen, junge Männer auch mal übers Ziel hinausschießen zu lassen, frug ich mich auch als Kevinist das eine oder andere Mal, ob sie nicht einen Moment länger hätten nachdenken und zu einem anderen Schluss kommen können.

Vor einem guten Jahr kamen Sie dann zum VfB, von vielen Unkenrufen und ebenso viel Vorfreude begleitet, und Sie können sich vorstellen, welches Gefühl bei mir nicht nur überwog, sondern die alleinige Stimmungslage darstellte.

In mancherlei Hinsicht erfüllten Sie meine hohen Erwartungen. Sie gingen voran, zeigten sich mutig, suchten die Nähe zu den Fans, waren gerade in einer Phase, die für den gesamten Verein eine Zerreißprobe darstellte, die im Übrigen noch lange nicht überwunden ist, ein immens wichtiges Bindeglied zwischen Mannschaft und Fans – wenn schon das Tischtuch zwischen Fans und Vereinsführung fast komplett zerschnitten schien.

Ihr rasches und deutliches Bekenntnis, mit dem VfB in die zweite Liga zu gehen, war beispielhaft, wenn auch leider nicht im erhofften Ausmaß Beispiel gebend, und hat Ihnen – genau wie Ihre Entscheidung, zu früh und noch zu verletzt auf den Platz zurückzukehren, um den Klassenerhalt zu sichern – viel Anerkennung eingebracht. Eine Anerkennung, von der ich glaube, dass Sie Ihnen wichtig ist, wichtiger als vielen anderen Fußballspielern, und wenn ich ehrlich bin, halte ich Anerkennung für einen zu schwachen Begriff. Es geht vielmehr darum, und mehr Pathos habe ich heute nicht zu bieten, in den Herzen der Fans zu sein.

Gewiss, Sie haben auch in der zweiten Liga eine Menge Geld verdient, und es wäre naiv zu glauben, dass der VfB so besonders wäre, dass Sie andernorts, wo auch immer ihr Weg Sie sonst hingeführt hätte, nicht auch eine ähnliche Bindung zu den jeweiligen Fans aufgebaut hätten. Sie interagieren mit den Fans, häufig bekommen Sie viel zurück. Manchmal kann man den Eindruck gewinnen, dass die Anerkennung, um zu diesem neutralen Begriff zurückzukehren, von Seiten der Fans in Ihrer Prioritätenliste möglicherweise einen Tick zu hoch angesiedelt ist. Das macht sie sympathisch, mir zumindest, aber ich zweifle, ob es Ihrem fußballerischen Fortkommen immer zugutekam.

Ich sagte zuvor, Sie hätten meine hohen Erwartungen in mancherlei Hinsicht erfüllt. In sportlicher Hinsicht war dem leider nur bedingt so. Ich sah sie ohnehin ungern als Rechtsverteidiger, einfach weil ich Sie noch aus Ihrer ersten Meistersaison vor Augen hatte, speziell damals, in Leverkusen, Sie wissen schon. Doch leider waren Sie nicht mehr auf diesem Niveau, und, nicht zu vergessen, Ihre Mitspieler auch nicht. Ich erinnere mich an eines Ihrer ersten Spiele im VfB-Trikot, als Sie von einem Ihrer Mitspieler in eine ganz akzeptable Schussposition gebracht wurden, dann aber nicht abschlossen, sondern noch einmal Ihren Mitspieler einzusetzen versuchten, und vor meinem geistigen Auge spritzte Lukasz Piszczek in diesen Ball, den er dann von der Grundlinie nach innen spielen würde, fein vollendet von Shinji Kagawa. Ihr Stuttgarter Mitspieler war indes stehen geblieben. Tja.

Gerne hätte ich Sie weiter vorne gesehen. Mit der nötigen Spritzigkeit, mit Tempo und Dynamik, mit der Torgefahr, die sie einst ausstrahlten und in Stuttgart nur selten zeigten. Ihr Körper schien mir nicht in dem Zustand, dessen es dafür bedurft hätte, und wie groß Ihr Anteil an dieser Situation war, vermag ich nicht zu beurteilen.

Es wäre mir eine Freude gewesen, Sie noch einmal in bestechender Form für den VfB spielen zu sehen, zunächst in der zweiten und bald auch wieder in der ersten Bundesliga, dazwischen als Feierbiest, doch es wird weder mir noch vor allem Ihnen vergönnt sein, dieses Szenario zu erleben.

Und ja, ich bin enttäuscht, dass Sie es anscheinend, Verzeihung, verkackt haben. Ich bin sauer, weil Sie eine Dummheit begangen haben, die das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen brachte, anstatt einen Moment länger darüber nachzudenken. Vielfach habe ich gehört und gelesen, der VfB Stuttgart habe keine andere Wahl gehabt, als sich von Ihnen zu trennen. Vielleicht ist das so. Ich weiß nicht, was Sie genau getan haben, habe nicht die Informationen, die diesen Leuten vermutlich vorliegen, doch offenbar gibt es mindestens einen Aspekt an der Geschichte, der die Vereinsführung bewog, den Stab über Sie zu brechen. Ich hatte mir das nicht vorstellen können und hoffe nur (für sie) bzw. befürchte (für Sie), dass es dafür valide Gründe gibt.

So sehr ich mir übrigens von meinem Verein Transparenz wünsche, so dankbar bin ich ihm aktuell, dass er uns an dieser Stelle mit Allgemeinplätzen abspeist und Sie zu schützen sucht.

Lieber Kevin Großkreutz, ich war tief beeindruckt von Ihrer Entscheidung, sich vor der versammelten Presse zu der Trennung zu äußern und nicht durch die Hintertür zu gehen. Wegducken ist Ihre Sache nicht, dafür zolle ich Ihnen hohen Respekt. Aber mein Respekt ist ebenso irrelevant wie mein Mitgefühl, wie die Tränen, die ich, wie so viele andere, bei Ihrem Abschied nicht zurückhalten konnte.

Vielmehr wünsche ich Ihnen, dass Sie bei denjenigen, die Sie um Entschuldigung gebeten haben, bei denjenigen, die auch lange nach dem VfB und lange nach dem Fußball noch um Sie herum sein sollen, Gehör finden und gemeinsam wieder in eine bessere Spur finden. Alles Gute dafür!

Betrübt,
Ihr

@heinzkamke