Drei Generationen, vier Silben

Ich will es mal so sagen: das größte Kopfzerbrechen während des Spiels bereitete mir die Frage, ob der Sky-Reporter tatsächlich Recht haben könnte mit seiner Überzeugung, dass man Kolašinac auf der dritten Silbe betont. Gefolgt von jener, wieso ich bei Muttern und Vatern so viel Kaffee getrunken hatte, aber das sollte ich vielleicht gar nicht weiter vertiefen.

Die Zuversicht, mit der ich auf Basis der Erfahrungswerte aus den letzten soundsoviel Jahren dem Spiel gegen Schalke entgegengesehen hatte, erfuhr nur in zwei (drei) Situationen eine seismisch nachweisbare Erschütterung: zum einen, als man in der Nachspielzeit der ersten Hälfte Goretzka zum Abschluss einlud, zum anderen in den drei Minuten nach dem 3:1, mit dem Kopfball des Prinzen und der effetvollen Ecke von Tim Hoogland, der seinem gebrauchten Tag in diesem Moment mit etwas Glück doch noch eine positive Wendung hätte geben können. Ansonsten lief es wie erwartet, irgendwie.

Klar kann man das hernach leicht sagen, noch dazu nach einem Wochenende, für das “wie gemalt” als eher vorsichtige Umschreibung durchgeht. Aber Schalke zuhause, so sagte ich mir in der Tat, das passt. Noch dazu, in der laufenden Saison, wenn ich selbst nicht vor Ort sein kann. Natürlich malte ich mir vor dem Spiel auch aus, was eine Niederlage bedeuten würde, und wenn ich ehrlich bin, war mir gar nicht so klar, wieso der VfB ausgerechnet in diesem Spiel zu seiner Schalke-Form finden bzw. wie die Schalke-Formation aussehen sollte; dennoch hatte ich wenig Zweifel daran, dass die Mannschaft als Sieger vom Platz gehen würde.

Ok, ich gebe zu, dass die Erkenntnis, Cacau auch noch in den zweiten 45 Minuten auf dem Spielfeld zu sehen, meinen Puls unmittelbar nach der Pause ein bisschen in die Höhe trieb. Aus Sorge, ihn ohne Huub Stevens’ Zutun keine 45, sondern höchstens noch 15 Minuten spielen zu sehen. Er strafte mich eindrucksvoll Lügen, und ich nahm die Strafe, Anstand und Haltung bewahrend, gerne an.

Ach, und dass Gruezo raus musste, noch dazu just nach dem nicht gegebenen Anschlusstreffer, und dass Konstantin Rausch statt seiner die Mitte verdichten sollte, war emotional auch eher kein idealer Einstieg in die Schlussviertelstunde. Zumal mit meinem Vater ein stets furchtbarer Schwarzmaler neben mir saß. Dabei ist er noch nicht einmal VfB-Anhänger. War ihm aber egal, er malte. Sprach von Statistiken und der VfB-Viertelstunde. Die nichts mit ihrem Hütteldorfer Pendant gemein hat.

Etwas überraschend sprang mir der Wirt, ein KSC-Fan, zur Seite, und wie ich so über Belanglosigkeiten schreibe, fällt mir dann doch auf, wie sehr ich aller vorgegebenen Abgeklärtheit zum Trotz dankbar nach jeder Ablenkung griff, die mich vom Nägelkauen oder vom ständigen Umarmen meines Sohnes (ja, es war eine Dreigenerationenkneipenschau) abhielt. Sie wissen schon, jene Umarmungen, die betrunkene Männer einander gelegentlich angedeihen lassen (mein Trainer, damals, fragen Sie nicht!) und die sich in nichts von dem unterscheiden, was landläufig unter “Schwitzkasten” läuft. Ich kann das halt auch nüchtern.

Ja, Ulreich, wieder. Und ja, klar, Sakai – nachdem ich eine Viertelstunde zuvor noch bemängelt hatte, dass er “Nie!” ins Dribbling geht. Ja, Didavi, der Freistoßdistanzen direkt überwindet, bei denen Allgöwer zweimal nachgedacht hätte. Um dann doch zu treffen, aber das ist eine andere Geschichte. Ja, Harnik, mal wieder. Ja, Traoré, den mein Vater am liebsten adoptiert hätte, und ja, hatte ich schon implizit gesagt, Gruezo.

Und nein, Ibisevic. Die Lebensversicherung auf der Bank, und sie dürfte das nicht gerne mit sich machen lassen. Auch wenn es nicht ganz fern liegt, bei einem auf schnelle Gegenangriffe angelegten Spiel auf typischere Konterstürmer wie Werner oder eben auch Cacau zu setzen, würde es mich sehr interessieren, wie Stevens in diesen Tagen mit Ibisevic kommuniziert. Ob er es überhaupt explizit tut.

Nächster Halt: Hannover. Und meine Überzeugung ist wie weggeblasen. Klar hoffe ich, bin auch zuversichtlich, träume von einer dann doch überraschend frühen Rettung, aber von dieser österlichen Gewissheit, die natürlich keine war, sich aber im Rückblick so anfühlte, ist das doch noch ein ganzes Stück entfernt. Vielleicht kommt sie ja noch.

Und natürlich hab ich mich kundig zu machen versucht. Forvo muss noch passen, Wikipedia sagt [kɔ’laʃinats], es finden sich auch Videos mit k am Ende, zumindest aber haben die bisherigen Ergebnisse eines gemein: die Betonung auf der zweiten Silbe.

 

 

 

 

 

vierzehn/zwanzigdreizehn

Ein Außenverteidiger in Moskau
Sieht Rot bei der letzten Leistungsschau
Sein Bruder tritt
Er haftet mit
Ist jetzt der Gesetzte beim Abwehrneubau.

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Als Chefredakteur (Boulevard),
der die Fratze des Mittelmaß’ war,
galt er vielen als Krittler.
Besser läuft’s als Ermittler:
geht zur Kugelbahn, sieht endlich klar.

 

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Weitere Adventsfünfzeiler gibt’s im Kalender.

Bommel statt Delling

Ich würde nicht so weit gehen, mich als Fan von Mark van Bommel zu bezeichnen, aber als Bewunderer muss ich mich wohl beschimpfen lassen. Das gilt umso mehr nach dem gestrigen Viertelfinale der Niederländer gegen Brasilien. Nicht dass er dabei absolut überragend gespielt hätte. Er war gut, ja, spielerisch nicht sonderlich auffällig, in Sachen Zweikampf vor allem in der zweiten Halbzeit vielleicht spiel- und stilprägend, einfach präsent. Man kann den Standpunkt vertreten, er hätte irgendwann eine gelbe Karte sehen müssen, vielleicht muss man diesen Standpunkt gar vertreten, wenn man es mit den Regeln genau nimmt. Wobei mich diese wiederkehrenden Diskussionen über ausbleibende Verwarnungen für van Bommel oder andere mitunter an jene erinnern, warum Spieler X (in Stuttgart beispielsweise Tiffert oder Hilbert) sich nicht nur bei einem Trainer, sondern bei mehreren nacheinander durchsetzt, allen Unkenrufen zum Trotz. Irgendwas müssen diese Spieler richtig machen, um immer wieder zum Zug zu kommen, genau wie sich van Bommel allem Anschein nach und vor allem in den Augen sehr vieler Schiedsrichter im Rahmen des – manchmal gerade noch – Erlaubten bewegt. Von den gerne mal unterstellten Qualitäten beim Erbringen homoerotischer Dienstleistungen halte ich in solchen Kontexten übrigens wenig.

Nochmal: van Bommel hat gut gespielt gegen Brasilien, aber nicht so gut, dass ich mich deswegen bemüßigt fühlen würde, meine Bewunderung zum Ausdruck zu bringen. Zumal der aufmerksame Leser oder die geneigte Followerin bereits das eine oder andere Mal Gelegenheit hatte, meine Meinung zu van Bommel zu erfahren oder zumindest zu erahnen. Meines Erachtens werden seine fußballerischen Fähigkeiten häufig unterschätzt, weil andere Aspekte, auf die so mancher Beobachter gierig wartet, um wahlweise ihn selbst, den Schiedsrichter oder am liebsten beide anzuklagen, alles andere in den Hintergrund drängen. Geht mir genauso, wenn der VfB gegen die Bayern spielt, aber da muss ich wohl als befangen gelten.

Doch wie gesagt, weder um die Rolle als “Aggressive Leader” noch um seine spielerischen Fähigkeiten soll es hier in erster Linie gehen. Erstere sind unstrittig, letztere sollten es auch sein. Er hat sie bei PSV jahrelang eindrücklich unter Beweis gestellt, in Barcelona zumindest dann, wenn er die Gelegenheit dazu erhielt, und in München bescheinigen ihm objektive Beobachter durchaus ansprechende Leistungen. Gestern indes hat er mich wieder einmal nach dem Spiel beeindruckt. Wer in der Lage ist, 15 Minuten nach dem Abpfiff eben nicht nur das von sich zu geben, was in der Regel reicht, um einen Spieler als intelligent und eloquent wahrzunehmen, also ein paar Sätze vom erwartet starken Gegner, der eigenen mannschaftlichen Geschlossenheit und dem Blick auf den nächsten schweren Gegner, sondern vielmehr das Spiel in seine Einzelteile zerlegt, Stärken und Schwächen beider Mannschaften aufzeigt und nebenbei ganz unaufgeregt seine Verwunderung über die Ansetzung eines japanischen Schiedsrichters zum Ausdruck bringt, hat meinen hohen Respekt. Netzer hin, Scholl her, Klopp sonstwohin: mein Analyst Nummer Eins bei dieser WM heißt Mark van Bommel. Er hat das Spiel verstanden, und das zeigt er auf wie neben dem Platz.

Vielleicht bin ich doch ein Fan.

Im Übrigen habe ich mich sehr über die großartige WM des Artist currently known as Prince gefreut, aber das nur am Rande.