Wer den ersten Fehler macht

So sieht also ein perfekter Spieltag aus.

Alle Tabellennachbarn verlieren oder einigen sich auf ein Unentschieden, das keinem hilft, während der VfB – und hier sind wir an dem Punkt, wo es normalerweise hakt – tatsächlich die Gunst der Stunde nutzt und erstmals in dieser Saison mehr als zwei Punkte zwischen sich und die Abstiegsplätze legt.

Fühlt sich irgendwie gut an, auch wenn mich das am Wochenende etwas zu oft gelesene und gehörte “Stuttgart darf durchatmen” ziemlich irritiert. Wenn man gegen den HSV und in Hoffenheim mindestens vier Punkte holt und die anderen so weitermachen, bin ich zum Durchatmen bereit, zuvor eher nicht. Schön, dass die Spieler das ähnlich zu sehen scheinen. Im Übrigen ist es mir natürlich wichtig, mit meiner Bayern-Illusion recht zu behalten.

Leider war ich kein Teil der allem Anschein nach recht beeindruckenden Stuttgarter Delegation, die die Mannschaft in Köln unterstützte. Vielmehr saß ich in der Fußballkneipe meines Vertrauens und hörte mir an, wie schlecht dieser Japaner doch sei, der lieber bei den Amateuren spielen solle, und dass man doch den Schipplock bringen müsse, und dieser Italiener – furchtbar. Alles wie gehabt, man kennt ja seine Pappenheimer.

Fernsehsport also. Mit Tom Bayer, der dann irgendwann Mitte der zweiten Hälfte, als das Spiel weitgehend gelaufen war, die Meinung vertrat, es sei abzusehen gewesen, dass die Mannschaft, die den ersten Fehler mache, in Rückstand geraten und das Spiel verlieren würde. Nun will ich nicht auf die Stuttgarter Erfahrungen mit Führungen eingehen, die Lauterer Wunden sind noch zu frisch, aber mal im Ernst: wenn es nach den billigen Fehlern ginge, wären wir so ungefähr mit einem 10:10 in die Pause gegangen. Wenn – und nun folgt eine unrecherchierte Beispielsammlung – selbst Hajnal mehr als einen Pass über fünf oder weniger Meter dem Gegner in die Beine spielt, wenn Christian Eichner in einer harmlosen Situation aus 8 Metern nicht in der Lage ist, den eigenen Torwart anzuspielen und statt dessen eine Ecke verursacht, wenn 6 (?) Stuttgarter zusehen, wie Lukas Podolski einen Freistoß an der Strafraumgrenze schnell ausführen und Christian Clemens allein auf den Weg zu Sven Ulreich schicken darf, dann fällt es mir schwer, eine Analyse ernst zu nehmen, die ernsthaft behauptet, man habe damit rechnen müssen, dass der erste Fehler das Spiel entscheide.

Natürlich war der VfB letztlich ein verdienter Sieger, natürlich kann man die erste Halbzeit so darstellen, dass man hinten auf beiden Seiten nichts anbrennen ließ, natürlich war die Steigerung nach der Pause unverkennbar, aber weit von Not gegen Elend war das doch nicht entfernt in Halbzeit eins, oder? Von den offensiven Slapstickeinlagen der Herren Harnik und Okazaki einerseits sowie Kuzmanovic andererseits gar nicht zu reden. So läuft das halt mitunter im Abstiegskampf, da herrscht Verunsicherung, da macht man auch mal leichte Fehler, damit kann ich leben. Aber ich möchte es bitte nicht implizit mit Spielen vergleichen wissen, bei denen sich taktisch bestens geschulte und auch entsprechend agierende Mannschaften gegenseitig neutralisieren, keine Torchancen, nicht einmal minimale Freiräume zulassen und tatsächlich auf den einen Fehler warten, auf die zwei Meter falschen Laufwegs, die die Chance zum Torabschluss eröffnen.

Wie auch immer: der VfB hat also die erste Unsicherheit in der Kölner Abwehr ausgenutzt, Träsch durfte 50 Meter durch das Mittelfeld laufen, und weil sich seine Mitspieler erfolgreich darauf beschränkten, ihre Gegenspieler zu binden, schoss er halt das 1:0. Gut so. Der Doppelschlag beruhigte ungemein, der geschenkte Elfmeter tat das Übrige – schön, dass Kuzmanovic mal die Ecke wechselte.

Wer war eigentlich der letzte Stuttgarter Rechtsverteidiger vor Khalid Boulahrouz, der in einem einzigen Spiel zweimal von der Grundlinie in die Mitte passte? Hinkel? In der Tat gab es, allen Stockfehlern, Befreiungsschlägen und Fehlpässen zum Trotz, und über den reinen Kampfgeist und Siegeswillen hinaus, eine Reihe ansehnlicher Aktionen zu verzeichnen. Cacau setzte die Kollegen verschiedentlich schön in Szene, Hajnal ohnehin, in der zweiten Halbzeit bewegte auch Molinaro auf der linken Seite das eine oder andere, und Träsch hat das Formtief, das die Stuttgarter Zeitung noch am Spieltag mit der Kapitänsbürde in Verbindung brachte, mit der Binde in der Tat wieder abgegeben – ohne dass ich die Kausaliätät so sehen würde.

Gentner und Delpierre wurde zum Schluss von Bruno Labbadia vor Augen geführt, dass sie zur Mannschaft gehören, Schipplock durfte etwas länger ran, ohne allerdings das Vertrauen des Kneipenkrakeelers in Gänze zu rechtfertigen. Egal. Er hat sein Tor am Millerntor gemacht, das ist mehr, als ich mir je von ihm erhofft hatte. Wäre schön, wenn St. Pauli trotzdem vor Wolfsburg bliebe.

Hoffnungsträger Elson

Mit der Überschrift ist eigentlich alles gesagt. Elson, der Elson, der seit Januar 2005 in insgesamt 33 Spielen 4 Tore erzielt hatte, der Elson, der in dieser Saison anderthalb Spiele bestritt, ohne zu überzeugen, der Elson, der schon gefühlte 12 mal aussortiert war. Er war der einzige, dem ich zutraute, in der zweiten Halbzeit durch eine Standardsituation vielleicht doch noch so etwas wie Torgefahr zu kreieren.  Wem auch sonst?

Das heutige Spiel gegen Wolfsburg war das erste, bei dem ich mich so richtig über Bruno Labbadia geärgert habe, bzw. im Grunde hatte es ja schon lange vor dem Spiel begonnen. Konkret: als er sich dem Vernehmen nach ernsthaft darüber beklagte, dass seine Spielvorbereitung unter dem Wolfsburger Trainerwechsel gelitten habe. Selbstvertrauen hört sich so nicht an. Bei Felix Magath klang das anders. Der stellte erst einmal die diskutable These auf, der VfB werde ständig von den Schiedsrichtern bevorzugt – eine Taktik, die schon einmal aufgegangen war, mit welchem Verein auch immer. Um dann beim heutigen Spiel das Rumpelstilzchen zu geben. Von der ersten Minute an führten er und seine Mitarbeiter in schöner Regelmäßigkeit Veitstänze auf, um jedes greifbare Mitglied des Schiedsrichterteams zu beeindrucken. Als er sich dann auch noch über die Behandlungspause für den angeschlagenen Kuzmanovic echauffierte, hatte er es sich endgültig mit dem Stuttgarter Anhang verscherzt. Und ganz gewiss Wirkung erzielt.

Bruno Labbadia blieb indes ruhig. Verscherzt hatte er es sich aber auch. Bei mir. Bei den Umstehenden. Ausführlich diskutierten wir zu Spielbeginn die Frage, ob der VfB nun zu acht, zu neunt oder vielleicht doch zu zehnt antrete. Celozzi! Niedermeier! Und vor allem Gentner, der nicht nur in der Vorwoche unterirdisch gespielt hatte, sondern der sich zu allem Überfluss auch noch auf der – ok, vielleicht ist der Vergleich nicht ganz fair – Özil-Position versuchen sollte. Man hätte sich zumindest vorstellen können, Mamadou Bah anstelle von Gentner und den vor seiner Verletzung starken Khalid Boulahrouz als rechten Verteidiger in der Startelf zu sehen. Man hätte sich auch vorstellen können, Zdravko Kuzmanovic nach seiner Verletzung möglichst schnell zu ersetzen. Nun will ich nicht den guten Jérôme Boateng ins Feld führen – es war durchaus nachvollziehbar, Kuzmanovic noch einmal einen Versuch zu geben. Was es dann allerdings sollte, Elson noch ausführlich die Taktikfibel studieren zu lassen, anstatt ihn stante pede aufs Feld zu schicken, ist mir ein Rätsel. Drei Minuten vor der Pause erscheint es mir persönlich wichtiger, die volle Mannschaftsstärke zu gewährleisten, als dem elften Mann seine Laufwege und Zuordnungen zu erklären. Aber ich bin nur ein Laie. Und der Gegentreffer fiel ja auch erst, als Elson bereits auf dem Feld war.

Natürlich war es bitter, bereits zur Pause zum zweiten Mal wechseln zu müssen, nachdem man ohnehin geschwächt angetreten war. Blieb also noch genau ein Offensivwechsel, um irgendwie einen Ansatz von Torgefahr zu entwickeln. Da kann man natürlich auf die Idee kommen, den jungen Mann einzuwechseln, der eine Woche zuvor den Lucky Punch gesetzt hatte. Auch wenn er insgesamt noch arg brav wirkt und bisher nicht unbedingt durch Handlungsschnelligkeit und Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor aufgefallen war. Woran es mir jedoch vor allem fehlte, war ein wenig Frechheit und Aggressivität. Jene Aggressivität, über die ich mich bei Cacau mehr als einmal geärgert habe – heute hätte ich sie mir gewünscht. Da hätte es sich ja gut getroffen, dass er auf der Bank saß.

Mir ist klar, dass man für Labbadias Entscheidungen gute Gründe ins Feld führen kann. Stefano Celozzi spielte am Millerntor eine ordentliche Partie, Boulahrouz hatte nicht nur eine verletzungsbedingte Pause hinter sich, sondern war auch als Backup für den ebenfalls angeschlagenen Tasci vorgesehen. Schipplock mag Selbstvertrauen ausgestrahlt haben, Cacau noch nicht wieder im Vollbesitz seiner Kräfte sein. Gentner mag, was weiß ich, gut trainiert haben. Und dass man zögert, Kuzmanovic durch Elson zu ersetzen, ist zweifellos nachvollziehbar. Aber insgesamt fand ich Bruno Labbadias Entscheidungen, ganz subjektiv, eher unglücklich.

Eher unglücklich, hm? Wäre schön, wenn man das auch für die Leistung der Mannschaft sagen könnte. Die war aber näher bei schlecht. Uninspiriert. Mit, wieder einmal, verheerenden Abspiel- und Abwehrfehlern. Ungewöhnlich viele Fehler bei Träsch, folgenschwere Fehler bei Celozzi und dem (heute) sonst sehr stabilen Niedermeier, mindestens ein katastrophaler Fehler bei Boulahrouz, dessen anschließende Verunsicherung nicht nur bis auf den Oberrang zu sehen war, sondern vor allem auch als Sinnbild für das Selbstvertrauen der gesamten Mannschaft gelten musste.

Dass man letztlich dennoch nicht mit leeren Händen da stand und Wolfsburg doch noch hinter sich lassen konnte, war einmal mehr den überragenden individuellen Fähigkeiten von Georg Niedermeier geschuldet, der nach einem mutigen Zuspiel von – und hier wird wieder einmal deutlich, wieso Bruno Labbadia Bundesligatrainer ist und ich nur ein mal mehr, mal weniger dilettierend über Fußball Schreibender – Christian Gentner technisch perfekt vollendete. Sven Ulreich hielt den Punkt mehrfach großartig fest.

Meine Horrorvision, die beiden Spiele gegen die grünen Ws, bzw. die weißen Ws auf gründem Grund, punktlos zu absolvieren, ist also abgewendet. Dennoch lief der Spieltag alles andere als optimal. Ein Punkt in Bremen wäre nicht nur deshalb ganz hilfreich. Oder drei.

Ob ich daran glaube? Natürlich.
Mein Hoffnungsträger heißt Elson.

Den Blick nach vorne gerichtet

Wer kennt sie nicht, diese Situationen, in denen alle Beteiligten den Kopf senken, um nur ja nicht angesprochen zu werden. Damals, zu Schulzeiten, wenn es um Vokabeln ging. Oder heute noch, wenn in einer Sitzung eine offene Frage in den Raum gestellt wird, wie zum Beispiel “Wer schreibt das Protokoll?”

Beim VfB Stuttgart ist das Problem etwas anders gelagert. Die Blicke richten sich nicht nach unten, sondern nach vorne. Wörtlich. Wenn Sven Ulreich, den ich bereits des öfteren dafür kritisiert habe (oder gerne kritisiert hätte, es mir aber verkniff), das Spiel konsequent mit einfallslosen langen Abschlägen zu eröffnen, den Ball hat, wenden ihm im Schnitt neun Feldspieler den Rücken zu. Der zehnte heißt Pogrebnyak, steht 20 Meter in der gegnerischen Hälfte und gibt den Mitspielern vermutlich ein Zeichen, wenn der Ball in der Luft ist und sie sich darum bemühen sollten. Ok, das war gelogen. Aber nur der letzte Halbsatz.

Mit Fußball, wie ich ihn mir vorstelle, hat das wenig zu tun. Ich würde mir wünschen, dass der Spielaufbau hinten links oder hinten rechts beginnt. Und zwar nach unmittelbarem Zuspiel vom Torwart und nicht unter Zuhilfenahme des Kopfes eines gegnerischen Mittelfeldspielers. Der VfB fährt da eine andere Strategie. Ich weiß nicht, ob – um willkürlich einen Rechtsverteidiger herauszugreifen – Boulahrouz den Ball im Spielaufbau nicht will, ob er weiß, dass Ulreich ihn ohnehin nicht anspielen würde, oder ob die letzten Trainer es schlichtweg alle verboten haben. Wie auch immer: wenn der Torwart den Ball hat, schauen die Außenverteidiger nach vorne. Und die Innenverteidiger. Und wenn Kuzmanovic nicht auf dem Platz ist, das komplette Mittelfeld.

Es ist ja nicht grundsätzlich schlecht, nach vorne zu schauen. Gegenwärtig hat man gar keine andere Wahl. Nach vorne schauen, zeitlich. Die Vorrunde zwar analysieren, aber dann auch abhaken. Und nach vorne schauen, tabellarisch. Hoffen, dass diesbezüglich irgendwann im Lauf des Frühjahrs der eine oder andere Blick zurück möglich wird.

Mit welcher Mannschaft dies dann geschieht, ist eine spannende Frage. Wird man sich von unzufriedenen oder halbwegs ertragsträchtigen Spielern trennen, um, was weiß ich, einen ehemaligen Weltmeister zu engagieren? Wird, wie mir gestern von einem mit einer Menge fußballerischem Sachverstand gesegneten Freund voller Überzeugung vorgetragen wurde, in der Rückrunde “auf jeden Fall Marc Ziegler im Tor stehen”, um ein Zeichen zu setzen? Ein anderer warf die Frage auf, ob man Delpierre die Binde abnehmen müsse, was unangenehme Erinnerungen an die späte Ära Hitzlsperger weckte.

Ich weiß nicht, ob Bruno Labbadia so tickt. Ob er ein weithin sichtbares Signal geben will und wird, oder ob er das Ganze sachlicher angeht. Auch wenn ich nicht einmal finde, dass es unsachlich wäre, Delpierre in Frage zu stellen. Oder Ulreich. Aber irgendwie glaube ich nicht an gravierende Veränderungen in der Form, das jemand “rasiert” wird. Ich gehe von der einen oder anderen Verstärkung aus, wohl auch von Abgängen (wobei ich befürchte, dass man in dieser Hinsicht am ehesten Namen wie Pogrebnyak oder Kuzmanovic hören wird), und davon, dass Labbadia versuchen wird, an den inneren Strukturen der Mannschaft zu arbeiten. Vielleicht wünsche ich mir das auch nur. Genau wie ich mir wünsche, dass er seine Kritiker Lügen straft. Was er bisher getan und gesagt hat, findet meine Zustimmung. Der Schulterschluss mit den Fans hätte sich, so meine wenig fundierte Ansicht, ohne sein Zutun möglicherweise deutlich schwieriger gestaltet. Zudem setzt er auf Leute wie Pogrebnyak und Harnik, bringt die Mannschaft dazu, an ihre Grenzen zu gehen, ist engagiert, und die ersten spielerischen Eindrücke lassen zumindest mittelfristig wieder auf ein ansehnlicheres Angriffsspiel hoffen.

In Sachen Defensive, der er von Beginn an Priorität einräumte, besteht allerdings noch ein wenig Verbesserungspotenzial. Wobei es auch sehr irritierend wäre, wenn es dem neuen Trainer gelänge, innerhalb einer Woche all jene  katastrophalen Abwehrfehler abzustellen oder zumindest auf ein Minimum zu reduzieren, die sich wie ein roter Faden durch die bisherige Saison ziehen. Sechs rechte Verteidiger kamen zum Einsatz, von denen keiner überzeugte, die Innenverteidigung ändert sich fast wöchentlich – verletzungs-, leistungs- oder auch übermotivationsbedingt, selbst Gentner fiel nur unwesentlich ab -, und links ist Cristian Molinaro gesetz, obwohl er ein Schatten seiner selbst ist, weil Boka in der Offensive die derzeit beste Option darzustellen scheint.

Puh. Ich würde vorschlagen, dass der siebte Rechtsverteidiger, wie auch immer er heißt, den Rest der Saison durchspielt, und dass irgendjemand Herrn Delpierre davon abhält, alle paar Spiele mit völlig unsinnigen Fouls zeigen zu wollen, dass er das Effenberg-Gen in sich hat. Nicht immer endet das so glimpflich wie gestern im Pokal, als er anstelle einer gelb-roten auch zwei glatt rote Karten hätte bekommen können. Und wenn dann Gebhart links offensiv spielt, können Boka und Molinaro ernsthaft um den Platz hinten links kämpfen.

Falls Gentner, Träsch und Kuzmanovic in der Rückrunde noch an Bord sind, werden sie sich wohl weiterhin um zwei Plätze streiten. Bzw.  wenn Träsch nicht grade rechts aushelfen muss, haben wir weiterhin das Duell zwischen Kuzmanovic und Gentner. Dessen Sieger meines Erachtens nur Kuzmanovic heißen kann. Aber er kommt nicht aus der Gegend und wird den Verein eher wieder verlassen als Gentner, dem man wohl etwas mehr Herzblut für den VfB unterstellen kann.

Ich wollte eigentlich keinen Rundumschlag angehen, zumal meine Gedanken von einer profunden Analyse weit entfernt sind. Nur noch zwei Sätze zum Sturm: Cacaus Gemecker ärgert mich. Pogrebnyak und Marica wären die Stürmer meiner Wahl. Wenn Harnik über rechts kommt. Sonst wird’s eng für Marica. Aber letztlich kommt alles ganz anders. Und wer weiß, wenn dieser japanische Stürmer…

Ach ja, gegen die Bayern ging’s gestern wieder. Ich hatte gehofft, dass man die starken ersten 30 Minuten vom Sonntag etwas ausweiten und mit einem 0:0 in die Pause gehen würde. Danach würde man sehen. Nun denn, es kam anders. Ottl war weiter weg als Ribéry am Sonntag, dafür schoss er genauer. Ulreich kennt die Ecke jetzt. Und vermutlich weiß er auch, dass ihm die Bayern gerne mal den Ball durch die Beine spielen. Es ist verdammt schwer, gegen Müller, Gomez und Ribéry zu verteidigen. Was nicht heißt, dass man sie dann am besten gleich gewähren lässt. Schweinsteiger ist, ich muss es so sagen, fantastisch. Alles, und ich meine alles, hat Hand und Fuß. Ich weiß, das ist nicht neu, das wussten auch Bruno Labbadia und die Spieler. Und doch ließen letztere sich nach dem 3:3, das man in Unterzahl kurz nach dem verschossenen Elfmeter doch noch schaffte, als Tölpel darstellen. Nach dem 3:4 war das Spiel gelaufen. Schade. Zumindest weiß man jetzt, dass man in der Lage ist, einen Rückstand wieder aufzuholen. Nicht nur gegen Molde.

Ist die geneigte Leserin der Ansicht, meine Gedanken seien unstrukturiert? Der Leser auch? Dann wird das wohl so sein. Nun denn, immerhin stimmt die Struktur dahingehend, dass ganz am Ende die guten Wünsche zu Weihnachten stehen, der herzliche Dank an Leser und Kommentierer sowie der Hinweis, dass es in den nächsten zwei Wochen hier recht ruhig sein könnte. Bei Fredi Bobic ist das hoffentlich anders.

 

Herbeigeredet

Während der ersten Halbzeit verhielt er sich ziemlich ruhig. Ganz im Gegensatz zu seinem Nebenmann, der sich wieder einmal als Bruddler ersten Ranges erwies und zumeist zwischen halbherziger Anfeuerung für den Gegner und dem Hinweis auf dessen erbärmliches Niveau wechselte, das selbst dem VfB einen Sieg ermögliche. Also wie gehabt.

Er aber, den ich zuvor noch nie in meiner Bundesligakneipe gesehen hatte, unterstützte ganz normal den VfB. Freute sich über das 1:0 und das 2:0, schimpfte ein wenig über die Freiheiten, die Kaiserslautern auf den Außenpositionen hatte, und zeigte sich gleichzeitig beruhigt darüber, dass die Lauterer Flanken nie den Anschein erweckten, jemals einen Abnehmer zu finden. Er beteiligte sich zurückhaltend an den Pausendiskussionen, die erste Hinweise darauf gaben, dass Marica und Gebhart, trotz jeweiliger Torbeteiligung, einen Teil des in der Vorwoche erworbenen Kredits bereits wieder verspielt hatten, und wirkte ansonsten eher untypisch reserviert.

Ab dem 3:0 änderte sich das ein wenig. Nach einem ersten vorsichtigen “Es geht noch 40 Minuten!” wies er so lange und mit leicht ansteigender Lautstärke darauf hin, dass unsere Mannschaft zur Zeit ja ständig Führungen aus der Hand gebe, bis der erste die Geduld verlor und ihm sagte, dass von den zahlreichen Saisonniederlagen des VfB noch keine nach einer eigenen Führung entstanden sei (den Hinweis auf eher seltene Führungen des VfB verkniff ich mir). Diesem durchaus schlagenden Argument schenkte er nur insofern Beachtung, als er den Betrachtungszeitraum ausweitete und Formulierungen wie “halt so allgemein” und “seit Jahren” einfließen ließ. Ach, lass ihn reden, dachte ich so bei mir.

Und wie er redete.
Er redete nach dem 1:3.
Er redete nach dem 2:3.
Er redete nach dem 3:3.

Ich hingegen redete nicht mehr viel. Gelegentlich sprang ich auf, um Maricas Chancenverwertung zu verfluchen, Molinaros Zweikampfverhalten anzuprangern oder Cacau wegen eines dummen Fouls in Strafraumnähe zu verunglimpfen. Weniger impulsiv reagierte ich auf vorhersehbare Entwicklungen, so den Umstand, dass Christian Tiffert zwar im Gegensatz zu vielen anderen ehemaligen Stuttgartern nicht selbst traf, dafür aber alle drei Kaiserslauterer Tore vorbereitete, oder den Kontrollverlust von Babak Rafati, der zu lange auf persönliche Strafen verzichtete und das Spiel danach nicht mehr so recht einfangen konnte.

Selbstverständlich redete er in der Zwischenzeit weiter und bemühte sich nach Kräften und mit zunehmend nennenswerter Unterstützung durch oben genannten Nebenmann, den Siegtreffer für die Gastgeber herbeizureden. Es gelang ihm nicht, weil Sven Ulreich Bugeras Freistoß in der Nachspielzeit parierte. Vielleicht sollte ich mir die Bemerkung verkneifen, dass sich Jens Lehmann in dieser Situation eher nicht quer in die Luft gelegt, den Ball aber sicher gefangen hätte. Will sagen: es ist durchaus angemessen, Ulreich für die Aktion zu loben; dabei darf man es dann aber auch bewenden lassen. Nicht jede Parade, der ein Torhüter einen glänzenden Anstrich verleiht, ist gleich eine Glanzparade.

3:3 also. Der Herbeireder gab sich letztlich doch wieder als VfB-Anhänger zu erkennen, der betrunkene 60er-Fan, der sich zur Pause noch als Glücksbringer wähnte, gab seine Hoffnung, künftig bei jedem VfB-Spiel eingeladen und verköstigt zu werden, wieder auf, und ich verließ den Ort des Geschehens so rasch wie möglich, um mich einem gelungenen Lebensmittel-Frustshopping hinzugeben.

Später am Abend und insbesondere heute morgen tat ich mich ein wenig schwer mit den Lobpreisungen im deutschen Fernsehen. Ich hatte kein überragendes Spiel gesehen und kann mir bei neutralen und zumindest minimal kundigen Zuschauern nur schwer überschäumende Begeisterung ob der Partie vorstellen. Natürlich kann man angetan sein ob des Verlaufs, beeindruckt von der Aufholjagd, verzückt ob der Tore von Ilicevic und Boka, berührt von der Fritz-Walter-Choreografie vor dem Spiel. Aber von der Spielanlage her war das doch eher durchschnittlich, oder täusche ich mich da?

Die frühe und deutliche Führung des VfB war weniger die Folge einer zwingenden und strukturierten Offensivleistung, als vielmehr das Ergebnis gelungener einzelner Aktionen, die insbesondere vor dem zweiten und dritten Tor von haarsträubenden Abwehrfehlern begünstigt wurden. Mir fehlt auch ein bisschen das Verständnis dafür, dass die Mannschaft nicht nur, wie von Jens Keller, angekündigt, “etwas tiefer” stand als gegen Bremen, sondern Kaiserslautern bereits in der ersten Halbzeit bis 30 Meter vor dem eigenen Tor recht ungestört agieren ließ. Funk hatte einen gebrauchten Tag erwischt, was Rivic vom Halbfeld bis zur Grundlinie ausnutzte. Wären seine Hereingaben angekommen, hätte sich wohl schon früher ein anderes Spiel entwickelt. Auf der linken Seite schaffte es Molinaro immerhin, die Flankengeber im Halbfeld zu binden, sodass die Gefahr überschaubar blieb – zumindest in der ersten Hälfte. Danach fielen die ersten beiden Tore über Molinaros Abwehrseite, das dritte – auch das keine Überraschung – aus einer Standardsituation. Die rechte Seite wirkte mit Boulahrouz kurzzeitig etwas stabiler als zuvor, aber bereits vor dessen Auswechslung ging der ganz offensichtlich (und keineswegs überraschend) verunsicherten Mannschaft die Ordnung in der Defensive weitestgehend verloren.

So etwas passiert. Trotz des deutlichen Sieges gegen Bremen wäre es angesichts des bisherigen Saisonverlaufs vermessen, ein selbstbewusst agierendes Team zu erwarten, das der Aufholjagd mit breiter Brust und dem Vertrauen in die eigene Stärke entgegen tritt. So weit sind sie gegenwärtig nicht. An Delpierre, der gestern erneut nah an der Schwelle zum Frustfoul stand, kann sich die Defensive noch nicht wieder im nötigen Maß anlehnen, nach vorne fehlt die Überzeugung, um die wenigen Situationen, in denen man sich nicht blind befreit oder den Ball anderweitig viel zu schnell wieder abgibt, konsequent abzuschließen.

Ich hoffe, dass sie bald zurück kommt. Damit man dem Herbeireder ein völlig entspanntes “IN YOUR FACE!” entgegenflüstern kann.

Standardfloskeln

Endlich habe ich wieder einmal ein VfB-Spiel anschauen können, nachdem ich von den Partien in Chemnitz und gegen St. Pauli so gut wie nichts gesehen hatte. Soviel zum Positiven.

Ok, war vielleicht auch nicht anders zu erwarten. Schließlich hatte die Stuttgarter Zeitung schon morgens über die aktuellen Problemfelder der Mannschaft informiert.

Über Zdravko Kuzmanovics “Gehabe” bei Freistößen, beispielsweise, und darüber, dass “die Qualität seiner Freistöße mit der Show davor nur selten mithalten” könne. Interessante Sichtweise, wenn man sich mit einem Verein beschäftigt, der in Sachen Freistöße noch immer dem frühen Balakov nachtrauert, bei dem der letzte vor Kuzmanovic direkt verwandelte Freistoß vermutlich der von Toni da Silva im DFB-Pokal-Halbfinale 2007 war [Korrektur: Hitzlsperger traf zuletzt im Mai 2009, zudem gab es noch mindestens drei weitere] und wo Kuzmanovic nach nicht einmal einem Drittel der laufenden Saison drei direkte Freistoßtore in Pflichtspielen zu verbuchen hat. Da ist es mir – das mag an meiner Oberflächlichkeit liegen – eigentlich ziemlich egal, was er vor dem Schuss tut. Und wie er hinterher jubelt. Aber meine Psychologiekenntnisse sind bestenfalls rudimentär. Vielleicht spaltet ein gemeinsamer, noch dazu eingeübter Torjubel zweier Spieler ja tatsächlich die Gruppe und verstärkt die Isolation von Ersatzkapitän Cacau. Vermutlich haben die Experten recht. Das Spiel in Wolfsburg hat sie zumindest nicht widerlegt.

Auf die schlechte Kommunikation und das nicht funktionierende Team wurden wir ebenfalls hingewiesen. Es mag durchaus sein, dass die Mannschaft interne Reibereien hat, auch Martin Harnik hat sich gestern bei Sport im Dritten nicht gegen die Andeutung gewehrt. Das jedoch daran festzumachen, dass in Chemnitz Ciprian Marica zum Elfmeter antrat, “obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich klar war, dass er an diesem Tag kein Glück haben würde” und dass es “in einem funktionierenden Team […] Spieler gegeben [hätte], die Marica zumindest auf die Gefahren bei diesem Strafstoß hingewiesen hätten”, finde ich, nun ja, ungewöhnlich.

“Elfmeter? Ich mach ihn rein!”
“Bist Du sicher, Cipi?
“Klar bin ich sicher. Ich bin Stürmer!”
“Dann lass mich Dich wenigstens kurz auf die Gefahren hinweisen. Bist Du Dir darüber im Klaren, dass Du auch scheitern könntest, gerade heute, wo Du ohnehin keinen Ball triffst? Dann scheiden wir möglicherweise aus, der Trainer muss gehen und Du sitzt am Wochenende nur auf der Bank.”

Entschuldigung, da ging wohl was mit mir durch.

Zurück zum Wolfsburg-Spiel. Mit einer gewissen Berechtigung wies der Sky-Reporter verschiedentlich darauf hin, dass der VfB von Verletzungen geplagt sei, dass 8-10 Spieler fehlten. Ich nickte wissend, um mich dann zu fragen, wie vielen der 10 ich zutrauen würde, der Mannschaft zu einem Leistungssprung zu verhelfen. Dem gesperrten Delpierre. Und, äh, keinem. Ok, anders gefragt: wie viele von den 10 ich bei völliger Fitness in der Startelf hätte sehen wollen. Didavi. Und, hm, Audel. Ach nee, gleiche Position.

Tja. Wie bereits verschiedentlich gesagt: der VfB hat einen soliden Bundesligakader mit braven Bundesligaspielern. Spieler von internationalem Format, wie man sie im Vorjahr mit Khedira, Lehmann (ja, ja) und gelegentlich Hleb hatte, sind gegenwärtig eher spärlich gesät. Extrem spärlich.

Wenn also die Individualisten fehlen, trifft es sich ja ganz gut, dass der Trainer in verschiedenen Medien dahingehend zitiert wird, dass man für taktische Einheiten gegenwärtig “keine Zeit” habe. Ist ja auch nicht nötig, schließlich sei man gegen Wolfsburg, so Trainer Keller, gut gestanden und habe nur wenig zugelassen. Nur die Standards, an denen müsse man wohl noch arbeiten. Ganz ehrlich: ich habe diese Trennung noch nie verstanden. Wenn ich im “normalen” Spiel ganz gut verteidige, bei jedem einzelnen Eckball und jeder Freistoßflanke jedoch ein Gegentor in der Luft liegt, dann habe ich einfach nicht gut verteidigt. Standardsitauationen sind Teil des Spiels. Integraler Bestandteil. Für viele Mannschaften eines der wichtigsten taktischen Mittel. Zum Beispiel für Mannschaften, die einen Spieler wie Diego in ihren Reihen haben, der mit ruhenden Bällen durchaus etwas anzufangen weiß. Da könnte man sich vielleicht drauf vorbereiten. Und bitte nicht hinterher sagen, dass man doch bis auf die Standards ganz gut ausgesehen habe.

Ach, egal. Ich bin sauer. Schon wieder. Und unstrukturiert. Und kann gar nicht all die Dinge aufzählen, über die ich mich ärgere. Egal, ob es Celozzis unsinnige Halbfeldflanken sind, Molinaros(!) unsinnige Halbfeldflanken, Gentners Alibispielweise, Cacaus Aufstellung als Stoßstürmer, Boulahrouz’ Kerze, Kuzmanovics Handlungsgeschwindigkeit, Harniks überhasteter Abschluss, Ulreichs… Halt, Schweigegelübde! Undsoweiter undsoweiter.

Aber natürlich wendet sich alles zum Guten – vielleicht noch nicht gegen Getafe, aber am Sonntag gegen Werder.