"Du bist schlecht informiert"

Es dürfte die geneigte Leserin nicht überraschen, dass in meinem sozialen Umfeld recht häufig über Fußball geredet wird. In vielerlei Facetten, mit unterschiedlich ausgeprägtem Fachwissen und einer recht großen Bandbreite hinsichtlich der Bedeutung, die man dem Thema beimisst. Das ist, selbstverständlich, völlig in Ordnung, so wie es meines Erachtens auch völlig in Ordnung ist, dass ich Fußballgespräche mit eher oberflächlich interessierten Leuten tendenziell rasch beende bzw. in eine andere Richtung lenke. Oder auch mal auf Erklärbär mache.

Vermutlich geht es anderen im Umgang mit mir ähnlich. Nein, ich kokettiere nicht. Es gibt schlichtweg Facetten des Spiels, oder des Drumherums, die mich nur rudimentär interessieren. Ablösesummen, zum Beispiel. Ich nehme sie zur Kenntnis und vergesse sie wieder. Klar, damals, als die ersten Millionentransfers abgewickelt wurden und ich restlos alles aufsaugte, was ich an Fußballbezogenem lesen konnte, waren auch Ablösesummen spannend, und auch heutzutage nehme ich Diskussionen über die Herren Bale, Neymar oder de Bruyne wahr. Aber schon jetzt könnte ich nicht mehr sagen, wie viel Geld der VfB für Mohammed Abdellaoue oder Carlos Gruezo bezahlt haben soll, nicht einmal beim immer wieder gerne angeführten Yildiray Bastürk weiß ich es mehr.

Anderes Thema: YouTube-Videos aus der zweiten indonesischen Liga, oder auch aus der ersten portugiesischen. Italienischen. Spanischen. Ich habe da manchen begabten Scout im Bekanntenkreis, oder auch in der Twitter-Timeline, der, wohl auch die, restlos jeden Fußballspieler kennt, der jemals über die Rolle eines Statisten auf weltfussball.de hinausgekommen ist. Ich bewundere das, folge manchmal einem Link oder einer anders ausgesprochenen Empfehlung, diskutiere auch gern mit diesen Leuten, aber ich kann ihnen wenig zurückgeben. Bis auf Steven Gerrard und John Terry gibt es vermutlich keinen Premier-League-Spieler, dessen Vereinshistorie ich annähernd unfallfrei hinbekomme, bei vielen italienischen Nationalspielern wüsste ich nicht einmal den aktuellen Verein.

Schön, dass dennoch so viele Leute mit mir über Fußball reden. Über die Lage beim VfB, so wir denn, anders als ich in dieser Woche, das jüngste Spiel nicht komplett verpasst und hernach bewusst ignoriert haben, aber auch den bevorstehenden WM-Titel, über lokalen, regionalen und internationalen Fußball. Wir besprechen Regelfragen und sportliche Entwicklungen, gelegentlich gar Transfergerüchte und -wünsche, außergewöhnliche Tore, faszinierende Pässe oder auch anstehende Trainer- oder Sportdirektorenwechsel. Und alle kennen sich mehr oder weniger gut aus, beim einen Thema mehr, beim anderen weniger.

Also informiert man sich. Will mitreden können. Und ist dann fast peinlich berührt, wenn man erstmals von etwas hört oder liest, das man nicht recht glauben kann bzw. von dem man überzeugt ist, dass alle anderen es längst wissen. So wie vor einigen Wochen, als ich irgendwo las, dass es nicht möglich sei, nach der winterlichen Transferperiode, also nach dem 31. Januar, noch vertragslose Spieler zu verpflichten. Hatte ich noch nie gehört, und irgendwie zweifelte ich auch ein wenig, stellte aber keine vertiefte Recherche an. Von wegen „also informiert man sich“!

Die jüngste Wechselperiode ist mittlerweile Geschichte, das Thema stellte sich weder während noch nach ihr, zumindest nicht so öffentlichkeitsträchtig, dass ich es mitbekommen hätte, und rückte dementsprechend in den Hintergrund. Bis dann in der vergangenen Woche der private wöchentliche Kick das eine oder andere sportliche Defizit zutage treten und nicht nur abstrakte Rufe nach Verstärkungen laut werden ließ, sondern ganz konkret nach dem einen oder anderen vertragslosen (Ex?)-Profi.

Dass das Ganze nur im Spaß ablief, versteht sich von selbst, aber wer hat schon seine Synapsen im Griff? So wandte ich also ein, dass es meines Wissens gar nicht oder nicht mehr möglich sei, vertragslose Spieler nach dem 31. Januar zu verpflichten, was bei den Umstehenden eher reservierte Reaktionen hervorrief, oder, um den leisen Zweifel in Worte zu fassen:

„Vertragslose Spieler kann man selbstverständlich jederzeit verpflichten.“

Was ja bis vor kurzem auch mein Kenntnisstand gewesen war, und so brachte mich eine Mischung aus Skepsis gegenüber meiner (nicht mehr zuordenbaren) Quelle auf der einen und dem Gedanken, dass ich möglicherweise schlicht falsch gelesen oder verstanden haben könnte, auf der anderen Seite zunächst davon ab, das Thema weiterzuverfolgen.

Dass es mich dann doch nicht losließ, dürfte nicht sonderlich überraschen, und so googelte ich tags darauf ein wenig herum, fest davon ausgehend, sehr rasch zu einem durch zahllose Quellen belegten eindeutigen Ergebnis zu gelangen. Doch mitnichten – die Quellenlage war weder üppig noch eindeutig. Glücklicherweise lieferte wenigstens der DFB Aufklärung:

„Der 31. Januar ist für Manager aller Couleur ein Fix-Termin im Kalender. Es ist die letzte Chance, Schwachstellen und Engpässe im Kader zu korrigieren. Dann nämlich schließt das sogenannte Transferfenster II, danach können nur noch vertragslose Spieler verpflichtet werden.“

(Leider kann ich den Text nicht im Original verlinken. Dazu später mehr.)

Womit alles klar war. Also doch! Jetzt nur noch die entsprechende paragraphenbewehrte Stelle heraussuchen und das Thema wäre durch. Als einschlägige Quelle drängte sich die Lizenzordnung Spieler (LOS) auf, die in §14 Nr. 2c (oder, für Laien wie mich: auf Seite 19) folgendes besagt:

„In einem Spieljahr kann ein Vereinswechsel eines Vertragsspielers, der am 1. Juli vertraglich an keinen Verein als Lizenzspieler oder Vertragsspieler gebunden war und daher bis zum 31. August keine Spielerlaubnis für einen Verein, auch nicht als Amateur, hatte, außerhalb der Wechselperiode I bis zum 31. Dezember erfolgen. Das gilt für nationale und internationale Transfers. Die Verträge müssen eine Laufzeit bis zum 30. Juni eines Jahres haben.“

Hm. Eigentlich klang das gar nicht so, als dürfe man nach der Wechselperiode II noch vertragslose Spieler verpflichten, fand ich. Eher so, als könnten sie zwar außerhalb der Wechselfristen einen Vertrag unterschreiben, aber eben nur im alten Jahr, in der Vorrunde, quasi. Was auch zu meiner Ausgangsinformation gepasst hätte. Aber hey, wenn der DFB es auf seiner Website explizit anders darstellt? Ok, sind auch nur Menschen, außerdem komme ich mit DFB und DFL eh immer durcheinander, und wer weiß, wer da was weiß?

Was mich dann zur ultimativen Informationsquelle greifen ließ: der Weisheit der Vielen, in diesem Falle, wie so oft, repräsentiert durch Twitter. Die Formulierung des Tweets nahm einige Zeit in Anspruch. Schließlich galt es, gleichzeitig durchblicken zu lassen, dass man es eigentlich wusste und nur eine Bestätigung benötigte; andererseits sollten die Antworten der vielen Weisen ja auch nicht beeinflusst werden. Letztlich kam das hier heraus:

Anders als der Verfasser des Tweets ließen sich die Antwortenden eher wenig Zeit. Binnen Sekunden gingen die ersten Antworten ein und bildeten dann einen langen, ruhigen Fluss mit relativ deutlicher Aussage:

„Ja.“

So lautete zumindest die deutliche Mehrheit der Antworten, und in aller Regel ließen sie wenig Zweifel zu. Viele lieferten Beispiele, um ihre Antwort zu belegen, einige wiesen darauf hin, dass alles andere arbeitsrechtlich wohl nicht haltbar wäre.

Das Ganze zog sich eine Weile hin, möglicherweise stelle ich die Chronologie nicht mehr ganz korrekt dar, aber natürlich gab ich mich mit bloßen gefestigten Meinungen und Zusicherungen der eigenen Vertrauenswürdigkeit nicht zufrieden. Vielmehr erbat ich Quellen und Verweise, und wies zudem verschiedentlich darauf hin, dass die genannten Beispiele eben nicht einschlägig seien, weil unter anderem Manuel Friedrich und Timo Hildebrand jeweils zwar außerhalb der Transferfenster, aber bereits im Herbst von Schalke bzw. Dortmund verpflichtet worden seien, Ali Karimi gar rechtzeitig am 31.1.

Auch andere belegende Quellen kamen eher tröpfchenweise. Herr @lizaswelt hatte ebenfalls den oben genannten Text auf dfb.de gefunden, aber auch einen dem widersprechenden bei der Springer-Presse, und in mir wuchs die Überzeugung, dass an der Ausgangsthese wohl doch was dran sein müsse. @torstenwieland brachte schließlich einen alten Text der VdV ans Tageslicht, den ich, was nicht für meine Recherchekompetenz spricht, bei einem kurzen Besuch auf deren Website nicht gefunden hatte und der eine Unterschriftenaktion gegen ein „Berufsverbot“ vertragsloser Profis zum Thema hat:

Vereinslose Profis können in Deutschland grundsätzlich noch bis zum Ende der Transferperiode II am 31. Januar 2012 verpflichtet werden. Für die übrigen Spieler ergibt sich allerdings ab dem 1. Februar 2012 das bekannte Problem, dass ein Wechsel in Deutschland grundsätzlich erst wieder in der Transferperiode I im Sommer 2012 durchgeführt werden kann.“

Das war recht deutlich. Meine Repliken auf die Ja-Sager wurden selbstbewusster:

Zudem gewannen die (auch zuvor schon vorhandenen) Aussagen, die ein Recht auf die Verpflichtung vertragsloser Spieler nach dem 31.1. verneinten, zwar noch nicht die Oberhand, aber doch einen nennenswerten Anteil. Als dann auch noch Herr @scherben81 jenen Text ausgrub, den ich als den erkannte, den ich Wochen zuvor gelesen hatte, und den ich offensichtlich nicht missinterpretiert haben konnte, war meine Meinung quasi in Stein gemeißelt. Ohne den kicker als Verkünder endgültiger Wahrheiten preisen zu wollen.

Blieb die Frage nach dem Artikel auf dfb.de. Ich frug per Twitter nach, erhielt aber zunächst keine Antwort aus der Otto-Fleck-Schneise, oder wo auch immer das Social-Media-Team des DFB sitzt. Herr @artus69, der seinerseits Zweifel an „Unterschiede[n] bei Sommer- und Wintertransferfenster“ geäußert hatte, führte dann den Durchbruch herbei, indem er @maxgeis, dessen Aufgabe ich nicht genau kenne, der aber in verschiedenen Quellen als Pressebeauftragter des DFB genannt wird, in das Gespräch einbezog. Und tatsächlich ließ die Klärung nicht mehr lange auf sich warten:

Meine Nachfrage hinsichtlich eines offiziellen Dokuments beantwortete er ebenfalls:

Das genannte Dokument enthält in §23 Nr. 1.3 eine minimal abgewandelte Version der oben zitierten Formulierung in der LOS, ohne nach meiner Lesart in relevanter Weise davon abzuweichen.

Anschließend entspann sich in der Timeline noch ein kurzer Austausch über die Frage nach dem Unterschied zwischen den Phasen nach den beiden Wechselperioden. Die Begründung scheint wohl zu sein, dass man Sorge hat, durch Wechsel im Frühjahr relativ kurzfristig Einfluss auf die zum Saisonende hin anstehenden Entscheidungen zu nehmen, worüber man sicherlich kontrovers diskutieren kann:

Parallel dazu griff Max Geis auch noch die an den DFB gerichtete Twitteranfrage hinsichtlich des oben zitierten Artikels auf dfb.de auf, der offensichtlich fehlerhaft gewesen war, und kündigte eine Korrektur an, die tatsächlich sehr rasch erfolgte und dazu führte, dass ich, wie oben ausgeführt, den besagten Absatz nur noch über Umwege zitieren konnte.

Wie auch immer: es war, nein: es ist geklärt. nach dem 31.1. können auch keine vertragslosen Spieler unter Vertrag genommen werden.

„Alter Hut, eh klar, hätte ich Dir gleich sagen können“, mag der eine oder die andere nun kopfschüttelnd ausstoßen. Leider war er oder sie neulich aber nicht greifbar, und so ergab sich eben die hier eher so mittelkurz skizzierte Diskussion, die mir wieder einmal vor Augen führte, dass es manchmal gar nicht so peinlich ist, etwas nicht zu wissen. Man ist selten der einzige, nicht einmal, wenn man sich unter Leuten tummelt, die sich in aller Regel verdammt gut auskennen.

Natürlich kann man die ganze Frage auch kürzer abhandeln (ab 3:00):

(via @clubfans_united)

Pflichtgelb!

Käme ich aus irgendeinem Grund in die Verlegenheit, eine Antwort auf die Frage geben zu sollen, welcher Bundesligaspieler bei mir die stärksten Begeisterungsstürme auslöst, dann wäre Mario Götze zweifellos in der allerengsten Auswahl. Was vermutlich nicht in den Ruch einer exklusiven Meinung geraten dürfte. An Superlativen mangelt es nicht, an Vergleichen mit Größen von gestern und heute ebenso wenig, und wer ihm ein Weilchen zusieht, hat nicht nur – so er oder sie sich der Schönheit des Spiels verschrieben hat – ein bisweilen recht widerstandsfähiges Lächeln auf den Lippen, sondern vergisst auch gerne mal, dass er (oder noch immer auch sie) einem 20-Jährigen zusieht, der sich seiner überragenden Fähigkeiten sehr wohl bewusst ist, sie aber in den seltensten Fällen um ihrer selbst willen einsetzt, sich eben nicht an sich selbst berauscht, sondern diese Fähigkeiten bemerkenswert zielstrebig in den Dienst seiner Mannschaft stellt.

Vermutlich ist es in ganz besonderem Maße die Neigung (und die Fähigkeit), einfache Lösungen zu wählen, die mich an seinem Spiel begeistert. Ob das nun daran liegt, dass die Lösungen tatsächlich so einfach, mitunter schlicht sind, oder eben doch daran, dass sie nur dem Ausnahmespieler leicht fallen, nur von seinesgleichen auf das Notwendige reduziert umgesetzt werden können, der zudem weiß, dass seine Geniestreiche (sic!) nicht mit Schleifchen oder sonstigem Beiwerk verziert zu werden brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten.

Mir ist klar, dass diese Einschätzung beim einen oder der anderen Widerspruch hervorrufen muss. Zu außergewöhnlich wirkt Götzes Spiel mitunter, zu spektakulär sind die Aktionen, an denen er häufig entscheidend beteiligt ist, auch wenn es nur eine Reihe von Flachpässen ist, die gerade wegen ihrer Einfachheit … oh, da habe ich mich verrannt. Ernsthaft: natürlich hat er spektakuläre Einzelaktionen drauf, und auch drin, in seinem Spiel. Die beeindrucken mich dann auch.

Nachhaltiger wirken auf mich indes die kleinen Aktionen, wie jener rasche Querpass an der Außenlinie, der in seinem ersten (?) Länderspiel dem Mitspieler unvermittelt einen riesigen, mir selbst bis dahin komplett verborgenen Raum eröffnete. Dass ich Sekundenbruchteile später an Uwe Bein und jene kurze Ballstafette zurückdachte, die sein linker und sein rechter Fuß im Stand vollführten, um dann den Mitspieler mit einem schnöden Dreimeterpass allein in Richtung Tor zu schicken, ist gleichermaßen hoch gegriffen wie, aus meiner Sicht, angemessen.

Und dabei bin ich noch nicht einmal darauf eingegangen, wie souverän ich ihn abseits des Spielfeldes wahrnehme. Ohne den Müller’schen Schalk, gewiss, aber eben auch ohne die Standardplattitüden, die wir alle kennen. Einfach wie ein ernsthafter und nicht ganz auf den Kopf gefallener junger Mann, der zufällig ungewöhnlich gut Fußball spielen kann.

Genug der Lobhudelei. Die nicht dazu dienen sollte, die Fallhöhe zu maximieren – zum einen liegt es weder in meiner Macht, ihn zu erhöhen noch ihn fallen zu lassen, zum anderen will ich ihn keineswegs fallen sehen. Es ist nur so, dass ich ihn manchmal nur ganz schwer ertragen kann. Zunehmend häufig, um genauer zu sein. Was wenig bis nichts mit den Schlagbewegungen zu tun hat, die er Georg Niedermeier am vergangenen Sonntag nicht nur in der einen, öffentlich ausführlich diskutierten, Szene Mitte der zweiten Halbzeit angedeihen ließ, sondern eben auch schon, so meine Wahrnehmung in Echtgeschwindigkeit, in der ersten Hälfte. Nicht schön, eher ärgerlich; allerdings habe ich angesichts dessen, was er häufig einstecken muss, einiges an Verständnis dafür übrig. Weitere kleine Schwäche meinerseits.

Dass er mich mitunter furchtbar nervt, hängt auch nicht damit zusammen, dass er ein wenig Gefahr zu laufen scheint, gelegentlich seinen beiden Vorturnern an und auf der Linie nachzueifern – wobei „auf“ der Linie insofern nicht so ganz stimmt, als der Dortmunder Torwächter seine Mission, bei jedem Pfiff des Schiedsrichters mindestens dreißig Meter aus dem Tor zu stürzen, in aller Konsequenz umsetzte. Kann man natürlich machen; mir war’s eher unsympathisch. Was aber, so ehrlich will ich gerne sein, daran liegen mag, dass ich Roman Weidenfeller noch nie mochte. Schon damals in Kaiserslautern war er stets etwas mehr Gerry Ehrmann, als ich für angenehm und angemessen hielt, und im Lauf der Jahre blieb er für mich, insbesondere abseits des Platzes, das Gesicht jener Torwartschule, mit bekanntem zwischenzeitlichem Tiefpunkt.

Was übrigens nichts daran ändert, dass er ein vorzüglicher Torwart ist. Wie er den Kopfball von Niedermeier (?) gleich zu Spielbeginn von der Linie wischte, nötigte mir großen Respekt ab. Wie übrigens auch das Spiel des VfB, den ich spielerisch seit langem nicht so gut, nicht so vielseitig sah wie gegen Dortmund – woran Alexandru Maxim nicht ganz unschuldig war. Auch seine Mitspieler machten deutlich, dass sie, dass wohl auch der Trainer es ernst gemeint hatte mit der Ankündigung, wieder besseren Fußball spielen zu wollen. Dass sie dabei mit der nötigen Aggressivität aufgetreten sind, begrüße ich. Dass sie dabei gelegentlich mit unnötiger Aggressivität aufgetreten sind, missfiel mir. Missfiel mir übrigens auch, obschon seltener gesehen, bei Dortmundern.

Doch zurück zu den Stuttgartern und ihrem fußballerisch unerwartet guten Auftritt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, es könnte ihnen ähnlich gegangen sein wie mir. Wie es mir ging? Nun, ich fühlte mich, wie soll ich sagen, gelöst. Ja, gelöst trifft es wohl am besten. Natürlich ist das Problem mit dem Kopf und dem Gestank noch nicht gelöst, und zweifellos ist Herrn Professor Hundt zuzutrauen, den VfB in der Präsidentenfrage von der Traufe in die Traufe zu führen; meine Stimmung hat sich im Lauf der Vorwoche gleichwohl extrem verbessert, möglicherweise könnte man von einer Art Aufbruchstimmung sprechen, bei mir, und vielleicht auch bei den Spielern. Wollen halt auch nicht ständig angeblafft werden. (Was in diesem Fall nichts mit Herrn Weidenfeller zu tun hat.)

Ob der VfB wirklich so gut war, wie ich glauben will, weiß ich nicht so recht. Die Vereinsbrille vernebelt dann ja doch ein wenig den Blick. Möglicherweise war es auch ihr geschuldet, dass ich Niedermeiers gelbe Karte für falsch hielt. Wie übrigens auch der kicker, den ich aber nicht als Kronzeugen aufführen möchte, sondern lediglich als eine Stimme unter vielen, einer gewissen Ausgewogenheit wegen – die anderen, kritischeren, waren laut genug zu hören und zu lesen. Vielleicht lag es auch an jener roten Brille, dass ich mich so furchtbar über die Einwurfentscheidung echauffierte, die das 0:1 ermöglichte. Oder darüber, dass das taktische Foul gegen Harnik, der rechts durch gewesen wäre, keine Verwarnung nach sich zog. Seriös beurteilen konnte ich die Situation natürlich nicht, zu weit war ich entfernt vom Geschehen.

Genauso wenig übrigens, wie ich Santanas Handkontakt im Strafraum seriös beurteilen konnte (und kann, ich habe kaum Spielszenen auf dem Bildschirm gesehen) – dass daraus indes unmittelbar die zweite spielentscheidende Situation zu Ungunsten des VfB folgte, nämlich Niedermeiers Platzverweis, war für den gemeinen Heimfan sehr bitter: kein Elfmeter, dafür ab sofort zu zehnt. Weswegen wir bereits in der Stadtbahn, vergebens, nach Spielberichten suchten, in denen deutlich würde, wie übel Deniz Aytekin dem VfB mitgespielt habe.

Nun denn. Die Schlagzeilen waren andere. Mit Marcel Schmelzers Nase als Aufhänger. Was meines Erachtens bereits einiges über die Seriosität der Betrachtung aussagt. Natürlich sah die Szene übel aus, natürlich war sie für Marcel Schmelzer bitter, natürlich war es ein Foul, natürlich ist es Unsinn, Martin Harnik Böses bis hin zu einer Verletzungsabsicht zu unterstellen.

Dass selbst der von mir sehr geschätzte Jürgen Klopp seine Überhärtethese anhand dieser Szene zu exemplifizieren sucht, überrascht mich. Um es neutral auszudrücken. Enttäuschung ist so ein großes Wort.

An dieser Stelle möchte ich dann doch noch, vermutlich erstmals (?) in diesem kleinen Internettagebuch, explizit den kicker zitieren, der zwar die fast schon kloppeske Überschrift „Jagdszenen in Stuttgart“ wählte, sich dann aber doch angenehm sachlich mit der Materie, konkret: den ins Feld geführten Dortmunder Verletzungen, auseinandersetzte:

„Geht man die Blessuren im Einzelnen durch, relativiert sich aber einiges. Schmelzer war beschrieben, auch Santana litt unter einem Zweikampf mit Harnik. Ein harmloser Luftkampf ohne Ellbogeneinsatz. […] Die anderen Drei haben für ein Bundesligaspiel keine außergewöhnlichen Blessuren.“

Ja, es war ein intensives Spiel. Das mich offensichtlich noch immer beschäftigt, ungeachtet der Geschehnisse der letzten Tage. Verrat, Todesstrafe, Kreuzigung, Auferstehung, Familiengespräche, Kuchen, und doch steht da nach wie vor die Aytekinfrage im Raum. Oder die Harnikfrage, der Santanazweifel, das Niedermeierausrufezeichen, die Artenschutzdebatte. Dabei wollte ich doch eigentlich nur sagen, warum ich Mario Götze nicht mehr zusehen mag. Nicht mehr zusehen kann, um genau zu sein. Ungefähr so, wie es mir stets schwerfiel, ein Interview mit Dietmar Hamann anzusehen. Wahrscheinlich ist das nicht fair, möglicherweise sind die dahinter stehenden medizinischen Ursachen nicht lustig. Bei Hamann, meine ich; bei Götze vermag ich es erst recht nicht zu beurteilen.

Sie wissen, was ich meine, nicht wahr? War hier ja vor einigen Monaten auch schon mal Thema:

„Wieso zupft Mario Götze so häufig sein Trikot zurecht? Ich kenne das so bisher nur von Frauen, die etwas zu kurze Röcke tragen. Oder von mir, wenn ich das Gefühl habe, aus einem Shirt herausgewachsen zu sein.“

Offensichtlich begegnete ich Götzes Tick im November noch wesentlich entspannter. Heute bin ich ungefähr so sensibilisiert wie für Bruno Labbadias „brutalst [engen Kader, starken Gegner, suchen Sie sich was aus]“, Fredi Bobics „Demut“ oder meinetwegen auch Karl-Heinz Rummenigges „am Ende des Tages“. Und ebenso nachsichtig. Also gar nicht.

Weswegen ich plane, mich demnächst an die internationalen Fußballverbände zu wenden, um anzuregen, dass Trikotziehen künftig konsequenter geahndet werden möge: Pflichtgelb!

Würde mich doch sehr wundern, wenn Götze nicht spätestens nach der dritten gelb-roten Karte damit aufhörte. Dumm nur, dass ich am Samstag kurz vor der Pause auch Marco Reus dabei erwischte. (Man entwickelt halt irgendwann ein Auge dafür.)

Die Tasci-Kehre und anderer Unfug

Ungeachtet der Informationsebbe der letzten Wochen hat sich die Welt weitergedreht, auch in Cannstatt. Allzu viel habe ich nicht mitbekommen. Sicher, ich weiß, dass man die Mainzer nicht mehr mögen darf, nachdem sie sich in der Ansetzungsposse für den ersten Spieltag nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben, und ich weiß auch, dass die jungen Wilden am Samstag Anschauungsunterricht bei den noch jüngeren Wilden von der U19 nehmen durften, während die alten gar nicht so Zahmen in Falkendings gewannen. History repeating, ist man geneigt zu sagen, und da passt dann auch ins Bild, dass Fredi Bobic bei der Mitgliederversammlung (interessante Erfahrung, direkt im Stadion, auch wenn ich zeitig wieder aufbrechen musste) vom „Erwachsenenfußball“ sprach, der – sinngemäß – höhere Ansprüche stelle als der Juniorenfußball.

Nun glaube ich, mich zu denjenigen zählen zu dürfen, die bereits in den vergangenen Jahre regelmäßig Kritik an den geringen Einsatzzeiten junger Spieler übten, namentlich im Vorjahr insbesondere bei Holzhauser, dem nicht mehr ganz so jungen Gebhart und, kurzzeitig, ehe die Sache anders gelöst wurde, Bernd Leno, und ich zähle ganz gewiss zu denjenigen, die sich sehr darüber ärgern, dass man den Nachwuchs beim Pokalspiel komplett zuhause ließ. Die Aufregung über den Erwachsenenfußball kann ich gleichwohl nicht nachvollziehen, zumindest nicht mit Blick auf die Mitgliederversammlung, wo Fredi Bobic auf mich den Eindruck machte, nach einem passenden Wort zu ringen, um seinen Satz über die nicht ganz trivialen Anforderungen des, äh, wie soll ich denn nun sagen, Seniorenfußballs zu Ende zu bringen. Ich bin sofort dabei, wenn es darum geht, die Situation der jungen Spieler beim VfB zu kritisieren; die hämische Verwendung eines böswillig zu interpretierenden Begriffes ist mir indes unangenehm.

Egal. Nach dem Aufgalopp in Brandenburg geht es nun richtig los. Der Kevin ist in der Stadt und sorgt unter freundlicher Mithilfe von Presse, Funk und Fernsehen dafür, dass es auch jeder mitbekommt. Sei ihm gegönnt. Und am Samstag beginnt die Bundesliga. Zur Champions-League-Uhrzeit, wenn das nichts ist.

In der Sommerpause hatte ich das Vergnügen, mich aushäusig ein bisschen mit dem VfB zu beschäftigen bzw. meine Ansichten kund zu tun. Einerseits zum Verein und seinen Aussichten für die kommende Saison, andererseits mit seinem Kapitän und dessen tödlichem Pass. Oder so ähnlich – im aktuellen Heft des Magazins zur näheren Betrachtung des Fußballspiels („Der tödliche Pass„) darf ich mich relativ ausführlich über Serdar Tasci und ganz konkret die nach ihm benannten Tasci-Kehre auslassen:

„„Nahezu gleichauf sprinteten ein Stürmer und ein Abwehrspieler zum Ball. Dem Verteidiger gelang es, den Angreifer ein wenig nach außen abzudrängen, um sich dann im Hüftumdrehen durch eine formvollendete Tasci-Kehre ein paar Meter Platz zu verschaffen und sich dem eigenen Spielaufbau zu widmen.“

So könnte das dereinst klingen, wenn Serdar Tasci nicht einfach nur Serdar Tasci wäre, sondern einer der ganz Großen des Weltfußballs, dem eine vielleicht nicht exklusiv, zumindest aber besonders häufig und außergewöhnlich behände ausgeführte Aktion zum Markenzeichen wird.

…“

Weiterlesen müsste man im Heft, und irgendwann werde ich mein Beschreibung des Tasci’schen Alleinstellungsmerkmals wohl auch hier veröffentlichen.

Daneben baten mich die 11 Freunde, ein paar Einschätzungen zur bevorstehenden Bundesligasaison unter besonderer Betrachtung des VfB abzugeben, was ich gerne tat. Nebenbei erwähnt: „grand heft liga“ halte ich für einen großartigen Titel. Ob das so ist, weil oder obwohl ich das Spiel nicht kenne, weiß ich nicht.

Naturgemäß fielen einige Antworten dem Rotstift zum Opfer, was mir einen Grund gibt, sie hier noch einmal in epischer Breite aufzuführen:

Die neue Saison wird legendär, weil:
wir wie immer dafür Sorge tragen werden, dass sich die Prophezeiung selbst erfüllt.

Alesia? Ich kenne kein Alesia! Die alte Saison habe ich schon vergessen weil:
… ich in aller Demut beschlossen habe, dass es mir in der neuen Saison egal ist, wo der VfB herkommt. Nehmen Sie dies, Herr Labbadia!

Drei Wünsche frei für die nächste Saison? Hier sind sie:

1. Ein Bundesligaspieler spricht öffentlich über seine Homosexualität.
2. 25 weitere schließen sich fürs Erste an.
3. Mindestens 300 andere Spieler sagen: „Na und?“

Huaaah! Mein größter Albtraum:
Da mittlerweile niemand mehr Christoph Daum als ernsthaften Kandidaten für einen Trainerposten betrachtet, bin ich im Schlaf ziemlich entspannt.

Mein Lieblingsspieler im aktuellen Team ist: 
Martin Harnik. Läuft, trifft und kann sprechen.

Mein Held vergangener Jahre:
Zvonimir Soldo. Lief langsam, traf selten, sprach nur das Nötigste.

Lustigster Fangesang der letzten Saison war:
Alles mit Europapokal. Und am Ende auch noch wahr.

Nie wieder! Was müsste passieren, damit Du nicht mehr ins Stadion gehst?
Wenn die Spieler Schulter- und sonstige Polster trügen, der Ball mit Händen und Schlägern gespielt werden dürfte, das Spiel in vier Viertel mit Nettospielzeit aufgeteilt und Franz Beckenbauer nicht mehr zum Interview gebeten würde, käme ich wohl ins Grübeln.

Auf dieses Auswärtsspiel freue ich mich besonders, weil:
Das der VfB-Amateure bei den endlich wieder drittklassigen Kickers. Steht der Stadt gut zu Gesicht. Hoffe ich.

Unser aktuelles Trikot ist…
… um einen Stern reicher. Schön.

Wenn Kathrin Müller-Hohenstein und Olli Kahn im nächsten Jahr auch die Champions League moderieren, dann…
hätten wir genügend Zeit, auch die verborgenen Schönheiten von Usedom kennenzulernen. Wenn wir nicht die Zum-Anpfiff-Einschaltetechnik weiter verfeinerten.

Wonti, ich komme! Hier ist meine beinharte These für den nächsten Doppelpass:
Der Busfahrer des FC Bayern München hat Schnupfen.

Im Stadion brauche ich nur Wurst, Bier und…
eine Bezahlkarte. Mist, fehlt. Also doch nur Fußball.

Meinem Klub fehlt …
ein Stuttgarter-Weg-Leitsystem.

Diesen Fußball-Twitteraccount habe ich immer im Auge:
Das ist billig. Bei „im Auge“ muss es ja auf den Baade rauslaufen.

Wer verpflichtet in der Winterpause Otto Rehhagel?
Guido Knopp. Um ihn als Nachfolger aufzubauen.

Und wer Rolf Schafstall?
Schwer zu sagen. Aber man hört mitunter, im Osten der Republik genieße er besonders hohe Anerkennung.

Wer klagt sich nach dem Relegationsspiel durch alle Instanzen?
Wie immer: Wolfgang Stark

Die Erste Liga verlässt nach unten…
Augsburg. Gagelmann. Düsseldorf.

Und weil sie grade dabei waren, ein neues Heft zu erstellen, frugen sie auch gleich noch nach Informationen über besonder gute, skurrile oder sonstwie auffällige Ausländer der Vereinsgeschichte. Wenn man das Heft liest, lässt sich erahnen, dass der eine oder andere Gedanke Eingang fand:

Der VfB hatte einige Phasen, in denen er auf dem internationalen Transfermarkt besonders glücklich agierte. Namen wie Sasa Marković oder Srgjan Zaharievski aus den späten 90ern werden hier nach wie vor ebenso voller Hochachtung ausgesprochen wie jene, die kurz nach der Jahrtausendwende die Herzen der Stuttgarter Fans eroberten – bei Namen wie Rui Marques, Centurión oder, etwas später, Carevic schnalzt der gemeine VfB-Fan noch heute mit der Zunge.

Der beste Ausländer im Trikot meines Klubs war … , weil:
Diego Maradona, 1989, nach dem Uefa-Cup-Finale. Weil er der Größte war.

Der schlechteste Ausländer im Trikot meines Klubs war
der, den sie danach in Blackburn sehr treffend mit „Inglourious Basturk“ begrüßten. Selten lagen Anspruch, Gehalt und Wirklichkeit so weit auseinander.

Der unterschätzteste Ausländer im Trikot meines Klubs war
Didi, weil:
Hey, man stelle sich vor, der hätte tatsächlich noch ein Knie gehabt. Hätte ein ganz Großer werden können.

Wir suchen außerdem den skurrilsten ausländischen Profi, der jemals das Trikot Deines Klubs getragen hat. […]
Ganz ehrlich: Anekdoten abseits des Fußballs, auf Weihnachtsfeiern oder meinetwegen auch in Besenkammern interessieren mich nicht allzu sehr.
Wenn man aber den Altvorderen glauben darf (und weshalb sollte ich das nicht tun?), war Buffy Ettmayer als Fußballspieler einer derjenigen, die großen Sport mit großer Unterhaltung zu verbinden wissen.

Und wer war der unbekannteste ausländische Profi im Trikot deines Klubs? […]
Unbekannt eher nicht, eher die Kategorie „Stippvisite“: Jon Dahl Tomasson war da, geht ja gerne mal unter. Aber Jesper Grønkjær? Das kann doch niemand ernsthaft behaupten wollen, oder? Am Ende sagt noch einer, in den letzten Jahren habe ein Weltmeister für den VfB Stuttgart gespielt, einer wie Camoranesi, zum Beispiel. Was für ein Unsinn!

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Wer das Heft und den Saisonplaner lesen möchte, kann das Paket beim Zeitschriftenhändler seines Vertrauens erwerben oder konnte es in einem der beteiligten Blogs (hoffentlich auch seines Vertrauens) gewinnen. So auch hier, wenn auch etwas verspätet. Sie wissen schon: Informationsebbe. Herzlichen Dank an 11 Freunde.

Um zu gewinnen, reicht es, eine der auf dem Titelbild abgebildeten Personen zu benennen (solange Vorrat reicht, also bis drei). Ich selbst kenne sie nicht alle, erwarte gegebenenfalls also gute Indizien. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es geht um dieses Titelbild:

(Selbstverständlich darf auch antworten, wer kein Heft möchte.)

Der Herr im grünen Trikot ist übrigens nicht Arnd Zeigler. Vielleicht bin ich ja auch der einzige, der da eine gewisse Ähnlichkeit zu erkennen glaubt.

Dialog? Nein danke!

Sicher, es war arschkalt. Der Wind war eisig, der Schneefall kontinuierlich, der Nebel dicht. Und dennoch hatte ich am Samstag den wohl besten Skitag meines Lebens. Ganz sicher zumindest den besten Schnee, der mich – auf der Piste, wohlgemerkt – gelegentlich bis über die Knie einsinken und mehr oder weniger elegant auch wieder herausfahren ließ. Andere Menschen waren eher nicht da. Außer meinem Mitfahrer natürlich, der allerdings darauf bestand, irgendwann in ferner Vergangenheit schon einmal einen vergleichbaren Tag erlebt zu haben.

Die anschließende automobile Talfahrt tat unserer Laune zunächst keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: nach etwas Gefummel am zunächst unkooperativen Radio war die Bundesligaschlusskonferenz gefunden, der VfB führte souverän mit 2:0, das 3:0 liege in der Luft, ich leistete el pibe und hirngabel gedanklich mit dem größten Vergnügen Abbitte, das Leben meinte es gut mit mir.

Zu früh gefreut. Die weitere Fahrt zur Pension war ein Desaster, trotz Schneeketten. Erst Almeida, den ich selbst zu Wochenbeginn stark geredet hatte, und dann auch noch der Exnationalspieler – bittere Minuten. Und alle gute Laune war verflogen. Die Sportschau wollte ich nicht sehen, bekam dann aber doch noch mit, dass die Stuttgarter Pausenführung „schmeichelhaft“ gewesen sei, was sich nicht unbedingt mit den Informationen aus dem Rundfunk deckte, aber vielleicht war ich auch schon ein wenig unausgeglichen.

Da letztlich irgendjemand die Schuld tragen muss, nahmen wir sie auf uns, die wir das Spiel in unserer Maßlosigkeit dem Tiefschnee geopfert hatten, und entschieden uns für die maximale Selbstkasteiung: ein Abendessen am Tisch neben dem Alleinunterhalter. Mit freiem Blick auf die Tanzfläche, die bei gelungenen Medleys von Boney M. über Howard Carpendale und Roland Kaiser bis hin zu Elvis Presley, Adriano Celentano und karnevaleskem Liedgut stets gut gefüllt war und dabei nicht nur geübte Tänzer anlockte. Das Personal war bestenfalls mittelfreundlich und nur bedingt qualifiziert, die Einrichtung hatte ihre beste Zeit hinter sich und den Tischdecken war es nicht gelungen, allen Motten auszuweichen. Aber es war das einzige Gasthaus mit einem halbwegs vom Schnee befreiten Parkplatz, den man wohl auch nach der Mahlzeit ohne Abschleppseil würde verlassen können. Vor lauter Kopfschütteln verdrängten wir erfolgreich das Fuaßballergebnis.

Für das Sportstudio waren wir zu müde, während Bundesliga pur standen wir einige hundert Meter hinter dem Idioten, der ohne Schneeketten bergwärts gefahren war, Sport im Dritten verbrachten wir auf der Autobahn, und am Montag war glücklicherweise so viel zu tun, dass ich mich nicht in irgendwelchen Videoportalen aufhielt und auch sonst die Nachberichterstattung nur widerwillig überflog. Abgesehen vom Brustring, natürlich.

Da ich auch sonst fast nichts über den Bundesligaspieltag wusste, griff ich schließlich doch noch zu einer ungewöhnlichen Maßnahme und erwarb den kicker, wo ich mich zunächst mit Louis van Gaals teilweise bedenkenswerten Reformideen konfrontiert sah, die beim kicker leider nicht online zu finden sind; andere Qualitätsmedien sind diesbezüglich offener. Dann wunderte ich mich, dass man in Nürnberg bereits vorab Ronnie Rengs drüben bei catenaccio geäußerten Wunsch nach einem Oka Nikolov-Special nachgekommen war, wenn auch mit leicht unterschiedlichem Zungenschlag:

Reng:
„Ein Wahnsinn, wie so ein unterdurchschnittlicher Bundesligatorwart immer wieder einen neuen Vertrag bekommen und die Eintracht jedes Jahr wieder sechs bis acht Punkte kostet, ohne dass irgendjemand aufschreit…“

Karl-Heinz Körbel im kicker:
„…ich bin mir sicher, dass er nach der Karriere einer der wenigen sein wird, die vom Umfeld und den Fans immer bewundert werden.“

Sicher, die beiden Positionen schließen sich nicht zwingend aus. Es ist allerdings interessant, diese leichte Nikolov-Lobhudelei zu lesen, wenn man in den letzten Wochen ein wenig dem Kid zugehört hat, der sich sowohl in sportlicher Hinsicht als auch mit Bezug auf die im kicker gepriesenen Werte über Nikolov äußerte.

Und dann war da noch Christoph Schickhardt. Der „gefragteste Jurist im deutschen Fußballgeschäft„, die Allzweckwaffe eines Großteils der Bundesligisten, zahlreicher Spieler und Trainer, hat sich im Rahmen der gegenwärtig vor allem pyrotechnisch motivierten Diskussion um Gewalt in den Stadion für härtere Sanktionen ausgesprochen. Damit trifft er den aktuellen Tenor, der auch in einem offenen Brief der Bundesliga-Fanbeauftragten Niederschlag findet, und ich stimme insofern zu, als ich überführte Gewalttäter hart bestraft sehen möchte.

Etwas konsterniert lässt mich allerdings Herrn Schickhardts Hinweis auf Fehler der Vereine zurück:

„Leider hat man schon teilweise Fanvertreter in die Gremien aufgenommen und beschäftigt sich einfach zu viel mit ihnen.“

Ist also das Konzept Dialog gescheitert? Mitbestimmung ein Anachronismus? Der aktive Fan ein schlechter Kunde?

Mir ist gerade ein bisschen schlecht.

Der Trainer hat immer recht

Christian Gross, so sagt man, legt Wert auf starke Außenpositionen im Mittelfeld, und dabei insbesondere auf Schnelligkeit und Dynamik -womit er genau meinen Geschmack trifft. Als der Trainer beim gestrigen Spiel des VfB gegen Borussia Dortmund Mitte der zweiten Halbzeit die linke Position mit einem zwar dynamischen Spieler besetzte, der allerdings aus dem Spiel heraus nicht einmal mit seinem stärkeren rechten Fuß als Flankengeber zu brillieren weiß, und rechts einen großartigen zentralen Mittelfeldspieler brachte, bei dessen Stärken selbst dem wohlwollenden Zuschauer nicht sofort Stichworte wie Schnelligkeit und Dynamik einfallen (ganz abgesehen von der Frage, wie groß seine Begeisterung für diese Position ist), begann ich tatsächlich kurz am Trainer, seinem taktischen Konzept und seinen Wechseln zu zweifeln. Ich Unwürdiger!

Der linke Hilbert hatte zwar seine üblichen Stockfehler; er bereitete aber auch ein Tor wunderbar vor, war wie immer ein Vorbild an Laufbereitschaft und tanzte seinen Gegenspieler einmal im Strafraum aus, dass es eine Freude war. Sein letztes vergleichbares Dribbling auf Rechtsaußen liegt sehr lange zurück. Dort indes zeigte Kuzmanovic, dass man mit einer guten Technik, strategischem Geschick und einem Auge für die Mitspieler auch ohne augenfällige Sprinterqualitäten auf der Außenposition glänzen kann. Wenn man dann noch in der Lage ist, einen Freistoß durch die von drei Mitspielern gerissene Lücke durch die Mauer zu schießen, dann kann man Stadionsprecher Christian Pitschmann schon mal das Wort Weltklasse in den Mund nehmen. Kurz bevor er der schreibenden Zunft die Schlagzeile „Kloppo verkloppt“ ans Herz legte, übrigens.

Gut gemacht, Herr Gross. Als sehr positiv empfand ich auch des Trainers Zurückhaltung bei der Bewertung des Spiels:

„Nicht gefallen hat mir, dass wir zu viele Ballverluste hatten, den Elfmeter nicht verwandelt haben und die Abstimmung auf den Außenpositionen nicht passte.[…] Der Sieg ist verdient, aber zu hoch ausgefallen.“

Die vielen Ballverluste und Fehlpässe waren in der Tat frappierend. Das mag zum Teil an der aggressiven Balloberung auf beiden Seiten gelegen haben; teilweise fehlte aber auch schlichtweg die Ruhe, in der einen oder anderen Situation wohl auch das technische Vermögen, den Ball in den eigenen Reihen zu behalten. Seitens des VfB widersetzte sich vornehmlich der um Struktur bemühte Sami Khedira jenem Aktionismus, der in viel zu vielen überhasteten, zum Teil auch von vornherein aussichtslosen Bällen in die Spitze resultierte. Insbesondere Stefano Celozzi, der defensiv sehr stark agierte, spielte den Dortmundern zahlreiche Bälle in die Füße und Köpfe.

Interessanterweise sind die Reaktionen auf das Spiel ansonsten sehr positiv ausgefallen, wie der geschätzte Kollege vom Brustring bei seinem Blick durch die Nachberichterstattung auf verschiedenen Kanälen festgestellt hat. Keine Frage: Engagement und Laufbereitschaft haben auf beiden Seiten gestimmt, auch das eine oder andere fußballerische Glanzlicht war zu sehen. Zudem hat der VfB einen großen Siegeswillen gezeigt und zum Spielende hin endlich einmal die sich bietenden Chancen konsequent genutzt. Dennoch würde ich es, man lese und staune, dieses Mal eher mit dem Kicker halten:

„Spielnote 3,5, extrem zerfahren mit vielen Fehlern, lebte von der Dramaturgie.“

Noch einen Tick kritischer sahen das Ganze einige meiner Stadionnachbarn. Sätze wie „Die sollen endlich mal nach vorne spielen und nicht um Gegentreffer betteln!“, „Das ist ja fußballerisch noch schlechter als unter Babbel.“ oder „So langsam bewegt sich das Spiel auf Regionalliganiveau zu.“ waren, wenn auch nicht nicht in ihrer Schärfe, so doch in der Grundaussage repräsentativ.

Sei es, wie es sei. Auf jeden Fall geht der VfB weiter gestärkt aus diesem Spiel hervor, auch weil man ein kritisches Spiel, das zu kippen drohte, doch noch gewonnen und dabei erstmals seit dem zweiten Spieltag vier Treffer erzielt hat. Die eingespielte Formation bewährt sich, von der Bank kommt Qualität nach, die Stürmer treffen weiter, über Träsch und Khedira will ich gar nicht reden, und das nötige Selbstvertrauen, um demnächst auch spielerisch noch zwingender aufzutreten, wächst weiter. Nun gilt es, auf dem Boden zu bleiben, wobei ich auch in dieser Hinsicht, wie oben bereits angedeutet, viel Vertrauen in Christian Gross setze.

Übrigens will ich mir, trotz des erneuten Sieges, immer noch nicht Gagelmann wünschen. Meines Erachtens hat er einfach nicht die nötige Klasse. Das dürften mit Blick auf das gestrige Spiel beide Seiten so sehen.

Abschließend noch ein paar Worte zu den Stuttgarter Transferaktivitäten. Vier Mittelfeldspieler (Simak, Bastürk, Hitzlsperger, Elson) in einer Transferperiode abzugeben, noch dazu im Winter, und keinerlei Ersatz zu verpflichten, ist in der Tat ungewöhnlich. Während sich bei Simak und Bastürk alle mir bekannten Beobachter in ihrer Bewertung einig sind, vernimmt man bei Elson, dessen Gehaltszahlungen die Vereinsfinanzen nicht allzu sehr belasten dürften und der immer wieder für großartige Momente gut war, und bei Hitzlsperger, den mancher gerne als Back-Backup behalten würde, unterschiedliche Meinungen.

Ich selbst hatte beide Transfers für richtig. Beide Spieler haben nach aktuellem Stand unter Christian Gross keine Chance, und in beiden Fällen stimme ich mit ihm überein. Die klassische Spielmacherposition, die sich für Elson anbietet, dürfte beim VfB auf absehbare Zeit nicht vergeben werden, und für die Außenpositionen ist er zu langsam. Gute Freistöße und Eckbälle reichen nicht aus. Bei Hitzlsperger ist die Situation insofern vergleichbar, als auch er nach meiner Wahrnehmung über außen nicht den Anforderungen des Trainers entspricht. Seine Lieblingsposition, die „Sechs“, ist – anders als bei Elson – zwar vorgesehen, sogar doppelt; er hat dort aber drei der derzeit besten Stuttgarter vor sich und nur wenig Aussichten, in die Mannschaft zu rutschen.

Dass er vor diesem Hintergrund an sein persönliches Fortkommen (sprich: die Nominierung für die WM) denkt und der Verein ihm in dieser Situation keine Steine in den Weg legt, halte ich für richtig, von beiden Seiten. Den in Sport im Dritten vorgebrachten Egoismusvorwurf kann ich nicht in Ansätzen teilen. Die ebenfalls dort geäußerte Einschätzung, er werde sich auch im italienischen Abstiegskampf schwer tun, sich bei Joachim Löw zu empfehlen, indes schon. Nur: wo waren die Alternativen?

Abseits der rein sportlichen Komponente bedaure ich den Abgang von Thomas Hitzlsperger sehr. Er hat sich in seiner nicht ganz einfachen Anfangsphase stets loyal und unheimlich professionell gezeigt, und den VfB seit 2005 immer hervorragend repräsentiert. Überhaupt steht er dem Typus Fußballspieler sehr gut zu Gesicht, nicht nur wegen seine Engagements als Störungsmelder – inwieweit Letzteres mit den tifosi Laziali harmoniert, wird man sehen. Ich wünsche ihm in jeder Hinsicht viel Glück und Erfolg.

Und natürlich muss ganz zum Schluss dann doch noch einmal das sportliche Ausrufezeichen herhalten, das Thomas Hitzlsperger in seiner Zeit beim VfB gesetzt hat:

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