Der ganz normale Selbstschutz

Jüngst hatte ich kurz darüber nachgedacht, bis auf Weiteres all meinen Texten hier ein ceterum censeo anzuhängen, kam dann aber wieder davon ab, in der Annahme, dass die hier Mitlesenden über dessen Inhalt ohnehin bestens im Bilde wären:
„… dass Labbadia weggeschickt werden muss.“

Mir ist klar, dass das Argument, meine Meinung sei – hier – ohnehin bekannt, leicht mit dem Hinweis entkräftet werden könnte, dass der Senat seinerseits auch wusste, was Cato wollte, ohne dass dieser auf die stete Wiederholung verzichtet hätte. Dessen Meinung indes, von allem anderem abgesehen, im Gegensatz zu meiner, Gewicht und Relevanz hatte. Wie auch immer: ich fand die Idee dann doch nicht so gut.

Gleichwohl: meine Meinung zu Bruno Labbadia bzw. insbesondere zu der Frage, wie lange er noch beim VfB wirken sollte, ist klar. Insofern dürfte es niemanden verwundern, dass ich seine öffentlichen Äußerungen möglicherweise besonders kritisch betrachte, und dass ich mich vielleicht auch ein bisschen freue, wenn die Stuttgarter Nachrichten in ihrer aktuellen Ausgabe unterschiedliche Wahrnehmungen der Herren Labbadia und Bobic hinsichtlich der Saisonziele, des Kaders oder der Attraktivität des in Cannstatt gezeigten Fußballs sowie das daraus möglicherweise erwachsende Konfliktpotenzial aufzeigen.

Es gäbe manchen Grund, die jüngsten Äußerungen des Trainers zu hinterfragen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass man den Eindruck gewinnen kann, er sei bereits wieder dabei – nach der Kadergrößengebetsmühle des Vorjahres – das Fundament seiner Verteidigungsstrategie für den Misserfolgsfall zu legen. Mir fehlt aktuell die Zeit, und vielleicht auch die Lust, vertiefter darauf einzugehen. Ganz davon abgesehen, dass sich der Aufwand wegen der paar Restwochen nicht lohnt.

Auf zwei Aussagen, bzw. deren Zusammenspiel, möchte ich gleichwohl kurz hinweisen. Im Artikel „Die ungleichen Tempomacher des VfB“ (so die Überschrift im Print, online wurde umbenannt) zitieren die Stuttgarter Nachrichten Labbadia dahingehend, dass der Verein nicht „Lionel Messi oder Neymar“ verpflichtet habe, sondern personell „nur nachgeholt, was wir in den vergangenen zwei Jahren nicht gemacht haben. Jetzt ist nur die Normalität eingekehrt.

Normalität also. Einverstanden. Nicht dass ich der Meinung wäre, der Kader der Vorsaison sei einer für Platz 12 gewesen, aber sei’s drum. Jetzt hat der VfB also einen normalen Kader. Nun könnte man auf die Idee kommen, zu fragen, was denn „Normalität“ bedeute, hier in Stuttgart. Beim Viertplatzierten der ewigen Tabelle der Bundesliga. Ok, das war unsachlich, da spielen dann doch ein paar zu alte Ergebnisse mit rein.

Aber vielleicht könnte man sich ja mal die zehn Spielzeiten vor Labbadias Ankunft ansehen. Ganz kurz nur, und oberflächlich. 2000/01 war’s mit Platz 15 nicht so dolle, im Jahr darauf als Achter auch noch nicht so. Danach dann: 2, 4, 5, 9, 1, 6, 3, 6. Ein Ausrutscher mit Platz 9, zweimal die 6, fünfmal besser als 6. Gar nicht so schlecht. Danach folgte, zugegeben, noch die Halbsaison mit dem beschädigten Christian Gross und dem umhertapsenden Jens Keller, die auf Rang 17 endete. Dennoch:

Irgendwie fällt es mir schwer, die Stuttgarter „Normalität“ mit Labbadias zweiter Aussage auf einen Nenner zu bringen:

Aber wir haben nicht die Mannschaft, um zu sagen, wir werden Sechster.

Ja, was denn sonst? In meiner kleinen Welt beginnen die Ausläufer der Prä-Labbadia-Normalität für den VfB, ganz vorsichtig ausgedrückt und mit viel Wohlwollen, bei Platz 8. Normal im engeren Sinn wären die Plätze 4-7, mit der 7 als Enttäuschung. Das ist der Anspruch. Ein Anspruch, den sich der Verein über Jahre hinweg hart erarbeitet hat. Oder anders: Stuttgarter Normalität, jahrelang.

Mir ist klar, dass meine oberflächliche Betrachtung finanzielle und sonstige Rahmenbedingungen sowie zahlreiche weitere Aspekte außer Acht lässt. Sie ist unseriös, polemisch und vielleicht auch unfair. Mir ist ebenso klar, dass ich den von Bruno Labbadia verwendeten Begriff „Normalität“ womöglich etwas zu wörtlich interpretiere und schlaumeiernd gegen ihn wende.

Und all das nur, weil ich es schlichtweg nicht ertragen kann, wie dieser Mann den VfB als einen dahergelaufenen Zaungast im Konzert der Großen darstellen will, um sich selbst im Vorgriff auf den möglichen Misserfolgsfall zu schützen. Aufbruchstimmung my ass!

Im Übrigen …

Tor des Jahres – dann mach's halt ich.

Sie erinnern sich? Sportbloggerbeitrag des Jahres 2011? Genau, das. Zwar haben alle etablierten Medien das Thema längst aufgegriffen und den Sieger umfassend gewürdigt; ich möchte gleichwohl nicht darauf verzichten, hier noch einmal auf den Ergebnistext von Frau Jekylla zu verweisen und den verdienten Siegern vom Blog-G, dem Worum-Blog und Beves Welt herzlich zu gratulieren.

Sie erinnern sich sicherlich auch, wie schön Frau Jekylla die einzelnen Kandidaten kurz vorgestellt hatte? Genau: Jedem wurde eine kurze Würdigung zuteil, ein paar Zeilen, in Sachen Umfang und Euphorie in etwa vergleichbar, und anschließend hatte jede(r) die Freiheit, dem entsprechenden Link zu folgen, um sich den entsprechenden Text in aller Ruhe, Ausführlichkeit und gelegentlich auch Großartigkeit anzusehen.

Derzeit läuft, noch ein knappe Woche lang, eine weitere Publikumswahl, die zum Tor des Jahres. Die ARD-Sportschau wirbt auf ihrer Startseite für die Abstimmung: „Wählen Sie jetzt aus den 12 Toren des Monats DAS Tor des Jahres 2011!“ heißt es da, und in der Tat findet man, wenn man dem entsprechenden Link folgt, eine bebilderte Liste mit 12 Kandidaten, inklusive der Informationen, wann genau und in welchem Spiel das Tor fiel, auch das jeweilige Endergebnis wird nicht verschwiegen.

Wer also ohnehin nur nach Namen abstimmt, oder nach Vereinszugehörigkeit, oder wer auf Basis einer statistischen Auswertung der letzten 25 Tore des Jahres und unter Berücksichtigung der Spielminuten, Endergebnisse und Gegner einen unfehlbaren Algorithmus entwickelt hat, um den diesjährigen Sieger zu prognostizieren, ist genauso auf der sicheren Seite wie all jene, die 2011 keine Minute der Sportschau verpasst haben und jedes einzelne Tor im Kopf abspielen können.

Wer sich indes nicht in einer derart privilegierten Lage befindet, muss sich nach einem ersten kurzen Blick mit einem Würfel oder Ähnlichem behelfen, da die ARD von der besagten Liste aus keine Möglichkeit anbietet, sich nähere Informationen über die12 Tore zu beschaffen. Dass die einzelnen Tore online in bewegten Bildern anzusehen sein würden, war aufgrund der rechtlichen Situation leider nicht zu erwarten, ein Hinweis auf Sendezeiten, zu denen man die Auswahl im Fernsehen kann, wohl ein zu optimistischer Gedanke, und grade, als man über ein entspanntes „Dann halt nicht, Ihr Lieben“ nachdenkt, klickt man eher zufällig auf den Navigationspunkt „Chronik„, und siehe da: eine weitere, diesmal mit Links hinterlegte Liste bietet alle Kandidaten zum, genau, Nachlesen. Immerhin.

Alle? Naja, fast alle. Alle außer zweien, um genau zu sein. Die Torschützen der Monate Juni, Lukas Scepanik, und Dezember, Christian Clemens, beide vom 1. FC Köln, fielen durch irgendein mir nicht näher bekanntes Raster und müssen sich mit den bekannten Basisdaten zufrieden geben.

Irgendwie unschön, denkt sich der geneigte Leser, und wer wie ich das Glück hat, ein eigenes Blog mit Inhalten aller Art befüllen zu dürfen, kommt dann schon mal auf die brillante Idee, den beiden jungen Herren Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen und Ihnen eine kurze Torschilderung zu widmen. Was insofern nicht so einfach ist, als die Sportschau nicht nur ihren eigenen Stil hat, sondern auch in der Darstellung der zehn anderen Tore bzw. Torschützen stark variiert. So erfährt man über Sascha Röslers Augusttreffer recht wenig – abgesehen davon, dass es sich um einen Fallrückzieher handelte, was für sich genommen bereits mehrere Hunderttausend Stimmen garantieren dürfte – und umso mehr über die historische Dimension dieses Treffers für Fortuna Düsseldorf und die Tordesmonatsahnengalerie, während sich im Januar bei Paul Kosenkow medienwirtschaftliche Ausführungen mit ein wenig Familienklatsch und der Schilderung des Tores die Waage halten, und der Fokus beim Märztorschützen Marcel Schuhen komplett auf der Entstehung des Tores liegt.

Genug der Vorrede:

Juni 2011

Lukas Scepanik (U17 1. FC Köln) am 5. Juni 2011 im Finale der Deutschen Meisterschaft der B-Jugendlichen 1. Fc Köln – Werder Bremen in der 85. Minute zum 3:2 Endstand.

Ein klassischer Mischling. In der ersten Phase weckt der Treffer des jungen Kölners Erinnerungen an das Jahrhunderttor von Diego Maradona und dessen Kopie durch Lionel Messi: Hinter der Mittellinie kommt der Linksfuß in halbrechter Position an den Ball, spielt den ersten Gegenspieler gekonnt aus und nimmt zunehmend Fahrt auf. Nachdem er jedoch den zweiten Gegner überlaufen hat, löst er sich vom historischen Vorbild und erinnert vielmehr an Lothar Matthäus‘ unwiderstehlichen Lauf durch das jugoslawische Mittelfeld, den er ebenso beeindruckend abschließt wie der spätere Weltfußballer, wenn auch etwas spektakulärer.

 

Dezember 2011

Christian Clemens (1. FC Köln) am 10. Dezember 2011 im Bundesliga-Spiel 1. FC Köln – SC Freiburg in der 66. Minute zum 3:0 Endstand 4:0

Außergewöhnliche Tore brauchen außergewöhnliche Spieler und mitunter ein wenig Schlitzohrigkeit – und wenn sie nur darin besteht, sich die entscheidenden Zentimeter zu verschaffen, indem man den Ball wie Christian Clemens außerhalb der Eckballmarkierung platziert. Clemens war 2011 nicht nur der zweite Torschütze des Monats, der direkt vom Eckstoßpunkt aus traf – ausgerechnet gegen Schusters Mannschaftskollegen Oliver Baumann, möchte man sagen –, sondern er war zudem gleich der vierte junge Kölner. Nehmen Sie sich in Acht, Herr Podolski, da erwächst dem TdM-Rekordschützen Konkurrenz im eigenen Verein!

Oder aber man schaut sich alle Vorschläge einfach als Video an und dankt Herrn @freitagsspiel.

Disclosure: Ich habe noch nie an der Wahl zum Tor des Jahres teilgenommen und werde es auch diesmal nicht tun.

Windschiefe Parallelen

Es war eine enge Entscheidung: selber kicken oder VfB schauen? Nachdem ich die letzten 20 Minuten live und ein bisschen mehr per Zusammenfassung gesehen habe, bin ich sehr glücklich ob meines Entschlusses pro Körperertüchtigung.

In Unkenntnis des Spielverlaufs wollte ich mich auch gar nicht weiter zum Nürnberger Siegtreffer äußern – Camoranesis Bock hin, Bokas Böckchen her. Cacaus Zurückhaltung gegenüber Schieber klassifiziere ich wohlwollend als fair, mein Ulreich-Schweigegebot gilt weiterhin. Und doch hat mich der Treffer noch eine Weile beschäftigt. Weil er mich so sehr an ein anderes Tor aus grauer Vorzeit erinnerte. Eine Parallele, die möglicherweise kaum jemand nachvollziehen kann, schließlich sind solche Parallelen, wenn man sie nicht mathematisch verwendet, ja etwas sehr Individuelles, und allzu häufig werden sie einem nicht so sehr ins Auge springen wie bei Messi und Maradona. Und doch ist es eine Parallele, die sich in meinem Kopf eingenistet, es sich dort gemütlich gemacht hat. Obwohl der Kontext natürlich nicht zu vergleichen ist – fünfter Bundesligaspieltag hier, großes Finale da, Frankenstadion hier, Weltbühne da, von den beteiligten Spielern gar nicht zu reden.

Die Älteren werden sich erinnern an jenes Spiel, als die deutsche Mannschaft wie gestern der VfB einen Rückstand aufgeholt, den Ausgleich quasi erzwungen hatte, ohne spielerisch wirklich zu glänzen, um dann zu meinen, unbedingt noch den Siegtreffer erzielen zu sollen. Natürlich ist es richtig, den Siegtreffer erzielen zu wollen, aber man könnte ja über einen Wechsel von bedingungsloser, möglicherweie blinder Offensive zu einer etwas überlegteren, von mehr Realismus geprägten Variante zumindest nachdenken. Wenn indes, wie gestern beim VfB, bei einem Eckball in der letzten Minute 9 Mann im oder am gegnerischen Strafraum stehen, ist das zunächst einmal recht mutig. Wenn es dann nicht einmal gelingt, den Ball in den Strafraum zu bringen, geschweige denn zum Abschluss zu kommen, hatten wir es wohl eher mit Übermut zu tun. Und übermütig waren bekanntlich auch jene Recken, die in vorderster Front Happelsches Pressing ausübten, obwohl sie doch wussten, dass sich der beste Fußballspieler mindestens seiner Zeit im Mittelkreis herumtrieb und nur auf jene Kerze wartete, die über Umwege zu ihm gelangte und ihm den einen Pass ermöglichte, der seinem Mitspieler den entscheidenen Vorsprung mit auf den Weg gab, den auch der ehemalige Zehnkämpfer nicht mehr aufholen konnte.

Spätestens jetzt sollte ich aufhören, nach Parallelen zu suchen, sonst müsste ich irgendwann den linken Fuß des gestrigen Passgebers Julian Schieber in einen unangemessenen Vergleich schicken, müsste Pinola in einem Atemzug mit Burruchaga nennen, Träsch mit Briegel und Ulreich mit Schumacher vergleichen.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=mHVxU4x-GJc]
Was für ein Landsmann ist eigentlich dieser Javier Pinola?

Fragen, wahllos aneinandergereiht

Worauf gründet Sami Khediras Sichtweise, der VfB sei im Camp Nou weder ängstlich noch mit zu großem Respekt aufgetreten?

Wann konnte bzw. musste ich Matthias Sammer zuletzt so vorbehaltlos zustimmen?

Ist es doch nur ein Mythos, dass in der Bundesliga kleinlicher gepfiffen werde als bei internationalen Spielen?

Und wie ist das in Luxemburg?

Hat es sich nach dem Spiel des VfB in Gelsenkirchen aufgedrängt, das Sechser-Duo Khedira/Kuzmanovic gegen Barcelona einer Belastungsprobe zu unterziehen?

Wieso Celozzi?

Darf man gegen Barcelona nach einem Ballverlust gerne mal vorne stehen bleiben oder gemächlich zurück kommen?

Darf man das gegen irgendwen?

Wird es gelingen, Cristian Molinaro zu halten?

Was hat Horst Heldt gesagt? Kann man Hleb nicht länger finanzieren oder will man nicht?

Kann man es sich als Bundesliga-Manager erlauben, Reportern ehrlich zu antworten?

Wer hat eigentlich Messis Trikot bekommen?

Hat Patrick Wasserziehr (ja, Patrick Wasserziehr) Matthias Sammers schütteres Haar kommentiert?

Ist es möglich, mit insgesamt vier Stürmertoren ein europäisches Viertelfinale zu erreichen?

Wer geht voran?

Nachtrag, ganz vergessen:
Ist ein nur so halb harter Schuss, der aus 18 Metern nur so halb in die Ecke geht, vielleicht so halb haltbar?

Wie lange wäre Christian Träsch neben Messi her gelaufen, ohne ihn zu stellen?

Sind die UEFA-Regularien so streng, dass man als Reporter verpflichtet ist, auch dann spitze Schreie ein begeistertes „Whow!“ auszustoßen, wenn Lionel Messi den Ball mit der Brust für den Gegenspieler stoppt? Herr Dittmann?

Wann wird Sami Khediras Wechsel bekanntgegeben?

Beginnt jetzt die Experimentierphase für die nächste Saison?

Wie konnte Jens Lehmann trotz offensichtlichen Bemühens an der vergleichsweise leichten Aufgabe scheitern, sich mit einem Platzverweis aus der Champions League zu verabschieden?

Ist die Bilanz der Spiele mit Khedira und Kuzmanovic in der Startformation (5 Spiele, 0 Punkte, 3:13 Tore) Zufall?

Was hat Ricardo Osorio verbrochen?

Ist ein Ausscheiden in Barcelona ein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken?

Wer erinnert sich, wann Barcelona zuletzt von einem Geringeren als dem angehenden Sieger aus der CL geworfen wurde?

Kann es der VfB besser?

Gibt es einen Grund, nicht erhobenen Hauptes auf diese Europapokalsaison zurückzublicken?

Notizen aus der katalanischen Metropole: Camp Nou

Wer mir auf Twitter folgt, hat im Lauf des vergangenen Wochenendes vielleicht mitbekommen, dass ich meine Schwester in Barcelona besucht habe. Dabei haben wir, wie das halt so ist, nicht allzuviel Produktives getan, sondern in allererster Linie die gemeinsame Zeit genossen. Gleichwohl will ich der geneigten Leserin die eine oder andere Notiz nicht vorenthalten.

Einer der wenigen Der einzige vorab geplante Programmpunkt bestand im Besuch des Fußballspiels zwischen dem FC Barcelona und Sporting Gijón (ja, natürlich dieses Gijón) im Camp Nou, den mir meine Schwester gemeinsam mit ihrem Freund schon vor einiger Zeit geschenkt hatte – allerdings versteht es sich von selbst, dass ich mir die Gelegenheit ohnehin keinesfalls hätte entgehen lassen.

Nachdem mein fortwährendes Werben um eine Stadionführung bzw. den Besuch des vereinseigenen Museums zunächst ignoriert und dann abschlägig beschieden worden war, konnte ich Schwesterherz immerhin davon überzeugen, dass es nicht diskutabel sei, später als 60 Minuten vor dem Anpfiff am Stadion anzukommen (ihre Bedenken, man stehe so früh möglicherweise noch vor verschlossenen Türen, bestätigten sich glücklicherweise nicht…).

Die Einlasskontrollen beschränkten sich erwartungsgemäß auf eine kurze visuelle Überprüfung des Tickets, während unsere Taschen nicht einmal eines Blickes gewürdigt wurden – vermutlich hoffte man darauf, dass wenigstens wir Ausländer das eine oder andere Lärm verursachende Instrument in das Stadion schmuggeln würden.

Dann der Lackmustest: die Stadionwurst. Natürlich nicht bestanden. Obwohl: so viel schlechter als die seit einiger Zeit mitunter kaum über Zimmertemperatur erhitzten Würste im Neckarstadion war der Hot Dog dann auch wieder nicht. Wenn man das Ganze also wohlwollend betrachtet, hätte es auch schlimmer kommen können (es kann ja nicht überall Merguez Frites geben): die Wurst war ok, das Brot erst recht, und die Cola perfekt.

Endlich im Innern des Stadions, war ich in der Tat beeindruckt. Natürlich ist das Camp Nou nicht zu vergleichen mit den modernen deutschen Arenen – weder bei den sanitären Anlagen (alt, aber genügend: keine Wartezeit), noch beim Getränkeerwerb (keine Bezahlkarte, nur Bargeld, keine Wartezeit), noch beim Sitzkissenverleih (äh, keine Vergleichswerte). Sitzkissenverleih? Ja, in der Tat, ich hab’s getan. Wer schon mal zur Winterzeit im Camp Nou war, mag das verstehen, denn es zieht schlicht wie Hechtsuppe.

Hatte ich nicht gesagt, ich sei beeindruckt gewesen? Ja, war ich. Ob der Steilheit und der guten Sicht. Und ob des gemeinsamen Singens der Barca-Hymne – anders als in Stuttgart, wo noch immer „VfB I steh zu Dir“ vom Band läuft, während „VfB ein Leben lang“ von der Roten Tor Fraktion aus politischen Gründen verbannt wurde. Ansonsten tat sich aber in puncto Support nicht allzu viel: einen Capo habe ich nicht ausmachen können, und die Gijón-Fans musste ich mir vom Nebensitzer zeigen lassen – wie konnte ich die eine 1x1m-Fahne übersehen? Während des Spiels herrschte also eher Haupttribünenstimmung, abgesehen von der Szene, als plötzlich ein mittelalter Herr 20 Reihen vor uns aufstand,  sich umdrehte und eine „la Ola“ einzählte, die tatsächlich zwei Runden schaffte.

Wirklich beeindruckt hat mich indes – welche Überraschung – das Spiel der Hausherren. Von der ersten Minute an übten sie eine solche Dominanz aus, dass uns auf der Tribüne nur die Hoffnung blieb, sie würden das Ergebnis in der ersten Halbzeit, die sie in der entfernten Spielfeldhälfte verbrachten, noch nicht zu hoch schrauben, um in Halbzeit zwei noch nachlegen zu können. Zwei Treffer von Eto’o fielen bis zur Pause, im zweiten Abschnitt legte Dani Alves nach, und ein Gegentreffer fiel auch noch. Das 3-1 spiegelt jedoch nicht in Ansätzen das Kräfteverhältnis wider.

Eto’o und Alves wurden dann auch in den Medien gefeiert, wobei das ganze Team einfach unglaublich kompakt ist und sich alle Geduld der Welt erlauben kann, weil man einfach weiß, dass die Tore früher oder später fallen. Für mich persönlich war es eine ganz besondere Freude, Iniesta und Messi zuzusehen. Ersterer wird im Schatten von Xavi mitunter etwas vernachlässigt; dabei gelingt es ihm wie kaum jemandem sonst, den Ball zu jedem Zeitpunkt mit einer faszinierenden Leichtigkeit zu kontrollieren – gerade in vermeintlich schwierigen Situationen ist er dann in der Lage, das Spiel seiner Mannschaft durch scheinbar unspektakuläre Bälle urplötzlich zu beschleunigen und dem Mitspieler zahlreiche Optionen zu eröffnen.

Ich schwärme. Und kann gleich weiter machen: Messi ist unvergleichlich. Der Ball ist, wie sein Nationaltrainer kürzlich sagte, ein Teil seines Körpers. Damit ist eigentlich alles gesagt. Dass ich dennoch weiter schreibe, liegt an einer Beobachtung, die ich gerne noch teilen möchte: manchmal habe ich den Eindruck, er sammelt Fouls. Er lässt sich einmal foulen, zweimal, dreimal, und bleibt ruhig. Dabei führt er eine imaginäre Strichliste, und wenn dann der Schwellenwert erreicht ist, zahlt er zurück. Mit der ersten, zweiten oder spätestens dritten formidablen Aktion bestraft er den Gegner in Form eines Tores, eines Assists oder zumindest einer gefährlichen Situation, die der Abwehr vor Augen führt, dass alles nur eine Frage der Zeit ist.

Ich übertreibe. Vielleicht.

Notizen aus der katalanischen Metropole: Pressefreiheit, Fußball, Immigration

Wer mir auf Twitter folgt, hat im Lauf des (verlängerten) Wochenendes vielleicht mitbekommen, dass ich meine Schwester in Barcelona besucht habe. Dabei haben wir, wie das halt so ist, nicht allzuviel Produktives getan, sondern in allererster Linie die gemeinsame Zeit genossen. Gleichwohl will ich der geneigten Leserin die eine oder andere Notiz nicht vorenthalten.

Eher zufällig sind wir auf zwei sehr unterschiedliche Ausstellungen  im Palau Robert, einem Informationszentrum für und über Katalonien, gestoßen: zum einen „Futbol per la llibertad de premsa“, eine sehr kleine Fotoschau, mit der „Reporter ohne Grenzen“, unterstützt von der Agence France Presse (AFP) und unter Nutzung der Popularität des Fußballs, die Öffentlichkeit für die Bedeutung der Pressefreiheit sensibilisieren will; zum anderen die ungleich größere und ambitioniertere Ausstellung „La immigració, ara i aquí“, die sich mit der Einwanderung nach Katalonien befasst und sowohl die nackten Zahlen in sehr anschaulicher Weise darstellt als auch den Einfluss der Immigration auf die Region herausarbeitet.

La immigració, ara i aquí

Die Ausstellung betrachtet grob die weltweiten Wanderungsbewegungen der letzten Jahrtausende , lenkt den Blick dann aber rasch auf die katalanische Situation, die seit Beginn des letzten Jahrhunderts von Migrationsbewegungen geprägt ist. Im Januar 2008 stellten die Statistiker erstmals eine Bevölkerungszahl von mehr als einer Million Ausländern in Katalonien vor, etwa ein Siebtel der 7,2 Millionen Bewohner – nur 10 Jahre zuvor hatte diese „Gruppe“ lediglich rund 100.000 Menschen umfasst!

Die Veranstalter bringen dem Besucher auf angenehme Weise persönliche Schicksale nahe und versuchen, auf diese Weise neue Perspektiven in die -auch das wird nicht verschwiegen- bisweilen schwierige Diskussion über den Umgang der Region mit der massiven Einwanderung einzubringen. Zu diesem Prozess zählt zweifellos der „Nationale Immigrationspakt“ Kataloniens, der derzeit in einer fortgeschrittenen Phase zwischen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Akteuren diskutiert wird.

Die Ausstellung, die von der Generalitat de Catalunya organisiert wurde, ist noch bis zum 30. Juni geöffnet. Nähere Informationen inklusive eines kleinen Films und didaktischer Materialien, sind verfügbar; wer catalan versteht, ist allerdings im Vorteil, da die Informationen in spanisch, englisch und französisch deutlich weniger umfangreich sind.

Futbol per la llibertad de premsa

35 Fotos wurden „Reporter ohne Grenzen“ von AFP zur Verfügung gestellt, um die immense Kraft des Fußballs (eine „globale Religion“) nicht nur aufzuzeigen, sondern sie auch dazu zu nutzen, den Besucherinnen die Frage der Pressefreiheit näher zu bringen – einer Freiheit, die als ein Grundstein jeder Demokratie zu verstehen sei.

In einem kurzen Flugblatt stellen die Organisatoren dar, dass und wie Journalisten weltweit in zunehmendem Maße Gewalt ausgesetzt sind. Interessanterweise werden dabei die „internetbezogenen“ Fälle separat erfasst: im Jahr 2008 wurde 1 Blogger getötet, 59 wurden verhaftet, 45 Internetnutzer wurden attackiert und 1740 Seiten blockiert oder geschlossen.

Ganz ehrlich: die Ausstellung verfolgt ein wichtiges Anliegen, die Zahlen sind, auch wenn sie meines Erachtens etwas detaillierter (und auch optisch ansprechender) dargestellt werden sollten, sehr aufschlussreich und können unter http://www.rsf.org zum Teil vertieft werden. Die Querverbindung zum Fußball erschließt sich mir aber nicht so recht. Sicher, einige der Fotos sind in politischen Krisenregionen entstanden, wo die Pressefreiheit teilweise stark eingeschränkt und die Reporter großen Gefahren ausgesetzt sein dürften. Einige andere Werke stammen aus den europäischen Ligen und sind vermutlich nicht den dortigen Gefahren für Journalisten geschuldet, sondern ausschließlich der Erzielung von Aufmerksamkeit.

Es ist aus meiner Sicht völlig in Ordnung, mit der Popularität des Fußballs (auf den Werbeflyern ist Barcelonas Superstar Lionel Messi abgebildet) auf eine wichtige Sache aufmerksam zu machen, die Veranstalter machen aus diesem Ansinnen auch gar keinen Hehl. Wenn es allerdings tatsächlich darum geht, über die Breitenwirkung des Fußballs Besucher in die Ausstellung zu locken, dann müsste man zumindest etwas mehr und gezieltere Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Dann aber wäre man auch gezwungen, die Fußballinteressierten tatsächlich „abzuholen“ und in attraktiverer Form für das zu sensibilisieren, was man eigentlich transportieren will.

In der derzeitigen Form bleibt die Ausstellung, die man sich noch bis zum 22. März ansehen kann, irgendwie halbherzig. Sie zeigt tolle Fotos, die den Fußball als verbindendes Element haben und die zweifellos Geschichten, Emotionen und auch Werte transportieren; den Titel „Fußball für die Pressefreiheit“ hat sie indes aus meiner Sicht nur bedingt mit Inhalt gefüllt.

Abschließend verweise ich zum einen gerne nochmals auf die beunruhigenden Informationen, die „Reporter ohne Grenzen“ online zur Verfügung stellt; zum anderen kann ich es mir nicht verkneifen (dem ernsten Thema völlig unangemessen) einen Bildausschnitt* aus der Ausstellung einzubinden, der mit Blick auf den fußballerischen Sachverstand im Mutterland des Fußballs für sich spricht:

futbol_premsa_beckham

* Aktuell steht das Foto nach meinem Kenntnisstand nicht bei RSF zum Download zur Verfügung. Offensichtlich hat es aber bereits im Jahr 2006 eine Buchveröffentlichung mit ähnlichem Titel gegeben, in deren Zusammenhang ein Download angeboten worden sein soll. Ob die ausgestellten Fotos eine Teilmenge der im Buch abgedruckten sind, weiß ich nicht.