Handwerkszeug

Fredi Bobic hatte etwa 88 Minuten ziemlich guten Fußballs gesehen. Würde zwar hernach keinen interessieren, aber es war so. Besuschkow war der Souverän auf dem Platz gewesen, Grbic hatte wieder einmal dreifach getroffen, Ferati vieles versucht, nicht immer erfolgreich, die Abwehr sich weitgehend abgeklärt gezeigt, der Gast war chancenlos gewesen: Stuttgart fünf, Frankfurt eins.

Kurz vor Schluss musste Bobic das Schlienz verlassen und ins große Stadion wechseln, von der U19 zu den Erwachsenen. Möglicherweise tat er dies ähnlich zuversichtlich wie ich selbst kurz darauf, nach dem Abpfiff, und in der Gewissheit, dass die katastrophalen Auftritte gegen Köln der Vergangenheit angehörten.

Leider kam alles ganz anders, und ich kann es nur schwer in Worte fassen. (Daniel Schwaab ist da weniger auf den Mund gefallen.)

Könnte ich singen, wäre das Ganze schnell durch. „Ich hatte keine Tränen mehr, als Ujah und Osako trafen“, sänge ich maffayesk, die Silben ein bisschen beugend, ginge noch auf meinen leeren Blick und das Zittern ein, lüde es hoch, das Blog wäre befüllt und meine Stimmung transportiert. Bliebe bloß noch zu hoffen, dass mich jemand von der Straße zöge. Freundin Ayşe, zum Beispiel, die eher selten ins Stadion geht, am Samstag aber mit ihrer ganzen Familie vor Ort war und hernach nicht umhin kam, mir zu bestätigen, was ich ohnehin zu wissen glaubte, dass nämlich das Spiel auch äußerlich Spuren hinterlassen habe: „Du siehst echt scheiße aus, Heini!“

Nun will ich nicht sagen, dass das „noch geprahlt“, will sagen: eine euphemistische Umschreibung gewesen sei, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ich nach dem Spiel geneigt war und im Grunde noch immer wäre, negative Superlative einzustreuen, so ich denn noch welche hätte. Vermutlich habe ich Herrn Völler hier schon des Öfteren zitiert, Sie wissen schon „… einfach die Sache mit dem Tiefpunkt und nochmal ’n Tiefpunkt und noch mal ’nen niedrigeren Tiefpunkt.“

Verzeihung. Mir ist gar nicht nach Scherzen zumute. Wirklich so gar nicht. Die Ernüchterung ist kaum in Worte zu fassen. Hatte sich das Déjà-vu in der Vorwoche noch lediglich auf den späten Gegentreffer bezogen, ist es nun ein grundsätzlicheres, beängstigenderes: die Spielweise. Konkreter: die Vorwärtsbewegung.

Kürzlich hatte ich bei n-tv noch vollmundig behauptet, der VfB verfüge in der Offensive „insbesondere mit Maxim und Didavi über ein in den letzten Jahren selten gekanntes Kreativpotenzial“ und zudem bedauert, „dass Veh nur schwerlich Platz für beide in seiner Mannschaft finden“ werde. Nun, ich wurde Lügen gestraft: er fand. Schön, eigentlich.

Weniger schön, dass ich mich bereits im ersten Schritt geirrt haben könnte. Oder etwas verwechselt habe: technische Begabung mit Kreativität, möglicherweise. Sowohl Maxim als auch Didavi verstehen es, mit dem Ball umzugehen. Sie behandeln ihn liebevoll, er gehorcht ihnen, und sie verstehen auch, ihn zu treten. Freistöße, Ecken, auch Flanken, Pässe: sie können all das. Es ist ihr Handwerkszeug, ein gutes Handwerkszeug, und sie wissen es zu verwenden.

Kreativ ist das allerdings noch nicht. Kreativität erfordert nach meinem Verständnis Überraschungsmomente, Unerwartetes, mit oder ohne Schnörkel, die Fähigkeit, neue Situationen zu schaffen, etwas, das die Abwehr im Idealfall unvorbereitet trifft und ihr deshalb Schwierigkeiten bereitet. Von den beiden Technikern habe ich derlei am Samstag nicht gesehen. Der kreativste Pass kam von Oriol Romeu – schnörkellos, überraschend, doch leider war Timo Werner bereits ins Abseits gelaufen.

Natürlich geht es nicht darum, Didavi und Maxim die Schuld zuzuweisen. Sie führten mir nur in besonderem Maße vor Augen, dass ich mich einer Illusion hingegeben hatte, als ich auf ein überzeugenderes Offensivspiel gehofft hatte. Ein Offensivspiel, das natürlich auch gern von den Sechsern bestimmt werden dürfte. Oder von den Außenspielern. Ich bin da nicht wählerisch.

Auch nicht bei den Mitteln: ob wir nun Tempodribblings zu sehen bekommen wie phasenweise bei Traoré, oder öffnende Pässe, wie Leitner sie nachweislich spielen kann, manchmal, ob auch mal einer mit dem Kopf durch die Wand geht wie Cacau, oder ob Sakai und Klein auf den Außenpositionen ein ums andere Mal mit hohem Tempo Unruhe schaffen, Verwirrung stiften, so wie, manchmal, der 2012er Sakai und, lassen Sie mich nachdenken, Andi Hinkel 2004.

Meinetwegen können sie sich auch per tiqui-taca bis auf die Torlinie kombinieren, also ungefähr so, wie es Maxim und Didavi zu Spielbeginn kurzzeitig außerhalb der Gefahrenzone versuchten oder wie es die Ballkontaktrekordhalter Schwaab und Rüdiger gemeinsam mit Romeu hinter der Mittellinie taten. Nur schneller. Und woanders. Und irgendwie zielgerichtet.

Da ich bis dato so gut wie keine Spielszenen gesehen hatte, wusste ich nicht, was ich von den Neuzugängen zu erwarten hatte. Romeus kreativen Moment und seine zahlreichen Ballkontakte hatte ich schon genannt, ansonsten hat er mich noch nicht überzeugt, was der einen oder anderen seltsamen Aktion und – zugegeben, kein sehr valides Argument – dem Eindruck geschuldet ist, dass ich schon elegantere, in ihren Bewegungen behändere Spieler aus La Masia gesehen habe. Dafür erinnert er mich an Daniel Morales aus „Taxi“, was immerhin ein ähnlich gutes Argument für ihn ist. Ach, und wieso lese ich in den Aufstellungen immer wieder „Oriol Romeu“ neben, zum Beispiel „Gentner“ oder „Didavi“? Ist er der neue Lucatoni?

Filip Kostić hinterließ insofern einen ganz guten Eindruck, als er für Belebung im Angriff sorgte (was angesichts des Ausgangsniveaus nicht schwer war), ins Dribbling ging und den Abschluss suchte. Dumm nur, dass es keine zehn Minuten dauerte, bis er mich an Danijel Ljuboja erinnerte: die erste Schwalbe ließ nicht lange auf sich warten, bei Auseinandersetzungen mit Gegner und Schiedsrichter war er gleich vorne dabei. Muss ich nicht haben, echt nicht. Aber vielleicht sagt’s ihm ja mal jemand.

Florian Klein: solide. Eine schöne Offensivaktion hatte er, mit schöner Flugannahme und anschließender Hereingabe. Darf er öfter machen; man hätte ihm einen stärkeren Partner auf seiner Seite gewünscht, und Mitspieler, die ihn einzusetzen versuchen. Gerne kreativ, aber auch handwerklich sauber hätte gereicht.

Köln spielte übrigens auch mit. Kevin Vogt gefiel mir ganz gut, Anthony Ujah sowieso, für Daniel Halfar habe ich seit langem ein Faible, das am Samstag aber nicht stärker ausgeprägt wurde. Der VfB spielte ihnen ein bisschen in die Karten, und sie spielten ihr Blatt sauber aus. Gute Leistung.

Insgesamt war es schön, die Bundesliga wieder intensiver verfolgen zu können – selbst das Abendspiel sah ich mir in irgendeiner Kneipe an, war sehr beeindruckt von der Münchner Anfangsphase und völlig überfordert, die weitere Entwicklung des Spiels zu begreifen. Vermutlich hatte ich mich schon fast so sehr mit dem Kräfteverhältnis abgefunden wie die Schalker, die nach dem Spiel in kollektiven Jubel ausbrachen, weil sie ein Heimspiel gegen einen unmittelbaren Mitbewerber nicht verloren hatten, was Marcus Bark bei sportschau.de bereits sehr treffend ausgeführt hat.

Ach, und dann war da ja noch ein Handtor. Ich bin ein bisschen überrascht, dass sich Collinas Erben so klar auf die Seite von Benedikt Höwedes, bzw. von Marco Fritz, stellen. Zwar neige ich selbst auch zu der Sichtweise, dass ein solches Handspiel kein strafbares ist, wiewohl ich finde, dass man Höwedes mit guten Argumenten eine sehr bewusste Nutzung des Ellbogens unterstellen kann; vor allem aber frage ich mich, wieso Abwehrspieler, insbesondere in der Champions League, seit einiger Zeit dazu übergehen, sich dem ballführenden Angreifer mit hinter dem Rücken verschränkten Armen entgegenzustellen, um den Ball nur ja nicht aus kurzer Distanz an Hand oder Arm geschossen zu bekommen? Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sie dafür keine handfesten Gründe haben, vorzugsweise erfolgte Schiedsrichterentscheidungen.

Vermutlich werden die Erben das in den nächsten Tagen auch in ihrer nächsten Podcast-Ausgabe noch einmal aufrollen und in mir einen interessierten Zuhörer haben; ähnlich interessiert erwarte ich die zweite Ausgabe der „Schlusskonferenz“ beim Rasenfunk, einem neuen Podcast, hinter dem zu meiner großen Freude just jene beiden Herren stecken, denen ich während der Weltmeisterschaft ganz besonders gerne zuhörte, wenn sie beim fast täglichen WM-Podcast von Herrn @fehlpass zu Gast waren: die Herren @GNetzer (der das jetzt wieder nicht so gerne hört) und @helmi.

Ob dort auch die zweite Liga besprochen wird, weiß ich nicht. Falls ja, dann höchstens deren sportliche Aspekte, vermute ich, nicht aber die Mattuschka-Posse. Die mich persönlich ein bisschen bestürzt. Hätte ich nicht erwartet. Nicht, dass mich Norbert Düwel gleichermaßen an Joachim Löw in der Causa Ballack und Michael Skibbe in Sachen Thomas Häßler denken lassen würde, und auch nicht, dass sich Mattuschka selbst nicht entblöden würde, sich auf das Glatteis der großen Buchstaben zu begeben.

Es überrascht mich naiven Romantiker komplett, dass so etwas so schnell gehen kann, und es gibt wenig, was ich aktuell weniger gern hören möchte als Sätze im Stil von „kein Spieler ist größer als der Verein“. Rein emotional und aus der Ferne. Aus der Nähe sieht man das vermutlich aus guten Gründen anders. Tja.

 

 

Von Galoppern und Robben

Als die Bayern gegen Inter spielten, dachte ich an Acatenango.

Alle, die jetzt nicht wissen, wovon ich rede, sind vermutlich nach 1980 geboren oder haben erst spät zur Sportschau gefunden. Und diejenigen, die sich an Acatenango erinnern, dürften sich völlig zurecht fragen, weshalb ich beim Finale der Champions League an ihn dachte.

Ich sah also diesem Fußballspiel zu, das leider viel zu früh entschieden war und das mich irgendwann nur noch bedingt mitreißen konnte. Und wie ich da so zusah, nistete sich recht unvorhergesehen der Gedanke bei mir ein, dass auf Seiten der Bayern nach meiner Einschätzung (korrekter: nach meiner Einschätzung der Einschätzung durch die Sportjournalisten) mindestens die beiden Erstplatzierten und drei weitere Spieler aus den Top 10 der Wahl zum Fußballer des Jahres 2010 auf dem Platz standen. Nicht dass ich daraus einen Abgesang auf den deutschen Fußball abgeleitet hätte, nach dem Motto: „Da stehen 5 der 10 vermeintlich besten Bundesligaspieler auf dem Platz, und trotzdem sind sie nicht in der Lage, Gefahr zu erzeugen“, überhaupt nicht. War einfach nur so ein Gedanke.

Während ich also noch über den Nachfolger von Grafite sinnierte, tauchte aus heiterem Himmel ein neuer Begriff auf, der zwar eine gewisse formale Ähnlichkeit mit dem des Fußballers des Jahres aufweist, den man indes inhaltlich wohl nicht einmal 1985, 1997 oder 1998 guten Gewissens mit dem Sieger der kicker-Wahl in Verbindung bringen konnte. Eigentlich. Für mich hingegen ist der Weg vom Fußballer des Jahres zum Galopper des Jahres schon immer ein kurzer gewesen: Fußball war Sportschau war (auch) Addi Furler war Galopper des Jahres. War Acatenango (und, zugegeben, ein bisschen Orofino). Womit die Ausgangsfrage beantwortet wäre.

Im Übrigen sei die Wahl des Galoppers des Jahres, die zu meiner Überraschung noch immer durchgeführt wird, wenn auch mit deutlich geringerem medialen Auftrieb als zu Zeiten von Furler, Schwarze und Zimmer, die älteste Publikumswahl im deutschen Sport. Auch besteht sie bereits drei Jahre länger als die elitäre Wahl des fußballerischen Pendants, die dieses Jahr auf ein halbes Jahrhundert zurückblicken kann.

Ich schweife ab. Die Frage der gedanklichen Verbindung zwischen dem Finale der Champions League und einem guatemaltekischen Vulkan wäre zwar geklärt; eigentlich wollte ich jedoch einen Schritt weiter gehen und auch noch ein paar Sätze zur Wahl zum Fußballer des Jahres verlieren, auch wenn vor ihrer Durchführung und vor allem Veröffentlichung noch eine Weltmeisterschaft steht. Gerade bei Weltmeisterschaften sollte man ja zwischenzeitlich vorsichtig geworden sein, nachdem die letzten beiden MVPs wohl schon vor den jeweiligen Finals gewählt wurden, dieses Ergebnis dort aber nicht uneingeschränkt bestätigen konnten.

Wie auch immer: ich habe mir also trotz möglicher weltmeisterschaftsbedingter Änderungen ein paar Gedanken zur Wahl des Fußballers des Jahres gemacht und in diesem Kontext die Ergebnisse der letzten Jahre angesehen, um festzustellen, dass seit Michael Ballack, der 2002 und 2003 (sowie 2005) gewann, niemand mehr ernsthaft Gefahr lief, den Titel zu verteidigen. Eine kurze Betrachtung der 10 Bestplatzierten der letzten 5 Jahre führt mich gar zu dem Schluss, dass ziemlich viele von Ihnen ziemlich sicher nicht erneut in den Top 10 landen werden:

2005
1. Michael Ballack (Bayern München) 516
2. Lukas Podolski (1. FC Köln) 103
3. Marcelinho (Hertha BSC Berlin) 99
4. Marek Mintal (1. FC Nürnberg) 55
5. Bastian Schweinsteiger (Bayern München) 39
6. Per Mertesacker (Hannover 96) 28
7. Roy Makaay (Bayern München) 25
8. Lincoln (Schalke 04) 21
9. Dietmar Hamann (FC Liverpool) 10
10. Sebastian Deisler (Bayern München) 8

2006
1. Miroslav Klose (Werder Bremen) 532
2. Jens Lehmann (FC Arsenal) 82
3. Philipp Lahm (Bayern München) 58
4. Oliver Kahn (Bayern München) 39
5. Michael Ballack (Bayern München) 17
6. Torsten Frings (Werder Bremen) 12
7. Per Mertesacker (Hannover 96) 11
8. Lukas Podolski (1. FC Köln) 9
9. Tim Borowski (Werder Bremen) 5
9. Bastian Schweinsteiger (Bayern München) 5
9. David Odonkor (Borussia Dortmund) 5

2007
1. Mario Gomez (VfB Stuttgart)  196
2. Diego (Werder Bremen)  175
3. Bernd Schneider (Bayer Leverkusen)  156
4. Torsten Frings (Werder Bremen)  47
4. Theofanis Gekas (VfL Bochum)  47
6. Kevin Kuranyi (Schalke 04)  20
7. Pavel Pardo (VfB Stuttgart)  18
8. Timo Hildebrand (VfB Stuttgart)  17
8. Jens Lehmann (Arsenal FC)  17
8. Rafael van der Vaart (Hamburger SV)  17

2008
1. Franck Ribery (Bayern München) 224
2. Michael Ballack (FC Chelsea) 115
3. Luca Toni (Bayern München) 108
4. Philipp Lahm (Bayern München) 69
5. Oliver Kahn (Bayern München) 60
6. Diego (Werder Bremen) 33
7. Mario Gomez (VfB Stuttgart) 32
8. René Adler (Bayer Leverkusen) 31
9. Lukas Podolski (Bayern München) 18
10. Bastian Schweinsteiger (Bayern München) 6

2009
1. Grafite (VfL Wolfsburg) 331
2. Mario Gomez (VfB Stuttgart) 171
3. Edin Dzeko (VfL Wolfsburg) 169
4. Diego (Werder Bremen) 103
5. Franck Ribery (Bayern München) 65
6. Zvjezdan Misimovic (VfL Wolfsburg) 50
7. Philipp Lahm (Bayern München) 32
8. Vedad Ibisevic (1899 Hoffenheim) 20
9. Robert Enke (Hannover 96) 16
10. Mesut Özil (Werder Bremen) 10


Und hier mein völlig verfrühter Tipp:

Fußballer des Jahres 2010:

1. Arjen Robben

2. Bastian „Herr Schweinsteiger“ Schweinsteiger

3. Edin Dzeko

4. Kevin Kuranyi

5. Sami Hyypiä

6. Ivica Olic

7. Thomas Müller

8. Toni Kroos

9. Torsten Frings

10. Claudio Pizarro

10. Cacau

10. Nuri Sahin

10. Philipp Lahm

Und Ihr so?

Leichtes Spiel für Herrn Kinhöfer.

Hinsichtlich der schiedsrichterlichen Bewertung von Luca Tonis Spielweise gehen die Meinungen gelegentlich etwas auseinander. Meine Sichtweise habe ich mit Blick auf das Spiel in Stuttgart bereits dargelegt.  Man kann es aber auch ganz anders sehen.

Was für den gemeinen Fan also eine Überzeugungssache und steter Anlass für Diskussionen ist, stellte sich zumindest am Samstag für Schiedsrichter Torsten Kinhöfer vergleichsweise einfach (durchaus sympathisch, wie ich finde) dar:

„Nehmen Sie nur den Zweikampf Tasci gegen Toni. Da wurde von beiden geklammert, gehalten, gezerrt. Ich hätte blind pfeifen und in irgendeine Richtung deuten können – ich wäre stets richtig gelegen.“

In seinem Interview in den Stuttgarter Nachrichten vertritt er ansonsten die Ansicht, bei den seitens der Bayern kritisierten Entscheidungen richtig gelegen zu haben.

Da war mehr drin.

Jens Lehmann hätte ein Zeichen setzen sollen. Nach dem Ausgleich des VfB Stuttgart gegen die Bayern hatten die Stuttgarter noch mindestens einen weiteren Freistoß – wieso ist er da in seinem Tor geblieben, anstatt weiterhin mit nach vorne zu eilen, um den Siegtreffer zu erzielen? Er hätte den Münchnern klar machen können, dass der VfB mit einem Punkt nicht zufrieden sein konnte. Nicht nach einem Spiel, von dem die Bayern zwar glaubten, es in der zweiten Hälfte eindrucksvoll gedreht zu haben; einer zweiten Hälfte allerdings, in der sie nach meiner Zählung drei, maximal vier Torschüsse zu verzeichnen hatten und so nach ZDF-Angaben auf 7-24 Torschüsse verkürzten. Am Ende einer Vorrunde, in der die Bayern wiederholt Führungen nicht über die Zeit retten konnten (und mehr als ein „Hinüberretten“ wäre es tatsächlich nicht gewesen, hätten sie den Platz als Sieger verlassen), wäre das ein schönes Signal an die Herren mit dem Sieger-Gen und dem „Mir-san-mir-Gefühl“ gewesen, finde ich.

Zudem hätte es den angenehmen Nebeneffekt gehabt, dass sich die Münchner in ihren Interviews nach dem Spiel auf Lehmanns Hybris hätten stürzen können, anstatt sich in einer [hier bitte ein passendes Adjektiv einfügen, je nach Position – gerne auch in den Kommentaren] Schiedsrichterschelte zu ergehen, die eigentlich unter ihrer Würde sein sollte.

Ok, jetzt mal etwas realistischer: Ja, natürlich wäre Hybris der richtige Ausdruck, und selbstverständlich wäre auch ich einem Herzinfarkt nahe gewesen, wenn Lehmann tatsächlich so gehandelt hätte. Und ja, es gibt durchaus Gründe, nach dem 2-2 von einem „gefühlten Sieg“ für die Gastgeber zu sprechen, eben weil der Ausgleichstreffer erst in der Nachspielzeit fiel.

Ehrlich gesagt hätte nicht viel gefehlt, und an dieser Stelle wäre das alte Lied von der bayerischen Cleverness erklungen. Es war beeindruckend, wie sie es nach dem 2:1 kurzzeitig schafften, jegliches Tempo aus dem Spiel zu nehmen (das ist NICHT ironisch gemeint), und gleichzeitig eine Viertelstunde lang jegliche Zuversicht auf Stuttgarter Seite -bei Spielern wie Fans- schwinden zu lassen.

Der VfB bäumte sich dann aber mit bekanntem Ausgang nochmals auf, sodass ich lieber ein anderes altes Lied singe: das von den ausgebufften Italienern. Nein, ich meine natürlich nicht Oddos Platzverweis, den Blogger beider Seiten als berechtigt einstuften (ich selbst hätte ihn beim ersten Ansehen vermutlich nicht gegeben und denke auch nicht, dass Oddo lange gesperrt wird; berechtigt war der Ausschluss aber ganz bestimmt). Vielmehr spreche ich von Luca Toni (vulgo: Lucatoni), der es schafft -unabhängig von aller fußballerischen Klasse-, in vielen seiner Zweikämpfe foul zu spielen und dabei nicht nur sehr selten vom Schiedsrichter bestraft zu werden, sondern häufig gar einen Freistoß zugesprochen zu bekommen.

Gerade als VfB-Anhänger muss man dieser Fähigkeit sehr hohe Anerkennung zollen: der hiesige Toptorjäger Mario Gomez, körperlich ein ähnliches „Kaliber“ wie Toni, scheint vielen Referees als rotes Tuch zu gelten; der letzte ihm zugestandene Elfmeter dürfte Jahre zurückliegen – ob sich das angesichts seiner häufigen und anhaltenden Beschwerden bei den Schiedsrichtern in absehbarer Zeit ändert, scheint fraglich.

Wie auch immer:die Vorrunde hat ein gutes Ende gefunden. Der VfB zeigt wieder Lauf- und Einsatzbereitschaft, gelegentlich sogar Spielwitz, und mehrere Spieler sind auf einem guten Weg zurück zu alter Stärke – oder darüber hinaus, allen voran Sami Khedira. All das ist jedoch dann Makulatur, wenn man es nicht schafft, am Donnerstag gegen Standard Lüttich das Überwintern im Uefa-Cup zu sichern. Ein Scheitern könnte auch die glänzende Perspektive, die sich das Gespann Babbel/Widmayer erarbeitet hat, mit einem Schlag wieder deutlich blasser erscheinen lassen.

Aber an so etwas will ich derzeit nicht denken.