"Du bist schlecht informiert"

Es dürfte die geneigte Leserin nicht überraschen, dass in meinem sozialen Umfeld recht häufig über Fußball geredet wird. In vielerlei Facetten, mit unterschiedlich ausgeprägtem Fachwissen und einer recht großen Bandbreite hinsichtlich der Bedeutung, die man dem Thema beimisst. Das ist, selbstverständlich, völlig in Ordnung, so wie es meines Erachtens auch völlig in Ordnung ist, dass ich Fußballgespräche mit eher oberflächlich interessierten Leuten tendenziell rasch beende bzw. in eine andere Richtung lenke. Oder auch mal auf Erklärbär mache.

Vermutlich geht es anderen im Umgang mit mir ähnlich. Nein, ich kokettiere nicht. Es gibt schlichtweg Facetten des Spiels, oder des Drumherums, die mich nur rudimentär interessieren. Ablösesummen, zum Beispiel. Ich nehme sie zur Kenntnis und vergesse sie wieder. Klar, damals, als die ersten Millionentransfers abgewickelt wurden und ich restlos alles aufsaugte, was ich an Fußballbezogenem lesen konnte, waren auch Ablösesummen spannend, und auch heutzutage nehme ich Diskussionen über die Herren Bale, Neymar oder de Bruyne wahr. Aber schon jetzt könnte ich nicht mehr sagen, wie viel Geld der VfB für Mohammed Abdellaoue oder Carlos Gruezo bezahlt haben soll, nicht einmal beim immer wieder gerne angeführten Yildiray Bastürk weiß ich es mehr.

Anderes Thema: YouTube-Videos aus der zweiten indonesischen Liga, oder auch aus der ersten portugiesischen. Italienischen. Spanischen. Ich habe da manchen begabten Scout im Bekanntenkreis, oder auch in der Twitter-Timeline, der, wohl auch die, restlos jeden Fußballspieler kennt, der jemals über die Rolle eines Statisten auf weltfussball.de hinausgekommen ist. Ich bewundere das, folge manchmal einem Link oder einer anders ausgesprochenen Empfehlung, diskutiere auch gern mit diesen Leuten, aber ich kann ihnen wenig zurückgeben. Bis auf Steven Gerrard und John Terry gibt es vermutlich keinen Premier-League-Spieler, dessen Vereinshistorie ich annähernd unfallfrei hinbekomme, bei vielen italienischen Nationalspielern wüsste ich nicht einmal den aktuellen Verein.

Schön, dass dennoch so viele Leute mit mir über Fußball reden. Über die Lage beim VfB, so wir denn, anders als ich in dieser Woche, das jüngste Spiel nicht komplett verpasst und hernach bewusst ignoriert haben, aber auch den bevorstehenden WM-Titel, über lokalen, regionalen und internationalen Fußball. Wir besprechen Regelfragen und sportliche Entwicklungen, gelegentlich gar Transfergerüchte und -wünsche, außergewöhnliche Tore, faszinierende Pässe oder auch anstehende Trainer- oder Sportdirektorenwechsel. Und alle kennen sich mehr oder weniger gut aus, beim einen Thema mehr, beim anderen weniger.

Also informiert man sich. Will mitreden können. Und ist dann fast peinlich berührt, wenn man erstmals von etwas hört oder liest, das man nicht recht glauben kann bzw. von dem man überzeugt ist, dass alle anderen es längst wissen. So wie vor einigen Wochen, als ich irgendwo las, dass es nicht möglich sei, nach der winterlichen Transferperiode, also nach dem 31. Januar, noch vertragslose Spieler zu verpflichten. Hatte ich noch nie gehört, und irgendwie zweifelte ich auch ein wenig, stellte aber keine vertiefte Recherche an. Von wegen „also informiert man sich“!

Die jüngste Wechselperiode ist mittlerweile Geschichte, das Thema stellte sich weder während noch nach ihr, zumindest nicht so öffentlichkeitsträchtig, dass ich es mitbekommen hätte, und rückte dementsprechend in den Hintergrund. Bis dann in der vergangenen Woche der private wöchentliche Kick das eine oder andere sportliche Defizit zutage treten und nicht nur abstrakte Rufe nach Verstärkungen laut werden ließ, sondern ganz konkret nach dem einen oder anderen vertragslosen (Ex?)-Profi.

Dass das Ganze nur im Spaß ablief, versteht sich von selbst, aber wer hat schon seine Synapsen im Griff? So wandte ich also ein, dass es meines Wissens gar nicht oder nicht mehr möglich sei, vertragslose Spieler nach dem 31. Januar zu verpflichten, was bei den Umstehenden eher reservierte Reaktionen hervorrief, oder, um den leisen Zweifel in Worte zu fassen:

„Vertragslose Spieler kann man selbstverständlich jederzeit verpflichten.“

Was ja bis vor kurzem auch mein Kenntnisstand gewesen war, und so brachte mich eine Mischung aus Skepsis gegenüber meiner (nicht mehr zuordenbaren) Quelle auf der einen und dem Gedanken, dass ich möglicherweise schlicht falsch gelesen oder verstanden haben könnte, auf der anderen Seite zunächst davon ab, das Thema weiterzuverfolgen.

Dass es mich dann doch nicht losließ, dürfte nicht sonderlich überraschen, und so googelte ich tags darauf ein wenig herum, fest davon ausgehend, sehr rasch zu einem durch zahllose Quellen belegten eindeutigen Ergebnis zu gelangen. Doch mitnichten – die Quellenlage war weder üppig noch eindeutig. Glücklicherweise lieferte wenigstens der DFB Aufklärung:

„Der 31. Januar ist für Manager aller Couleur ein Fix-Termin im Kalender. Es ist die letzte Chance, Schwachstellen und Engpässe im Kader zu korrigieren. Dann nämlich schließt das sogenannte Transferfenster II, danach können nur noch vertragslose Spieler verpflichtet werden.“

(Leider kann ich den Text nicht im Original verlinken. Dazu später mehr.)

Womit alles klar war. Also doch! Jetzt nur noch die entsprechende paragraphenbewehrte Stelle heraussuchen und das Thema wäre durch. Als einschlägige Quelle drängte sich die Lizenzordnung Spieler (LOS) auf, die in §14 Nr. 2c (oder, für Laien wie mich: auf Seite 19) folgendes besagt:

„In einem Spieljahr kann ein Vereinswechsel eines Vertragsspielers, der am 1. Juli vertraglich an keinen Verein als Lizenzspieler oder Vertragsspieler gebunden war und daher bis zum 31. August keine Spielerlaubnis für einen Verein, auch nicht als Amateur, hatte, außerhalb der Wechselperiode I bis zum 31. Dezember erfolgen. Das gilt für nationale und internationale Transfers. Die Verträge müssen eine Laufzeit bis zum 30. Juni eines Jahres haben.“

Hm. Eigentlich klang das gar nicht so, als dürfe man nach der Wechselperiode II noch vertragslose Spieler verpflichten, fand ich. Eher so, als könnten sie zwar außerhalb der Wechselfristen einen Vertrag unterschreiben, aber eben nur im alten Jahr, in der Vorrunde, quasi. Was auch zu meiner Ausgangsinformation gepasst hätte. Aber hey, wenn der DFB es auf seiner Website explizit anders darstellt? Ok, sind auch nur Menschen, außerdem komme ich mit DFB und DFL eh immer durcheinander, und wer weiß, wer da was weiß?

Was mich dann zur ultimativen Informationsquelle greifen ließ: der Weisheit der Vielen, in diesem Falle, wie so oft, repräsentiert durch Twitter. Die Formulierung des Tweets nahm einige Zeit in Anspruch. Schließlich galt es, gleichzeitig durchblicken zu lassen, dass man es eigentlich wusste und nur eine Bestätigung benötigte; andererseits sollten die Antworten der vielen Weisen ja auch nicht beeinflusst werden. Letztlich kam das hier heraus:

Anders als der Verfasser des Tweets ließen sich die Antwortenden eher wenig Zeit. Binnen Sekunden gingen die ersten Antworten ein und bildeten dann einen langen, ruhigen Fluss mit relativ deutlicher Aussage:

„Ja.“

So lautete zumindest die deutliche Mehrheit der Antworten, und in aller Regel ließen sie wenig Zweifel zu. Viele lieferten Beispiele, um ihre Antwort zu belegen, einige wiesen darauf hin, dass alles andere arbeitsrechtlich wohl nicht haltbar wäre.

Das Ganze zog sich eine Weile hin, möglicherweise stelle ich die Chronologie nicht mehr ganz korrekt dar, aber natürlich gab ich mich mit bloßen gefestigten Meinungen und Zusicherungen der eigenen Vertrauenswürdigkeit nicht zufrieden. Vielmehr erbat ich Quellen und Verweise, und wies zudem verschiedentlich darauf hin, dass die genannten Beispiele eben nicht einschlägig seien, weil unter anderem Manuel Friedrich und Timo Hildebrand jeweils zwar außerhalb der Transferfenster, aber bereits im Herbst von Schalke bzw. Dortmund verpflichtet worden seien, Ali Karimi gar rechtzeitig am 31.1.

Auch andere belegende Quellen kamen eher tröpfchenweise. Herr @lizaswelt hatte ebenfalls den oben genannten Text auf dfb.de gefunden, aber auch einen dem widersprechenden bei der Springer-Presse, und in mir wuchs die Überzeugung, dass an der Ausgangsthese wohl doch was dran sein müsse. @torstenwieland brachte schließlich einen alten Text der VdV ans Tageslicht, den ich, was nicht für meine Recherchekompetenz spricht, bei einem kurzen Besuch auf deren Website nicht gefunden hatte und der eine Unterschriftenaktion gegen ein „Berufsverbot“ vertragsloser Profis zum Thema hat:

Vereinslose Profis können in Deutschland grundsätzlich noch bis zum Ende der Transferperiode II am 31. Januar 2012 verpflichtet werden. Für die übrigen Spieler ergibt sich allerdings ab dem 1. Februar 2012 das bekannte Problem, dass ein Wechsel in Deutschland grundsätzlich erst wieder in der Transferperiode I im Sommer 2012 durchgeführt werden kann.“

Das war recht deutlich. Meine Repliken auf die Ja-Sager wurden selbstbewusster:

Zudem gewannen die (auch zuvor schon vorhandenen) Aussagen, die ein Recht auf die Verpflichtung vertragsloser Spieler nach dem 31.1. verneinten, zwar noch nicht die Oberhand, aber doch einen nennenswerten Anteil. Als dann auch noch Herr @scherben81 jenen Text ausgrub, den ich als den erkannte, den ich Wochen zuvor gelesen hatte, und den ich offensichtlich nicht missinterpretiert haben konnte, war meine Meinung quasi in Stein gemeißelt. Ohne den kicker als Verkünder endgültiger Wahrheiten preisen zu wollen.

Blieb die Frage nach dem Artikel auf dfb.de. Ich frug per Twitter nach, erhielt aber zunächst keine Antwort aus der Otto-Fleck-Schneise, oder wo auch immer das Social-Media-Team des DFB sitzt. Herr @artus69, der seinerseits Zweifel an „Unterschiede[n] bei Sommer- und Wintertransferfenster“ geäußert hatte, führte dann den Durchbruch herbei, indem er @maxgeis, dessen Aufgabe ich nicht genau kenne, der aber in verschiedenen Quellen als Pressebeauftragter des DFB genannt wird, in das Gespräch einbezog. Und tatsächlich ließ die Klärung nicht mehr lange auf sich warten:

Meine Nachfrage hinsichtlich eines offiziellen Dokuments beantwortete er ebenfalls:

Das genannte Dokument enthält in §23 Nr. 1.3 eine minimal abgewandelte Version der oben zitierten Formulierung in der LOS, ohne nach meiner Lesart in relevanter Weise davon abzuweichen.

Anschließend entspann sich in der Timeline noch ein kurzer Austausch über die Frage nach dem Unterschied zwischen den Phasen nach den beiden Wechselperioden. Die Begründung scheint wohl zu sein, dass man Sorge hat, durch Wechsel im Frühjahr relativ kurzfristig Einfluss auf die zum Saisonende hin anstehenden Entscheidungen zu nehmen, worüber man sicherlich kontrovers diskutieren kann:

Parallel dazu griff Max Geis auch noch die an den DFB gerichtete Twitteranfrage hinsichtlich des oben zitierten Artikels auf dfb.de auf, der offensichtlich fehlerhaft gewesen war, und kündigte eine Korrektur an, die tatsächlich sehr rasch erfolgte und dazu führte, dass ich, wie oben ausgeführt, den besagten Absatz nur noch über Umwege zitieren konnte.

Wie auch immer: es war, nein: es ist geklärt. nach dem 31.1. können auch keine vertragslosen Spieler unter Vertrag genommen werden.

„Alter Hut, eh klar, hätte ich Dir gleich sagen können“, mag der eine oder die andere nun kopfschüttelnd ausstoßen. Leider war er oder sie neulich aber nicht greifbar, und so ergab sich eben die hier eher so mittelkurz skizzierte Diskussion, die mir wieder einmal vor Augen führte, dass es manchmal gar nicht so peinlich ist, etwas nicht zu wissen. Man ist selten der einzige, nicht einmal, wenn man sich unter Leuten tummelt, die sich in aller Regel verdammt gut auskennen.

Natürlich kann man die ganze Frage auch kürzer abhandeln (ab 3:00):

(via @clubfans_united)

Müller, Nogly, Hoeneß, Löw und die anderen

Heute ist DFB-Pokal, morgen auch. Am Wochenende war Bundesliga, davor Europapokal. Dass irgendwann davor zwei Länderspiele stattfanden, ist längst wieder aus dem Fokus verschwunden. Wie auch die Debatte um Thomas Müller, den Joachim Löw demnächst für die Nationalmannschaft nominieren möchte, was aber Uli Hoeneß nicht so gerne sähe:

„Wenn ich früher ein ganzes Jahr lang so gespielt hätte, hätte mich Bundestrainer Helmut Schön zur Seite genommen und gesagt: Wenn Sie so weiterspielen, kommen Sie demnächst wieder zu uns.“

Widerspruch fällt insofern zunächst schwer, als Hoeneß zwar bei seinem Länderspieldebüt auch erst 20 Jahre alt war; er hatte jedoch bereits 57 Bundesligaspiele absolviert, also nahezu zwei komplette Spielzeiten als Stammspieler.

Der Bundestrainer verweist gleichwohl auf das Beispiel Hoeneß und dessen Debütalter, und zieht zudem Spieler wie Messi, Rooney oder Beckenbauer zum Vergleich heran, die ebenfalls früh debütierten. Die Medien nehmen den Ball gerne auf und bringen Namen wie Maradona, Pelé, Ronaldo oder Seeler ins Spiel – schließlich soll Müller ja nicht irgendein durchschnittlicher Nationalspieler werden. Joachim Löw beweist dann doch etwas mehr Augenmaß und nennt noch einige Spieler aus dem eigenen Stall, die gemäß „unserer Philosophie“ frühzeitig in die Nationalmannschaft integriert worden seien: Podolski, Schweinsteiger, Lahm, Mertesacker, Özil. Interessanterweise ist Mesut Özil der einzige in dieser Reihe, der unter dem Cheftrainer Löw debütierte. Bei Per Mertesackers Debüt war er bereits als Jürgen Klinsmanns Assistent beteiligt, während Philipp Lahm, Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger noch unter Rudi Völler Nationalspieler wurden.

Doch zurück zu Hoeneß‘ Vergleich mit Helmut Schön. Rein rechnerisch feierte sowohl unter Schön als auch bei Joachim Löw jedes Jahr ein 19- oder 20-jähriger Spieler sein Debüt, unter Klinsmann waren es mehr als zwei. Bei den 21- und 22-Jährigen liegen Klinsmann und Löw mit 2,5 Debütanten pro Jahr etwas höher als Schön, die 23-Jährigen sind eine löwsche Domäne, von 24-26 sind Löw und Schön auf Augenhöhe (2,5), Klinsmann etwas darunter, und ab 27 stört nur noch Cacau die schönschen Neulinge – Peter Nogly war mit 30 der Älteste, kam aber nur auf 4 Länderspiele. Insgesamt gab Helmut Schön im Schnitt jährlich 7 Debütanten eine Chance, bei Löw sind es deren 9. Jürgen Klinsmann beschränkte sich auf 6-7 pro Jahr.

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Dabei hatten Jürgen Klinsmanns 19- und 20-jährigen Debütanten im Schnitt deutlich weniger Erstligaspiele absolviert als ihre Pendants bei Löw und Schön, die sich in den unteren Altersklassen diesbezüglich grob die Waage halten. Insgesamt aber hatte der durchschnittliche Neuling bei Helmut Schön mit 88 Einsätzen deutlich mehr Erstligaspiele auf dem Buckel, als dies später bei Löw (57) und Klinsmann (40) der Fall war. Auch musste er bei Schön deutlich über 23 Jahre alt sein, während Joachim Löw kurz vor dem 23. Geburtstag zugriff, Jürgen Klinsmann gar vor dem 22.

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Stimmt – diese Darstellung ist insofern irreführend, als beispielsweise der Nogly-Balken ganz unten länger ist als der 23er, der für insgesamt 19 Spieler steht. Ein wenig Abhilfe (von Klarheit wage ich nicht zu reden) schafft vielleicht die folgende Darstellung, bei der die Größe der Datenpunkte die Menge der damit erfassten Spieler vermittelt:

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Naturgemäß sinkt die Zahl der theoretisch erreichbaren Länderspiele mit zunehmendem Debütalter – ein Umstand, der die Schweinsteiger’sche Zahl möglicherweise irgendwann in den negativen Bereich abgleiten lässt, während der mit 26 sehr spät berufene Bernard Dietz gerade so über die 50 lugen kann – als einziger der über 23-jährigen Debütanten der Ära Schön:

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Quervergleiche zu Jürgen Klinsmanns oder gar Joachim Löws Schützlingen verbieten sich hier – schließlich möchte ich keinen der Herren bereits als Ex-Nationalspieler titulieren. Weder Lukas Sinkiewicz noch Christian Schulz noch Mike Hanke noch Andreas Görlitz noch David Odonkor noch Marco Engelhardt noch Patrick Owomoyela noch Frank Fahrenhorst aus dem Klinsmann’schen Stall, und auch nicht die Löw-Debütanten Roberto Hilbert, Jan Schlaudraff, Tobias Weis, Alexander Madlung, Clemens Fritz, Manuel Friedrich oder Jermaine Jones.

Quellen: dfb.de, fussballdaten.de