Kevinismus

Der verdienteste Meister seit was weiß ich wann. Naja. Klingt wie the greatest Olympic Games ever held. Nur beträgt dort die Halbwertszeit in aller Regel wenigstens 4 Jahre.

Was soll der Quatsch? Dortmund ist ein verdienter Meister. Hochverdient, meinetwegen. Genau wie die Bayern letztes Jahr. Wolfsburg davor. Bayern. Stuttgart. Bayern. Und so weiter. Wer am 34. Spieltag vorne steht, hat es (sich) verdient. Manchen gönnt man es mehr, vielleicht, weil sie so schön gespielt haben, so viele junge, möglicherweise gar selbst ausgebildete Spieler im Kader und auf dem Platz hatten, weil sie eben nicht Bayern heißen oder schon lange mal dran waren bzw. es so lange nicht mehr gewesen waren, anderen gönnt man es vielleicht weniger. Den Dortmundern scheinen es viele eher mehr zu gönnen. Geht mir auch so.

Sie machen es einem ja auch leicht. Großartiger Fußball, junge Kerle, eloquenter und – auch wenn sich da die Geister ein klein wenig scheiden – sympathischer Trainer mit viel Sachverstand. Nuri Sahin, was für eine Geschichte. Und was für ein Talent, was für ein taktisches Gespür. Mario Götze, den man gemeinsam mit Mesut Özil und Thomas Müller das Offensivspiel der deutschen Nationalmannschaft bestimmen sehen möchte und sicherlich auch wird. Sven Bender, Mats Hummels, Lucas Barrios und natürlich der großartige Kagawa.

Ich rede um den heißen Brei herum, es muss heraus: ich bin ein Kevin-Großkreutz-Fanboy. So ein bisschen zumindest. Oder auch ein bisschen mehr. Spätestens seit dem Rückrundenauftakt in Leverkusen, eigentlich aber schon seit seinem Länderspieldebüt im Mai 2010. Sicher, war nur gegen Malta, aber da zeigte einer, dass er kicken kann. Machte das Spiel schnell, hatte offensichtlich Spaß, leitete zwei Treffer ein. In Leverkusen schoss er sie selbst.

Natürlich kenne ich die Vorbehalte, die Großkreutz entgegengebracht werden. Aus Gelsenkirchen, vor allem, und auch aus München, wenn ich meine Twitter-Timeline mal als repräsentativ betrachte. Die einen sehen in ihm ein natürliches Feindbild, die anderen halt einen derjenigen, die ihnen die Schale wegnehmen. Wird ja wieder anders, wenn dann nächstes Jahr, mit der Doppelbelastung und so… kann man nicht einfach mal gratulieren und das nächste Jahr das nächste Jahr sein lassen? Entschuldigung, ich war ja bei Kevin Großkreutz. Kevin. Eignet sich prima für Unterschichtenwitze. Und dann passt er vielleicht auch noch in dieses Bild. Gibt möglicherweise beim einen oder anderen Interview eine unglückliche Figur ab, lästert eventuell ein wenig über die Konkurrenz. Ja, vermutlich kann man mit ihm nur bedingt über Quantenphysik diskutieren. Passt. Kann man mit mir nämlich auch nicht.

Keine Frage, über seine Scharmützel mit Schalkern kann man geteilter Meinung sein, oder nicht einmal das. Die werden ihm vielleicht irgendwann auf die Füße fallen. Möglicherweise muss er sich auch dereinst fragen lassen, ob es klug war, sich bei zahlreichen Gelegenheiten quasi auf Lebenszeit zur Borussia zu bekennen, seine mit der Muttermilch aufgenommene Bindung an den BVB wieder und wieder zu betonen – vermutlich nicht selten ermuntert von den Medien, für die die Story vom Jungen, der von der Südtribüne kam, um sich nur wenige Jahre später von der Südtribüne bejubeln zu lassen, pures Gold ist. Vermutlich kommt irgendwann der Tag, an dem er Dortmund verlassen will, und dann werden all die schönen Bild- und Tondokumente wieder heraus gekramt und ihm aufs Brot geschmiert werden. Manuel Neuer kann ein Lied davon singen. Aber was ist die Alternative? Soll ein junger Spieler wie Großkreutz, wie Neuer, wie Dennis Eilhoff in Bielefeld, sein Fantum verschweigen, herunterspielen, um sich weniger angreifbar zu machen? Natürlich schießt man im jugendlichen Überschwang auch einmal über das Ziel hinaus, Großkreutz vielleicht noch mehr als Neuer oder Eilhoff, aber hey: ist doch großartig, dass da einer seine Identifikation mit dem Verein, der Region, dem Stadtteil vor sich herträgt! Wenn er dann irgendwann glaubt, doch noch die Welt sehen zu müssen: gut so.

Oh, ich wälze hier hypothetische Probleme. Von denen ich nicht weiß, ob sie je entstehen. Dabei wollte ich doch nur sagen, dass ich Kevin Großkreutz klasse finde. Den Fußballspieler, in allererster Linie. Und irgendwie auch den jungen Mann, der, wenn man der Presse glauben darf, das Herz sowohl auf der Zunge trägt als auch am rechten Fleck hat. Klingt nach einer anatomischen Herausforderung.

Neulich habe ich irgendwo ein Foto von ihm gesehen. Wie er da so durch die Stadt ging, in seinem Anorak,mit dem langen Haar, erinnerte er mich ein wenig an Theo Gromberg. Ja ja, ich weiß, der war aber für Westfalia Herne. Und vermutlich ist es ziemlich doof, einen Jungmillionär mit dem eher tragischen Helden Theo zu vergleichen. Aber es geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

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Falls übrigens jemand meint, ich könne gar nicht beurteilen, ob man mit Kevin Großkreutz über Quantenphysik diskutieren kann, so hat er recht. Was ich indes weiß: bei denjenigen, die seine Website betreuen, ist es mit Mathematik nicht allzu weit her:

Der Schiri hat's versaut.

Und davon lasse ich mich auch nicht abbringen. Der Schiri, und nur der Schiri, ist schuld daran, dass mein gestriger Tipp daneben ging. Ich hatte auf einen Sieg mit einem Tor Unterschied getippt, und wenn der Schiedsrichter nicht von einem Foul geträumt hätte, wo keines war, hätte das auch geklappt. Mit drei Punkten mehr läge ich jetzt auf Platz 2. Pfeife!

So aber pfiff Herr Coulibaly Edus reguläres 3:2 ab und die USA müssen um ihre Qualifikation für das Achtelfinale bangen – nach einem Spiel, das sie hätten gewinnen müssen, das sie aber gegen effiziente Slowenen lange zu verlieren drohten. Der geglückte Versuch des slowenischen Torwarts, sich im Tor zu verstecken, als Landon Donovan auf ihn zulief, brachte die Amerikaner nach der bitteren ersten Hälfte ins Spiel zurück. Oliver Kahn war indes der Ansicht, da gebe es nichts zu halten. Ok, wenn der Experte spricht, schweigt der Laie. Jostein Flo hätte seine helle Freude am amerikanischen Ausgleichstreffer gehabt, und das 3:2 hätte dem Ganzen die verdiente Krone aufgesetzt. Ach, Herr Coulibaly!

Über den anderen gestrigen Schiedsrichter ist mittlerweile alles gesagt. Ok, noch nicht von jedem, aber da will ich mal Mut zur Lücke beweisen. Dass man mit knapp 100 Länderspielen gelernt haben könnte, nicht nur auf das Verhalten des Gegners, sondern auch auf das des Schiedsrichters zu reagieren, scheint ebenfalls unstrittig zu sein. Etwas weiter gehen die Meinungen bei der Frage auseinander, ob ein Spieler, der gerade zwei Großchancen eher kläglich vergeben hat, zum Elfmeter antreten sollte – der Erklärungsansatz, der alternative Schütze sei körperlich nicht ganz auf der Höhe gewesen, ist möglicherweise nicht ganz von der Hand zu weisen.

Über die Defizite auf der Linksverteidigerposition bei Holger Badstuber im deutschen Aufgebot in der Bundesliga wurde vor der WM geredet, nach dem Australien-Spiel wurde das Thema ein wenig kleiner, nun ist es wieder da und wird uns durch die WM (wie lang auch immer sie für die deutsche Mannschaft dauern mag) und darüber hinaus erhalten bleiben. Krasic war gut, Badstuber nicht gut genug. Wieso Bastian Schweinsteiger vor dem Pass auf Krasic seine Energie in den Versuch gesteckt hat, den Passgeber von den Beinen zu holen, anstatt sich um den Ball zu bemühen, ist möglicherweise eine Frage, die sich nur wir Laien stellen.

Lahm gegen Zigic war das eine Duell des Spiels, Podolski gegen Stojkovic hätte das andere werden können, doch dafür schoss er zu schlecht. Ob Joachim Löws Ansicht, Mesut Özil sei nicht mehr frisch genug gewesen, zutrifft, kann ich nicht beurteilen, an andere Gründe glaube ich nicht. Besser wurde das Offensivspiel nach Özils Auswechslung jedenfalls nicht. Marko Marin kam in keine einzige der Zweikampfsituationen in Tornähe, deretwegen er eingewechselt worden war, Cacau war übermotiviert und Gomez hing gänzlich in der Luft. Auch als er von einem Serben von den Beinen geholt wurde, übrigens.

Was der deutschen Mannschaft indes völlig abgeht, ist der nötige Aberglaube. Ok, dass die Herren Löw und Flick ihre ganze Kollektion zeigen wollen: geschenkt. Aber dass Manuel Neuer nach dem großartigen 4:0 zum Auftakt sein Trikot wechselte, verwundert mich. Ernsthaft. Kein Torwart, den ich kenne und mit dem ich je zusammengespielt habe, hätte das getan. Das mag in Teilen daran liegen, dass in meinen Klassen nur selten eine ähnliche Auswahl an Trikots vorhanden war. In allererster Linie jedoch lag es am Aberglauben. Ohne Not nach einem beeindruckenden Sieg die Ausrüstung wechseln? No way.

Stammplätze vor der WM

Update 2.6.: Jetzt mit ohne Beck.

Außer Badstuber spielen alle Innenverteidiger im Verein rechts.

Lahm dürfte auf der rechten Bahn viel Platz haben.

Glückspilz Trochowski war links gegen Jansen chancenlos.

Falls es die Position „10“ nicht gibt, schließt Özil links die Lücke.

Joker: Müller spielt vorne alles, Boateng hinten.

„Stammplatz“ ist im einen oder anderen Fall schmeichelhaft.

Outcoached

Mit den nordamerikanischen Profiligen in den verschiedensten Ballsportarten hab ich’s nicht so. Das mag zum einen daran liegen, dass meine Affinität zu den USA nicht sonderlich ausgeprägt ist, zum anderen an einer gewissen Abneigung gegen Closed Shops. Aber ich bin Laie und mache mir möglicherweise ein völlig falsches Bild. Dennoch bekomme ich als sportinteressierter Mensch manches mit und beneide die Nordamerikaner gelegentlich um ihre Sportsprache. Der Begriff „outcoached“ zum Beispiel ist so simpel wie aussagekräftig, auch wenn man über seine inhaltliche Berechtigung häufig unterschiedlicher Meinung sein kann.

Mein persönliches Paradebeispiel (wie gesagt: man kann da anderer Meinung sein) für eine Trainerleistung, die den Gegner allem Anschein nach völlig unerwartet getroffen und letztlich ganz offensichtlich überfordert hat, war die von Marcello Lippi im WM-Halbfinale 2006. Die deutschen Verantwortlichen waren schlichtweg nicht darauf vorbereitet, dass Lippi zu Beginn der Verlängerung so offensiv wechseln und 10 Minuten später sogar noch nachlegen würde. Der Ausgang ist bekannt.

Am Freitag habe ich mich ein wenig daran erinnert gefühlt. Selbst Professor Thon gab sich in der Pause des Spiels seines VfB Hüls FC Schalke 04 vollkommen überzeugt, dass Felix Magath die defensive Ausrichtung nicht verändern würde, und vermutlich sah man das auf Stuttgarter Seite ähnlich. Magath jedoch dachte nicht daran, die Erwartungen zu erfüllen und brachte für den defensiven Matip mit Alexander Baumjohann einen offensiven Spieler und ließ den zweiten „10er“, Ivan Rakitic, etwas hinter ihm agieren. Ehe der VfB sich versah (und natürlich unter Zuhilfenahme individueller wie auch kollektiver Aussetzer), hatte Schalke Jens Lehmann zweifach bezwungen, agierte insgesamt offensiver und hielt das Spielgeschehen zusehends aus der eigenen Hälfte heraus. Dem VfB gelang es nicht, nach dem zweiten Rückstand nochmals vernünftig ins Spiel zu finden, sodass man hinterher zwar angesichts der Gelegenheiten aus der ersten Hälfte mit dem Ergebnis hadern, letztlich aber nicht von einer unverdienten Niederlage sprechen kann – eben weil man gegen Ende des Spiels nicht mehr in der Lage war, Druck zu entwickeln.

Zwar stand in den letzten 10 Minuten mit Marica ein zusätzlicher Stürmer auf dem Feld, doch wenn der Preis dafür ist, dass Cacau den Spielmacher geben soll (und noch dazu von den Mitspielern tatsächlich jeden Ball bekommt), halte ich das für keine gute Lösung. Es war offensichtlich, dass Schalke vor dem Duo Hleb-Molinaro einen Heidenrespekt hatte, und selbst wenn die beiden nicht so häufig auf die Grundlinie durchkamen wie in den Spielen zuvor, entwickelten sie doch weitaus mehr Gefahr als die im Offensivspiel kaum vorhandene rechte Seite. Kurz: zum ersten Mal bin ich der Ansicht, dass der Trainer Aliaksandr Hleb nicht hätte vom Platz nehmen sollen.

So bleibt unter dem Strich eine ärgerliche, weil unnötige Niederlage gegen eine taktisch disziplinierte Schalker Mannschaft mit einem  Torwart, den Herr Wieland in seiner treffenden Analyse völlig zurecht über den grünen Klee lobt. Auf Stuttgarter Seite war Zdravko Kuzmanovic sehr auffällig, was allerdings mit einem eher blassen Sami Khedira einher ging. Ich weiß nicht, ob die taktische Vorgabe des Trainers lautete, dass Khedira eher den Träsch geben und Kuzmanovic in stärkerem Maß nach vorne spielen solle; letztlich würde ich mir von den beiden aber ein noch überraschenderes Wechselspiel erhoffen. Wobei die Wahrscheinlichkeit, dass Khedira in der nächsten Saison noch mit von der Partie ist, derzeit von Woche zu Woche sinken dürfte bzw. bereits jetzt ein all-time low erreicht haben könnte.

Interessant finde ich übrigens, dass man es ohne genauere Kenntnis der Abseitsregel zu 23 Profijahren und 61 Länderspielen bringen kann (sinngemäß: „Es wäre nur dann kein Abseits gewesen, wenn Westermann den Ball nach hinten bzw. quer gespielt hätte“), und gar possierlich war Olaf Thons Versuch, in einem Satz gleichzeitig Jens Lehmann für dessen „Spielchen“ in Sachen WM-Torwart zu rügen und seinerseits nicht nur Manuel Neuer zu pushen, sondern auch noch die Kompetenz der Verantwortlichen bei der Nationalmannschaft in Frage zu stellen: „Jeder sieht, dass er der Beste ist.“

PS: Falls jemand fragt, wer den Part von Fabio Grosso als Sympathieträger Nr. 1 übernommen habe: Heiko Westermanns ständiges Gemecker über die Entscheidungen von Lutz Wagner ging mir ziemlich auf den Geist.

Debütantentournee. Tourneedebütanten?

Wenn ich mich nicht verzählt habe, wird die DFB-Truppe in der nächsten Woche mit 5 Spielern nach Asien reisen, die ihre Premiere in der Nationalmannschaft noch vor sich haben. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird zumindest der eine oder andere von ihnen tatsächlich sein Debüt feiern.

Dabei kann man trefflich darüber streiten,

  • ob es angemessen ist, Christian Träsch nach 19 Bundesligaspielen zu berufen, nachdem er für die U 21 bis dato für zu leicht befunden wurde.
  • ob Cacau in einer Reihe mit Paolo Rink zu nennen ist.
  • ob Christian Gentner nur dank einer überragenden Mannschaft temporär auf dem nötigen Niveau spielt.
  • ob Tobias Weis nur wieder berufen wurde, weil man bei der Auswahl der Nutella-Boys zu voreilig war.
  • wieso für Manuel Neuer die Regel „entweder U 21 oder Asien mit Priorität U 21“ nicht gilt.

Ich selbst bin in der Tat auch eher skeptisch, was die viel zitierte Perspektive der potenziellen Debütanten in der Nationalmannschaft anbelangt – es würde mich überraschen, wenn mehr als zwei der vier Feldspieler die 10 Länderspiele voll machen. So war ich denn, als ich von der Nominierung erfuhr, auch schnell dabei, Vergleiche zu früheren Länderspieltourneen mit zweifelhaftem sportlichem Wert zu ziehen:

tweet_wasmachteigentlichErfreulicherweise habe ich damit einen kleinen Austausch weiterer Kandidaten mit @sfiebrig und @bunkinho in Gang gesetzt. Das Ganze ließ mich dann nicht mehr los, so dass ich mich ein wenig im Keller verkrochen und Länderspielstatistiken angesehen habe. Dabei habe ich mich auf Länderspielreisen mit mindestens zwei Spielen außerhalb Europas konzentriert (Weltmeisterschaften ausgenommen – deren sportliche Relevanz dürfte unstrittig sein). Und nicht vor 1950.

Bereits im Dezember 1960 war es die Nationalmannschaft der DDR, die in Tunesien und Marokko antrat und dabei Rainer Nachtigall zum ersten Tourneedebütanten machte. Insgesamt bestritt er 11 Länderspiele.

Zwei Jahre später gewann die DDR in Mali und Guinea und lud dabei zum großen Debütantenball: in Mali gaben Herbert Pankau (25), Werner Linß (2) und Helmut Stein (22) ihren Einstand, in Guinea Alfred Zulkowski (1), Heinz Hergert (1) und Eberhard Vogel (74).

Erst im Dezember 1968 reiste der DFB erstmals Lust – vermutlich zur Vorbereitung auf die WM 1970 in Mexiko trat man innerhalb weniger Tage in Brasilien, Chile und Mexiko an und ermöglichte so den Herren Michael Bella (4, nie gehört, den Namen) und Rainer Ohlhauser (1) ihr Länderspieldebüt.

Im Dezember 1969 setzte die DDR einen drauf und spielte am 8. und 19.12. gleich auf zwei Kontinenten (zugegeben: ich weiß nicht, ob man zwischendurch daheim war): im Irak debütierte Frank Ganzera (13), in Ägypten Joachim Streich (102) und Erhard Mosert (1).

Im Februar 1971 durfte es dann wieder Chile sein, wo Frank Richter (7) sich erstmals zeigte, gefolgt von gleich zwei Spielen in Uruguay, wo aber genau wie zwei Jahre später in Kolumbien und Ekuador kein Neuling zum Einsatz kam. Mag an der ernsthaften Vorbereitung auf die WM beim Klassenfeind gelegen haben, die keinen Platz für Experimente ließ – abgesehen von Hans-Bert Matoul, der im Februar 1974 in Tunesien und Algerien die ersten beiden seiner drei Länderspiele bestritt.

Vermutlich zur Vorbereitung auf Olympia 76 trat man dann im Juli 1975 zweimal in Kanada an. Hans-Ulrich Grapenthin freute sich über den ersten von 21 Einsätzen.

Die DFB-Mannschaft ging erst im Juni 1977 wieder auf Tournee, um sich auf Argentina 78 einzustimmen. Dieter Burdenski (12) musste in Argentinien und Brasilien zusehen, durfte aber in Uruguay ran und war dann auch bei der WM dabei, wenn auch ohne Einsatz.

Beim WFV wiederum konnten sich im Februar 1979 im Irak mit Bodo Rudwaleit (33) und Dirk Heyne (9, verteilt von 1979-1990!) ebenfalls zwei Torhüter ihre ersten Sporen verdienen.

Die erste sportlich gänzlich unsinnige Auslandstournee, an die ich mich aktiv erinnere, ist „Mundialito„, die sogenannte Mini-WM in Uruguay zum Jahreswechsel 1980/81, an die sich Wolfgang Dremmler (27) trotz des schwachen Abschneidens gerne erinnern dürfte, feierte er doch gegen Brasilien seinen Einstand im Nationalteam.

Im März 1982 trat man in der Vorbereitung auf Michael Schanze die WM in Spanien erneut in Brasilien und Argentinien an und konnte wieder zwei Neulinge begrüßen: Frank Mill (17) und Stefan Engels (8).

Im Februar 1985 debütierte Olaf Marschall (4+13) in Ekuador, nachdem er zuvor in Uruguay noch von der Bank aus zugesehen hatte. In der Bundesliga brillierte in jener Saison Ludwig Kögl (2). Er war die Entdeckung schlechthin, wurde zum Spieler des Jahres gewählt und im Juni 1985 mit der WM-Vorbereitungsreise nach Mexiko belohnt. Nach seinem Debüt gegen Mexiko durfte er im November noch einmal mitspielen und sah sich die WM vermutlich im Fernsehen an.

Bei der Südamerikareise vom Dezember 1987 wäre ich geneigt, vom „Debütantendebakel“ zu sprechen – die Herren Franco Foda (2), Christian Hochstätter (2) und Frank „Mach et, Otze“ Ordenewitz (2) bestritten dort jeweils ihre einzigen beiden Länderspiele -, wenn nicht in Brasilien auch Jürgen Klinsmann (108) debütiert hätte.

1990 gab’s dann, vielleicht nicht ganz überraschend, im Rahmen einer Kuwaitreise (Gegner: Frankreich, Kuwait) noch einige Debüts in der DDR-Nationalmannschaft, die nicht allzu nachhaltig waren: Andreas Wagenhaus (3), Matthias Maucksch (1), Hilmar Weilandt (2) und Ronny Teuber (1) traten auf und international auch bald wieder ab.

Der DFB schickte seine Botschafter im Dezember 1992 wieder einmal nach Südamerika (Brasilien, Uruguay), und auch hier gelang es den Neulingen Thomas Wolter (1), Michael Zorc (7), Martin Wagner (6) und Bruno Labbadia (2) nicht, den Grundstein für große internationale Karrieren zu legen. Im Gegensatz zu Christian Ziege, der im Juni 1993 beim „US-Cup“ das erste seiner 72 Länderspiele bestritt und Karl-Heinz Pflipsen, der ebendort das einzige Mal im Nationaltrikot auflief. Außerdem: Karl-Heinz Pflipsen (1).

Wie ernst man die Vorbereitung auf die WM in den USA nahm, zeigte eine weitere kleine Tournee im Dezember 1993, bei der Dieter Eilts (31) und Stefan Kuntz (25) erstmals zum Einsatz kamen. Für die WM nutzte das alles nichts, zumal Eilts dort nicht im Kader und Kuntz nur einmal auf dem Feld war; dafür wurden beide 1996 Europameister.

Sehr unterschiedlich verliefen einige weitere Auslandstourneen Ende der 90er für die Debütanten: Jens Lehmann bestritt im Februar 98 im Oman das erste von 61 Spielen, Bernd Schneider beim Confed-Cup in Mexiko Nr. 1 von (bisher) 81. Seine Mitreisenden waren nicht so erfolgreich: Ronald Maul (2) kam danach nie mehr zum Einsatz, Heiko Gerber (2) auch nicht, Mustafa Dogan (2) noch einmal im Oktober 99. Zwischen dem Oman bzw. Saudi-Arabien und dem Confed Cup hatte im Februar 1999 noch eine USA-Reise auf dem Programm gestanden, bei der Marco Reich (1) und Michael Preetz (7) ihren Einstand gaben. Preetz erwies sich als wahre Rampensau, bestritt er doch 5 seiner 7 Länderspiele auf verschiedenen Tourneen (via @bunki).

Die bisher letzte fragwürdige Reise führte die Nationalkicker im Dezember 2004 nach Japan, Südkorea und Thailand. Patrick Owomoyela (11), Christian Schulz (3) und Marco Engelhardt (3) sind noch jung genug, um ihre Bilanz zu verbessern.

Soweit die Fakten. Die detaillierte Analyse überlasse ich gern den Herren Weis, Gentner, Träsch, Neuer und Cacau jedem, der sich dazu bemüßigt fühlt.

Über Korrekturhinweise der Betroffenen oder ihrer Anhänger freue ich mich, kann sie allerdings erst nach dem langen Wochenende umsetzen.

Farbenspiele

Kann mir eigentlich jemand sagen, wieso Markus Pröll gestern ein Schalketrikot trug? Also, abgesehen davon, dass halt Fraport statt Gazprom drauf stand. Klingt ja sogar ein bisschen ähnlich. War das ein Willkommensgruß an Ralf Fährmann? Oder wollte Pröll signalisieren, dass er für dan nächste Schritt bereit sei, wenn Manuel Neuer zu den Bayern wechselt? Der könnte dann ja auch regelmäßig mit den dortigen Eckfahnen schmusen.

Auch Schiedsrichter Guido Winkmann und seine Assistenten hatten sich beim Griff in den Kleiderschrank für einen Überraschungseffekt in neckischem Türkis entschieden, und das war ganz sicher nicht ihre schlechteste Entscheidung an diesem Tag. Es ist mir ein Rätsel, wie man Bundesligaschiedsrichter werden kann, ohne sich mit der Vorteilsregel vertraut zu machen. Ob Patrick Ochs wegen seines Ellbogenschlages vom Platz gemusst hätte, will ich gar nicht beurteilen. Dass der Referee daraufhin aber den Stuttgarter Tempoangriff unterbrach, um Ochs den gelben Karton unter die Nase zu halten, ist schlicht indiskutabel (und  war kein Einzelfall). Auch Matthieu Delpierre wird über Herrn Winkmann geflucht haben: sein glasklares taktisches Foul an der Seitenlinie hätte bei jedem anderen Schiedsrichter eine Sperre in Bielefeld nach sich gezogen; so aber steht er weiterhin bei vier gelben Karten.

Die gute Nachricht lautet, dass das Ergebnis von der Leistung der Unparteiischen nicht entscheidend beeinflusst wurde. Also kurz zum Spiel: der VfB ging ganz offensichtlich in dem Bewusstsein in die Partie, früher oder später seine Treffer zu erzielen. Unabhängig von der eigenen Leistung. Dementsprechend agierte man dann auch sehr pomadig behäbig, ließ die Tugenden der letzten Wochen vermissen (vielleicht fiel auch Hitzlspergers Fehlen stärker ins Gewicht, als ich erwartet hatte) und hätte sich ganz sicher die Frage gefallen lassen müssen, weshalb man den auch nicht vor Spielwitz sprühenden Frankfurtern Feld und Initiative überließ. Doch dann hat der Lude mit zwei Flanken von nahezu Hilbertscher Qualität zuerst Cacau (wie war das noch mal mit der Asienreise?) und dann Gomez zu ihrem Glück gezwungen in die Lage versetzt, ihre Qualitäten im Abschluss unter Beweis zu stellen. Ich will bei Gott keinen Vergleich anstellen, aber Gomez‘ Treffer erinnerte mich an Gerd Müllers „kleine Tore“, die auch zählen. Große Klasse, Herr Gomez!

Der eine oder die andere mag  nun einen Satz erwarten, der mit „Wer solche Spiele gewinnt,…“ beginnt, zumal die von mir in besagtem Artikel errechneten 13 Punkte Rückstand auf die Meisterschaft gestern und heute auf deren 4 geschrumpft sind. Pustekuchen. Auch wenn ich mich wiederhole (und zudem wie ein Babbel-Jünger klingen mag): ich mache mir viel mehr Gedanken über Schalke und Dortmund als über die Tabellenspitze.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Frankfurt auch mit Caio nicht gewonnen hätte.