Rückblicksvorbereitungsstichworte (V)

Die Halbfinals liegen noch vor uns, doch mein Spieler des Turniers steht schon fest. Sage ich, der ich bei aus meiner Sicht voreiligen, wenn auch im Kern zweifellos berechtigten Elogen auf Andrea Pirlo, Sami Khedira oder andere, wie wir sie in den letzten Tagen bereits gehört haben (sinngemäß: „Pirlo muss MVP werden!“), gerne mal auf die Erfahrungen vergangener Turniere verweise. Auf den besten Spieler 2006, Zinedine Zidane, auch seine Auszeichnung im Kern berechtigt, oder auf Oliver Kahn, den herausragenden Spieler 2002, oder so ähnlich, nicht wahr?

Wie auch immer: Mein Spieler des Turniers steht fest, stand bereits nach der Vorrunde fest. Schon bei seinem ersten internationalen Titel, damals mit der U21, hatte ich sein Spiel genau verfolgt und sah mich auch in den Folgejahren, wenn ich ihn in seiner nationalen Liga gelegentlich spielen sah, in meiner Einschätzung stets bestätigt. Umso schöner, dass er all meinen Erwartungen – und nicht nur meinen, wie ich aus verlässlicher Quelle, vulgo: Twitter, weiß – nun auch auf der größeren Bühne mehr als nur gerecht wurde. Seine Leistungen in den drei Vorrundenspielen überzeugten selbst die Verhandlungsführer des VfB Stuttgart, auf die Verpflichtung von Sebastian Boenisch zu verzichten. Wunderbar.

Für meinen Sohn war Boenisch bei seinem ersten Turnier nicht mehr als eine Randerscheinung, vermutlich nicht einmal das. Einige in der irgendwann anstehenden Rückschau vielleicht relevantere Erinnerungsfetzen habe ich erneut für ihn aufgeschrieben:

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Anderthalb der vier Viertelfinalspiele durfte ich sehen. Oder sagen wir andertdrittel, wenn man die etwas längere Partie zwischen Italien und England angemessen einbezieht. Ich sah damals ja nur den Teil, in dem England noch halbwegs mitspielen durfte, und in dem Joe Hart den Ball wesentlich lauter traf als alle anderen. Nebensächlich? Vielleicht. Aber so nahm ich Fußballspiele halt wahr. Aufmerksam, detailverliebt, hochkonzentriert – mein Vater war begeistert. Schließlich kommentierte auch er selbst mit großem Vergnügen die Bügelfalten der englischen Hosen.

Weniger begeistert, um es vorsichtig auszudrücken, war der Herr Papá noch am Tag nach dem Spiel ob der vielfältigen Pirlo-Vergleiche. Ribéry war da genannt worden, Zidane, irgendwo hatte es wohl auch Wynton-Ruferesk geheißen. Nicht umsonst gebe es schließlich Sprachen,so der väterliche Besserwisser [Hey!] in denen Pirlos Elfmeter ganz selbstverständlich als „une panenka“ oder dergleichen Eingang in den fußballerischen Alltagswortschatz gefunden habe. Vielleicht war es dann ja doch kein Zufall, dass unter den vermeintlichen Vorbildern und tatsächlichen Nacheiferern Laudatoren zwei Franzosen waren.

Ansonsten kann ich zu den Franzosen bei dieser EM übrigens nicht viel sagen. Ribéry gefiel mir gut, Nasri ärgerte mich nicht halb so sehr wie meinen marseilleverliebten Vater, und dass sie gegen Spanien ausschieden, nun gut, war angesichts des übergeordneten EM-Planes, an den ganz Deutschland glaubte, unvermeidlich.

Was indes vom Italienspiel noch hängen blieb, war der mir bis dahin völlig unbekannte Name Jürgen von der Lippe, den mein Vater für einen der Umsitzenden – wir hatten das zweifelhafte Vergnügen, im bayerischen Urlaubsdomizil inmitten von Fremden schauen zu müssen – gefunden hatte, und wie ich hernach herausfinden sollte, bezog sich der Kosename sowohl auf dessen Idiom als auch auf den feinen Charakterzug, seinen Zuhörern die komplizierte Welt zu erklären. Inklusive kompetenter Einlassungen zu den wie so oft völlig übertriebenen Nachspielzeiten.

Mein erstes semipublic Viewing hatte ich allerdings bereits zuvor erlebt, als die runderneuerte deutsche Mannschaft durch Griechenland spazierte und mein alter Herr angesichts der Nominierung von Marco Reus nicht nur über den Wechsel in der Mittelstürmerposition hinwegsah, sondern sich in seiner Aufstellungseuphorie sogar dazu hinreißen ließ, ihn für richtig zu halten. Hinterher sollte er gleichwohl zu jenen zählen, die sich beim einen oder anderen Abpraller Mario Gomez auf den Platz gewünscht hätten.

Einer von Papas Freunden feierte seinen Geburtstag standesgemäß mit einer Deutschlandgrillerei, ich trug standesgemäß mein neues grünes DFB-Shirt. Andere junge Zuschauer verfolgten die EM übrigens, wie mein Vater per E-mail von einem Leser seines „Weblogs“ (die Älteren werden sich erinnern) erfuhr, in einem seiner Vorrundenlieblinge.

Nach dem Spiel verpasste Papa den Absprung und konnte sich nicht von Joachim Löw und all den anderen Interviewpartnern losreißen. Ich selbst hatte ja während des Spiels aufgepasst und konnte getrost auf eine Bierbank einschlafen, um auf dem Heimweg im Spätkauf („Rewe“) wieder zu großer Form aufzulaufen und eine Reihe fehlender DFB-Sammelkärtchen abzustauben – die Strategie „Mitleid wegen Müdigkeit“ hatte beim freundlichen Kassenpersonal gefruchtet.

Gefruchtet hatten die monothematischen Gespräche mit meinem Vater übrigens auch bei meiner kleinen Schwester. „Khedira kommt“ sagte sie tagelang bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit – wobei: welche Gelegenheit sollte schon unpassend sein, den herausragenden Spieler des Turniers in ein Gespräch einfließen zu lassen, noch dazu für eine junge Stuttgarterin?

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Ich habe im Übrigen große Angst vor dem Spiel gegen Italien. Nicht Respekt, sondern echte Angst. Das hat aber nichts mit Balotelli zu tun, auch nicht mit dem wie immer furchteinflößenden de Rossi, nicht einmal mit Andrea Pirlo.
Es liegt schlicht an Jürgen von der Lippe.

Rückblicksvorbereitungsstichworte (IV)

Bin ja dann doch in ein ziemliches Loch gefallen, als am Sonntag um 18 Uhr kein Spiel auf dem Programm stand. Pünktlich um 5 hatten wir uns beim Gastgeber eingefunden, um uns auf das Spiel vorzubereiten und nebenbei ein paar Köstlichkeiten auszuprobieren, aber mal im Ernst: Wie soll man die Spannung so lange aufrecht erhalten? Ja, ich weiß, man hätte es sich denken können, das mit dem Anstoß, nachdem ja auch schon die Griechen und die Polen und die Russen und die Tschechen … Aber irgendwie hatte mich die Aufarbeitung der Geschehnisse in Gruppe A anderweitig beschäftigt, da blieb kein Platz für Uhrzeitüberlegungen.

Doch zurück zum Wesentlichen: Rückblickvorbereitungsstichworte für den Nachwuchs.

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Um gleich mal mit einer popkulturellen Referenz anzufangen: am 17. Juni 2012 wurde mir die Bedeutung der für mich damals aus FSK-Gründen noch unbekannten Redensart „You have officially been #porned“ erstmals vor Augen geführt. Anderen auch. Von Cristiano Ronaldo, übrigens, der seinem Kapitänskollegen und mitunter als Geistesbruder gewürdigte Zlatan wohl doch noch das eine oder andere voraus hatte, beispielsweise die Qualität der Mitspieler. („Wenn die Schweden den Wilhelmsson nicht spielen lassen, sind sie selber schuld“ – um mal meinen alten Herrn zu zitieren, der über die Jahre hinweg eine nur schwer zu begreifende Begeisterung für den Dribbler mit der schicken Frisur entwickelt hatte.)

Zlatan und seine Wasserträger (unter diesem Namen sollen sie hernach über die Dörfer getingelt sein) waren an den Engländern gescheitert, die etwas überraschend Dado Pršo als Mittelstürmer aufgeboten hatten. (Nein, ich hatte Dado Pršo auch nicht gekannt, aber mein Vater war nicht davon abzubringen.)

Spanien und Kroatien hatten die passenden Rahmenbedingungen für das letzte Spiel in die Wege geleitet, die Iren alles dafür getan, ihren Fans einen gloriosen Auftritt zu ermöglichen, und Italien schon einmal die Tränendrüsen aktiviert für den Fall, dass besagte Rahmenbedingungen bei Spanien-Kroatien ihren Zweck erfüllen würden, ohne dabei an die Tränen zu denken, die Giovanni Trapattoni bei einem von ihm verschuldeten italienischen Ausscheiden vergießen würde. Ich wusste damals nicht einmal, ob auch er, wie sein durch die Welten bummelnder deutscher Kollege Hans-Hubert Vogts, nie einen Hehl daraus machte, das er sich eigentlich nach wie vor viel eher als Teil des Trainerstabs seines Heimatlandes sah.

Die bitterste Erkenntnis an jenem Wochenende war die, dass mein Lob der Anstoßzeiten (Sie wissen schon: Sandmännchen, Paula und Paula, …) verfrüht erfolgt war. Mit Beginn des dritten Spieltags waren nämlich die 18-Uhr-Spiele passé, alles weitere sollte sich tief in der Nacht ab 20 Uhr 45 abspielen. Mit der Konsequenz, dass ich die Spiele nicht mehr anschauen durfte und mein Vater regelmäßig gegen den Schlaf ankämpfen musste. In einer Wachphase erklärte er mir, dass es noch früher durchaus üblich gewesen sei, Fußballspiele bereits um 19. 30 oder 20.15 Uhr anzupfeifen und so auch dem einen oder anderen Kind Gelegenheit zu geben, wenigstens eine Halbzeit zu sehen. Die Championsleagueisierung des Fußballs habe jedoch auch in diesen Bereich unwiderruflich eingegriffen. So unwiderruflich man das halt damals einschätzen konnte.

Wie auch immer: Weder sah ich die Entscheidung in der Todesgruppe A, in der die russischen Fans bekanntlich an ihrer eigenen Erwartungshaltung gescheitert waren (oder so ähnlich, Herr Arshavin argumentierte da etwas verkürzt, wenn ich mich recht entsinne), noch konnte ich das niederländische Ausscheiden miterleben – was, um der Wahrheit die Ehre zu geben, weniger mit der Anstoßzeit zu tun hatte als damit, dass Deutschland parallel spielte. Lange Zeit hatte es übrigens so ausgesehen, als würden wir das Deutschland-Spiel mit einer überschaubaren Gruppe mehr oder weniger kompetenter Erwachsener verfolgen. Als mein Vater in seiner Intoleranz erkannte, dass sich ein Event zu entwickeln drohte, schützte er Müdigkeit vor. Meine. (So zumindest meine Interpretation, zugeben wollte er es nicht.)

Also sahen wir den deutschen Sieg, der bekanntlich in allererster Linie Mario Gomez‘ Ferse zu verdanken war, in trautem Familienkreis. Ein bisschen ärgerlich war es schon, dass meine deutlich jüngere Schwester es irgendwie hinbekam, ihr Länderspieldebüt zu feiern – da hätte ich mir von meinen Eltern doch etwas mehr Konsequenz gewünscht, nicht erst zur Pause. Aber man muss ja auch gönnen können.

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Zugegeben: Der junge Mann mit aufgestecktem schwarz-rot-goldenem Iro und ebensolcher zum Rock gewickelter Fahne irritierte mich ein wenig. Aber natürlich hatte ich nur das Wohl meines Sohnes im Sinn.

Rückblicksvorbereitungsstichworte (III)

War ja ganz schön, das Spiel gegen Holland. (Also, ich sage jetzt halt mal Holland. Der geographisch-politische Einwand gilt hiermit als dankend zur Kenntnis genommen.) Erfolgreich, vor allem. Ja, Gomez, schon klar. Hatten wir alles, meine Position ist bekannt, brauch ich jetzt nicht breitzutreten. Da trete ich lieber in Ansätzen breit, dass ich bereits nach dem ersten Spieltag jenen widersprach, die ein fixes holländisches Ausscheiden durch eine Niederlage gegen Deutschland in den Raum oder auch die Timeline stellten. Und widerspreche auch heute noch, wenn von einer Minimalchance die Rede ist – so abwegig ist es dann auch wieder nicht, dass Deutschland Dänemark und Holland Portugal schlägt, durchaus in der benötigten Höhe.

Sagt der Sohnemann übrigens auch, der sich mittlerweile besser auskennt als ich. Den Spielplan hat er sowieso drauf, und als gegen Portugal Dennis Rommedahl im Bild war, ließ er die verblüfften Eltern wissen, dass dieser gegen die Niederlande negativ aufgefallen war, indem er eine Wasserflasche durch die Gegend gekickt hatte. Will sagen: der junge Mann ist in das Turnier eingetaucht. Da er sich dereinst vermutlich nicht an Rommedahls Nebenbeschäftigung erinnern wird, hier wieder ein paar halbwegs aus- und ganzwegs manipulativ vorformulierte Stichsätze (ohne Rommedahl, läuft unter unnützes Wissen):

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Mit das Beste an der EM 2012 waren ja die Anstoßzeiten. So war insbesondere die Pause des frühen Spiels exakt so terminiert worden, dass das Sandmännchen reinpasste. Zwischen Portugal gegen Dänemark lief zum Beispiel Paula und Paula, die Fischkoppgeschichten hatte ich indes tags zuvor genauso verpasst wie das sie umspülende umspielende Tschechien – Griechenland. War vielleicht auch besser so, der Familienbedarf an wässriger Unterhaltung wurde in jenen Tagen von Usedom aus weit mehr als nur gedeckt.

Den Paula-und-Paula-Spieltag aber, also den zweiten der schon damals mit dem noch immer beliebten Attribut „Todesgruppe“ versehenen Vorrundengruppe B, empfand ich als innere Schlossallee. Was nicht einmal in erster Linie am deutschen Sieg lag, der natur- wie auch farbgemäß irgendwo zwischen innerer Münchner und Berliner Straße angesiedelt war, auch nicht an Vaters abgestrittener Genugtuung ob Gomez‘ Toren (inneres Frei Parken), sondern an der perfekt aufgegangenen Spielstrategie – dank einer wunderbar fluiden Herangehensweise, vor allem im Mittelteil, gelang es mir, mich den Angriffen der Gegenseite abkippend zu entziehen und die Partie gegen alle Vorhersagen bis zum Ende verfolgen zu können. Die Benchmark für künftige deutsche Spiele war somit quasi gesetzt.

Mein alter Herr würde wohl auch heute noch nicht zugeben, dass er das insgeheim ziemlich cool fand. Khedira fand er übrigens auch cool. Und Schweinsteiger. Und Lahm, auch wenn cool vielleicht bei Lahm nicht das Adjektiv seiner Wahl gewesen wäre. Wobei: war schon cool, mit welcher Lässigkeit er Robbens versuchte Dribblings stets unterband. Vom Abschluss gar nicht zu reden.

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Die Sache mit der Benchmark werden wir wohl noch in nichtöffentlicher Sitzung besprechen müssen.

Sehr wohl öffentlich (so öffentlich dieses Blog halt ist) möchte ich indes Béla Réthys Aussprachehopping anprangern. Ich kann gut damit umgehen, wenn Kommentatoren bei der Aussprache ausländischer Spielernamen nicht sattelfest sind. Geht mir genauso. In manchen Fällen wüsste ich’s sogar besser, dächte ich nach. Und wenn Herr Réthy den Namen Stekelenburg auf der zweiten Silbe betonen will, dann soll er es meinetwegen tun. Es wäre mir nur recht, wenn er das dann auch konsequent täte.

Wenn man sonst nichts über den Kommentator zu meckern hat …

Rückblicksvorbereitungsstichworte (II)

So, jetzt haben wir sie alle einmal gesehen. Potenziell gesehen. Faktisch fehlen mir einige, nicht zuletzt der Weltmeister und sein Vorgänger, dem Sohn noch einige mehr. Hymnen habe ich im Grunde noch gar nicht gehört, Vor- und Nachberichterstattung sehr selten, wenn man mal von Axel absieht. Axel, Sie wissen schon, der kongeniale Partner von Oliver Kahn und Katrin Müller-Hohenstein.

Ok, die Sache mit Scholl und Gomez, die habe ich natürlich auch mitbekommen, hatten wir ja schon. Ging ja dann auch weiter, weil Gomez sein Spiel nicht ändern will, was wiederum bei einem Teil jener Twitternutzer für Entrüstung sorgt, die dem Konzept des lebenslangen Lernens nahe stehen. So wie ich, im Übrigen; ein wenig weckt die Forderung, Gomez müsse sich ändern, bei mir allerdings leise Erinnerungen an Jan Ullrich, der nun aber wirklich seine Trittfrequenz erhöhen muss, um gegen Lance Armstrong endlich bestehen zu können.

Genug. Für mich, meine ich. Für den Sohnemann habe ich noch ein paar Gedankenfetzen zusammengetragen.

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England gegen Frankreich. Für viele war es das nominell zweite ganz große Spiel dieser EM. Nach Italien – Spanien. Ehemalige Titelträger und so. Also fast. England war da ja, wenn man ehrlich ist, noch gar nie so richtig nah dran gewesen, und bei Italien war’s auch ein paar Tage her. Zumindest deutlich länger als bei Dänemark und den Niederlanden. Selbst am ersten Tag waren mit Russland und Tschechien die Nachfolgemannschaften zweier ehemaliger Titelträger aufeinander getroffen. War wohl so ein Traditionsding damals, soll ja in der „Bundesliga“, die zu der Zeit tatsächlich einfach nur Bundesliga hieß, ähnlich gewesen sein. Leverkusen und Heidelberg wollten viele da gar nicht haben, sportlicher Erfolg sei schließlich nicht alles.

Wie auch immer: Italien gegen Spanien soll nicht nur ein tolles Spiel gewesen sein, sondern auch ein Meilenstein bei den spanischen Bemühungen jener Zeit, über kurz oder lang (gerne eher kurz) nur noch mit Mittelfeldspielern anzutreten. Mal wieder typisch, dass mein alter Herr zuließ, so etwas zu verpassen. Da war England – Frankreich dann doch vergleichsweise langweilig. Sah ein bisschen aus wie das Trainingsspielchen Abwehr gegen Sturm, ohne Tore, mit zwei Ballkontakten. Frankreich war „Sturm“. Ungleich spannender die seelische Pein meines Vaters, der seiner Frankophilie trikotmäßig Ausdruck verlieh (es lag nicht an den Querstreifen) [Anmerkung: He!], gleichzeitig aber nicht verhehlen konnte, dass er mir nicht ganz zufällig schon zur WM 2006, als Säugling, ein England-Shirt angezogen hatte. Letztlich war er wohl ganz zufrieden mit dem Ergebnis.

Am nächsten Morgen erzählte er mir dann noch eine Story vom Pferd. Der drittplatzierte einer europäischen Fußballspieler-Auszeichnung aus dem vorangegangenen Jahrtausend („Ballon d’Or 1999“), Andrij Schewtschenko, habe die Ukraine im Juni 2012 zum Sieg über Schweden (jenes Land also, aus dem das bekannte „Was für ein Land, in dem Zlatan noch Zlatan heißt“ stammt) geführt, noch dazu mit zwei Kopfballtoren. Klar.

Stimmte dann tatsächlich. War für die Älteren wohl eine schöne Geschichte. Vater übertrieb dann mal wieder ein wenig und zog Quervergleiche zu Alexander Frei, einem Schweizer, dessen Auftakt zur Heim-EM vier Jahre zuvor nicht ganz so gut gelungen war. Und dann wollte er noch über korrekte Transkriptionen aus dem Kyrillischen reden. Zum Glück musste ich just zu diesem Zeitpunkt in den Kindergarten.

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Von Irland und Kroatien habe ich ihm nichts erzählt. Trapattoni kann er auch noch bei der nächsten EM kennenlernen. Und die Sache mit Cassano, die muss ich ihm noch erklären. Wie er dann in soundsoviel Jahren seinen Leserinnen und Lesern verständlich macht, dass es in grauer Vorzeit mal Vorbehalte gegen Homosexualität gab (und dass ein potenzieller Star der EM deswegen nach Hause geschickt wurde), ist dann sein Problem. Nicht ihres, Herr Cassano.

Rückblicksvorbereitungsstichworte (I) (Vielleicht.)

Am Samstag sah mein Sohn sein erstes Länderspiel. Dänemark gegen die Niederlande, so halb. Nummer zwei folgte auf dem Fuße, jenes, auf das er seit Tagen, ach was: seit Wochen hingefiebert hatte. Sein Verständnis von Fußball ist noch sehr überschaubar, auf Gefühlsausbrüche seiner Eltern (abgestuft) folgt meist die Frage, was denn los gewesen sei, aber er erkennt, Panini sei Dank, die Spieler, freut und wundert sich zugleich, wenn schon wieder Joachim Löw im Bild ist, und stellt so kluge Fragen wie jene, warum der Kommentator bei Nani und Raul Meireles den Verein nenne, bei den meisten anderen portugiesischen Spielern aber nicht. Zum Glück frug er nicht nach Meireles‘ Aussprache, von der ich nach wie vor nicht weiß, ob sein Name so ausgesprochen wird, wie die meisten Reporter meinen, ihn aussprechen zu müssen („Mereiles“). Diese Dame hier meint wohl eher nicht, ich las aber auch schon anderes.

Ich hoffe natürlich sehr, dass er dereinst ähnlich verklärend auf seine erste Europameisterschaft zurückblicken wird wie ich auf jene von 1980. Auch wegen des Titelgewinns, klar; vor allem aber wünsche ich ihm, dass auch ihm die gerade erst erwachende Liebe zum Fußball lange erhalten bleibt – in welcher Form, sei dahingestellt. Vielleicht kommt er ja irgendwann sogar in die Verlegenheit – Gedankenvater mag das Wunschdenken des Kindesvaters sein –, seine Erinnerungen aufzuschreiben, in welchem Medium und aus welchem Grund auch immer. Und weil solche Rückblicke ja gerne mal unter verblassenden Bildern im Kopf oder unter nachgelesenen, im dümmsten Fall auch noch objektiven Erzählungen von Zeitzeugen leiden, nutze ich gerne die Gelegenheit, für den Sohnemann in Vorleistung zu treten und ihm ein paar Gedankenfragmente für seinen Blick zurück zu konservieren. Man manipuliert ja, wo man kann.

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Euro 2012? Natürlich erinnere ich mich. Polen und Ukraine. Die älteren Fortschschrittsverweigerer unter uns nutzten noch immer die althergebrachte Bezeichnung „EM“ (für EuropaMeisterschaft) und träumten von den guten alten Zeiten mit vier oder acht teilnehmenden Mannschaften – dabei nahmen damals lächerliche halb so viele Nationen teil wie heute. Spanien ging als Topfavorit ins Turnier, die Deutschen wähnten sich auf Augenhöhe und interpretierten die sogenannte Hammergruppe (aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, nicht wahr?) als angemessenen Turniereinstieg. Tja.

Polen und Griechenland eröffneten das Turnier mit einem für die Griechen zunächst schmeichelhaft erscheinenden Unentschieden, für damalige Verhältnisse dem Vernehmen nach alte Russen spielten schlechte Tschechen an die Wand, der dänische Trainer trug Rudi Völlers Frisur auf. Ja, genau, der Rudi Völler, und nein, ich meine nicht seine Goldlöckchen oder die Tante-Käthe-Phase, sondern den silbern geplätteten Mittelscheitel. Mit Erfolg übrigens – die Dänen, die schon damals auf eine bemerkenswerte „EM“-Historie zurückblicken konnten, schlugen den dritten vermeintlichen Topfavoriten, die Niederlande, deren Mannschaft zu Turnierbeginn wieder einmal als nur bedingt harmonisch wahrgenommen wurde, der Spruch vom Egoland, das gegen Legoland verlor, hat seinen Ursprung in jenem Spiel.

Deutschland startete mit einem hart umkämpften Sieg gegen CR7s Portugiesen, den man nicht zuletzt Mats Hummels – der zuvor, aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, lange um die Anerkennung von Bundestrainer Löw hatte kämpfen müssen – und dem von ihm angeführten Abwehrverbund zu verdanken hatte, nicht zuletzt auch einem Torwart, der nebenbei noch Zeit hatte, sein Faible für die einarmige Faustabwehr zu kultivieren [Anmerkung: Verzeihung, als EM80-Veteran ließ es sich nicht vermeiden, diesen Querverweis anzudeuten].

Mario Gomez hatte auch einen gewissen Anteil, aber das durfte man damals nicht laut sagen. „The beautiful game“ wurde zu jener Zeit eher im Sinne von „joga bonito“ interpretiert, der Bundestrainer hatte die Öffentlichkeit informiert, dass man nur mit schönem Spiel etwas gewinnen könne, und Gomez spielte, welcher an Fußball Interessierte wüsste das nicht, eben nicht in jenem Sinne schön, Tore galten eher als notwendiges Übel.

Wobei ich einräumen muss, dass auch mein Vater, wiewohl schon damals ein Gomez-Fanboy fernab jeder Objektivität, seine Leistung in jenem Spiel sehr kritisch sah. Er beschäftigte sich zwar ein wenig mit der Frage, wer in höhrerem Maße unter wem leidet, das Mittelfeld unter einem sich schlecht ins Spiel einbringenden Stürmer oder der Stürmer unter nicht sehr zielstrebigen und nur selten ideenreich agierenden Mittelfeldspielern, ließ aber keinen Zweifel daran, dass Gomez im Sinne des Spielflusses nicht gut gespielt hatte – was wohl in der Tat das schlechteste Urteil war, das man sich von meinem alten Herrn über Gomez vorstellen konnte. 

Jenes Spiel war übrigens auch die Gelegenheit, bei der der bis zu ihrem Konkurs jährlich aufs Neue in der Bundesligavorschau der Bild-Zeitung und daher fälschlicherweise Mario Basler zugeschriebene Spruch vom wund gelegenen Stürmer erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht wurde. Tatsächlich stammt er von Mehmet Scholl, der vor seiner Fernsehkarriere ein großartiger Fußballspieler gewesen war und sich wohltuend von anderen sogenannten TV-Experten abhob – Einschätzungen, die auch mein Vater teilte, so dass es ihn umso härter traf, dass auch Scholl seine Hauptkritik in einem von einer ganzen Reihe von Spielern bestenfalls durchwachsenen Spiel an gegen den allein schon historisch nächstliegenden Spieler richtete und sich in seinem Flow ein wenig von belastenden Faklten entfernte.

„Populismus!“ rief der Vater emört aus, als Scholl Gomez nicht mehr nur jegliche Bereitschaft absprach, sich ins Spiel einzubringen, sondern ihm darüber hinaus unterstellte, nicht zu laufen, nicht nach hinten zu arbeiten. Es empörte ihn so sehr, dass er sich nicht entblödete [Anmerkung: Was!?], die Uefa-Statistiken nach Laufstrecken zu durchforsten und festzustellen, dass Gomez 8,8 Kilometer gelaufen war. In der Tat: deutlich weniger als Spieler auf einer vergleichbaren Position wie Robin van Persie mit seinen 10, 6 km, Nicklas Bendtner mit 10, 2 oder auch der moderne Robert Lewandowski mit 9,7.

Betrachtet man dann noch die vorzeitig Ausgewechselten und rechnet ihre Laufdistanzen hoch – wohl wissend, das das eine starke Vereinfachung darstellt –, so kommt vor allem Milan Baros, der bereits bis zu seiner Auswechslung in der offiziell 85. Minute über 10 km gelaufen war, auf errechnete 11,1 km, die früher ausgetauschten Postiga, Kerzhakov und Gekas auf 11,4 (!), 10,4 und 9,4. Da kann Gomez mit seinen 8,8 abstinken. Ok, man könnte jetzt natürlich seinen Wert auch noch hochrechnen, dann wäre man mit 10,3 mitten bei den Leuten, aber so weit wollen wir jetzt doch nicht gehen.

Denn ganz ehrlich: Mein Vater war damals ein wenig angefressen und hatte es schon zu jener Zeit nicht so mit wissenschaftlichem Arbeiten. Die Zahlen entstammten einer einzigen und nicht zu überprüfenden Quelle, einige Basisdaten (bspw. die jeweilige Nachspielzeit) lagen ihm nur in Auszügen vor, von Nettospielzeiten ganz zu schweigen, die lineare Hochrechnung (heißt das so?) ignoriert Aspekte wie ermüdungsbedingten Leistungsabfall oder den Umstand, dass in einzelnen Fällen die Auswechslung im Vorfeld besprochen worden sein könnte. Die Spielsysteme und Aufgabenstellungen mögen allen Parallelen zum Trotz unterschiedlich gewesen sein, und ohnehin sind Quervergleiche zwischen Spielen schwierig.

Und natürlich ist die bloße Laufleistung in Kilometern kein hinreichender Indikator, um Scholls These zu widerlegen. Vielleicht lief Gomez tatsächlich, wie vom Experten unterstellt, weder nach hinten noch zur Seite, sondern, nun ja, irgendwo anders hin halt, auf der Suche nach der sich öffnenden Straße. Man weiß es nicht.

Genau so wenig wie man übrigens weiß, ob Gomez nach dem abgepfiffenen Vorteil in der ersten Hälfte auch dann getroffen hätte, wenn Torwart und Abwehrspieler sich gewehrt hätten. Was man indes weiß: Er war da. Im Strafraum. Am Ball. Was man wiederum nicht weiß, sich aber vorstellen kann: wie die hiesigen Medien reagiert hätten, wenn sich Gomez wie der großartige Robin van Persie gleich zwei mal die Beine verknotet hätte, anstatt den Ball ins Tor zu schieben. 

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Oh, Entschuldigung, das ist jetzt ein bisschen lang geworden. Und vielleicht nicht in jedem Fall geeignet für einen Rückblick auf die EM 2012. Ich gelobe Besserung, Sohn!

Berückende Bundesliga

Betrachtet man die zurückliegende Saison des VfB Stuttgart noch einmal etwas intensiver und beschäftigt sich insbesondere mit der ausnehmend guten Rückrundenbilanz, so kommt man keinesfalls umhin, Gotoku Sakai, Vedad Ibisevic und Georg Niedermeier in absoluter Objektivität als ausschlaggebend zu bezeichnen, bzw. vor allem den Umstand, dass sie Boulahrouz, Maza und Cacau bzw. Pogrebnyak verdrängen konnten. War man in der Hinrunde auf der einschlägigen 11er-Skala meist noch zwischen 4 und 6 gependelt, so erreichte man in der Rückrunde dank der drei genannten Herren regelmäßig Werte von 7 oder 8.

Besonders bemerkenswert, wenn auch nicht im Einklang mit dem Startelfgebot, war die Phase zwischen der 46. und 58. Minute am 30. Spieltag in Augsburg, als der VfB tatsächlich mit den Nummern 1-9 auf dem Platz stand. Bedenkt man zum einen, dass die 10 nicht vergeben und die 11, Audel, das ganze Jahr über verletzt war, und zum anderen, dass von den beiden Ergänzungsspielern der eine, Hajnal, als klassischer Zehner ebendort spielte und der andere, Schieber, als Linksaußen auf der 11 agierte, darf man wohl ohne Übertreibung von den besten gut zwölf Minuten der Saison sprechen.

Beeindruckend auch der 34. und 25. Spieltag, als zunächst sowohl der HSV als auch der VfB mit jeweils 8 aus 11 in die Partie gingen und eine Woche darauf der VfB mit acht der ersten elf begann, während Kaiserslautern gar mit deren neun aufhörte. Aufschlussreich war dabei nicht zuletzt, dass die beiden Mannschaften noch in der Hinrunde mit vier gegen vier ins Spiel gegangen waren.

Der eben schon angesprochene HSV trat bei mindestens 5 Partien mit 9 klassischen Nummern an, am 16. Spieltag fehlte zwischen der 69. und 84. Minute gar nur die 3, Michael Mancienne, um ein rundum stimmiges Bild abzugeben. Im Saisonschnitt standen beim HSV pro Spiel knapp 8 Spieler mit Rückennummern zwischen 1 und 11 beim Anpfiff auf dem Platz, was angesichts der durchwachsenen Hamburger Saison dem Schluss, dass eine Orientierung an traditionellen Werten nicht zwingend zum Erfolg führt, nicht im Wege steht.

Wenn man dann noch bedenkt, dass Absteiger Hertha den zweithöchsten Wert erreicht (ohne Berücksichtigung der Nummerierung in der Relegation, vor Gericht und auf hoher See), lässt das bereits tief blicken. Möglicherweise hat also der VfB seinen Uefa-Cup-Platz letztlich eher trotz als wegen seiner noch immer deutlich über 6 Klassiker in der, man muss es so sagen, Durchschnittself erreicht.

Darüber hinaus lassen auch die Bilanzen von Kaiserslautern, das in der Hinrunde, als man (zugegeben: nur stichprobenartig überprüft) häufiger mit höheren Nummern antrat, immerhin noch den einen oder anderen Zähler holte, und des SC Freiburg, der in der ersten Saisonhälfte mit den Herren Bastians (Nr. 3), Butscher (5), Abdessadki (6), Cissé (9) und Nicu (10) eher überschaubar punktete, in der Rückrunde aber, als aus den ersten elf zum Teil nur noch Baumann und Makiadi aufliefen, eine bemerkenswerte Bilanz erzielte, aufhorchen.

Sicher, all das sind nicht mehr als schwache Indizien, wenn überhaupt, man könnte vielleicht auch von Scharlatanerie sprechen. Und doch möchte man es sich ja nicht nehmen lassen, auch einmal an jenes Ende der Skala zu schauen, wo die Mannschaften erscheinen, die nur wenige Spieler aus den ersten elf zum Einsatz kommen lassen. So wie der FC Bayern im vorletzten Saisonspiel gegen den VfB, als nur einer auflief, noch dazu die 11, die halt grade noch so dazugehört.

Ja, ja, ich weiß, gegen den VfB reichte auch die B-Elf der erfolgsverwöhnten Münchner, war ein nicht repräsentatives Beispielspiel.

Betrachtet man nämlich die gesamte Saison, so stellt sich die Situation völlig anders dar. Also fast. Immerhin 2,8 Bayern standen im Schnitt beim Anpfiff mit einer Standardnummer auf dem Feld, was – ich verkneife mir Sätze, die mit immerhin oder wenigstens beginnen – den ligaweiten Spitzenwert darstellt. Knapp dahinter Schalke, das 2,9 klassische Starter zu verzeichnen hatte. Der einzige weitere Verein, der weniger als 4 Spieler mit einer Traditionsnummer auf das Feld schickte, war mit einem Wert von 3,8 wer? Genau: Borussia Dortmund.

Schlussfolgerungen bezüglich Korrelationen oder gar Kausalitäten zwischen sportlichem Erfolg und dem Einsatz der von mir so geschätzten Spieler zwischen 1 und 11 seien der geneigten Leserin selbst überlassen.

Man könnte sich natürlich überlegen, was das für die Duelle Schmelzer (3) – Boateng (20), Hummels (5) – Mertesacker (17), Klose (11) – Gomez (23) oder gar Neuer (1) – Wiese (12) bedeuten mag.

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Falls sich jemand für die Bilanzen der anderen Bundesligisten interessiert: Ich hatte mir überlegt, sie in Form einer 18-teiligen Klickstrecke, möglicherweise um die eine oder andere Werbeeinblendung ergänzt, zur Verfügung zu stellen. Leider fehlt mir die technische Kompetenz. Ergo.

Fehler sind wahrscheinlich, Hinweise willkommen.

Schattierungen von gelb

Beide Vereine hatten weder Kosten noch Mühen gescheut. Der VfB hatte Pavel Pardo, den Meister von 2007, der eine makellose Heimbilanz gegen den FC Bayern vorzuweisen hat, als Glücksbringer einfliegen lassen, und den Bayern war es in einer bemerkenswerten Demonstration ärztlicher Heilkunst gelungen, ihren Protagonisten den tödlichen Männerschnupfen auszutreiben. Es war also angerichtet.

Vermutlich hatte Bruno Labbadia seiner Mannschaft Aggressivität gepredigt. Die Hereinnahme von Gebhart und Boka passte in dieses Bild, und im Grunde war ich mir sicher, dass die beiden Linksaußenduelle zwischen Boka und Ribéry auf der einen sowie Gebhart und Rafinha auf der anderen Seite nicht nur hohen Unterhaltungswert haben, sondern auch mindestens einen Platzverweis mit sich bringen würden. Nun ja, es sollte anders kommen. Doch zurück zur Aggressivität, die ich irgendwie anders interpretiere als die Stuttgarter Spieler. Mir wäre es darum gegangen, präsent zu sein, Stärke und Selbstvertrauen zu signalisieren, Zweikämpfe zu führen. Der VfB aber kam gar nicht in den Infight. Vielmehr begann man in der Defensive einerseits mit übertriebenem Respekt, der sich in ehrfürchtigem Zusehen und überängstlichem Zur-Ecke-Klären äußerte, weil ja theoretisch einer dieser brandgefährlichen Münchner Angreifer in der Nähe sein könnte; andererseits erinnerte man sich immer wieder in ungünstigen Momenten der Aggressivitätsvorgabe und ging entsprechend übereifrig in einzelne Zweikämpfe, was unnötige Freistöße und Verwarnungen nach sich zog.

So auch im Fall von Christian Molinaro, bei dessen erstem Foul, so viel Ehrlichkeit muss sein, ich im Stadion zunächst froh war, dass er nicht direkt vom Platz geflogen war – bei der Nachbetrachtung im Fernsehen sah ich dieses Szenario dann nicht mehr als ganz so bedrohlich realistisch an; gleichwohl kann ich mir nur schwer vorstellen, wie man gegen diese Karte argumentieren will. Und wer fünf Minuten nach einer solchen Verwarnung inklusive unmissverständlicher Geste von Herrn Gräfe meint, es sei eine gute Idee, irgendwo an der Außenlinie einen vergleichsweise unwichtigen Ball im höchsten Tempo von hinten erobern zu müssen, der darf sich über die Quittung nicht beschweren. Ich bin nicht Arjen Robbens Meinung, dass es sich hier um eine dunkelgelbe Karte handelte, wie ich auch nicht der Ansicht bin, dass es ihm gut zu Gesicht steht, sich nach dem Spiel so zu äußern. Wenn ich nur das Foul an sich betrachte, würde ich vielleicht eher von zitronenfaltergelb sprechen. Manche würden von eierschalen- oder blassgelb reden, andere über senf- oder neapelgelb diskutieren, letzteres in hell oder dunkel, wieder andere, und darauf würde ich mich jetzt mal festlegen, plädieren für Massikot.

Viele Stuttgarter Zuschauer neigten indes eher zu neuschneegelb und projizierten ihre Verärgerung auf Arjen Robben. Anders als der sehr geschätzte Baziblogger drüben sehe ich darin keine Anzeichen für den Untergang des Abendlandes. Entschuldigung, das tut er natürlich auch nicht; ich finde nur, dass es etwas weit gesprungen ist, bei Beschimpfungen eines gegnerischen Spielers Quervergleiche zu Robert Enke ins Feld zu führen. Mit den „Arschloch“-Rufen kann ich – als Zuhörer, wohlgemerkt – leben, und damit muss auch ein Profi umgehen – zumindest, solange es von den gegnerischen Fans kommt und damit per se eine recht hohe Auszeichnung ist. Das betrifft im Übrigen, um ganz kurz eine andere Baustelle zu streifen, nicht nur Spieler, sondern auch, zum Beispiel, Herrn Hopp. Wenn indes die Schmähungen von den eigenen Anhängern kommen, sieht die Sache meines Erachtens völlig anders aus. Da wäre ich dann schon recht nah beim Baziblogger. Aber ich schweife gleich doppelt ab. Nicht nur von Christian Molinaro, sondern auch gleich noch von den Beschimpfungen für „Ari-Jen“ Robben, die – ungeachtet der obigen Ausführungen zu Arschlöchern und sonstigen Beleidigungen – dann jenseits meiner persönlichen Grenze sind, wenn sie rassistisch, homophob oder in anderer Form diskriminierend sind. Und das waren sie zum Teil. Aber dazu habe ich mich schon an anderer Stelle etwas ausführlicher geäußert.

Besagte massikotgelbe Karte hat Molinaro selbst zu verantworten. Er muss wissen, wie es wirkt, wenn er in einer Situation, in der er im relativ gemächlichen Tempo heranlaufen könnte, ohne dadurch wesentlich schlechtere Optionen zu haben, mit dem Messer zwischen den Zähnen von hinten an Robben heransprintet, er muss sich des Rahmens bewusst sein, den Gräfe mit seinen etwas zu zahlreichen Karten bereits abgesteckt hat, er muss die gerade einmal fünf Minuten zuvor ausgesprochene Warnung des Schiedsrichters im Ohr haben, und ja, er muss auch wissen, das Arjen Robben kein heuriger Hase ist. Vier Anforderungen, die ich an einem professionellen Fußballspieler stelle. Es hätte gereicht, eine davon zu erfüllen.

Womit das Spiel beendet war. Wenn Thomas Müller hinterher flapsig erklärt, der Platzverweis habe eher dem VfB geholfen, dann ist das ein netter Spruch, von dem man weiß, wie man ihn zu nehmen hat. Wenn indes Jupp Heynckes ernsthaft der Meinung ist, der Platzverweis sei nicht spielentscheidend gewesen, bin ich doch etwas irritiert. Wohlgemerkt: ich behaupte nicht, dass der VfB mit elf Mann nicht verloren hätte, die Chancen dafür standen trotz allem gut. Mit dem Platzverweis hatte sich das erledigt, das Spiel war entschieden. Der VfB ließ von einer Sekunde auf die andere alle Hoffnung fahren, ein ansatzweise zwingendes Offensivspiel aufzuziehen. Und genau so trat er fürderhin auf. Was durchaus nachvollziehbar ist, wenn man beispielsweise bedenkt, dass der vermeintlich kreativste und vor allem unerschrockenste Offensivspieler, Timo Gebhart, als linker Verteidiger alle Hände voll zu tun hatte, einen Weltklassespieler in Schach zu halten – mit beachtlichem Erfolg, im Übrigen. Ich gehe fest davon aus, dass Bruno Labbadia in den nächsten Tagen im Training das eine oder andere Mal ausprobiert, ob er Gebhart in Wolfsburg als Rechtsverteidiger aufbieten kann. Solange keine Dauerlösung daraus wird – schließlich würde ich ihn in der Rückrunde gerne mal zehn Spiele am Stück im offensiven Mittelfeld sehen, am liebsten auf der Hajnal-Position -, kann ich mich damit anfreunden.

Wo war ich? Ah ja, Hoffnung fahren lassen, mutlos, und so weiter. Und gerade deshalb war es mir unverständlich, dass der Trainer nicht früher gewechselt hat. Julian Schieber war in seinem zweiten Einsatz nach langer Verletzungspause schlichtweg überfordert, und zwischendurch musste ich, weit übertrieben, gelegentlich an Ermin Bicakcic‘ Sebescen-Moment aus dem Vorjahr denken, und niemand schien auch nur in der Lage zu sein, sich überhaupt vorzustellen, dass man die gegnerische Hälfte überhaupt noch einmal betreten würde. Da hätte ich mir schon ein Signal von der Bank gewünscht. Wobei es aus meiner Sicht keineswegs so ist, dass falsch gewechselt wurde, ganz im Gegenteil – nur eben zu spät. Andererseits: Hätte Cacau mit seiner sehr bemerkenswerten Aktion kurz vor Schluss das 2:2 erzielt, wäre alles richtig gewesen. Und meine (nicht sehr innovative) These zur spielentscheidenden Szene widerlegt.

Noch ein Wort zu Serdar Tasci. Im Spiel war ich in einigen Situation drauf und dran, enorm kluge Dinge wie „deshalb reicht’s nicht mehr für die Nationalelf“ zu sagen, oder gar „weiter oben wird die Luft halt dünn“ von mir zu geben – nicht nur beim 1:1, sondern vor allem vor der Chance von Thomas Müller, die Sven Ulreich einmal mehr hervorragend vereitelte, als Tasci gefühlt auf fünf Metern drei verlor, auch weil er Angst vor dem Körperkontakt und einem möglichen Elfmeter hatte. Doch dann führte ich mir noch einmal vor Augen, gegen wen er da alt aussah: gegen Mario Gomez, vermutlich einen der besten und zweifellos einen der dynamischsten unter den Topstürmern weltweit, bei dessen Ausgleichstor ich bezweifle, dass man fünf weitere Stürmer fände, die es erzielen könnten. Natürlich habe ich ihm gestern alles Schlechte gewünscht, aber das ändert nichts daran, dass ich vermutlich einer seiner größten Bewunderer bin. Und er lernt immer weiter dazu. Neu in seinem Repertoire ist zum Beispiel die eingesprungene Grätsche, die er kurz vor Schluss Timo Gebhart spüren ließ. Interessanterweise war in keinem Spielbericht etwas davon zu sehen, nur im einen oder anderen Ticker las ich nach, dass man dafür „auch schon andere Karten“ als Gomez‘ gelbe gesehen habe. Wie gesagt: ich hatte keine Möglichkeit, die Situation anhand von Fernsehbildern noch einmal zu bewerten, im Stadion und unter nennenswertem Adrenalineinfluss war der Fall für mich aber klar: kirschgelb.

Von Star Wars und einem Director's Cut

Star Wars, hier im Blog? Sind wir bei Nerdcore oder was?

Nee, sind wir nicht.
Die meisten dürften aber längst wissen, was ich meine:

Und wieso Director’s Cut?

Auch das ist leicht beantwortet: weil die Redaktion die Blogger-Fragebögen in ihrer grenzenlosen Weisheit auch dieses Jahr kürzen musste. Darüber kann ich in meiner begrenzten Weisheit natürlich nicht glücklich sein, weshalb ich meinen Fragebogen nachfolgend in Gänze darstelle.

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Die neue Saison wird unvergesslich, weil…
es bestimmt gelingt, die WM-Euphorie in den Bundesliga-Alltag hinüber zu retten.

An die alte Saison werde ich mich lange erinnern. Warum? Darum:
Weil wir in der falschen Kurve standen. Weil wir endlich mal wieder eine Drei-Trainer-Saison erlebten. Und weil wir hoffentlich irgendwann auf 2010/2011 als die Saison zurückblicken werden, in der der Demokratisierungsprozess des VfB Stuttgart Fahrt aufnahm.

Drei Wünsche frei:
Neuer Aufsichtsrat. Neue Satzung. Weltfrieden. Und wenn ich noch einen Zusatzwunsch äußern dürfte: ich möchte nicht, dass ein und derselbe Trainer innerhalb von zwei Wochen mit zwei verschiedenen Vereinen in einem Bundesligastadion zu Gast sein darf.

Dein größter Albtraum:
Der nächste Fleckschneisentatort.

Lieblingsspieler im aktuellen Team:
Gebhart, irgendwie. Ein ungeschliffener Kicker, der viel Spaß am Fußball hat und auch Spaß macht. Manchmal. Oft rege ich mich zwar fürchterlich über ihn auf, über seinen leichten Stand, seine unsinnigen Dribblings, seinen Abschluss; aber ich mag ihn. Und hoffe auf ihn.

Dein Lieblingsspieler aller Zeiten:
Soldo. Nach wie vor. Aber die Gomez- und Khedira-Verklärung setzt verstärkt ein.

Lustigster Fanchoral/Spruch der letzten Saison:
Lustig? Letzte Saison? Eigentlich war mir eher zum Weinen zumute. In vielerlei Hinsicht. Nicht zuletzt ob der Zweitligakampagne, inklusive Schals und Gesängen.

Das schau ich mir nicht mehr an! Was müsste passieren, damit Du nicht mehr ins Stadion gehst?
Flächendeckende Dopingenthüllungen in der Bundesliga. Möglichst auch noch vom DFB unter den Teppich gekehrt. (Dann würd‘ ich halt nur noch zum Amateurfußball gehen.)

Auf dieses Auswärtsspiel freue ich mich besonders, weil:
Wehen Wiesbaden. Das nächste Spiel ist immer das schönste.

Unser aktuelles Trikot…
sieht aus wie immer. Gut so.

Als Nachfolger für Udo Lattek schlage ich aus meinem Verein vor:
Kommt auf die Rahmenbedingungen an. Wenn es ein Vollzeitjob mit Exklusivitätsklausel ist: Dieter Hundt.

Im Stadion brauche ich nur Wurst, Bier und…
Fußball. Und jemanden, der das Bier trinkt.

Was unserem Stadion / Klub fehlt ist…
Bargeld. An den Imbissständen (die in Wahrheit vermutlich Verköstigungsoasen heißen).

Meister wird diesmal …
Leverkusen.

Oder vielleicht doch:
Nichts da – wenn schon, denn schon. Bleibe bei Leverkusen. Warum auch immer.

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Falls sich jemand wundern sollte, dass er oder sie das im Heft abgedruckte Zitat „Noch einen Fleckschneisentatort werde ich wahrscheinlich nicht überleben“ hier nicht bzw. nur in schwächerer Form findet: tja. Grenzenlose Weisheit.

Das Heft habe ich noch nicht gelesen, den Großteil des Saisonplaners, in dem eine Vielzahl kompetenter Blogger, Fans und sonstiger Beobachter sowie, seltener, deren weibliche Pendants zu Wort kommen, hingegen schon. Schön zu lesen, finde ich. Wer das auch tun möchte, kann das Paket beim Zeitschriftenhändler seines Vertrauens erwerben oder in einem der beteiligten Blogs (hoffentlich auch seines Vertrauens) gewinnen. So auch hier. Herzlichen Dank dafür an 11Freunde.

Kommentieren allein reicht diesmal allerdings nicht. Man muss auch was wissen. Oder raten. Googeln. Die Facebook-Gesichtserkennung fragen.

Unten folgen ein paar Bilder von Fußballspielern (edit: bzw -trainern). Von früher. Damit sich die später Geborenen nicht beschweren können, habe ich fast nur Leute genommen, die dem Fußball auch nach der aktiven Zeit und in den meisten Fällen bis ins neue Jahrtausend hinein in offizieller Funktion verbunden blieben. Die Spieler Akteure stammen aus verschiedenen Vereinen; für das Gewinnspiel zählen jedoch nur die VfBler. Drei tragen offensichtlich Brustring. Einige weitere taten es zu einem anderen Zeitpunkt. Sie zählen auch.

Ok, Butter bei die Fische: die ersten 3 KommentatorInnen, die einen VfB-Mann erkennen, bekommen ein Heft. Der Versand erfolgt direkt über 11Freunde, die mit den Adressen gewiss auch dieses Jahr verantwortungsvoll umgehen.

Mir ist natürlich klar, dass es recht viele Leute gibt, die innerhalb kürzester Zeit alle 16 Spieler Akteure benennen könnten. Ob die sich zufällig gerade hier tummeln, steht auf einem anderen Blatt. In jedem Fall gilt, bis die 3 Hefte vergeben sind, folgende Regel:

1 Kommentar pro Person, 1 Spielername pro Kommentar.

Edit: Die drei Hefte sind vergeben, jede(r) möge nach Belieben kommentieren, so er oder sie noch will. Sind ja noch ein paar Namen offen.

Volkert  Höher Ohlicher  Toppmöller
Friedrich Schäfer Ribbeck  Zobel
Entenmann Held Lorant  Köstner
Hickersberger  Handschuh  Köppel  Schumacher

(Das mit den Reihen und Spalten habt Ihr ja alle drauf, oder? Und nein, ich war nicht so doof, die Spieler sie zu taggen.)

Es ist mal wieder soweit

Transferperiode. Wasserstandsmeldungen. Kopenhagen will Kvist nicht abgeben. Nürnberg will eine Kaufoption. Bobic will Argentinier. Oder Asiaten. Der VfB will mit Träsch verlängern. Kvist will nach Stuttgart. Marica will weiterhin viel Geld. Erwin Staudt will eine geregelte Managerausbildung. Didavi will wohl verlängern. Kopenhagen will vielleicht auch, aber mit mehr Geld. Keiner will weg. Schneider will einen Fünfjahresvertrag. Träsch will keinen. Nürnberg will vielleicht auf die Option verzichten. Die Fans wollen kein Rumgeeiere bis zum Ende der Transferperiode.

Und werden es doch bekommen. Ich kann es nicht beeinflussen. Weshalb ich in der Regel zu dem ganzen Zeug schweige. Da ich aber ohnehin ein wenig Werbung machen wollte, kann ich ja zumindest ein paar Sätze zu Christian Träsch sagen. Ohne zu wissen, was da tatsächlich läuft. Heute hieß es, der VfB habe ihm einen Fünfjahresvertrag angeboten. Und er habe abgelehnt. Die einen kritisieren das eine. Die anderen bedauern das andere. Manche tun beides.

Meine Meinung zu Christian Träsch ist bekannt. Immer wieder war ich der Ansicht, er sei an seine Grenzen gestoßen, nur um mich kurz darauf wieder vom Gegenteil überzeugen zu lassen. „Jede Woche ein neues Feature“ schrieb ich diesbezüglich vor einiger Zeit, und auch wenn die Zahl der neuen Features seither nicht mehr so rasant zunahm, wohl auch nicht zunehmen konnte, und auch wenn Träsch in der vergangenen Saison erstmals eine Zeit lang unter seine Niveau spielte, so bin ich doch der Überzeugung, dass er ein Glücksfall für den VfB ist. Und wenn er bereit wäre, einen Fünfjahresvertrag zu unterzeichnen, sollte man ihn ihm geben. In der Hoffnung, dass er ihn tatsächlich erfüllt. Vielleicht zu einer – man möge mir das große Wort verzeihen – Identifikationsfigur wird. Er ist ein guter, wohl auch ein sehr guter Bundesligaspieler, zurecht auch Nationalspieler. Aber bei aller Liebe: er ist kein so überragendes Talent wie Gomez oder Khedira, keiner, von dem jeder halbwegs realistische Fußballfan weiß, dass er über kurz oder lang auf größere Bühnen gehört als die in Stuttgart.

Ich sähe ihn gerne weiterhin im Neckarstadion. Jahrelang. Gerne als Kapitän, der immer voran geht. Das würde er tun. Wofür man ihn auch gut bezahlen sollte. Und doch sehe ich in ihm nicht den Spieler, für den man das Gehaltsgefüge komplett sprengt. Auch wenn ich nicht damit rechne, dass seine Leistungen in vertragsrestlaufzeitabhängigen Zyklen schwanken würden wie bei… anderen.

https://twitter.com/#!/Jens1893/statuses/80718544693755904

Wenn es nach mir ginge, müsste man ihn halten. Aber nicht um jeden Preis. Und wenn die kolportierten Zahlen stimmen, muss man wohl oder übel auf ihn verzichten. Gerne erst ab 2012, so groß wäre der finanzielle Verlust nicht. Man frage nach bei den Münchner Löwen und bei Daniel Bierofka. Merkt man bestimmt nicht, dass ich hin- und hergerissen bin, oder? Genug.

Zum Abschluss noch die angekündigte Werbung. Ich durfte mal wieder woanders schreiben. Im wahrlich wunderbaren Frankfurter Blog „The Diva and the Kid“ hatte ich das Vergnügen, meine Meinung zu Armin Veh zum Besten zu geben. Sie wird dort deutlich kritischer gelesen als ich gemeint hatte, sie gesagt zu haben.

Kanon

Ulf Kirsten hätte alle seine „Torjägerkanonen weggeworfen, nur um einmal Deutscher Meister zu werden“. So zitierte Zeit online vor einigen Jahren den dreimaligen Torschützenkönig der Bundesliga. Er dürfte nicht der einzige sein, der das so sieht.

Fritz Walter hatte mehr Glück: er gewann 1992 gleich beides, Meisterschaft und Kanone, die ihm zugeschriebene Frage „Wo isch mei Kanon?“ ist legendär. Auch er war nicht der einzige: insgesamt 16 mal in 47 Jahren traf der Torschützenkönig für den künftigen Deutschen Meister. Vier mal galt das für Gerd Müller, zwei mal für Karl-Heinz Rumenigge.

In dieser Saison sieht es wieder einmal nicht danach aus. Dabei war es in den letzten Jahren durchaus gang und gäbe, nachdem zwischen 1992 und 2002 kein einziger Torschützenkönig seinen Verein zum Titel geschossen hatte. Die Ära Kirsten halt. Max und Yeboah nicht zu vergessen. Dieses Jahr liegt der beste Dortmunder Torschütze, Lucas Barrios, 6 Treffer hinter Mario Gomez und Papiss Demba Cissé, die mit je 19 Toren führen, und beim Tabellenzweiten aus Leverkusen hat noch nicht einmal ein Spieler zweistellig getroffen.

Der eine heiße Kandidat um die Torjägerkrone, Cissé, spielt in der Liga beinahe schon um die goldene Ananas, der andere, Gomez, hat noch die Möglichkeit, die Durchschnittsplatzierung der Torschützenkönige zu erreichen: die Vier. Und Theofanis Gekas, dem Dritten im Bunde der Kandidaten, könnte es als erstem Spieler gelingen, als Torschützenkönig abzusteigen.