Rote? Gelbe? (Grüne? Blaue?)

Die erste Halbzeit war dann doch eher mau. Lag vielleicht am Spiel unter der Woche, das einige noch in den Köpfen hatten. So war man zwar durchaus feldüberlegen, zwingende Torchancen ergaben sich indes nur sehr selten; vielmehr hätte der Gegner mit seinem ersten ernst zu nehmenden Angriff beinahe die Führung erzielt.

Spaß hatte ich trotzdem. Die Sonne schien, das Fahrradwetter hatte ich genutzt, am Schlienz gab’s eine rote Wurst, und letztlich war es doch nur eine Frage der Zeit, bis die U19 des VfB gegen den Nürnberger Nachwuchs zielstrebiger agieren und das eine oder andere Tor erzielen würde. In der Zwischenzeit begnügte ich mich damit,dem Spiel von Joshua Kimmich zuzusehen. Könnte ich immer wieder stundenlang tun. Und mich nebenbei, auch das in schöner Regelmäßigkeit, mit der Frage beschäftigen, ob Robin Yalcin nicht doch der kleine Bruder von Serdar Tasci ist, oder ein Cousin, oder zumindest ein Bruder im Geiste in Bewegung und Eleganz.

In der 48., 49. und 53. Minute fielen die ersten drei Treffer, am Ende stand’s 5:0. Die VfB-Junioren hatten sich in der Kabine wohl des Spielziels erinnert, der Club-Nachwuchs half ihnen ein wenig. Schön.

Also radelte ich guter Dinge weiter zur Fußballkneipe meines Vertrauens, um den Erwachsenen zuzusehen. Und wurde nicht enttäuscht. Starke Defensivleistung, vorne hätte man sich in der einen oder anderen Situation etwas mehr Übersicht gewünscht, aber letztlich war das sehr ordentlich, und wenn man hinterfragt, wieso der Meister wieder nicht gewonnen hat, dann könnte das auch damit zu tun gehabt haben, dass er auf einen Gegner traf, den man nicht mal eben im Vorbeigehen schlägt. Ging an der einen oder anderen Stelle ein wenig unter, fand ich.

Vor dem Spiel hatte ich mich per Twitter kurz mit BVB-Fan @surfin_bird ausgetauscht, der den VfB, rein von der Aufstellung her, zurückhaltender erwartet hatte:

Meine Antwort, der VfB richte sich nicht nach dem Gegner, lag irgendwo zwischen Überschwang und Übermut, und doch finde ich es gut und richtig, bei seinen Leisten zu bleiben. Man hätte natürlich hinten auch mit einer Dreierkette … ach, vielleicht doch nicht.

Was ich mich aber wirklich frage: Besteht ein Widerspruch zwischen dem Streben, das eigene System durchzuziehen und zu -setzen auf der einen und dem aktuell nicht mehr ganz so laut vernehmbaren – das EM-Halbfinale mag eine Teilschuld daran tragen – Ruf nach einem gegnerabhängigen Matchplan, der zum Teil, man denke an Thomas Tuchels erste Mainzer Saison, teilweise stark variierende Aufstellungen hervorbringt, auf der anderen Seite? Ich glaube nicht. Zumindest keiner, der sich nicht auflösen ließe.

Holzhauser. Kann ich nicht unkommentiert lassen, nachdem ich in den letzten Wochen ja fast ausschließlich über ihn geschrieben hatte. Ich hätte gelb gegeben. Und glaube, besten Gewissens sagen zu können, dass ich dies analog auch so sehen würde, hieße der Übeltäter Sebastian Kehl (Gute Besserung!), Neven Subotic oder, was weiß ich, Max Kruse, Marcel Schäfer, Miroslav Klose, Maik Franz.

Weil ich, und es ist einerseits Zufall, überrascht mich andererseits aber auch nicht, dass Jürgen Klopp da eine im Grundsatz ähnliche Meinung vertritt,  kein Verfechter der Linie bin, wonach ein Treffer mit dem Arm im Luftkampf grundsätzlich rot sein muss, sondern vielmehr, analog zu Schiedsrichter Zwayer, einen bewussten Schlag suche. Und bei Holzhauser nicht fand.

Nun bin ich aber kein Schiedsrichter und kenne erst recht nicht deren Anweisungen, die sich noch dazu – so hieß es zumindest im Sportstudio – im Lauf der letzten Jahre verschiedentlich verändert haben sollen (Nachtrag: Das entsprechende Zitat aus dem Sportstudio habe ich bisher nicht mehr gefunden. Entweder bildete ich es mir komplett ein – was mich ein wenig überraschen würde –, oder es entstammt einer anderen Sportsendung. Zudem widerspricht, wie drüben bei Collinas Erben nachzulesen, ein DFB-Schiedsrichter der Darstellung, die Anweisungen hätten sich verändert.), und vielleicht ist meine Einschätzung einfach objektiv falsch, weil ich die Regeln nicht gut genug kenne. Subjektiv ist aus meiner Sicht gelb ok; ich verstehe indes durchaus, dass und weshalb andere darin eine rote Karte erkennen.

Dass diese Leute dann ihre Rotforderung in Scharen auf Lewandowski und dessen Arm in Niedermeiers Gesicht ausdehnten, kann ich vor diesem Hintergrund ebenfalls nachvollziehen; ich selbst wäre dort mit einem bloßen Foulpfiff zufrieden gewesen, möglicherweise ergänzt um eine gelbe Karte. Ibisevic hätte ich im Übrigen vom Platz gestellt, mindestens mit gelb-rot. Sein Schlag gegen Schmelzer war aus meiner Sicht zwar nicht sonderlich hart, aber bewusst gesetzt.

Dass man all das anders sehen kann, versteht sich von selbst, sagte ich ja auch bereits. Ob man es anders sehen muss, kann ich nicht recht einschätzen – und harre gespannt der Einschätzung von Collinas Erben.

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Nachtrag: Mittlerweile hat sich ein – berufener – Erbe Collinas geäußert, und zu meiner angenehmen Überraschung scheint mein Regelverständnis gar nicht so falsch zu sein. Dass wir bei Holzhauser dennoch zu unterschiedlichen Bewertungen gelangen, liegt nach meinem Verständnis letztlich daran, dass er im Gegensatz zu mir einen Schlag erkennt. Fair enough. Bei Ibisevic sind wir uns allem Anschein nach völlig einig, zu Lewandowski sagt er nichts.
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Die Bewertung von Holzhausers sportlicher Leistung hatte sich meines Erachtens nach der besagten Szene erübrigt. Insofern überraschte es mich ein wenig, dass Bruno Labbadia ihn so lange auf dem Feld ließ – nicht aus Sorge, er könne beim nächsten Foul vom Platz fliegen, dafür ist die Zahl seiner Fouls im Normalfall zu gering, bzw. hatte er, in diesem Fall rein quantitativ gesprochen, sein Soll in Dortmund mit dem einen Foul bereits erfüllt, sondern einfach deshalb, weil er meines Erachtens mit dem Foul aus dem Spiel gefallen war, ungeachtet eines schönen und Gefahr bringenden Doppelpasses, den er noch zustande brachte.

Aber vielleicht dachte der Trainer, dieser nachwuchsfördernde Psychologe, ja auch, dass der Junge da einfach mal durch muss. Bemerkenswerte Randnotiz übrigens, mit welcher Selbstverständlichkeit Sky-Reporter Kai Dittmann die Lesart übernahm und verbreitete, wonach Labbadia der einzige gewesen sei, der zu Saisonbeginn noch an Holzhauser geglaubt habe.

Was ich noch fragen wollte: Wieso zupft Mario Götze so häufig sein Trikot zurecht? Ich kenne das so bisher nur von Frauen, die etwas zu kurze Röcke tragen. Oder von mir, wenn ich das Gefühl habe, aus einem Shirt herausgewachsen zu sein. Dabei bin ich doch meist derjenige, der bei Twitter jenen widerspricht, die Götze unterstellen, nicht durchtrainiert zu sein. Etwas verwirrt: ich.

Ach, und natürlich wüsste ich gern, wer Sven Ulreich geraten hat, als Fürsprecher seiner selbst aufzutreten. Brillante Idee, findet der Bundestrainer bestimmt auch.

Fußballwochenende. Ein Zwischenruf Bericht.

So ein Fußballwochenende ist ja mehr als nur 90 Minuten Fußball. Oder zweimal 90 Minuten. So ein Fußballwochenende beinhaltet eine angemessene Vorbereitung, wunderbare Gesellschaft, ausgefuxxte Fachsimpeleien und manches mehr. Mein jüngstes Fußballwochenende hatte all das. Es hatte zudem etwas ziemlich, wie soll ich sagen, Unparteiisches: beim ersten Spiel war ich mehr oder weniger neutraler Beobachter, beim zweiten hatte ich das, was man leicht überhöht einen journalistischen Auftrag nennen könnte, der meinen parteiischen Ansatz ein wenig konterkarierte.

Der Reihe nach. Am vergangenen Freitag hatte ich das Vergnügen, der Partie zwischen den beiden anderen Vereinen der zweiten Liga beizuwohnen. Sie wissen schon, die, die anders sind, die ihr Stadion selbst gebaut haben auf der einen und die ihre bundes-und-darüber-hinaus-weiten Fans zu Rettern machten auf der anderen Seite. Bösartige Menschen würden von Kultvereinen sprechen. Wohlmeinende Menschen häufig auch, müssten sich aber die Frage gefallen lassen, wie wohlmeinend das beim 1. FC Union Berlin und beim FC St. Pauli (das „von 1910“ habe ich mir geschenkt, Namenspuristen mögen es mir auch in diesen Zeiten verzeihen) ankommt.

Ich bin für sowas ja in einem gewissen Rahmen durchaus anfällig. Für Vereine, oder deren Fans, die versuchen, ihre Identität und ihre Ideale zu bewahren, und es vielleicht auch ein Stück weit schaffen. Vereine und ihre Anhänger, die an der einen oder anderen Stelle an das gallische Dorf erinnen, ob sie nun damit kokettieren oder nicht, die eben tatsächlich das Stadion selbst umbauen oder eine explizit politische Fanszene haben, die auf dumpfes „Sieg“-Gebrüll verzichten (so es denn gelingt), die meinetwegen auch, um von den genannten Beispielen ein Stückchen wegzukommen, lauter radfahrende Studenten im Kader haben. Wenn ich sage, ich sei anfällig, dann meine ich, dass ich eine gewisse Grundsympathie entwickle, die in der Regel ungefähr so lange hält, bis man den Eindruck gewinnt, das Image verselbständige sich zu sehr, oder wie auch immer man es ausdrücken mag, wenn alles nur noch Kult ist und nichts mehr, oder zumindest viel zu wenig, Fußball.

Wie glaubwürdig so ein Image abseits des Sportlichen letztlich ist, hängt wie so oft an Menschen. An den Vereinsverantwortlichen, ein Stück weit, aber nicht nur. Es sind in nicht zu vernachlässigendem Maße andere Menschen, die letztlich das Image eines Vereins transportieren, die es vielleicht auch begründen. Menschen, die einem vermitteln können, warum sie „ihren“ Verein so lieben (ja, lieben), ohne überhaupt explizit sagen zu müssen, dass sie ihn lieben, und ohne dabei zu klingen wie eine mehr oder weniger gut gelungene Adaption von Nick Hornby. Mir scheint, Matti Michalke ist so einer. Dabei habe ich ihm nur ein paar Minuten zugehört. Am Freitag, ein paar Stunden vor dem Spiel zwischen Union und St. Pauli (ja, ja, Namenspuristen), in der Eisernen Botschaft, einem Etwas, das zum einen ein Fanclub, zum anderen dessen Clubraum, zum dritten ein Ausstellungsraum ist, und noch einiges mehr, was Steffi vom Textilvergehen schon vor vielen Monaten in viel mehr Worten als ich viel deutlicher auf den Punkt gebracht hat, noch dazu viel schöner und kenntnisreicher. Zurück zu Matti Michalke. Er führte uns, ein kleines Häufchen aus Fans beider Seiten oder, vielleicht auch und, des Fußballs im Allgemeinen, durch diese Eiserne Botschaft. Er war witzig, in anderem Kontext würde man vielleicht Parallelen zu einem Conférencier herausarbeiten, er war informativ, selbstironisch, manchmal schnoddrig und stets liebevoll, ganz besonders dann, wenn er Geschichten von alten Unionern zum Besten gab, oder von neuen oder jungen, Geschichten, die vielleicht gar nicht besonders lustig waren, zumindest nicht für die Betroffenen, und die doch so viel Respekt für die Protagonisten vermittelten, auch wenn man mal über sie lacht.

Nein, ich möchte Matti Michalke nicht heiraten. Dafür kennen wir uns dann doch zu kurz. Haben noch nicht einmal miteinander gesprochen. Und meine Spende war nun auch wieder nicht so groß (der einheimische Begleiter hatte mir keinen Geldautomaten vermitteln können), dass man sie als Mitgift ansehen könnte. Aber ich erlebte zweifellos eine bemerkenswerte halbe Stunde in der Eisernen Botschaft.

Wie ich dahin kam? Nun, das lag an anderen Menschen, deren Liebe zu Union man … und so weiter. Textilvergeher und Textilvergeherinnen, Sie wissen schon, nicht zum ersten Mal (wer echte oder vermeintliche Widersprüche entdeckt, hat auf den ersten Blick vielleicht recht). Der werte Herr @saumselig hatte ein Rundum-Sorglos-Paket arrangiert, inklusive historischer S-Bahn-Rundfahrt, Köpenicker Stadtrundgang mit Frau @rudelbildung und dem wunderbar allzeitgegenwärtigen @keanofcu, den @hoenower durfte ich auch erneut treffen, und erneut zu kurz. Nur das Treffen mit Frau @unrund kam quasi ungeplant zustande. Schön, das.

Genug des Namedroppings. Soll ja auch um Fußball gehen. Und um dieses wunderbare Stehplatzstadion, von dem wir gerüchteweise nicht wissen, wie es in wenigen Wochen oder Monaten heißen wird, und das ganz ohne Fankarte einen reibungslosen Wurstverkauf garantieren kann. Voll war’s an der Alten Försterei. Und angenehm, trotz einzelner Becherzweckentfremdungen, angesichts zweier Vereine, deren Fans nicht zu den üblichsten Verdächtigen zählen, wenn es um Ausschreitungen geht, und die nach meinem Eindruck auch nur halbherzig dementieren, wenn ihnen eine gewisse Seelenverwandtschaft nachgesagt wird. Schön gesungen haben sie, auf beiden Seiten, auch wenn ich, soviel Ehrlichkeit muss sein, die Einheimischen bei meinem ersten Besuch als sangesstärker und standardliedgutferner wahrgenommen hatte. Ersteres hatte zur Folge, dass der junge Mann hinter mir mehr Zeit zum Meckern hatte. Mir wär’s ja gar nicht so aufgefallen, aber sowohl er selbst als auch mein Nebenmann wiesen mich recht früh auf das hin, was mich erwarten würde. Sodass ich es dann doch wahrnahm. Angenehm unschwäbisch war’s.

Bemerkenswert war, nicht nur bei ihm, die lautstarke Schiedsrichterschelte allenthalben, als Mosquera möglicherweise elfmeterreif zu Fall gebracht wurde kam. Dass er vor dem Zweikampf alle Zeit der Welt gehabt hätte, den Ball quer auf Christopher Quiring zu spielen, der sich dann schon sehr ungeschickt hätte anstellen müssen, um nicht zu vollenden, trat indes völlig in den Hintergrund. Überhaupt, Quiring: Er allein brachte die Abwehr des FC St. Pauli in der ersten halben Stunde mehrfach in Verlegenheit, bis sich Jan-Philipp Kalla auf ihn eingestellt hatte und dann auch nichts mehr anbrennen ließ. Womit das Offensivspiel der Berliner quasi beendet war, da auch Parensen auf der anderen Angriffsseite nach einem ersten Strohfeuer kaum mehr Zug nach vorne entwickelte. Anders gesagt: in der ersten Hälfte wirkte St. Pauli defensiv ein wenig ungeordnet, doch Union schlug daraus kein Kapital. Danach setzten sich nicht nur die individuellen Stärken der Gäste durch, sondern auch der erfolgreiche Ansatz, der mit hüftsteif nicht sonderlich ungerecht beschriebenen Union-(Innen-)Verteidigung ein paar bewegliche und flexible Offensivspieler entgegen zu stellen (bzw. eher laufen zu lassen als zu stellen). Bartels, Kruse, Naki und auch Bruns wechselten häufig die Positionen, die Abwehr ließ sich herausziehen und öffnete der Gästeoffensive, die sich beim Nutzen der Gelegenheiten dann aber nicht mit übertrieben viel Ruhm bekleckerte, die Korridore für einfache Bälle in die Tiefe.

Die Unionanhänger um mich herum fanden sich dann auch recht frühzeitig mit der Niederlage ab – bei der Hereinnahme von Halil Savran in der 37. Minute, wenn man es genau nimmt – und diskutierten fürderhin vieles, was sich interessanterweise auch im jüngsten Texttonvergehen wiederfindet und was ich in ähnlicher Form auch schon bei der Tiefenanalyse am Graffito gehört hatte. Versteht keiner? Egal. Ich hatte Spaß und danke herzlich, auch den schwedischen Hipsters und dem unbekannten Evertonian.

Nach dem Spiel war vor dem Spiel

In der Tat, noch in der Nacht begann die Vorbereitung auf das samstägliche Bundesliga-Spitzenspiel zwischen dem VfB und Borussia Dortmund. Die nicht zuletzt darin bestand, alle verfügbaren Twitterclients mit Aktualisierungen und die Endgeräte mit Strom zu versorgen. Und bereits ein wenig zu beten, dass die guten Wünsche, die mir @saumselig später mit auf den Weg geben sollte, in Erfüllung gehen würden:

„Wünsche @heinzkamke immer eine Handbreit Netz unter dem Kiel beim Twittern für @zeitonlinesport

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wem der Wunsch Befehl sein sollte, aber ich weiß, dass er überhört wurde. So wie damals halt. Nun saß ich diemal also wenigstens auf der Pressetribüne, war auch rechtzeitig vor Ort, hatte das vor dem Spiel noch halbwegs verfügbare Mobilfunknetz genutzt, um ein disaster waitung to happen vorsichtig anzudeuten. Nebenbei verfluchte ich (ja, das tat ich) „meinen“ Verein, der den Medienvertretern und mir kein WLAN oder einen anderen verlässlichen Onlinezugang zur Verfügung stellt, und machte mich daran, zunächst noch zurückhaltend, später unter zunehmendem Verlust der Selbstachtung, Menschen mit einem Zugang zu besserer Infrastruktur um Teilhabe anzubetteln. Einzelheiten behalte ich für mich. Wie auch immer:  etwa 15 Minuten nach Spielbeginn – dem standardmäßig verspäteten Anpfiff sei Dank – stand eine recht verlässliche Verbindung, mein Fatalismus begab sich allmählich auf den Rückzug, und ich konzentrierte mich auf das Spiel. Oder, ehrlicher gesagt, auf den mehr oder weniger erfolgreichen Versuch, mehr oder weniger geistreiche Tweets, gerne auch mal platte Pointen zum Spielgeschehen abzusetzen, das ich eben deswegen nur mit einem Auge verfolgte, was irgendwie in ein Teufelskreischen (sic!) mündete.

Bisschen schade, ehrlich gesagt, wenn man hinterher zwar guten Gewissens in den Tenor all jener einstimmen kann, die betonen, dass die erste Halbzeit, nach der anfänglichen Duselphase, die beste VfB-Leistung der bisherigen Saison mit sich gebracht habe, gleichzeitig aber eingestehen muss, das ganze Hin und Her immer nur ausschnittsweise verfolgt und den Anspruch aufgegeben zu haben, die dahinter steckenden taktischen Kniffe zu erkennen und zu benennen. Dass Molinaro stark war, vor allem in der Offensive, konnte nun wirklich niemand übersehen, der Freistoßtrick ist ohnehin zur Genüge durchgekaut. Dass er übrigens wirklich gut war, sieht man ganz besonders an der Reaktion von Jürgen Klopp, der sich sehr beeilte, zu betonen, dass es sich ja doch eher um einen, wenn auch gut umgesetzten, alten Hut gehandelt habe.

Wenn ich mich kurz selbst zitieren dürfte, um meine Stimmung angesichts dieser ersten Halbzeit relativ knapp zusammenzufassen:

https://twitter.com/#!/zeitonlinesport/status/130289025775960065

Kam allerdings nicht überall so an, meine Stimmungslage. Nachdem ich zunächst noch die Sorge gehabt hatte, mich als „Twitterreporter“ eines Qualitätsmediums allzu offen zum VfB bekannt zu haben, entpuppte sich diese Befürchtung relativ rasch als unbegründet. Glaube ich zumindest, ganz sicher bin ich mir nämlich nicht, ob ich diesen Tweet eines Mitlesenden richtig interpretiert habe:

„Es nervt extrem wie parteiisch sie gegenüber dem VfB sind. Boah. Die führen 1-0 und beherrschen das Spiel. @zeitonlinesport

Gegenüber heißt hier schon eher gegen als für, oder? Das redete ich mir auf jeden Fall ein und bemühte mich fortan, etwas weniger gegen den VfB zu sein.

Fiel mir gar nicht so schwer, zumal die Stuttgarter nicht nur weniger begeisternd auftraten, sondern auch den Eindruck machten, jede Unterstützung gebrauchen zu können. Letztlich ging es nicht zuletzt deshalb dann doch ohne externe Hilfe, weil Sven Ulreich phasenweise groß aufspielte. Sicherlich hatte er in der einen oder anderen Situation ein wenig oder auch ein bisschen mehr Glück; mehrfach reagierte er jedoch schlichtweg überragend. Natürlich hätte er Neven Subotics Kopfball kurz vor Schluss kaum ausweichen können – der anschließende, beinahe artistisch anmutende Befreiungsschlag bot indes Anlass zur Legendenbildung. Hätte ich ja nicht gedacht, dass ich Ulreich hernach als den im Vergleich zu Weidenfeller nicht nur reaktionsstärkeren, sondern insgesamt souveräner wirkenden Torhüter bezeichnen würde.

Vermutlich müsste man sich nach diesem Spiel fragen, woran es lag, dass der VfB endlich wieder einmal entschlossen offensiv auftrat und dabei vor allem auch spielerisch zu gefallen wusste. Es ließen sich Überlegungen anstellen, die mit der offensiven Spielweise der Dortmunder zu tun haben, die auch dem noch nicht immer ausgereiften Stuttgarter Angriffsspiel viele Freiräume eröffnete, und auf der anderen Seite mit Götze und Kagawa, die ihre Mannschaft nach vorne führten, was mitunter auf beiden Seiten zu Lasten der defensiven Ordnung ging. Man könnte auch über die taktische Aufstellung philosophieren, über die Offensivleistung der Stuttgarter Außenverteidiger, über Hajnals wiedergefundene Kreativität.

Oder aber man freut sich einfach über ein wunderbares Fußballspiel und nicht zuletzt über zwei Trainer, die ihre Mannschaften bis weit in die zweite Hälfte hinein nach vorne trieben.  Klopp behielt das bis zum Abpfiff bei, Labbadia nahm am Ende doch das Tempo aus dem Spiel und brachte Gentner.

Das meinte ich übrigens mit den platten Pointen.

Kevinismus

Der verdienteste Meister seit was weiß ich wann. Naja. Klingt wie the greatest Olympic Games ever held. Nur beträgt dort die Halbwertszeit in aller Regel wenigstens 4 Jahre.

Was soll der Quatsch? Dortmund ist ein verdienter Meister. Hochverdient, meinetwegen. Genau wie die Bayern letztes Jahr. Wolfsburg davor. Bayern. Stuttgart. Bayern. Und so weiter. Wer am 34. Spieltag vorne steht, hat es (sich) verdient. Manchen gönnt man es mehr, vielleicht, weil sie so schön gespielt haben, so viele junge, möglicherweise gar selbst ausgebildete Spieler im Kader und auf dem Platz hatten, weil sie eben nicht Bayern heißen oder schon lange mal dran waren bzw. es so lange nicht mehr gewesen waren, anderen gönnt man es vielleicht weniger. Den Dortmundern scheinen es viele eher mehr zu gönnen. Geht mir auch so.

Sie machen es einem ja auch leicht. Großartiger Fußball, junge Kerle, eloquenter und – auch wenn sich da die Geister ein klein wenig scheiden – sympathischer Trainer mit viel Sachverstand. Nuri Sahin, was für eine Geschichte. Und was für ein Talent, was für ein taktisches Gespür. Mario Götze, den man gemeinsam mit Mesut Özil und Thomas Müller das Offensivspiel der deutschen Nationalmannschaft bestimmen sehen möchte und sicherlich auch wird. Sven Bender, Mats Hummels, Lucas Barrios und natürlich der großartige Kagawa.

Ich rede um den heißen Brei herum, es muss heraus: ich bin ein Kevin-Großkreutz-Fanboy. So ein bisschen zumindest. Oder auch ein bisschen mehr. Spätestens seit dem Rückrundenauftakt in Leverkusen, eigentlich aber schon seit seinem Länderspieldebüt im Mai 2010. Sicher, war nur gegen Malta, aber da zeigte einer, dass er kicken kann. Machte das Spiel schnell, hatte offensichtlich Spaß, leitete zwei Treffer ein. In Leverkusen schoss er sie selbst.

Natürlich kenne ich die Vorbehalte, die Großkreutz entgegengebracht werden. Aus Gelsenkirchen, vor allem, und auch aus München, wenn ich meine Twitter-Timeline mal als repräsentativ betrachte. Die einen sehen in ihm ein natürliches Feindbild, die anderen halt einen derjenigen, die ihnen die Schale wegnehmen. Wird ja wieder anders, wenn dann nächstes Jahr, mit der Doppelbelastung und so… kann man nicht einfach mal gratulieren und das nächste Jahr das nächste Jahr sein lassen? Entschuldigung, ich war ja bei Kevin Großkreutz. Kevin. Eignet sich prima für Unterschichtenwitze. Und dann passt er vielleicht auch noch in dieses Bild. Gibt möglicherweise beim einen oder anderen Interview eine unglückliche Figur ab, lästert eventuell ein wenig über die Konkurrenz. Ja, vermutlich kann man mit ihm nur bedingt über Quantenphysik diskutieren. Passt. Kann man mit mir nämlich auch nicht.

Keine Frage, über seine Scharmützel mit Schalkern kann man geteilter Meinung sein, oder nicht einmal das. Die werden ihm vielleicht irgendwann auf die Füße fallen. Möglicherweise muss er sich auch dereinst fragen lassen, ob es klug war, sich bei zahlreichen Gelegenheiten quasi auf Lebenszeit zur Borussia zu bekennen, seine mit der Muttermilch aufgenommene Bindung an den BVB wieder und wieder zu betonen – vermutlich nicht selten ermuntert von den Medien, für die die Story vom Jungen, der von der Südtribüne kam, um sich nur wenige Jahre später von der Südtribüne bejubeln zu lassen, pures Gold ist. Vermutlich kommt irgendwann der Tag, an dem er Dortmund verlassen will, und dann werden all die schönen Bild- und Tondokumente wieder heraus gekramt und ihm aufs Brot geschmiert werden. Manuel Neuer kann ein Lied davon singen. Aber was ist die Alternative? Soll ein junger Spieler wie Großkreutz, wie Neuer, wie Dennis Eilhoff in Bielefeld, sein Fantum verschweigen, herunterspielen, um sich weniger angreifbar zu machen? Natürlich schießt man im jugendlichen Überschwang auch einmal über das Ziel hinaus, Großkreutz vielleicht noch mehr als Neuer oder Eilhoff, aber hey: ist doch großartig, dass da einer seine Identifikation mit dem Verein, der Region, dem Stadtteil vor sich herträgt! Wenn er dann irgendwann glaubt, doch noch die Welt sehen zu müssen: gut so.

Oh, ich wälze hier hypothetische Probleme. Von denen ich nicht weiß, ob sie je entstehen. Dabei wollte ich doch nur sagen, dass ich Kevin Großkreutz klasse finde. Den Fußballspieler, in allererster Linie. Und irgendwie auch den jungen Mann, der, wenn man der Presse glauben darf, das Herz sowohl auf der Zunge trägt als auch am rechten Fleck hat. Klingt nach einer anatomischen Herausforderung.

Neulich habe ich irgendwo ein Foto von ihm gesehen. Wie er da so durch die Stadt ging, in seinem Anorak,mit dem langen Haar, erinnerte er mich ein wenig an Theo Gromberg. Ja ja, ich weiß, der war aber für Westfalia Herne. Und vermutlich ist es ziemlich doof, einen Jungmillionär mit dem eher tragischen Helden Theo zu vergleichen. Aber es geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=4ewMWUQCb3E]

Falls übrigens jemand meint, ich könne gar nicht beurteilen, ob man mit Kevin Großkreutz über Quantenphysik diskutieren kann, so hat er recht. Was ich indes weiß: bei denjenigen, die seine Website betreuen, ist es mit Mathematik nicht allzu weit her:

Seht Ihr?

Nicht dass es ungewöhnlich wäre. Sowas beobachten wir vermutlich alle gelegentlich bei Fußball-Zuschauern, nicht zuletzt bei uns selbst, nicht wahr? Und doch ließ es mich ein wenig sprachlos zurück, als der ältere Herr, der nicht nur, aber auch, und ganz gewiss nicht zuletzt, Pavel Pogrebnyak das ganze Spiel über mal mehr, mal weniger übel beschimpft hatte, sich nach dessen Siegtreffer (Update: muss wohl doch ein gefühlter Sieg gewesen sein, wenn ich das so schrieb) mit einem triumphierenden „Seht Ihr?!“ an die Runde wandte.

Ich schwieg, genau wie alle anderen, und fühlte mich doch stillschweigend bestätigt in meinem Glauben an den ehemaligen Linksfuß, den der eine oder andere wohl eher ausgewechselt hätte als den engagierten Sven Schipplock, ob dessen Leistung sich die Stuttgarter Zeitung ein wenig überschlug:

„Erstmals stand der 22-jährige Angreifer in der Startformation – niemand hätte sich gewundert, wären seine Knie weich geworden. Furchtlos und kampfstark trat er stattdessen auf und eilte seinem Gegenspieler Neven Subotic mehrmals davon.“

Nun, obschon ich vor Schipplocks Entwicklung der letzten Monate und über weite Strecken vor seiner Leistung vom Samstag den Hut ziehe, habe ich eben diesen Punkt völlig anders gesehen. Mehrfach versuchte er speziell in der ersten Hälfte, dribbelnd oder sich den Ball vorlegend an Subotic und/oder Hummels vorbei zu kommen, ohne jedoch – so zumindest mein Eindruck – selbst daran zu glauben. Gibt es den Begriff des Alibidribblings? Dessen ungeachtet spielte er in der ersten Hälfte einen wunderbaren Pass auf Molinaro, den ich ihm so nicht zugetraut hätte, und zu seinen beiden Großchancen kam er sicherlich auch nicht durch bloßes Herumstehen. Will sagen: das war ok, der Kopfball muss aufs Tor kommen, eine Halbzeit hätte, nicht zuletzt nach der dummen gelben Karte, gereicht.

Wenn wir schon von dummen Aktionen sprechen: was war denn das vor dem 1:0, Patrick Funk? Da fangen Sie einen schlechten Pass von Marcel Schmelzer ab, und anstatt über den zurecht erzürnten Christian Gentner den Gegenangriff auf den Weg zu bringen, spielen Sie den Ball unkontrolliert zu Mats Hummels, der dankend das Tor einleitet. Und was für ein Tor! Ich warte sehnsüchtig auf den Tag, an dem so ein Treffer in Deutschland zum Tor des Monats gewählt werden kann. In die Auswahl kommt. In die Auswahl zum Tor der Woche kommt. Egal. Großartig. Hummels. Sahin. Großkreutz. Götze.

Ich kritisiere Patrick Funk übrigens nur deshalb für einen Fehler, der sonst kaum bis gar nicht thematisiert wurde (naja, bei der Analyse mit dem Trainerstab wohl schon, hoffe ich), weil ich viel von ihm erwarte – wenn er die 20+ Spiele absolvieren will, die ich vor der Saison für ihn vorsah, muss er sich ranhalten. Aber wenn er so weiter macht, wüsste ich nicht, wer ihm den Platz streitig machen sollte.

Genug der Einzelkritik. Fast. Sven Ulreich war gut. Sehr gut. Muss man ja mal sagen dürfen. Überhaupt hat mir der Auftritt der gesamten Mannschaft über weite Strecken gut gefallen. Dass man beim kommenden Meister (dürfte nach dem samstäglichen Ergebnis feststehen) phasenweise ziemlich unter Druck geraten kann und gelegentlich das Glück bemühen muss, dürfte niemanden überrascht haben; den Punkt hat sich der VfB dennoch redlich verdient, so dass mein Wunsch von letzter Woche nur so halb in Erfüllung ging:

Ich hoffe ja auf ein völlig unverdientes 1:1.*“

Egal. Punkt ist Punkt. Die anderen punkten zwar auch, und insbesondere Köln könnte ein wenig Anlass zur Sorge geben, wenn es nicht Köln wäre; aber die Zuversicht wächst weiter. Und gegen Freiburg nähme ich auch einen verdienten Sieg.

Im Übrigen interessiert auch hier niemanden, was Winfried Schäfer von sich gibt.

* Ziemlich grenzwertige Aussage, übrigens, für jemanden, der auf dem Standpunkt steht, dass es im Fußball keine B-Note gibt. Für den „die bessere Mannschaft hat verloren“ mit das unsinnigste ist, was man über ein Fußballspiel sagen kann. Oder?

18mal18 nimmt Fahrt auf

Vor wenigen Tagen hatte ich ein paar Sätze zum Projekt 18mal18 geschrieben, in dessen Rahmen ein Nachwuchsspieler jedes Bundesligavereins bloggend durch die laufende Spielzeit begleitet wird.

Nachdem zunächst jeder Spieler kurz vorgestellt wurde, trudeln nun die ersten Texte über aktuelle Entwicklungen (Mario Götzes Verletzung, Thomas Müllers Karrieresprung, Sebastian Rudys Debüt in der U21, die Vierfachbelastung von Bienvenue Basala-Mazana,…) ein.

Ich selbst habe mich dort zwischenzeitlich recht ausführlich mit der Frage befasst, welchen Weg die vermeintlich größten Talente des deutschen Fußballs, die Träger der 2005 erstmals verliehenen Fritz-Walter-Medaillen, nach ihrer Ehrung eingeschlagen haben:

Ganz offensichtlich, und letztlich erwartungsgemäß, verliefen die bisherigen Karrieren der Preisträger in hohem Maße unterschiedlich, und einige müssen sich sehr nach der Decke strecken, um sich ihre Träume erfüllen oder zumindest bewahren zu können.