♫ … wär' das ganze Land gern mit dir verwandt ♫

Am vergangenen Freitag absolvierte die deutsche Nationalelf ihr erstes Spiel nach dem Rücktritt von David Odonkor. Es wäre wohl etwas zu dick aufgetragen, von einer Zeitenwende oder dem Beginn einer neuen Ära zu sprechen. Aber es tat schon ein bisschen weh, damals, vor drei Wochen, als sein Karriereende bekannt wurde. Das Gesicht des SommermärchensTM, quasi, gar der Protagonist eines Sommermärchens im Sommermärchen.

Vielleicht war Herrn @sportkultur ähnlich warm ums Herz und feucht um die Augen, als er per Twitter eine Frage stellte, die ein nicht unwesentlicher Teil der fußballinteressierten Bevölkerung, die in diesem speziellen Fall all jene einschließen dürfte, die gerne mal herablassend als Event-Fans bezeichnet werden, aus dem Stand beantworten könnte:

Als alter Event-Fan ließ ich mich nicht lange bitten:

Besagte gewionnene Wette war vermutlich einem gewissen Trotz geschuldet. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle kurz darauf hinweisen, dass ich nie, oder nur selten, eine besonders ausgeprägte Begeisterung für Jürgen Klinsmann empfunden habe. Abgesehen vom 90er Achtelfinale, zugegeben. Und einigen wenigen weiteren Gelegenheiten, punktuell. Seinem Einstieg in Tottenham, vielleicht. Und dann eben jenem Moment, als er Odonkor aus dem Hut zauberte.

Zweifellos sprach da ein wenig die Freude über einen gelungenen Coup aus und zu mir. Aber eben auch der Gedanke, dass seine Argumentation keine ganz dumme war. Natürlich ist es in gewisser Weise ein Luxusverhalten, einen Spieler mit einer bestimmten Qualität zu nominieren, und selbstredend tut es mir nach wie vor weh, dass schon damals Kevin Kuranyis Karriere kolossal kippte. Ähem. Naja, seien wir ehrlich, der Absturz hatte schon mit seinem Vereinswechsel im Jahr zuvor begonnen, aber das nur am Rande.

Aber, um zurück zum Thema zu kommen, mir gefiel Klinsmanns Gedanke, Odonkors Schnelligkeit als Trumpf in die Hinterhand zu nehmen, obwohl ich wie so viele andere beträchtliche Zweifel an dessen fußballerischem Talent hatte. Ich mochte ihn, irgendwie, wie man, Verzeihung, einen etwas tapsigen Welpen mag. Die Assoziation eines schutzbedürftigen, arglosen, unbedarften kleinen Zeitgenossen liegt nicht ganz fern, und vermutlich kann ich sie auch nicht ganz von der Hand weisen. Allein diese Leasing-Geschichten …

Nun, es ist nicht so, dass mich all das damals umtrieb. Vieles kam später hinzu, manches erfand ich vielleicht auch erst heute, aber die Sympathie für Klinsmanns Entscheidung war echt. Als dann ein geschätzter und wahrlich kundiger Mitkicker Odonkors Nominierung im Allgemeinen hinterfrug, und im Besonderen die bevorstehende Einwechslung gegen jenen Gegner, den man durch die Wand knallen wollte (auch das wusste ich damals noch nicht), ging der Trotz mit mir durch und ich verstieg mich zu der Behauptung, Odonkor werde das Spiel entscheiden. Gewagt, gewiss.

Gewionnen. Der Wettpartner war und ist ein ehrenwerter Sportler, der keinen Zweifel daran ließ, dass die Vorlage sehr wohl als spielentscheidend durchgehe.

Heute frage ich mich ehrlich gesagt nicht, ob wir Odonkor tatsächlich dereinst als Trainer auf höchstem Niveau erleben werden – ein Wunsch, den wir zuletzt verschiedentlich zu lesen bekamen –, wünsche ihm aber viel Gutes in seinem Leben abseits des Platzes, an das er sich leider in den letzten Jahren schon viel zu sehr gewöhnen konnte.

Ich frage mich auch nicht, wer denn „der neue Odonkor“ im Sommer 2014 werde, eine Frage, die wir alle zwei Jahre so oder ähnlich medial präsentiert bekommen, ohne seither nochmals einen vergleichbaren Überraschungscoup erlebt zu haben – wobei man sich (also: ich mich) bei den, wie sagt man, geshortlisteten Marin 2008 und Draxler 2012 des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass auch dem Bundestrainer der Gedanke gefallen hätte, einfach mal „… weil ich es kann“ zu sagen. Timo Hildebrand mag das mit dem ausgebliebenen Überraschungscoup übrigens anders sehen.

Und doch erinnert mich ein aktueller Kandidat an Odonkor: Sidney Sam. Ja, ich weiß, der Hautfarben- und Körpergrößenverdacht liegt nahe. Natürlich kann ich ihn nicht zweifelsfrei widerlegen. Tatsächlich war es so, dass ich bereits bei den ersten Auftritten, die ich von Sam gesehen habe, an Odonkor dachte. Positionsbezogen. Schnelligkeitsbezogen. Und weil mich sein völliger Verzicht auf die Verwendung des rechten Fußes Glauben machen wollte, dass es technisch einfach nicht reichen könne. Dass er ein solider Bundesligaspieler sein werde, der mal zu einer Weihnachts- oder vergleichbaren Länderspielreise mitfahren dürfe.

Ok, weiter sind wir bis dato nicht. Aber ich schließe nicht mehr aus, dass er irgendwann auf mehr Länderspiele kommt als Odonkors 16. Und gebe zu, dass ich ihn zu Unrecht für einen Geradeausläufer hielt. Dass er technisch saubere Tore erzielt und mehr Spielwitz zeigt als Odonkor in seiner ganzen Karriere. Asche auf mein Haupt. So wie damals übrigens, als ich Matthias Sammer für einen eher blassen Spieler hielt. Ok, er war erst 17, als er gegen und in Uerdingen antrat, aber was sollte diese Begeisterung? Oder auch wie damals, als mich Mario Gomez‘ Bewegungen in einer Nachwuchspartie an Dieter Hoeneß erinnerten. Ähem.

Ein guter Scout wäre ich wohl nicht geworden, zumindest nicht auf den ersten Blick. Die Frage, was das für die Karriereperspektiven von Timo Werner und Joshua Kimmich bedeutet, möchte ich vor diesem Hintergrund nicht erörtern, lege mich aber fest, dass Kimmich nicht für Brasilien nominiert wird.

Sam übrigens auch nicht. Sag ich mal. Mal fragen, ob mein Mittwochsmitkicker wieder wetten will.

Dysfunktional

Komischer Kerl, der Kamke.

Auf der einen Seite betrachtet er die Entwicklung des Fußballs völlig nüchtern. Wundert sich über den Kampf „gegen den modernen Fußball“, und das nicht nur, weil er froh ist, keinen Libero mehr zu sehen, sondern unter anderem auch deshalb, weil er nicht mehr auf unüberdachten Tribünen in 60er-Jahre-Stadien stehen will und betriebswirtschaftliche Themen nicht per se als das Böse betrachtet. Macht kein Hehl daraus, dass er das „Projekt Hoffenheim“ vor Jahren als spannenden Feldversuch betrachtete und noch heute interessiert verfolgt.

Hat keine Berührungsängste mit einem deutschen Meister VfL Wolfsburg und ziemlich wenig Verständnis für die noch immer hoffähigen Hinweise auf den bösen Leverkusener „Plastikclub“, der seit 1979 ununterbrochen in der Bundesliga ist (was nur vier andere Vereine von sich behaupten können). Und heißt dereinst RasenBallsport Leipzig in der Bundesliga willkommen, so sie sich denn sportlich qualifizieren.

Und auf der anderen Seite ist er ein Sozialromantiker. Den ein ungutes Gefühl beschleicht, wenn er, wie seit geraumer Zeit üblich, liest oder hört, dass ein Spieler „funktioniere“, oder eben nicht.

Dass es im aktuellen Fall gerade – zufällig, möchte er sagen – Klaus Allofs ist, der sich bei den 11 Freunden gleich doppelt (das erste Mal durch die Fragestellung dahin gedrängt, das zweite Mal aus freien Stücken) so zitieren lässt, dürfte er – angesichts seiner Wertschätzung für den besonnen wirkenden Bremer Vorstand – nebenbei ein wenig bedauern; der Irritation tut das keinen Abbruch, vielleicht im Gegenteil.

„Ich bin mir zum Beispiel sicher, dass ein Wesley oder Marko Marin vor fünf Jahren beim SV Werder Bremen, unter anderen Vorzeichen, richtig gut funktioniert hätten.“

Zwei kleine Rädchen im Getriebe der Bremer Angriffsmaschinerie, sozusagen. Abnutzungsteile, womöglich, die man jederzeit austauschen kann. Oder anders gesagt: eine treffende Zustandsbeschreibung des Profifußballs? Vielleicht.

Dennoch: dem Kamke, also mir, gefällt sie nicht, die Reduktion des Fußballspielers auf seinen Anteil am Produktionsprozess. Klingt so entmenscht, irgendwie.

(Wäre ich firm in Sachen Kapitalismuskritik oder in dem, was gerne einmal pejorativ als Klassenkampfrhetorik bezeichnet wird, könnte ich mein Unbehagen vermutlich besser ausdrücken.)

Kapitalismuskritik am Beispiel von Fußballprofis. Hat was. Veröffentlicht, wie ich grade mitbekomme, am Tag, an dem besagter Klaus Allofs zunehmend ernsthaft nachgesagt wird, im Winter zu besagtem VfL Wolfsburg zu wechseln.

Ich habe mich wohl ein bisschen verlaufen. Was ich sagen will (falls man es nicht erahnen kann):
Gefällt mir nicht, wenn Menschen „funktionieren“ sollen.

Grandioses Comeback: die englische Woche

Nach dem Stuttgarter Sieg in Augsburg hatte ich bei Sportradio360 im Liga Globus sinngemäß angekündigt, mir bei einem weiteren Erfolg gegen Bremen für die kommende Saison nur noch englische Wochen zu wünschen.

Nun, ich wurde erhört. Nicht nur schlug der VfB Werder mit 4:1; vielmehr hielten sich auch die anderen Uefa-Cup-Kandidaten an mein Drehbuch und ließen durch die Bank Punkte liegen, sodass die ersten englischen Wochen bereits gesichert sein dürften und wir von Ventspils, Molde, Györ oder Domzale träumen dürfen – die bestimmt auch Martin Harnik im Sinn hatte, als er auf den Zaun stieg und Europapokalträume befeuerte (wenn auch noch ein wenig schüchtern, wie mir unter akustischen Gesichtspunkten schien).

Und natürlich freue ich mich, ohne die Saison vor dem letzten Spieltag loben zu wollen, auf internationale Spiele, gegen wen auch immer. Dass sich der Uefa-Cup finanziell kaum lohnt, ist ein Webfehler des Wettbewerbs, und dass ich vor einiger Zeit sagte, mir sei eine vernünftige Vorbereitung auf die kommende Saison, insbesondere mit Blick auf den verstärkten Einbau junger Spieler, wichtiger als die Europapokalteilnahme, stimmt ebenso; das ändert nichts daran, dass ich mich darauf freue und eine Teilnahme als erstrebenswert wie auch dem Ansehen des VfB förderlich betrachte. Und, ja, auch der sportlichen Entwicklung.

Überhaupt, die sportliche Entwicklung: Seit Monaten kursiert, auch hier, die Forderung nach einem erkennbaren sportlichen Konzept, einer Handschrift, meinetwegen auch einer Philosophie, anstelle eines bloßen pragmatischen und anscheinend nicht perspektivisch angelegten Ringens um Punkte. Am Freitag diskutierte ich mit einem Freund darüber, dass der VfB gegen Werder genau den Fußball gezeigt hatte, den wir von Labbadias früheren Stationen kannten. Das war kein brillantes Offensivspiel in dem Sinne, dass wir ein Feuerwerk aus verwirrenden Kombinationen erlebt hätten – die Frage, wie der VfB zu Toren gekommen wäre, wenn die Standardsituationen, auch dank tätiger Bremer Unterstützung, nicht so überragend funktioniert hätten, bleibt unbeantwortet.

Aber es war insofern überzeugend, konzeptionell quasi, als die gegnerische Abwehr im Grunde erstickt wurde. Die Stuttgarter Offensive übte beim Bremer Spielaufbau derart viel Druck aus, dass die Bälle ein ums andere Mal rasch gewonnen wurden, angeführt von Hajnal, der bis zu seinem Ausscheiden immer wieder in högschdem Tempo die Außenverteidiger anlief. Wunderbar auch Sakai, der bei einem möglicherweise bedrohlichen Bremer Konteransatz eben nicht den Weg nach hinten antrat, sondern mit großer Entschlossenheit weit nach vorne sprintete, um den ersten Ball des Bremer Aufbauspielers zu verhindern.

Sowas kann auch schiefgehen. Eine spielstarke und selbstbewusste Mannschaft hätte beispielsweise in der gerade genannten Sakai-Situation, aber auch bei der einen oder anderen weiteren Gelegenheit, die fast schon übermütig anstürmenden Stuttgarter vielleicht ins Leere laufen lassen und die entstehenden Räume genutzt, und vermutlich wird so etwas, wenn man diese Spielweise beibehält, auch noch das eine oder andere Mal passieren. Gehört zum Lernprozess. Die Bremer waren dazu indes nicht in der Lage. Sie waren schon mit einer gehörigen Portion Verunsicherung angetreten, die im Lauf des Spiels zunahm und selbst ihrem nur selten an mangelndem Selbstvertrauen leidenden Torhüter immer wieder einfache Abspiele in Stuttgarter Füße abrang.

Vor dem Spiel hatte ich noch gesagt, man müsse darauf hoffen, dass keine Auswechslungen nötig würden. Zu gering erschien mir das Kreativpotenzial auf der Bank, und auch aus heutiger Sicht empfinde ich es noch immer als bemerkenswert, sich auf (in der Tat erfolgte) Geniestreiche von Hajnal und Gentner zu verlassen und auf der Bank weder Timo Gebhart noch einen zentralen Nachwuchsspieler sitzen zu haben. Doch auch hier gilt einmal mehr, dass derjenige, der gewinnt, recht hat. Also auch wir, die wir seit Wochen Molinaro für Boka forderten, um am Freitag zu sehen, wie vorne seine – unbedrängten – Hereingaben nicht ankamen und er hinten den Bock zum 0:1 schoss. Egal, gewonnen, recht gehabt.

Zwei der bemerkenswerteren Szenen der Partie spielten sich ganz in meiner Nähe an der Eckfahne ab. Zunächst die Ausführung eines trickreichen Eckballes, für die Sympathieträger Marko Marin und sein kongenialer Partner – ich glaube, es war Aleksandar Ignjovski – zur Freude des von Marin wiederholt herbeigerufenen Tobias Welz geschätzte fünf Minuten brauchten. Später folgte am selben Ort die (Achtung, Realitätsverlust!) Tiqui-Taqua-Einlage von Hajnal und Sakai, die sich Lukas Schmitz nach kurzem Mitwirkungsversuch nicht anschauen wollte. Er entschied sich statt dessen für Frustgelb, und man konnte es ihm nicht verdenken. Kein guter Tag für Werder.

Für den VfB war er indes, auch wenn man sich gegen Ende zielgerichtetere Konter gewünscht hätte, großartig. Zumal es am Torverhältnis eher nicht mehr scheitern sollte. Eines allerdings stellte sich als Mär heraus:

https://twitter.com/#!/heinzkamke/status/190903470088404992

Englische Wochen gibt’s trotzdem.

Der Schiri hat's versaut.

Und davon lasse ich mich auch nicht abbringen. Der Schiri, und nur der Schiri, ist schuld daran, dass mein gestriger Tipp daneben ging. Ich hatte auf einen Sieg mit einem Tor Unterschied getippt, und wenn der Schiedsrichter nicht von einem Foul geträumt hätte, wo keines war, hätte das auch geklappt. Mit drei Punkten mehr läge ich jetzt auf Platz 2. Pfeife!

So aber pfiff Herr Coulibaly Edus reguläres 3:2 ab und die USA müssen um ihre Qualifikation für das Achtelfinale bangen – nach einem Spiel, das sie hätten gewinnen müssen, das sie aber gegen effiziente Slowenen lange zu verlieren drohten. Der geglückte Versuch des slowenischen Torwarts, sich im Tor zu verstecken, als Landon Donovan auf ihn zulief, brachte die Amerikaner nach der bitteren ersten Hälfte ins Spiel zurück. Oliver Kahn war indes der Ansicht, da gebe es nichts zu halten. Ok, wenn der Experte spricht, schweigt der Laie. Jostein Flo hätte seine helle Freude am amerikanischen Ausgleichstreffer gehabt, und das 3:2 hätte dem Ganzen die verdiente Krone aufgesetzt. Ach, Herr Coulibaly!

Über den anderen gestrigen Schiedsrichter ist mittlerweile alles gesagt. Ok, noch nicht von jedem, aber da will ich mal Mut zur Lücke beweisen. Dass man mit knapp 100 Länderspielen gelernt haben könnte, nicht nur auf das Verhalten des Gegners, sondern auch auf das des Schiedsrichters zu reagieren, scheint ebenfalls unstrittig zu sein. Etwas weiter gehen die Meinungen bei der Frage auseinander, ob ein Spieler, der gerade zwei Großchancen eher kläglich vergeben hat, zum Elfmeter antreten sollte – der Erklärungsansatz, der alternative Schütze sei körperlich nicht ganz auf der Höhe gewesen, ist möglicherweise nicht ganz von der Hand zu weisen.

Über die Defizite auf der Linksverteidigerposition bei Holger Badstuber im deutschen Aufgebot in der Bundesliga wurde vor der WM geredet, nach dem Australien-Spiel wurde das Thema ein wenig kleiner, nun ist es wieder da und wird uns durch die WM (wie lang auch immer sie für die deutsche Mannschaft dauern mag) und darüber hinaus erhalten bleiben. Krasic war gut, Badstuber nicht gut genug. Wieso Bastian Schweinsteiger vor dem Pass auf Krasic seine Energie in den Versuch gesteckt hat, den Passgeber von den Beinen zu holen, anstatt sich um den Ball zu bemühen, ist möglicherweise eine Frage, die sich nur wir Laien stellen.

Lahm gegen Zigic war das eine Duell des Spiels, Podolski gegen Stojkovic hätte das andere werden können, doch dafür schoss er zu schlecht. Ob Joachim Löws Ansicht, Mesut Özil sei nicht mehr frisch genug gewesen, zutrifft, kann ich nicht beurteilen, an andere Gründe glaube ich nicht. Besser wurde das Offensivspiel nach Özils Auswechslung jedenfalls nicht. Marko Marin kam in keine einzige der Zweikampfsituationen in Tornähe, deretwegen er eingewechselt worden war, Cacau war übermotiviert und Gomez hing gänzlich in der Luft. Auch als er von einem Serben von den Beinen geholt wurde, übrigens.

Was der deutschen Mannschaft indes völlig abgeht, ist der nötige Aberglaube. Ok, dass die Herren Löw und Flick ihre ganze Kollektion zeigen wollen: geschenkt. Aber dass Manuel Neuer nach dem großartigen 4:0 zum Auftakt sein Trikot wechselte, verwundert mich. Ernsthaft. Kein Torwart, den ich kenne und mit dem ich je zusammengespielt habe, hätte das getan. Das mag in Teilen daran liegen, dass in meinen Klassen nur selten eine ähnliche Auswahl an Trikots vorhanden war. In allererster Linie jedoch lag es am Aberglauben. Ohne Not nach einem beeindruckenden Sieg die Ausrüstung wechseln? No way.

Stammplätze vor der WM

Update 2.6.: Jetzt mit ohne Beck.

Außer Badstuber spielen alle Innenverteidiger im Verein rechts.

Lahm dürfte auf der rechten Bahn viel Platz haben.

Glückspilz Trochowski war links gegen Jansen chancenlos.

Falls es die Position „10“ nicht gibt, schließt Özil links die Lücke.

Joker: Müller spielt vorne alles, Boateng hinten.

„Stammplatz“ ist im einen oder anderen Fall schmeichelhaft.

Der direkte Vergleich

Hansi, ich hab mir da was überlegt. Unser Scouting ist mir nämlich zu zeitaufwändig. Wenn ich zum Beispiel unsere Kandidaten für rechts hinten anschauen will, brauche ich dafür sechs Bundesligaspieltage. Einmal fahr ich nach Hoffenheim, einmal nach Hamburg, dann nach Bremen, München, Berlin und Stuttgart. Und wenn dann noch einer gesperrt, verletzt oder einfach auf der Bank ist, dauert das Ganze noch länger.

Unterbrich mich nicht, Hansi, ich komm doch gleich zum Punkt. Das Zauberwort heißt „Direkter Vergleich“. Ja, ich weiß, dass der nicht immer zum Ziel führt, hab den Afrika-Cup auch verfolgt – man kann sich ja nicht nur auf den Schweizer verlassen. Ich mein aber einen ganz anderen direkten Vergleich: damit sich die Sache mit den Beobachtungen nicht mehr so lange hinzieht, nehmen wir bei den kritischen Positionen einfach immer mehrere von einer Mannschaft in die Auswahl, verstehst Du?

Verstehst Du nicht, ok. Dann halt an einem Beispiel: wir wissen doch nicht so genau, wen wir links offensiv mitnehmen sollen. Also beobachten wir, und zwar effizient. Zeitmanagement und so, Hansi. Nächste Woche gehen wir zum HSV und hoffen, dass sowohl der Marcell als auch Troche links offensiv spielen, dann müssen wir nur einmal fahren und haben zwei Leute beobachtet.

Ja, das weiß ich auch, Hansi, dass die beiden nur Füllmaterial für Südafrika sind. Aber -jetzt kommt’s!- bei der ersten Wahl schlagen wir sogar drei Fliegen mit einer Klappe: wir fahren nach Bremen und schauen uns auf einen Schlag den Mesut, den Aaron und auch noch den Marcus an. Ja, von mir aus auch Marko. Und wenn wir schon in Bremen sind, dann… ach nein, auf der 6 haben die nur einen, das lohnt sich nicht. Oder meinst Du, der Bargfrede drängt sich noch als zweiter Mann auf, Hansi? Den Allofs fragen? Och nee, muss nicht. Lass uns das mit der 6 einfach in Stuttgart klären. Khedira, Hitzlsperger, Träsch, einer wird dann schon in Form sein, um dem Balla den Rücken freizuhalten. Wie, was meinst Du mit „Und der Schweini?“ Den beobachten wir natürlich auch, aber für die rechte Bahn, im direkten Vergleich mit Müller. Da haben wir sonst ja keinen.

Der Lukas? Nein, den können wir leider nicht mehr beobachten, der hat ja keinen zweiten Mann. Den nehmen wir so mit. In den direkten Vergleich gehen dann die beiden Leverkusener und die zwei Münchner.

Hm, stimmt, Hansi, der Platz neben Merte ist immer noch frei. Wenn der Subotic nicht für Serbien spielen würde, könnten wir uns ja mal noch den Hummels ansehen, aber so? Ne. Dann lass uns lieber wieder den Langen holen, den der Klinsi damals in England ausgegraben hat. Oder wir nehmen einen von den Rechten in die Mitte.

Was sagst Du, Hansi? Ach das. Ok, ich werd mich bemühen, versprochen, Hans-Dieter.

"Der Kapitän geht voran"

…titelte die VfB-Stadionzeitschrift zum heutigen Spiel gegen Werder Bremen, und manch einer mag sich gefragt haben, warum man vergaß, ihm die Richtung zu nennen. Ok, vielleicht ist es ungerecht, ihn als denjenigen auszumachen, der auf dem Weg in tiefes Mittelmaß vorangeht – aber allzu viel Bremswirkung geht von ihm auch nicht aus, um es ganz vorsichtig zu formulieren. Hitzlsperger versteckte sich, so gut er konnte, war in der Offensive nicht zu sehen, schlug schaurige Standards und verschleppte das Spiel, wenn die Zuschauer auf schnelle Gegenangriffe hofften. Negativ aufgefallen ist er mit dieser Leistung allerdings nicht. Vielmehr fügte er sich bestens in eine Mannschaft ein, die ganz offensichtlich keinerlei Idee hatte, wie sie dem Spiel eine andere Wendung geben könnte.

Hatte man nach mehreren Spielen wie dem gegen Köln noch festgestellt, dass der VfB offensichtlich nicht in der Lage ist, eine sehr tief stehende Verteidigung unter Druck zu setzen bzw. sie mit spielerischen Mitteln auszuhebeln, so galt es heute zu konstatieren, dass auch ein Gegner, der sich nicht hinten einigelt, wenig Sorge zu haben braucht ob der Stuttgarter Offensivbemühungen. Wobei nicht viele Zuschauer bereit gewesen wären, überhaupt von „Bemühungen“ zu reden.

Werder war zu wirklich jedem Zeitpunkt Herr im fremden Haus. Über die Qualität ihrer Verteidigung kann man mangels Beschäftigung nur sehr wenig sagen. Wiese bestand seine einzige ernsthafte Prüfung tadellos, Mertesacker und Naldo ließen Schieber und vor allem Pogrebnyak lächelnd an der breiten Brust abprallen, und wen man gegen den VfB auf den defensiven Außenpositionen aufbietet, ist derzeit nun wirklich völlig egal. Im Mittelfeld reichte der solide Exnationalspieler Frings aus, um die Stuttgarter in Schach zu halten, so dass alle anderen nach Belieben ihre Freiräume in der Offensive suchen konnten. Marin tat das sehr erfolgreich und stellte recht bald fest, dass ihm weder auf der einen noch auf der anderen Seite viel Gegenwehr drohte; letztlich entschied er sich gegen Boka und trieb seine Späßchen statt dessen mit dem überforderten Celozzi, der sehr bald auch in der Vorwärtsbewegung nicht mehr in der Lage war, das richtige zu tun (sprich: den Ball einem Mitspieler zu geben), und von Babbel in der 43.(!) Minute erlöst wurde.

Über die Gegentore zu diskutieren ist müßig – das erste entsprang einer dieser Situationen, in denen Marin auf Celozzi traf, und dem zweiten ging ein schnell ausgeführter Freistoß voraus, vor denen jeder Kreisligatrainer wöchentlich warnt (womit ich nicht andeuten will, dass das VfB-Trainerteam nicht gewarnt hätte). Lehmann verhinderte verschiedentlich einen höheren Rückstand, und glücklicherweise zeigten sich auch die Innenverteidiger weitgehend robust gegenüber Stürmern und Krise. Khedira signalisierte von Zeit zu Zeit, vor allem zu Beginn des Spiels und Mitte der zweiten Hälfte, als er vermehrt vor dem Bremer Tor auftauchte, dass man das Spiel nicht kampflos hergeben wollte und im Grunde auch Fußball spielen kann, aber mehr Positives kann ich beim besten Willen nicht zusammentragen. Was bleibt: die Mannschaft kopflos, die Auswechslungen mutlos, der Trainer ratlos, die Fans sprachlos.

Falsch, ein Wort fiel dann doch mit zunehmender Häufigkeit: Abstiegskampf. Und wäre Serdar Tasci in der Nähe gewesen, hätte er sich sicher sein können, viel Spott und Häme zu ernten für seine kürzlich ausgegebenes Ziel, Rang drei zu erreichen. Auf der Gegengerade war ein erstes „Babbel raus!“-Plakat zu sehen, und ich habe wenig Zweifel, dass eben diese Diskussion deutlich an Fahrt aufnehmen wird. Zumal sein scheinbar anscheinend stoisches Ertragen der jüngsten Leistungen auf der Trainerbank, verbunden mit späten und zuletzt auch nicht mehr sehr effektiven Auswechslungen, nicht unbedingt das Gefühl vermittelt, dass die Strategie für eine Trendumkehr bereits weitgehend stehen könnte. Man darf gespannt sein, wie Horst Heldt das sieht. Und muss sich vielleicht auch mit der Frage befassen, ob es wirklich am Trainer liegt, oder ob möglicherweise auch der Kader im Jahr nach Mario Gomez einfach nicht gut genug zusammengesetzt wurde, um Träume von der Champions League oder auch nur dem Uefa-Cup (ja, ja) zu rechtfertigen. Kein Urteil, nur ein Denkansatz.

Den Bremer Fans will ich im Übrigen wohlwollend unterstellen, dass sie es einfach nicht kapiert hatten. Dass sie nicht verstanden hatten, dass die Schweigeminute für Rolf Rüssmann nicht mit der Würdigung durch den Stadionsprecher endet, sondern damit erst beginnt. Schweigeminute hat tatsächlich etwas mit schweigen zu tun, Ihr Idioten!

[Nachtrag: Um es noch einmal klar zu stellen: ich glaube wirklich nicht, dass die Bremer Fans bösen Willens waren, als sie die Schweigeminute nicht beachteten. Meines Erachtens wähnten sie sie einfach beendet, bevor sie wirklich begonnen hatte; dafür spricht zumindest ihr weitgehendes Schweigen nach dem ihnen zugedachten Pfeifkonzert.]

Zaubermaus

Im Februar 1991 feierte Sergio Zárate sein Debüt für den Club und erzielte dabei sogleich sein Premierentor. Ansonsten waren seine ersten Schritte in der Bundesliga mehr oder weniger durchwachsen, ehe er er in seiner zweiten Saison rasch zum Nürnberger Publikumsliebling wurde, das ihn, vermutlich in Anlehnung an seinen heimatlichen Kosenamen „el ratón“, rasch zur Zaubermaus erkor. Damit fand – man möge mich korrigieren, falls es ältere Beispiele gibt –  ein neuer Universalname für kleine, wuslige Dribbler Eingang in das Handbuch für Fußballfans und Sportjournalisten.

Zwar ist mir persönlich in der Bundesliga nur bei zwei drei weiteren Spielern die Verwendung des Namens erinnerlich: Ratinho und Dariusz Wosz (Nr. 3: siehe ganz unten); eine kurze Anfrage bei Google kommt indes zu anderen Ergebnissen: Zaubermaus Bundesliga bringt mehr als 9000 Treffer und führt allein auf den ersten Seiten zu mindestens 10 verschiedenen Zaubermäusen.

Ratinho spielte zu Otto Rehhagels glorreichen Lauterer Zeiten groß auf, vor allem in Liga zwei, aber auch noch in der Meistersaison, und erfreute die Fans mit kreativen Dribblings und Interviews, aus denen insbesondere das Wort „Kokolores“ hängen blieb, das ihn Rehhagel gelehrt haben soll. Laut Wikipedia ist er bisweilen noch immer in der Pfalz unterwegs und gibt „Unterricht in Fußball-Sommercamps im Raum Kaiserslautern und Umgebung„.

Dariusz Wosz zauberte in Bochum und, etwas weniger erfolgreich, in Berlin. Unvergessen ist mir ein Spiel geblieben (wenn auch nur aus der Sportschau-Zusammenfassung), in dem er nach deutlichem Rückstand gegen die Bayern aufdrehte und phasenweise ganz allein 70% Ballbesitz zu haben schien – allerdings, wie so oft, wenn Bochum gegen die Münchner spielte und spielt, außer einem Treffer ohne relevanten Erfolg.

Weitere Zaubermäuse heißen beispielsweise Carlos Eduardo, Diego, Lincoln, Marek Penksa, Franck Ribéry, Vicente Sanchez, Andres d’Alessandro oder auch Marko Marin – letzterem hat allerdings Jannik in seinem Blog Entscheidend is auf’m Platz ein wenig Wasser in den Zaubermaus-Wein gekippt:

Kommentator Matthias Stach pries Marin, den Unruhefaktor für gegnerische Abwehrreihen, bei fast jedem Ballkontakt als „Zauberzwerg” an, was erneut die Frage aufwarf, ob es einem 20-jährigen nicht doch irgendwie peinlich ist, die Bezeichnungen „Zauberzwerg” und „Zaubermaus” ganz oben im Spitznamenkatalog zu führen. Irgendwie klingt das so gar nicht nach Bartwuchs, Führerschein und der Befugnis, im Supermarkt nach Vorlage des Personalausweises jedes beliebige Getränk erwerben zu können. Aber bin ich Imageberater?

Womit wir wieder bei den Gemeinsamkeiten fast aller Zaubermäuse wären: dribbeln können sie, häufig sind sie schnell, und nicht selten kaum größer als 1,70m, wenn überhaupt. Weshalb ich mich frage, wie es soweit kommen kann, dass die Cannstatter Kurve in der kommenden Saison wieder einem 1 Meter 85 großen Spieler als „Zaubermaus“ huldigen wird:

Alex (sic!) Hleb, Alex Hleb, Alex Alex Hleb,
die Zaubermaus aus Weißrussland, Alex Alex Hleb!

Schön, dass er wieder da ist, und natürlich werde ich mit“singen“. Aber die Euphorie um seine Rückkehr macht mir auch ein wenig Angst. Die Tore sollte dann schon ein anderer schießen. Und als linker Verteidiger taugt er auch nicht.