Quervergleiche

Allzu viele Länderspiele habe ich in meinem bisherigen Leben nicht gesehen. Also vor Ort, im Stadion. Immerhin, ein EM-Finale (verloren) und ein WM-Halbfinale (gewonnen, von Frankreich) waren dabei. Ein paar Qualifikationsspiele, darunter eines im Handball, einige wenige Freundschaftsspiele, mehr nicht.

Mein allererstes Länderspiel sah ich erst spät, im März 1995, im Stadion an der Lansdowne Road in Dublin. Irland empfing Frankreich und war dabei ziemlich chancenlos, was meinem irischen Umfeld zwar nicht so recht gefiel, letztlich aber gar nicht so viel mehr als eine Randnotiz blieb. Auf französischer Seite blieb mir in erster Linie der auffallend agile Émile Ntamack in Erinnerung, der einen Versuch legte und zwei Kicks verwertete – die beiden einzigen seiner Länderspielkarriere, wie ich den unendlichen Weiten des Internets entnommen habe.

Genau: ich war beim Rugby, hatte viel Spaß und wenig Ahnung, und genoss die Atmosphäre. Und ja, ich zog schon damals den Quervergleich zum Fußball, ungefragt, quasi. Man sang, feuerte an, war friedlich – sowohl im Stadion als auch hinterher beim gemeinsamen Feiern. Klingt wie aus einer klischeebeladenen Sportsendungsfilmchen über Irland, oder Rugby, oder beides, und entsprach damals exakt meiner Wahrnehmung.

Den Großteil des Abends verbrachten wir im Jurys Hotel, wo eine ziemlich große franko-irische Party stattfand, deren Hauptattraktion in meiner spärlichen Erinnerung darin bestand, dass ein französisches Mitglied unserer Gruppe Éric Cantona täuschend ähnlich sah und sich regelmäßig leicht alkoholisierte Iren huldigend zu seinen Füßen warfen. Anhänger von Crystal Palace waren wohl nicht zugegen.

Zu jener Zeit hatte ich mich, man muss es wohl so sagen, vom Fußball ein bisschen entfremdet, nicht vom ehrlichen eigenen Fußball, wie ihn Martin Harnik so gerne erlebt, sondern vom anderen, großen. Die WM 1994 mag ihren Teil dazu beigetragen haben, andere Sorgen und Freuden junger Leute übten zudem Einfluss auf die Prioritäten aus – eine dieser Freuden war es schließlich auch gewesen, die mich damals hin und wieder gen Irland reisen ließ.

Und in meiner selbstgewählten Distanz war ich gewiss auch ein bisschen empfänglicher für die schönen Seiten des Rugbysports, Sie wissen schon, die Körperlichkeit, die rohe Fairness, der ausgeprägte Teamgedanke, der Respekt für die Schiedsrichter, … ach nein, vergessen Sie Letzteres, das nahm ich damals im Grunde gar nicht wahr.

Ob ich schon Fan gewesen sei, bevor Rugby cool war? Nun, zum einen war es immer cool, mancherorts, was eine billige Antwort ist. Zum anderen: nein. Klar, ich hielt mich fortan stets ein bisschen informiert, verfolgte die Turniere, und wenn mal was im Fernsehen kam, zu erträglichen Uhrzeiten, dann hab ich’s mir auch angesehen. So oft wie in diesem Jahr dürfte ich indes noch nie geschaut haben. Gemeinsam mit meinem Sohn, der eine gewisse Begeisterung entwickelt hat. Ohne dass ich ihn gleich im Verein angemeldet hätte. Aber ein Fan? Nein, das wäre übertrieben. Dafür kenne ich nicht mal die Regeln gut genug.

Wie auch immer: schön war sie, die WM. Und hübsch, wie sie auf Twitter begleitet wurde, offensichtlich von Menschen mit sehr unterschiedlich detailliertem Vorwissen. Regelfragen spielten eine Rolle, natürlich, die medizinische Betreuung während des Spiels, gelegentlich optische Aspekte, dann die Anlaufrituale der Kicker, … ok, das war ich, und nicht bei Twitter, sondern bei den Fünfzeilern:

Ein Anlauf-Ästhet aus Funchal
habe gestisch und mimisch nen Knall?
Guckst Du Rugby, mein Digga!
Ow’n Farrell und Dan Biggar!
CR Sieben? Ein harmloser Fall.

Womit wir erneut bei einem zentralen Element der Rugbybeobachtung wären: dem Fußball-Vergleich. Den ich damals, 1995, auch zog, ich hatte es angedeutet. Der nicht überraschen kann in einem vom Fußball geprägten und mit Rugby noch ein bisschen fremdelnden Umfeld, das manches noch einordnen muss.

Aber ganz ehrlich: beim zehnten Loblied auf den respektvollen Umgang mit den Schiedsrichtern wurde ich ganz allmählich porös, beim siebzehnten Hinweis auf die zum Glück fehlende Schwalben(un)kultur standen meine Ohren längst auf Durchzug, und der Begriff “Videobeweis” blieb bei Twitter schon ziemlich früh in meinem Filter hängen.

Gewiss, es ist vernünftig, sich anzusehen, was in anderen Sportarten vielleicht besser läuft, unabhängig von Bernhard Peters. Ich bin weit davon entfernt, ein Plädoyer für Schwalben oder Rudelbildungen zu halten. Aber manchmal nervt der ständige Querverweis, in seiner Häufigkeit, in seiner Penetranz. Den geschätzten Herrn @nedfuller hat es möglicherweise auch genervt, wenn auch mit anderer Schlussfolgerung:

Fairness. Sportsgeist. Super. Sieht man beim Rugby, und ja, es gefällt. Wieso ich dann nicht mehr Fußball schauen sollte, erschließt sich mir nicht. Da bin ich gerne inkonsistent. Wie in vielen anderen Lebensbereichen auch. Rugby ist großartig. Fußball ist anders. Regeltechnisch, meinetwegen auch moralisch. Fußball ist großartig.

Und so war es mir eine große Freude, am Tag nach dem WM-Finale ins Fußballstadion zu gehen, mich über Fouls, Schwalben und Zeitspiel zu echauffieren, den Schiedsrichter in seiner Kartenvergabe für einseitig zu halten und dies auch kundzutun, und fast hatte ich ein bisschen Mitleid mit Darmstadts Luca Caldirola, den beim Torjubel ob seines vor der Linie abgewehrten Kopfballs erst nach einigen Sekunden die Erkenntnis ereilte, dass diese verdammte Torlinientechnik jeden Versuch, die Entscheidung des Schiedsrichters zu beeinflussen, obsolet machte.

Ansonsten bot das Spiel zunächst einmal das, was man erwarten durfte: einen Sieg gegen den Aufsteiger aus Darmstadt. Einen Torwart, der wieder einmal einen Elfmeter verursachte und sich außerhalb des Strafraums in Platzverweisgefahr begab. Vor Ersterem schützte ihn rückwirkend der Linienrichter, vor Letzterem die Kombination aus Körperbeherrschung und einem Vernunftschub. Und so wurde er in der zweiten Halbzeit zu dem Mann, der den Sieg in bemerkenswerter Weise festhielt. So kann’s gehen.

Erwarten durfte man auch die Rückkehr der beiden planmäßigen Sechser, die auch mal Achter sein mögen, der Herren Gentner und Dié. Doch Daniel Schwaab streckte den Kopf heraus und rief “Ich bin schon daa-ha!” So kann’s gehen. Also suchten sich die beiden neue Betätigungsfelder, etwas weiter außen, was insbesondere Serey Dié nicht sonderlich gut bekam (drüben beim Vertikalpass sahen sie eher Gentner in einer zu schwachen Rolle). Mir war er viel zu weit rechts, mal beim Verteidiger, mal als verkappter Außenstürmer, aber mit viel zu wenig Einfluss auf das Spiel und seiner Stärken in der Balleroberung beraubt. Vom erneuten Platzverweiswunschverdacht gar nicht zu reden. Das war nix. Also das andere nix, nicht gar nix. Aber nicht das, was ich von ihm erwarte.

Der Gedanke, dass sich Daniel Schwaab auf der Sechs festgespielt haben könnte, zählt nicht zu meinen liebsten. Auch wenn er sich gegen Darmstadt solide zeigte. Vermutlich wird der Trainer aber zumindest am Samstag in München noch daran festhalten. Und nein, ich wünsche mir nicht, dass er auf bittere Weise vorgeführt wird.

Vielmehr hoffe ich, dass Timo Werner und Filip Kostić nach diesem Spiel einen prominenteren Platz auf dem Münchner Einkaufszettel einnehmen werden. Was ein zweischneidiger Gedanke ist. Weiterhin wage ich zu hoffen, dass man hernach von einer erfolgreichen “Reifeprüfung” der Innenverteidigung sprechen wird. Dass Insúa seine Leistungen bestätigt, Klein aber nicht. Dass Tytoń und Dié durchspielen dürfen, Werner aber in der 88. mit Sprechchören der Fans und Kusshänden des Trainers verabschiedet wird.

Und dass dem Schiedsrichter respektvoll begegnet wird, selbstredend.

Zwischenbescheid

Die Saison läuft. Hier noch nicht, offensichtlich, aber sonst überall. Auf den Trainings- und Testspielplätzen der Republik und der Trainingslagerpauschalanbieter, in Fernsehen, Zeitungen und Gerüchteküchen, mitunter auch in den Blogs, obschon auch dort der eine oder die andere eine sommerliche Brise durchwehen und den Herzensverein einfach mal eine Weile Herzensverein sein ließ. Die wunderbaren Kollegen vom Vertikalpass und von Goldmann saxt focht das nur ein bisschen an – sie zeigten weiterhin Flagge, nur ein kleines bisschen seltener, dafür ein etwas größeres bisschen grundsätzlicher. Schön so.

Hier, also genau hier, herrschte indes beredtes Schweigen, das wohl als Ausweis eines gewissen erarbeiteten Grundvertrauens in Robin Dutt und eines Vertrauensvorschusses für Alexander Zorniger gelten darf. Letzterer scheint sportlich so manches verändern zu wollen, was vielerorts für eine gewisse Unruhe sorgt, so auch bei mir, wo sich Besorgnis und Vorfreude ob der so nicht angekündigten, sondern lediglich von mir so interpretierten Jagd nach dem Ball nicht ganz die Waage halten, will sagen: ja, der Gedanke, die Spielweise und -freude der letzten paar Saisonspiele könnten ein kurzes Intermezzo und Vergnügen gewesen sein, missfällt mir; der Gedanke, Zorniger könnte wissen, was er tut, und würde zudem einen Teufel tun, Filip Kostić‘ Stärken zu ignorieren, ist indes deutlich stärker.

Oder war es zumindest, ehe mit Martin Harnik ein von mir nicht zuletzt abseits des Feldes sehr geschätzter Spieler nach meiner Lesart überraschend deutlich seine Skepsis gegenüber dem neuen System, oder dessen Umsestzbarkeit zum Ausdruck brachte. Was natürlich auch an einer verzerrten medialen Darstellung liegen kann, oder daran, dass Harnik selbst seine Felle davon schwimmen sieht – ich kann das nicht beurteilen, weiß ja nicht, was in den Vorbereitungsspielen so passiert, aber es wäre natürlich denkbar, dass der Trainer im neuen System, wiewohl Harnik als schneller Stürmer gut geeignet scheint, dann doch eher Timo Werner neben Daniel Ginczek sieht. Aber jetzt wird’s hier schon wieder viel zu wild.

Wie ich in den letzten Wochen also so gar nichts andachte, sprang mir zufällig die Sache mit den beiden misslungenen Schalker Medizinchecks ins Auge, die sich dann unversehens in einen 140zeichigen Fünfzeiler gedrängt sahen:

Da waren sie also wieder, diese leidigen fünf Zeilen, die sich in mein Gehirn bohren und mich schubweise nicht in Ruhe lassen, langjährige Mitlesende mögen sich erinnern. Damit mir künftig für solche Fälle ein Ventil zur Verfügung gestellt, habe ich einen Tumblr mit dem ebenso überraschenden wie überraschend freien Namen fuenfzeiler.tumblr.com auf die Beine gestellt und dort ein paar Verse veröffentlicht. Ohne expliziten thematischen Fokus, aber ganz unvorbereitet wird es die Lesende nicht treffen, wenn auch dort gelegentlich von Sport oder gar Fußball die Rede ist.  Vom VfB eher nicht, bis dato, aber auch das mag sich noch ändern.

Kurz zum VfB geäußert habe ich mich indes im Saisonheft der 11 Freunde. Betonung auf kurz, denn wie schon im Vorjahr ist der Raum für die bloggenden Zulieferer deutlich knapper bemessen als in früheren Jahren. Da indes der Fragebogen selbst nach wie vor die alte Länge hat, dokumentiere ich nachfolgend meine Antworten, deren Einordnung möglicherweise durch die Information erleichtert wird, dass zum Zeitpunkt der Beantwortung der Wechsel von Sven Ulreich bereits bekannt war, das Karriereende von Marcell Jansen indes noch nicht, und auch das VfB-Trikot war noch nicht offiziell vorgestellt worden.

______________________________________

 

Die neue Saison wird legendär, weil

sie wie immer dazu verdammt ist, die legendärste Bundesligasaison aller Zeiten und Welten zu sein.

Wenn ich an die vergangene Saison denke, dann…

… erinnere ich* mich glücklicherweise nur noch an die letzten paar Spiele – und träume konsequenterweise von Europa 2016.

Wenn ich einen durchgeknallten russischen Milliardär kennenlerne, kaufe ich meinem Klub

… ein bisschen Geduld. Um einen behutsamen Weg in andere Tabellenregionen nicht an kurzfristigen Ambitionen scheitern zu lassen. Ach, und Joshua Kimmich.

Mein schlimmster Albtraum…

wäre am Saisonende, den VfB mal kurz VfB sein lassend, eine aufgeblähte Europameisterschaft, bei der jedes zweite Uefa-Mitglied teilnehmen darf und der Weltmeister zusieht.

Mein Held vergangener Jahre…

heißt, um mal nicht ganz so weit in die Vergangenheit zu blicken, Sami Khedira. Wir durften ihm ein paar Jahre aus der Nähe zusehen, feiern seinen Meisterschaftskopfball noch heute und wussten lange vor Kevin-Prince Boateng, dass er in Südafrika eine wichtige Rolle spielen würde. Es ist kein Zufall – und keine Selbstverständlichkeit –, dass in Stuttgart nach wie vor nur in den höchsten Tönen von ihm gesprochen wird.

Die lustigste Fan-Aktion der vergangenen Saison war

Lustig war gar nicht so en vogue. Aber das ebenso entschlossene wie melodische „Nazis und Idioten“, mit dem mein Stadionnachbar deren Schmähgesang „Schwule und Zigeuner“ kaperte, hat sich einen Platz in meinem Herzen gesichert.

Auf Auswärtsfahrten darf niemals fehlen…

Da ich leider nur sehr selten auswärts fahre, darf bei diesen Spielen vor allem eines nicht fehlen: der Zugang zu einer Fußballkneipe mit Konferenzabneigung und VfB-Sympathie.

Ich gehe nie wieder ins Stadion, wenn …

Quatsch! Ich gehe immer wieder in Fußballstadien. Das könnte, so inkonsequent das auch sein mag, selbst eine konzertierte Aktion aller regelmäßig verdammten Geißeln des heutigen Fußballs nicht verhindern.

Mit einer Klatschpappe kann man prima…

Gibt’s die noch? Vielleicht befinde ich mich in einer privilegierten Situationen, aber ich kann mich nicht erinnern, in der Cannstatter Kurve eine gesehen zu haben.

Mein Verein muss an den DFB Strafe zahlen, weil wir im Stadion

die zulässige Dezibelzahl überschritten haben, oder wie war das? Und vor allem: Wer hätte das vom ach so anspruchsvollen Stuttgarter Publikum gedacht?

Unser aktuelles Trikot ist…

… bis dato noch nicht vorgestellt worden. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es diesmal weiß wird, vielleicht mit einem roten Ring auf der Brust. Möglicherweise auch noch auf dem Rücken.

Wenn Pep Guardiola im nächsten Jahr nicht mindestens vier Titel holt, dann

… steht zu befürchten, dass irgendwo ein Sack Reis umfällt.

Auf diese Schlagzeile warte ich schon seit Jahren…

Ulreich sichert seinem Verein die Europa-League-Qualifikation.

Diesen Fußball-Twitteraccount habe ich immer im Auge…

@collinaserben. Ich bin nicht immer einverstanden, gelegentlich auch dezidiert anderer Meinung, schätze aber den Blickwinkel und dessen Vermittlung. Und bewundere das dicke Fell.

Der nächste Pokal im Trophäenschrank meines Klubs ist…

… selbstverständlich nur eine Frage der Zeit. Dass es allerdings mit dem obligatorischen einen Meistertitel pro Jahrzehnt auch in den 10er Jahren klappt, wage ich noch nicht mit letzter Gewissheit zu behaupten

Fußball gucke ich am liebsten

Ja. Nach wie vor.

Die Erste Liga verlässt nach unten…

Die letzten Jahre hatte ich mich hier auf Peter Gagelmann kapriziert. Aber das Ding ist ja durch. Dann halt etwas seriöser: sorry, Ihr Lilien! Und die Hertha würde mich noch etwas weniger überraschen als die acht bis zehn ähnlich ernsthaften Kandidaten.

Gegner des HSV in der Relegation wird…

Drei Mal sei Hamburger Recht, wollt Ihr sagen? Von mir aus. Solange der VfB mindestens einen Platz vor dem Relegationsrang steht, ist mir völlig egal, ob der HSV absteigt oder nicht. Auch wenn man sich das dort nur schwer vorstellen kann.

Folgender Filmtitel beschreibt meinen Verein perfekt:

Planet der Affen

Wenn ich Trainer wäre, würde ich zuallererst…

… Twitter fragen. #followerpower!

Wenn Aliens auf der Erde landen und ich ihnen Fußball erklären müsste, würde ich sagen…

Hier, Euer Ball. Macht mal, das wird schon.

Die Superkraft meines Vereins ist…

Linksverteidiger zu verpflichten, die eigentlich keine sind. Unerklärlich, dass Marcell Jansen hier noch nicht unter Vertrag war.

Der USA-Franchise-Name meines Klubs wäre…

Wannabe Wild Horses. Ohne Stuttgart im Namen, Arsenal-Style. Und dann die Stuttgartsager auslachen.

Dieses Extra würde unser Stadion perfekt machen:

Jemand, der weiß, wann man lustige Tor- und sonstige Musiken einfach mal weglassen sollte. (“Immer” wäre möglicherweise eine ganz gute Richtschnur.)

 

* Das „ich“ ist ein Nachtrag. Es stand so nicht in meinen Originalantworten. Und so sehr ich mich in der Vergangenheit darüber geärgert habe, dass meine Antworten zum Teil sinnentstellend verändert wurden, so froh wäre ich im vorliegenden Fall über eine redaktionelle Bearbeitung gewesen.

Liegengebliebenes und Aufgewärmtes

Die Nachspielzeit lief bereits, als Kai Dittmann berichtete, wie Sven Ulreich vor einem Stuttgarter Eckball Blickkontakt zu seinem Trainer gesucht habe, um von diesem ein Signal zu erhalten, ob er mit nach vorne eilen dürfe, solle, könne, müsse. Schließlich lag man in Augsburg zurück, nachdem man lange einen „Big Point“ vor Augen gehabt und viel für dessen Zustandekommen getan hatte. Sollte das alles vergebens gewesen sein?

Es ist nicht überliefert, ob Stevens Ulreich eine Absage erteilte oder ob der Blickkontakt gar nicht erst zustande kam. Sehr wohl überliefert ist indes die Reaktion des älteren Herrn in meiner Fußballkneipe, der Dittmanns Ausführungen unzweideutig kommentierte: “Was will der denn da vorne? Da fällt er bloß über die eigenen Füße.”  Die ungeteilte Liebe der Fans ist ihm im Lauf der Jahre wohl ein bisschen abhandengekommen.

Mein gequältes Lächeln signalisierte Zustimmung. Wehmütig denke ich regelmäßig an jene Zeit zurück, als jemand, vielleicht war es Eberhard Trautner, Timo Hildebrand Regionalliganiveau als Feldspieler attestierte. Das mag einem gewissen Überschwang geschuldet gewesen sein, zumal die Regional- damals die dritte Liga war, aber es lässt erahnen, worum es geht: Fußball. Und dessen grundlegende Techniken.

Auf Timo Hildebrand folgte mit Raphael Schäfer ein fußballtechnischer Antipode, und dass Schäfer dem jungen Ulreich auf Augenhöhe begegnete, kann man gerne als hübsche Randnotiz mit inhaltlicher Relevanz heranziehen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Oder anders: Sven Ulreichs Erfolgsaussichten im gegnerischen Strafraum vermute ich eher im Bereich von Oliver Kahn als von Jens Lehmann.

Aber daran lag es am Samstag nicht. Ulreich hat keine Hohle geschlagen, nicht im Dribbling den Ball verloren oder ihn sich selbst hinter die Linie geworfen. Und vermutlich entspränge es nicht nur einer sehr freien, sondern vielmehr einer boshaften Interpretation, Huub Stevens zu unterstellen, er habe den Blickkontakt mit Ulreich vermieden, weil er ihm nichts ins Gesicht sehen, weil er ihn nicht mehr sehen wollte nach zwei Gegentoren, die ihn zumindest nicht zum strahlenden Helden werden ließen. “Tapsig” wäre eine Beschreibung, die mir beim 1:0 in den Sinn käme, “unentschlossen” beim 2:1.

So läuft’s halt manchmal, und ja, es passt – daraus habe ich hier nie ein Hehl gemacht –  in mein Bild des jungen Mannes, das Bild eines durchschnittlichen Bundesligatorwarts mit großen Stärken, aber auch unübersehbaren und bis dato offenbar nicht auszumerzenden Schwächen. Und gewiss, es ist wohlfeil, jetzt darauf zurückzukommen. Schließlich hätte Ginczek ja auch einfach vor der Pause das 1:2 erzielen können. Hätte der eine oder andere die Chance gehabt, nach der Pause nachzulegen. Hätten vor dem 2:1 nicht alle stehen zu bleiben brauchen, während die Augsburger nachsetzten. Hätte sich Niedermeier einfach mal auf das sportliche Duell mit Bobadilla konzentrieren dürfen. Stimmt alles. Und hilft nichts.

Chance verpasst, hieß es allenthalben. Weil alle für den VfB gespielt hatten, es im Fall des HSV sogar danach noch taten. Aber eben auch: es ist nichts kaputtgegangen. Anders als von Giovane Elber vermutet, hat der VfB es nach wie vor komplett selbst in der Hand, die Klasse zu halten. Wenn er die verbleibenden fünf oder sieben Spiele gewinnt, können sich die anderen auf den Kopf stellen oder meinetwegen auch jeden einzelnen Schiedsrichter kaufen – es reicht nicht. Nun ist mir klar, dass weder der VfB sämtliche Spiele gewinnen noch irgendjemand einen Schiedsrichter schmieren wird, aber mein Gedanke dürfte klar sein: man hat es selbst in der Hand. Das ist weitaus mehr, als ich vor vier oder fünf Wochen erwartete.

Grade mal zwei Wochen ist es her, dass mich ein befreundeter Fan von Hannover 96 frug, ob ich “denn noch Hoffnung auf den Klassenverbleib des VfB” hätte. “Überraschenderweise ist meine Hoffnung deutlich größer als vor ein psar (sic!) Wochen”, antwortete ich. Daran hat sich nichts geändert, und ich weiß bis heute nicht, woran es gelegen hatte. Wir waren uns einig, dass nicht nur ein erneutes Schneckenrennen am Horizont dräue, sondern dass auch die B-Noten der einzelnen Schnecken durch die Bank verheerend seien, und doch war meine Zuversicht zurückgekehrt. „Trotz oder wegen Huub?“ wollte er wissen, und ich konnte oder wollte es nicht beantworten: „Mit Huub.“

Meine Zuversicht ist ungebrochen, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass beim VfB zwischenzeitlich Bewegung in die B-Note kam. Blöd nur, dass man sich davon nichts kaufen kann. Also zumindest nicht in Augsburg. In den Heimspielen sah das zuletzt, allen vorangegangenen Eindrücken zum Trotz, anders aus. Man spielte nicht nur anständig, sondern zog die A-Note gleich mit hoch, traf das Tor und punktete. Da konnten nicht mal die Wechselfehler was dagegen ausrichten.

Wechselfehler? Ok, ich sag’s, wie’s ist. Die Wechselfehler sind eigentlich durch. Hab ich schon vor Wochen drüber geschrieben. Zumindest angefangen. Und nie veröffentlicht. Jetzt liegt’s halt noch hier so rum und ist mir im Weg, also raus damit:

Vor zwei fünf Tagen Wochen gegen Frankfurt wollte Huub Stevens zur Pause wechseln. Ich kann das nicht mit Gewissheit sagen, aber alles andere würde mich sehr wundern. Oriol Romeu wärmte sich ernsthaft auf, ohne Eckle, ohne Jonglageübungen mit dem Ball auf der Schulter, sondern so richtig, mit ohne lange Hose und erhöhtem Tempo. Der Grund lag auf der Hand: Geoffroy Serey Dié, von dem die Wikipedien aller Länder, und nicht nur die, behaupten, er schreibe sich ohne Aigu, was ich aber bis zum endgültig erbrachten Beweis nicht mit meinem Sprachgefühl vereinbaren kann, hatte sich vor der Pause mit langem Atem um eine Verwarnung beworben und war in der 42. Minute endlich erfolgreich gewesen, würde also mit einer mehr als verdienten gelben Karte und einem deutlichen Eintrag im Notizblock des Schiedsrichters in die zweite Hälfte gehen, käme Romeu nicht zur Pause.

Ich unterhielt mich mit ein paar Umstehenden über die bevorstehende Auswechslung und war ehrlich gesagt etwas überrascht, dass sie diese eher nicht befürworteten. Zu wichtig schien Diés Aggressivität für das VfB-Spiel, um freiwillig auf ihn zu verzichten. Auch seine ärgerliche Angewohnheit, seine Mitspieler auch in engen Räumen und ohne Not gerne mal auf Knie-, Hüft- oder Schulterhöhe anzuspielen, tat da keinen Abbruch. Hoffnungsträger!

So ähnlich sah das dann wohl auch der Trainer. Er überlegte es sich in der Kabine noch einmal, dürfte seinem Königstransfer ins Gewissen geredet und ihn vor einer weiteren auch nur annähernd gelbwürdigen Aktion gewarnt haben, und ließ ihn auf dem Feld. Fünf Minuten später stellte er sich im Zweikampf ungeschickt an, verzichtete dann auf bissige Rückeroberungsbemühungen und war zum wiederholten Male an einem Gegentor beteiligt.

Stevens reagierte, nahm Dié nun doch vom Feld – und wurde ausgepfiffen. Um mich herum beklagten Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, dass er doch nicht seinen auffälligsten, aggressivsten, besten, was auch immer, Mann vom Platz nehmen könne, Sie wissen schon, und ich frug mich, frage mich in der einen oder anderen stillen Minute noch immer, ob ich bis dahin vielleicht einfach ein anderes Spiel gesehen hatte.

In diesem meinem Spiel also schien der Trainer schlichtweg vercoacht zu haben, und wieder einmal sollte sich zeigen, dass ich keine Ahnung habe. Die Mannschaft hatte den Rückstand gebraucht, entwickelte plötzlich Torgefahr, Romeu spielte stark und Daniel Ginczek hob völlig unerwartet doch noch in der laufenden Saison den Fuß von der Bremse. Gewiss, Kopfballduell wird er auch auf absehbare Zeit keines gewinnen, aber er ist ja jung und kann noch wachsen.

Beim nächsten Heimspiel, gegen Bremen, wollte Huub Stevens wiederum wechseln. Ich kann das mit Gewissheit sagen, die medialen Regenbogengeschichten waren voll davon. Martin Harnik sollte nach zwei sehr unglücklichen Situationen vom Feld, vermutlich auch nach gewohnt engagiertem Spiel, aber das kann ich wiederum nicht mit Gewissheit sagen, weil ich das Spiel aus familiären Gründen verpasste. Immerhin war es diesmal eine unserer leichtesten Übungen gewesen, meine Karte an den Mann zu bekommen, schließlich hatte ich oft genug vom verpassten 4:4 gegen Bremen mi drei Bordon-Treffern erzählt. Mein Vertreter dürfte auch bei der diesjährigen Auflage mit dem Gebotenen nicht ganz unzufrieden gewesen sein.

Geboten wurde eben auch, um den Faden wieder aufzunehmen, der neuerliche Verzicht auf eine Auswechslung. Timo Werner stand bereit, dann bereitete Harnik den Führungstreffer vor, Stevens überlegte es sich anders und ließ Harnik auf dem Feld. Bis ihn der Schiedsrichter runterschickte. Und Bremen in Überzahl ausglich. Vercoacht, schon wieder.

Und wieder hatte ich keine Ahnung. Die Mannschaft hatte den Ausgleich gebraucht, entwickelte plötzlich Torgefahr, Daniel Ginczek ließ den Fuß von der Bremse und traf nochmals. Gewiss, Kopfballduell wird er auch auf absehbare Zeit keines gewinnen, aber er ist ja jung und kann noch wachsen.

Gegen Augsburg beging der Trainer leider keinen derartigen Wechselfehler. Aber am Wochenende steht ja wieder ein Heimspiel an. Und ich bin erneut familiär verhindert. Beste Voraussetzungen also.

 

 

Ach so, Wechselfehler ist ja noch so ein Stichwort. Domenico Tedesco geht nach Hoffenheim. Vermutlich ist der Wechsel für ihn kein Fehler. Man scheint ihm dort seine Wertschätzung etwas konkreter zum Ausdruck gebracht zu haben, als sich der VfB dazu in der Lage sah. Von welchen Kategorien wir auch immer reden mögen.

Andreas Hinkel, Tedescos Co-Trainer in der U17, scheint man auch nicht uneingeschränkt wertzuschätzen. Zur neuen Saison sind sie also beide weg, der eine in Hoffenheim, der andere sonst wo, und Rainer Adrion entblödet sich nicht, in einem beispielgebenden Blabla-Interview darauf hinzuweisen, dass die Türen für Hinkel weiterhin offen seien.

Kommunizieren wie Karl-Heinz Rummenigge. Es ist zum Heulen.

Optionen prüfen

Mal im Ernst: natürlich habe ich an dieses 4:1 gegen Wolfsburg geglaubt, das ich neulich prognostizierte. Mindestens so sehr, wie ich jedes Jahr daran glaube, dass der VfB wenigstens einen Titel holt. Oder bei jedem großen Turnier, dass Deutschland Welt- oder Europameister wird. Was gegenwärtig kein ideales Beispiel sein mag, um meine Sichtweise zu illustrieren, aber: Sie wissen schon, Fußballfans. Innerhalb weniger Sekunden von leuchtend weiß zu komplettem Schwarz und wieder zurück. Oder gar beides gleichzeitig. Ach, egal.

Am Montag telefonierte ich mit einem Bekannten. Wir kamen auf den VfB zu sprechen und umkreisten das Thema ausgesprochen vorsichtig, beiderseits bemüht, einander aus der Reserve zu locken, bis wir uns schließlich zwar nicht unsere Liebe gestanden, wohl aber, dass wir eigentlich sehr angetan gewesen waren vom Auftreten der Mannschaft. („Darf man ja eigentlich nicht sagen … ehrlich gesagt … ziemlich gut … Engagement … mutig … Chancen … Spaß …“)

Ja, ich hatte Spaß. An Harnik, zum Beispiel, dessen Präsenz im Sturmzentrum mich ziemlich beeindruckte. Nein, nicht Präsenz, das klingt so statisch. Er war unheimlich aktiv, ging die langen, schnellen Wege, die die Wolfsburger Abwehr nicht versperren konnte, tauchte gefährlich vor dem Tor auf, konnte, sonstige Defizite in den Hintergrund schiebend, auch immer wieder den Ball behaupten – allein, es half nichts, blieb erfolglos.

Und ja, zugegeben, sie spielten den Ball wieder oft quer, Rüdiger und Schwaab hatten viele Ballkontakte. Aber die waren anders als vor einigen Wochen. Schneller, druckvoller, so mein Eindruck, nicht an jenen Tran gemahnend, den wir als brot- und ziellos beklagten. Sahen nicht alle so, ich weiß. Vermutlich ist es wahrscheinlicher, dass diejenigen, die ob der Quer- und Rückpässe pfiffen, recht hatten, als dass ich, der darin einen neue Qualität sehen wollte, den besseren Durchblick für mich beanspruchen könnte.

Gleichwohl erinnere ich gerne daran, dass vor Gentners großer Ausgleichschance der Ball eine gefühlte Minute lang, wenn nicht länger, in der eigenen Hälfte zirkulierte, auch mal kurz über die Mittellinie ging, dann wieder zurück, zügig, ehe über rechts die Beschleunigung kam, der Ball nach innen zu Maxim gelang, der wiederum Gentner einsetzte – Bämm!

Nein, eben nicht bämm. Und selbst wenn, wäre die Entstehung rasch wieder in Vergessenheit geraten, zumindest jener Teil, der weiter als zwei Pässe zurückreichte, und Ballbesitz in der eigenen Hälfte gälte auch im nächsten Spiel wieder als böse. Zumal er Thorsten Kirschbaum einbezieht, der ja gegenwärtig nicht so wohlgelitten ist. Aus nachvollziehbaren Gründen, zweifellos – ich bin mir ziemlich sicher, dass das 1:1 gegen Sven Ulreich nicht gefallen wäre.

Ich bin mir übrigens ähnlich sicher, dass es auch bei Kirschbaum nicht oft fiele. Und ich bin mir sehr sicher, dass ein Passspiel, wie es in der ersten Hälfte gegen Wolfsburg zum Teil unter Einbeziehung von Kirschbaum erfolgte, mit Ulreich nicht möglich wäre. Flach, schnell, hart, mit Richtungswechseln. Gleichwohl: stimmt, der Hüter soll zunächst einmal hüten. Das ist Kirschbaum nicht so gut gelungen.

Fanden viele Fans auch. Aus guten Gründen, wie gesagt. Nicht wenige fanden zudem, dass Moritz Leitner nichts in der Mannschaft verloren habe. Auch aus sehr gut nachvollziehbaren Gründen, die ihren Höhepunkt im Ballverlust vor dem 0:4 fanden. Die Frage ist ja immer, wie man sowas zum Ausdruck bringt.

Wieder andere, oder vielleicht waren es auch dieselben, fanden zudem, man müsse den Schiedsrichter auspfeifen, weil er das Spiel unterbricht, wenn ein Wolfsburger, ich glaube, es war Luiz Gustavo, aus nächster Nähe vom Ball am Kopf getroffen wird und zu Boden geht wie ein gefällter Baum. Sportler. Oder die Pfiffe, wenn sich der Schiedsrichterassistent verletzt hat und behandelt werden muss. Geht’s noch?

Nimmt man dann noch das eine oder andere homophobe oder rassistische (Schwulette! Zigeuner!) Sprüchlein hinzu, als von Einzelpersonen vorgetragenes Sahnehäubchen, kommt man möglicherweise irgendwann an den Punkt, wo man sich fragt, was das eigentlich alles soll. Ja, klar. Die Frage nach dem Sinn es Fanseins stellen sich die meisten von uns immer mal wieder. Meist geht sie mit sportlichem Misserfolg einher. Und ja, der ist derzeit gegeben.

Dennoch war ich überrascht ob meiner Gedanken. Ob der so zuvor nie gestellten Frage, ob ein Fußballstadion ein Ort ist, an dem ich Zeit verbringen möchte, oder ob mir manche Begleiterscheinungen, die nichts mit Obrigkeit, mit Sicherheitsbedenken (als ob!), mit Preisgestaltung oder sportlichem Erfolg zu tun haben, vielleicht einfach so sehr auf den Sack gehen, dass ich mich mit Alternativen befassen sollte.

Erst kürzlich gab ich hier eine deutliche Absage an das fußballbezogene Bezahlfernsehen zu Protokoll. Obwohl – oder auch weil – zu diesem Zeitpunkt innerfamiliär bereits die Option formuliert worden war, angesichts eines weiteren verpassten Auswärtsspiels, die Dauerkarte gegen ein Sky-Abo zu tauschen, also anstelle von, na ja, 12 Heimspielen im Stadion und acht Auswärtspartien in der Kneipe, vielleicht einer oder zwei im Stadion, künftig 31 Spiele daheim zu sehen. Am Samstag im Stadion zog ich erstmals in Erwägung, diese Option ernsthafter zu prüfen. Zumal’s hinterher in der Kneipe beim Abendspiel auch nicht so richtig viel Spaß gemacht hat.

Ja, ja, ich weiß: Alterserscheinung. Erfolgsfan. Falsche Prioritäten. Fußball muss ursprünglich sein. Gegnerbeschimpfung gehört dazu.

Darf jeder sehen, wie sie will. Mir gibt mein Denken zu denken.

Um nochmal kurz zurück zum Sport zu kommen: die zweite Halbzeit machte dann eher weniger Spaß. Vielleicht abgesehen von jenen Momenten, in denen das Spiel ohnehin längst abgehakt war und wir Kevin de Bruyne zusehen durften. Ja, abgehakt. Innerlich auch von den Spielern, und ja, das verstehe ich. Ist menschlich. Geldunabhängig. Genickschlag zu Beginn der zweiten Halbzeit, als alles besser werden sollte. 0:3 gegen Wolfsburg, eine äußerst solide Mannschaft, von der man weiß, dass man nur an guten Tagen vielleicht gegen sie bestehen kann. Aufholjagderfahrung ist auch nicht mehr als eine schöne Illusion.

Trotzdem noch die eine Frage, die mich beschäftigt: was war das für ein Sprung von Rüdiger vor dem 0:3? Schattenköpfen mit eingezogenem Haupt? Klar, beschissen gespielt von Niedermeier, verheerende Rückwärtsbewegung von Kostić, wurde ja auch alles rauf und runter thematisiert, aber Rüdiger? Verschätzt? Wollte er den Ball ins Aus fliegen lassen? Wahrnehmungsfehler meinerseits? Ich bitte um Hilfestellung. Danke.

 

 

 

 

 

 

Wald? Stadion!

Heut geh ich ins Stadion. Ich freu mich wahnsinnig drauf. Ja, Wolfsburg. Nicht so der Bringer, meinen einige. Mag sein. Zumal Maximilian Arnold, den ich ziemlich großartig finde, in jüngster Zeit ein bisschen am Rande stand. Aber: de Bruyne!  Muss ja dennoch nicht grade heute zeigen, was er alles kann.

Die Bilanz gegen den VfL war zuletzt ja auch nicht so prickelnd. Aber da ist immer dieses Gomez-Spiel im Hinterkopf, damals, und auch wenn ich noch nicht weiß, wer heute die vier Tore schießen soll, gehe ich selbstverständlich fest von einem ähnlich deutlichen Sieg aus. Und Tore sollten ja nach den letzten Wochen nicht so das Problem sein. Eigene, wohlgemerkt.

Die letzten Wochen, Sie wissen schon. Leverkusen, und dann eben Frankfurt: 5:4, auswärts, was soll ich sagen?

Also außer: ich hab’s nicht gesehen. Dabei hatte ich vormittags im Familienrat vorgebracht, dass ich endlich mal wieder ein ganzes Fußballspiel sehen möchte, gerade jetzt, da der VfB möglicherweise wieder Fußball spielt, gerne in der Kneipe meines Vertrauens. Die Familie war verständnisvoll, gestand es mir gerne zu.

Aber es war halt ein Samstag. Dann war dies noch zu erledigen, jenes einzukaufen, sonst noch was zu regeln, und – schwupps – war es Mittag, der den Kindern versprochene Waldspaziergang stand noch immer aus, zuerst aber was zu essen, dann noch der Mittagsschlaf der Jüngsten, und schon schlug die Uhr drei Mal, das Wetter war großartig, die wunderbar unternehmungslustigen Mädchen frugen, familienratsvergessen und sowieso noch ohne ausgeprägtes Zeitgefühl, ob denn nun der Waldspaziergang komme, und was soll man dann aneres sagen, so als Vater, der während der Woche auch nicht rund um die Uhr zuhause ist, als: „Klar!“

Zumal es ja beileibe nicht so ist, dass wir es hier mit einem zu erbringenden Opfer zu tun hätten, ganz im Gegenteil; das Vergnügen, mit den Kindern durch das Laub zu waten, ihnen zuzusehen, wie sie Quatsch machen, lachen, sich necken, auch mal rumzicken, lachen, Geheimwege finden, irgendwelchen Kram sammeln, lachen … Verzeihung, ich verliere mich ein bisschen. Vielleicht sollte ich auf die Schattenseiten hinweisen, so zum Beispiel darauf, dass alle paar Minuten meine Unkenntnis der einheimischen Flora bloßgestellt wird.

Wie auch immer: Waldspaziergang. Zumindest so halb. Mit automobiler Anreise, übrigens, und 90elf, das nicht mehr 90elf ist, sondern irgendwie sport1.fm, auf einem Ohr. Das 1:0 war noch zuhause gefallen, aus dem Nichts, quasi, 1:1 bei der Abfahrt, das 2:1 fiel an einer roten Ampel, erreichte mich aufgrund technischer Probleme unmittelbar vor dem Torschuss aber erst ein paar Minuten später. Selten hing mein Sohn so an meinen Lippen wie in diesen Minuten der Ungewissheit.

Am Waldesrand verlangten familiäre Pflicht, familiäres Vergnügen (nicht in dieser Reihenfolge, selbstredend) und die schwache Netzabdeckung einen Umstieg von der Audioberichterstattung auf einen Ticker; kurz darauf trafen wir Menschen, die uns aus dem Wald zerrten und uns in ihren Garten baten, liebe Menschen, mit an diesem Tag ungenutzten Bezahlfernsehensabonnement, übrigens, auf das ich neben jenen Gründen, die ihren Ursprung in meiner Erziehung haben, auch deshalb nicht hinwies, weil mir die kicker-App gerade das 3:1 vermeldet hatte, das Spiel also durch war. Vielleicht sollte ich nicht so sehr auf Jochen Breyer hören.

Telefon weggelegt, gekickt. Mit Kindern. Auf dem frisch eingesäten Rasen, wie der Sohn des Hauses, in Abwesenheit des Vaters, erfreulicherweise erst nach dem Kick verriet. Bei sommerlichem Wetter bedurfte es der einen oder anderen Trinkpause, und in einer solchen nahm ich doch noch einmal mein Telefon zur Hand, und wir alle hatten keinen Spaß daran. 3:4, 4:3, je nach Perspektive. Doof halt.

Ablenken, weiterkicken. Doch nochmal drauf schauen. Ungläubig die App schließen, neu starten, und doch, es stimmt: 5:4. Sich das Telefon aus der Hand reißen lassen. Weiterkicken, ablenken. Sich von ungeduldigen Kindern erneut das Telefon aus der Hand reißen lassen. Fingernägel kauen. Hoffnungslos in Rückstand geraten, weil die Kids die Sache mit der Aufgabenteilung besser drauf haben: einer kickt, einer schaut nach dem VfB. Dem erwachsenen Unterzahlspieler fällt das tendenziell schwerer.

Gewonnen. Also der VfB. Darauf bestanden, die Sportschau zu sehen. Immerhin. Und das Sportstudio. Bundesliga pur, sofern es noch so heißt. Und immer wieder den Kopf geschüttelt. Harnik? Den selbst ich, der ich ihn schätze wie kaum einen anderen VfB-Spieler, was nur zum Teil sportliche Gründe hat, im Grunde abgeschrieben hatte? Und Sararer. Kann doch nicht sein! Werner. Endlich wieder. Und wie!

Nur Herr Veh hat mich ein bisschen enttäuscht. Die Schuhe fand ich dann doch eher fad. Da waren die Herren Breyer und Neureuther deutlich weiter vorne dabei.

Dann fahr ich jetzt mal ins Stadion und vergewissere mich, ob er nachgezogen hat. Manolo Blahniks, oder wie die heißen. Und nach dem Sieg sehe ich mir in irgendeiner Kneipe das Abendspiel an. Die Familie macht den Waldspaziergang heute woanders. Herbstferien und so, und ich hab viel gearbeitet, da kann man schon mal zu Opa fahren. Ich vermisse sie wie blöd, aber heute Nachmittag wird mich der Fußball ein bisschen darüber hinwegtrösten.

4:1, wer auch immer die Tore macht. Passt.

Mir doch egal, ob mir das hinterher auf die Füße fällt.
Meiner Vorfreude tut das keinen Abbruch.

Fiktive Gespräche fernab jeder Realität und jedes Realismus sind weder lustig noch erhellend. Warum lässt man es nicht einfach?

Trainer, erinnern Sie sich noch an unser Gespräch neulich? Sie wissen schon, wegen der Nationalelf und meinen Überlegungen, wie ich mich dort festspielen kann?

Ja, klar erinnere ich mich. Klang doch vernünftig. Und jetzt würdest Du’s gern in die Tat umsetzen?

Ja, logisch! Wenn nicht in Stuttgart, wann dann?

Wieso gerade in Stuttgart?

Nun ja, wie soll ich sagen: erstens wäre der Andi vermutlich ganz froh, wenn er woanders spielen könnte, der hat ja noch sein Trauma vom letzten Jahr. Zweitens versuchen die zwar recht viel über außen, sodass ich einiges zu tun hätte und an meiner Positionierung im Abwehrverbund arbeiten könnte; gleichzeitig spielt aber niemand die wirklich guten, gefährlichen, überraschenden Bälle in die Naht, die unmittelbare Gefahr ist also überschaubar.

Drittens, falls doch mal einer käme und ich überspielt würde, ist die Chance auf ein Gegentor, oder zunächst einmal eine gelungene Hereingabe, immer noch minimal. Macht ja keiner rein. Zumal wir mittlerweile ja einen Torwart haben.

Ok, Deine Argumentation hat was für sich. Zudem sind sie viertens immer für zwei Gegentore gut, irgendeiner wird schon patzen. Was indes dagegen spricht: ich glaube, dass Leitner spielt, der die gefährlichen Bälle durchaus drauf hat, zumindest in der Theorie. Auch wenn sie ihn nicht sonderlich mögen dort. Zudem erscheint es mir wahrscheinlich, dass sie das System ändern und mit zwei Spitzen spielen, weil sie irgendwann ja merken müssen, dass der Timo Werner da außen vielleicht nicht verschenkt, aber auch nicht ideal platziert ist.

Hm, da haben Sie natürlich recht. Wenn der Werner in der Spitze spielt, kann ich mich auf Vorstöße von Sakai, Rausch oder sonst einem Christian-Ziege-Gedächtnis-Flankengeber konzentrieren. Soweit es nötig ist, halt. Früher hätte ich vielleicht noch mit Gente gerechnet, aber der geht ja nicht mehr so weit nach vorne.

Stimmt schon. Andererseits könnten es Maxim oder Didavi schon das eine oder andere Mal versuchen, da musst Du drauf gefasst sein.

Trainer, ich bitte Sie! gegen Schottland hatte ich es mit Ikechi Anya zu tun, meist erfolgreich. In ein paar Wochen will ich gegen Polen, Irland und Gibraltar bestehen. Da werd ich ja wohl mit den Freistoßkünstlern des Vorletzten zurechtkommen! Bisschen Stellungsspiel sollte da reichen.

Das ist mir jetzt zu negativ. Die Freistöße sind schon nicht schlecht.

Stimmt schon. Der Toni kommt da ja auch gerne mal ran. Nur rein macht er ihn nicht. Das ist bei meinen anders. Aber ok, ich werde mich bemühen, sie hinten zu vermeiden.

Ok, überzeugt, einerseits. Bleibt andererseits die Frage, ob wir in der Mitte auf Dich verzichten können. Deine Pressingresistenz ist da schon wertvoll.

Freut mich, dass Sie das so sehen, Trainer, aber wieso glauben Sie, dass der VfB plötzlich zu pressen anfangen könnte, dass er Druck ausübt, den Gegner jagt? Und selbst wenn er uns den Ball abnehmen sollte: was macht er dann damit? Ok, vielleicht Harnik anspielen. Aber bis der den Ball angenommen hat, sind wir mit acht Mann hinter dem Ball. Wahrscheinlicher ist aber eh, dass sie Ulreich einbeziehen. Ballgewöhnung, Sie wissen schon.

Jetzt übertreibst Du aber ein bisschen. In einem allerdings hast Du recht: ein paar Querpässe von Schwaab und Rüdiger werden in der Regel schon dazwischengeschoben, Klein soll den Ball auch mal haben, dann darf ihn Gruezo wieder nach vorne spielen.

Gruezo?

Ach was, sorry, natürlich nicht Gruezo, der darf ja nicht mehr. Romeu meinte ich. Zu viele gleiche Vokale. Wie auch immer: in der Zwischenzeit dürfte unsere Abwehr formiert sein.

Dann darf ich also rechts verteidigen? Und ab und zu mal nach innen schauen, falls doch mal ein paar Stuttgarter schneller nach vorne laufen? Lahm-Style, quasi?

Na ja, Lahm-Style würde ich jetzt nicht grade sagen. Du brauchst nicht auf die Grundlinie zu gehen. Die eine oder andere Flanke (Sagnol-Style) wäre mir lieber. Wenn der Veh drüber nachdenkt, mit der überholten Raute spielen zu lassen, können wir auch die Halbfeldflanke aus der Mottenkiste holen.

Die kennt man in Stuttgart eh ganz gut, Trainer. Boka, Sie wissen schon.

Stimmt.
Nochmal ernsthaft: Du brauchst echt nicht ganz nach vorne zu gehen. Wir halten uns insgesamt etwas zurück. Damit kommt der VfB nicht zurecht. Aber wem sag ich das, das weiß nun wirklich jeder Bundesligaspieler, der seinen Beruf halbwegs ernst nimmt. Masseure, Platz- und Zeugwarte übrigens auch, aber das nur am Rande.

Trainer, noch was anderes: diese Unruhe unter den Fans, das Medienspektakel um das Statement, hat das Einfluss auf das Spiel? Wissen Sie, ich war damals gegen Bochum dabei.

Ah, ich erinnere mich. Ein Ruhmesblatt der Fankultur. Aber nein, das wird diesmal anders sein, glaube ich. Die Fans haben ihren Unmut zum Ausdruck gebracht, reflektiert zum Ausdruck gebracht, soweit ich das mitbekommen habe, und die Spieler werden wohl wissen, dass sie den Schulterschluss mit den Fans brauchen. Da sind gescheite Leute auf dem Platz, die haben keine Eurozeichen in den Augen. Die werden zusammenstehen, das wird alles keine Auswirkungen auf das Spiel haben. Höchstens positive. Selbst Schwaab wird seine Lektion gelernt haben und sich nicht mehr abfällig äußern. Bestimmt. Also ganz bestimmt, ehrlich!

Ja, klar. Der Manager wird ihnen ja sicher auch sagen, wie wichtig die Kurve ist. Der ist schließlich lange genug dabei und hat als Einheimischer ein Gespür für die Fans.

 

 

Drei Generationen, vier Silben

Ich will es mal so sagen: das größte Kopfzerbrechen während des Spiels bereitete mir die Frage, ob der Sky-Reporter tatsächlich Recht haben könnte mit seiner Überzeugung, dass man Kolašinac auf der dritten Silbe betont. Gefolgt von jener, wieso ich bei Muttern und Vatern so viel Kaffee getrunken hatte, aber das sollte ich vielleicht gar nicht weiter vertiefen.

Die Zuversicht, mit der ich auf Basis der Erfahrungswerte aus den letzten soundsoviel Jahren dem Spiel gegen Schalke entgegengesehen hatte, erfuhr nur in zwei (drei) Situationen eine seismisch nachweisbare Erschütterung: zum einen, als man in der Nachspielzeit der ersten Hälfte Goretzka zum Abschluss einlud, zum anderen in den drei Minuten nach dem 3:1, mit dem Kopfball des Prinzen und der effetvollen Ecke von Tim Hoogland, der seinem gebrauchten Tag in diesem Moment mit etwas Glück doch noch eine positive Wendung hätte geben können. Ansonsten lief es wie erwartet, irgendwie.

Klar kann man das hernach leicht sagen, noch dazu nach einem Wochenende, für das „wie gemalt“ als eher vorsichtige Umschreibung durchgeht. Aber Schalke zuhause, so sagte ich mir in der Tat, das passt. Noch dazu, in der laufenden Saison, wenn ich selbst nicht vor Ort sein kann. Natürlich malte ich mir vor dem Spiel auch aus, was eine Niederlage bedeuten würde, und wenn ich ehrlich bin, war mir gar nicht so klar, wieso der VfB ausgerechnet in diesem Spiel zu seiner Schalke-Form finden bzw. wie die Schalke-Formation aussehen sollte; dennoch hatte ich wenig Zweifel daran, dass die Mannschaft als Sieger vom Platz gehen würde.

Ok, ich gebe zu, dass die Erkenntnis, Cacau auch noch in den zweiten 45 Minuten auf dem Spielfeld zu sehen, meinen Puls unmittelbar nach der Pause ein bisschen in die Höhe trieb. Aus Sorge, ihn ohne Huub Stevens‘ Zutun keine 45, sondern höchstens noch 15 Minuten spielen zu sehen. Er strafte mich eindrucksvoll Lügen, und ich nahm die Strafe, Anstand und Haltung bewahrend, gerne an.

Ach, und dass Gruezo raus musste, noch dazu just nach dem nicht gegebenen Anschlusstreffer, und dass Konstantin Rausch statt seiner die Mitte verdichten sollte, war emotional auch eher kein idealer Einstieg in die Schlussviertelstunde. Zumal mit meinem Vater ein stets furchtbarer Schwarzmaler neben mir saß. Dabei ist er noch nicht einmal VfB-Anhänger. War ihm aber egal, er malte. Sprach von Statistiken und der VfB-Viertelstunde. Die nichts mit ihrem Hütteldorfer Pendant gemein hat.

Etwas überraschend sprang mir der Wirt, ein KSC-Fan, zur Seite, und wie ich so über Belanglosigkeiten schreibe, fällt mir dann doch auf, wie sehr ich aller vorgegebenen Abgeklärtheit zum Trotz dankbar nach jeder Ablenkung griff, die mich vom Nägelkauen oder vom ständigen Umarmen meines Sohnes (ja, es war eine Dreigenerationenkneipenschau) abhielt. Sie wissen schon, jene Umarmungen, die betrunkene Männer einander gelegentlich angedeihen lassen (mein Trainer, damals, fragen Sie nicht!) und die sich in nichts von dem unterscheiden, was landläufig unter „Schwitzkasten“ läuft. Ich kann das halt auch nüchtern.

Ja, Ulreich, wieder. Und ja, klar, Sakai – nachdem ich eine Viertelstunde zuvor noch bemängelt hatte, dass er „Nie!“ ins Dribbling geht. Ja, Didavi, der Freistoßdistanzen direkt überwindet, bei denen Allgöwer zweimal nachgedacht hätte. Um dann doch zu treffen, aber das ist eine andere Geschichte. Ja, Harnik, mal wieder. Ja, Traoré, den mein Vater am liebsten adoptiert hätte, und ja, hatte ich schon implizit gesagt, Gruezo.

Und nein, Ibisevic. Die Lebensversicherung auf der Bank, und sie dürfte das nicht gerne mit sich machen lassen. Auch wenn es nicht ganz fern liegt, bei einem auf schnelle Gegenangriffe angelegten Spiel auf typischere Konterstürmer wie Werner oder eben auch Cacau zu setzen, würde es mich sehr interessieren, wie Stevens in diesen Tagen mit Ibisevic kommuniziert. Ob er es überhaupt explizit tut.

Nächster Halt: Hannover. Und meine Überzeugung ist wie weggeblasen. Klar hoffe ich, bin auch zuversichtlich, träume von einer dann doch überraschend frühen Rettung, aber von dieser österlichen Gewissheit, die natürlich keine war, sich aber im Rückblick so anfühlte, ist das doch noch ein ganzes Stück entfernt. Vielleicht kommt sie ja noch.

Und natürlich hab ich mich kundig zu machen versucht. Forvo muss noch passen, Wikipedia sagt [kɔ’laʃinats], es finden sich auch Videos mit k am Ende, zumindest aber haben die bisherigen Ergebnisse eines gemein: die Betonung auf der zweiten Silbe.

 

 

 

 

 

Wie gedruckt

Am Mittwoch verlor der VfB gegen den FC Bayern München. In letzter Sekunde, nach eigener Führung, zum wiederholten Male, ich war vor Ort. Am Donnerstag fiel mir dann zufällig ein Stapel Zeitungen in die Hände. Gerne hätte ich ein bisschen was über das Spiel gelesen. War aber nüscht, Redaktionsschluss und so. Blöd, ne?

Noch blöder ist nur, wenn dieses Phänomen auch bei elektronischen Publikationen auftritt. Wenn ein Blogbetreiber am Sonntag einen tags zuvor zu Ende geschriebenen Text (na ja, „Ende“ – aufgehört halt, mangels Stringenz) veröffentlicht, der das nicht gesehene Samstagsspiel völlig außer acht lässt, jenes vom Mittwoch aber aufgreift. Tja. Wer möchte, kann ja mit dem Text einfach einen Fisch einwickeln.

Dass sich der gemeine Fußballfan mit der Zeit verändert, drückt sich beispielsweise beim erwarteten, vielleicht auch notwendigen Komfort aus, in aller Regel auch beim zur Verfügung stehenden Budget, und dass der gemeine Fan gerne mal in der Wortfamilie bleibt und die zunehmende Gesetztheit zunehmend mit Sitzen in Verbindung bringt, ist auch keine besonders originelle Erkenntnis.

Allem Anschein (konkreter: meiner Stadionposition) nach bin ich und habe ich mich noch nicht so recht gesetzt; gleichwohl hat sich auch meine Kurvenlage im Lauf der Jahre verändert. Das hat zum Teil zweifellos mit sich wandelnden Ansprüchen zu tun, vor allem aber damit, dass die besagten Veränderungen aufgrund der hiesigen Stadionumbauten der vergangenen Jahre von außen angestoßen wurden. Wir alle kamen so nicht umhin, mehrfach über unser Selbstbild als Fan und die damit einhergehende Platzwahl nachzudenken, und ja, ich bin ganz zufrieden.

Die Gruppe der Umstehenden ist in den wesentlichen Teilen konstant geblieben, die eine oder andere Veränderung an den Rändern ist kein Fehler, und doch denkt man manchmal mit einem Empfinden, das ich, wenn auch nicht als Wehmut, so doch als Nostalgie beschreiben würde, an ein paar Jahre zurückliegende Stehplätze und Menschen zurück, gerade an Tagen wie dem vergangenen Mittwoch.

Einige Jahre lang stand eine oder zwei Reihen hinter uns, meist leicht versetzt, ein meinungsstarker junger Mann, nicht ohne Sachverstand, der nach meiner Wahrnehmung beim Grundkurs Diplomatie gefehlt hatte, bei der Political Correctness möglicherweise auch, was nicht in jedem Kontext ein Fehler sein muss, in manchem aber zweifellos einer war.

Eines Tages tippte er uns vor einem Spiel von hinten an, und offenkundig erschien ihm die Ankündigung, die er zu machen hatte, von Belang: „Jungs“, sagte er, und wir alle wissen, dass sich erwachsene Männer tatsächlich gar nicht so selten so anreden, genau wie erwachsene Frauen mitunter mit „[ihren] Mädels“ ausgehen, „Jungs, ich muss Euch warnen: heute werdet Ihr mich nicht wiedererkennen. Es geht gegen die Bayern!“ Vermutlich wählte er tatsächlich eine andere Bezeichnung als „Bayern“, oder zumindest eine ergänzende, aber das sei nur am Rande erwähnt.

Die Quintessenz lautete jedenfalls, dass ein an normalen Spieltagen regelmäßig aufbrausender, die Spieler beider Mannschaften beleidigender und auch im Umgang mit anderen (Heim-)Fans nicht in jedem Fall und jeder Hinsicht zimperlicher Zuschauer in Aussicht stellte, an diesem Tag, da es gegen das Böse schlechthin ging, während des Spiels unter Umständen etwas energischer aufzutreten als sonst, und dass man ihm das bitte nicht übel nehmen solle, weil … ach, egal.

Ist ja legitim, gegen einzelne Vereine eine besonders ausgeprägte Abneigung zu hegen, ohne dass das einer besonderen Begründung bedürfte. Dass er damit im Umfeld des VfB keine Minderheitenmeinung vertritt, ließ sich am Mittwoch wieder einmal erahnen. So informierte mich auch mein Nebenmann, in aller Regel ein Muster an fußballspezifischer Besonnenheit, irgendwann im Lauf des Spiels, dass er meine Objektivität nicht teilen könne, wenn es gegen den FC Bayern gehe. Was völlig in Ordnung ist.

Objektivität? Hm. Wahrscheinlich. Es hilft ja nichts: ich kann nicht aus meiner Haut. Natürlich bin ich in hohem Maße parteiisch, natürlich ist es mir völlig egal, ob der VfB seine Siege gegen die Münchner aus einer spielerischen Überlegenheit heraus oder durch reinen Dusel erzielt. Ein irreguläres Tor? Nehm‘ ich mit Handkuss. Aggressive Spielweise? Her damit, sollen sie sich halt beklagen, ich zähle mich da zum Team Weinzierl. (Den Verweis auf die Herren Hleb und Hargreaves mögen sich interessierte Kreise denken.)

Also: nein, nicht neutral. Aber: ja, relativ objektiv. Gerade – und damit haben Collinas Erben rein gar nichts zu tun – mit Blick auf den Schiedsrichter. Bei dem es sich noch dazu um einen der besten seiner Zunft handelte, gegenwärtig möglicherweise gar den Besten. Über dessen Ansetzung ich mich schon vorab freute und mich dann nach wenigen Minuten bestätigt sah:

Mario Götze ging an der seitlichen Strafraumgrenze im Duell mit Antonio Rüdiger zu Boden, und die erwarteten Reaktionen traten ein. Götze sah erwartungsfroh zu Herrn Gräfe, die Gästefans wollten einen Elfmeter, während Teile der VfB-Anhängerschaft um mich herum ihre Götze-Einschätzungen bestätigt sahen und Schwalbengelb wollten. Gräfe ging souverän, man möchte sagen: ungerührt über beides hinweg und setzte somit sehr früh einen passenden Rahmen für ein schönes Fußballspiel mit Zweikämpfen, Aggressivität, einfach einer gewissen Körperlichkeit.

Dass der VfB am Ende fünf gelbe Karten gesehen hatte und der Gast nur deren drei, gibt das Härteverhältnis aus meiner Sicht ganz passend wieder, auch wenn möglicherweise mitlesende Gästeanhängende an dieser Stelle die für mich selbst in Anspruch genommene Objektivität in Zweifel ziehen. Wie es im Übrigen auch einheimische Fans taten, als ich beispielsweise die gelben Karten für Leitner und Rüdiger nicht nur verbal verteilte, ehe Gräfe am Ort des Geschehens eintraf, sondern sie auch explizit als angemessen bis hin zu zwingend einordnete.

Sicher, dass Gräfe nach dem Verzicht auf einen Elfmeterpfiff, als Werner Rafinha an den Arm geköpft hatte, beim VfB-Anhang einen etwas schwereren Stand hatte, ist nur zu gut zu verstehen, und ich gebe zu, wäre es nicht Gräfe gewesen, sondern [hier bitte einen aus mindestens einer guten Handvoll Schiedsrichternamen nach persönlichem Gusto einsetzen], hätte ich in besagter Szene mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht dahingehend argumentiert, dass der Schiedsrichter zwölf Meter vom Ort des Geschehens entfernt gewesen sei und ich hundertzwanzig.

Aber da stand eben Manuel Gräfe, und so konnte ich mir nicht vorstellen, dass der Mann mit der Pfeife den für mich zu erahnenden, für einige Umstehende, die in ihrer Kindheit deutlich mehr Karotten gegessen haben mussten als ich, deutlich zu erkennenden und auch in seiner Entstehung und Motivation unzweifelhaften Hand- bzw. Armkontakt übersehen hatte. Vielmehr hatte er ihn wohl anders eingeordnet, und obwohl er auf der Payroll der Fußballmafia DFB steht, wollte mir nicht recht in den Sinn, dass diese Einordnung der Identität der beteiligten Akteure und Mannschaften geschuldet gewesen sein könnte.

Natürlich kann man das auch anders sehen. Das gilt, wenn man will, für die Sache mit dem Bayern-Bonus, gewiss; vor allem aber ist die Sichtweise, dass Gräfe einen vielleicht vorhandenen Ermessensspielraum in die aus Stuttgarter Sicht ungünstige Richtung ausgenutzt hat, eine sehr legitime. Dass er beim Führungstreffer des VfB eher keinen Ermessensspielraum hatte und ihn dennoch zugunsten des VfB nutzte: geschenkt.

Was ich aber wirklich nicht so recht begreife, sind die mit zunehmender Spieldauer zunehmenden Kommentare, dass man doch so schlecht wie der gar nicht pfeifen könne, dass er ständig gegen den VfB pfeife, dass er eben ein typischer Bayern-Schiri sei,kurz: dass er schuld sei am (zu jenem Zeitpunkt noch einfachen) Punktverlust.

Oder doch, sorry: ich begreife es schon. Geht mir manchmal auch so, dass ich mich in sowas reinsteigere, dem Schiri alles (so’n bisschen halt, glaubt mir ja sonst eh keiner) Böse wünsche und so weiter. Und möglicherweise können andere Leute das dann genauso wenig nachvollziehen wie ich am Mittwoch.

Wie auch immer: verloren. Auf bittere Art und Weise. Und sich dann auch noch diesen – inhaltlich durchaus begründeten – Münchner Überschwang ob des ausnehmend sehenswerten Siegtores anhören und nachlesen zu müssen. Nicht schön. Vor allem, weil es ja anders hätte laufen können. Ibisevic, Werner, Harnik, sie alle hätten das Spiel deutlicher in die gewünschte Richtung kippen lassen können, doch es gelang nicht.

Kann passieren, eigentlich. Und doch ärgere ich mich noch heute, über Mohammed Abdellaoue, der im Münchner Strafraum derart viel Zeit und Muße hatte, den vielleicht entscheidenden Querpass zu setzen, dass er sich wohl in einem Spiel gegen einen der Zahlreichen weniger ernst zunehmenden Gegner wähnte und dann auch nur das entsprechende Maß an Konzentration aufwandte.

Zynisch? Ja, ein bisschen. Mit Scheuklappen auf eine Szene fokussiert? Ja, vielleicht auch. Ist halt manchmal so. Gelegentlich muss, und ich meine: muss, es eben mehr sein. Das war so eine Szene.

Bei Sven Ulreich war es mehr, keine Frage. Mehr als eine Szene, mehr als ein willkürlich entstehendes Gefühl. Es ist kein Geheminis, dass ich seit langem zu denjenigen zähle, die ihn recht kritisch sehen und das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch weiterhin tun werde. Aber die Fußabwehr gegen Thiago war außergewöhnlich, und insgesamt strahlte er wesentlich mehr Souveränität aus als zuletzt.

Vor allem aber, und das kommt auch für mich wahrhaft unerwartet, ziehe ich meinen Hut und verneige mich tief ob jenes Abschlags, den er aus der Hüfte und auf Hüfthöhe auf Martin Harnik schlug und damit den wohl besten Stuttgarter Konter seit der Kombination Lehmann-Träsch-Hilbert beim 4:1 gegen Werder Bremen im Jahr 2008 einleitete. Unglücklicherweise fehlte diesmal der erfolgreiche Torabschluss.

Aber irgendwann klappt er, ganz bestimmt. Und dann verliert man auch nicht mehr kurz vor Schluss, erst recht nicht nach eigener Führung. Vielleicht schon am Samstag in Leverkusen. Öhm. Zeitung von gestern.

Manchmal ist es einfach

Vor dem VfB-Spiel gegen Nürnberg hatte ich zum zweiten Mal das Vergnügen, den Clubfans United, dem Fanmagazin rund um den Club, ein paar Fragen beantworten zu dürfen. Leider schaffte ich es diesmal nicht, den Kollegen meinerseits die eine oder andere Frage zu stellen, was nicht nur angesichts der aussagekräftigen damaligen Antworten bedauerlich ist.

Erneut empfand ich es als sehr angenehm, mich bei den Clubfans zu vielen verschiedenen Themen äußern zu dürfen, von der Lage des Fußballs im Allgemeinen über die Bundesliga im Spezielleren und die Bundesliga-Spielplangestaltung im ganz Besonderen bis hin zum Wesen von Trainerentlassungen und historischen Überlegungen zum besten Fußballer aller Zeiten, die dann auch in den Kommentaren aufgegriffen und vertieft wurden.

Ganz nebenbei sagte ich auch ein paar Sätze zum VfB, und, nun ja, habe diesem einen Absatz nach dem Spiel im Grunde nicht viel hinzuzufügen:

[Clubfans United] Sportlich läuft es bei euch ja so “lala”. Neben zwei Siegen (Braunschweig und Berlin) stehen vor allem Remis. Immerhin aber 12 Punkte, davon träumen wir. Wie schätzt du die Liga ein? Beginnt die Abstiegszone ab Platz 4?

“Empfinde ich gar nicht so, dass es so lala läuft. Was wenig damit zu tun hat, dass Du den Freaksieg gegen Hoffenheim unterschlagen hast, sondern vielmehr damit, dass die drei Niederlagen aus den ersten drei Saisonspielen stammen und die Bilanz nach dem Trainerwechsel drei Siege und drei Unentschieden ausweist. Das finde ich einerseits sehr ansprechend, zum Teil auch über das nackte Ergebnis hinaus; andererseits, und da kommt dann doch wieder “lala” ins Spiel, gelingt es bisher nicht, die Möglichkeiten, noch weiter nach vorne zu rücken, beim Schopf zu packen. Ohne dass man aus meiner Sicht bereits weiter nach vorne gehören würde.

Manchmal ist es eben einfach. Man nimmt ein paar Zeilen, die nicht nur vor dem jüngsten Spiel schon als halbwegs passende Situationsbeschreibung durchgingen, sondern bereits nach dem vergangenen. Und dem vorvergangenen. Aktuell hat der VfB weiter oben noch nichts verloren. Gerade nach dieser Partie, die ich als die schwächste mit Trainer Schneider wahrgenommen habe.

Hinten mag man gelten lassen, dass die aus bekannten Gründen (Sperre, Verletzung) notwendig gewordenen Veränderungen im Verbund mit den aus bekannten Gründen (Spielerkader) eigentlich notwendigen Veränderungen eine geringere Fehlerquote von vornherein nicht zuließen. Negativer Höhepunkt war dabei der gut zwanzigminütige Auftritt von Konstantin Rausch, den ich schlichtweg als verheerend empfunden habe. Vielleicht war er ja übernervös oder übermotiviert, weil er mal wieder eine Chance bekam. Zumindest hoffe ich, dass es daran lag.

Der Torwartwechsel dürfte auf die Abwehrleistung keinen Einfluss gehabt haben; dass er von den Verantwortlichen als völlig selbstverständlich dargestellt wurde, halte ich für eine interessante Randnotiz. Die Stuttgarter Nachrichten hatten denn auch vor Ulreichs Rückkehr nachgefragt und ein paar sportliche Argumente aus dem Trainerteam ins Feld geführt. Woraufhin man eine Lobhudelei auf Ulreich verfasste, der ich, gewissen Zweifeln zum Trotz, inhaltlich in weiten Teilen zustimmen würde.

Was mich stört, ist zum einen die angesprochene Selbstverständlichkeit seitens des VfB, was mich irritiert, dieser Satz in den StN: „Und auch beim Mitspielen nach Rückpässen schlägt Ulreich die Nummer zwei noch um Längen und bringt die Bälle präziser zum Mann.“ Ich kann das nicht nachvollziehen. Nicht einmal ansatzweise. Und irgendwie färbt das auf meine Haltung zum gesamten Text ab.

Dass das kreative Mittelfeldspiel mit Maxim steht und fällt, ist nichts Neues. Klappt ja auch ganz gut, selbst am Freitag, solange seine Kraft reicht. Danach aber tut es besonders weh, wenn Gentner einen eher durchschnittlichen Tag erwischt und auch Traoré nicht sonderlich viel einfällt. Dann ruhen die Hoffnungen des gemeinen VfB-Fans in Sachen Kreativität auf den Schultern der Herren Harnik und Kvist. Und dann ruhen sie eben.

Ernsthaft: ich habe mich sehr gefreut über William Kvists Rückkehr ins Team. Er ist ein wichtiger Stabilisator. Aber man muss dem Umstand, dass sich sein Beitrag zum Offensivspiel, und damit meine ich nicht nur eigene Abschlüsse oder den „letzten Pass“, in sehr engen Grenzen hält, Rechnung tragen. Maxim allein kann das nicht auffangen. Bleibt also zu hoffen, dass Christian Gentner künftig wieder ertragreicher nach vorne spielt und Moritz Leitner an die Eindrücke unmittelbar vor der Verletzungspause anknüpfen kann. Die Alternative würde wohl lauten, Kvists Position doch noch einmal zu hinterfragen.

Jetzt habe ich schon wieder viel mehr geschrieben, als ich eigentlich wollte. Zu lange und zu intensiv habe ich mich über das Spiel aufgeregt, und darüber, wie sehr ich mich beeilt habe, um das Spiel doch noch sehen zu können, inklusive beruflich diskutabler Priorisierungsentscheidungen, um jetzt auch noch so viel Zeit zu investieren. Bleibt also nur noch, Ibisevic zu loben. Für seine Aktion vor dem 2:1, so Martin Harnik getroffen hätte. So geschickt sieht man ihn im Mittelkreis sonst selten agieren. (Außer wenn es darum geht, den Ball abzudecken und zu behaupten, das schon, eh klar.)

Klingt jetzt alles recht negativ, ne? Fühlte sich ja auch so an, weil es einfach keinen Spaß gemacht hat. Und doch bin ich nach wie vor recht entspannt. Nicht nur, weil die Tabellensituation im Grunde seit Wochen unverändert bleibt, sondern weil ich weiterhin ein gutes Gefühl habe. Die Probleme wird man angehen, und zumindest auf den definitiven Außenpositionen bin ich guter Dinge, dass sich auch vernünftige Lösungen finden. Darüber hinaus erlaube ich mir, noch eine zweites Mal auf meine eigenen bei den Clubfans geäußerten Worte hinzuweisen:

„Der VfB ist […] ein ganz anderer Verein als damals. Ein anderer Präsident, ein anderer Aufsichtsratsvorsitzender, ein anderer Trainer, und in jedem einzelnen Fall wurden nicht nur Personen ausgetauscht, sondern, bitte verzeiht das große Wort, Weltanschauungen. Während ich damals eine “latente Unzufriedenheit” ausgemacht hatte, wirkt derzeit alles irgendwie zuversichtlicher und, wie soll ich sagen, leichter. Der Präsident ist allem Anschein nach ein positiver, umgänglicher und doch ehrgeiziger Typ, der Aufsichtsratsvorsitzende scheint willens und in der Lage zu sein, den vom Präsidenten vorgelebten Teamgedanken mitzutragen, und der Trainer beginnt nicht jede öffentliche Äußerung mit einer Klage über die Rahmenbedingungen. Kurz: irgendwie ist alles anders.”

Und zwar besser.

Wasen, Werder, Weltklasse

Es ist ja nicht so, dass ich alles gut finde, was in der Cannstatter Kurve, wo ich mich heimisch fühle, so gesagt, getan, gesungen und irgendwie auch gespielt wird. Manches ist mir inhaltlich fern, anderes gar zuwider. Bei vielem bin ich inhaltlich völlig einer Meinung mit den aktiveren Fans, ohne dass unsere Wortwahl übereinstimmen würde. Bestimmt hätte ich auch nicht von „Bazi“-Trachten gesprochen, einfach weil der Begriff Bazi nicht zu meinem aktiven Wortschatz zählt, ich hätte ihn bis zu einer vorhin durchgeführten Kurzrecherche inhaltlich nicht einmal einordnen können.

Aber hey, „Bazitrachten raus aus Stuttgart„! Selten hatte ich so große Sympathien für ein Spruchband. Ok, das mag übertrieben sein, ich bin ja immer wieder mal sehr angetan von der Kreativität der jungen Leute, die, also die Kreativität, und nicht nur die, am Wochenende auch die Spieler noch einmal würdigten.

Aber ich hatte schlichtweg nicht damit gerechnet. Nicht zuletzt der Zusammensetzung der Kurve wegen, und so war es in der Tat auch ein diebisches Vergnügen, so manche(n) Kurvenbesucher(in) beim hoffnungslosen Versuch zu beobachten, gute Miene zum gar nicht bösen Banner zu machen, vielleicht gar das eigene Karohemdchen oder das porneuse Möchtegerndirndl zu verbergen. Verzeihung, möglicherweise vermischen sich jetzt auch die Eindrücke mit jenen aus dem tags darauf gemeinsam mit dem Sohnemann absolvierten Volksfestbesuch. Zumindest lag die „Trachten“-Dichte auch in der Kurve, um es sehr vorsichtig auszudrücken, im deutlich messbaren Bereich.

Zugegeben: so wirklich sympathisch finde ich meine ablehnende Haltung gegenüber der Volksfesttrachtenbewegung auch nicht. Ist ja irgendwie intolerant. Fast hätte ich was von Randgruppen gesagt; tatsächlich scheint die Realität aber eine andere zu sein, zumindest vor Ort in der Volksfest-Filterblase: allseits Trachten und deren Attrappen im trauten Stelldichein, die meisten fiktiv, manche württembergisch, viele bayrischen Ursprungs, wie auch das Volksfest-Merchandising weiß:

„Das Cannstatter Volksfest und Stuttgarter Frühlingsfest sind immer mehr von Besuchern geprägt, die das große Württemberger Volksvergnügen in Tracht besuchen. Sehr häufig tragen sie dabei Trachten bayrischen Ursprungs. Doch auch in Württemberg gibt es eine breite Trachten-Vielfalt.“

Trachten bayrischen Ursprungs. Ich verstehe das nicht, ehrlich nicht. Irritierte LeserInnen mögen sich fragen, ob ich nicht eigentlich was über Fußball schreiben wollte, ich würde antworten, dass ich ein bisschen vom Weg abgekommen sind, und besonders aufmerksame Mitlesende mögen zudem darauf hinweisen, dass ich Ähnliches schon einmal zu Papier (sie wissen schon) gebracht habe:

„Grundsätzlich sollen die Leute auf dem Cannstatter Volksfest meinetwegen anziehen, was sie wollen. Und wenn es Betreiber und Gäste gemeinsam für erstrebenswert halten, zu einer billigen Kopie des Münchner Oktoberfestes […] zu verkommen, dann sollen sie das halt tun. Es ist mir egal, ob sie tatsächlich die Zelte seit neuestem nach Münchner Vorbild angeordnet haben, und ich muss es nicht gutheißen, wenn Gott und die Welt in Dirndlgwand, Lederhose oder anderen Elementen der Brauchtumspflege auf den Wasen geht.“

Klingt nach meiner Einleitung ein bisschen so, als hätte ich mich mit der Zeit ein wenig radikalisiert, ne? Ist aber nicht so. Sollen sie machen. Was mir ein wenig auf die, Verzeihung, Eier, geht, ist der Versuch, so zu tun, als eifere man dem großen Bruder im Süden gar nicht nach, als habe man auf dem Volksfest schon immer Tracht getragen, württembergische natürlich. Zumindest in den 90ern scheint das eher nicht der Fall gewesen zu sein:

Ich räume gerne ein, nicht die ganzen fünfzehn Minuten angesehen zu haben, und möchte auch niemanden dazu auffordern, aber ganz ehrlich: ich habe keine Trachten entdeckt. Vielleicht waren natürlich die 90er ganz besonders „anders“, wollte man damals mit Trachten und Traditionen nichts zu tun haben.

Übrigens, um der Wahrheit die Ehre zugeben, auch in München nicht, wenn analoge Aufnahmen nicht täuschen. Was meine Plagiatsthese zunächst einmal eher in den Bereich des Kloppesken rückt. Wo sie auch bleibt, mangels Interesse an weitergehender Recherche. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn das weitere Herumtreiben auf dem Videoportal meiner Wahl zu dem Ergebnis führen würde, dass die Dirndlquote in Stuttgart seit zehn Jahren stets höher lag als in München. man denke nur an die diplomatischen Verstrickungen!

Dann doch lieber Fußball. Da habe ich nicht so viel zu meckern, und kenne mich zudem ein bisschen besser aus. Weiß zumindest einzuschätzen, dass das sehr ordentlich war, was der VfB am Samstag gegen Bremen geboten hat. Wenn die VfB-Verantwortlichen in der Vergangenheit davon sprachen, dass man ein Spiel überlegen geführt habe und nur an der Chancenverwertung gescheitert sei, schüttelte ich häufig den Kopf, nachdem die Mannschaft zuvor ohne selbigen, also ihren, angerannt und lediglich durch eine geeignete Aneinanderreihung von Zufällen zu einigen Gelegenheiten gekommen war.

Auch am Samstag waren zwar klare und wirklich zwingende Chancen Mangelware, und wenn der Trainer meint, man könne keine Kreativität wie bei den Bayern erwarten, hat er zweifellos recht, ohne sich gleich labbadiahafter Kleinmacherei verdächtig zu machen; gleichwohl meinte ich, ein Konzept zu erkennen, Schemata, aber auch spontane Ideen und letztlich sehr wohl Elemente, die man guten Gewissens unter Kreativität rubrizieren darf.

Dass die Flanke oder der Querpass, wenn man es, wie sehr häufig, über außen versuchte, mitunter zu früh kam, zu ungenau sowieso, dass aus ganz guten (häufig Kopfball-) Chancen keine sehr guten oder gar Tore wurden, ist unstrittig, dass aus 13 Eckbällen, die allesamt nicht schlecht getreten waren, nicht mehr Gefahr erwuchs, bedauerlich, vielleicht auch ein bisschen enttäuschend, und doch: ich mache mir keine Sorgen, Die Richtung stimmt.

Es dürfte sich von selbst verstehen, dass ich dabei in erster Linie von der zweiten Halbzeit spreche. Die erste war, von den Anfangsminuten mit dem frühen Tor abgesehen, insgesamt dann doch eher beschaulich, um nicht gleich das böse Wort träge zu verwenden, eventuell gar mit Hilfe der Vokabel Selbstzufriedenheit illustriert. Naja, irgendwie ging’s und wohl allen so. Die Bremer stellten sich als, mit Verlaub, Klassenerhaltsaspirant vor, der hinten – zunächst – mit dem Stuttgarter Tempo über die Außenpositionen nicht klarkam und auch Angriffe durch die Mitte nur bedingt unterbinden konnte. Der VfB war gut gestartet und irgendwie glaubte man, dass die weiteren Treffer dann schon fallen würden.

Tatsächlich fiel nur noch eines, und ich frage mich noch immer, was Antonio Rüdiger nach der ersten, von Arthur Boka noch abgewehrten Hereingabe so dachte. An dieser Stelle könnte man sich eine absurde Top-Ten-Liste des frühen Harald Schmidt, meinetwegen auch des frühen oder auch späteren David Letterman, vorstellen, die einen träumend auf dem Rücken liegenden Rüdiger mit Gedankenblasen in der Art von „Soll ich nachher erst mit dem Riesenrad oder mit der wilden Maus fahren?“ zeigen, untermalt von passendem Sitcomgelächter. Hat man zudem seine beiden hanebüchenen Abspielfehler kurz vor Schluss vor Augen, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die durch Niedermeiers Rückkehr verschärfte Konkurrenzsituation kein Fehler ist.

Ganz nebenbei verblüfft mich immer wieder, wie sehr sich die Karrieren zweier Protagonisten einer großen Nürnberger Bundesligasaison (und eines schönen Doppelinterviews, bei dem ich damals als eigentlicher Ekici-Sympathisant erstmals das nicht näher zu bestimmende Gefühl entwickelte, dass Gündogan deutlich weiter und vielleicht auch bereiter sei) voneinander entfernt zu haben scheinen: der eine auf dem Weg in die Weltklasse, phasenweise auch schon dort angekommen, und der andere, nun ja, ich hätte mich am Samstag als Bremer Fan spätestens zur Pause gefragt, weshalb er noch auf dem Platz, bzw. wo er in den 45 Minuten zuvor gewesen ist.

Entschuldigung, ich hätte mich nicht gefragt, ich tat es tatsächlich, auch ohne Bremer Fan zu sein. Schon klar: so eine Bewertung auf Basis eines Spiels und sonst einiger Sportschau-Eindrücke ist unseriös. Ich bin wohl einfach ein bisschen enttäuscht darüber, dass er meinen hohen einstigen Erwartungen so deutlich hinterherhinkt.

Zurück zum VfB. Die absolute Schlussphase verlief ein bisschen enttäuschend, weil es nicht gelang, noch einmal echte Torgefahr zu entwickeln. Vielmehr schafften es die Bremer mit einem intensiven Lauf- und Verschiebespiel, den VfB in den letzten Minuten zu zahlreichen Rück-, Quer- und Fehlpässen zu zwingen – und dem Zuschauer eine Ahnung davon zu vermitteln, dass es hier des einen oder anderen Spielers mit den Fähigkeiten, zumindest der Passgenauigkeit, oder auch nur dem Mut, eines Mats Hummels beziehungsweise, etwas weiter vorne, eines Toni Kroos bedurft hätte, um die Bremer Verteidigungsreihen zu durchstoßen, anstatt den Ball nur handballähnlich kreiseln zu lassen. Auf Höhe der Mittellinie. Vielleicht schwang auch das bei Thomas Schneiders Kreativitätsvergleich mit.

Möglicherweise hätte ein etwas früherer Wechsel hier noch einmal für Impulse sorgen können. Aber ganz ehrlich: ich hätte mich auch schwergetan, Traoré oder Harnik herauszunehmen, eben weil sie, trotz gelegentlicher unglücklicher Aktionen, noch immer für den einen entscheidenden Querpass oder Abschluss (der eine fürs eine, der andere fürs andere) hätten gut sein können. Am ehesten hätte ich – in diesem Spiel – von den Offensivkräften wohl noch Ibisevic herausgenommen, aber was wäre das für ein Signal gewesen? Zumal die zwischenzeitliche Platzverweisgefahr zum Ende hin wieder verflogen schien. Der Trainer macht das schon richtig.

Und dann war da ja noch Thorsten Kirschbaums Heimdebüt. Ein gelungenes, finde ich. Quervergleiche zu Ulreich verbieten sich zum einen aufgrund der allem Anschein nach klaren Rollenverteilung, zum anderen, speziell auf Samstag bezogen, schlichtweg deshalb, weil er kaum geprüft wurde – und auch zuvor bei seinen beiden Auswärtspartien nicht in dem Maße Gelegenheit hatte, sein Können zu zeigen, wie es bei Ulreich in den letzten Monaten leider häufig der Fall war, Auch wenn er, also Kirschbaum, in Freiburg ein paar schöne Reflexe zeigte.

Dann vergleiche ich halt anderweitig quer. Zu Raphael Schäfer. Nicht nett, ne? Es ist nur so, dass mich die Art und Weise, wie Kirschbaum den Ball mehrfach so lange auf sich zu und an sich vorbei laufen ließ, bis er perfekt vor seinem linken Fuß lag, fatal an Schäfer erinnerte. Die hohe Genauigkeit der dann folgenden Pässe war indes keineswegs mit Schäfers zu vergleichen. Und auch nicht mit Ulreichs.

Wenn diese Unart des langen Wartens nicht wäre, könnte ich mich glatt zu der Behauptung versteigen, dass ich mich bei Rückpässen, vielleicht auch insgesamt fußballerisch, mit Kirschbaum ein wenig wohler fühle. Aber ich bin nur ein Sack Reis, der irgendwo in Asien umkippt. Und auf der Linie sowie in Eins-gegen-eins-Situationen müsste er noch einige sehr bemerkenswerte Spiele abliefern, um ernsthaft an Ulreich gemessen werden zu können.

Ganz zum Schluss noch ein letzter Eindruck vom Wochenende. Kein eigener, sondern einer von Herrn Rotebrauseblogger, der sich, kreative Leser mögen es erraten, sachkundige Leserinnen gewusst haben, gerne, oft und sachkundig mit Rasenballsport Leipzig befasst, wo der zu meinem großen Bedauern „geparkte“ (so es denn so ist) Joshua Kimmich bei seinem Startelfdebüt in Liga drei einen prächtigen Eindruck hinterlassen zu haben scheint. Das weiß nicht nur die dortige Presse zu berichten, sondern eben auch der nicht zu unbegründetem Überschwang neigende Rotebrauseblogger: „Phänomenale Granate“ ist doch mal eine Ansage.

(Ein kleines persönliches Drittligadilemma, von einem Drama möchte ich nicht reden, deutet sich an, nachdem ich kürzlich an dieser Stelle das Stehblog als mein „Lieblingsdrittligablog“ bezeichnet hatte, das Rotebrauseblog aber in ähnlicher, und doch ganz anderer Weise schätze. Vielleicht sag ich den beiden einfach nichts davon.)