Die Löw'sche Leverkusen-Legende

Es gilt bekanntlich als offenes Geheimnis, dass Joachim Löw ein besonderes Faible für Spieler von Bayer Leverkusen hat. Genau genommen gilt das, wer wüsste es nicht, auch für Werder Bremen, aber die haben nicht so gut in die Überschrift gepasst.

Wie auch immer: man hört und liest also allenthalben, off- wie online, der Bundestrainer sehe sich zum einen jedes Bremer Heimspiel an (Braunkohl-Connection), zum anderen sei er ein überzeugter Anhänger der sogenannten „Leverkusener Schule“. Wann immer sich die Gelegenheit biete, einen Spieler eines anderen Vereins zu brüskieren und statt seiner einen Durchschnittskicker aus Bremenkusen zu nominieren, nehme er diese genüsslich wahr. Das Ziel, mit der Nationalmannschaft möglichst gute Ergebnisse zu erzielen, eventuell gar Titel zu erringen, rücke dabei, obwohl es durchaus in seinem eigenen Interesse liegen müsste, weit in den Hintergrund.

Zwar kann ich es nicht so recht erklären, doch irgendwie kommt mir diese Sichtweise nicht in allen Punkten stimmig vor. Man möge mich steinigen, aber ich halte Löws Leverkusen-Liebe für eine Legende. Analog bei den Bremern, übrigens. Fundiert begründen kann ich diese Meinung nicht.

Was ich indes kann: malen, für den Hausgebrauch. Also habe ich mir ein paar Grafiken zusammengezimmert, die die Leverkusenlegende entlarven und das Bremen-Bashing als haltlos darstellen sollen.

Fangen wir mit der Frage an, ob Joachim Löw in seiner Amtszeit tatsächlich außergewöhnlich viele Spieler aus Bremen oder Leverkusen eingesetzt hat.
Und stellen fest: er hat.

Kein anderer Verein hat in der Ära Löw so viele Nationalspieler gestellt wie Werder und Bayer, der VfB Stuttgart ist knapp dahinter, Bayern, Schalke und gerade noch Wolfsburg zählen zur erweiterten Spitzengruppe.

Bis hierhin spricht in der Tat wenig gegen die These, dass Bremer und Leverkuser bevorzugt werden. Wobei die bloße Zahl der eingesetzten Spieler insofern eine zweifelhafte Größe ist, als sie beispielsweise einer Merchandisingreise nach Asien und den entsprechenden Notfallnominierungen geschuldet sein könnte. Etwas aussagekräftiger dürfte die Zahl der Nationalmannschaftseinsätze pro Verein sein.
Et voilà:

Die Bayern also. Kein Wunder, kommen doch allein die Dauerbrenner Lahm, Schweinsteiger und Podolski zusammen auf über 100 Einsätze. Bremen ebenfalls weit über dem Durchschnitt, genau wie Stuttgart sowie mit etwas Abstand Leverkusen und Schalke. Der HSV erreicht mit 32 Einsätzen genau den Schnitt der aktuellen Bundesligateams. Womit Leverkusen ein bisschen, Bremen indes noch nicht rehabilitiert wäre.

Noch gar nicht betrachtet haben wir bis hierher das viel zitierte Löw’sche Leistungsprinzip. Beispielsweise könnte man die Noten der betreffenden Spieler in den einschlägigen Magazinen betrachten und eine Korrelation zur Einsatzhäufigkeit überprüfen. Dazu habe ich weder Zeit noch Lust, vor allem aber sind Relevanz und Objektivität dieser Noten nicht endgültig erwiesen. Deutlich glaubwürdiger, wenn auch weniger individuell, erscheint mir in diesem Zusammenhang der Blick auf die zählbaren Fakten. Ich glaube tatsächlich, dass man tendenziell mehr gute Spieler bei denjenigen Mannschaften findet, die mehr Punkte sammeln. Das mag im Einzelfall ein Trugschluss sein; gleichwohl bin ich, insgesamt betrachtet, von dieser Sichtweise überzeugt. Demzufolge habe ich einmal die in der Ära Löw gesammelten Punkte aus der ersten Bundesliga addiert:

Hm. Mit etwas gutem Willen könte man wohl zu dem Schluss kommen, dass die Vereine, deren Spieler häufig in der Nationalmannschaft spielen, in aller Regel auch in der Bundesliga recht viele Punkte holen. Eine Korrelation. Über Kausalitäten will ich nicht spekulieren. Leverkusen und Bremen, Jogis Lieblinge, sind in der Spitzengruppe zu finden. Bremen zählt gar gemeinsam mit Bayern, dem VfB und Schalke zu den wenigen Vereinen, die seit der WM 2006 mehr als 200 Punkte gesammelt haben. Die vielnominierten Bremer waren also auch in der Bundesliga besonders erfolgreich, die etwas weniger häufig eingesetzten Leverkusener erzielten auch etwas weniger Punkte.

Schalke passt da nicht so ganz ins Bild – ein Eindruck, der sich verfestigt, wenn man die Summe der Platzierungen aus den letzten drei Spielzeiten betrachtet (Eine noch größere Spielerei als die vorhergehenden Grafiken? Mag sein.):

Wie dem auch sei: Schalke ist hinter Bayern und dem VfB Stuttgart die bestplatzierte Mannschaft der letzten drei Jahre, hat aber nur vergleichsweise wenig Länderspieleinsätze. Da schlagen nicht zuletzt die Fälle Kuranyi und Jones durch, die sportlich aus meiner Sicht nur schwer nachzuvollziehen sind. Bremen und Leverkusen auch hier in der Spitzengruppe, was erneut nicht unbedingt für eine unbotmäßige und systematische Bevorzugung spricht.

Neben den soliden Dortmundern und natürlich Frankfurt, das völlig durch das Raster fällt, könnte man zudem meinen, dass der HSV schlecht wegkommt: die sechstmeisten Punkte, fünftbeste Platzierungsbilanz, aber viel weniger Länderspiele als die Topmannschaften. Eines sollte man allerdings nicht ganz außer acht lassen:

Beim HSV hatten deutsche bzw. für die deutsche Nationalmannschaft spielberechtigte Spieler nur 569 mal die Gelegenheit, sich bei Joachim Löw zu empfehlen – 40% der maximal möglichen Einsätze, über 300 weniger als bei Bayer Leverkusen, das den Spitzenrang einnimmt und gemeinsam mit dem anderen vermeintlichen Hätschelkind Werder Bremen sowie dem VfB Stuttgart bei einer Deutschenquote von etwa 50 % liegt – faktisch liegt sie noch ein Stück höher, da nicht in jedem Spiel das Auswechselkontingent ausgeschöpft wird. Wo viele Deutsche spielen, können wohl auch viele nominiert werden.

Interessant übrigens die Hertha, die in der gesamten Saison 2008/09 insgesamt nur 6 deutsche Spieler eingesetzt hat, darunter der frühere DFB-Jugendspieler Sofian Chahed, der mittlerweile nicht mehr für Deutschland spielberechtigt ist. Maximilian Nicu, der meines Wissens nie für den DFB spielte und bereits in jener Saison für Rumänien antrat, könnte man mit etwas Wohlwollen noch hinzunehmen.

Was bleibt?
Für mich zunächst einmal die Bestätigung, dass man Joachim Löws Liebe zu Leverkusen und Bremen (oder war es doch ein anderer Verein?), auch wenn Fußball keine Mathematik ist, in mancher Hinsicht durchaus nachvollziehen kann – vielleicht haben wir es ja doch mit einer Legende zu tun. Dann die Erkenntnis, dass Schalke einerseits überraschend, andererseits angesichts der genannten Fälle dann doch nicht ganz unerwartet, keine sehr hohe Quote aufweist. Und die Feststellung, dass es keine annähernd proportionale Berücksichtigung von Spielern aus Vereinen gibt, die sich in den letzten Jahren abseits der Europapokalplätze tummelten. Was meines Erachtens zumindest statistisch (auch wenn ich beispielsweise bei Mats Hummels eine ganz andere Position vertrete als der Bundestrainer) mit dem Leistungsprinzip durchaus vereinbar ist.

Was ich noch sagen wollte:
Meine Argumentation ist nicht wissenschaftlich fundiert, sie ist sehr leicht angreifbar, die Daten sind selektiv, manchmal willkürlich, ich bin mit einer vorgefassten Meinung herangegangen, kurz: es ist die Light-Version eines Gefälligkeitsgutachtens. Als Diskussionsbasis dürfte es allerdings auch nicht schlechter sein als apodiktische Aussagen zur Stuttgarter Leverkusener Schule oder Spätzle-Braunkohl-Connection.

Der direkte Vergleich

Hansi, ich hab mir da was überlegt. Unser Scouting ist mir nämlich zu zeitaufwändig. Wenn ich zum Beispiel unsere Kandidaten für rechts hinten anschauen will, brauche ich dafür sechs Bundesligaspieltage. Einmal fahr ich nach Hoffenheim, einmal nach Hamburg, dann nach Bremen, München, Berlin und Stuttgart. Und wenn dann noch einer gesperrt, verletzt oder einfach auf der Bank ist, dauert das Ganze noch länger.

Unterbrich mich nicht, Hansi, ich komm doch gleich zum Punkt. Das Zauberwort heißt „Direkter Vergleich“. Ja, ich weiß, dass der nicht immer zum Ziel führt, hab den Afrika-Cup auch verfolgt – man kann sich ja nicht nur auf den Schweizer verlassen. Ich mein aber einen ganz anderen direkten Vergleich: damit sich die Sache mit den Beobachtungen nicht mehr so lange hinzieht, nehmen wir bei den kritischen Positionen einfach immer mehrere von einer Mannschaft in die Auswahl, verstehst Du?

Verstehst Du nicht, ok. Dann halt an einem Beispiel: wir wissen doch nicht so genau, wen wir links offensiv mitnehmen sollen. Also beobachten wir, und zwar effizient. Zeitmanagement und so, Hansi. Nächste Woche gehen wir zum HSV und hoffen, dass sowohl der Marcell als auch Troche links offensiv spielen, dann müssen wir nur einmal fahren und haben zwei Leute beobachtet.

Ja, das weiß ich auch, Hansi, dass die beiden nur Füllmaterial für Südafrika sind. Aber -jetzt kommt’s!- bei der ersten Wahl schlagen wir sogar drei Fliegen mit einer Klappe: wir fahren nach Bremen und schauen uns auf einen Schlag den Mesut, den Aaron und auch noch den Marcus an. Ja, von mir aus auch Marko. Und wenn wir schon in Bremen sind, dann… ach nein, auf der 6 haben die nur einen, das lohnt sich nicht. Oder meinst Du, der Bargfrede drängt sich noch als zweiter Mann auf, Hansi? Den Allofs fragen? Och nee, muss nicht. Lass uns das mit der 6 einfach in Stuttgart klären. Khedira, Hitzlsperger, Träsch, einer wird dann schon in Form sein, um dem Balla den Rücken freizuhalten. Wie, was meinst Du mit „Und der Schweini?“ Den beobachten wir natürlich auch, aber für die rechte Bahn, im direkten Vergleich mit Müller. Da haben wir sonst ja keinen.

Der Lukas? Nein, den können wir leider nicht mehr beobachten, der hat ja keinen zweiten Mann. Den nehmen wir so mit. In den direkten Vergleich gehen dann die beiden Leverkusener und die zwei Münchner.

Hm, stimmt, Hansi, der Platz neben Merte ist immer noch frei. Wenn der Subotic nicht für Serbien spielen würde, könnten wir uns ja mal noch den Hummels ansehen, aber so? Ne. Dann lass uns lieber wieder den Langen holen, den der Klinsi damals in England ausgegraben hat. Oder wir nehmen einen von den Rechten in die Mitte.

Was sagst Du, Hansi? Ach das. Ok, ich werd mich bemühen, versprochen, Hans-Dieter.

Manndecker

Vor einigen Tagen habe ich mich mit dem Trainer über unsere aktive Fußballvergangenheit unterhalten, was so lange vergnüglich war, bis mich eine ganz schwarze Phase wieder einholte, die ich längst im Pensieve abgelegt glaubte: drei Spiele lang war ich in den frühen 90er Jahren Manndecker.

Angesichts einiger Ausfälle von Defensivspielern hatte mein damaliger Trainer entschieden, mich als Manndecker aufzubieten (damals noch vor einem Libero), wo ich es gleich im ersten Spiel mit dem Führenden der Torschützenliste zu tun bekam, der tatsächlich einmal einnetzte, was mir in der konkreten Situation aber nicht angelastet werden konnte. Die beiden nächsten Spiele verliefen für die Mannschaft recht erfolgreich, ich selbst verbuchte bei einem Vorstoß gar ein zählbares Erfogserlebnis, und nach der Rückkehr der Verletzten durfte ich wieder ins Mittelfeld. So weit, so gut. Und doch hinterließ diese Versetzung eine gewisse Unzufriedenheit.

Aus meiner Sicht war ich damals technisch halbwegs beschlagen und auch nicht gänzlich unkreativ – Eigenschaften, die im Deutschland der frühen 90er Jahre von einem Manndecker nur bedingt gefordert wurden. Manndecker hießen im deutschen Fußball der frühen 90er Jahre beispielsweise Borowka, Schlindwein, Roth, Spanring, Kutowski, Hopp, Wörns, Reich oder Kohler – allesamt Spieler, die ich bereitwillig noch in die damals bereits ausgestorbene Kategorie des Vorstoppers gesteckt hätte. Auf der internationalen Bühne zeigten indes Spieler wie Marcel Desailly, Frank de Boer oder insbesondere (und bereits seit Mitte der 80er) Frank Rijkaard, dass man die Position des Vorstoppers Manndeckers Innenverteidigers auch anders interpretieren kann. In der Bundesliga gaben zumindest Rune Bratseth, vielleicht auch Patrik Andersson und der eine oder andere mehr, einen Vorgeschmack auf modernen Fußball in den hinteren Reihen. Der DFB, an der Spitze vertreten durch Berti Vogts und selbst Jahre später noch Erich Ribbeck, fand das allem Anschein nach nicht so spannend.

Immerhin: Den Begriff des Vorstoppers hatte die Kicker-Rangliste des deutschen Fußballs bereits im Juli 1986 ausrangiert, also just nach der Weltmeisterschaft in Mexiko, bei der passenderweise mit Norbert Eder, Ditmar Jakobs und Karlheinz Förster gleich drei Vorstopper (fast) alle Spiele der deutschen Mannschaft absolviert hatten. Möglicherweise hatte dieses Turnier, das eine auf das Zerstören des gegnerischen Spiels ausgerichtete deutsche Mannschaft zumindest auf dem Papier geradezu unverschämt erfolgreich beendete, meinen Mitspieler geprägt, der mich in der eingangs geschilderten Situation dazu beglückwünschte, nunmehr das Maximum dessen erreicht zu haben, was man sich vom Fußball erhoffen könne: Manndecker zu sein. Er meinte das durchaus ernst.

Letztlich war es wohl nicht nur arrogant, sondern geradezu unpatriotisch, dass ich mir für die Innenverteidigung zu schade war, wo man die Waldhöfer deutschen Tugenden in besonderem Maße zum Einsatz bringen konnte. Ob man hierzulande auch deshalb besonders lange am Manndecker festhielt? Zwar wähnte man sich Mitte der 90er Jahre, als die halbe Welt längst mit Viererkette agierte, kurzzeitig an der Spitze der Avantgarde, weil Matthias Sammer den Libero vor der Abwehr gab und den Manndeckern Netz und doppelten Boden entzog; Olaf Thon und Lothar Matthäus ließen eine Abkehr vom System mit Libero in den Folgejahren gleichwohl nicht zu, und bei der EM 2000 trat man neben Matthäus mit den Herren Nowotny, Linke, Babbel und Rehmer an. Christian Wörns fehlte verletzt.

2002 läutete Christoph Metzelder die Wende bei den deutschen Innenverteidigern ein, Per Mertesacker kam 2004 hinzu, und in den letzten Jahren machte sich die verbesserte Nachwuchsarbeit des DFB auch auf dieser Position bezahlt. In den Nachwuchsmannschaften, so meine bescheidene Meinung, verschwimmen die Grenzen zwischen Innenverteidigern und defensiven Mittelspielern mitunter – Mats Hummels darf als hervorragendes Beispiel gelten.

Was man dennoch nicht vergessen sollte: 2006 stand Jens Nowotny im WM-Kader der deutschen Nationalmannschaft. Arne Friedrich hat 69 Länderspiele – and counting. Robert Huth hat 2009 zwei Länderspiele bestritten. Und die Herren Westermann, Friedrich, Tasci, Boateng, Hummels sowie einige mehr sollten sich vermutlich fragen, wieso sich Christoph Metzelder nicht ganz ohne Berechtigung Hoffnungen auf die WM 2010 macht.

Falls jemand meint, dies sei ein oberflächlicher und alles andere als vollständiger Abriss über die jüngere Geschichte des deutschen Innenverteidigerwesens, so hat er recht. Eigentlich wollte ich nur kurz über meine eigene Vergangenheit als Manndecker berichten und bin ein wenig vom Weg abgekommen. Heute würde ich es vermutlich nicht mehr als herabwürdigend empfinden, als Innenverteidiger aufgestellt zu werden – schließlich ist er der erste Spielmacher. Obwohl…