Unendlicher Spaß

Neulich (tatsächlich ist „neulich“ während der stockenden Entstehungsgeschichte dieses Textes zu einem veritablen „vor einiger Zeit“ herangewachsen) habe ich den WM-Rückblick von The Football Ramble gehört. Er hieß ein bisschen anders, nicht nur der Sprache wegen, aber es war ein WM-Rückblick. Zum Ende hin ging es um die BBC, die sich wohl gedacht hatte, dass sie, wenn sie schon dieses fußballaffine Publikum vor den Fernsehern sitzen habe, doch gleich Werbung für die neue Premier-League-Saison machen könnte, Match of the Day, Sie wissen schon, Ähnliches galt für Sky. Die Antwort der Podcaster lautete, sinngemäß:

„Respect the mode we’re all still in […] Give us a break! […] We love the Premier League, we’re gonna be into it … but just … give us a moment!“

Dem möchte ich nichts entgegensetzen. Noch immer nicht, auch nicht nach einiger Zeit. Im Gegenteil: „Give us a moment!“ bringt meine Stimmungslage sehr gut auf den Punkt. Gewiss, der VfB Stuttgart hat noch viele Baustellen im Kader. Andernorts tut sich diesbezüglich sogar einiges. Auch manches, über das man den Kopf schütteln möchte, wie es der vierte Offizielle vehement tut.

Unabhängig davon möchte ich das alles im Moment überhaupt nicht hören. Möchte vielmehr schwelgen und schwärmen, dieser Weltmeisterschaft huldigen, sie als beste aller Zeiten verklären. Allein diese Gruppenphase! Die Niederlande gegen Spanien! Die „kleineren“ Südamerikaner! Die Concacaf-Teams (ja, ja, Honduras)! Sie alle haben mich, wie soll ich sagen, geblitzdingst, nein: geflasht.

Geflasht waren auch die jungen Männer beim Fehlpass, Sie wissen schon, jenem (bitte die Stimme kurz etwas anheben) fast (senken) täglichen WM-Podcast von und mit Yalcin Imre (@fehlpass), der während der WM häufig zu unchristlichen Zeiten aufgenommen wurde und doch so viele sinnvolle Gespräche zu Wege gebracht hat.

Diese jungen Männer blickten also begeistert auf die WM zurück und ließen mich kurz schmunzeln, als Herr @GNetzer Wert darauf legte, dem Schwelgen eine sehr deutliche, sehr angemessene Kritik an den nicht sportlichen Aspekten der Weltmeisterschaft in Brasilien voranzustellen, insbesondere mit Blick auf das Gebaren der FIFA, das an kolonialistische Zeiten gemahne. Wie gesagt: ich fand das gut. Besagtes Schmunzeln ließ sich dennoch nicht vermeiden, als nach gut fünf Minuten die „Alibi-fünf-Minuten-Einspieler“ im Fernsehen zur Sprache kamen.

Es ist ein Dilemma. Oder, wie ich drüben in der #doppelfuenf zu Turnierbeginn in fünf Zeilen darzulegen versuchte, ein

WM-Paradoxon

Das Geschehen vor Ort: schwer erträglich.
Die FIFA (per se?): rundum kläglich.
Das Gebaren: rigide.
Die Kritik: sehr valide.
Heut geht’s los, und ich freu mich unsäglich!

Wo waren wir? Ach ja, ich schmunzelte. Und distanziere mich auf das Entschiedenste von der Schlussfolgerung, ich stellte die einführenden letztlich siebeneinhalb Fehlpass-Minuten auf eine Stufe mit den Alibis der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung. Aber lustig war’s schon.

Nicht zwingend lustig, aber eine große Freude war indes tatsächlich die – fast – tägliche Fehlpass-[hier bitte ein auf das Hören bezogenes Pendant zu Lektüre einfügen], gerade mit den vielen verschiedenen Gesprächspartnern, und ich stelle gerne fest, dass gerade besagter @GNetzer viel zu selten zu hören ist in diesem meinem Internet. Die Stimme angenehm, der Stil ruhig, die Argumentation schlüssig, der Mann gescheit. Was nicht heißen soll, dass seine Gesprächspartner nicht auch gut gewesen seien.

Klar gab’s noch viele andere Podcasts, und vermutlich komme ich weiter unten auch noch darauf zu sprechen, weil das ganze Zeug, das sich so in meinem Kopf angesammelt hat, letztlich scho au irgendwie raus muss, oder zumindest ein Teil davon, um dann doch wieder Platz für die Bundesliga zu schaffen.

Zuerst aber: der Sport. Ein bisschen. Im Grunde ist ja alles gesagt. Die WM ist durchanalysiert, wir kennen den goldenen Handschuh, den goldenen Schuh, den goldenen Ball, die goldene Mannschaft, vermute ich, und auch das goldene Tor, will sagen: das schönste. Geschossen von James Rodriguez, diesem jungen, aufstrebenden 80-Millionen-Mann, der den Ball so wunderbar auf seiner Brust tanzen ließ und dann an und unter Musleras Latte schmetterte.

Weil wir Fußballfans aber gerne mal zur Distinktion neigen, gelegentlich auch zum Hipstertum, hab ich mich zwar auch für ein Tor jenes jungen Mannes entschieden, aber eben ein anderes; auch nicht jenes, das von der Jury zum drittschönsten Turniertreffer gewählt wurde, noch vor dem titelbringenden, technisch sehr bemerkenswerten von Herrn Götze, das die drei jungen Männer vom Fehlpass irgendwann einmal in einer umjubelten Inszenierung nachzustellen versuchen werden.

Mein höchstpersönliches Lieblingstor, das mir zumindest in der Livebetrachtung ganz außergewöhnlich vorkam, bei der nochmaligen Beschau indes, so ehrlich will ich sein, ein bisschen von seiner ursprünglichen Brillanz eingebüßt hat, weil es doch nur elf kolumbianische Ballkontakte waren, darunter ein eher zufälliger, die letztlich zum Torerfolg führten, war das 2:0 gegen Uruguay.

Sie erinnern sich? Der Angriff über rechts, die Verlagerung, die Räume, die geschaffen wurden, die Flanke auf das lange Fünfereck, die Kopfballablage, der banale Abschluss. Ich weiß nicht, ob es unter Hipstertum fällt, der relativen Geringschätzung schön herausgespielter Tore mit vergleichsweise gewöhnlichem Abschluss etwas überdrüssig zu sein und ihm möglicherweise übertriebene Lobhudeleien entgegensetzen zu wollen; unter Distinktionsbestreben dürfte es gleichwohl abzulegen sein.

Und ja, es gibt natürlich Ausnahmen, ganz herausragende Ausnahmen, Argentinien 2006 zum Beispiel, oder Brasilien 1970 (da war der Abschluss selbst auch nicht so schlecht), und natürlich auch Brasilien 1982, wobei man sich auch dort fragen kann, wieso ein Ranking aller brasilianischen Tore am Ende eine Art Antiklimax erfährt, zumindest aus Sicht einzelner distinguierter Möchtegern-Hipster, indem die vordersten Plätze schnöden Fernschüssen vorbehalten sind.

Ob ich ein Video von Rodriguez‘ 2:0 zu bieten habe? Na ja, nicht explizit. Die Zusammenschnitte im Videoportal meiner Wahl räumen dem 1:0 in der Regel so viel Platz bzw. Zeit ein, dass kein Speicherplatz mehr für eine ausführlichere Würdigung des 2:0 (sprich: den kompletten Angriff) übrig bleibt. Immerhin: die ARD-Mediathek hilft bis Ende Januar 2015, ab 03:55.

Genug überhöht. Das Tor, meine ich. Die WM überhöhe ich gerne auch weiterhin. Nenne sie einen unendlichen Spaß, ohne David Foster Wallace‘ Buch gelesen zu haben oder das Hamlet-Zitat einordnen zu können, und somit Gefahr laufend, den literarischen Kniff nicht zu erkennen, der dann möglicherweise gegen meinen Willen in meine Bewertung einfließt. Tja. Ich mein’s aber wörtlich, also fast.

Natürlich gab’s Spaßbremsen, und damit versuche ich nicht, einen Alibi-fünf-Minuten-Einspieler zu platzieren – Verzeihung, das klingt vermutlich viel zu flapsig für das wahrlich ernsthaft Thema jener Schere, die sich in Brasilien abseits des Sports so beschissen weit öffnete –, sondern bleibe beim Sport, beim einen oder anderen langweiligen Spiel, beim Schiedsrichter-Dilemma, das ich jüngst kürzlich vor einiger Zeit bereits ansprach, auch bei den brasilianischen Jagdszenen gegen Herrn James.

Und doch: was für eine Freude! Was für eine Gruppenphase! Und was sind die süd- und mittelamerikanischen Mannschaften gerannt, wie haben sie gespielt, sich taktisch geschickt verhalten, ihre Gegner mit zum Teil unerwarteten Aufgaben konfrontiert. Man denke an Chile, das Spanien aufgefressen hat, oder aus der Concacaf Costa Rica, das sich in der Dreiweltmeistergruppe lächelnd an die Spitze gesetzt hat. Wunderbar.

Ja, wissen Sie alles, ich weiß. Und was hatten wir, also Teile von uns, gejammert vor dem Turnier! Kolumbien ohne Falcao? Abgeschrieben. Deutsche Titelchancen ohne Reus? Dahin! Die Niederlande ohne Strootman? Puh. La France ohne Ribéry? Mon Dieu! Von den außen vor Gelassenen oder nicht Qualifizierten gar nicht zu reden. Indes: so richtig schmerzhaft würde es schon nicht werden:

Hicks!

Ein Jammer: die ganzen Absenzen,
abseits aller Flaggen und Grenzen!
Für Verletzte: bescheiden.
Das Turnier? Wird auch leiden –
wie bei Schluckauf und – hicks! – Flatulenzen.

Will sagen: schade für Falcao, um bei einem der genannten Beispiele zu bleiben, ziemlich schade für Kolumbien, aber dem Turnier ist’s letztlich egal.

Natürlich war der unendliche Spaß auch ganz stark mit der deutschen Mannschaft verknüpft, über die nun ja doch ziemlich viel geschrieben wurde, und nicht selten ziemlich Positives. Über Neuer. Über Schweinsteiger und Hummels und Boateng und so weiter. Darüber, dass jenes Halbfinale viele Leben lang in Erinnerung bleiben wird.

Und über Herrn Löw natürlich. Faszinierend, wie viele Menschen sich freuen, dass nun das ständige Gerede über seine Titellosigkeit, um es harmlos auszudrücken, ein Ende hat. Faszinierend zudem und vielmehr, wie viele Menschen demnach tatsächlich schon immer gewusst haben, wie gut er ist. Vielleicht waren also jene fünf Zeilen, die ich vor Turnierbeginn dem einen oder anderen Skeptiker widmete, fernab jeder Realität und irgendeiner realen Person, sondern nur eine böse Fantasie:

Fangedanken: So nicht!

Der Kader: nicht mehr als ein Torso.
Wie stellt sich der Trainer das vor, so?
Kaum Stürmer, so’n Dreck –
der Jogi muss weg!
Im Juli dann: Auto raus, Korso!

 

Schöne Geschichte natürlich auch für Mario Götze. Ich hatte mir im Vorfeld des Finales eigentlich einen spielentscheidenden Özil gewünscht, aber ich nahm auch Götze recht klaglos hin. Auch er soll ja zwischenzeitlich gar nicht mal so gut gelitten gewesen sein, hörte ich. Quatsch. Natürlich habe ich das mitbekommen, und es stimmt ja auch, dass er nicht immer überzeugte, nachdem der Auftakt gegen Portugal durchaus vielversprechend gewesen war.

Was ich aber sagen wollte: mein unendlicher Spaß hatte gewiss auch damit zu tun, dass ich mich meist auf das Wesentliche konzentrierte: die Spiele. Die TV-Vorberichterstattung zu den Partien ging fast komplett an mir vorüber, was unter anderem dazu führte, dass mich die von meinem Sohn kurz vor Anpfiff übermittelte Information, dass Kramer für Khedira auf dem Platz stehe, aus ziemlich heiterem Himmel traf, nachdem eine knappe Stunde zuvor noch eine unveränderte Aufstellung vermeldet worden war.

Auch nach den Spielen zog ich mich meist recht rasch zurück, aber wenn ich doch was sah, dann war dies in aller Regel besser als ich erwartet hatte. Natürlich hat das mit Erwartungen zu tun, vielleicht auch mit einer deutsch-polnischen Ostseeinsel, doch ganz im Ernst: ich hatte mir die Olis schlimmer und die Herren Scholl und Opdenhövel genau so vorgestellt. Schlecht wäre, auf Basis einer überschaubar großen Stichprobe, anders gewesen.

Selbst die Kommentatoren ließen mich weitgehend kalt. Vielleicht waren sie wirklich besser als in früheren Jahren, vielleicht filterte ich schlichtweg effektiver, ich weiß es nicht. Am liebsten hörte ich erwartungsgemäß dem unaufgeregten Oliver Schmidt zu, auch dem sehr unaufgeregten Thomas Wark, der gefühlt seit Jahrzehnten die Back-Office-Spiele auffängt. Eigentlich hatte ich auch auf den vermeintlich unaufgeregten Gerd Gottlob gehofft, doch sein hemmungsloses „Wirzen“ bei zumindest einer Partie der deutschen Mannschaft ließ mich diese Hoffnung rasch begraben und in Sorge vor einem weiteren solchen Auftritt umwandeln.

Tom Bartels habe ich nur aus dem Finale in schlechter Erinnerung, und bei Steffen Simon kann ich schlichtweg nicht objektiv sein. Wenn ich es dennoch versuche, komme ich rasch an den Punkt, wo ich mich frage, ob es Erbsenzählerei meinerseits oder ein Mangel an Professionalität seinerseits ist, wenn ich mich darüber aufregen muss, dass er den italienischen Nationaltrainer Prandelli, einen Mann, der nicht nur in der jüngeren deutschen Fußballhistorie tiefe Spuren hinterlassen hat, sondern der auch außerhalb des Feldes eine bemerkenswerte Persönlichkeit darstellt, konsequent Pandrelli nennt. Hab’s mir überlegt: ja, ich zähle Erbsen. Und es ist unprofessionell.

Während also mein TV-Konsum für eine WM überschaubar blieb, was natürlich auch familiären Freuden und Zwängen geschuldet war, verbrachte ich ungewöhnlich viel Zeit mit dem Hören von Podcasts. Dem Fehlpass, wie gesagt, oder als zweitem, nein, sorry, eigentlich erstem fixem Programmpunkt, World Cup Football Daily, hinzu kamen mit zunehmender Regelmäßigkeit „Fear and Loathing in Sao Paulo“ beim Sportradio 360, und gelegentlich 5 live’s Football Daily. Tägliche Sachen halt. Und die Erben, eh klar. mit anderem Fokus.

Wohingegen ich das Gemeinschaftsprojekt des Textilvergehens mit den Mikrodilettanten nur selten hörte, wiewohl ich es mochte: es passte nur so überhaupt nicht zu meinem WM-Rhythmus. Immerhin lernte ich dort fürs Leben: „Die FIFA ist kein empathischer Mensch.“

Was übrigens auch nicht zu meinem Rhythmus passte: Blogs. Peinlich, nicht wahr? Im Grunde las ich überhaupt nichts systematisch, auch nicht in Sportportalen, ja noch nicht einmal die Link11 bei Fokus Fussball, die sonst mein steter Ausgangspunkt ist. Bei der WM war das anders, war diese Rolle anders besetzt: von Twitter. Twitter war meine völlig willkürliche Informationszentrale. Was dort zu einem günstigen Zeitpunkt in Linkform vorbeitrieb, wurde gelesen, alles andere nicht. War gut.

Auch abseits des Medienkonsums habe ich nicht so wirklich viel mitbekommen. Die Spiele sah ich zumeist zuhause, im Schoß der Familie, gewissermaßen. In zwei, höchstens drei Fällen, verfolgte ich die Partien in kleineren Gruppen von vielleicht 10 Leuten, eher weniger. Danach traf man mich nicht in der Stadt an, die Schlandisierung, von der ich immer wieder las, ging weitgehend an mir vorüber. Ich wollte nur Fußball. Pur, nahezu. Ein unendlicher Spaß!

Fußballgespräche mit beruflichen Kontakten, die sich meines Wissens sonst nicht besonders für Fußball interessieren, lenkte ich in der Regel so rasch in professionelle Bahnen, dass der eine oder die andere gedacht haben mag, ich interessierte mich nicht für Fußball. Ich kann nicht einmal ausschließen, dass ich selbst jahrelang eine ebensolche falsche Vorstellung von deren Fußballaffinität hatte bzw. noch immer habe. In Einzelfällen, meine ich.

Der Kollege, der mich als sehr fußballaffinen Menschen einschätzt und mich am Tag des Brasilien-Spiels frug, ob ich mir trotz der Uhrzeit gegebenenfalls auch noch eine Verlängerung ansehen würde, ehe er tags darauf verkündete, es auch gesehen zu haben und dass es ja sehr spannend gewesen sei, dürfte nicht zu denjenigen zählen, in denen ich mich getäuscht hatte.

Das heißt nicht, dass ich nichts mit solchen Leuten zu tun haben will, dass ich mich gar als würdigeren, echteren Fan begreife. Vielmehr haben wir schlichtweg keine gemeinsame Ebene, auf der wir über Fußball reden können. Ok, Fragen und Antworten wären eine, und gelegentlich betrete ich sie auch, mit Leuten, die ernsthaft fragen und Antworten suchen. Aber ich bin nicht in der Lage, mit Menschen über Fußball zu reden, die so tun, als kennten sie sich aus, und die auf dieser Basis ein bisschen fachsimpeln wollen. So wie jener Kommilitone, damals, der sich als großer Fußball-Fan gerierte und mir von VfB-Legende Effi Buttmayer erzählen wollte. Ein weites Feld. Oder war es Etty Buffmayer? Ich weiß es nicht mehr.

Überheblich? Vielleicht. Zumal mir klar ist, dass ich bei weitem nicht so viel (mehr oder weniger) nützliches Fußballwissen angehäuft habe wie manch(e) andere(r). Zweifellos habe ich Schwächen in der Beschreibung und oft genug auch im Erkennen taktischer Winkelzüge, und, um zum nützlichen Wissen zurückzukehren, kenne mich beispielsweise im Weltfußball um die Jahrtausendwende längst nicht so gut aus, wie ich es gerne hätte. Aber ich erinnere mich doch an manches, informiere mich zumeist recht aktuell und ausführlich, und bilde mir auch ein, zum einen das Spiel ganz gut zu verstehen, und dass zum anderen die eigene praktische Erfahrung durchaus hilft, den einen oder anderen Ablauf auf dem Spielfeld einzuordnen.

Um es kurz zu machen: ich möchte nicht mit Leuten über Abseits diskutieren, die nicht verstehen, inwiefern die Abseitslinie bei Freds Tor gegen Kamerun falsch war.

Was ich übrigens auch nicht so gern möchte, wenn auch in ganz anderem Kontext und auf ganz anderer Ebene: tagelang über eine kontrovers aufgenommene Feierchoreographie der frischgebackenen Weltmeister diskutieren bzw. Diskussionen darüber lesen. Ich hatte meinen ersten Eindruck in einem Tweet zusammengefasst:

Diese Sichtweise hat im Grunde nach wie vor Bestand. Das, was mich stört, ist die Häme, ist das Auslachen des unterlegenen Gegners. Beides gäbe es auch, und gibt es immer wieder, in deutlicherer Form. Aber es ginge auch ohne. Was mich nicht stört, weil ich es nicht erkenne, ist jener Nationalismus oder gar Rassismus, den manche darin zu sehen glauben. Kann ich nicht nachvollziehen, aber das ist wohl eine Frage der Lesart.

Dass diese Diskussion dann allerdings tagelang tobte, dass man bei Twitter auch am vierten Tag noch mit einem morgendlichen #gauchogate begrüßt wurde, konnte ich zunächst noch viel weniger nachvollziehen. Bis ich die Diskussion bei den bereits genannten Textilvergehensmikrodilettanten hörte, von der ich den Eindruck gewann, dass sie einen Großteil dessen, was ich online über Tage gelesen hatte, in der vielzitierten nutshell abbildete. Gescheite Menschen mit vernünftigen, diskussionswürdigen, aber nicht unvereinbaren Positionen, und doch zog sich das Ganze ewig in die Länge, mit deutlich abnehmendem  Grenznutzen, hier: Erkenntnisgewinn.

Was mich an der Diskussion, und damit entferne ich mich wieder von besagtem Podcast, mitunter dann doch zum Schmunzeln brachte, war der eine oder andere Beleg, der bei Twitter oder sonst wo ins Feld geführt wurde; exemplarisch sei kurz auf zwei verwiesen:

Zum einen auf einen Twitternutzer, der ein argentinisches Medium verlinkte und auf ironische Weise deutlich machte, dass das dort zum Ausdruck gebrachte Gefühl, verhöhnt zu werden, nicht überraschen könne. Mich überraschte das durchaus ein bisschen, sodass ich nachlas:

„El cántico terminó con los jugadores erguidos y gritando „Así caminan los alemanes„, lo cual ha sido señalado como un gesto de burla, según algunos comentaristas alemanes que transmitían los festejos.“
(Fettdruck wie im Original, kursive Hervorhebung durch mich)

Nun ist mein Spanisch kein besonders gutes, mit südamerikanischen Varianten kenne ich mich erst recht nicht aus, aber ich lese das ungefähr so, dass die Einlage der deutschen Spieler eine höhnische Geste gewesen sei, „laut einigen deutschen Kommentatoren, die die Feierlichkeiten übertrugen„. Für mich klingt das gar nicht so sehr nach argentinischer Empörung über den Spott, aber ich mag mich irren.

Zum anderen irritierte mich, auch dies exemplarisch und auch dies bei Twitter, der Hinweis, dass Dante, jener brasilianische Nationalspieler des FC Bayern München, in seinem Buch „Ich, Dante“, davon berichtet habe, wie seine Mannschaft dereinst mit dem Spruch „So geh’n die Dortmunder, die Dortmunder geh’n so“ gefeiert hätte, was beweise, dass #gauchogate Schwachsinn sei. Quod esset demonstrandum, möchte ich anfügen.

Genug. Nun also auch hier: zu viel über besagtes Thema. Sind jetzt doch wieder ein paar Zeilen mehr geworden, so insgesamt. Und, der eine oder die andere wird es ungern hören: so ganz ist die WM hier noch nicht abgeschlossen. Eine kleine Retrospektive zur #doppelfuenf, die ein unendlicher Spaß war, wird noch folgen.

Äpfel und Birnen. Und ein bisschen Rosinenpickerei.

Kennt man ja, nicht wahr, diese unerwartet und rasch reifende Einsicht, dass man einer anderen Zeit oder Welt oder auch einem anderen Planetensystem angehört. Ok, möglicherweise hat man auch nur etwas anders gelagerte Prioritäten; dennoch verfestigt sich ein bis dahin kaum mehr als latent vorhandenes Gefühl der Andersartigkeit.

So erging es mir zuletzt am vergangenen Freitag, in der Fußballkneipe meines Vertrauens. Ich war umgeben von netten jungen Leuten, vor Spielbeginn sagte mir einer, der Rest seiner Comunio-Spielrunde (heißt das so?) komme gleich, was er dann auch tat. Um den jungen Leuten zu zeigen, dass ich gar nicht so alt und unbeleckt bin, wie ich möglicherweise aussehe, frug ich scheinbar nonchalant nach, ob Comunio denn nicht böse und verdammenswert sei angesichts der jüngst eingegangenen Partnerschaft mit der ZEITUNG, wie der literarisch bewanderte Herr @bimbeshausen aus gutem Grund zu sagen pflegt, und landete einen Wirkungstreffer.

Vielleicht nicht bei meinem direkten Gesprächspartner, der – wiewohl ein bisschen beeindruckt, wie mir schien, und vielleicht auch ein wenig unsicher, weil er allem Anschein nach auch nur die Überschrift gelesen hatte (oder, wie ich, die Tweets von @surfin_bird) – Bescheid wusste, wohl aber bei seinen Kollegen, die sich erst einmal informieren mussten. Nicht darüber, wer oder was die ZEITUNG sei, jenen Schlenker hatte ich weggelassen, aber über deren unheilige Allianz mit Comunio.

Wie auch immer: ich hatte es also mit einer Gruppe Comunio-SpielerInnen zu tun, was a priori (und rückblickend nicht zu unrecht, wie ich gerne betone) auf Fußballsachverstand hoffen ließ und zudem, im Sinne eines bunten Fußballabends, eine möglicherweise gelungene Ergänzung zum nicht uneingeschränkt nüchternen und die eine oder andere krude Theorie vertretenden Nachbartisch sein könnte. Wobei: vielleicht sind ja auch meine Theorien krude. Oder gar abwegig.

Wie komme ich darauf, dass Ibrahima Traoré in den ersten Saisonspielen eine der wenigen halbwegs positiven Erscheinungen gewesen sein könnte und nicht, wie ein Herr sinngemäß meinte, ein in blindem Aktionismus und ohne jede Struktur durch die Gegend rennender junger Mann, „genau wie der Kaba“, der dann halt mal Glück habe, wenn einer seiner stets blind in die Mitte gespielten Bälle von einem Gegner dumm ins eigene Tor abgefälscht werde? Ich schwieg und dachte mir meinen Teil, andere widersprachen kurz und fassten rasch den Entschluss, sich ihren Teil fürderhin ebenfalls nurmehr zu denken.

Die Comunisten (Darf man das sagen? Ist das pc?) hielten sich heraus, diskutierten ihrerseits über studienrelevante Themen und gähnten – zurecht – ob des überschaubar attraktiven Spiels des VfB in Berlin – die Formulierung ist keine ganz zufällige, tatsächlich war in erster Linie das Spiel des VfB eher unattraktiv, während sich die Hertha durchaus ansehnlich präsentierte. Der VfB ließ recht viel von dem vermissen, was ihn zwei Wochen zuvor in Hoffenheim insbesondere in der Balleroberung und der Vorwärtsbewegung ausgezeichnet hatte. Die erste (und einzige) Chance der ersten Halbzeit hatte man kurz vor deren Ende, als Kraft in brillanter Manier einen Kopfball von Gentner über die Latte lenkte, was bei allen Anwesenden ein lautstarkes Aufstöhnen zur Folge hatte. Also, nun ja, bei fast allen:

„Jaa! „Kraft hielt die Hertha mit einer großartigen Parade im Spiel“, das gibt Punkte!“

Das Zitat ist ein sinngemäßes, möglicherweise aufgrund meiner Ahnungslosigkeit in Sachen Comunio inhaltlich nicht ganz treffendes, aber ich setze darauf, dass mich die gemeine Leserin versteht. Andernfalls erleichtert möglicherweise mein folgendes Selbstzitat das Verständnis:

Man mag entgegnen, vermutlich treffend, dass diese Reaktion doch eine normale gewesen sei, junge Leute, Distinktion, Provokation, das Positive sehen, Sie wissen schon. Vielleicht tat ich meinen Tischnachbarn ja wirklich unrecht mit meinem stummen und, streng genommen, unbewegten Kopfschütteln. Und doch: sie ist mir fremd, diese Reaktion. Der junge Mann hatte sich bis dahin sehr eindeutig als VfB-Fan zu erkennen gegeben.

Irgendwann hörte ich die Legende, Günter Netzer tippe immer gegen die ihm näherstehende Mannschaft, um wenigstens einen Erfolg feiern zu können. Ich weiß nicht, ob Netzer das wirklich jemals sagte oder diesen Ausspruch gar prägte, und ich weiß natürlich, dass ihn Gott und die Welt in der einen oder anderen Situation verwendet haben. Für mich bleibt er dennoch immer mit Netzer verbunden, was hier nun wirklich nichts zur Sache tut, mir aber die Gelegenheit gibt, mir die Replik von Gerhard Delling vorzustellen und irgendjemandem für Mehmet Scholl und Matthias Opdenhövel zu danken. Man möge mir diesen unsachlichen Einschub nachsehen, auch und gerade in Florenz.

Ich kann mit der Netzer zugeschriebenen Haltung nicht recht umgehen. Bei meinem Kicktipp würde der VfB, so ich noch mittippte, immer mit mindestens 90 Punkten Meister, gerne auch mal mit 102. Es gelingt mir nicht, und es gelänge mir wohl auch dann nicht, wenn ich es wollte, mich gegen „meinen“ Verein zu positionieren, mich über Gegentore oder herausragende Paraden des gegnerischen Torwarts zu freuen. Ich kann sie würdigen, klar, tue das auch, aber freuen? Jubilieren gar? Nein. Sage ich jetzt. Vor ein paar Wochen, als es um die Zukunft von Bruno Labbadia im Verein ging, konnte ich mich noch sehr gut mit dem Gedanken anfreunden, an einer schlechten Leistung des VfB, an einer Niederlage und den möglichen Konsequenzen Gefallen zu finden. Äpfel mag ich übrigens lieber als Birnen.

Vielleicht hätte ich es beim eben zitierten Tweet belassen sollen. Ich war tatsächlich sehr irritiert, bin es noch, aber das war’s dann auch. Bestimmt kann man auch gleichzeitig Comuniospieler und ein guter Mensch sein. Vielleicht sind Comuniospieler auch ganz generell die weitaus besseren Menschen. Wenn sie bloß nicht gegen die eigene Mannschaft …  ach komm, jetzt hör‘ halt auf! Irgendwie lassen mich Managerspiele an Rosinenpickerei denken. Krude Idee, ne? Gedankenfreiheit des Ignoranten.

Später war der bejubelte Kraft nicht mehr zu jedem Zeitpunkt ganz so bejubelnswert, fand ich. Was mir, zugegeben, ein innneres Irgendwas war. Nicht dass daraus ein Tor entstanden wäre, das entsprang einer ganz normalen Standardsituation, Maxim und Gentner, kennt man ja, ähem, und doch stand der überragende Torwart dann eher auf der anderen Seite. Bisschen schade, dass ihn, Sven Ulreich, keiner für sein Team verpflichtet hatte.

Womit wir wieder beim einführend gestreiften Fußballsachverstand wären: ich Ahnungsloser hätte ihn auch nicht genommen. Tja. Und würd’s wohl auch weiterhin nicht tun. Also nicht bei Comunio, es ist zu unrealistisch, dass ich da mitmache, aber eben auch nicht als Bundestrainer. Auch wenn sich jetzt schon Uli Stein für ihn „als Teil der WM-Besetzung“ stark macht. Vermutlich denkt er dabei gar nicht ausschließlich an die Leistung, sondern auch an die innere Balance des Teams und so.

Vielleicht doch noch ein weiterer Satz, auch wenn das Spiel bereits so lange zurückliegt, dass sich niemand mehr daran erinnert: Antonio Rüdigers Spiel war eine Augenweide. Hätte ich so noch nicht erwartet. Und nicht einmal der Kaba-Sager hatte etwas auszusetzen. Ob mich das eher zweifeln lassen als bestätigen sollte?

Der Trainer? War da. Sachlich. Unaufgeregt. Auch in der Nachbetrachtung. Mit dem nötigen Glück. Gefällt weiterhin.

Am Sonntag gegen Frankfurt. Von denen hab ich keinen in meiner Mannschaft. Schön. Auch wenn ich Rode sofort nähme.

Hans-Martin ritt mit leichtem Mut, bei Twitter fand man's nicht so gut.

Spätestens als Katrin Müller-Hohenstein allen Ernstes von Inka Grings erfahren wollte, ob sie während des EM-Finales mitbekommen habe, wie der Bundespräsident auf der Tribübe jubelte, war es an der Zeit, die Aufmerksamkeit vom Sportstudio weg zu verlagern. Twitter drängte sich auf.

Die Timeline war voller Tweets mit dem Hashtag #sdr, in denen häufig zudem der Name Hans-Martin fiel. Mein Interesse hielt sich zunächst in Grenzen, ich dachte an ein neues Casting- oder Datingformat. Auch die Erkenntnis, dass es sich bei #sdr um „Schlag den Raab“ handelt, brachte mich noch nicht zum Umschalten – das schaffte erst der immer schärfere Tonfall bei Twitter, der schließlich im Hashtag „Hassmartin“ gipfelte. Zu Wortspielen mit Namen will ich nichts sagen; was ich aber nicht gedacht hätte: dass Samstagabendunterhaltung im Fernsehen in der Lage sei, innerhalb weniger Stunden ein so starkes Gefühl wie Hass entstehen zu lassen.

Um mir ein umfassendes Bild vom Kandidaten Hans-Martin zu machen, fehlten mir etwa drei Stunden (Brutto-)Sendezeit; die Phase, in der jener Hass (zumindest aber die Abneigung) seinen Ursprung hatte, war mir entgangen. Ich war jedoch durchaus in der Stimmung, Häme zu entwickeln, allein: es gelang mir nicht. Hans-Martin war mir in den 4-5 Spielrunden, die ich sah, nicht sonderlich sympathisch. Er zeigte sich sehr ehrgeizig, feuerte sich ständig selbst an, scherzte ungelenk und machte sich auch mal über seinen Gegner lustig. Dieser Gegner war, nur zur Erinnerung, Stefan Raab. Stefan Raab!

Hans-Martin hat ihn ausgelacht, weil er die USA geographisch nach Europa legte – ein Fehler, den niemand ernsthaft als Bildungsmangel interpretieren kann, über den man nicht lachen dürfe. In jeder privaten Runde, in der jemand einen vergleichbaren Lapsus begeht, kann er sich der fortgesetzten Häme der Umsitzenden sicher sein, und das ist auch ok. Vielleicht war es ein Grundfehler von Hans-Martin, dass er sich auf Augenhöhe mit Raab wähnte, in ihm einen Buddy sah, über den man sich lustig machen könne, wenn ihm etwas misslingt – dürfte man wahrscheinlich auch, wenn man nicht schon kurz nach dem Start bei Publikum, Gegner, Spielleiter(!) und Moderator völlig unten durch wäre. Bei einem Publikum, das sich über seine Versuche der Eigenmotivation lustig macht, die es in ähnlicher Form bei Tennisspielern und anderen Sportlern spätestens seit Boris Beckers Zeiten als selbstverständlich ansieht.

Wie bereits gesagt: Hans-Martin taugte nicht zum Sympathieträger. Das lag vermutlich in hohem Maß an der Kombination aus ausgeprägtem Ehrgeiz (wobei man sich über eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters auch einmal ärgern darf, wenn es um 500.000 € geht – zumal wenn der Gegner Ähnliches deutlich offensiver getan hat) und ebensolchem Selbstvertrauen (das ihm beispielsweise beim Balancierspiel, auch zu meinem Vergnügen, auf die Füße fiel).
Und wie ebenfalls gesagt: ich habe nur einen kleinen Ausschnitt gesehen.

Doch unabhängig von der Frage, wieviel Sympathie ein Kandidat sich erarbeitet hat, und auch ohne darüber nachzudenken, wie sehr man in vergleichbarer Situation den eigenen Ehrgeiz, das eigene Interesse an der halben Million unter Kontrolle gehabt hätte, empfinde ich die Reaktionen als erschreckend. Es hat mich irritiert, dass das Hashtag #hassmartin entstand und über die Sendung hinaus Bestand hat. Mich stört ungemein, dass die Profis von ProSieben, insbesondere Matthias Opdenhövel, das Ganze auch noch forciert haben. Und schließlich bin ich – man mag mich naiv, weltfremd oder vorgestrig nennen – noch immer überrascht, dass der Schwarm dieses leichte Opfer so dankend angenommen hat.