Von Trainern und Leisten

Landauf, landab pfeifen die Rotkehlchen gerade den Namen Dutt von den Dächern. (Verzeihung.) Parallel dazu wird diskutiert, ob er denn eine gute Lösung für den vielleicht, vielleicht aber auch nicht vakanten Sportdirektorenposten des VfB wäre. Um es vorweg zu nehmen: ich weiß es nicht.

Das gilt unabhängig vom VfB. Ich weiß schlichtweg nicht, ob Herr Dutt ein guter Sportdirektor ist, was nicht zuletzt daran liegt, dass er noch nie als solcher beschäftigt war, nach meiner Kenntnis. Formal schon, klar, beim DFB, aber dass das eine mit dem anderen nur bedingt vergleichbar ist, dürfte auf der Hand liegen.

Was ja erst einmal ganz gut ist, schließlich sah sich Dutt, wie wir alle wissen, auf dem DFB-Sportdirektorenstuhl de facto deplatziert. Ich möchte mir den inneren Kampf nicht vorstellen müssen, den er dort ausgefochten hat, ehe er zu dem Schluss kam, dass seine Zukunft doch weiterhin auf dem Trainingsplatz, in der Kabine und am Spielfeldrand liege.

Möglicherweise hatte er recht, und möglicherweise hätte er auch jetzt wieder recht, wenn er das Gegenteil behauptete. Es spricht schließlich nichts dagegen, dass sich Meinungen, Vorlieben, Kompetenzen im Zeitablauf verändern.

Insofern würde ich vermutlich auch bald wieder diesen Vergleich aus dem Kopf bekommen, der eine zwischen zwei Frauen hin- und hergerissene junge Frau vorsieht, ja beobachtet, möglicherweise ist es auch ein Mann, und das Geschlecht der beiden Rivalisierenden ist auch nicht ganz klar; eine Person also, die in einer unsystematischen Abfolge eigener oder vom jeweiligen Gegenüber getroffener Entscheidungen zwischen den beiden Optionen pendelt und mal die eine, mal die andere voller Überzeugung als die einzig wahre und endgültige betrachtet oder zumindest so tut.

So ist das eben manchmal im wahren Leben, und wer wäre ich, darüber zu urteilen. Auch wenn mich der plötzliche Abschied vom DFB, das gebe ich naiver Romantiker gerne zu, ein wenig irritiert hat.

Unabhängig davon bleibt bestehen, dass ich Herrn Dutt nicht so recht beurteilen kann. Die Einschätzungen von Leuten, mit denen ich in der Vergangenheit sprach und die zum Teil einen recht guten Einblick haben, variieren in vielerlei Hinsicht sehr stark, helfen mir also auch nicht. Womit wir wieder am Ausgangspunkt wären: „ich weiß es nicht“.

An dieser Stelle könnte ich es nun bewenden lassen, wenn, ja wenn mich nicht noch eine Frage umgetrieben hätte:
Wieso denken wir so oft an (ehemalige) Trainer, wenn Sportdirektorenposten zu besetzen sind?

Eine Hypothese, die ganz gut in einem Tweet des geschätzten Herrn @el_pibe12 zum Ausdruck kommt, der die Kritik an Dutt folgendermaßen kommentierte:

Wir kennen diese Art der Argumentation: Ihr seid nie zufrieden, wärt es auch nicht, wenn ein (oder eben drei) ausgewiesener Meister seines Fachs käme, und ich habe manches für sie übrig. Allein: die drei im Tweet genannten sind mir bis dato nicht als herausragende Sportdirektoren aufgefallen. Was an mir liegen kann.

Entschuldigung, ich will nicht polemisch werden, und es liegt mir fern, Philipps Tweet auf die Goldwaage zu legen. Seine Aussage illustriert nur ganz gut den Gedanken, dass wir Trainer und Sportdirektoren gerne mal über einen Kamm scheren – einen Gedanken, den vermutlich nicht nur viele von uns Fans hegen, sondern auch der eine oder andere Trainer, der sich an einem gewissen Punkt nicht mehr im Trainingsanzug auf dem Platz, sondern eher in übergeordneter Rolle sieht.

Und, um nicht missverstanden zu werden: dieser Gedanke liegt nahe. Es gibt zahlreiche Überschneidungen, wie nicht zuletzt anhand der Position des Managers englischer Prägung deutlich wird, dem hierzulande wohl am ehesten Felix Magath in Wolfsburg und zeitweise auch bei Schalke entsprach.

Auch Armin Veh hatte in Wolfsburg meines Wissens kurzzeitig eine ähnliche Rolle inne. Dass es nicht funktioniert hatte, lag gewiss an mancherlei Dingen; eines davon dürfte nach der Lesart des gemeinen VfB-Fans sein eher mittelgutes Händchen auf dem Transfermarkt gewesen sein. Oder anders: in Stuttgart überraschte es nicht so sehr, dass der Meistertrainer Veh möglicherweise kein meisterhafter Sportdirektor sein würde. Umso bemerkenswerter, dass er auch hier in den vergangenen Monaten immer wieder einmal als möglicher Bobic-Nachfolger gehandelt wurde.

So frug ich mich also, ob denn tatsächlich zahlreiche Geschichten gelungener Übergänge vom guten Trainer, wie auch immer das zu bemessen sei, zum erfolgreichen Sportdirektor verbrieft seien. Natürlich fiel mir (nicht nur) auf Basis unrealistisch erscheinender Stuttgarter Diskussionen der letzten Monate sogleich Ralf Rangnick ein, der in Leipzig zweifellos gute Arbeit leistet. Dass er noch nicht in der ersten Liga angekommen ist und dass er aus einer in mancher Hinsicht überaus privilegierten Position heraus arbeitet, ist mir bewusst.

Auch Matthias Sammer hat gegenüber vielen seiner Kollegen gewisse betriebswirtschaftliche Vorteile auf seiner Seite, die das Geschäft erleichtern. Manche zweifeln zudem an, dass er wirklich ein guter Trainer war (ehrlich gesagt verdränge ich sein Intermezzo als Trainer gerne mal), sowohl in Dortmund als auch in Stuttgart, und die Gründe sind nicht die schlechtesten. Andere hinterfragen seine Rolle in München sehr kritisch, bzw. zweifeln sie grundsätzlich an, was dann ja unmittelbar seine Qualitäten als Sportdirektor negieren würde.

Da mich eben diese Diskussion um Sammers Rolle in München eher langweilt, betrachtete ich ihn in meinem nächtlichen Informationsbeschaffungstweet, lange vor El Pibes Dreitrainertweet übrigens, der Einfachheit halber als gesetzt:

Rangnick und Sammer waren nicht die einzigen, die mir eingefallen waren. Zu denjenigen, die ich noch am ehesten unter „Erfolgsgeschichte“ einordnen würde, zählte Wolf Werner, dessen Leistungen als Trainer möglicherweise nicht allerorten als „gut“ charakterisiert würden, der aber immerhin gut genug war, in der ersten Liga zu arbeiten, oder Helmut Schulte, von dem ich mir nicht sicher bin, ob er auch als Sportdirektor in der Bundesliga wirkte. In gewisser Weise natürlich auch Felix Magath, während zum Beispiel Otmar Hitzfelds Episode als Sportdirektor bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterließ, oder ganz sicher keinen positiven.

Die Timeline reagierte rasch und nannte unter anderem Werner und Schulte, scherzend auch Magath, zudem Dutt, ohne dass ich die Ernsthaftigkeit jenes Tweets einzuordnen wüsste. Hitzfeld wurde nicht genannt, dafür aber ein paar, die ich nicht auf dem Zettel hatte:

Tobi war nicht der einzige, der Völler nannte, und auch wenn er es dem Anschein nach nicht uneingeschränkt ernst meinte, muss man wohl über Völler nachdenken. Und kann, wie ich, zu dem Schluss kommen, dass seine Trainerstationen (Roma!) abseits der Nationalelf (ja, ja, Teamchef) nicht für eine Bewertung genügen und dass seine Tätigkeit in Leverkusen nur schwer einzuschätzen ist. Will sagen: für mich ist er nach wie vor in erster Linie Mittelstürmer.

 

Aus formalen Gründen nicht wählbar, sag ich mal.

 

Sehr interessanter Gedanke, an Udo Lattek hatte ich überhaupt nicht gedacht. Und kann seine Tätigkeit dort nicht seriös einschätzen; die Symbiose mit Daum war zweifellos eine erfolgreiche, sein Pullover eine schöne Idee. Vermutlich gehört er auf die Liste.

 

Ganz ehrlich: ich kann seine Arbeit in Minsk und Taschkent nicht einmal ansatzweise beurteilen. Und die als Trainer auch nicht.

 

Abseits der genannten oder zitierten Namensvorschläge kamen auch noch vereinzelt weitere Rückmeldungen, zum Beispiel diese hier:

Eben! Wollte ich entgegnen, genau darum ging es mir: dass die bisherige Erfahrung mit Trainern eben nicht zwingend zu dem Schluss führe, sich auf der Suche nach einem Sportdirektor bei den Trainern umzusehen.

Oder andersherum: wer sich bei den führenden Sportdirektoren umsieht, wird darunter nicht allzu viele ehemals große Trainer finden. Gewiss, Klaus Allofs war mal ein paar Monate lang Trainer bei der Fortuna, hat dabei meines Wissens aber keine allzu großen Fußspuren hinterlassen.

Max Eberl und Christian Heidel waren ebenso wenig als Trainer tätig wie Stefan Reuter, Michael Zorc, Jörg Schmadtke, Dirk Dufner, Alexander Rosen oder Michael Preetz, wir können das gerne fortführen, und ja, „führende Sportdirektoren“ ist ein verdammt schwammiger Begriff.

Möglicherweise ist es einfach so, wie Herr @bimbeshausen sagt: Gute Trainer bleiben Trainer.

Glaubt mir keiner, dass er als erklärter Rangnickjünger sowas sagen würde. Ja, ich weiß, da steht „oft“. Aber es scheint was dran zu sein.

Zur Frage nach der Kontrollgruppe: Hitzfeld, vielleicht, nicht im Sinne von „schlecht“, aber eventuell im Sinne von „nicht seine Welt“, auch Veh, wie bereits gesagt. Volker Finkes Arbeit in Köln betrachte ich nicht als sonderlich erfolgreich, Ähnliches gilt für den kurzzeitig doppelbelasteten Markus Babbel in Hoffenheim, bei dem man gewiss auch die Trainerqualitätsfrage stellen kann.

Gute Trainer bleiben Trainer. Gefällt mir.

Immerhin: dass gute Trainer auch gute Sportdirektoren werden können, ist nicht auszuschließen. Und dass Robin Dutt bis dato mindestens phasenweise ein guter Trainer war, nicht von der Hand zu weisen.

Ansonsten gilt weiterhin: ich weiß es nicht.

 

♫ … wär' das ganze Land gern mit dir verwandt ♫

Am vergangenen Freitag absolvierte die deutsche Nationalelf ihr erstes Spiel nach dem Rücktritt von David Odonkor. Es wäre wohl etwas zu dick aufgetragen, von einer Zeitenwende oder dem Beginn einer neuen Ära zu sprechen. Aber es tat schon ein bisschen weh, damals, vor drei Wochen, als sein Karriereende bekannt wurde. Das Gesicht des SommermärchensTM, quasi, gar der Protagonist eines Sommermärchens im Sommermärchen.

Vielleicht war Herrn @sportkultur ähnlich warm ums Herz und feucht um die Augen, als er per Twitter eine Frage stellte, die ein nicht unwesentlicher Teil der fußballinteressierten Bevölkerung, die in diesem speziellen Fall all jene einschließen dürfte, die gerne mal herablassend als Event-Fans bezeichnet werden, aus dem Stand beantworten könnte:

Als alter Event-Fan ließ ich mich nicht lange bitten:

Besagte gewionnene Wette war vermutlich einem gewissen Trotz geschuldet. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle kurz darauf hinweisen, dass ich nie, oder nur selten, eine besonders ausgeprägte Begeisterung für Jürgen Klinsmann empfunden habe. Abgesehen vom 90er Achtelfinale, zugegeben. Und einigen wenigen weiteren Gelegenheiten, punktuell. Seinem Einstieg in Tottenham, vielleicht. Und dann eben jenem Moment, als er Odonkor aus dem Hut zauberte.

Zweifellos sprach da ein wenig die Freude über einen gelungenen Coup aus und zu mir. Aber eben auch der Gedanke, dass seine Argumentation keine ganz dumme war. Natürlich ist es in gewisser Weise ein Luxusverhalten, einen Spieler mit einer bestimmten Qualität zu nominieren, und selbstredend tut es mir nach wie vor weh, dass schon damals Kevin Kuranyis Karriere kolossal kippte. Ähem. Naja, seien wir ehrlich, der Absturz hatte schon mit seinem Vereinswechsel im Jahr zuvor begonnen, aber das nur am Rande.

Aber, um zurück zum Thema zu kommen, mir gefiel Klinsmanns Gedanke, Odonkors Schnelligkeit als Trumpf in die Hinterhand zu nehmen, obwohl ich wie so viele andere beträchtliche Zweifel an dessen fußballerischem Talent hatte. Ich mochte ihn, irgendwie, wie man, Verzeihung, einen etwas tapsigen Welpen mag. Die Assoziation eines schutzbedürftigen, arglosen, unbedarften kleinen Zeitgenossen liegt nicht ganz fern, und vermutlich kann ich sie auch nicht ganz von der Hand weisen. Allein diese Leasing-Geschichten …

Nun, es ist nicht so, dass mich all das damals umtrieb. Vieles kam später hinzu, manches erfand ich vielleicht auch erst heute, aber die Sympathie für Klinsmanns Entscheidung war echt. Als dann ein geschätzter und wahrlich kundiger Mitkicker Odonkors Nominierung im Allgemeinen hinterfrug, und im Besonderen die bevorstehende Einwechslung gegen jenen Gegner, den man durch die Wand knallen wollte (auch das wusste ich damals noch nicht), ging der Trotz mit mir durch und ich verstieg mich zu der Behauptung, Odonkor werde das Spiel entscheiden. Gewagt, gewiss.

Gewionnen. Der Wettpartner war und ist ein ehrenwerter Sportler, der keinen Zweifel daran ließ, dass die Vorlage sehr wohl als spielentscheidend durchgehe.

Heute frage ich mich ehrlich gesagt nicht, ob wir Odonkor tatsächlich dereinst als Trainer auf höchstem Niveau erleben werden – ein Wunsch, den wir zuletzt verschiedentlich zu lesen bekamen –, wünsche ihm aber viel Gutes in seinem Leben abseits des Platzes, an das er sich leider in den letzten Jahren schon viel zu sehr gewöhnen konnte.

Ich frage mich auch nicht, wer denn „der neue Odonkor“ im Sommer 2014 werde, eine Frage, die wir alle zwei Jahre so oder ähnlich medial präsentiert bekommen, ohne seither nochmals einen vergleichbaren Überraschungscoup erlebt zu haben – wobei man sich (also: ich mich) bei den, wie sagt man, geshortlisteten Marin 2008 und Draxler 2012 des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass auch dem Bundestrainer der Gedanke gefallen hätte, einfach mal „… weil ich es kann“ zu sagen. Timo Hildebrand mag das mit dem ausgebliebenen Überraschungscoup übrigens anders sehen.

Und doch erinnert mich ein aktueller Kandidat an Odonkor: Sidney Sam. Ja, ich weiß, der Hautfarben- und Körpergrößenverdacht liegt nahe. Natürlich kann ich ihn nicht zweifelsfrei widerlegen. Tatsächlich war es so, dass ich bereits bei den ersten Auftritten, die ich von Sam gesehen habe, an Odonkor dachte. Positionsbezogen. Schnelligkeitsbezogen. Und weil mich sein völliger Verzicht auf die Verwendung des rechten Fußes Glauben machen wollte, dass es technisch einfach nicht reichen könne. Dass er ein solider Bundesligaspieler sein werde, der mal zu einer Weihnachts- oder vergleichbaren Länderspielreise mitfahren dürfe.

Ok, weiter sind wir bis dato nicht. Aber ich schließe nicht mehr aus, dass er irgendwann auf mehr Länderspiele kommt als Odonkors 16. Und gebe zu, dass ich ihn zu Unrecht für einen Geradeausläufer hielt. Dass er technisch saubere Tore erzielt und mehr Spielwitz zeigt als Odonkor in seiner ganzen Karriere. Asche auf mein Haupt. So wie damals übrigens, als ich Matthias Sammer für einen eher blassen Spieler hielt. Ok, er war erst 17, als er gegen und in Uerdingen antrat, aber was sollte diese Begeisterung? Oder auch wie damals, als mich Mario Gomez‘ Bewegungen in einer Nachwuchspartie an Dieter Hoeneß erinnerten. Ähem.

Ein guter Scout wäre ich wohl nicht geworden, zumindest nicht auf den ersten Blick. Die Frage, was das für die Karriereperspektiven von Timo Werner und Joshua Kimmich bedeutet, möchte ich vor diesem Hintergrund nicht erörtern, lege mich aber fest, dass Kimmich nicht für Brasilien nominiert wird.

Sam übrigens auch nicht. Sag ich mal. Mal fragen, ob mein Mittwochsmitkicker wieder wetten will.

#echtehelden

Mal angenommen, der Torwart der zum gegenwärtigen Zeitpunkt vermutlich besten und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch selbstbewusstesten Mannschaft der Welt kassiert bei einer 3:0-Führung ein Gegentor, dem man mit einer Kategorisierung als „Ehrentreffer“ nach Lage der Dinge nicht unrecht täte. Nehmen wir weiter an, dieser Torwart springt dann mit bemerkenswerter Dynamik nach dem durch das Tor kullernden Ball, um ihn auf keinen Fall dem halbherzig heraneilenden trabenden gegnerischen Angreifer zu überlassen, und fragen uns dann, wie wir das interpretieren sollen.

Ist dieser Torwart einfach nur extrem professionell, quasi ein Führungsspieler, der dem Gegner signalisiert, dass man nicht bereit ist, ihn gewähren zu lassen, ein Leader, der den Mitspielern signalisiert, sich mit dem nötigen Ernst zu wehren? Handelt es sich vielleicht um ein Männlichkeitsritual, eine Reviermarkierung, nach dem Motto: „Ich allein entscheide, wann der Ball mein Tor verlässt“?

Oder ist der Torwart vielleicht überhaupt erst derjenige, der dem Gegner unwillentlich deutlich macht, dass er noch nicht verloren hat oder gar ist, vermittelt er mit seinem im Grunde (und in jedem anderen Fall sich nach einem Gegentor auf den Ball hechtender Torleute) lächerlichen Ball- und Zeitgewinn jenen Anflug eines Zitterns, das der kurz zuvor noch am Debakel schnuppernde Gegner erst als Indiz für eine möglicherweise verbliebene Restchance versteht und das den wankelmütigen Mitspieler in seinem bis dato kaum wahrnehmbaren Zweifel bestärkt?

Nein, nein, ich vertrete nicht ernsthaft die Ansicht, Manuel Neuer sei tatsächlich derjenige, der dem VfB mit seiner zur Schau getragenen Balleroberung im DFB-Pokalfinale wieder Leben eingehaucht habe, und auch nicht, dass seine Mitspieler dieses Zeichen irgendwie gebraucht hätten. Ich finde die Aktion nur bemerkenswert. Ist das ein Reflex? Einfach eine Angewohnheit, sozusagen als Antithese zu dem jugendlichen Helden in Brian Glanvilles „Der Torwart ist eben etwas Besonderes“ (einem Buch, das möglicherweise zurecht niemand kennen dürfte, das ich aber, wie das bei jungen Lesern halt so ist, seit vielen Jahren im Herzen Hinterkopf trage), der sich nach allen Regeln der Kunst vor der Schmach zu drücken sucht, einen Ball aus dem Tornetz holen zu müssen?

Wie auch immer: die Stuttgarter kamen in der Tat zurück, vermutlich neuerunabhängig, und in den Schlussminuten waren sie, nachdem ihr mutiger, zielstrebiger und auch, man höre und staune, meines Erachtens taktisch sehr guter Auftritt der ersten 35 Minuten zu Beginn der zweiten Halbzeit innerhalb weniger Minuten durch zwei ungeschickt verteidigte (wenn auch gut vorgetragene) Aktionen der Bayern vermeintlich wertlos geworden war, recht nah dran, zu Helden zu werden.

Ok, meine Wortwahl wäre das wohl nicht, aber wie ich trotz urlaubsbedingter Medienabstinenz zwischenzeitlich erfuhr, hatte sich das Hashtag #heldenwerden allem Anschein nach zumindest bei Twitter durchgesetzt. Eine Art Motto also, das zwar nicht ganz so schwülstig daherkommt wie die Dortmunder #echteliebe, aber gebraucht hätt’s so was meines Erachtens dann auch nicht. Vielleicht könnte man sich ja zusammentun und im Gedenken an die Erste Allgemeine Verunsicherung #echtehelden intonieren. Da wie dort wie dort gilt: Geschmackssache.

Dass der VfB noch einmal aufkommen konnte, lag naturgemäß in erster Linie an der Münchner Überheblichkeit. Den Gedanken, man könne angesichts der deutlichen Führung seinen Torgaranten auswechseln und die, äh, zweite Reihe ausprobieren, hätte ich gerne noch ein wenig härter bestraft gesehen. Daneben möchte ich, bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Zeilen, Bruno Labbadia ein Lob zollen, und das auch noch doppelt: Okazaki brachte (für mich recht überraschend) tatsächlich nicht nur den viel zitierten frischen Wind, sondern auch Gefahr: seine Beteiligung am Anschlusstreffer kam nicht von ungefähr.

Und dass Gotoku Sakai tatsächlich flanken kann, wenn er mal auf links ran darf, wussten wir zwar alle seit der Vorsaison; umso schöner, dass es nun auch dem Trainer zugetragen wurde – und dass er dem Rechnung trug. Bezeichnend dann allerdings auch Sakais Ecke von rechts. Mit rechts. Ins Toraus. Kurz vor Schluss. Im Pokalfinale.

Abseits rein sportlicher Aspekte haben mir die Finalspiele der letzten beiden Samstage eines ungewohnt deutlich vor Augen geführt: Siegerehrungen sind eine großartige Sache!

Nun mag der eine oder die andere entgegnen, dass dem nur so sei, wenn man die siegreiche Mannschaft unterstütze, oder auch, dass dem nicht einmal dann so sei und dass ich ohnehin ziemliche Sülze von mir gebe. Dem kann ich insofern zustimmen, als ich selbst auch kein großes Vergnügen aus der Übertragung von Siegerehrungen ziehe. Eigentlich. Sie haben aber einen sehr angenehmen Nebeneffekt: jene halbe Stunde, die vom Abpfiff bis zum Ende der Siegerehrung gut und gerne vergeht, gibt allen Beteiligten genügend Zeit, ihr Mütchen ein wenig zu kühlen und dann mit der nötigen Souveränität die Nachberichterstattung anzugehen.

Erstes bemerkenswertes Beispiel war für mich in dieser Hinsicht Roman Weidenfeller (die geneigte Leserin weiß vielleicht, dass ich nicht zum engeren Zirkel der Weidenfeller-Sympathisanten zähle) nach dem Champions-League-Finale, und Jürgen Klopp stand ihm darin kaum nach. Völlig überraschend gelang es in der Woche darauf auch einem Protagonisten der hiesigen Abteilung Attacke, Fredi Bobic, dem siegreichen Gegner souverän zu gratulieren und gleichzeitig die starke Leistung der eigenen Mannschaft zu würdigen, dabei sogar ein paar kleine Spitzen zu setzen, ohne aber seinen Freund, den Dampfhammer, auszupacken. Chapeau.

Letztlich waren nach dem Pokalfinale, etwas überraschend, die Siegerinterviews kontroverser, zumindest teilweise. Selbst Philipp Lahm machte zwischen den obligatorischen Streicheleinheiten für seine Frisur dem Interviewpartner erstaunlich deutlich deutlich, dass er keine Lust hatte, sich mit dessen kritischer Analyse zu befassen – wofür ich eine Menge Verständnis habe. Interessant auch, wie scharf Arjen Robben nach wie vor reagiert, wenn er auf die Pfiffe zu Saisonbeginn angesprochen wird. Auch diese offenbar recht tief sitzende Verletztheit verstehe ich sehr gut, obschon ich mir nicht sicher bin, ob es nötig war, den Fans so deutlich ins Stammbuch zu schreiben, dass letztlich nur die Leute für ihn zählen, mit denen er tagtäglich zusammenarbeitet.

Völliges Unverständnis hat indes Karl-Heinz Rummenigges Versuch bei mir ausgelöst, seine hinlänglich dokumentierte 1,8-Promille-Aussage als fehlinterpretiert darzustellen. Kürzlich hatte ich, übrigens auch hier im Einklang mit dem ungewohnt milden (präsidialen?) Fredi Bobic, bereits geschrieben, dass mich jener Satz eher kalt gelassen hat. Rummenigge war im Überschwang, er wollte die Gäste ein bisschen animieren, seine rhetorische Brillanz tat das Übrige, da kommt dann halt auch mal so was raus. Mir recht egal.

Dass er dann aber nicht in der Lage ist, eine Woche später etwas zu sagen wie „Mei, da hab ich mich in meiner Begeisterung ein wenig vergaloppiert, es war halt ein Spruch, nehmen Sie das doch nicht so ernst„, oder meinetwegen auch nur „Ach, jetzt brauchen wir doch nicht die Sprüche von letzter Woche rauskramen„, oder, mein persönlicher Favorit, „Wieso? Wir haben doch Wort gehalten!„, sondern dass er stattdessen ernsthaft versucht, die Zuhörer der Fehlinterpretation zu bezichtigen, empfinde ich als ein wenig beschämend. Ich bitte zu Protokoll zu nehmen, dass ich mir in diesem Moment gewünscht hätte, Franz Beckenbauer an seiner statt am Mikrofon zu sehen.

Zurück zum Spiel? Ach, eher nicht. Es ist alles gesagt. Der VfB stellte sich geschickt an, begann gut, schwächelte dann ein wenig, drohte kurz unterzugehen, rappelte sich auf, brachte die Bayern in Verlegenheit, verlor aber, und ging erhobenen Hauptes vom Feld. Bzw. er tat es nicht, der Enttäuschung wegen, hätte es aber tun können.

Genug. Sähe man sich die gängigen Statistiken an, dürften recht deutliche Ballbesitz-, Ecken- und bestimmt auch Foulwerte zu verzeichnen sein; einzelne weniger weit verbreitete Zahlen finden sich nachfolgend:

Gesprächsminuten mit Manuel Gräfe
1. Bastian Schweinsteiger 31
2. Thorsten Schiffner 12
3. Guido Kleve 11
Mit grimmiger Miene verbrachte Spielminuten
1. Martin Harnik 90
2. Matthias Sammer 55
3. Mario Gomez 29
Direkte Zuspiele zum Gegner
1. Vedad Ibisevic 12 (95 %)
2. Bastian Schweinsteiger 11 (9,5 %)
3. Sven Ulreich 10 (49,5 %)
(Produktive) Kabinettstückchen mit Ball (Gefühlt.)
1. Thomas Müller 7
2. Alexandru Maxim 6
3. Andere 2
Elfmeterreife Vergehen
1. Serdar Tasci 1
2. Ibrahima Traoré 0
3. Jérôme Boateng 0

 

Coup de boule

„… il va reculer progressivement au poste de libéro. Je sais que c’est une tradition allemande …“

Die These lautet also, es sei eine deutsche Tradition, dass offensive Spieler nach und nach nach hinten rücken, bis sie irgendwann als Libero enden. Offensichtlich bezieht sie sich nicht auf den heutigen Fußball, der seit einigen Jahren bekanntlich selbst in Deutschland ohne nominellen Libero auskommt. Auch wenn man angesichts der erfolgten Rückwärtsbewegung von Bastian Schweinsteiger oder auch der angedeuteten von Toni Kroos ins Grübeln kommen könnte.

Aber wie gesagt: Das ist nicht gemeint. Also die Rückversetzung auf die Sechs. Glaube ich zumindest. Genauer könnte es uns sicherlich der Macher des wunderbaren Blogs Old School Panini, Alex Bourouf, sagen. Aber so genau brauchen wir es vermutlich gar nicht zu wissen.

Es reicht ja, wenn wir ein wenig in die Vergangenheit schauen und ein paar der bekannten Liberos des DFB zu Rate ziehen. Herrn Beckenbauer, zum Beispiel, der in seiner ersten Regionalligasaison meist als Linksaußen oder im Mittelfeld auflief und dabei 16 Tore erzielte. Oder Matthias Sammer, der mich damals gegen und in Uerdingen nicht sonderlich überzeugen konnte – eine Einschätzung, derer ich mich noch heute mitunter schäme und die ich dann zumeist nur aus dem Kopf bekomme, indem ich des Freundes gedenke, der Dennis Bergkamp zeit seines (also dessen) Fußballerlebens für eine Pfeife hielt, aber das nur am Rande – und der jeweils gegen Sturmkollege Torsten Gütschow ausgetauscht wurde. Oder nehmen wir Olaf Thon, den 17-jährigen Schalker, der 1998 möglicherweise eine überragende WM als Libero gespielt hätte – wenn nicht Lothar Matthäus im letzten Moment reaktiviert worden wäre, der seinerseits der Auslöser für Alex Bouroufs, nun ja, Wehklagen, über den Drang der Deutschen zum Libero war, „car pour moi MATTHAÜS en milieu de terrain c’est ça, tout simplement alors le meilleur joueur du monde et il avait été (avec les Yougoslaves) quasiment la seule satisfaction de ce mondial italien.“

Matthäus sei also der beste Spieler der Welt gewesen, damals, im Mittelfeld, und im Grunde neben den Jugoslawen der einzige, der bei jener WM Wohlgefallen ausgelöst habe. Um so unverständlicher sei es, dass sich eben jener großartige Spieler von seiner Schokoladenposition, die man heute wohl als „Achter“ bezeichnen würde, freiwillig in die Abwehr zurückfallen lassen habe. Der einzige Grund für dergleichen bestehe darin, „de continuer à joueur le plus longtemps et battre les records“, also so lang wie möglich weiterzuspielen und Rekorde aufzustellen. Was nachweislich geklappt hat.

Vermutlich ist diese Argumentation ein wenig kurz gesprungen, und doch ist sie nicht ganz von der Hand zu weisen. Nicht unbedingt wegen der Rekorde; aber der Ansatz, die Karriere ein wenig (oder auch deutlich, wenn man an die EM 2000 denkt) zu verlängern, ist ja ein überaus menschlicher. Ciriaco Sforza wurde dereinst mit dem schönen Satz „Nach meiner Verletzung ist es wunderbar, wenn ich als Libero einen langsamen Aufbau machen kann“ zitiert, und auch in Diskussionen, wie man sie zum Beispiel in Österreich zu Ivica Vastic (der sich erfolgreich widersetzte) oder hierzulande zu Bernd Schuster (der von Erich Ribbeck demontiert wurde) führte, stößt man immer wieder auf Satzfragmente wie „außerdem könnte er auf diesem posten bestimmt noch vier, fünf jahre lang spielen“ – in diesem Fall bezogen auf Vastic, der, nun ja, fünf Jahre später und weiterhin als Offensivspieler das einzige österreichische EM-Tor erzielte.

Vielleicht darf ich die geneigte Leserin ja auch in die Niederungen des Kreisligafußballs entführen, zu meinem Vater, der irgendwann den Weg nach hinten antreten musste und durfte, oder zu zwei weiteren Sturm“helden“ meines Heimatvereins, die irgendwann nach hinten weggelobt wurden, weil sie eben alles hatten, „was ein guter Libero braucht“. Und wenn man sich heute auf den Plätzen der Kreisliga umsieht, entdeckt man nicht so selten ältere, nicht mehr ganz durchtrainierte Herren, die mit ihrem Auge, ihrem Stellungsspiel und ihrer Erfahrung jeder Viererkettendiskussion trotzen und den Laden zusammen halten. Jede Wette, dass nur ein geringer Teil von ihnen vor seinem 30. Geburtstag den Libero gab.

Doch zurück auf die große Bühne. Und nun auch zu der Frage, ob diese Rückwärtsbewegung eine typisch deutsche Sache sei. Eine Frage, die ich mangels Wissen und mangels Recherchezeit nicht seriös beantworten kann. Die eine oder andere Ahnung habe ich. Dass zum Beispiel das benachbarte Ausland nicht ganz außen vor ist. Bei Vastic klappte es nicht, Manfred Zsak war meines Wissens auch im Mittelfeld nie so richtig offensiv, und doch habe ich den Eindruck, dass man auch in Österreich mitreden kann in Sachen Rückwärtsbewegung. Ob Gerald Vanenburg, der bei 1860 den Libero gab, in Holland eine Ausnahme ist, weiß ich ebenso wenig wie bei Sforza in der Schweiz (ganz davon abgesehen, dass beide von der Bundesliga geprägt gewesen sein mögen), und dass Zbigniew Boniek bei der Roma und für Polen den Libero gegeben haben soll, will ich seit vielen Jahren für ein Gerücht halten. Ich wüsste indes nicht, dass Scirea, Baresi oder auch Laurent Blanc nennenswerte Erfahrungen auf einer offensiveren Position gehabt hätten. Vielleicht kann ja der eine oder die andere Wissende für Erhellung sorgen und ein paar prominente Beispiele benennen, die die Deutschenthese in sich zusammenfallen lassen.

Mir ist das ja im Grunde gar nicht so wichtig, auch wenn ich die Ausgangsthese sehr spannend finde. Viel wichtiger ist mir, endlich zu der Stelle im oben genannten Matthäus-Blogeintrag zu kommen, deretwegen ich all das aufgeschrieben habe. Alex Bourouf spinnt nämlich den Gedanken der Karriereverlängerung durch Rückwärtsbewegung weiter und projiziert sie auf die jüngere Geschichte der französischen Nationalelf – eine Vorstellung, an der ich mich zugegebenermaßen gar nicht satt denken kann:

„… sinon Zizou aurait été en Afrique du Sud en 2010 pour jouer en défense avec Gallas et à Knysna le bus serait repartit car notre Zizou n’aurait pas attendu 30 minutes avant de péter un coup de boule à ce maudit chauffeur qui refusait de repartir.“

„… sonst wäre Zizou 2010 in Südafrika gewesen und hätte mit Gallas in der Abwehr gespielt, und in Knysna wäre der Bus losgefahren, weil unser Zizou keine 30 Minuten gewartet hätte, ehe er diesem verdammten Fahrer, der sich geweigert hat, weiterzufahren, einen Kopfstoß verpasst hätte.“

Und natürlich hätte Zidane alles, was ein guter Libero …

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PS:Auf einen möglicherweise interessanten Nebenaspekt der sogenannten deutschen Rückwärtsbewegung, der an anderer Stelle vertieft werden könnte, deutet der Umstand hin, dass die dritte Stürmerposition im deutschen EM-Kader allem Anschein nach an einen der Herren Cacau, Schlaudraff oder Hanke vergeben werden dürfte.

Tradition wird siegen!

Am Samstag war Hoffenheim zu Gast im Neckarstadion. Das geschickt angebrachte Spruchband, dessen Platzierung ich als originell empfand, hat mittlerweile wohl jeder irgendwo gesehen, die divergierenden Reaktionen zumindest der eine oder die andere gelesen. Ob man das Ganze auch weniger plump formulieren und dabei witziger sein könnte, soll jeder für sich beurteilen.

„Tradition wird siegen!“ skandierte ein Teil der gefühlten Cannstatter Kurve Mitte der zweiten Halbzeit, ein anderer Teil schüttelte den Kopf ob des Wechselgesangs, dessen Klang ein wenig an Lagerfeuerlieder über 10 unbekleidete Menschen mit dunkler Haut gemahnte. U alele! Unabhängig von der Frage, ob Tradition auf lange Sicht tatsächlich siegen wird, und noch unabhängiger von der Frage, ob Tradition für sich genommen einen Wert darstellt, hätte ich mir kurzfristig schon sehr gewünscht, dass die Sänger recht behalten.

Gegen 10 Hoffenheimer, von denen noch dazu nur wenige einen richtig guten Tag erwischt hatten, hätte man sich einen Sieg durchaus vorstellen können. Der Trainer scheint diesbezüglich zumindest vor dem Spiel, als noch mit 11 Gästen gerechnet wurde, nicht ganz so zuversichtlich gewesen zu sein: er verstärkte die Defensive. Erinnerte sich wohl an Matthias Sammer, den Mann, der dereinst den Libero vor der Abwehr hoffähig machte, und rief Mamadou Bah zu dessen Nachfolger aus. Leider bin ich mir nicht ganz sicher, ob die beiden Christians auf der Doppelsechs, von der man angesichts der neuen Entwicklungen nicht so genau wusste, ob sie eine etwas zurückhängenden Doppelzehn sein sollte, gegenüber dem Zuschauer einen Informationsvorsprung hatten, oder ob die drei die neue Konstellation on the job erlernen sollten.

Bah bewies in der ersten Hälfte verschiedentlich, dass er in der Vorwärtsbewegeung über ein gutes Auge verfügt, als er in aller Ruhe vernünftige Bälle spielte. Ja, die Ruhe. Von der hat er manchmal auch ein bisschen zuviel. Wenn er als gefühlter letzter Mann in enge Dribblings geht, ohne sein Tempo zu erhöhen, zum Beispiel. Wobei ich nicht ausschließe, dass Beschleunigung einfach nicht sein Ding ist. Da kann man dann wohl nichts machen. Besonders glücklich war auch der zaghafte Querpass über 40 Meter an der Mittellinie nicht, und auch das Foulspiel gut 20 Meter vor dem Tor, als Delpierre schon den Ball am Fuß hatte, darf nicht als übertrieben clever gelten. Oder die reihenweise verlorenen Zweikämpfe gegen Ba.

Aber immerhin: Jens Keller hat taktische Flexibilität bewiesen. Er hat die Systemfrage gestellt. Hat das Gross’sche 4-4-2 in ein 4-1-4-1 umgewandelt. So ist zumindest meine Vermutung. Schade, dass die vordere 1 sehr lange den alten Fehler alleiniger Spitzen begangen hat, nämlich zu glauben, dass die alleinige Spitze alleinige Spitze sei und das Spiel auf eigene Faust entscheiden müsse. Bis zum 1:1 ließ Cacaus Übermotivation meist schon die Ballannahme misslingen.

Doch zurück zur Systemfrage: letztlich hat sich der VfB für das System Zufall entschieden. Es ist, rein statistisch betrachtet, nur eine Frage der Zeit, bis blindwütig in Richtung des gegenerischen Tores gespielte Bälle, gerne bei Freistößen von der Mittellinie, aber auch aus dem Spiel heraus (-> Halbfeld, das) oder gar vom Fuß des Torwarts, irgendwann doch für Gefahr sorgen. Natürlich könnte man sich das Ganze etwas strukturierter vorstellen, natürlich würde man sich gerade in Überzahl erhoffen, dass nicht nur Timo Gebhart, aus dem wohl nie ein zweiter Klaus Fischer wird, den Platz auf den Außenbahnen nutzt und dabei Andi Beck nicht immer gut aussehen läst, sondern dass man auch rechts gegen Ibertsberger und Salihovic (!) zu gefährlichen Hereingaben kommen möge. Wenn aber Martin Harnik, ein Mann mit Stürmerblut,  lieber vor der Strafraumeck quer passt, als sein Tempo in einer wahrlich günstigen Situation in den 16er mitzunehmen, und wenn vor allem Cristian Molinaro und Christian Träsch, zwei Spieler, denen ich unterstellen würde, dass sie das Spiel ganz gut verstanden haben, reihenweise Willy-Sagnol-Gedächtnisflanken schlagen, ohne Pizarro und Ballack in der Mitte stehen zu haben, muss ich wohl davon ausgehen, dass das so gewollt ist. Halbfeldflanken als probates Mittel bei Überzahl.

Ja, ich weiß, das ist eines meiner Lieblingsthemen. Und natürlich ist es zu kurz gegriffen, die Misere an diesem Punkt festzumachen. Misere? Welche Misere? Wenn die Mannschaft so weiter spielt, wird sie die nötigen Punkte holen. Sagt zumindest der Kapitän. Wobei sich ganz nebenbei auch noch die Frage stellt, wie viele Punkte denn nötig sein werden. Und wen man hinter sich lassen will. Mit Freiburg, Hannover und Mainz sind einige der üblichen Verdächtigen verdammt weit weg. Frankfurt ist zu solide, um einzubrechen, Schalke  und Wolfsburg eine andere Kragenweite.

Bleibt also das Ziel, die beiden Traditionsvereine vom Rhein hinter sich zu lassen, und die Hoffnung, dass die beiden Traditionsclubs aus Franken und der Pfalz auch noch in den Abstiegskampf einsteigen, gemeinsam mit dem Traditionskultclub.

Balakov

Mehrfach war im Stadion der Name Krassimir Balakov zu hören. Gelesen habe ich ihn auch schon, bei Twitter, in Foren, in Zeitungen. Schließlich hat der ja schon in den 90ern mit Bobic… und in Bulgarien haben sie ja auch zusammen… und noch mal kann man nicht so lange warten wie im letzten Jahr, als Babbel fast die ganze Saison ruiniert hätte. Der Gross bringt’s einfach nicht mehr. Steht während des Spiels stoisch an seinem Platz. Lässt Tasci nicht spielen. Wollte den Degen, der seit Jahren nicht mehr gekickt hat. Man sieht ja, wo’s hinführt. Drüsenfieber, pah. Ein sturer Hund ist er sowieso. Rudy hat er auch keine Chance gegeben. In Tottenham ist er doch auch gescheitert. Der kann auf Dauer nur in seinem Schweizer Biotop arbeiten. Wie alle Schweizer Trainer.

Und jetzt ernsthaft. Zwei Bundesligaspiele sind absolviert und der Erfolgstrainer der Rückrunde steht am Pranger. Das ist ein Stück weit entfernt von meiner Lebenswirklichkeit. Ungeachtet dessen ist die Situation nicht schön:

Der VfB ist Tabellenletzter. Die Spiele waren furchtbar. In den Pokalwettbewerben ist man, wenn auch glanzlos, weiter gekommen. Die Anhänger sind unzufrieden. Ich auch. Vielleicht auch wütend. Frustriert. Enttäuscht. Über die Spieler. Über den Trainer. Vor allem aber über die Vereinsführung, der Pete bei The Offside deutlich die Leviten liest:

„If they truly believe we can skate through the season without adequately replacing world class players then there’s a major problem in the fundamental workings of the club’s transfer policy and of personnel. C’mon. If you want to play with the big boys, you have to act like one. You can’t just be a feeder club for the rest of the world. Retain young talent. Make purchases when reinforcements are needed. Hell, once in a while you may even have to overspend a little if you’re in dire need of reinforcements.“

„Make purchases when reinforcements are needed.“ Punkt. Das hat man versäumt. Schließlich war lange klar, dass man auf den offensiven Außenpositionen Nachbesserungsbedarf hat. Sicher, man hat sich schon länger um Zugänge auf diesen Positionen bemüht. Um talentierte Zweitligaspieler wie Traoré, später auch um Jungnationalspieler wie Weiss oder Ayew. Talente, wie gesagt, möglicherweise gar Ausnahmetalente. Aber wir sprechen von einem Jahr, in dem der VfB die Erfahrung aus knapp 200 Länderspielen, um die 900 Bundesliga- und annähernd 500 Premier League Einsätzen verliert. Das erscheint mir ein bisschen gewagt. Und es würde mich sehr wundern, wenn Christian Gross das anders sähe. Er hätte sich vermutlich gewünscht, dass man sich früher und ernsthafter um adäquaten Ersatz bemüht. Möglicherweise teuren Ersatz, aber „Hell, once in a while you may even have to overspend a little if you’re in dire need of reinforcements.“

Jetzt wird also versucht, zu retten, was zu retten ist. Ob Mauro Camoranesi den VfB günstiger kommt als es bei Ayew oder Boussoufa vor ein paar Wochen der Fall gewesen wäre, kann ich nicht beurteilen. Ein Schnäppchen dürfte aber auch er nicht sein. Ob er besser ist? Zumindest gleich gut? Ich weiß es nicht. Ob er noch schnell genug ist? Fit genug? Nicht zu verletzungsanfällig? Wir werden es (vermutlich) sehen, seine regelmäßigen Muskelverletzungen der letzten Jahre stimmen nicht zwingend optimistisch. Ob ihm jemand sagt, er möge zum Friseur gehen? Vermutlich würde es schon viel bringen, wenn er manchem seiner Mitspieler eine Schulter zum Anlehnen böte und ein paar grundlegende Dinge in das Spiel des VfB einbrächte: ein wenig Ballsicherheit, hohe Präsenz und Verlässlichkeit im Spiel, etwas mehr Selbstvertrauen, zudem Entschlossenheit und Zielstrebigkeit. Ob er dazu in der Lage ist? Ich weiß es nicht. Aber wenn er diese Dinge transportieren kann, ist es ein guter Transfer. Einer, der – vielleicht im Verbund mit einer während der Länderspielpause stabilisierten Innenverteidigung – helfen kann, die verunsicherte Mannschaft wieder an ihre Stärken glauben zu lassen, die sie trotz der Abgänge zweifellos hat.

Gerne würde ich Timo Gebhart dann wieder auf der linken Seite sehen, wo er meines Erachtens nicht nur selbst besser zur Geltung kommt, sondern vor allem den Weg für Molinaros Vorstöße frei macht. Daniel Didavi hat in der zweiten Halbzeit für Belebung gesorgt; wie schon gegen Bratislava war indes auch zu erkennen, dass Molinaro und Didavi in der Vorwärtsbewegung zu häufig in die gleichen Räume stoßen wollen und sich mitunter im Weg stehen. Zudem könnte ein stärker nach innen ziehender Gebhart das Offensivspiel in der Platzmitte etwas beleben. Das Loch zwischen den defensiven Mittelfeldspielern und der Stürmern ist häufig zu groß, und Cacaus Reaktion, sich bisweilen als Özil-Verschnitt zurückfallen zu lassen, meines Erachtens kaum tauglich.

Über die Abwehrleistung gegen Dortmund möchte ich keine weiteren Worte verlieren und mir vor allem nicht vorstellen, wie es ohne den durchaus stabilisierenden und kontinuierlich organisierenden Tasci ausgesehen hätte. Gentner und Kuzmanovic vermochten bei ihrem erneuten Zusammenspiel  in der zweiten Hälfte einige Akzente nach vorne zu setzen; defensiv wurden sie von hautpsächlich verwaltenden Dortmundern nicht mehr gefordert, sodass es gewagt wäre, eine verbesserte Abstimmung zwischen den beiden zu vermuten.

Marica war nicht auf dem Platz. Sein Vertreter Harnik schon eher, aber wie schon gegen Bratislava nicht mehr so überzeugend wie in den Spielen zuvor, als ich ihn unbedingt einmal in der Startelf sehen wollte.

Es bleibt die Hoffnung auf die Länderspielpause. Auf Camoranesi und hoffentlich noch einen weiteren Neuzugang, auch wenn das zuletzt nicht mehr so klang. Darauf, dass Christian Gross seine Stammformation findet, ohne sie zur fixen Idee werden zu lassen. Dass vielleicht sogar die Vereinsführung ihre Lehren für die nächste Transferperiode zieht. Dass Gross nicht von selbst sagt, er habe keine Lust mehr, in einem allzu trägen Umfeld an seinen Zielen zu arbeiten.

Ach, und natürlich auf Balakov. Hach. Das waren noch Zeiten. Der erzeugt Aufbruchstimmung, qua Historie. Genau wie damals Sammer…

Ich hab ein gutes Gefühl

Heute geht’s also wieder los. Das erste Saisonspiel im Neckarstadion, und gleich ein internationales Topspiel. Und die Feuertaufe für die Untertürkheimer Kurve, die erstmals nach dem Umbau wieder Gästefans aufnehmen darf, ehe gegen Dortmund auch die Einheimischen dorthin müssen.

Gänzlich uninformiert bin ich also nicht, trotz Elternzeit, trotz weitgehender Stille hier im Blog in den letzten Wochen.

Ein bisschen was habe ich ja doch geschrieben, zum Beispiel die Antworten für’s 11Freunde-Sonderheft, das ich jetzt nicht noch einmal explizit erwähnen würde, wenn ich nicht noch drei Exemplare unter die Leute bringen dürfte: Windhundverfahren in den Kommentaren.

Etwas weiter entfernt von der fußballerischen Tagesaktualität lag das, was ich den Urlaubern vom Textilvergehen ins Stammbuch Blog schreiben durfte. Dort ging es um Harry Valérien, Katsche Schwarzenbeck und natürlich Ove Grahn.

Das war’s dann auch mit der Selbstvermarktung. Kommen wir zurück zum tatsächlichen Geschehen. Hier in Stuttgart. So richtig viel hat sich ja nicht getan in den letzten Wochen. Also, abgesehen von Sami Khediras Abschied natürlich. Bitter für den Verein, vermutlich ein richtiger und wichtiger Schritt für ihn. Den auch der Neue nicht verhindern konnte, trotz Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei Karstadt oder Breuninger. Obwohl er Namensgeber und Teilhaber einer Sportsbar ist, konnte er auch Olympique Marseille noch nicht zum Verkauf von André Ayew bewegen, und auch seine Anteile an einem Sportgeschäft in Winterbach – wo er sogar jeden Mitarbeiter persönlich kenne – haben den FC Augsburg bis dato nicht dazu gebracht, Ibrahima Traoré abzugeben. Möglicherweise war es aber sein Praktikum bei der DFL, in Verbindung mit den Inhalten seines Fernstudiums im Sportmanagement, das den Liverpool FC überzeugte, Philipp Degen mehr oder weniger günstig zu verleihen.

Ok, jetzt mal im Ernst: ich hätte schon gern einen Manager gesehen, der etwas mehr Erfahrung vorzuweisen hat als die von den Stuttgarter Nachrichten so wunderbar zusammengetragenen Schlüsselqualifikationen und ein gutes Jahr als Geschäftsführer an der Schwarzmeerküste. Jan Schindelmeiser wäre der Mann meiner Wahl gewesen, wobei ich die Umstände seines Abschieds aus Hoffenheim und die in diesem Kontext genannten gesundheitlichen Gründe nicht einschätzen kann. Stattdessen betätigt sich der VfB erneut als Managerausbilder. Und doch habe ich ein gutes Gefühl. Ein Gefühl, das ich nur sehr bedingt rational erklären kann und das ganz sicher nichts mit einer kaufmännischen Ausbildung im Einzelhandel zu tun hat. Es ist eher der möglicherweise anachronistische Glaube an den Typen Bobic, an einen Mann, der in seiner aktiven Karriere ein beachtliches Durchsetzungsvermögen an den Tag gelegt hat, der Konflikten nur selten aus dem Weg ging und der in Vertragsdingen, soweit man das von außen beurteilen konnte, nicht die schlechteste Figur abgab. Es gibt den einen oder anderen früheren Weggefährten, der heute den Hut zieht, wie weit es Bobic als nicht überragend begabter Fußballer bringen konnte, durch seinen Ehrgeiz, Willen und nicht zuletzt Zielstrebigkeit. Nicht die schlechtesten Züge. Das Handwerkszeug können sie sicher nicht ersetzen, aber sie können helfen, es schneller zu erlernen und anzuwenden. Ich hab ein gutes Gefühl.

Noch nicht ganz so gut ist mein Gefühl, was den Saisonstart anbelangt. Zu unklar ist noch die Zusammensetzung der Mannschaft. Zwar bin ich überzeugt, dass auch kurzfristige Neuzugänge ihren Dienst nicht in einem so desolaten körperlichen Zustand antreten werden wie die ehemalige Zaubermaus aus Weißrussland im Vorjahr; ein wenig Eingewöhnungszeit sollte man den Neuen gleichwohl einräumen. Besonders ärgerlich ist das erneute lange Warten insbesondere deshalb, weil man Spieler für die offensiven Außenpositionen sucht – Schlüsselpositionen, deren Bedeutung für sein System Christian Gross unermüdlich betont. Eine weitere Schlüsselposition scheint er mit Philipp Degen besetzt zu haben. Wenn ich das Gemurmel in Cannstatt richtig interpretiere, trägt mancher Fan gewisse Zweifel an dessen Leistungsfähigkeit im Herzen. Zweifel, die ich einerseits teile. Andererseits bin ich froh, dass man einen weiteren Rechtsverteidiger verpflichtet. Zu wechselhaft waren die Leistungen von Stefano Celozzi, zu wichtig scheint Christian Träsch in der Zentrale zu sein. Ob Degen indes ein adäquates Pendant zu Cristian Molinaro sein kann, wie der Trainer es sich wünscht, bleibt abzuwarten. Mein Grundvertrauen in Christian Gross lässt mich zumindest darauf hoffen.

Noch größer ist die Hoffnung, dass Zdravko Kuzmanovic eine große Saison spielt. Er wird gefordert sein, Khediras Rolle als Chef auf dem Platz zu übernehmen. Träsch ist fußballerisch nicht stark genug, Gentner sehe ich nicht als „Leader“, und Funk wird wohl erst langsam in die Mannschaft hineinschnuppern können – gerne lasse ich mich gerade in seinem Fall vom Gegenteil überzeugen. Genau wie von Sven Ulreich, der mich, wie verschiedentlich angeklungen, bis dato nicht vollends überzeugen konnte. Zwar glaube ich nicht, dass Marc Ziegler das Stuttgarter Pendant zu Jörg Butt werden kann; aber es gibt ja auch noch andere Torhüter beim VfB.

In Sachen Innenverteidigung wird sicherlich vieles davon abhängen, wie Serdar Tasci die Enttäuschung der Weltmeisterschaft wegsteckt. Nachdem es aber Niedermeier nicht gelang, im ersten Pflichtspiel in Molde Souveränität auszustrahlen und vielleicht ein Ausrufezeichen zu setzen, und Boulahrouz nach den Eindrücken des Vorjahrs nicht als Liebling des Trainers gelten kann, gehe ich davon aus, dass Delpierre und Tasci wieder den Stamm bilden werden. Im Sturm ist die Situation ungleich offener. Zu Cacau, Marica und Pogrebnyak gesellt sich Martin Harnik, der gegebenenfalls auch über die Außenbahnen kommen kann, als Pendant zu dem vermutlich gesetzten Timo Gebhart – vor allem solange die Neuverpflichtungen ausbleiben und Sebastian Rudy es weiterhin an Schlagkraft mangeln lässt.

Eigentlich wollte ich hier keine Saisonvorschau schreiben, zumal das alles schon nach dem Spiel gegen Molde heute abend wieder ganz anders aussehen kann, aber man kommt halt manchmal so ins Plaudern. Kurz: meine Zuversicht für das erste Saisondrittel hält sich noch ein wenig in Grenzen, aber danach wird das schon – wenn es gelingt, auf den Außenbahnen nachzulegen. Ich hab ein gutes Gefühl.

Und falls es doch nicht klappen sollte, liegt es bestimmt daran, dass man wieder einmal versucht hat, am großen Rad zu drehen. Dabei hat Thomas Haid doch davor gewarnt. Der VfB soll sich auf seine Eigengewächse stützen. Da kann man mit Hilfe des Verweises auf Nischenmärkte dann auch mal Verpflichtungen wie den 835fachen mexikanischen Nationalspieler Pavel Pardo mit rein packen. Und locker auf die Meisterschaften der 80er und 90er zurückblicken, „mit Spielern, die vorwiegend aus dem Talentschuppen auf dem Wasen stammten oder wie Karl Allgöwer, Jürgen Klinsmann, Guido Buchwald und Walter Kelsch von den Stuttgarter Kickers ausgebildet wurden.“

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie Asgeir Sigurvinsson und Matthias Sammer als Vertreter der Meistermannschaften 1984 und 1992, zu diesem Ansatz stehen. Und die Mitte der Neunziger, die bundesweit vermutlich nach wie vor am nachhaltigsten erinnerlichen Phase Stuttgarter Spielkunst, und mit ihr die Herren Balakov und Elber, kann man ohnehin als belanglos beiseite lassen.

Ich sollte aufhören.

Klostrabacher Alpirs… (I)

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Will sagen: ich bin grad auf Lesereise Tournee durch einige deutsche Stadien, in denen ich Menschen treffe, die auch Blogs schreiben, lesen und kommentieren. Den Auftakt machte am vergangenen Samstag der Besuch der Münchner Arena, der mir sehr schwer fiel: parallel bestritt der VfB Stuttgart sein letztes Heimspiel nicht nur dieser Saison, sondern überhaupt mit der Cannstatter Kurve alter Prägung, wo zudem neben einigen anderen Roberto Hilbert verabschiedet wurde, dem von Fanseite meines Erachtens in den letzten Jahren viel zu wenig Wertschätzung zuteil wurde, aber das ist eine andere Geschichte.

Letztlich entschied ich mich gegen das Stadion und für das Zusammentreffen mit einigen jener Leute, deren Blogs ich sehr regelmäßig lese, deren Humor ich in Ansätzen zu kennen glaube, mit denen man wunderbar diskutieren kann, mit deren Meinungen ich zwar nicht immer konform gehe, die ich aber allein schon deshalb schätze, weil sie sich mit einer gehörigen Portion Herzblut mit Fußball beschäftigen. Fußballblogger halt.

Schön war’s. Natürlich war ich während des Spiels ziemlich wehmütig, natürlich habe ich Liga total verflucht wegen des VfB-Anteils an der Konferenz, natürlich war es nicht meine Wunschkonstellation, die vorgezogene Meisterschaftsfeier der Bayern live zu erleben (zumal ich bereits im Vorjahr, in besonders unangenehmer Konstellation, den Münchner Jubel vor Ort bezeugt hatte), natürlich war ich mit dem Stuttgarter Ergebnis unzufrieden, natürlich hatte ich auf Nürnberger Punkte in Hamburg gehofft, aber wenn man insbesondere die ganzen sportlichen Aspekte einmal außen vor lässt, die ja im modernen Fußball ohnehin nicht mehr so wichtig sind, war’s schön. Sowohl im Stadion als auch hinterher im einen oder anderen gastronomischen Betrieb.

Über Fußball haben wir geredet, über Blogs, Blogger und deren Selbstverständnis, aber auch übers Filmemachen, über das Fansein an sich, über Kim Fisher, Ursula Cantieni, Tatort und Polizeiruf, über Persönliches, Sportliches und Journalistisches, über… wenig Gott und viel Welt, würde ich sagen.

Und über Liga total. Schließlich waren wir auf Einladung von Microsoft und T-Home in München versammelt (genau: die Kosten für Anfahrt, Eintrittskarte und Verköstigung in der Telekom/ran-Loge habe ich nicht selbst getragen – vielen Dank an T-Home, Microsoft und die von ihnen beauftragte Agentur Edelman), und so gebot es nicht nur die Pflicht als Gast, sondern auch ein echtes Interesse, die Produktinformationen zu Liga total zu verfolgen – selbst ich, als überzeugter Nur-im-Notfall-Konferenz-Schauer, der zudem in aller Regel in der Fußballkneipe seines Vertrauens die Auswärtsspiele des VfB verfolgt.

Wie gesagt, ich kenne mich nur bedingt aus, und vermutlich würde ich bei einer Art Pepsi-Test mit ausgeblendeten Logos nur mit etwas Glück sagen können, ob ich die Konferenz bei Liga total oder eben bei Sky sehe. Ein fundierter Vergleich ist von mir nicht zu erwarten, und an neuen Gimmicks und Features bin ich nur bedingt interessiert. Was mich vom technischen Ansprechpartner vor Ort unterschied. Mir geht es darum, dass das Ganze funktioniert und ich möglichst viel von den Spielen sehen kann – diese Anforderung war, nicht nur der zahlreichen Monitore wegen, absolut erfüllt, auch wenn ich mich mit meinem VfB-Wunsch nicht durchsetzen konnte. Die Gastgeber zeigten sich glaubhaft interessiert an unserem Feedback, nahmen wohl auch den einen oder anderen auch aus meiner Sicht notwendigen Verbesserungsvorschlag mit, und gaben, so weit ich das beurteilen kann, offen Auskunft.

Für die Zeit nach dem Spiel hatte der heimlich blaublütige Klassensprecher @probek (von dem ich nicht weiß, ob er diese Bezeichnung mag – ich hab sie irgendwo aufgeschnappt und verwende sie in bester Absicht) vorgesorgt und unsere Horde in einer für vertiefende Gespräche geeigneten Lokalität untergebracht, die entsprechend genutzt wurde, auch wenn leider nicht mehr alle dabei sein konnten (nachdem ich leider bei weitem nicht die Gelegenheit gehabt hatte, mich mit allen zu unterhalten). Dafür kamen andere dazu, so der @stadtneurotikr und ein weiterer Mauertaktiker.

Eine Übersicht der beteiligten Blogger gibt es als eine Art kommentierter Linkliste beim Volk ohne Raumdeckung (wie mich dieser Name immer wieder begeistert!), mit dessen Autor @robalef ich zwar in Sachen Mario Gomez inhaltlich über Kreuz bin, der aber für meinen größten Münchner Lacher sorgte, als er die Ähnlichkeit zwischen Paul Breitner und Paul McCartney thematisierte.

Breitner saß in der Tat wenige Meter vor uns, genau wie allerlei sonstige Prominenz – Matthias Sammer indes stand am Geländer. Es gibt mir ein gutes Gefühl für die Zukunft des deutschen Fußballs, wenn der DFB-Sportdirektor ein Stehplatzfan ist. Ich selbst stand übrigens auch, und zwar in der letzten Reihe, sodass sich niemand beschweren und ich mich gelegentlich in Richtung der in der Loge platzierten Bildschirme umdrehen konnte.

Nach dem Spiel war dann vor dem Spiel, da am nächsten Tag die Fortsetzung der Fußballbloggertreffenstädtereise anstand. Mehr darüber gibt’s demnächst auf diesem Bildschirm. Wer diesen Spruch noch aus den Zeiten von „Western von gestern“ kennt, dürfte auch keine Schwierigkeiten gehabt haben, die Überschrift einzuordnen. Andernfalls:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=TAoPgfp2PVM]

Als Spieler und als Trainer?

Franz Beckenbauer und Mario Zagallo. Wissen wir alle.
Dunga und Maradona versuchen’s im Sommer, Klinsmann hat’s vergeigt, als er im Halbfinale 2006 auf den falschen Torwart setzte seinem Gegenüber nicht gewachsen war.

Magath, Heynckes, Schaaf, Sammer, Beckenbauer, Benthaus können wir im Schlaf herunter beten, seitdem der Trainer kürzlich danach gefragt hat.

Guardiola, Rijkaard, Ancelotti bekommen wir auch alle hin, Cruyff noch dazu, bei Trapattoni wird’s bei einigen eng, bei Muñoz sowieso.

Und was ist mir den anderen, abseits der Champions League? Wer war Europapokalsieger als Spieler und als Trainer?

Deschamps schafft’s wieder nicht, van Gaal und Mourinho sind an der Einstiegshürde gescheitert, aus deutscher Sicht ist Heynckes ein Joker, bei Stevens (ja, er ist kein Deutscher) musste ich schon nachschauen, um meinen Verdacht zu bestätigen, und ob man Beckenbauer den Uefa-Cup 1996 zuerkennen will, ist vermutlich eine Glaubensfrage.

Aber wer noch? Gibt’s dazu eine Übersicht, einen Blogbeitrag? Falls ja, wäre ich für einen Link dankbar, falls nein, würde ich mich über Fakten und Spekulationen in den Kommentaren freuen.

Zur Klarstellung:
Irgendein Europapokal als Spieler, irgendein Europapokal als Trainer. Intertoto- und UI-Cup zählen nicht, über den Messestädte-Pokal diskutieren wir, wenn’s relevant wird.

Ich führe dann mal Buch:

Name

Spieler

Trainer

Beckenbauer CL (74-76),
PS (67), Bayern
Uefa (96), Bayern
Graham Messe (70), Arsenal PS (94), Arsenal
Happel Zentropa (51), Rapid CL (70 Feyenoord, 83 HSV)
Heynckes Uefa (75), Gladbach CL (98), Real
Scala CL (69), PS (68),  Milan PS (93), Uefa (95), Parma
Stevens Uefa (78), PSV Uefa (96), Schalke
Vialli CL (96), Uefa (93), Juventus;
PS (90 Sampdoria, 98 Chelsea)
PS (98), Chelsea
Zoff Uefa (77), Juventus Uefa (90), Juventus

Fragen, wahllos aneinandergereiht

Worauf gründet Sami Khediras Sichtweise, der VfB sei im Camp Nou weder ängstlich noch mit zu großem Respekt aufgetreten?

Wann konnte bzw. musste ich Matthias Sammer zuletzt so vorbehaltlos zustimmen?

Ist es doch nur ein Mythos, dass in der Bundesliga kleinlicher gepfiffen werde als bei internationalen Spielen?

Und wie ist das in Luxemburg?

Hat es sich nach dem Spiel des VfB in Gelsenkirchen aufgedrängt, das Sechser-Duo Khedira/Kuzmanovic gegen Barcelona einer Belastungsprobe zu unterziehen?

Wieso Celozzi?

Darf man gegen Barcelona nach einem Ballverlust gerne mal vorne stehen bleiben oder gemächlich zurück kommen?

Darf man das gegen irgendwen?

Wird es gelingen, Cristian Molinaro zu halten?

Was hat Horst Heldt gesagt? Kann man Hleb nicht länger finanzieren oder will man nicht?

Kann man es sich als Bundesliga-Manager erlauben, Reportern ehrlich zu antworten?

Wer hat eigentlich Messis Trikot bekommen?

Hat Patrick Wasserziehr (ja, Patrick Wasserziehr) Matthias Sammers schütteres Haar kommentiert?

Ist es möglich, mit insgesamt vier Stürmertoren ein europäisches Viertelfinale zu erreichen?

Wer geht voran?

Nachtrag, ganz vergessen:
Ist ein nur so halb harter Schuss, der aus 18 Metern nur so halb in die Ecke geht, vielleicht so halb haltbar?

Wie lange wäre Christian Träsch neben Messi her gelaufen, ohne ihn zu stellen?

Sind die UEFA-Regularien so streng, dass man als Reporter verpflichtet ist, auch dann spitze Schreie ein begeistertes „Whow!“ auszustoßen, wenn Lionel Messi den Ball mit der Brust für den Gegenspieler stoppt? Herr Dittmann?

Wann wird Sami Khediras Wechsel bekanntgegeben?

Beginnt jetzt die Experimentierphase für die nächste Saison?

Wie konnte Jens Lehmann trotz offensichtlichen Bemühens an der vergleichsweise leichten Aufgabe scheitern, sich mit einem Platzverweis aus der Champions League zu verabschieden?

Ist die Bilanz der Spiele mit Khedira und Kuzmanovic in der Startformation (5 Spiele, 0 Punkte, 3:13 Tore) Zufall?

Was hat Ricardo Osorio verbrochen?

Ist ein Ausscheiden in Barcelona ein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken?

Wer erinnert sich, wann Barcelona zuletzt von einem Geringeren als dem angehenden Sieger aus der CL geworfen wurde?

Kann es der VfB besser?

Gibt es einen Grund, nicht erhobenen Hauptes auf diese Europapokalsaison zurückzublicken?