Being Zdravko Kuzmanovich

“Hands! Referee! Hands! Ah ja, er hat’s gesehen. Und diesmal schieße ich, da kann sich der Hajnal auf den Kopf stellen! Der hat bei uns noch kein Freistoßtor geschossen, weiß vermutlich noch nicht mal, wie er die Hand zu heben hat. Äh, was macht denn der Harnik da? Halt! Halt! Das ist mein Freistoß! Meiner! Oh je, der Gebhart aus 20 Metern, das kann ja was werden. Ha, der Goalie pennt. Hopp, Harnik, mach was. Gut so, am Torwart vorbei. Oh je, der Harnik und das leere Tor. Mach jetzt bloß nicht wieder so einen Scheiß wie gegen Freiburg. Goal! Goal! Den Freistoß hätte ich aber auch reingemacht.

[…]

Was macht denn der Gebhart da vorne? Will der einen Corner herausholen, oder wie? Jetzt rennt er auch noch zum Goalie! Oha, den Ball hol ich mir! Mist, wenn mir der verspringt, kann ich nur alt aussehen. Am besten spiele ich ihn direkt zum Hajnal. Äh, wie jetzt? Doppelpass? Und plötzlich nur noch einer vor mir, was ist denn da los? Soll ich jetzt etwa ins Sprintduell gehen, oder wie? Naja, mit der neuen Kurzhaarfrisur, vielleicht wird’s ja was.. nein, doch nicht so recht. Dann halt zum Abschluss kommen. Einfach um die Mauer rum… nein, der stand doch viel zu nah am Ball. Referee! Referee! Äh, da kommt der Hajnal schon wieder, der ist ja gar nicht so langsam, wie sie alle sagen. Hau ihn rein, Vollspann! Oder halt so. Goal! Goal! Aber wenn der 9 Meter weg gewesen wäre, hätte ich auch getroffen.”

Viel mehr konnte ich von dem Spiel des VfB gegen Eintracht Frankfurt aus verschiedenen Gründen, die zunächst gravierender schienen, als sie letztlich glücklicherweise waren, nicht sehen. Und stehe unter dem Eindruck, dass Frankfurt zwar anderthalb gute Chancen hatte – bei der halben reagierte Ulreich gut, bei der ganzen traf Gekas den Pfosten. Ansonsten zeigte sich der VfB entschlossen und siegeswillig, insbesondere in Person von Martin Harnik, setzte die Eintracht früh unter Druck und spielte seine Angriffe gut und konsequent zu Ende. Die Gnade des selektiven Wahrnehmungsfensters?

Andernorts hört man nämlich, der VfB sei gar nicht so deutlich besser gewesen. Er könne sich beim überragenden Ulreich bedanken und habe aus dem Mittelfeld heraus zu viele Chancen zugelassen. Das wird dann wohl so sein. Ist mir aber egal. Drei Punkte. Frankfurt in den Abstiegskampf integriert. Luxusproblem auf der Torhüterposition. Und der neue Teilzeitkapitän muss bestimmt auch noch eine Kiste nach dem Training abdrücken. Alles gut.

Ok, der alte Kapitän ist gesperrt. Mal wieder. Nach dem Platzverweis im Heimspiel gegen Frankfurt hatte ich mich fürchterlich über ihn geärgert. Bei einem Frustplatzverweis in einem bereits entschiedenen Spiel darf man wohl von einer dummen Idee reden. Nach dem Platzverweis gegen die Bayern im Pokal schüttelte ich mit dem Kopf. Ein Frustplatzverweis in einem bereits verlorenen Spiel dürfte als dumme Tat durchgehen. Nach dem erneuten Frankfurter Platzverweis fehlen mir ein wenig die Worte. Aber so richtig gescheit war seine Aktion nicht.

“Tipptopp, der Ulreich!”

 

 

Den Blick nach vorne gerichtet

Wer kennt sie nicht, diese Situationen, in denen alle Beteiligten den Kopf senken, um nur ja nicht angesprochen zu werden. Damals, zu Schulzeiten, wenn es um Vokabeln ging. Oder heute noch, wenn in einer Sitzung eine offene Frage in den Raum gestellt wird, wie zum Beispiel “Wer schreibt das Protokoll?”

Beim VfB Stuttgart ist das Problem etwas anders gelagert. Die Blicke richten sich nicht nach unten, sondern nach vorne. Wörtlich. Wenn Sven Ulreich, den ich bereits des öfteren dafür kritisiert habe (oder gerne kritisiert hätte, es mir aber verkniff), das Spiel konsequent mit einfallslosen langen Abschlägen zu eröffnen, den Ball hat, wenden ihm im Schnitt neun Feldspieler den Rücken zu. Der zehnte heißt Pogrebnyak, steht 20 Meter in der gegnerischen Hälfte und gibt den Mitspielern vermutlich ein Zeichen, wenn der Ball in der Luft ist und sie sich darum bemühen sollten. Ok, das war gelogen. Aber nur der letzte Halbsatz.

Mit Fußball, wie ich ihn mir vorstelle, hat das wenig zu tun. Ich würde mir wünschen, dass der Spielaufbau hinten links oder hinten rechts beginnt. Und zwar nach unmittelbarem Zuspiel vom Torwart und nicht unter Zuhilfenahme des Kopfes eines gegnerischen Mittelfeldspielers. Der VfB fährt da eine andere Strategie. Ich weiß nicht, ob – um willkürlich einen Rechtsverteidiger herauszugreifen – Boulahrouz den Ball im Spielaufbau nicht will, ob er weiß, dass Ulreich ihn ohnehin nicht anspielen würde, oder ob die letzten Trainer es schlichtweg alle verboten haben. Wie auch immer: wenn der Torwart den Ball hat, schauen die Außenverteidiger nach vorne. Und die Innenverteidiger. Und wenn Kuzmanovic nicht auf dem Platz ist, das komplette Mittelfeld.

Es ist ja nicht grundsätzlich schlecht, nach vorne zu schauen. Gegenwärtig hat man gar keine andere Wahl. Nach vorne schauen, zeitlich. Die Vorrunde zwar analysieren, aber dann auch abhaken. Und nach vorne schauen, tabellarisch. Hoffen, dass diesbezüglich irgendwann im Lauf des Frühjahrs der eine oder andere Blick zurück möglich wird.

Mit welcher Mannschaft dies dann geschieht, ist eine spannende Frage. Wird man sich von unzufriedenen oder halbwegs ertragsträchtigen Spielern trennen, um, was weiß ich, einen ehemaligen Weltmeister zu engagieren? Wird, wie mir gestern von einem mit einer Menge fußballerischem Sachverstand gesegneten Freund voller Überzeugung vorgetragen wurde, in der Rückrunde “auf jeden Fall Marc Ziegler im Tor stehen”, um ein Zeichen zu setzen? Ein anderer warf die Frage auf, ob man Delpierre die Binde abnehmen müsse, was unangenehme Erinnerungen an die späte Ära Hitzlsperger weckte.

Ich weiß nicht, ob Bruno Labbadia so tickt. Ob er ein weithin sichtbares Signal geben will und wird, oder ob er das Ganze sachlicher angeht. Auch wenn ich nicht einmal finde, dass es unsachlich wäre, Delpierre in Frage zu stellen. Oder Ulreich. Aber irgendwie glaube ich nicht an gravierende Veränderungen in der Form, das jemand “rasiert” wird. Ich gehe von der einen oder anderen Verstärkung aus, wohl auch von Abgängen (wobei ich befürchte, dass man in dieser Hinsicht am ehesten Namen wie Pogrebnyak oder Kuzmanovic hören wird), und davon, dass Labbadia versuchen wird, an den inneren Strukturen der Mannschaft zu arbeiten. Vielleicht wünsche ich mir das auch nur. Genau wie ich mir wünsche, dass er seine Kritiker Lügen straft. Was er bisher getan und gesagt hat, findet meine Zustimmung. Der Schulterschluss mit den Fans hätte sich, so meine wenig fundierte Ansicht, ohne sein Zutun möglicherweise deutlich schwieriger gestaltet. Zudem setzt er auf Leute wie Pogrebnyak und Harnik, bringt die Mannschaft dazu, an ihre Grenzen zu gehen, ist engagiert, und die ersten spielerischen Eindrücke lassen zumindest mittelfristig wieder auf ein ansehnlicheres Angriffsspiel hoffen.

In Sachen Defensive, der er von Beginn an Priorität einräumte, besteht allerdings noch ein wenig Verbesserungspotenzial. Wobei es auch sehr irritierend wäre, wenn es dem neuen Trainer gelänge, innerhalb einer Woche all jene  katastrophalen Abwehrfehler abzustellen oder zumindest auf ein Minimum zu reduzieren, die sich wie ein roter Faden durch die bisherige Saison ziehen. Sechs rechte Verteidiger kamen zum Einsatz, von denen keiner überzeugte, die Innenverteidigung ändert sich fast wöchentlich – verletzungs-, leistungs- oder auch übermotivationsbedingt, selbst Gentner fiel nur unwesentlich ab -, und links ist Cristian Molinaro gesetz, obwohl er ein Schatten seiner selbst ist, weil Boka in der Offensive die derzeit beste Option darzustellen scheint.

Puh. Ich würde vorschlagen, dass der siebte Rechtsverteidiger, wie auch immer er heißt, den Rest der Saison durchspielt, und dass irgendjemand Herrn Delpierre davon abhält, alle paar Spiele mit völlig unsinnigen Fouls zeigen zu wollen, dass er das Effenberg-Gen in sich hat. Nicht immer endet das so glimpflich wie gestern im Pokal, als er anstelle einer gelb-roten auch zwei glatt rote Karten hätte bekommen können. Und wenn dann Gebhart links offensiv spielt, können Boka und Molinaro ernsthaft um den Platz hinten links kämpfen.

Falls Gentner, Träsch und Kuzmanovic in der Rückrunde noch an Bord sind, werden sie sich wohl weiterhin um zwei Plätze streiten. Bzw.  wenn Träsch nicht grade rechts aushelfen muss, haben wir weiterhin das Duell zwischen Kuzmanovic und Gentner. Dessen Sieger meines Erachtens nur Kuzmanovic heißen kann. Aber er kommt nicht aus der Gegend und wird den Verein eher wieder verlassen als Gentner, dem man wohl etwas mehr Herzblut für den VfB unterstellen kann.

Ich wollte eigentlich keinen Rundumschlag angehen, zumal meine Gedanken von einer profunden Analyse weit entfernt sind. Nur noch zwei Sätze zum Sturm: Cacaus Gemecker ärgert mich. Pogrebnyak und Marica wären die Stürmer meiner Wahl. Wenn Harnik über rechts kommt. Sonst wird’s eng für Marica. Aber letztlich kommt alles ganz anders. Und wer weiß, wenn dieser japanische Stürmer…

Ach ja, gegen die Bayern ging’s gestern wieder. Ich hatte gehofft, dass man die starken ersten 30 Minuten vom Sonntag etwas ausweiten und mit einem 0:0 in die Pause gehen würde. Danach würde man sehen. Nun denn, es kam anders. Ottl war weiter weg als Ribéry am Sonntag, dafür schoss er genauer. Ulreich kennt die Ecke jetzt. Und vermutlich weiß er auch, dass ihm die Bayern gerne mal den Ball durch die Beine spielen. Es ist verdammt schwer, gegen Müller, Gomez und Ribéry zu verteidigen. Was nicht heißt, dass man sie dann am besten gleich gewähren lässt. Schweinsteiger ist, ich muss es so sagen, fantastisch. Alles, und ich meine alles, hat Hand und Fuß. Ich weiß, das ist nicht neu, das wussten auch Bruno Labbadia und die Spieler. Und doch ließen letztere sich nach dem 3:3, das man in Unterzahl kurz nach dem verschossenen Elfmeter doch noch schaffte, als Tölpel darstellen. Nach dem 3:4 war das Spiel gelaufen. Schade. Zumindest weiß man jetzt, dass man in der Lage ist, einen Rückstand wieder aufzuholen. Nicht nur gegen Molde.

Ist die geneigte Leserin der Ansicht, meine Gedanken seien unstrukturiert? Der Leser auch? Dann wird das wohl so sein. Nun denn, immerhin stimmt die Struktur dahingehend, dass ganz am Ende die guten Wünsche zu Weihnachten stehen, der herzliche Dank an Leser und Kommentierer sowie der Hinweis, dass es in den nächsten zwei Wochen hier recht ruhig sein könnte. Bei Fredi Bobic ist das hoffentlich anders.

 

Kalt? Ja. Herzerwärmend? Na ja.

Das Spiel des VfB gegen Odense hatte keinerlei sportlichen Wert. Die Messe war gelesen. Oder gesungen. Das Fell des Bären verteilt. Kurz: die Spannung raus.

Dass ich dennoch hingegangen bin, lag zum einen daran, dass ich mich für Fußball interessiere, zum anderen am neuen Trainer, dessen Einstand ich dann doch nicht verpassen wollte.

Misst man ihn an seinen eigenen Worten, verläuft das Ganze bislang eher desillusionierend: erstens hatte er angekündigt, mit der besten Mannschaft antreten zu wollen, und ich kann nur hoffen, dass die gestrige nicht die seiner Meinung nach beste war, zweitens wollte er das Hauptaugenmerk zunächst auf die Defensive legen. Georg Niedermeier hatte wohl nicht zugehört. Wobei hier auch wieder Punkt eins zum Tragen kommt: die beste Defensivreihe kann das eher nicht gewesen sein. Bicakcic machte seine Sache ordentlich und sprühte vor Motivation, während Niedermeier an die erste Phase der Saison erinnerte, als er ganze Spiele lang völlig neben sich stand. So auch gestern, als er von Utaka teilweise vorgeführt wurde, als er gefühlte 20 als Pässe geplante Bälle ins Seitenaus schlug und als er, wie auch einige seiner Mitspieler, sich einen Spaß daraus machte, Kopfbälle gerne mal in die Mitte zu klären, möglichst in die Nähe der Strafraumgrenze. Ich wäre nicht böse, wenn Tasci und Delpierre am Wochenende spielen und einen Dreierpack von Mario Gomez verhindern könnten.

Was mich in der Abwehr noch sehr interessieren würde: was passiert, wenn Degen einmal unter Druck gesetzt wird? Es mag angesichts der Stuttgarter Tabellensituation und der letzten Ergebnisse unglaubwürdig erscheinen, aber ich kann mich in den letzten Wochen nicht an nennenswerte Defensivaktionen von Philipp Degen erinnern. Und will damit gar nicht sagen, dass er schlecht gewesen sei – es gab einfach kaum Situationen, in denen er sich hätte auszeichnen können. Das könnte natürlich daran liegen, dass er eine perfekte Mischung aus Effizienz und unspektakulärem Spiel an den Tag legt, d.h. alles schon frühzeitig zu bereinigen weiß. Oder er geht allen potenziell kritischen Situationen wohlweislich aus dem Weg und lässt andere schlecht aussehen. Oder die Gegner haben zuletzt tatsächlich kaum über links angegriffen (den Siegtreffer von Hannover mal außen vor lassend, den ich nicht Degen ankreide). Wie auch immer: ich bin guter Dinge gehe davon aus, dass Franck Ribéry uns die Antwort geben wird.

Die Defensive spielte also auf Keller’schem Niveau weiter. Offensiv gab’s in der ersten Halbzeit den einen oder anderen Ansatz, ohne dass ein Feuerwerk daraus geworden wäre. In Halbzeit zwei intensivierte man das frühe Stören, das mit etwas Wohlwollen Pressing genannt werden darf – wobei sich insbesondere Pogrebnyak hervor tat, der gestern so früh ins Spiel einbezogen wurde wie sonst nur sehr selten und dabei vermutlich mehr Ballkontakte hatte als in der gesamten bisherigen Bundesligasaison. Schade, dass Marica am Wochenende noch gesperrt ist (ist er doch, oder?), ich sähe die beiden gerne weiterhin zusammen.

Aber wo spielt dann Harnik? An Boka und Gebhart, die auch gestern wieder die beiden Spieler waren, denen man das Attribut “Aktivposten” an erster Stelle anheften darf, dürfte er auf den Außenbahnen zunächst nur schwer vorbei kommen. Aber was zerbreche ich mir Herrn Labbadias Kopf? Dass der Bruch im Spiel mit Cacaus Einwechslung zusammen fiel, sei nur Zufall gewesen, heißt es übrigens.

In der Zentrale hat sich Bah nicht aufgedrängt, Kuzmanovic schon eher. Ganz kurz stand nach Gentners Einwechslung zu befürchten, dass der sich beständig aufwärmende Träsch gleich als Rechtsverteidiger zum Einsatz komme. Man schließt in dieser Saison ja nichts mehr aus. Ernsthaft: ich gehe davon aus, dass auch bei Labbadia zunächst noch Gentner die Nase vorn haben wird, wenn es um den Platz neben Träsch geht. Aber ich lasse mich gern überraschen.

Interessant war übrigens der geradezu überschwängliche Jubel nach dem einen oder anderen Tor. Speziell bei Gebharts 2:0 und Pogrebnyaks 4:0 fiel mir auf, dass die gesamte Mannschaft in einer zuletzt nicht gekannten Art und Weise auf den Schützen zulief, ihn drückte, herzte oder auch Huckepack nahm. Vielleicht hat Bruno Labbadia sein Hauptaugenmerk in den ersten Einheiten ja doch nicht auf die Defensive gelegt, sondern auf, äh, teambuildende Maßnahmen.

Still war’s übrigens. War auch nicht schlimm.

 

Tinte ist aus.

Man kennt das ja: neue Trainer brauchen meist eine Weile, um den Spielern ihre Philosophie nicht nur zu vermitteln, sondern sie auch in der Lage zu versetzen, eben diese Philosophie umzusetzen. Zumindest wird es so dargestellt. Die vergangene Saison sprach bei den Bayern nicht unbedingt gegen diese These, auch wenn man aus der laufenden Saison schon wieder Gegenargumente ziehen könnte. Und Jürgen Klopp hat, wenn ich mich recht entsinne, schon zu Mainzer Zeiten gelegentlich darauf hingewiesen, dass Neuzugänge in seinen Mannschaften mitunter eine ganze Weile bräuchten, bis sie soweit seien, in seinem System mitzuspielen.

Jens Keller ist schneller. Bis vor kurzem hatte ich noch den Eindruck, das eine oder andere Gross’sche Element im Spiel zu entdecken. Strategisches Geschick und Stabilität im Zentrum, mit Träsch und meinetwegen Gentner, Tempo auf den Außenbahnen, Sie wissen schon. Nachdem sich indes bereits in der Vorwoche die Anzeichen verdichteten, dass der junge Mann vom VfL Wangen nun eigene Ideen ausprobieren wolle, dass neben einem Libero vor der Abwehr vor allem lange, hohe Bälle in die Sturmmitte das Stil prägende Element seines Konzepts seien, brach sich die Keller’sche Handschrift gestern in Hannover, in seinem erst neunten Bundesligaspiel, endgültig Bahn. Diese Handschrift heißt Langholz Antiqua. Insgesamt wirkt sie ein wenig plump und bedarf an den Rändern noch der Verfeinerung. Insbesondere bei den Buchstaben B wie Boka, C wie Cacau und E wie Elson haben die Serifen ein etwas verschnörkeltes Eigenleben entwickelt. Zudem wirken das N wie Niedermeier und das D wie Delpierre etwas instabil, das N scheint darüber hinaus mitunter zu tief gestellt.

Ein weiteres Problem, das kein richtig gutes Licht auf den Gestalter wirft, besteht darin, dass der Langholz Antiqua ein kantiges P wie Pogrebnyak eigentlich besser zu Gesicht stünde als jenes verspielte E wie Elson, das Keller aus irgendeinem alten Hut zauberte, um den Eindruck von Inspiration zu erwecken – an der es sowohl seiner Handschrift als auch dem aus Verzweiflung ins Spiel gebrachten E letztlich doch ein wenig zu mangeln scheint.

Genug. Mir ist nicht nach Späßle. Ich habe in den letzten Jahren einige schlechte Spiele des VfB gesehen. Teilweise richtig schlechte. Aber selten bin ich so frustriert nach Hause gegangen wie gestern abend. Es war furchtbar. Ich hatte Mitleid. Mit dem Ball. Mit dem Platz. Natürlich auch mit mir selbst. Mit jedem, der sich das vor Ort ansehen musste. Zumindest mit jedem Stuttgarter, aber auch mit allen neutralen Zuschauern, mit Fußballästheten sowieso (wobei Hannover ja wenigstens taktisch gut organisiert war und mitunter schnelle und durchaus gelungene Angriffe vortrug).

Für mich – und ja, das ist vollkommen subjektiv, vielleicht legen irgendwelche Statistiken andere Schlüsse nahe – war die gestrige Leistung des VfB eine fußballerische Bankrotterklärung. Und die Strategie des Trainers gleich mit.

Wie sagte gestern einer meiner Tischnachbarn? “Natürlich ist Labbadia ein Fortschritt. Jeder wäre ein Fortschritt. Hier, der junge Mann am Nebentisch meinetwegen. Oder irgendein Haustier.”

Möglicherweise hat er ein wenig übertrieben. Aber mit Bruno Labbadia kann ich leben. Trotz aller Vorbehalte. Ich hab ein Faible für Labbadia, das – völlig irrational – aus Schulzeiten stammt, als mein Mitschüler mit Darmstädter Wurzeln stets von Labbadía schwärmte, den ich selbst als lediglich treuer kicker-Leser immer nur “Labbadja” ausgesprochen hatte. Egal. Er hat mir auf dem Platz imponiert. Und der Fußball, den seine Mannschaften gespielt haben, war häufig auch nicht so schlecht. Natürlich weiß ich, dass der Erfolg meist nicht lange anhielt. Ich finde es übrigens auch gut, dass er als Oberligatrainer der Lilien angefangen hat – dass sein persönlicher Aufstieg nur in seltenen Fällen auch mit dem der Mannschaften einher ging, ist mir gleichwohl bewusst und ein Dorn im Auge. Aber ich will jetzt nicht argumentieren. Für Labbadia. Gegen Labbadia. Oder doch noch für den großen Unbekannten.

Alles ist besser als der Status quo. Und eine neue Handschrift wäre schön. Eine, für die die Tinte ein Weilchen reicht.

Tradition wird siegen!

Am Samstag war Hoffenheim zu Gast im Neckarstadion. Das geschickt angebrachte Spruchband, dessen Platzierung ich als originell empfand, hat mittlerweile wohl jeder irgendwo gesehen, die divergierenden Reaktionen zumindest der eine oder die andere gelesen. Ob man das Ganze auch weniger plump formulieren und dabei witziger sein könnte, soll jeder für sich beurteilen.

“Tradition wird siegen!” skandierte ein Teil der gefühlten Cannstatter Kurve Mitte der zweiten Halbzeit, ein anderer Teil schüttelte den Kopf ob des Wechselgesangs, dessen Klang ein wenig an Lagerfeuerlieder über 10 unbekleidete Menschen mit dunkler Haut gemahnte. U alele! Unabhängig von der Frage, ob Tradition auf lange Sicht tatsächlich siegen wird, und noch unabhängiger von der Frage, ob Tradition für sich genommen einen Wert darstellt, hätte ich mir kurzfristig schon sehr gewünscht, dass die Sänger recht behalten.

Gegen 10 Hoffenheimer, von denen noch dazu nur wenige einen richtig guten Tag erwischt hatten, hätte man sich einen Sieg durchaus vorstellen können. Der Trainer scheint diesbezüglich zumindest vor dem Spiel, als noch mit 11 Gästen gerechnet wurde, nicht ganz so zuversichtlich gewesen zu sein: er verstärkte die Defensive. Erinnerte sich wohl an Matthias Sammer, den Mann, der dereinst den Libero vor der Abwehr hoffähig machte, und rief Mamadou Bah zu dessen Nachfolger aus. Leider bin ich mir nicht ganz sicher, ob die beiden Christians auf der Doppelsechs, von der man angesichts der neuen Entwicklungen nicht so genau wusste, ob sie eine etwas zurückhängenden Doppelzehn sein sollte, gegenüber dem Zuschauer einen Informationsvorsprung hatten, oder ob die drei die neue Konstellation on the job erlernen sollten.

Bah bewies in der ersten Hälfte verschiedentlich, dass er in der Vorwärtsbewegeung über ein gutes Auge verfügt, als er in aller Ruhe vernünftige Bälle spielte. Ja, die Ruhe. Von der hat er manchmal auch ein bisschen zuviel. Wenn er als gefühlter letzter Mann in enge Dribblings geht, ohne sein Tempo zu erhöhen, zum Beispiel. Wobei ich nicht ausschließe, dass Beschleunigung einfach nicht sein Ding ist. Da kann man dann wohl nichts machen. Besonders glücklich war auch der zaghafte Querpass über 40 Meter an der Mittellinie nicht, und auch das Foulspiel gut 20 Meter vor dem Tor, als Delpierre schon den Ball am Fuß hatte, darf nicht als übertrieben clever gelten. Oder die reihenweise verlorenen Zweikämpfe gegen Ba.

Aber immerhin: Jens Keller hat taktische Flexibilität bewiesen. Er hat die Systemfrage gestellt. Hat das Gross’sche 4-4-2 in ein 4-1-4-1 umgewandelt. So ist zumindest meine Vermutung. Schade, dass die vordere 1 sehr lange den alten Fehler alleiniger Spitzen begangen hat, nämlich zu glauben, dass die alleinige Spitze alleinige Spitze sei und das Spiel auf eigene Faust entscheiden müsse. Bis zum 1:1 ließ Cacaus Übermotivation meist schon die Ballannahme misslingen.

Doch zurück zur Systemfrage: letztlich hat sich der VfB für das System Zufall entschieden. Es ist, rein statistisch betrachtet, nur eine Frage der Zeit, bis blindwütig in Richtung des gegenerischen Tores gespielte Bälle, gerne bei Freistößen von der Mittellinie, aber auch aus dem Spiel heraus (-> Halbfeld, das) oder gar vom Fuß des Torwarts, irgendwann doch für Gefahr sorgen. Natürlich könnte man sich das Ganze etwas strukturierter vorstellen, natürlich würde man sich gerade in Überzahl erhoffen, dass nicht nur Timo Gebhart, aus dem wohl nie ein zweiter Klaus Fischer wird, den Platz auf den Außenbahnen nutzt und dabei Andi Beck nicht immer gut aussehen läst, sondern dass man auch rechts gegen Ibertsberger und Salihovic (!) zu gefährlichen Hereingaben kommen möge. Wenn aber Martin Harnik, ein Mann mit Stürmerblut,  lieber vor der Strafraumeck quer passt, als sein Tempo in einer wahrlich günstigen Situation in den 16er mitzunehmen, und wenn vor allem Cristian Molinaro und Christian Träsch, zwei Spieler, denen ich unterstellen würde, dass sie das Spiel ganz gut verstanden haben, reihenweise Willy-Sagnol-Gedächtnisflanken schlagen, ohne Pizarro und Ballack in der Mitte stehen zu haben, muss ich wohl davon ausgehen, dass das so gewollt ist. Halbfeldflanken als probates Mittel bei Überzahl.

Ja, ich weiß, das ist eines meiner Lieblingsthemen. Und natürlich ist es zu kurz gegriffen, die Misere an diesem Punkt festzumachen. Misere? Welche Misere? Wenn die Mannschaft so weiter spielt, wird sie die nötigen Punkte holen. Sagt zumindest der Kapitän. Wobei sich ganz nebenbei auch noch die Frage stellt, wie viele Punkte denn nötig sein werden. Und wen man hinter sich lassen will. Mit Freiburg, Hannover und Mainz sind einige der üblichen Verdächtigen verdammt weit weg. Frankfurt ist zu solide, um einzubrechen, Schalke  und Wolfsburg eine andere Kragenweite.

Bleibt also das Ziel, die beiden Traditionsvereine vom Rhein hinter sich zu lassen, und die Hoffnung, dass die beiden Traditionsclubs aus Franken und der Pfalz auch noch in den Abstiegskampf einsteigen, gemeinsam mit dem Traditionskultclub.